Siebenter Auftritt

Sara. Mellefont.

Mellefont. Sie sind schwach, liebste Miß. Sie müssen sich setzen.

Sara (sie setzt sich). Ich beunruhige Sie sehr früh; und werden Sie

mir es vergeben, daß ich meine Klagen wieder mit dem Morgen anfange?

Mellefont. Teuerste Miß, Sie wollen sagen, daß Sie mir es nicht

vergeben können, weil schon wieder ein Morgen erschienen ist, ohne daß

ich Ihren Klagen ein Ende gemacht habe.

Sara. Was sollte ich Ihnen nicht vergeben? Sie wissen, was ich Ihnen

bereits vergeben habe. Aber die neunte Woche, Mellefont, die neunte

Woche fängt heute an, und dieses elende Haus sieht mich noch immer auf

eben dem Fuße als den ersten Tag.

Mellefont. So zweifeln Sie an meiner Liebe?

Sara. Ich, an Ihrer Liebe zweifeln? Nein, ich fühle mein Unglück zu

sehr, zu sehr, als daß ich mir selbst diese letzte, einzige Versüßung

desselben rauben sollte.

Mellefont. Wie kann also meine Miß über die Verschiebung einer

Zeremonie unruhig sein?

Sara. Ach, Mellefont, warum muß ich einen andern Begriff von dieser

Zeremonie haben?--Geben Sie doch immer der weiblichen Denkungsart

etwas nach. Ich stelle mir vor, daß eine nähere Einwilligung des

Himmels darin liegt. Umsonst habe ich es nur wieder erst den

gestrigen langen Abend versucht, Ihre Begriffe anzunehmen und die

Zweifel aus meiner Brust zu verbannen, die Sie, itzt nicht das

erstemal, für Früchte meines Mißtrauens angesehen haben. Ich stritt

mit mir selbst; ich war sinnreich genug, meinen Verstand zu betäuben;

aber mein Herz und ein inneres Gefühl warfen auf einmal das mühsame

Gebäude von Schlüssen übern Haufen. Mitten aus dem Schlafe weckten

mich strafende Stimmen, mit welchen sich meine Phantasie, mich zu

quälen, verband. Was für Bilder, was für schreckliche Bilder

schwärmten um mich herum! Ich wollte sie gern für Träume halten--

Mellefont. Wie? Meine vernünftige Sara sollte sie für etwas mehr

halten? Träume, liebste Miß, Träume!--Wie unglücklich ist der Mensch!

Fand sein Schöpfer in dem Reiche der Wirklichkeit nicht Qualen für

ihn genug? Mußte er, sie zu vermehren, auch ein noch weiteres Reich

von Einbildungen in ihm schaffen?

Sara. Klagen Sie den Himmel nicht an! Er hat die Einbildungen in

unserer Gewalt gelassen. Sie richten sich nach unsern Taten, und wenn

diese unsern Pflichten und der Tugend gemäß sind, so dienen die sie

begleitenden Einbildungen zur Vermehrung unserer Ruhe und unseres

Vergnügens. Eine einzige Handlung, Mellefont, ein einziger Segen, der

von einem Friedensboten im Namen der ewigen Güte auf uns gelegt wird,

kann meine zerrüttete Phantasie wieder heilen. Stehen Sie noch an,

mir zuliebe dasjenige einige Tage eher zu tun, was Sie doch einmal tun

werden? Erbarmen Sie sich meiner, und überlegen Sie, daß, wenn Sie

mich auch dadurch nur von Qualen der Einbildung befreien, diese

eingebildete Qualen doch Qualen und für die, die sie empfindet,

wirkliche Qualen sind.--Ach, könnte ich Ihnen nur halb so lebhaft die

Schrecken meiner vorigen Nacht erzählen, als ich sie gefühlt habe!--

Von Weinen und Klagen, meinen einzigen Beschäftigungen, ermüdet, sank

ich mit halb geschlossenen Augenlidern auf das Bett zurück. Die Natur

wollte sich einen Augenblick erholen, neue Tränen zu sammeln. Aber

noch schlief ich nicht ganz, als ich mich auf einmal an dem

schroffsten Teile des schrecklichsten Felsen sahe. Sie gingen vor mir

her, und ich folgte Ihnen mit schwankenden ängstlichen Schritten, die

dann und wann ein Blick stärkte, welchen Sie auf mich zurückwarfen.

