Fünfter Auftritt

August im einfachen Reiseanzug, eine Mappe unter dem Arme.

August.

Von dem meerumwogten Strande,

Aus dem wunderholden Lande,

Wo die goldnen Ährenfelder

Wechseln mit Orangenwälder,

Wo die stolzen Apenninen

Über alte Größe sinnen,

Wo die Kunst mit Geisteswaffen

Das Vollendetste erschaffen,

Wo die ungeheuren Reste

Der zerfallenen Paläste

An die Kraft der Zeit uns mahnen

Und wir bebend Hohes ahnen:

Aus dem Tempel der Natur

Kehr ich heim zur stillen Flur.

Denn im biedern Vaterlande

Ketten mich die teuern Bande

Zarter Liebe, fester Treue,

Und der Riesenbilder Reihe,

Die wie Träume mich umwehen,

Schließt ein frohes Wiedersehen.

Seid mir gegrüßt, ihr heimatlichen Berge! O Erinnerung, wie nah

trittst du an mich und reichst mir einen schönen Kranz, geflochten

aus vergangnen Freuden. Und doch muß ich bei all dem Schönen hier

das Schönste noch vermissen, bei all dem Lieben fehlt mein

Liebstes mir. Wo bist du, teures Malchen? Warum erwartest du mich

nicht? Sollte sie meinen Brief nicht empfangen haben? Ist sie

krank? Vielleicht kann sie so früh vom Haus nicht fort. Sie kömmt

gewiß. Ich will indes die Gegend zeichnen hier, die sie so liebt,

und zum Geschenk ihrs bieten, wenn sie naht. (Er setzt sich auf

den Baumstamm und zeichnet.) Wie herrlich dort die Alpe glänzt

im Sonnenstrahl, die heitre Luft, und hier--der dunkle Fels, der

üppge Rosenstrauch--nur eins gefällt mir nicht, die bleichen

Rosen machen sich nicht gut, ich wüßte schönere, die auf ihren

Wangen blühn. Wär nur Malchen hier, sie sagte mir gewiß, was ich

für Farben wählen soll.

Malchen (öffnet mit beiden Händen den Rosenstrauch und blickt

liebevoll hervor, so daß sie mit halbem Leibe sichtbar ist und

sagt zärtlich).

Laß sie blau sein wie Beständigkeit.

August (höchst entzückt).

Amalie!

(Sie stürzen sich in die Arme.)

Malchen.

August, lieber August!

Astragalus (erscheint auf dem Fels im Vordergrunde und ruft).

Heisa he! da gehts ja lustig zu im Alpentale. (Er stützt sich auf

sein Gewehr und behorcht das folgende Gespräch.)

August.

Liebes, schönes, gutes Malchen--(plötzlich scherzhaft) böses

Malchen, warum hast du mich auch nur einen Augenblick geneckt?

Malchen.

Sei nicht böse, lieber August!

August.

Dafür räch ich mich durch diesen Kuß. (Küßt sie.)

Malchen.

O du rachsüchtiger Mensch!

August (sanft).

Bist du ungehalten darüber?

Malchen (unschuldig).

Gott bewahre, räche dich nur. Böse Leute sagen, die Rache sei

süß, und auf diese Weise möcht ich es beinahe glauben.

August.

Gutes Malchen! Wie glücklich fühl ich mich, dich wieder zu sehen,

nichts soll uns trennen als der Tod

Malchen.

Und mein Vater, August, der ist noch weit über den Tod. Wenn der

gute Vater nur nicht gar so böse auf mich wäre!

August.

Sorge nicht, Malchen, wenn er die Fortschritte meiner Kunst

erfahren wird, wenn er sich von der Beständigkeit meiner Liebe

überzeugt, so kann uns seine Einwilligung nicht entgehen. Ich

will noch heute zu ihm.

Malchen.

Ach, das ist vergebens. Mein Vater spricht niemand außer seiner

Familie, nur selten die Dienerschaft. Er ist zum Menschenfeind

geworden.

August.

Unmöglich, und du rühmtest mir sein Herz, seine Rechtlichkeit.

Malchen.

Er besitzt beides. Doch du weißt, daß mein Vater, als er in der

Stadt noch den ausgebreiteten Buchhandel hatte, um große Summen

betrogen wurde, die er aus Gutmütigkeit an falsche Freunde verlieh.

Undank und Niederträchtigkeit brachten ihn zu dem Entschluß,

seinen Buchhandel aufzugeben, die Stadt zu fliehen und sich auf

seinem gegenwärtigen Landsitz vor der Zudringlichkeit ähnlicher

Menschen zu verbergen. Hier liest er nun unaufhörlich

philosophische Bücher, die ihm den Kopf verrücken. Sein Mißtrauen

hat keine Grenzen. Er hat die unglückliche Weise, gegen jeden

Menschen so aufzufahren, daß er die gleichgültigsten Dinge mit

einer Art von Wut verlangt. Niemand, selbst die Mutter, kann um

ihn weilen. Alles flieht und fürchtet ihn, und darum hat er jeden

im Verdacht der Untreue und gönnt doch keinem eine Verteidigung.

