Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.
§ 1. Die Römerzeit. Legenden.
Tacitus berichtet uns, daß noch zu seiner Zeit die Germanen in ihren
=Liedern= die Thaten des Arminius feierten[1]. Nicht unmöglich ist,
daß noch in den Dichtungen der deutschen Heldensage, welche Karl der
Große sammeln und aufschreiben ließ[2], dieser uralten Kämpfe gedacht
wurde: was =uns= von einheimischer Sage erhalten ist, reicht nicht
weit über die Zeiten Attila's hinauf, dessen gewaltige Hand mit so
übermächtiger Kraft alles zerschmetterte, was ihm entgegentrat, daß
auch das Gedächtniß der früheren Zeit erlosch. Von den Völkerschaften,
deren Tacitus gedenkt, weiß die Sage nichts; auch die gothischen und
langobardischen Heldenlieder, deren Inhalt uns zum Theil erhalten ist,
sind früh verklungen. Etzel aber und Dietrich von Bern und die Könige
der Burgunden lebten fort in der Erinnerung des Volks; wir haben die
Lieder, welche von ihnen reden, aber wie unbestimmt und nebelhaft sind
ihre Gestalten geworden: kaum erkennt man noch, ob es Menschen sind
oder Götter. Das ist die Natur der mündlichen Ueberlieferung, in der
es nichts festes und stätiges giebt, und schlimm würde es um unsere
Kenntniß der Geschichte stehen, wenn wir auf jene allein angewiesen
wären.
[1] Ann. II, 88. Vgl. Wackernagel, Geschichte der deutschen
Litteratur, S. 8 ff.
[2] Einh. V. Karoli c. 29.
Kaiser Ludwig hatte keine Freude an den Liedern der Heimath, welche
er in seiner Kindheit erlernt hatte[3]; mit heidnischen Vorstellungen
und Anschauungen durchwebt, widerstrebten sie seinem kirchlichen
Sinne, und wie dieser Kaiser, so verhielt sich auch die ganze Kirche
feindlich gegen diese Sagendichtung, so große Freude auch einzelne
ihrer Diener daran haben mochten. Die =Kirche= aber führte damals,
und bald für lange Zeit ausschließlich und allein, den Griffel und die
Feder, welche sie nicht entweihen wollte durch die Aufzeichnungen halb
heidnischer Gesänge; sie strebte vielmehr dahin, auch auf dem Felde der
Dichtkunst das Christenthum zum Siege zu führen. Wir gedenken jetzt mit
vergeblicher Sehnsucht der verlorenen Sammlung Karls des Großen; allein
die Kirche, in welcher sich Jahrhunderte lang fast das ganze geistige
Leben des Volkes uns darstellt, hat für diesen Verlust auch reichen
Ersatz geboten, indem sie die wirkliche Geschichte der Zeit in fester,
zuverlässiger Aufzeichnung überlieferte, freilich oft in dürrer und
reizloser Form, aber um so treuer und wahrhaftiger.
[3] Thegani V. Lud. c. 19.
Vor der Bekehrung zum Christenthum kann daher von einheimischen
Geschichtsquellen nicht die Rede sein; von dem Deutschland, welches
Arminius' Heldenkampf dem römischen Einflüsse entzogen hat, bringen
uns nur die Werke der Römer und Griechen spärliche Kunde, und diese zu
berühren, liegt außerhalb der Grenzen der vorliegenden Aufgabe. Aber
auch westlich vom Rheine, südlich von der Donau und der Teufelsmauer
liegt gegenwärtig viel deutsches Land, wohnte auch unter der
Römerherrschaft manch deutscher Stamm, und nicht ganz ist der Faden
zerrissen, welcher in diese Zeiten hinüberführt. Der Boden selber redet
zu uns in vernehmlicher Weise. Noch stehen in Trier die gewaltigen
Bauten der Römer; ihre Thürme und Wälle, ihre Landstraßen und Gräber,
die zahlreichen Inschriften, welche die verschiedensten Verhältnisse
des Lebens berühren, entrollen vor unsern Augen ein Bild jener Zeit,
da das weltbeherrschende Volk sich auch hier häuslich niedergelassen
hatte und manche blühende Stadt ein kleines Abbild der ewigen Roma
darbot. Wir erkennen noch ihre Capitole, ihre Tempel, Theater und
Gerichtshallen, ihre Bäder und Villen, ihre Fabriken, deren Stempel auf
den Trümmern der Geräthe deutlich zu lesen sind. Allein das alles liegt
wie eine fremde Welt hinter uns, eine gewaltige Kluft trennt uns von
jener Zeit, erfüllt von allem Greuel der Verwüstung und vernichtenden
Kriegszügen. Der bebaute Acker birgt Reste von Gebäuden, die mit
der sinnvollsten Technik dem Klima gemäß zu behaglicher Bewohnung
eingerichtet und mit reichem Schmuck der Kunst ausgestattet waren;
aber was blieb außer diesen schwachen Spuren übrig von dem einst so
volkreichen und betriebsamen Virunum? In Salzburg fand Sanct Rupert nur
waldbewachsene Ruinen des alten Juvavum, wilde Thiere hausten in den
Räumen der Prachtgebäude. Andere Städte, wie Regensburg und Augsburg,
wie Trier, Cöln und Mainz, sind bewohnt geblieben, ja man hat geglaubt,
daß ganze römische Stadtgemeinden mit ihrer Verfassung und ihren
Obrigkeiten sich hier erhalten hätten. Eitler Traum! Zu gründlich haben
unsere Vorfahren hier aufgeräumt; wer durch Reichthum und ansehnliche
Stellung hervorragte, fiel als Opfer oder entwich bei Zeiten der
Gefahr: einzelne fanden bei den germanischen Fürsten als Tischgenossen
des Königs Aufnahme, aber nur indem sie den alten Verhältnissen
gänzlich entsagten und sich dem Gefolge des neuen Herrschers
anschlossen. Und so wurden auch die übrigen Romanen, so viele ihrer am
Leben und im Lande blieben, als Hörige, einzelne hin und wieder auch
als Volksgenossen, in die Gemeinschaft der Einwanderer aufgenommen.
In den Grenzlanden, welche schon durch den langen Kampf verödet
waren, welche dann die ganze Wucht der hereinbrechenden beutelustigen
Heerschaaren traf, mag kaum ein römisch redender Bauer übrig geblieben
sein; die Eroberer stürmten mit ihren Gefangenen weiter und ließen das
Land verödet hinter sich. Auch war hier schon lange die Bevölkerung
großentheils germanisch. Aber in den Gebirgen des Südrandes[4]
finden wir noch nach Jahrhunderten wälsche Bauern erwähnt; wo der
überfluthende Strom seine Dämme fand, blieb unter der Herrschaft
des deutschen Kriegers auch die gewonnene Beute der unterworfenen
Bevölkerung. Sie mußte dem neuen Herrn das Feld bauen und ihm dienen
mit der sehr willkommenen und geschätzten Arbeit ihrer kunstfertigen
Hände[5].
[4] Auch in der Ortenau, s. Aloys Schulte, Zts. f. Gesch. d. Oberrh.
N. F. IV, 300-314.
[5] Vgl. Julius Jung, Römer und Romanen in den Donauländern,
Innsbr. 1877, und die Ergebnisse der durch Virchow veranlaßten
Ermittelungen über Farbe der Haut und der Augen.
