Einmal wohnte auf dem Nordland ein Pfarrer, der ein Mädchen erzogen
hatte. Hoch oben zwischen den Bergen lag die Säterwirtschaft[1] des
Pfarrhofs, auf die der Pfarrer gern im Sommer seine Kühe und Schafe
unter Aufsicht eines Sätermädchens und eines Hirten schickte. Als seine
Pflegetochter älter geworden war, mußte sie der Haushaltung auf dem
Säter vorstehen, und sie erledigte das so gut wie jede andere Arbeit;
denn sie war ein kluges Frauenzimmer, hübsch anzusehen und flink in
vielen Dingen. In diesem Teil des Landes hatte sie nicht ihresgleichen.
Darum warben viele reiche Männer um ihre Hand; sie aber gab ihnen
allen miteinander einen Korb. Der Pfarrer sprach einmal mit seiner
Pflegetochter über dieses Kapitel und riet ihr, sich zu verheiraten,
denn, sagte er, er wäre nun ein alter Mann und könnte ihr daher nicht
immer eine Stütze sein. Sie aber wollte nichts davon hören; ihr
Sinn sei weit von solchen Dingen entfernt, sagte sie; sie wäre sehr
zufrieden, wie es sei, und nicht jeder hole sein Glück in der Ehe.
Darüber wurde also vorläufig weiter nichts gesprochen.
Als ein Teil des Winters verstrichen war, schien es den Leuten, als
beginne das Sätermädchen etwas rundlich unter dem Gürtel zu werden,
und je weiter es auf den Frühling zuging, desto runder wurde sie. Im
Frühjahr sprach ihr Pflegevater wieder mit ihr; er bat sie jetzt, ihm
offen und ehrlich zu sagen, wie es eigentlich mit ihr bestellt wäre;
sie erwarte sicher ein Kind, meinte er, und darum wäre es am besten,
daß sie in diesem Sommer nicht nach dem Säter zöge. Sie bestritt aber,
daß sie ein Kind erwarte, es fehle ihr nichts, und ihre Arbeit auf dem
Säter würde sie in diesem Sommer genau so tun, wie sie es früher getan
hätte. Der Pfarrer sah, daß er nichts aus ihr herausbekommen könnte
und ließ ihr daher ihren Willen; er beauftragte aber die Männer, die
sie nach dem Säter begleiteten, sie nicht allein zu lassen, und das
versprachen sie ihm hoch und heilig.
Oben auf dem Säter war das Mädchen lustig und froh, und es verstrich
eine Zeit, ohne daß etwas geschah. Die Leute beobachteten sie sehr
genau und ließen sie nie allein.
Da geschah es eines Abends, daß der Hirt alle Schafe und Kühe vermißte,
und jeder, der seine Beine gebrauchen konnte, mußte den Säter
verlassen, nur das Sätermädchen blieb allein zurück. Es ging langsam
mit dem Suchen der Leute, ein dichter Nebel senkte sich herab, und
deshalb fanden sie das Vieh erst gegen Morgen. Als sie wieder nach
Hause kamen, war das Sätermädchen auf und ungewöhnlich flink und leicht
auf den Füßen. Als eine Zeit vergangen war, sah man dann auch, daß sie
nicht mehr so rund wie früher war; aber wie es zugegangen war, das
wußte man nicht, auch fand man jetzt nicht, daß ihre Rundlichkeit so
gewesen war, als wenn eine Frau ein Kind erwartet.
Im Herbst zogen sie wieder nach Hause von dem Säter, Männer und Vieh,
und da sah der Pfarrer, daß das Mädchen eine schlankere Gestalt
hatte als sie im Winter zuvor gehabt hatte. Er drang in die übrigen
Säterleute und fragte sie, ob sie wider seinen Befehl gehandelt und das
Sätermädchen allein gelassen hätten. Sie aber erzählten ihm, wie es
gewesen wäre, daß sie es nur ein einziges Mal verlassen hätten, um das
fehlende Milchvieh zu suchen. Da wurde der Pfarrer zornig und wünschte
ihnen die schwere Not, weil sie gegen seinen Befehl gehandelt hätten;
im übrigen hätte er das im Frühjahr geahnt, als das Sätermädchen nach
dem Säter zog.
