Vorige. Astragalus aus dem Kabinette.
Astragalus.
Also so werden meine Befehle respektiert? (Zu Sophie.) Was
machst du hier? Was hat der Maler hier im Hause wollen? Wir
sprechen uns schon noch.
Sopie.
So sei nur ruhig, lieber Mann, dir ist nicht wohl, setz dich
doch und nimm Arznei. (Sie reicht ihm das Glas.)
Astragalus (wild).
Wasser will ich, und sonst nichts.
Sopie.
Du mußt, ich darf dich nicht erkranken lassen. So nimm, ich
bitte dich.
Astragalus.
Nein!
Malchen.
Lieber Vater, nehmen Sie.
Rappelkopf.
Es gehört wirklich eine Geduld dazu. Ich möcht mich selbst
ohrfeigen, aber auf seinem Gesicht.
Astragalus.
So gib denn her. (Er nimmt das Glas.) Hölle, was ist das?
der Trank ist trübe. Gesteh, du hast ihn mir vergiftet.
Malchen.
Aber Vater--
Lischen.
Gnädger Herr!
Astragalus.
Da hilft kein Leugnen mehr, der Trank ist Gift.
Rappelkopf.
Ah, das ist noch über den Zichori.
Sopie.
So hör doch nur, es ist ja niederschlagendes Pulver.
Astragalus.
Es ist nicht wahr.
Rappelkopf.
Ich schlag ihn noch ohne Pulver nieder.
Astragalus (wirft das Glas um die Erde).
Ich bin in meinem eignen Haus des Lebens nicht mehr sicher.
Rappelkopf.
Entsetzlich! meine eigenen Worte.
Astragalus.
Mein Weib ist eine Mörderin. Darum herab mit euch, ihr
Früchte, die für meinen Haß gereift. (Entreißt Sophien ihre
Halskette, woran sein Porträt hängt.) Was trägst du hier
am Hals? hinweg damit, du sollst kein Angedenken von mir
tragen als den Fluch, womit ich deine Bosheit krönen will.
So hör mich denn, du mörderisches Weib--
Rappelkopf.
Genug, genug! das ist der ganze Narr wie ich, ich kann mich
selber nicht mehr anschauen mehr.
Sopie (fällt in einen Stuhl).
Ich unglückselges Weib!
Astragalus.
Verlaß mein Schloß, ich will allein hier hausen, und mein
Geschäft heißt Menschenhaß. Ich will von dir und von der Welt
nichts wissen mehr, verwünsche dich, verwünsch mein Kind--
Rappelkopf.
Nein Sapperment, jetzt wirds mir z'viel. Der Mensch verflucht
mir 's ganze Haus.
Astragalus.
Geh hin zu deinem Maler, treib es bunt, wie ein Chamäleon
sollst du in allen Farben prangen, werd grün vor Galle,
blau von Schlägen, rot vor Schande, weiß vor Kummer, gelb
von Fieber, grau vom Alter und--
Rappelkopf (freudig).
Das ist gscheid, jetzt gehn ihm d' Farben aus.
Astragalus.
Doch laß dich nimmermehr vor meinen Antlitz sehen, verleugne
mich, ich bin dein Vater nicht--
Malchen (umklammert weinend seine Knie).
Vater, Barmherzigkeit, verstoßen Sie mich nicht!
Astragalus.
Hinweg von mir! (Stoßt sie fort.)
Rappelkopf.
Das leid ich nicht--potz Donnerkeil und Wolkenbruch--Nun
hab ichs satt, ich muß mich um meine Familie annehmen. Der
Mensch ruiniert mir Weib und Kind. Sapperment! Sie sind kein
Mensch, ein Teufel sind Sie, der mich schwärzer darstellt,
als ich bin.
Astragalus.
Du kommst mir eben recht, du schändlicher Betrüger! Gib mir
Genugtuung dafür, daß du Komplotte hinter meinem Rücken
schmiedest. Gib Rechenschaft--(er packt ihn an der Brust)
wie mein Vermögen steht--
Malchen.
Zu Hülfe! Onkel!
Sopie (gleichzeitig).
Zu Hülfe! Bruder!
Lischen (gleichzeitig).
Zu Hülfe!
Rappelkopf.
Was? anpacken? Ha, Entehrung! Satisfaktion, Duell!
(Alle Hausleute.)
Astragalus.
Pistolen her!
Rappelkopf.
Kanonen her!
Astragalus (nimmt Pistolen von der Wand).
Hier sind sie schon.
Rappelkopf.
Das wird ein Treffen wie bei Navarin.
Sopie.
Mann, ich bitte dich um alles in der Welt!
Astragalus.
Umsonst!
Malchen.
Onkel, sind Sie doch vernünftig!
Rappelkopf.
Geh weg, ich hab keine Zeit dazu.
Astragalus.
Fünf Schritte sind genug. Wir schießen uns zugleich. Zähl drei!
Sopie.
Versöhnt euch doch!
Rappelkopf.
Wir sind die besten Freund, jetzt sind wir erst auf du und
du. Geh fort, ich muß. (Zählt und zielt.) Eins, zwei--
Sopie (fällt in Ohnmacht).
Ach!
Rappelkopf.
Die fallt schon um, ich hab noch gar nicht gschossen.