Aber wo der Knecht den Herrn an geistiger Bildung übertrifft, da bleibt
auch die Rückwirkung nicht aus, daß dieser von seinem Diener lernt
und manches von ihm annimmt. In Hauswirthschaft und Ackerbau wie im
Handwerk haben sicher die Deutschen viel von den Wälschen gelernt;
vorzüglich aber zeigt sich die Einwirkung der besiegten Bevölkerung
in der raschen Annahme des =Christenthums= durch die Eroberer. In den
Städten des Niederrheins und Lothringens scheint die Reihe der Bischöfe
kaum unterbrochen zu sein, obgleich sich von der Fortdauer römischer
Bevölkerung, so weit noch jetzt die Sprachgrenze reicht, keine Spur
nachweisen läßt. In Noricum und Pannonien sind die alten Bischofsitze
fast gänzlich von der Erde verschwunden; dagegen hat sich aber die
Verehrung eines Märtyrers, des heiligen Florian, wie es scheint durch
bloße Tradition, unmittelbar an der alten Grenze erhalten.
Denn mit den römischen Legionen und Handelsleuten war auch in diese
Gegenden schon frühzeitig das Christenthum eingedrungen, und als
das alte Reich endlich den stets wiederholten Angriffen erlag, hatte
die christliche Kirche bereits in allen Provinzen die unbestrittene
Herrschaft errungen. Ueber diese frühesten Zeiten der Kirche in
Deutschland, über ihre Glaubensboten und Blutzeugen, wußte das
Mittelalter gar vieles zu erzählen; unmittelbar von den Aposteln
und ihren ersten Schülern sollte die Predigt und die Stiftung
der Bisthümer ausgegangen sein[6]. Es ist darüber eine so reiche
Litteratur vorhanden, und diese Erzählungen nehmen in den Chroniken des
Mittelalters eine so bedeutende Stelle ein, daß wir sie hier nicht ganz
übergehen dürfen, wenngleich diese kirchliche Sage in noch weit höherem
Grade als die weltliche, jedes festen Bodens entbehrt. Die Phantasie
der Geistlichkeit, der Heldensage abgewandt, ergriff mit um so größerem
Eifer die kirchliche, und aus den unscheinbarsten Anfängen erwuchsen
da die wunderbarsten Gebilde: weit verzweigte, mit allen Einzelheiten
ausgeführte Geschichten, welche sich immer üppiger entwickelten und
auf die ganze Denkweise der Menschen den größten Einfluß gewannen.
Den reichsten Baum der Dichtung trieb die Legende von der thebäischen
Legion, von deren Führern Gereon in Cöln mit der heiligen Ursula und
ihren 11,000 Jungfrauen zusammentrifft. Cöln wird nun vorzugsweise
die heilige Stadt durch die Menge der Heiligenleiber, welche sie
bewahrt, aber fast jeder Ort im Rheinthale hat seinen Antheil an dieser
Geschichte und erhält dadurch eine geheimnißvolle Weihe. In anderen
Gegenden sind mehr vereinzelte Legenden dieser Art, doch fehlen sie auf
dem einst römischen Boden nirgends.
[6] Die Kritik der gleichen Nachrichten in Frankreich und Nachweis
des allmählichen Auswachsens der Legenden, in: Origines de
l'Église de Tours, par M. l'abbé C. Chevalier (T. XXI des Mémoires
de la Société archéologique de Touraine) Tours 1871. Vgl. die
Anzeige von Monod, Revue crit. 1872. Tome II, p. 84-88. Ferner
die Kritik von Aubé über das Buch von Dom Chamard: Les églises
du monde Romain. Revue hist. VII, 152-164, u. jetzt vorzüglich:
Mémoire sur l'origine des diocèses épiscopaux dans l'ancienne
Gaule, par M. l'abbé Duchesne, Paris 1890. (Mém. de la Soc. nat.
des Antiquaires de France, Tome L).
Der leider zu früh verstorbene =F. W. Rettberg= hat das
große Verdienst, zum ersten Male alle diese Erzählungen einer
zusammenhängenden, systematischen, strengen Kritik unterzogen zu
haben[7]. Den einzig richtigen Weg einschlagend, hat er das ganze
ungeheuere Material kritisch untersucht, der Herkunft und Entstehung
jeder einzelnen Nachricht nachgeforscht. Wohl hatte man schon früher
einzelnes als unhaltbar aufgegeben, aber immer suchte man doch wieder
historisches Material aus dem Wuste der Fabeln zu gewinnen; man
konnte sich nicht entschließen auf dasjenige, dessen späte betrügliche
Entstehung einmal nachgewiesen war, nun auch gänzlich zu verzichten,
und auch jetzt noch ist für viele dieser Entschluß zu schwer: man
will doch nicht alle scheinbare Ausbeute aufgeben für Zeiten und
Gegenstände, von denen man sonst gar nichts weiß. So ist es nur zu
gewöhnlich, daß man das gänzlich unhaltbare fortwirft, aber dasjenige,
was nicht in sich unmöglich ist, behält -- ein durchaus unhistorisches
Verfahren[8].
[7] Kirchengeschichte Deutschlands, 2 Bde. 8. 1848, bis zum Tode Karls
des Großen. Vgl. jetzt auch Hauck, Kirchengesch. Deutschlands bis
Bonifaz. Leipz. 1887.
[8] Vgl. die Worte von Waitz in den Gött. G. A. 1855, S. 274: Es ist
hier geschehen, was manchmal geschieht und die Leute beruhigt:
man hat zeitig die besonders groben und anstößigen Behauptungen
entfernt, und dann gemeint, daß das, was allenfalls wahr sein
könnte, nun auch Anspruch habe, wirklich dafür zu gelten, während
die wahre Kritik anerkennt, daß ein solches Abhandeln bei Sage
und Erdichtung meist gerade am allerwenigsten zur historischen
Gewißheit führt.
Wenn es z. B. feststeht, daß man von S. Dysibod im zwölften Jahrhundert
noch nichts als den Namen wußte, daß dann die Nonne Hildegard nach
angeblichen Visionen seine Geschichte schrieb, die von chronologischen
Widersprüchen strotzt, so sollte man doch denken, daß niemand dieses
Märchen ferner als Geschichtsquelle benutzen werde. Und dennoch machte
Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von Speier davon Gebrauch,
obgleich ihm Rettbergs Werk nicht unbekannt war. Jedem besonnenen
und gewissenhaften Forscher aber gewährt die „Kirchengeschichte
Deutschlands“ eine feste Grundlage für die Beurtheilung dieser Zeiten.
Das Verfahren Rettbergs besteht darin, daß er die Entstehung der
Legenden genau untersucht und nachweist, wie sie allmählich gewachsen
sind, wie anfangs nur die Namen der Heiligen vorkommen, von denen
einige wenige auf wirklich alter localer Verehrung beruhen; wie dann
zuerst einzelne Umstände, dann allmählich mehr hinzugesetzt wird, bis
die ganze Geschichte fertig ist. Die Legenden selbst sind großentheils
ohne Zeitangaben über ihre Abfassung; einen ganz bestimmten Anhalt aber
gewähren die Martyrologien[9], deren Verfasser bekannt sind, und die
uns daher das allmähliche Anwachsen der Legenden auf das deutlichste
und bestimmteste erkennen lassen. Daß aber solche spätere Zusätze
nicht etwa auf wirklicher, durch mündliche Ueberlieferung bewahrter
Kenntniß beruhen, das zeigt uns, außer den inneren Widersprüchen,
besonders die Vergleichung mit den späteren echten Legenden, mit den
Lebensbeschreibungen der Heiligen aus geschichtlich bekannter Zeit,
welche in den Legendarien ebenfalls fortwährend sich verändern und mit
allerlei fabelhaften Zuthaten vermehrt werden.
[9] S. über diese § 3.