Im nächsten Winter kam ein Mann, der um die Pflegetochter des Pfarrers
freien wollte; sie aber wollte nichts von seinem Freien wissen; der
Pfarrer jedoch sagte, daß sie nichts abhielte, ihn zu heiraten; denn
alle wären darin einig, ihn zu loben, und er sei aus gutem Geschlecht.
Er hätte im letzten Frühjahr den Hof seines Vaters übernommen, und
seine Mutter hätte ihr Altenteil bei ihm. Dieser Freier bekam also
keinen Korb, gleichviel, ob mit dem Willen des Mädchens oder ohne ihn.
Ihre Hochzeit wurde im Frühjahr beim Pfarrer gefeiert. Aber ehe der
Braut ihr Brautkleid angezogen wurde, sagte sie zu ihrem Bräutigam:
»Da du mich gegen meinen Willen heiratest, nehme ich dir jetzt das
Versprechen ab, daß du niemals einen Wintergast beherbergst, ohne mich
vorher davon benachrichtigt zu haben, denn sonst ergeht es dir übel!«
Das versprach ihr der Mann.
Dann wurde also die Hochzeit gefeiert, und sie zog mit ihrem Gebieter
nach Hause und übernahm den Hausstand, aber ohne besondere Lust; denn
sie war niemals froh, und ihr Gesicht war stets finster, obgleich sie
der Mann auf Händen trug und kaum zuließ, daß sie die Hand in kaltes
Wasser steckte. Jeden Sommer saß sie zu Hause, während die andern
mit dem Heu auf der Wiese beschäftigt waren, und immer blieb ihre
Schwiegermutter bei ihr, um sie zu erheitern und ihr beim Essenbereiten
behilflich zu sein. Manchmal saßen sie und strickten und spannen, und
die Alte erzählte dann Sagen, um ihre Schwiegertochter zu unterhalten.
Einmal, als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sagte die Alte zu ihrer
Schwiegertochter, daß sie jetzt etwas erzählen müsse. Die andere aber
erwiderte, daß sie keine Sagen kenne; als die Alte jedoch weiter in sie
drang, versprach sie schließlich, die einzige Sage, die sie kenne, zu
erzählen, und sie begann folgendermaßen:
»Auf einem Hof lebte einmal ein Sätermädchen. Unweit des Säters lagen
große Felsen, an denen sie oft vorbeiging. Darinnen wohnte ein schöner,
junger Huldremann, den sie bald kennen lernte, und es entstand Liebe
zwischen den beiden. Er war so gut und lieb zu den Mädchen, daß er
ihr nie etwas abschlug und sich ihrem Willen stets in allem fügte.
Das Ende vom Liede war, daß das Sätermädchen, als eine Zeit vergangen
war, ein Kind erwartete. Als sie im nächsten Sommer nach dem Säter
sollte, drang ihr Brotherr in sie, um zu erfahren, ob sie in gesegneten
Umständen wäre; das aber bestritt sie und zog hinauf nach dem Säter,
wie sie es zu tun pflegte. Ihr Herr bat aber diejenigen, die mit auf
dem Säter waren, sie nie allein zu lassen, und das versprachen sie ihm.
Trotzdem verließen sie sie einmal, um das Vieh zu suchen, und da fühlte
sie Geburtswehen. Da kam ihr Liebhaber zu ihr, saß bei ihr und half ihr
bei der Geburt, und darauf wusch und wickelte er das Kind. Ehe er aber
mit dem Knaben fortging, ließ er sie aus einem Glas trinken, und das
war der süßeste Trank, den ich je ...« hier fiel ihr das Knäuel, mit
dem sie strickte, aus der Hand; sie bückte sich danach und verbesserte
sich – »den sie je gekostet hatte, wollte ich sagen, und da wurde sie
gesund und frei von allen Folgen. Von da an sahen sich der Huldremann
und das Mädchen nicht wieder; gegen ihren Willen wurde sie mit einem
anderen Manne verheiratet; ihr Sinn aber stand immer nach ihrem ersten
Liebsten, und von dieser Zeit an sah sie nie einen frohen Tag. Und
jetzt ist die Erzählung aus.«
Ihre Schwiegermutter dankte ihr für die Erzählung und bewahrte sie im
Gedächtnis. So verging wieder eine Zeit, ohne daß etwas geschah; die
Frau ging wie immer umher und trug ihren Kummer, immer jedoch war sie
gut und liebevoll gegen ihren Gebieter.