Sein Menschenhaß steigt mit jedem Tage, und wir fürchten für sein

Leben. Wie gerne würden wir alles dafür tun, ihn von unserer

Liebe zu überzeugen; doch, wer lehrt ihn den Fehler seiner

unbilligen Heftigkeit einsehen und ablegen, womit er sich alles

zum Feinde macht und sich der Mittel beraubt, die Menschen aus

einem bessern Gesichtspunkte zu betrachten. Deinen Namen dürfen

wir gar nicht aussprechen, er weiß, daß meine Mutter unsre Liebe

billiget, und haßt sie darum bis in den Tod.

August.

O grausames Schicksal, warum vernichtest du all meine glücklichen

Träume wieder? Also kann ich dich nie besitzen, Malchen?

Malchen.

Wenn ich nur ein Mittel wüßte, dich zu erringen! Wär ich frei wie

jener Vogel, der sich so fröhlich in der blauen Luft dort wiegt,

ich zöge mit dir durch die ganze Welt. Glückliches beneidenswertes

Tier! Wer darf dir deine Freiheit rauben?

(Astragalus schießt den Vogel aus der Luft. Man sieht ihn aber

nicht fallen. Malchen erschrickt.)

Ha!

Astragalus (immer im rauhen Tone).

Des Schützen Blei, weil du die Frage stellst.

Malchen (blickt hinauf). O August, sieh!

August.

Wer bist du, grauer Wundermann?

Astragalus.

Den Alpenkönig nennt man mich.

Malchen.

Der Alpenkönig! wehe mir! (Sinkt ohnmächtig in Augusts Arme.)

August.

Was ist dir, Malchen? Hülfe, Hülfe, steht ihr bei!

Astragalus (lachend).

Da müssen Steine sich erbarmen selbst. Hab Mitleid, Fels, und

öffne schnell dein Herz! (Er stoßt mit dem Kolben des Gewehrs

an den Fels. Der Fels öffnet sich, man sieht einen kleinen

Wasserfall, der über Rosen sprudelt, an dem zwei Genien lauschen,

sie fangen mit goldnen Muscheln Wasser aus der Quelle und

besprengen Malchen damit.)

Erwache, Törin, die sich Flügel wünscht und so die Erde höhnt!

August.

Sie schlägt das Auge auf. Wie ist dir, Malchen?

Malchen.

Ach, wie kann mir sein! Ich habe den Alpenkönig erblickt. Jetzt

bin ich gewiß um vierzig Jahre älter geworden. Erkennst du mich

noch, August?

August.

Bist du von Sinnen? Was hast du denn?

Malchen.

Ach, Falten habe ich, lieber August, viele tausend Falten. Ich

muß entsetzlich aussehen. Sieh mich nur nicht an!

August.

Was fällt dir ein! Du bist so schön, als du es immer warst.

Malchen.

Schön wär ich? Gewiß? Und hätte keine Falte, keine einzige?

August.

Gewiß nicht.

Malchen.

Ach du lieber Himmel, wie danke ich dir! Nein, eine solche Angst

hab ich in meinem Leben noch nicht ausgestanden!

August.

Was war dir denn?

Malchen.

Nun, Lischen sagte mir, ein Mädchen, das den Alpenkönig sieht,

würd um vierzig Jahre älter.

Astragalus (tritt vor).

So sagte sie?

Malchen.

Ach! da ist er schon wieder! (Verhüllt das Gesicht.)

Astragalus.

Seid ohne Furcht und horcht, was Alpenkönig spricht.

Schon zweimal sah ich eurer Herzen Brand

Wie Morgenrot auf Lilienschnee erglühen

Und Tränen, edler Sehnsucht nur verwandt,

Leidkündend über eure Wangen ziehen.

Und weil mich dies so inniglich erfreut,

Daß ihr so seltsam treu noch denket,

Hab ich euch meine Fürstengunst geweiht

Und eure Lieb mit meinem Schutz beschenket.

(Zu Malchen.)

Ich weiß um deines Vaters Menschenhaß,

Hab ihn belauscht, wenn er den Wald durchrannte

Mit Ebersgrimm, auf Bergesgipfel saß

Und seinen Fluch nach allen Winden sandte.

Doch laßt darum den treuen Mut nicht sinken.

Erkennen wird mit seinem Wahnsinn rechten.

Die Sterne werden bald zur Brautnacht winken,

(zu Malchen)

Und Alpenkönig wird den Kranz dir flechten. (Ab.)

Der Alpenkönig und der Menschenfeind · 第 10 / 45 题