Man hat freilich Rettbergs Verfahren als zu negativ angegriffen und
es wird zuzugeben sein, daß er in einzelnen Fällen zu weit gegangen
ist. Auch ist hin und wieder etwas aufgefunden, wodurch auf einzelne
Fragen neues Licht fällt. Es war deshalb ganz gerechtfertigt und
angemessen, daß Prof. J. =Friedrich= den Versuch machte, jenem Werke
eine „Kirchengeschichte Deutschlands“ (I. Die Römerzeit 1867, II. Die
Merovinger 1869) von mehr conservativer Richtung entgegen zu setzen.
Allein es fehlt darin leider an jener strengen wissenschaftlichen
Methode, durch welche Rettberg sich so sehr auszeichnet, und in Folge
der übermäßigen Weitschweifigkeit ist von der Zeit der Merovinger nur
der Anfang berührt. Eine weitere Fortsetzung ist nicht erschienen.
Das Ergebniß von Rettbergs Kritik aller jener Legenden über die
Zeit der ersten Einführung des Christenthums in das römische
Deutschland ist, daß sie alle späteren Ursprungs sind, daß für die
wirkliche Geschichte jener Zeit nichts daraus zu lernen ist. Auch was
Friedrich nachträglich zu retten versucht, ist nur sehr wenig, und
es trägt für diesen Gegenstand wenig aus, ob in der Geschichte von
dem Märtyrertode der Thebäer in Agaunum ein historischer Kern sich
nachweisen läßt[10], ob das Martyrium einiger christlicher Jungfrauen
zu Cöln glaubhaft bezeugt ist[11]. Etwas erheblicher ist die wohl
nicht unbegründete Vertheidigung der Legende von dem Martyrium der
h. =Afra= zu Augsburg[12]. Rettberg fällt ein günstigeres Urtheil nur
über die Leidensgeschichte des heiligen =Florian=[13]. Dieser, ein
entlassener Veteran, soll in Folge der Verfolgungsedicte von Diocletian
und Maximian (304) auf Befehl des Aquilinus, Präses von Ufernoricum,
zu Lorch in die Ens gestürzt sein. Ungeachtet eines schweren Steins,
der an seinen Hals gebunden ist, trägt ihn der Fluß auf einen
hervorragenden Fels, von wo eine fromme christliche Frau ihn in Folge
einer Vision zur Bestattung abholt. Diese Erzählung aber ist eine
so deutliche Nachahmung dessen, was Hieronymus in seiner Chronik vom
Bischof Quirin von Sissek erzählt, daß sich die absichtliche Erdichtung
darin kaum verkennen läßt. Denn es ist eben eine Eigenthümlichkeit
dieser späteren Legendenfabrikation, daß sich in benachbarten Gegenden
immer dieselben Todesarten und Wunder wiederholen; die Phantasie des
Mittelalters erscheint darin arm und dürftig. Auch finden sich diese
Angaben über Sanct Florians Ende erst in Martyrologien des neunten
Jahrhunderts, die Handschriften der Legende reichen nicht höher
hinauf[14], und nichts weist darauf hin, daß sie etwa, wie das Leben
Severins, in Italien aufbewahrt, und von dort zurückgebracht wäre.
[10] S. darüber Franz Stolle, Das Martyrium der thebaischen Legion,
Breslau 1891; vgl. NA. XVII, 223.
[11] Ist der Einfall O. Schade's (Die Sage von der heiligen Ursula,
1854), für die Ursulalegende eine mythologische Begründung
nachzuweisen, ohne Zweifel verfehlt, so ist dagegen der Versuch
Joh. Hubert Kessels (S. Ursula und ihre Gesellschaft, Cöln 1863),
durch rationalistische Deutung, mit Verwerfung der abgeschmackten
Visionen, die ältere Legende zu retten, nicht minder abzuweisen.
Sein Verfahren widerspricht jeder gesunden historischen Kritik,
er benutzt allerlei späte Legenden in unzulässiger Weise als
Quelle für die Hunnenzeit; seine Hauptstütze aber ist die Predigt
_In natali_, welche er ins achte Jahrhundert setzt. Diese ist v.
Klinkenberg aus einer Hs. saec. XII. herausg. u. in Karol. Zeit
gesetzt (Kl. u. Düntzer in d. Jahrbb. d. V. v. Alt. im Rheinland,
Heft 88. 89). Friedrich giebt die Legende auf. Vgl. auch Annalen
des Niederrheins 1874, Heft 26 u. 27, S. 116 bis 176, G. Stein:
Ursula, S. 177 bis 196, Floß: Die Clematianische Inschrift. Facs.
ders. bei F. X. Kraus: Die christl. Inss. d. Rheinlande (1890)
S. 143. In den Anal. Bolland. III, 1-20, ist die Legende _Fuit
tempore pervetusto_ herausgegeben mit einer früher unbekannten
Widmung an Erzb. Gero, wie es scheint die älteste Form, die
hiernach durch einen Grafen Hoolf vom Erzb. Dunstan v. Canterbury
stammte. An die Thatsache des Martyriums einiger Christinnen und
deren Cult hat phantastische Sage sich angeschlossen, welche schon
Wandalbert von Prüm bekannt war, in jener alten Legende noch in
einfacherer Form erscheint, später auch absichtlich erweitert ist.
[12] _Passio S. Afrae_, wieder abgedruckt von Friedrich I, 427-430.
[13] I, 157. _Passio S. Floriani_, aus einer St. Emmerammer Handschrift
saec. X, bei Pez SS. I, 36. Vgl. dazu Glück, die Bisthümer
Noricums, besonders das Lorchische, zur Zeit der römischen
Herrschaft, Wiener SB. XVII, 60. Ueber den Grabstein der Valeria,
die ihn begrub, Kenner im Archiv d. W. A. XXXVIII, 174. In das
CIL. ist er nicht aufgenommen, Th. Mommsen glaubt nicht, ihn als
römischer Zeit entstammend anerkennen zu können.
[14] Eine Handschrift in Lambach (nicht Linz) wird ins 9. Jahrh.
gesetzt, aber der Wiener Cod. 650, in welchem sich die zweite
Bearbeitung findet, ist nicht, wie Tabb. I, 112 gesagt ist, saec.
IX, sondern saec. XII. Der St. Florianer Chorherr E. Mühlbacher,
welchem ich diese Nachricht verdanke, ist geneigt, jene erste
Bearbeitung schon dem 7. Jahrh. zuzuschreiben, das bereits
Schenkungen zum Grabe des Märtyrers aufweist, und bezieht sich auf
einen Aufsatz in der Linzer theol. prakt. Quartalschrift 1868 S.
437 ff.
Um so wahrscheinlicher ist es, daß wirklich eine ununterbrochene
örtliche Ueberlieferung das Andenken dieses Märtyrers bewahrt habe.
Denn wo sich jetzt mächtig und gebietend das schöne Chorherrnstift St.
Florian erhebt, da galt schon vor mehr als tausend Jahren der Boden
für heilig, weil hier „der kostbare Märtyrer Sanct Florianus“ ruhe,
lange bevor die Verfasser der Martyrologien den Ort seines Leidens
kannten. Also selbst im Flachlande, vielleicht in den Resten der
einst bischöflichen Stadt Lorch, haben Christen durch alle Stürme der
Völkerwanderung das Andenken Sanct Florians bewahrt, und vielleicht
die Kunde von seinem Stande und der Zeit seines Todes, während weiter
oben im Gebirge von =Maximilian= nur der Name und der Ort seines
Begräbnisses im Gedächtniß blieb, =Severin= aber gänzlich vergessen zu
sein scheint, bis aus Italien Handschriften seiner Lebensbeschreibung
nach Deutschland kamen und sein Andenken erneuten. Denn am festesten
haftete immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen.
