2. Wie Saemund aus der Schwarzen Schule entkam

Es geschah auf Saemunds Auslandswanderung, damals als er nach der

Schwarzen Schule zog, daß er über das, was ihm begegnete, seine

Natur, seine Familie und seine Herkunft vergaß; er hatte auch seinen

Namen vergessen und wurde in der Schule Buft genannt. Eines Nachts,

als Saemund auf seinem Lager schlief, träumte er, daß Boge Einarsson

zu ihm käme und sagte: »Schlecht beträgst du dich, Saemund; du bist

nach dieser Schule gezogen, hast deinen Gott vergessen, dich selbst

aufgegeben und deinen Taufnamen vergessen, und wenn du an dein ewiges

Seelenheil denkst, dann ist es für dich am ratsamsten umzukehren.«

»Dazu werde ich wohl nicht imstande sein,« antwortete Saemund. »Es

war unmännlich von dir,« sagte Boge, »in die Schule zu gehen, aus der

du nicht entkommen kannst, wenn du fortwillst!« »Ich habe in dieser

Hinsicht keine Angst,« sagte Saemund, »denn du hast Klugheit für uns

alle, Boge.« »Dann sollst du meinen Rat befolgen,« sagte Boge. »Wenn du

fortgehen willst, lasse den Mantel lose über deinen Schultern hängen,

denn dann wirst du hinausgelangen. Hier mußt du den Meister fürchten,

der die Schule hält; denn er wird dich bald vermissen. Wenn du aber

entkommen bist, so ziehe den Schuh von deinem rechten Fuß ab, fülle ihn

mit Blut und trage ihn am ersten Tage so auf dem Kopf. Wenn aber der

Abend gekommen ist, wird der Meister hinausgehen und in den Sternen

lesen; denn er ist beschlagen im Laufe der Himmelskörper, und er wird

deinen Stern suchen; dann wird er dich tot glauben und vom Schwert

getötet; und es wird ihm scheinen, als ob ein blutiger Ring um deinen

Stern ist. Am Tage wird er nicht versuchen, deinen Weg zu erspähen,

dafür werde ich schon Sorge tragen. Am nächsten Tage fülle, ehe du

deine Wanderung antrittst, deinen Schuh mit Wasser und Salz; daraus

wird der Meister, wenn er deinen Stern sieht, schließen, daß du in der

See ertrunken bist; dann wird es ihm scheinen, als fließe ein Meer um

deinen Stern. Ehe du am dritten Tage deine Wanderung beginnst, wirst

du dir entweder selbst oder auch einem anderen zur Ader lassen, an der

Stelle, an der sich Rücken und Seite treffen, und das Blut in deinen

Schuh herabfließen lassen; danach nimm Erde und vermische sie mit dem

Blut und sprich ein gutes Wort darüber, damit die Erde geweiht ist,

und dann trage den Schuh den ganzen dritten Tag auf dem Kopf. Wenn

aber der Meister deinen Stern untersucht, wird er eine Erdkugel um ihn

sehen, und daraus wird er dann schließen, daß du tot und bestattet

bist, und das wird ihm als große Begebenheit erscheinen. Dann aber wird

er entdecken, daß du noch völlig am Leben bist. Da wird er sich über

deine Weisheit wundern und denken, daß er selbst sie dich gelehrt hat,

und er wird dir alles mögliche Glück wünschen, und du wirst dieser

Schwierigkeit entgangen sein.«

Auf diese Weise gelangte Saemund aus der Schwarzen Schule und kam

wieder in sein Heimatland zurück.

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 101 / 145 题