Eines Sommers, als es schon weit in der Heuernte war, kamen zwei
Männer, ein größerer und ein kleinerer, zu dem Bauern auf das Feld.
Sie hatten beide breitkrempige Hüte auf dem Kopf, so daß man ihnen nur
undeutlich ins Gesicht sehen konnte. Der größere nahm das Wort und
bat den Bauern um Obdach für den Winter. Der Bauer antwortete, daß er
niemand aufnehme, ohne daß seine Frau davon wisse, und sagte, daß er
erst mit ihr über diese Angelegenheit sprechen wollte. Der Mann bat
ihn, doch nicht so ungeschickt zu sprechen, als wenn ein so resoluter
Mann derartig unter dem Pantoffel seiner Frau stände, daß er in solchen
Kleinigkeiten wie die, zwei Menschen einen Winter lang in Kost zu
nehmen, nicht selbst bestimmen dürfte. Das Ende war, daß der Bauer
ihnen Winterobdach versprach, ohne daß er seine Frau erst darum befragt
hatte.
Abends kamen die Fremden mit dem Bauern nach Hause; er ließ sie in eine
Kammer eintreten und bat sie, dort zu bleiben. Dann ging er zu seiner
Frau und erzählte ihr, wie die Dinge standen. Die Frau wurde darüber
sehr unwillig und sagte, daß das ihre erste Bitte gewesen wäre und
wahrscheinlich auch die letzte sein würde. Da er die Fremden nun aber
allein aufgenommen hätte, müßte es auch seine Sache sein, was aus ihrem
Aufenthalt im Winter folgte; und dann wurde nicht mehr über die Sache
gesprochen.
Nun war alles ruhig, bis die Eheleute im Herbst zum Abendmahl gehen
wollten. Es war damals Sitte, wie es heute noch in verschiedenen
Gegenden auf Island der Fall ist, daß diejenigen, die zum Tische des
Herrn wollen, zu allen Leuten auf dem Hof gehen, sie küssen und sie
um Verzeihung für ihre Vergehen ihnen gegenüber bitten. Die Hausfrau
war den Wintergästen bis zu diesem Tage ausgewichen und hatte sich nie
vor ihnen sehen lassen, und auch diesmal ging sie nicht zu ihnen, um
Abschied zu nehmen.
Die Eheleute gingen fort. Als sie aber außerhalb der Einzäunung des
Heimackers waren, fragte der Bauer seine Frau: »Du hast doch unseren
Wintergästen auch Lebewohl gesagt?« Sie erwiderte: »Nein.« Er bat sie,
doch nicht so gottlos zu handeln, fortzugehen, ohne sich vorher von
ihnen verabschiedet zu haben. »In den meisten Dingen zeigst du, daß
du mich wenig achtest, erstens darin, daß du diese Männer empfangen
hast, ohne mich danach zu fragen, und nun darin, daß du mich zwingen
willst, sie zu küssen. Jedoch will ich dir gehorchen, aber du mußt
selbst die Folgen auf dich nehmen; denn es gilt mein Leben und aller
Wahrscheinlichkeit nach auch deins.«
Sie kehrte nun nach Hause zurück, und weil es so lange dauerte, bis
sie wiederkam, kehrte der Bauer auch um und ging dorthin, wo er seine
Wintergäste zu finden erwartete, und fand sie auch in ihrer Kammer.
Da sah er, wie der größere Wintergast seine Frau umschlungen hatte und
mit ihr auf dem Boden lag; und beider Herzen waren vor Gram gebrochen.
Der andere Gast aber stand weinend neben ihnen, als der Bauer eintrat;
gleich darauf verschwand er, ohne daß jemand wußte, wohin er gegangen
war.
Alle aber wußten jetzt von dem, was die Frau ihrer Schwiegermutter
erzählt hatte, daß der größere Fremde der Huldremann gewesen war,
den sie auf dem Säter kennen gelernt hatte, daß der andere aber, der
verschwunden war, ihr Sohn gewesen war.
Fußnoten:
[1] Säter = Alm.