Diesem Umstande verdanken wir auch die Erhaltung einer anderen
Legende, der =Leidensgeschichte der heiligen Vier Gekrönten=,
welche Rettberg unbekannt geblieben ist[15]. Sie berichtet uns von
vier christlichen Arbeitern in den Steinbrüchen Pannoniens, welche
noch einen ihrer Genossen bekehren; ihn tauft der in Ketten dorthin
verbannte Bischof Cyrill von Antiochien. Das ist ein merkwürdiger
Fingerzeig für die Ausbreitung des Christenthums. Rettberg, der nicht
nur das spätere Fabelwerk mit schonungsloser Kritik zerstört, sondern
auch den wirklichen Verlauf der Bekehrung dieser Lande mit größter
Sorgfalt aus den einzelnen Anhaltpunkten nachgewiesen hat, ist zu
dem Resultat gekommen, daß für dieselbe nicht sowohl eigentliche
Missionare thätig waren, als vielmehr die christlichen Soldaten[16],
Handelsleute und Arbeiter, welche hierher kamen, während die späteren
Legenden durchgehends die Gründung der Kirchen durch die Apostel und
ihre ersten Schüler behaupten. Die Verbannung gefangener Christen
in die Steinbrüche Pannoniens, und wohl auch anderer Lande, wird
das ihrige dazu beigetragen haben. Es erklärt sich aber aus dieser
unmerklichen und unscheinbaren Verbreitung auch zur Genüge, warum
keine Schriftsteller das Andenken derselben aufbewahrt haben. Jene
Arbeiter nun fielen dem Neide ihrer Gesellen durch Diocletians Spruch
zum Opfer, so gerne dieser auch anfangs seine geschicktesten Arbeiter
sich erhalten wollte (307?). Die Reliquien der fünf Arbeiter finden
sich später zu Rom in der Kirche der heiligen Vier Gekrönten[17], mit
denen sie nur hierdurch in zufällige Verbindung gebracht sind, und
dies hat auch eine Verschmelzung ihrer Legenden zur Folge gehabt.
Vielleicht erst hierdurch sind auch chronologische Widersprüche
hineingekommen, aber alt ist die Legende sicher; sie muß geschrieben
sein, bevor Pannonien von den Barbaren überschwemmt war, und das
Treiben in den Steinbrüchen ist mit solcher Anschaulichkeit und
auch mit so durchgängiger Beibehaltung der technischen Ausdrücke
geschildert, daß der Verfasser selbst noch persönliche Kunde davon
gehabt zu haben scheint. Als solchen nennt die alte Pariser Handschrift
den Schatzungsbeamten =Porphyrius=, welchen De Rossi auch aus anderen
Erwähnungen nachgewiesen hat[18]. Aber nur die ursprüngliche pannonische
Legende können wir ihm zuschreiben.
[15] _Passio Sanctorum Quatuor Coronatorum_, herausgegeben von
Wattenbach, mit einem Nachwort von Karajan, in den Wiener SB.
X, 115-137. Sie findet sich auch schon in dem Sanctuarium des
Mombritius I, fol. 160. Neue Ausgabe in Büdingers Untersuchungen
zur Röm. Kaisergesch. III, 321-338. Vgl. dazu S. 1-11 Untersuchung
von O. Hunziker, S. 339 bis 356 Archäologische Bemerkungen von
O. Benndorf, S. 357-379 Chronolog. Bem. von M. Büdinger. Vgl. den
Bericht von A. Ilg in d. Mittheilungen der Centralcommission XVII
p. XLVII-LI. A. Duncker im Rhein. Mus. f. Philol. XXXI, 440-445.
Edm. Meyer, Forsch. XVIII (1878) 577 bis 603. Giov. Batt. de
Rossi: I santi Quattro Coronati e la loro chiesa sul Celio, im
Bull. di Archeol. crist. 1879, mit Benutzung der ältesten Hs. in
Paris, vgl. NA. V, 227. Petschenig, SB. d. Wiener Akad. XCVII,
761 bis 779, vgl. NA. VII, 226. C. Erbes in d. Zeitschr. f.
Kirchengesch. V, 466-487. Ed. Meyer im Progr. d. Kgl. Louisengymn.
in Berlin 1886, vgl. NA. XII, 426. 602. -- J. Jung a. a. O.
hat die Legende benutzt, und verweist auch S. 132. 159 auf die
Geschichte der =Nonsberger Märtyrer= Sisinnius, Martyrius und
Alexander († 397) Acta SS. Mai. VII, 38-44. Gar wenig Inhalt
hat die chronologisch ganz unbestimmte =Vita S. Florini=, aus dem
Vintschgau, Anal. Boll. III, App. p. 122-127.
[16] Vgl. die Verschleppung des Dolichenoscult durch römische Soldaten;
G. Seidl in den Wiener Sitzungsberichten XII, 4-90. XIII, 233-260.
[17] O. Hirschfeld (Archäolog. u. epigr. Mitth. aus Oesterr. IX,
21) erinnert anläßlich einer Inschrift, worin von capitella
columnarum die Rede ist, welche bei Sirmium für die Thermae
Licinianae verfertigt worden, an unsere Passio, u. weist dabei
den Gebrauch des Ausdrucks _coronati_ für höhere Beamte nächst
dem Cornicularius nach.
[18] _Censualis a gleba actuarius nomine Porfyreus hanc gestam
scripsit._
Während nun also diese Legende noch die ungestörte Römerherrschaft
in diesen Gegenden voraussetzt, führt uns eine andere so recht mitten
hinein in die Stürme der Völkerwanderung, und wir können es uns daher
nicht versagen, bei dieser etwas länger zu verweilen.
§ 2. Das Leben des heiligen Severin.
Ausgabe von Welser in Augsburg 1595, 4. (Opera p. 635) aus einer HS.
des zehnten Jahrh. in St. Emmeram, der ältesten in Deutschland.
Den hier fehlenden Brief Eugipps an Paschasius gab Canisius,
Antiquae Lect. VI, 53, I, 411. Danach vollständig in der zweiten
Ausgabe des Surius und Acta SS. Jan. I, 484 mit Commentar von
Bolland. Nach den minder guten, wie es scheint überarbeiteten,
östr. Handschriften in H. Pez SS. I, 64, und daraus bei Muchar,
Das römische Noricum, II, 152-239, mit Commentar. Ausgabe von
Ant. Kerschbaumer, Scaphus. 1862 nach dem angeblich ältesten und
besten Lateran. Codex, unkritisch und wegen vieler Druckfehler
unzuverlässig; Rec. von Sauppe, Gött. Gel. Anz. 1862 S.
1544-1552. Nach Münchener Handschriften bei Friedrich, I, 431-489.
Ausg. von Sauppe, MG. Auctt. antt. I, 2. 1877; vgl. NA. IV, 407,
Waitz, GGA. 1879, S. 581. Gegen Sauppe's krit. Grundlage u. für d.
Cod. Taurin. P. Knöll, Wiener SB. XCV, 445-498. Ausg. von Knöll
im Wiener Corpus SS. eccl. VIII, 2. Uebers. v. C. Ritter, Linz
1853, v. K. Rodenberg, Berlin 1878 (Urzeit Bd. 4), v. S. Brunner,
Wien 1879. -- Eugippii opera, Migne 62. -- Rinaudo p. 14-19. Vgl.
Rettberg I, 226. Büdinger, Oesterr. Gesch. I, 47 ff. Pallmann II,
393-401. J. Jung, Römer und Romanen S. 132 und an vielen Orten.
Hauck I, 328-332.
Die Lebensbeschreibung des heiligen Severin, von seinem Schüler
Eugippius verfaßt, ist für uns von ganz unschätzbarem Werthe, indem sie
einen hellen Lichtstrahl wirft in Zeiten und Zustände, von denen wir
sonst gar nichts wissen würden, wie denn auch vorher und nachher tiefe
Finsterniß diese Donauländer bedeckt. Keine andere Quelle giebt uns in
so reichhaltiger Weise ein Bild des christlich gewordenen und bereits
mit vollständiger kirchlicher Einrichtung versehenen Römerlandes im
Süden der Donau; unmittelbar vor der Vernichtung zeigt ein günstiges
Geschick uns das Bild dieser Gegenden und ihrer Bevölkerung in scharfen
und lebensvollen Umrissen.
