Vierter Auftritt

Auf der entgegengesetzten Seite Malchen, Lischen. Erstere im

lichtblauen Sommerkleide, einen Strohhut auf dem Haupte, läuft

fröhlich voraus.

Malchen.

Ach, das heiß ich gelaufen, wie pfeilschnell doch die Liebe

macht! (Sieht sich um.) Hier ist mein teures Tal. Wie herrlich

alles blüht, heut glänzt die Sonne doppelt schön, als wäre

Festtag an dem Himmel und sie des Festes Königin. Ach, wie

dank ich dir, du liebe Sonne, daß du mir meinen August bringst.

Lischen, Lischen! (Ruft in die Kulisse.) Wo bleibst du denn?

Wie ängstlich sie sich umsieht. Was hast du denn?

Lischen (kommt ganz verwirrt und sehr geschwätzig).

Aber Sie unglückseliges Fräulein, wie können Sie sich denn heute

in diese berüchtigte, verrufene, bezauberte Gegend wagen? Haben

Sie nicht die wilde Jagd gehört? heut ist der Alpenkönig los.

Hätt ich das gewußt, Sie hätten mich nicht mit zwanzig Pferden

aus dem Haus gezogen. Aber Sie weckten mich auf, sagten mir, ich

sollte mich schnell anziehen, Sie wollten Ihrem August

entgegeneilen, der heute von seiner Kunstreise aus Italien

zurückkömmt.

Malchen.

Nun, das tat ich ja. Hier erwart ich meinen August. Sein letzter

Brief nennt mir den heutgen Morgen. Hier schieden wir in

Gegenwart meiner Mutter vor drei Jahren mit betrübtem Herzen

voneinander. Du weißt, daß mein Vater schon damals gegen unsere

Liebe war, obwohl Augusts Onkel starb und ihm einiges Vermögen

hinterließ, schlug er ihm doch meine Hand ab, geriet in den

heftigsten Zorn und warf ihm Talentlosigkeit in seiner

Malerkunst vor. August, auf das bitterste gekränkt, beschloß,

nach Italien zu reisen, um seinen Kummer zu zerstreuen und

sich an den großen Mustern zu bilden. Hier schwor er mir ewge

Treue, meine gute Mutter versprach uns ihren Beistand, doch

du weißt, wie es um meinen armen Vater steht. Hier haben wir

uns getrennt, hier gelobten wir uns wieder in die Arme zu

stürzen. Nach seinen Briefen hat er große Fortschritte in

seiner Kunst gemacht.

Lischen.

Was Italien, was Kunst, was helfen mir alle Maler von ganz Italien

und Australien! In diesen Bergen haust der Alpenkönig. Und wenn

uns der erblickt, so sind wir verloren.

Malchen.

So sei nur ruhig, es wird ja den Hals nicht kosten.

Lischen.

Aber die Schönheit kanns kosten, und der Verlust der Schönheit

geht uns Mädchen an den Hals. Und wie innig ist die Schönheit mit

dem Hals verbunden, wer halst uns denn, wenn wir nicht schön mehr

sind? Wissen Sie denn nicht, daß jedes Mädchen, das den Alpenkönig

erblickt, in dem Augenblick um vierzig Jahre älter wird? Ja sehen

Sie mich nur an, keine Minute wird herabgehandelt. Vierzig Jahre,

und unsere jetzigen auch noch dazu, da wird eine schöne Rechnung

herauskommen. Stellen Sie sich die Folgen einer so entsetzlichen

Verwandlung vor. Was würde ihr geliebter Maler dazu sagen, wenn

er in Ihnen statt einer blühenden Frühlingslandschaft eine

ehrwürdige Wintergegend aus der niederländischen Schule erblickte,

was würden alle meine Anbeter dazu sagen, wenn der Anblick dieses

Ungetüms meine Wangen in Falten legte wie eine hundertjährige

Pergamentrolle?

Malchen.

Aber wer hat dir denn solche Märchen aufgebunden? Beinahe könnt

ich selbst in Angst geraten. Es gibt gar keinen Alpenkönig.

Lischen.

Nicht? Nun gut--bald werd ich Sie wie meine Großmutter verehren.

Folgen Sie mir, oder ich laufe allein davon. (Will fort.)

Malchen.

So bleib nur, mein August wird bald hier sein, die Sonne steht

schon hoch, du mußt mir Toilette machen helfen, der Wind hat

meine Locken ganz zerrüttet. Du hast doch den kleinen Spiegel

mitgenommen, wie ich dir befahl?

Lischen.

Ei freilich, ach, hätt ich lieber meine Angst vergessen!

Malchen.

So. (Setzt sich auf den Baumstamm und öffnet ihre Locken. Lischen

steht mit dem Spiegel vor ihr.) Halt ihn nur! Weißt du, Lischen,

ich muß mich doch ein wenig zusammenputzen, er kömmt aus Italien,

und die Frauenzimmer sollen dort sehr schön sein.

Lischen.

Hahaha, warum nicht gar! Ich kenne in der Welt nur ein schönes

Frauenzimmer. Sie werden mich verstehen, Fräulein.

Malchen (nimmt es auf sich).

Du bist zu galant, Lischen, das verdien ich nicht.

Lischen (beiseite).

Die glaubt, ich mein sie, wie man nur so eitel sein kann--und ich

meine mich.

Malchen.

So, Lischen, jetzt sind die Locken alle offen--jetzt halt nur

gut, der Alpenkönig tut uns nichts.

Lischen.

Ach ums Himmels willen, nennen Sie doch den abscheulichen

Alpenfürsten nicht--(erschrickt) es rauscht ja etwas im Gebüsche,

Himmel, ich laß den Spiegel fallen. (Ein Auerhahn fliegt aus dem

Gebüsche auf. Sie schreit.) Ach der Alpenkönig! (Läuft mit dem

Spiegel fort.)

Malchen (nachrufend).

Lischen, Lischen, was schreiest du denn, es ist ja nur ein Vogel.

Ach du lieber Himmel, sie hat ja den Spiegel mitgenommen, die

läuft ganz sicher nach Hause. Lischen, so höre doch! Entsetzlich,

meine Locken, wenn jetzt August kömmt und mich so erblickt. Das

überleb ich nicht. Ach du lieber Himmel, wie hätt ich mir das

vorstellen können, das ist doch das größte Unglück, das einem

Menschen begegnen kann. (Besinnt sich.) Aber pfui, Malchen, was

ist das für eine Eitelkeit, August wird dich doch nicht deiner

Locken wegen lieben? (Ärgerlich.) Aber die Locken tragen dazu

bei, wenn die Männer nun einmal so sind, was kann denn ich dafür?

Und warum heißen sie denn Locken, wenn sie nicht bestimmt wären,

die Männer anzulocken? (Sieht in die Szene.) Ach, dort eilt er

schon den Hügel herauf. O welche Freude (hüpft), welche Freude!

(Plötzlich stille.) Wenn nur die fatalen Locken nicht wären!

Ich will mich hinter den Rosenbusch verstecken, vielleicht bring

ich sie doch ein wenig zurechte. (Verbirgt sich hinter das

Rosengebüsche.)

Der Alpenkönig und der Menschenfeind · 第 9 / 45 题