Schnell hörte ich hinter mir ein freundliches Rufen, welches mir

stillzustehen befahl. Es war der Ton meines Vaters--Ich Elende! kann

ich denn nichts von ihm vergessen? Ach! wo ihm sein Gedächtnis

ebenso grausame Dienste leistet; wo er auch mich nicht vergessen kann!--

Doch er hat mich vergessen. Trost! grausamer Trost für seine Sara!--

Hören Sie nur, Mellefont; indem ich mich nach dieser bekannten Stimme

umsehen wollte, gleitete mein Fuß; ich wankte und sollte eben in den

Abgrund herabstürzen, als ich mich, noch zur rechten Zeit, von einer

mir ähnlichen Person zurückgehalten fühlte. Schon wollte ich ihr den

feurigsten Dank abstatten, als sie einen Dolch aus dem Busen zog. Ich

rettete dich, schrie sie, um dich zu verderben! Sie holte mit der

bewaffneten Hand aus--und ach! ich erwachte mit dem Stiche. Wachend

fühlte ich noch alles, was ein tödlicher Stich Schmerzhaftes haben

kann; ohne das zu empfinden, was er Angenehmes haben muß: das Ende der

Pein in dem Ende des Lebens hoffen zu dürfen.

Mellefont. Ach! liebste Sara, ich verspreche Ihnen das Ende Ihrer

Pein ohne das Ende Ihres Lebens, welches gewiß auch das Ende des

meinigen sein würde. Vergessen Sie das schreckliche Gewebe eines

sinnlosen Traumes.

Sara. Die Kraft, es vergessen zu können, erwarte ich von Ihnen. Es

sei Liebe oder Verführung, es sei Glück oder Unglück, das mich Ihnen

in die Arme geworfen hat, ich bin in meinem Herzen die Ihrige und

werde es ewig sein. Aber noch bin ich es nicht vor den Augen jenes

Richters, der die geringsten Übertretungen seiner Ordnung zu strafen

gedrohet hat--

Mellefont. So falle denn alle Strafe auf mich allein!

Sara. Was kann auf Sie fallen, das mich nicht treffen sollte?--Legen

Sie aber mein dringendes Anhalten nicht falsch aus. Ein andres

Frauenzimmer, das durch einen gleichen Fehltritt sich ihrer Ehre

verlustig gemacht hätte, würde vielleicht durch ein gesetzmäßiges Band

nichts als einen Teil derselben wiederzuerlangen suchen. Ich,

Mellefont, denke darauf nicht, weil ich in der Welt weiter von keiner

Ehre wissen will als von der Ehre, Sie zu lieben. ich will mit Ihnen

nicht um der Welt willen, ich will mit Ihnen um meiner selbst willen

verbunden sein. Und wenn ich es bin, so will ich gern die Schmach auf

mich nehmen, als ob ich es nicht wäre. Sie sollen mich, wenn Sie

nicht wollen, für Ihre Gattin nicht erklären dürfen; Sie sollen mich

erklären können, für was Sie wollen. Ich will Ihren Namen nicht

führen; Sie sollen unsere Verbindung so geheimhalten, als Sie es für

gut befinden; und ich will derselben ewig unwert sein, wenn ich mir in

den Sinn kommen lasse, einen andern Vorteil als die Beruhigung meines

Gewissens daraus zu ziehen.

Mellefont. Halten Sie ein, Miß, oder ich muß vor Ihren Augen des

Todes sein. Wie elend bin ich, daß ich nicht das Herz habe, Sie noch

elender zu machen!--Bedenken Sie, daß Sie sich meiner Führung

überlassen haben; bedenken Sie, daß ich schuldig bin, für uns weiter

hinauszusehen, und daß ich itzt gegen Ihre Klagen taub sein muß, wenn

ich Sie nicht, in der ganzen Folge Ihres Lebens, noch schmerzhaftere

Klagen will führen hören. Haben Sie es denn vergessen, was ich Ihnen

zu meiner Rechtfertigung schon oft vorgestellt?

Sara. Ich habe es nicht vergessen, Mellefont. Sie wollen vorher ein

gewisses Vermächtnis retten.--Sie wollen vorher zeitliche Güter retten

und mich vielleicht ewige darüber verscherzen lassen.

Mellefont. Ach Sara, wenn Ihnen alle zeitliche Güter so gewiß wären,

als Ihrer Tugend die ewigen sind--

Sara. Meiner Tugend? Nennen Sie mir dieses Wort nicht!--Sonst klang

es mir süße, aber itzt schallt mir ein schrecklicher Donner darin!