Attila war gestorben, und die frei gewordenen Völker wenden nun
ihre Waffen gegen einander und gegen die kläglichen Ueberbleibsel
des römischen Reiches. Alamannen und Thüringer hatten den Grenzwall
durchbrochen und drangen in Rätien immer weiter gegen Süden und Osten
vor. In Noricum hielt sich noch die römische Bevölkerung, aber in
welchem Zustand! Von allen Seiten wurde sie schwer bedrängt durch die
vorrückenden Barbaren -- denn so nannten damals und noch lange nachher
nicht nur die Römer, sondern auch die Deutschen selbst alle Nichtrömer.
Jenseits der Donau schalteten die Rugier, durch häufige Streifzüge das
Land bedrängend und bald auch diesseits festen Fuß fassend. Sie sowohl
wie die Gothen in Pannonien waren Arianer, den katholischen Romanen
fast noch verhaßter als die Heiden. In Commagena, einer bald darauf
völlig verschwundenen Römerstadt unweit Tuln, hatten bereits Barbaren
sich festgesetzt; unfähig sie zu vertreiben, schlossen die Römer
ein Bündniß mit ihnen, und die Einwohner lebten nun wie Gefangene in
ihrer eigenen Stadt. Da tritt plötzlich, ungehindert durch die Wachen,
Severinus unter sie: eben war, wie er vorher verkündigt hatte, die
benachbarte Stadt Astura gänzlich zerstört worden, und gläubig horchte
man nun auf seine Worte, da er Rettung verhieß, fastete und betete, bis
plötzlich in der Nacht ein Erdbeben die Barbaren in Schrecken setzt;
voll Angst eilen sie aus den Thoren und morden sich gegenseitig in der
Finsterniß und Verwirrung. So war die Stadt von ihren Drängern befreit,
allein was war damit gewonnen!
Nur von den Städten aus wurde noch das Feld gebaut, und nur zu häufig
fielen Ernte und Schnitter in die Hände der Barbaren; Hunger verwüstete
das reiche und fruchtbare Land, wenn die Zufuhr auf dem Inn ausblieb.
Die Grenzsoldaten erhielten aus Italien keinen Sold mehr, und in Folge
davon lösten ihre Schaaren sich auf; nur die batavische Cohorte in
Passau hielt noch zusammen, und einige von ihnen machen sich auf, um
den Sold über die Alpen zu holen, werden aber unterwegs erschlagen. Vor
der Donaustadt Faviana, zwischen Passau und Wien, erscheinen plötzlich
Räuber und führen alles hinweg, was sie außerhalb der Mauern finden,
Menschen und Vieh. Der Tribun Mamertinus hat so wenig Mannschaft, daß
er keinen Ausfall wagen will, bis Severin ihm den göttlichen Beistand
verheißt; da zieht er muthig hinaus und gewinnt den Sieg.
Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser Severin. Nie hat er
sagen wollen, wer er sei, woher er stamme; nur daß er aus dem fernen
Osten komme, nahm man aus seinen Reden ab, doch erkannte man an der
Sprache den geborenen Lateiner. Von vornehmer Abkunft, so schien es,
hatte er sich in die Einsamkeit zu den heiligen Vätern, vermuthlich
in die thebaische Wüste, zurückgezogen; dann aber trieb ihn, wie er
selber andeutete, eine göttliche Stimme, den bedrängten Bewohnern des
Ufernoricum Trost und Hülfe zu bringen. Seine Enthaltsamkeit erschien
übermenschlich; bei der heftigsten Kälte ging er barfuß, und an die
strengsten Fasten gewöhnt, schien er Hunger und Entbehrung nur in der
Seele der Nothleidenden zu empfinden. So durchzog er das ganze Land,
ermahnend, Buße predigend, tröstend, vor allem aber Hülfe bringend,
so viel er vermochte. Förmliche Zehnten forderte er ein, um Gefangene
loszukaufen, Arme zu unterstützen. Sein Ansehen war bald groß im Lande;
unbedingte Herrschaft über die Natur maß man ihm bei, und Gottes Zorn
traf jeden, der auf sein Wort nicht achtete.
Den merkwürdigsten Gegensatz bildet dieses Land, welches in seiner
Bedrängniß sich willig der Leitung eines frommen gottbegeisterten
Mönches hingiebt, zu den sittenlosen Grenzstädten Galliens, über deren
Verderbtheit und Leichtsinn Salvian vergeblich eiferte, zu Trier, wo
„selbst noch bei dem Sturme der fränkischen Sieger auf die Stadt Jung
und Alt der zügellosesten Schlemmerei und Ausschweifung sich ergiebt,
mit wahrer Raserei alles dem unausweichbaren Untergang trunken und
prassend entgegenstürzt“[1].
[1] Rettberg I, 25. Vgl. W. Zschimmer, Salvian und seine Schriften,
Halle 1875. Ebert I, 452-454. Opera ed. C. Halm, MG. Auctt. antt.
I, 1. 1877; ed. Fr. Pauly im Wiener Corpus VIII. 1883. Uebers.
v. Pet. Caffer, Aachen 1858. -- G. Monod meint freilich (Revue
crit. 1879, N. 24) daß wir, wenn aus den Donauländern Bußpredigten
erhalten wären, darin ähnliche Anklagen finden würden. Aber
Eugippius würde doch auch dergleichen nicht unterlassen haben,
wenn er Anlaß dazu gefunden hätte.
Severins Ansehen beugten sich auch die Fürsten der Barbaren, selbst
jene böse Königin Giso, welche rechtgläubige Katholiken umtaufen
wollte; halb aus Wohlwollen, halb aus Furcht erfüllten sie seine
Bitten, achteten sie auf seine Ermahnungen; seinen Rathschlägen dankte
der Rugierkönig Flaccitheus seine friedliche Regierung. Schützte
Severin die Römer manchmal durch Ermuthigung zu kräftigem Widerstand
und durch Vorhersagen feindlicher Angriffe, so wandte er doch häufiger
durch seine Fürbitten Gefahren ab und erlangte die Freigebung der
Gefangenen. An vielen Orten hatte er Klöster errichtet, die nach
der Weise des Morgenlandes aus einer Vereinigung einzelner Hütten
bestanden, das größte, in welchem er sich am häufigsten aufhielt, bei
Faviana, einem jetzt spurlos verschwundenen Orte. Hier traten einst
einige Barbaren zu ihm, die nach Italien zogen und ihn um seinen Segen
baten; unter ihnen Odovacar, damals noch ein gemeiner Krieger und mit
schlechten Thierfellen nothdürftig bekleidet, aber so hoch gewachsen,
daß er sich bücken mußte, um nicht die Decke der Zelle zu berühren.
Geh, sagte Severin zu ihm, geh nach Italien; jetzt deckt dich noch
ein geringes Gewand, aber bald wirst du vielem Volke große Gaben
auszutheilen haben. Als König gedachte Odovacar dieser Weissagung, und
forderte Severin auf, sich eine Gnade auszubitten, worauf dieser für
einen Verbannten Verzeihung erlangte.
