Verwandlung
Freie Gegend vor dem Schlosse. Im Hintergrunde ein tiefer
Strom, an der Seite ein hoher Fels.
Alle Hausleute. Malchen. August. Astragalus wird gehalten.
Sophie kniet vor ihm. Gruppe.
Chor.
Haltet ihn, haltet ihn!
Seht, er will entrinnen.
Laßt ihn nicht, laßt ihn nicht,
Denn er ist von Sinnen!
(Astragalus reißt sich los und eilt auf den Fels. In dem
Augenblick erscheint)
Rappelkopf (und ruft).
Halt!
(Astragalus springt hinab. Rappelkopf fällt ohnmächtig in
die Arme seiner Frau und Tochter.)
Schnelle Verwandlung in den Tempel der Erkenntnis. Hohe
Säulen von Kristall mit Gold geziert. Auf der Hinterwand
eine große Sonne, in deren Mitte die Wahrheit schwebt. Vor
ihr ein Opferaltar. Astragalus' Gestalt, welche in das
Wasser sprang, war eine falsche. Dieser zeigt sich nun
wie zu Anfang des zweiten Aktes. Mit ihm ideal gekleidete
Alpengeister. Rappelkopf hat sich indessen in seine wahre
Gestalt verwandelt. Sophie. Malchen. August.
Astragalus (zu Rappelkopf).
Willkommen hier in der Erkenntnis hellstrahlendem Tempel,
im wahrheiterleuchteten Saale. Ich sehe dich beschämt und
reuergriffen vor mir stehen.
Rappelkopf.
Ja leb ich denn noch? Bin ich denn nicht in Kompagnie ersoffen?
Sopie.
Du lebst noch, lieber Mann!
Malchen.
Sie leben, lieber Vater!
Rappelkopf.
Und künftig nur für euch. (Umschlingt sie beide.) Wenn ich
euch nicht zu schlecht bin, daß ihr für mich auch lebt.
Astragalus.
Du hast nun Menschenhaß geschaut und eines Menschenfeindes
Ende.
Rappelkopf.
Und ist er denn wirklich hin, dieser verwünschte
Lebenskompagnon, dieses Zerrbild meiner Unverträglichkeit?
Astragalus.
Er ist verschwunden wie dein Menschenhaß.
Rappelkopf.
Nu das waren ein Paar saubre Leute, ich bin froh, daß ich
sie losgeworden bin. Aber weil Eure Hoheit gar so viel
vermögend sind, könnten Sie denn nicht auch etwas über
mein verlornes Vermögen vermögen. Damit ich auch meinem
Schwager verzeihen könnt, weil er der einzige ist, den ich
noch hasse. (Man hört ein Posthorn. Linarius, als Postknecht
gekleidet, mit Herrn von Silberkern.)
Linarius.
Hier lad ich meinen Passagier von seiner Wolkenreise ab.
Die Alpenluft hat ihm recht gut getan.
Silberkern.
Nu wart, du saubrer Postillon! Herr Schwager, seh ich Sie
einmal?
Rappelkopf.
Sie sind mir schon der liebste Schwager, jetzt kommt er erst
daher, wenn schon alles vorbei ist. Sie sind an meinem Unglück
schuld, ich bin ein Bettler.
Silberkern.
Von einmalhunderttausend Gulden Münze, die ich ohne Ihre
Einwilligung bei dem Bankier erhoben habe, bevor das Haus
noch fiel. Weil ich Wind bekam und Ihr Vermögen retten
wollte, das ich Ihnen hier in Wechseln übergebe.
Rappelkopf.
Ach, das ist ein Schwager, den laß ich mir gfallen, der
bringt doch was ins Haus. (Umarmt ihn, Silberkern umarmt
Sophie.) Kinder, mein Vermögen, die Menge Wechsel, ich bin
völlig ausgewechselt vor lauter Freuden. Herr Schwager, das
werd ich Ihnen nie vergessen.
Silberkern.
Zahlen Sie mir lieber meine Angst, die ich Ihretwegen ausstehn
mußte.
Rappelkopf.
Ich geh Ihnen die meinige dafür, Sie kommen nicht zu kurz.
Silberkern.
Aber wie hängt denn das alles zusammen?
Rappelkopf.
Freund, das werden wir Ihnen morgen früh erzählen, sonst möcht
es den Leuten zu viel werden. Denn ich hab heut schon so viel
geredet, daß ich nichts mehr sagen kann als: (zu August)
Sie sind mein Schwiegersohn. Nehmen Sie sie hin. Aber Sie
sind ein Maler, schmieren Sie s' nicht an. Lieben Sie s' so,
wie ich Sie unrechterweise gehaßt habe, dann kann sie schon
zufrieden sein.
August, Malchen (zugleich).
Bester Vater!
Rappelkopf (auf den Alpenkönig zeigend).
Dort bedankt euch.
August, Malchen (stürzen zu Astragalus' Füßen).
Großer Alpenkönig, Dank!
Astragalus (mit Rührung).
Ich hab dir gestern einen Kranz versprochen,
Als ich dein Leid im Alpentale sah.
Du siehst, ich habe nicht mein Wort gebrochen,
Das Leid ist fort, der Kranz ist da.
(Er nimmt einen Kranz aus schönen Alpenblumen von glänzender
Folio, den ihm einer von den Alpengeistern reicht, und setzt
ihn Malchen auf.)
So nimm ihn hin, du Mädchen seltner Art,
Das treulich hält, was liebend es verspricht,
Und weil ich euch so väterlich gepaart,
Vergeßt auch auf den Alpenkönig nicht.
(Geht ab.)
Rappelkopf.
Kinder, ich bin ein pensionierter Menschenfeind, bleibt bei
mir, und ich werde meine Tage ruhig im Tempel der Erkenntnis
verleben.
Schlußgesang
Erkenntnis, du lieblich erstrahlender Stern,
Dich suchet nicht jeder, dich wünscht mancher fern.
Zum Beispiel die Leute, die uns oft betrügn,
Die wolln nicht erkannt sein, sonst würden s' nicht lügn.
Doch seien vor allen die Schönen genannt,
Die werdn von uns Männern am ersten erkannt.
Die Guten, die brauchen schon längere Zeit,
Obwohl die Erkenntnis dann ewig erfreut.
Die Jugend will oft mit Erkennen sich messen,
Die hat den Verstand schon mit Löffeln gegessen.
Doch rückt nur das Alter einmal an die Reih,
Dann kommt die Erkenntnis schon selber herbei.
Der Mensch soll vor allem sich selber erkennen,
Ein Satz, den die ältesten Weisen schon nennen,
Drum forsche ein jeder im eigenen Sinn:
Ich hab mich erkannt heut, ich weiß, wer ich bin.
Erkannt zu sein wünscht sich vor allem die Kunst.
Die feine Kokette bewirbt sich um Gunst.
Und wird sie auch heute mit Ruhm nicht genannt,
So werde denn doch nicht ihr Wille verkannt!
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Alpenkönig und
der Menschenfeind, von Ferdinand Raimund.