Sara. Mellefont.
Mellefont. Sie sind schwach, liebste Miß. Sie müssen sich setzen.
Sara (sie setzt sich). Ich beunruhige Sie sehr früh; und werden Sie
mir es vergeben, daß ich meine Klagen wieder mit dem Morgen anfange?
Mellefont. Teuerste Miß, Sie wollen sagen, daß Sie mir es nicht
vergeben können, weil schon wieder ein Morgen erschienen ist, ohne daß
ich Ihren Klagen ein Ende gemacht habe.
Sara. Was sollte ich Ihnen nicht vergeben? Sie wissen, was ich Ihnen
bereits vergeben habe. Aber die neunte Woche, Mellefont, die neunte
Woche fängt heute an, und dieses elende Haus sieht mich noch immer auf
eben dem Fuße als den ersten Tag.
Mellefont. So zweifeln Sie an meiner Liebe?
Sara. Ich, an Ihrer Liebe zweifeln? Nein, ich fühle mein Unglück zu
sehr, zu sehr, als daß ich mir selbst diese letzte, einzige Versüßung
desselben rauben sollte.
Mellefont. Wie kann also meine Miß über die Verschiebung einer
Zeremonie unruhig sein?
Sara. Ach, Mellefont, warum muß ich einen andern Begriff von dieser
Zeremonie haben?--Geben Sie doch immer der weiblichen Denkungsart
etwas nach. Ich stelle mir vor, daß eine nähere Einwilligung des
Himmels darin liegt. Umsonst habe ich es nur wieder erst den
gestrigen langen Abend versucht, Ihre Begriffe anzunehmen und die
Zweifel aus meiner Brust zu verbannen, die Sie, itzt nicht das
erstemal, für Früchte meines Mißtrauens angesehen haben. Ich stritt
mit mir selbst; ich war sinnreich genug, meinen Verstand zu betäuben;
aber mein Herz und ein inneres Gefühl warfen auf einmal das mühsame
Gebäude von Schlüssen übern Haufen. Mitten aus dem Schlafe weckten
mich strafende Stimmen, mit welchen sich meine Phantasie, mich zu
quälen, verband. Was für Bilder, was für schreckliche Bilder
schwärmten um mich herum! Ich wollte sie gern für Träume halten--
Mellefont. Wie? Meine vernünftige Sara sollte sie für etwas mehr
halten? Träume, liebste Miß, Träume!--Wie unglücklich ist der Mensch!
Fand sein Schöpfer in dem Reiche der Wirklichkeit nicht Qualen für
ihn genug? Mußte er, sie zu vermehren, auch ein noch weiteres Reich
von Einbildungen in ihm schaffen?
Sara. Klagen Sie den Himmel nicht an! Er hat die Einbildungen in
unserer Gewalt gelassen. Sie richten sich nach unsern Taten, und wenn
diese unsern Pflichten und der Tugend gemäß sind, so dienen die sie
begleitenden Einbildungen zur Vermehrung unserer Ruhe und unseres
Vergnügens. Eine einzige Handlung, Mellefont, ein einziger Segen, der
von einem Friedensboten im Namen der ewigen Güte auf uns gelegt wird,
kann meine zerrüttete Phantasie wieder heilen. Stehen Sie noch an,
mir zuliebe dasjenige einige Tage eher zu tun, was Sie doch einmal tun
werden? Erbarmen Sie sich meiner, und überlegen Sie, daß, wenn Sie
mich auch dadurch nur von Qualen der Einbildung befreien, diese
eingebildete Qualen doch Qualen und für die, die sie empfindet,
wirkliche Qualen sind.--Ach, könnte ich Ihnen nur halb so lebhaft die
Schrecken meiner vorigen Nacht erzählen, als ich sie gefühlt habe!--
Von Weinen und Klagen, meinen einzigen Beschäftigungen, ermüdet, sank
ich mit halb geschlossenen Augenlidern auf das Bett zurück. Die Natur
wollte sich einen Augenblick erholen, neue Tränen zu sammeln. Aber
noch schlief ich nicht ganz, als ich mich auf einmal an dem
schroffsten Teile des schrecklichsten Felsen sahe. Sie gingen vor mir
her, und ich folgte Ihnen mit schwankenden ängstlichen Schritten, die
dann und wann ein Blick stärkte, welchen Sie auf mich zurückwarfen.