Severin konnte es doch nicht hindern, daß Stadt auf Stadt in die Hände
der Feinde fiel. Die Rugier bemächtigten sich der Stadt Faviana und der
benachbarten Orte; ihre Herrschaft gewährte wenigstens Schutz gegen
die wilderen Feinde, welche alle weiter aufwärts gelegenen Burgen
und Städte zerstörten. Die geflüchteten Einwohner führte König Feva
aus Lorch, wo sie sich gesammelt hatten, in die ihm unterthänigen
Städte. Joviacum dagegen wurde von den Herulern gänzlich verheert,
während Tiburnia in Oberkärnten, an dessen Namen noch Debern im
Lurnfeld erinnert, eine Belagerung der Gothen glücklich überstand.
Noch im sechsten Jahrhundert waren hier christliche Bischöfe; dann
aber unterlag auch diese uralte Stiftung, sowie die alte Bischofstadt
Pettau, den Slaven und Avaren.
Am 8. Januar 482 starb Severin. Feva's Bruder Friedrich plünderte
gleich darauf sein Kloster; innere Kriege unter den Rugiern und
Odovacars Feldzug gegen sie mehrten die Bedrängniß der Römer, bis
endlich sechs Jahre nach Severins Tod Odovacar die ganze römische
Bevölkerung aus Noricum abrief und ihr in Italien Land anwies. Dadurch
erklärt es sich, daß gerade hier von den alten und einst so bedeutenden
Römerstädten fast jede Spur verschwand, und nur schwache Reste einer
unterwürfigen romanischen Bevölkerung in den Gebirgen zurückblieben.
Damals scheint auch der heilige =Antonius= Noricum verlassen zu haben;
er war aus Pannonien zu Severin noch kurz vor dessen Tode gekommen, wie
Ennodius in der Lebensbeschreibung des Antonius berichtet[2].
[2] _Vita S. Antonii Lirinensis_, in den verschiedenen Ausgaben der
Werke des Ennodius, v. Fr. Vogel Auctt. ant. VII, 185-190.
Severins Mönche folgten mit Freuden dem Rufe, welcher sie aus der
Knechtschaft erlöste; der Anordnung ihres Meisters gemäß führten sie
dessen Leiche mit sich bis nach Neapel, wo sie endlich Ruhe fanden.
Hier richtete ihnen eine vornehme Frau, Namens Barbaria, ein Kloster
ein im Castellum Lucullanum, dessen Name noch das Andenken der üppigen
Gärten Luculls bewahrte; ebenda war kurz zuvor auch dem letzten
römischen Kaiser sein Aufenthalt angewiesen worden[3].
[3] Nach Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino I, 14 auf dem
Pizzofalcone bei, jetzt in Neapel.
In diesem Kloster nun war =Eugippius=[4] Abt, ein Schüler Severins,
der nach Cassiodors Zeugniß von weltlicher Gelehrsamkeit nicht gar
viel wußte, aber in den heiligen Schriften wohl belesen war[5], der
Verfasser eines Auszuges aus den Schriften des heiligen Augustin[6].
Mit bedeutenden Kirchenschriftstellern der Zeit stand er im
Briefwechsel. Diesen Eugippius nun forderte ein ungenannter Laie auf,
ihm Materialien zu einer Lebensbeschreibung Severins zu geben; er
zeichnete darauf auch wirklich seine Erinnerungen auf, sandte dieselben
aber (511) nicht an jenen Laien, denn das erschien ihm unpassend,
sondern an den gelehrten Diaconus =Paschasius=, mit der Bitte, sie zu
einer förmlichen Lebensbeschreibung zu verarbeiten. Zugleich sandte
er ihm in dem Boten einen Mann, der als Augenzeuge über die Wunder
berichten sollte, welche auf dem Zuge durch Italien an Severins Sarg
geschehen waren. Paschasius aber lehnte jede Aenderung an Eugipps
Aufzeichnungen ab, und in der That ist es auch sehr zweifelhaft, ob
jene Bitte ernsthaft gemeint war, da uns ähnliche Aufforderungen, die
nichts als Phrase sind, so häufig begegnen. Eugipps Aufzeichnungen
sind durchaus nicht unfertig, nicht nachlässig und formlos, und gerade
aus jenen italischen Wundern hebt er einige als die wichtigsten
und statt aller genügend, sorgsam hervor. Auch giebt er als den
wesentlichsten Grund, weshalb er den Wunsch jenes Laien, von dem eine
andere Biographie ihm bekannt war, nicht erfüllt, die Besorgniß an,
er möchte durch die Anwendung der rhetorischen Kunst den Gegenstand
verhüllen und für den einfachen und ungebildeten Gläubigen geradezu
unverständlich machen. Er war also kein Freund von den kunstgerechten
Büchern jener Zeit, welche wie z. B. die Schriften des Ennodius und
manche von Cassiodor, durch eine Ueberfülle gesuchter Antithesen und
wortreichen Phrasenschwall so unerträglich schwülstig und geziert sind,
daß man oft nur mit Mühe den Sinn der Worte enträthselt. Das galt in
den Rhetorenschulen als schöner Stil.
[4] Andere Formen, mit guter handschriftl. Beglaubigung sind Eugipius
und Eugepius.
[5] Divin. Lectionum c. 23: quem nos quoque vidimus, virum quidem
non usque adeo saecularibus literis eruditum, sed scripturarum
divinarum lectione plenissimum. Ein dogmatisches Sendschreiben
an ihn von Ferrandus aus d. J. 533 bei A. Mai, Nova Coll. III,
2, 168-184; ein anderes mit Uebersendung einer Glocke für das
Kloster, bei Reifferscheid in Ind. lectt. Vrat. 1871-72 S. 6. Vgl.
Büdinger, Eugipius, Wiener SB. XCI, 793-814.
[6] Sehr gerühmt von Notker, bei Dümmler, Formelbuch Salomons III, S.
65. Ausg. v. Knöll im Wiener Corpus VIII, 1.
Eugipps Aufzeichnungen dagegen sind ganz einfach und schmucklos,
ohne strenge Reihenfolge und Ordnung, aber um so mehr der
treue Ausdruck dessen, was ihm in seiner Erinnerung als das
bemerkenswertheste erschienen war. Gerade darin liegt der Hauptvorzug
dieser Lebensbeschreibung vor den zahlreichen Legenden, aus deren
salbungsvollem Wortreichthum die wenigen geschichtlichen Nachrichten
mühsam hervorgesucht werden müssen. Er selbst hatte Severin und den
Schauplatz seiner Wirksamkeit gekannt; in den letzten Abschnitten
bezeichnet er sich ausdrücklich als Augenzeugen, aber auch nur in
diesen, während er sich übrigens auf die häufig gehörten Erzählungen,
zuweilen auf bestimmte Gewährsmänner beruft.
Das Leben Severins finden wir schon bald nach seiner Entstehung bei
dem sogenannten Anonymus Valesianus[7], im Anfange des siebenten
Jahrhunderts von Isidor erwähnt, im achten von Paulus Diaconus benutzt;
um dieselbe Zeit verfaßte man zu Neapel einen Hymnus, dem dasselbe
zu Grunde liegt[8]. Bald wurde es dann auch an dem Schauplatz seiner
Wirksamkeit bekannt, denn schon im Jahre 903 erwarb die Passauer
Kirche eine Handschrift desselben von dem Landbischof Madalwin[9].
Eigenthümlich sind die Wirkungen, welche hier von diesem Werk
ausgingen. Man las darin von der großen alten Stadt Faviana, die man
nirgends fand, und da man nun bei Wien alte Römersteine aufgrub, so
zweifelte man nicht daran, daß hier einst Faviana gelegen habe; Otto
von Freising und Herzog Heinrich von Oesterreich nahmen diese Meinung
an, und sie hat sich bis auf die neusten Zeiten behauptet, bis endlich
Blumberger sie siegreich widerlegte[10].
[7] Nachgewiesen von Glück, Die Bisthümer Noricums, Wiener SB. XVII,
77.