Mellefont. Wie? muß der, welcher tugendhaft sein soll, keinen Fehler

begangen haben? Hat ein einziger so unselige Wirkungen, daß er eine

ganze Reihe unsträflicher Jahre vernichten kann? So ist kein Mensch

tugendhaft; so ist die Tugend ein Gespenst, das in der Luft zerfließet,

wenn man es am festesten umarmt zu haben glaubt; so hat kein weises

Wesen unsere Pflichten nach unsern Kräften abgemessen; so ist die Lust,

uns strafen zu können, der erste Zweck unsers Daseins; so ist--ich

erschrecke vor allen den gräßlichen Folgerungen, in welche Sie Ihre

Kleinmut verwickeln muß! Nein, Miß, Sie sind noch die tugendhafte

Sara, die Sie vor meiner unglücklichen Bekanntschaft waren. Wenn Sie

sich selbst mit so grausamen Augen ansehen, mit was für Augen müssen

Sie mich betrachten!

Sara. Mit den Augen der Liebe, Mellefont.

Mellefont. So bitte ich Sie denn um dieser Liebe, um dieser

großmütigen, alle meine Unwürdigkeit übersehenden Liebe willen, zu

Ihren Füßen bitte ich Sie: beruhigen Sie sich. Haben Sie nur noch

einige Tage Geduld.

Sara. Einige Tage! Wie ist ein Tag schon so lang!

Mellefont. Verwünschtes Vermächtnis! Verdammter Unsinn eines

sterbenden Vetters, der mir sein Vermögen nur mit der Bedingung lassen

wollte, einer Anverwandtin die Hand zu geben, die mich ebensosehr haßt

als ich sie! Euch, unmenschliche Tyrannen unserer freien Neigungen,

Euch werde alle das Unglück, alle die Sünde zugerechnet, zu welchen

uns Euer Zwang bringet!--Und wenn ich ihrer nur entübriget sein könnte,

dieser schimpflichen Erbschaft! Solange mein väterliches Vermögen zu

meiner Unterhaltung hinreichte, habe ich sie allezeit verschmähet und

sie nicht einmal gewürdiget, mich darüber zu erklären. Aber itzt,

itzt, da ich alle Schätze der Welt nur darum besitzen möchte, um sie

zu den Füßen meiner Sara legen zu können, itzt, da ich wenigstens

darauf denken muß, sie ihrem Stande gemäß in der Welt erscheinen zu

lassen, itzt muß ich meine Zuflucht dahin nehmen.

Sara. Mit der es Ihnen zuletzt doch wohl noch fehlschlägt.

Mellefont. Sie vermuten immer das Schlimmste.--Nein; das Frauenzimmer,

die es mit betrifft, ist nicht ungeneigt, eine Art von Vergleich

einzugehen. Das Vermögen soll geteilt werden; und da sie es nicht

ganz mit mir genießen kann, so ist sie es zufrieden, daß ich mit der

Hälfte meine Freiheit von ihr erkaufen darf. Ich erwarte alle Stunden

die letzten Nachrichten in dieser Sache, deren Verzögerung allein

unsern hiesigen Aufenthalt so langwierig gemacht hat. Sobald ich sie

bekommen habe, wollen wir keinen Augenblick länger hier verweilen.

Wir wollen sogleich, liebste Miß, nach Frankreich übergehen, wo Sie

neue Freunde finden sollen, die sich itzt schon auf das Vergnügen, Sie

zu sehen und Sie zu lieben, freuen. Und diese neuen Freunde sollen

die Zeugen unserer Verbindung sein--

Sara. Diese sollen die Zeugen unserer Verbindung sein?--Grausamer!

so soll diese Verbindung nicht in meinem Vaterlande geschehen? So

soll ich mein Vaterland als eine Verbrecherin verlassen? Und als eine

solche, glauben Sie, würde ich Mut genug haben, mich der See zu

vertrauen? Dessen Herz muß ruhiger oder muß ruchloser sein als meines,

welcher nur einen Augenblick zwischen sich und dem Verderben mit

Gleichgültigkeit nichts als ein schwankendes Brett sehen kann. In

jeder Welle, die an unser Schiff schlüge, würde mir der Tod

entgegenrauschen; jeder Wind würde mir von den väterlichen Küsten

Verwünschungen nachbrausen, und der kleinste Sturm würde mich ein

Blutgericht über mein Haupt zu sein dünken.--Nein, Mellefont, so ein

Barbar können Sie gegen mich nicht sein. Wenn ich noch das Ende Ihres

Vergleichs erlebe, so muß es Ihnen auf einen Tag nicht ankommen, den

wir hier länger zubringen. Es muß dieses der Tag sein, an dem Sie

mich die Martern aller hier verweinten Tage vergessen lehren. Es muß

dieses der heilige Tag sein--Ach! welcher wird es denn endlich sein?

Mellefont. Aber überlegen Sie denn nicht, Miß, daß unserer Verbindung

hier diejenige Feier fehlen würde, die wir ihr zu geben schuldig sind?

Sara. Eine heilige Handlung wird durch das Feierliche nicht kräftiger.

Miss Sara Sampson · 第 16 / 111 题