Eines Sommers waren einige Leute, wie sie zu tun pflegten, zum Fischen
auf Selö im Reydarfjord. Und es traf sich, als der getrocknete Fisch
ans Land gebracht wurde, daß ein großer Teil der Fische des Pfarrers
von Holme in der Fischbude zurückblieb. Das Wetter verschlechterte sich
in dem Maße, daß man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst
wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus, um sie zu holen
und begannen sofort, die Fische aus der Hütte ins Boot zu tragen. Die
Bootsleute sagten, sie würden gern nach der anderen Seite der Insel
gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben sei. Einer von
ihnen erklärte sich bereit zu gehen, während die anderen die Fische
hinuntertrugen. Er ging also, und die anderen trugen die Beute in das
Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es ihnen nur mit
knapper Not gelang, die Fische in das Boot zu schleppen. Sie schifften
sich alle ein und warteten eine Weile auf den Abwesenden; als er aber
kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins Boot zu ziehen; da
riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben müßte, sie würden ihn aber am
nächsten Tag holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß es am
besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken, und steuerten dem Lande zu;
er aber blieb hilflos zurück.
Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und der Mann ging
deshalb nach der Fischerhütte, ohne einen Ausweg zu wissen, und dort
blieb er bis zum Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es
läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort Hungers zu sterben,
und er lief aus der Hütte hinaus. Da entdeckte er einen freundlichen
Stern; er glaubte aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein
Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer hinzusehen, schien
er ihm einem Licht in einem Fenster zu ähneln. Er lief eine kleine
Weile, bis er an ein Haus kam, das so prächtig war, daß es einer
Königshalle glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde:
»Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche Mensch, der heute auf
der Insel zurückgelassen worden ist, ist an das Haus gekommen; gehe
hinaus und hole ihn; denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür stirbt.«
In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen zu ihm; sie führte ihn
hinein und sagte ihm, daß er seine Schneekleider ablegen solle. Dann
führte sie ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr schönen
Saal, der mit Gold und Edelgestein geschmückt war. Da sah er viele
Frauen, und eine unter ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte
sie mit Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob sich die
schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine kleine, aber hübsche Kammer,
setzte ihm Wein und Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird
nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen wurde. Die
Nacht verging also; aber am nächsten Morgen kam die Jungfrau zu ihm und
sagte, daß sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab ihm
aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib dienen konnte.
So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend kam die schöne
Jungfrau zu ihm und sagte, wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes
erwiesen hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und sie ihr nicht
abschlagen, nämlich daß er, wenn am nächsten Tage eine Tanzbelustigung
abgehalten würde und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel
anzusehen, nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen dürfe; denn
sie würde ihm genug bringen, damit er sich hier drin zerstreuen könne.
Er versprach ihr, daß er nicht neugierig sein würde. Am ersten Feiertag
morgens brachte sie ihm Wein und was sonst zu seiner Nahrung dienen
konnte, bot ihm Lebewohl und ging ihres Weges.
Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel. Da dachte er
bei sich, was für eine große Freude dort wohl herrsche, und daß es
gewiß nichts schaden könnte, wenn er einen Augenblick hinauslugte; es
brauchte ja niemand zu sehen.
Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu können, und als er
hinausblickte, sah er eine große Menge Menschen; einige tanzten, andere
führten allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah er einen
königlichen Mann sitzen, eine Krone auf dem Haupt und eine Frau zu
jeder Seite. Er dachte, das müßten die Königin und die Tochter des
Königs sein; diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun nicht länger
hinauszusehen und ging vom Fenster fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend.
Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war sie wider ihre
Gewohnheit schweigsam; jedoch sagte sie ihm, daß er sein Versprechen,
nicht hinauszusehen, schlecht gehalten habe, obgleich sie es so habe
einrichten können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt habe.
Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah.
In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie am
nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge, um sich den Tanz anzusehen,
und daß er ihr gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu
Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein dürfe. Er versprach
nun bei allem, was ihm heilig war, daß er diesmal nicht hinausblicken
würde. Sie brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei
Zeitvertreib und ging fort.
Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch mehr Lärm und Freude
draußen als zu Weihnachten. Da sagte er sich, daß er jetzt nicht
hinaussehen wolle, denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und
viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da begann ihn aber die
Neugierde zu quälen –so gar nichts von der großen Freude zu erfahren,
– und er spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller als das
vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende Ritter vor der Königin
und dem König. Da zog er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß
niemand das Auge nach seinem Fenster wandte, und so ging es bis zum
Abend. Als die Jungfrau aber am Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht
und machte ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte. Trotzdem
trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen nicht; denn sie war ihm genau
so gut wie vordem.
Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern. Am Osterheiligabend
kam die Jungfrau zu ihm, sprach ihn freundlich an und bat ihn, am
nächsten Tag ja nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte,
daß die Freude groß wäre; denn wenn ihr Vater merke, daß sie ein
männliches Wesen bei sich hätte, dann würde es sie das Leben kosten.
Am Ostermorgen kam sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur
hätte wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn dann. Die
Belustigung begann wieder wie zuvor. Aber als der Tag verging, begann
die Einsamkeit ihn zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die
danebenliegende hinein; denn er dachte, die Jungfrau würde es nicht
merken, wenn er von dort aus hinauslugte. Einen Augenblick spähte er
hinaus und sah dasselbe wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer
und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam. Da war sie unwillig
gegen ihn und sagte, daß er sie heute im Stich gelassen hätte wie das
vorige Mal; sie wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt
bekommen hätte, aber kühler wäre er gegen sie gewesen, als er zu sein
pflegte; sie hätte nicht erwartet, daß er ihr so untreu sein würde, und
er werde es wohl später in anderen Dingen auch sein.
Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend kam die Jungfrau
zu ihm und sagte, daß morgen der erste Sommertag wäre, und daß dann
Leute vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in der Frühe nach
der Fischerhütte gehen sollte; aber um eins wollte sie ihn bitten,
wenn er Wert darauf lege, daß sie ihm das Leben während des Winters
erhalten hätte; und das sei, daß er das Kind anerkennen solle, das sie
jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte ihr Leben, und wenn sie den
Vater nicht angeben könne, dann würde ihr Vater sie töten. Aber wenn
sie den Vater nennen könne, dann würde er sie nicht töten, und sie
bitte ihn nun um weiter nichts, als daß er sich ihr gegenüber in dieser
Angelegenheit treu erweisen solle. Das versprach er ihr, und er sagte,
es werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des Kindes zu sein. Es
koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit davon hätte.
Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle ihre Wohltaten gegen
ihn während des Winters, und früh am nächsten Morgen machte er sich auf
den Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte er sich nach
der Halle umsehen, aber er sah weiter nichts als steinige Hügel und
Felsen am südlichen Teil der Insel; dann ging er nach der Fischerhütte.
An diesem Tage war mildes Wetter und die See ruhig, und als der Tag
etwas verstrichen war, sah er ein Boot vom Lande herkommen; als die
Bootsleute aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen entgegen.
Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich, denn er war sehr dick und
fett, und sie glaubten deshalb, daß es sein Geist sei; denn sie dachten
nicht anders, als daß er im Winter gestorben wäre; und niemand wagte,
ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm ans Land zu kommen. Schließlich
aber stieg der Bootsführer doch ans Land und fragte ihn, ob er ein
lebendiger Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe sei, der im
Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre. Er sagte, daß er derselbe
Mann wie im Herbst sei, als sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der
andere aber sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange ohne
Nahrung hätte leben können. Der Inselmann sagte, daß der Seetang auf
Selö keine schlechtere Nahrung sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr
wollte er ihnen nicht erzählen; er stieg aber zu ihnen in das Boot, und
sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die meisten wunderten sich, ihn
lebendig zurückkommen zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt,
wie er den Winter über hätte leben können, niemand aber bekam mehr von
ihm zu wissen, als jene auf der Insel von ihm erfahren hatten.
Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes Wetter, und es kamen
viele Leute zur Kirche, und an diesem Tage wollte auch der Knecht
dorthin. Als aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche
gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem Altar, ehe man es sich
versah, und eine golddurchwirkte Decke war über das Kind gebreitet,
aber kein Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne Frauenhand
auf dem Rand der Wiege ruhte; alle wunderten sich hierüber und sahen
sich an; der Pfarrer aber nahm das Wort und sagte, daß dies Kind
getauft werden wolle, und daß es wohl nicht irrig wäre, daß irgend
jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm stehe, und am ehesten glaube
er von seinem Knecht, daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen
habe; der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da sagte der
Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des Knechts taufen, der aber
leugnete wieder und sagte, daß er nichts mit der Sache zu tun hätte.
Der Pfarrer erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf der
Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte, daß er das Kind nie
anerkennen würde und verbot dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen.
Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand in demselben Augenblick,
und zugleich ertönte heftiges Weinen, das sich allmählich aus der
Kirche verlor. Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der Kirche
nach. Da hörten sie das Weinen und das Schluchzen in der Richtung nach
dem See verschwinden, die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche und
wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit benutzt.
Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten jedoch war der
Pfarrer davon ergriffen. Der Knecht aber verfiel später in Tiefsinn.
Der Pfarrer fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er ihm
alles, daß er den Winter über bei einem König und seiner Tochter
gewohnt hätte, und daß es ihn sein Leben lang gereuen würde, daß er das
Kind nicht anerkannt habe.
Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr derselbe, und hiermit
endet die Erzählung von dem Huldrekönig auf Selö.