[8] Neapolis gaude redimita festis, Plaude caelestem retinens patronum
etc. Ozanam, Documents inédits, p. 241.
[9] Mon. Boica XXVIII, 2, 201.
[10] Archiv der W. A. III, 355 (1849, vor der Ausgabe von Böckings
Commentar). Vgl. Böcking, Notitia Dign. Occ. p. 747-750. Glück,
die Bisthümer Noricums S. 76. Aschbach: Ueber die römischen
Militärstationen im Ufer-Noricum zwischen Lauriacum und Vindobona,
nebst einer Untersuchung über die Lage der norischen Stadt
Faviana, SB. XXXV, 3-32 für Traismauer, Tauschinski SB. XXXVIII,
31-46 wieder für die Identität mit Wien, ohne erhebliche Gründe.
Kenner in d. Blättern d. Vereins f. Landesk. v. N. Oesterr. N. F.
XVI (1882) S. 3-53, für Mautern. In Severins Zeit brauchte man
den Abl. Favianis, in der Notitia Dign. Occ. p. 100 (ed. Seeck p.
198) steht Fafianae (Genetiv). S. Corpus ISS. Latt. III, 2, 687
und passim zur Erklärung der Ortsnamen.
Viel schlimmere Folgen hatte es, daß man in Passau nun erfuhr, Lorch
habe einst Bischöfe gehabt, lange bevor Salzburg den Krummstab führte.
Es lag nahe, sich als Erben der benachbarten Stadt zu betrachten,
welche jetzt zum Passauer Sprengel gehörte; aber der einmal angefachte
Ehrgeiz strebte immer weiter; um dem Vorrang des jüngeren Salzburg
nachdrücklicher entgegentreten zu können, wurde ein Erzbisthum Lorch
erdacht und bald zu fabelhafter Größe ausgedehnt; neu angefertigte
Legenden von St. Quirin und Maximilian mußten die Beweise dazu
hergeben, untergeschobene Urkunden das Vorgeben unterstützen, und mit
Hülfe dieser Waffen setzte Passau wirklich bei dem in geschichtlicher
Kritik wenig erfahrenen Stuhle Petri seine Ansprüche durch, und wußte
sich seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts der rechtmäßigen
Salzburger Metropolitangewalt zu entziehen. Viel größer aber, oder
doch für uns bedeutender, ist das Unheil, welches diese Fälschungen in
der Geschichtsforschung angerichtet haben; noch Rettbergs Werk trägt
bedeutende Spuren davon, und es wird noch eine gute Weile dauern,
bis es gelingt, diesen häßlichen Spuk gänzlich aus der Geschichte zu
verbannen. Aufgedeckt aber ist die ganze Sache jetzt, und mit ebenso
unermüdlichem Fleiße wie besonnenem Scharfsinn nachgewiesen in E.
Dümmlers Werk über Piligrim von Passau und das Erzbisthum Lorch[11].
Nachdem dann die Fälschung wohl zugegeben, aber verschiedene Versuche
gemacht waren, Piligrim von dem auf ihm lastenden Verdachte zu
befreien, hat neuerdings Karl Uhlirz alle betreffenden Urkunden einer
genauen Kritik unterzogen und ist zu dem Ergebniß gelangt, daß als
Fälscher sich ein Beamter aus der Kanzlei Ottos II nachweisen läßt,
welcher von Piligrim gewonnen sein muß.
[11] Leipzig 1854. Ueber die weitere Litteratur K. Uhlirz: Die
Urkundenfälschung zu Passau im 10. Jahrh. Mitth. d. Wiener Inst.
III, 177-228.
Severins Leben ist der letzte Sonnenblick vor einer Zeit der
äußersten Finsterniß, wie der Abendstrahl durch die Grotte des
Posilipp. Erst viel später, und von der andern Seite, von Gallien
aus werden wir Deutschland wieder erreichen können. Von dort wurde
ihm aufs neue die litterarische Cultur gebracht, vermittelt durch
diejenigen Stämme des deutschen Volkes, welche auf römischem Boden
sich niedergelassen hatten, und hier die Schüler ihrer Feinde geworden
waren. Die Geschichtschreibung, welche sich im römischen Reiche
während der letzten Jahrhunderte entwickelte, bildet die Grundlage
der mittelalterlichen, welche mit ihr im unmittelbaren Zusammenhange
steht, und es ist deshalb nothwendig, daß wir sie auch hier etwas
ausführlicher ins Auge fassen, da sonst die Entwickelung der deutschen
Historiographie nicht verständlich sein würde.
§ 3. Die Anfänge und Gattungen der christlichen Geschichtschreibung.
Baehr, Geschichte der römischen Litteratur. Supplementband. Die
christlich-römische Litteratur. I. Abtheilung. Die christlichen
Dichter und Geschichtschreiber. 1836. In der zweiten Ausgabe
1872 als vierter Band bezeichnet. Teuffel, Gesch. d. röm Litt.
5. Aufl. 1890. Adolf Ebert, Allg. Gesch. d. Litt. des M. A. im
Abendlande. I. Gesch. d. christl. lat. Litt. von ihren Anfängen
bis zum Zeitalter Karls d. Großen. 2. A. 1890.
Das Mittelalter ist durch keine bestimmte Grenzlinie vom Alterthum
geschieden; lange Zeit laufen beide gewissermaßen parallel
nebeneinander her. Das unterscheidende Element ist das Christenthum,
welches das antike Wesen zersetzt, und theils vernichtet, theils
umformt; dann das Eintreten ganz neuer Völker in die Geschichte,
welche nach und nach den Schwerpunkt ihrer Entwickelung zu sich
hinüberziehen. Die classisch-heidnische Litteratur gehört einem anderen
Gebiete an, und liegt unserer Aufgabe fern; allmählich erstarb in ihr
das Leben, und auch die Geschichtschreibung beschränkte sich immer
mehr auf Auszüge aus den älteren Werken. Hieran konnte sich natürlich
keine weitere Entwickelung anknüpfen. Den vorhandenen Stoff, wie ihn
besonders Eutropius zubereitet hatte, faßte zuletzt noch einmal =Paulus
Diaconus= in seiner römischen Geschichte zusammen, und machte ihn durch
Verschmelzung mit der Kirchengeschichte für seine Zeit brauchbarer.
So ging er in das Mittelalter hinüber, und bildete hier die Grundlage
aller Kenntniß der römischen Welt. Aber ungeachtet der christlichen
Zusätze und Fortsetzungen blieb doch dieses Werk nur eine todte
Masse; die lebendige neue Entwickelung schloß sich an die christliche
Geschichtschreibung, welche sich für die veränderte Auffassung und
andere Bedürfnisse auch neue Formen erschuf.
Die römische Weltgeschichte konnte den Christen unmöglich genügen, die
eigene Geschichte der römischen Republik sie nur wenig anziehen. Ihnen
war das Wesentliche in der Weltgeschichte die Geschichte des Reiches
Gottes, der Mittelpunkt lag ihnen in der jüdischen Geschichte, und
davon meldeten die Werke der Römer nichts. Daher fand auch des Königs
Desiderius Tochter Adelperga den Eutrop, welchen Paulus Diaconus ihr zu
lesen gegeben, so ungenügend, und einige Zusätze konnten hier nichts
helfen; es mußte eine ganz neue Weltgeschichte aufgestellt werden,
die mit dem veränderten Standpunkte im Einklang war, die namentlich
auch das hohe Alter der jüdischen Cultur, die spätere Entstehung
der heidnischen Staaten nachwies. Um dieses möglich zu machen, kam
es vor allem darauf an, das chronologische Verhältniß der heiligen
und profanen Geschichte zu bestimmen, um dann eine Verschmelzung der
beiderseitigen Nachrichten vornehmen zu können. Diese Aufgabe löste,
nach dem Vorgange des Sextus Julius Africanus, welcher zuerst den
Versuch machte, chronologisch das gesammte Alterthum mit der Bibel zu
vereinigen[1], =Eusebius= (264-340); seine zwei Bücher _Allgemeiner
Geschichte_ enthielten zuerst in darstellender Form die Chronographie,
dann tabellarisch den synchronistischen Kanon bis 325. Auf diesem
großen Werke beruhen alle späteren Weltchroniken, der Byzantiner sowohl
wie des Abendlandes, während zugleich aus seiner Kirchengeschichte
das Mittelalter alle seine Kenntniß von den Anfängen der christlichen
Kirche schöpfte. Dieses letztere Werk hatte für die Lateiner =Rufinus=
bearbeitet und fortgesetzt, die Chronik aber =Hieronymus=, welcher sie
zugleich bis 378 fortsetzte[2].