Schnell hörte ich hinter mir ein freundliches Rufen, welches mir
stillzustehen befahl. Es war der Ton meines Vaters--Ich Elende! kann
ich denn nichts von ihm vergessen? Ach! wo ihm sein Gedächtnis
ebenso grausame Dienste leistet; wo er auch mich nicht vergessen kann!--
Doch er hat mich vergessen. Trost! grausamer Trost für seine Sara!--
Hören Sie nur, Mellefont; indem ich mich nach dieser bekannten Stimme
umsehen wollte, gleitete mein Fuß; ich wankte und sollte eben in den
Abgrund herabstürzen, als ich mich, noch zur rechten Zeit, von einer
mir ähnlichen Person zurückgehalten fühlte. Schon wollte ich ihr den
feurigsten Dank abstatten, als sie einen Dolch aus dem Busen zog. Ich
rettete dich, schrie sie, um dich zu verderben! Sie holte mit der
bewaffneten Hand aus--und ach! ich erwachte mit dem Stiche. Wachend
fühlte ich noch alles, was ein tödlicher Stich Schmerzhaftes haben
kann; ohne das zu empfinden, was er Angenehmes haben muß: das Ende der
Pein in dem Ende des Lebens hoffen zu dürfen.
Mellefont. Ach! liebste Sara, ich verspreche Ihnen das Ende Ihrer
Pein ohne das Ende Ihres Lebens, welches gewiß auch das Ende des
meinigen sein würde. Vergessen Sie das schreckliche Gewebe eines
sinnlosen Traumes.
Sara. Die Kraft, es vergessen zu können, erwarte ich von Ihnen. Es
sei Liebe oder Verführung, es sei Glück oder Unglück, das mich Ihnen
in die Arme geworfen hat, ich bin in meinem Herzen die Ihrige und
werde es ewig sein. Aber noch bin ich es nicht vor den Augen jenes
Richters, der die geringsten Übertretungen seiner Ordnung zu strafen
gedrohet hat--
Mellefont. So falle denn alle Strafe auf mich allein!
Sara. Was kann auf Sie fallen, das mich nicht treffen sollte?--Legen
Sie aber mein dringendes Anhalten nicht falsch aus. Ein andres
Frauenzimmer, das durch einen gleichen Fehltritt sich ihrer Ehre
verlustig gemacht hätte, würde vielleicht durch ein gesetzmäßiges Band
nichts als einen Teil derselben wiederzuerlangen suchen. Ich,
Mellefont, denke darauf nicht, weil ich in der Welt weiter von keiner
Ehre wissen will als von der Ehre, Sie zu lieben. ich will mit Ihnen
nicht um der Welt willen, ich will mit Ihnen um meiner selbst willen
verbunden sein. Und wenn ich es bin, so will ich gern die Schmach auf
mich nehmen, als ob ich es nicht wäre. Sie sollen mich, wenn Sie
nicht wollen, für Ihre Gattin nicht erklären dürfen; Sie sollen mich
erklären können, für was Sie wollen. Ich will Ihren Namen nicht
führen; Sie sollen unsere Verbindung so geheimhalten, als Sie es für
gut befinden; und ich will derselben ewig unwert sein, wenn ich mir in
den Sinn kommen lasse, einen andern Vorteil als die Beruhigung meines
Gewissens daraus zu ziehen.
Mellefont. Halten Sie ein, Miß, oder ich muß vor Ihren Augen des
Todes sein. Wie elend bin ich, daß ich nicht das Herz habe, Sie noch
elender zu machen!--Bedenken Sie, daß Sie sich meiner Führung
überlassen haben; bedenken Sie, daß ich schuldig bin, für uns weiter
hinauszusehen, und daß ich itzt gegen Ihre Klagen taub sein muß, wenn
ich Sie nicht, in der ganzen Folge Ihres Lebens, noch schmerzhaftere
Klagen will führen hören. Haben Sie es denn vergessen, was ich Ihnen
zu meiner Rechtfertigung schon oft vorgestellt?
Sara. Ich habe es nicht vergessen, Mellefont. Sie wollen vorher ein
gewisses Vermächtnis retten.--Sie wollen vorher zeitliche Güter retten
und mich vielleicht ewige darüber verscherzen lassen.
Mellefont. Ach Sara, wenn Ihnen alle zeitliche Güter so gewiß wären,
als Ihrer Tugend die ewigen sind--
Sara. Meiner Tugend? Nennen Sie mir dieses Wort nicht!--Sonst klang
es mir süße, aber itzt schallt mir ein schrecklicher Donner darin!