Malchen.
Die Mutter stirbt!
Rappelkopf.
Sie soll noch warten, sag!
Astragalus.
Drück los!
Malchen (umschlingt ihren Vater).
Ach Onkel, halten Sie, sonst töten Sie zwei Menschen.
Rappelkopf (prallt zurück).
Was? Himmel, jetzt fallt mir was ein, ich kann mich gar
nicht duellieren mit ihm! Wir haben nur alle zwei ein
Leben. Wann ich ihm erschieß, so schieß ich mich selber
tot. Wenn ich jetzt losdruckt hätt, jetzt wärs schon gar.
Astragalus.
Mach fort! warum besinnst du dich?
Rappelkopf.
Nu wenn sich einer da nicht besinnen soll, hernach gehts recht.
Astragalus.
Nur einer fällt, ich oder du.
Rappelkopf.
Das kann nicht sein, wir falln in Kompagnie.
Astragalus.
Gleichviel, es geht auf Leben und Tod. (Zielt.)
Rappelkopf.
Halt, es geht auf Tod und Tod.
Astragalus (geht auf ihn zu).
Warum willst du nicht schießen, feiger Wicht?
(Sophie hat sich indessen erholt.)
Rappelkopf.
Weil mich meine Schwester dauert--ich will sie nicht zur
Witwe machen--, und ihr Kind, und ihr Schwager, und die
ganze Freundschaft. (Beiseite.) Das ist eine Schande, ich
weiß gar nimmer, was ich sagen soll.
Astragalus.
Ich will mein Leben nicht für sie erhalten, und dir will
ichs am wenigsten verdanken. Es gilt mir nichts, ich werf
ihn weg, den unschmackhaften Rest des altgewordnen Seins,
ich brauch ihn nicht.
Rappelkopf.
Wie der mit meinem Leben herumwirft, und ihm gehts gar
nichts an.
Astragalus.
Doch deine Feigheit will ich nicht hier dulden, du packst
dich fort aus meinem Haus, sonst werf ich dich hinaus--
Rappelkopf.
Jetzt wirft er mich gar aus meinen eignen Haus? Der Mensch
spielt noch Ballon mit mir, und bring ich ihn recht in Zorn,
so trifft uns alle zwei der Schlag. Ich weiß gar nicht, was
er noch immer will, ich sehs ja ein, ich war ein unvernünftig
Tier, ein Tiger, drum will ich wissen, was denn jetzt noch
kommt. (Habakuk mit einem Brief tritt schnell ein.)
Habakuk (eintönig).
Ein Brief.
Rappelkopf.
Aus Paris? Du Dummkopf!
Habakuk.
Nein, dasmal ist er aus Venedig.
Astragalus (schießt darauf los).
Aus Venedig? her damit!
Rappelkopf.
Her damit! Der intressiert mich selbst. (Will hineingehen.)
Astragalus (fährt ihn an).
Was wollen Sie?
Rappelkopf (erschrickt).
Ja so! Jetzt darf ich meine eignen Briefe nicht lesen.
Verdammter Doppelgänger du! (Astragalus wird während des
Lesens unruhig und bleich und zittert.) Das muß eine schöne
Nachricht sein.
Astragalus (läßt zitternd das Blatt fallen und sagt mit
Entsetzen).
Ich bin verloren!
Rappelkopf (fängt zum zittern an).
So bin ichs auch.
Astragalus (sinkt in einen Stuhl.)
Mir wird nicht wohl.
Rappelkopf.
Und mir wird übel. (Sinkt in den gegenüberstehenden Stuhl.)
Astragalus.
Ich geh zugrunde
Rappelkopf.
Ich bin schon hin.
Alle.
Wasser! Wasser!
(Die Weiber sind besorgt. Lischen läuft ab.)
Astragalus (springt auf).
Wasser! Ja, ihr erinnert mich darauf. (Zu Rappelkopf) Du
Verräter bist an allem schuld. (Stürzt ab.)
Rappelkopf (springt auch auf).
Nein, mein Schwager ist an allem schuld! Wo ist der Brief?
(Liest. Erstarrt.) »Mein Herr, ich berichte Ihnen, daß das
Handlungshaus, bei welchem Ihr Vermögen liegt, ge--ge--
fallen ist.« Ich lieg schon da--ich streck schon alle vier
von mir. (Lischen kommt zitternd.)
Lischen.
Hülfe! Hülfe! der gnädge Herr ist fort, er ruft, er wolle
sich ersäufen, er stürzt sich in den Strom.
Sopie.
Mein Mann!
Malchen.
Der Vater!
Alles.
Eilt ihm nach! (Alles stürzt ab.)
Rappelkopf (kann vor Angst nicht von der Stelle).
Halts ihn auf, den unglückselgen Kerl, was der Mensch mit
meim Leben treibt! Ich komm aus einen Tod in den andern
hinein. (Die Knie brechen ihm.) Ich kann nicht fort, er
springt hinein. Er ist schon drin, ich fang zum schwimmen
an. (Schleppt sich fort.) Der Himmel steh mir bei, dasmal
ein Menschenfeind, in meinem Leben nimmermehr. Verzweiflung,
gib mir Kraft, sonst muß ich untergehn. (Ab.)