[1] Dr. Conr. Trieber, Die Chronologie des Julius Africanus, 1879;
vgl. Gött. Nachr. 1880, Nr. 1. H. Gelzer, S. Jul. Afr. u. die
Byzant. Chronologie, Leipz. 1880.
[2] Opera S. Hier. ed. Vallars, Tom. VIII. Baehr S. 189-197. Vgl.
Bernays, Scaliger S. 92, 217. Neue kritische Ausgabe von Alfred
Schoene in: Eusebi chronicorum canonum quae supersunt. Vol. II.
Berl. 1866. Nachträge in Vol. I. (1875) Eusebi chronicorum libri
duo. Vgl. Mommsen, Die älteste Hs. der Chronik des Hieronymus,
Hermes XXIV. Facs. ders. Palaeogr. Soc. II, 129. 130.
Diese Chronik des Hieronymus finden wir vollständig oder im Auszug
an der Spitze aller umfassenden Chroniken des Mittelalters; sie war
ihre Grundlage und ihr Vorbild, und dadurch war die knappe Form der
annalistischen Aufzeichnung gegeben. Darstellende Werke aller Art
hatten daneben freien Raum, aber um eine übersichtliche Anschauung von
dem chronologischen Zusammenhange der Weltbegebenheiten zu erhalten,
war diese Form unstreitig die angemessenste, wie man ja auch heut zu
Tage der Tabellen zu diesem Zwecke nicht entbehren kann. Sehr dürftig
und ungenügend freilich erscheint uns diese Form, wo sie fast allein
und ausschließlich zur Ueberlieferung der geschichtlichen Ereignisse
verwandt wird, oder doch anderes uns nicht erhalten ist, wie dies in
den nächsten Jahrhunderten nach Hieronymus der Fall war. Diese ersten
mageren Fortsetzungen seiner Chronik sind für uns ihres Inhalts wegen
wichtig; der Geschichtschreiber der auf römischem Boden angesiedelten
deutschen Stämme ist großentheils auf diese dürftigen Quellen
angewiesen, für die Entwickelung der Historiographie in Deutschland
aber haben sie nur insofern Bedeutung, als durch ihre Vermittelung
die unmittelbare Anknüpfung der späteren Chronisten an den Hieronymus
möglich wurde[3].
[3] Die neue Ausgabe dieser ältesten Annalisten für die MG. ist jetzt
von Th. Mommsen, Auctt. antt. IX. zu erwarten.
Bemerkenswerth ist aber bei diesen Chronisten der allen gemeinsame
römische Standpunkt, das ängstliche Festhalten am römischen Reich.
Uns erscheint gegenwärtig der Gedanke, daß in den neuen Bildungen, den
romanischen Staaten, der fruchtbare Keim einer neuen Zukunft enthalten
war, als natürlich und naheliegend; damals aber fiel weit mehr die
Zerstörung des alten Reiches ins Auge; man sah und beklagte überall nur
den Verfall, und wer die Weltgeschichte zu betrachten versuchte, sah
fortwährend nur in dem römischen Weltreich den Träger derselben. Boten
doch die Jahre seiner Kaiser und seine Consulate die einzige vorhandene
Zeitrechnung, denn weder die von Eusebius eingeführte Rechnung
nach Jahren Abrahams noch auch die Jahre von Erbauung der Stadt Rom
erscheinen im Westreich je im praktischen Gebrauch, und Justinians
Siege stellten noch einmal die Fortdauer aller der neu entstandenen
Reiche in Frage. Mochte aber auch das abendländische Römerreich
in Trümmer fallen, das morgenländische keinen Schatten von Macht
über den Westen besitzen, für die Chronisten ist und bleibt es das
Weltreich, der Faden, der sie leitet. Die in das Reich eindringenden
deutschen Stämme sind und bleiben Barbaren, wenn auch der Schreibende,
welcher jedoch immer der Kirche angehört, selber ihr Landsmann ist.
Diese Auffassung beschränkt sich nicht auf diese Zeit, sie bleibt
herrschend durch das ganze Mittelalter, denn sie war bedingt durch
die seit Hieronymus allgemein angenommene Erklärung von dem Traume
des Nebukadnezar, bei dem Propheten Daniel, nach welchem das römische
Reich, das eiserne, welches die früheren zermalmt, bleiben soll bis zum
Eintritt des himmlischen Reiches[4]. Die Fortdauer desselben war daher
außer aller Frage. Demgemäß behandeln auch die späteren Weltchroniken
die deutsche Geschichte niemals als etwas neues, selbständiges, sondern
nur als eine Fortführung des römischen Reiches: sie führen nach dem
Untergange des westlichen Reiches die byzantinischen Kaiser fort bis
auf Karl den Großen und bewahren so seine scheinbare Continuität,
wenn sie auch dazwischen die Volksgeschichten episodisch in ihr großes
Fachwerk einschalten, wie Ekkehard.
[4] Dan. c. 2. Vgl. Otto Fris. II, 13. Büdinger in der Hist.
Zeitschrift VII, 113.
Neben der großen Chronik des Hieronymus gab es nun aber auch noch
eine andere, sehr dürftige und compendiarische, welche nur einige
Anhaltpunkte zur chronologischen Orientirung gewährte. Sie läßt
sich zurückführen auf ein älteres griechisches Werk des Hippolyt
von Porto, das bis 235 reichte, ein Werk, welches auch dem Liber
Generationis des sogenannten Fredegar zu Grunde liegt. Ueberarbeitet
und bis 334 fortgesetzt, bildet es einen Theil jenes merkwürdigen
=römischen Staatskalenders=, den Th. =Mommsen= in seiner Abhandlung
über den Chronographus von 354 ausführlich behandelt hat[5]. Er hat
nachgewiesen, daß dieser Kalender mit den nöthigen Veränderungen von
Zeit zu Zeit neu herausgegeben wurde; doch war er viel zu kostbar,
als daß sich, wer ihn einmal besaß, immer ein neues Exemplar davon
angeschafft hätte, und da die ganze Einrichtung des Werkes zur
Eintragung geschichtlicher Ereignisse eine sehr passende Gelegenheit
darbot, so ist seine Form nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung der
verschiedenen Gattungen geschichtlicher Aufzeichnungen geblieben. Sein
Inhalt bestand nämlich aus folgenden Stücken, welche die noch erhaltene
Abschrift eines Exemplars vom Jahre 354 uns kennen lehrt:
1. Der eigentliche =Kalender= mit Bildern, die noch völlig in
heidnisch-antiker Weise gezeichnet sind. Der Kalender selbst ist
nicht mehr heidnisch, aber doch auch noch nicht christlich. Die
öffentlichen Spiele, die Senatstage u. a. sind darin verzeichnet
und die Geburtstage der Cäsaren auch noch abgesondert auf einem
verzierten Blatt vorangestellt[6].