Mellefont. Wie? muß der, welcher tugendhaft sein soll, keinen Fehler
begangen haben? Hat ein einziger so unselige Wirkungen, daß er eine
ganze Reihe unsträflicher Jahre vernichten kann? So ist kein Mensch
tugendhaft; so ist die Tugend ein Gespenst, das in der Luft zerfließet,
wenn man es am festesten umarmt zu haben glaubt; so hat kein weises
Wesen unsere Pflichten nach unsern Kräften abgemessen; so ist die Lust,
uns strafen zu können, der erste Zweck unsers Daseins; so ist--ich
erschrecke vor allen den gräßlichen Folgerungen, in welche Sie Ihre
Kleinmut verwickeln muß! Nein, Miß, Sie sind noch die tugendhafte
Sara, die Sie vor meiner unglücklichen Bekanntschaft waren. Wenn Sie
sich selbst mit so grausamen Augen ansehen, mit was für Augen müssen
Sie mich betrachten!
Sara. Mit den Augen der Liebe, Mellefont.
Mellefont. So bitte ich Sie denn um dieser Liebe, um dieser
großmütigen, alle meine Unwürdigkeit übersehenden Liebe willen, zu
Ihren Füßen bitte ich Sie: beruhigen Sie sich. Haben Sie nur noch
einige Tage Geduld.
Sara. Einige Tage! Wie ist ein Tag schon so lang!
Mellefont. Verwünschtes Vermächtnis! Verdammter Unsinn eines
sterbenden Vetters, der mir sein Vermögen nur mit der Bedingung lassen
wollte, einer Anverwandtin die Hand zu geben, die mich ebensosehr haßt
als ich sie! Euch, unmenschliche Tyrannen unserer freien Neigungen,
Euch werde alle das Unglück, alle die Sünde zugerechnet, zu welchen
uns Euer Zwang bringet!--Und wenn ich ihrer nur entübriget sein könnte,
dieser schimpflichen Erbschaft! Solange mein väterliches Vermögen zu
meiner Unterhaltung hinreichte, habe ich sie allezeit verschmähet und
sie nicht einmal gewürdiget, mich darüber zu erklären. Aber itzt,
itzt, da ich alle Schätze der Welt nur darum besitzen möchte, um sie
zu den Füßen meiner Sara legen zu können, itzt, da ich wenigstens
darauf denken muß, sie ihrem Stande gemäß in der Welt erscheinen zu
lassen, itzt muß ich meine Zuflucht dahin nehmen.
Sara. Mit der es Ihnen zuletzt doch wohl noch fehlschlägt.
Mellefont. Sie vermuten immer das Schlimmste.--Nein; das Frauenzimmer,
die es mit betrifft, ist nicht ungeneigt, eine Art von Vergleich
einzugehen. Das Vermögen soll geteilt werden; und da sie es nicht
ganz mit mir genießen kann, so ist sie es zufrieden, daß ich mit der
Hälfte meine Freiheit von ihr erkaufen darf. Ich erwarte alle Stunden
die letzten Nachrichten in dieser Sache, deren Verzögerung allein
unsern hiesigen Aufenthalt so langwierig gemacht hat. Sobald ich sie
bekommen habe, wollen wir keinen Augenblick länger hier verweilen.
Wir wollen sogleich, liebste Miß, nach Frankreich übergehen, wo Sie
neue Freunde finden sollen, die sich itzt schon auf das Vergnügen, Sie
zu sehen und Sie zu lieben, freuen. Und diese neuen Freunde sollen
die Zeugen unserer Verbindung sein--
Sara. Diese sollen die Zeugen unserer Verbindung sein?--Grausamer!
so soll diese Verbindung nicht in meinem Vaterlande geschehen? So
soll ich mein Vaterland als eine Verbrecherin verlassen? Und als eine
solche, glauben Sie, würde ich Mut genug haben, mich der See zu
vertrauen? Dessen Herz muß ruhiger oder muß ruchloser sein als meines,
welcher nur einen Augenblick zwischen sich und dem Verderben mit
Gleichgültigkeit nichts als ein schwankendes Brett sehen kann. In
jeder Welle, die an unser Schiff schlüge, würde mir der Tod
entgegenrauschen; jeder Wind würde mir von den väterlichen Küsten
Verwünschungen nachbrausen, und der kleinste Sturm würde mich ein
Blutgericht über mein Haupt zu sein dünken.--Nein, Mellefont, so ein
Barbar können Sie gegen mich nicht sein. Wenn ich noch das Ende Ihres
Vergleichs erlebe, so muß es Ihnen auf einen Tag nicht ankommen, den
wir hier länger zubringen. Es muß dieses der Tag sein, an dem Sie
mich die Martern aller hier verweinten Tage vergessen lehren. Es muß
dieses der heilige Tag sein--Ach! welcher wird es denn endlich sein?
Mellefont. Aber überlegen Sie denn nicht, Miß, daß unserer Verbindung
hier diejenige Feier fehlen würde, die wir ihr zu geben schuldig sind?
Sara. Eine heilige Handlung wird durch das Feierliche nicht kräftiger.