im Mittelalter
bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts.
Litterarische Einleitung.
§ 1. Die Ausgaben des 16. Jahrhunderts.
Ungeachtet des großen Unterschiedes zwischen den Denkmälern des
classischen Alterthums und des Mittelalters findet sich doch auch
in ihnen viel übereinstimmendes, haben sie oft ähnliche Schicksale
getheilt. Bis gegen den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts las
man in den Schulen noch häufig und fleißig die alten Autoren,
und hielt sich für die Geschichte der näheren Vergangenheit an
echte und unverfälschte Quellen. In den nächsten Jahrhunderten
tritt beides zurück. Auch die ausgezeichnetsten Geister begnügen
sich mit phantastischen Vorstellungen von der Vorzeit, ohne deren
Richtigkeit zu prüfen. Die alten Schriftsteller verschwinden aus
dem Unterricht, abgeschmackte Fabeln überwuchern bei den Chronisten
die Geschichte, und die einfachere, wahrheitsliebende Darstellung
der Zeitgenossen findet solchen Entstellungen gegenüber keine
Beachtung. Fast gänzlich scheint der Sinn für Kritik verloren,
bis wir im fünfzehnten Jahrhundert wieder einzelne Spuren davon
wahrnehmen, worauf dann bald die Bestrebungen der Humanisten für die
Wiederbelebung der classischen Studien auch der Kunde des früheren
Mittelalters zu Gute kommen.
In Italien freilich ist es das römische Alterthum fast
ausschließlich, welches die Geister beschäftigt; als dazu auch
die Griechenwelt noch hinzutrat, wandte man sich dieser fernen
Vergangenheit völlig zu, und die platonische Akademie hat mit der
Gegenwart und den aus dem Christenthum erwachsenen Zuständen kaum
eine Berührung.
Anders in Deutschland. Hier richtet sich die Kritik sogleich auf
die Urkunden der christlichen Religion, und die drückend empfundene
päbstliche Herrschaft veranlaßt zur Prüfung der Ueberlieferung.
Da werden die alten lauteren Quellen der Geschichte wieder ans
Licht gezogen, und gefeierte Humanisten wenden auch diesem Felde
ihre Thätigkeit zu. Das lebhaft erwachende Volksbewußtsein konnte
ebenfalls in der römischen Vorzeit nicht Befriedigung finden,
wie es in Italien der Fall war, und wie mit den reformatorischen
Bestrebungen diesseit der Alpen überall ein kräftiger Aufschwung
der Landessprache zusammenfällt, so auch ein eifriges Erforschen der
heimischen Geschichte[1]. Merkwürdigerweise ist es der italienische
Humanist =Aeneas Silvius= aus Siena, den zuerst seine Forschungen
über österreichische Geschichte zur Bekanntschaft mit Otto von
Freising führten, der durch eine Goetweiher Handschrift Jordanis
Gothengeschichte kennen lernte[2]. Wenig später (1457) benutzte =Peter
Luder= mangelhafte Quellen zu rhetorischer Darstellung deutscher
Vorzeit[3] und =Hartmann Schedel= sammelte neben altrömischen auch
deutsche Inschriften und Chroniken[4].
[1] S. die Darlegung dieser Richtung der humanistischen Studien in
Deutschland bei R. v. Raumer, Gesch. d. Germ. Philologie (1870)
am Anfang.
[2] G. Voigt, Enea Silvio II, 312. 314. 320.
[3] Wattenbach in d. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXIII, 24. Ders.
Allg. D. Biogr. XIX, 376.
[4] Wattenbach, Forsch. XI, 373. Allg. D. Biogr. XXX, 661.
Mehrere unserer besten Geschichtsquellen sind uns nur in Abschriften
des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten, gerade wie so manche Classiker,
und den Handschriften reihen sich bald die ersten Drucke an. Schon in
diesem Jahrhundert, um 1472, wurde in Nürnberg Honorius _De imagine
mundi_ gedruckt; in Ulm, 1473, erschien die deutsche Uebersetzung der
_Flores temporum_ von dem Ulmer Arzt H. =Steinhöwel=; zwischen 1470 und
1474, vermuthlich zu Augsburg[5], die _Historia Friderici I_, welche
nichts anderes ist als ein Theil der Ursperger Chronik. In Poitiers
wurde 1479 das _Breviarium historiale_ bis 1428 gedruckt[6]. Denn
nicht als Quellen für gelehrte Forschung betrachtete man damals diese
Schriften; noch waren sie unmittelbar als darstellende Geschichtswerke
willkommen, da man in der Sprache sowohl wie in der ganzen Denkweise
jenen Zeiten noch nicht so fern stand, daß es eines eigenen Studiums
bedurft hätte, um sich an den Schriften des Mittelalters zu erfreuen,
sie auch nur zu verstehen.
[5] O. Abel, Archiv XI, 81. Giesebrecht, SB. d. Münch. Akad. 1881, I,
211.
[6] L. Delisle, Bibl. de l'École des chartes XLVI, S. 649-668.
Zu den eifrigsten Sammlern und Forschern gehörte der gelehrte
Abt =Johann von Trittenheim=[7], der nur leider seine in der That
bewunderungswürdige Thätigkeit und Litteraturkenntniß durch kecke
Fälschungen selbst um den Ruhm gebracht hat, welcher ihr sonst gebühren
würde. In seinem Auftrag durchforschte der Bosauer Mönch =Paul Lang=
viele Klöster nach Werken über die deutsche Geschichte[8].
[7] Monographie über ihn von Silbernagel, 2. Aufl. 1885.
[8] Horawitz in d. Allg. D. Biogr. XVII, 614.
Vor allen aber war es Kaiser =Maximilian=, welcher die Erforschung
der deutschen Geschichte auf alle Weise beförderte und sogar selbst
daran Theil nahm. Ueberall ließ er nach alten Urkunden und Chroniken
suchen und belohnte jeden Fund; sein Historiograph =Stabius= sollte
daraus ein großes Geschichtswerk zusammensetzen[9]. Die bedeutendsten
Gelehrten der Zeit suchte er an seinem Hofe zu vereinigen, und die
Wiener Universität erreichte unter ihm ihre höchste Blüthe; sie soll
damals an 7000 Studenten gezählt haben, und viele der angesehensten
Humanisten fanden dort begeisterte Schüler[10]. In seinem Auftrag
bereiste von 1498 bis 1505 =Ladislaus Suntheim= aus Ravensburg das
südwestliche Deutschland, um die Materialien zu einer genealogischen
Geschichte des habsburgischen und anderer deutscher Fürstenhäuser
zusammen zu bringen[11]. Seinem gelehrten Arzt Johann Spießhaymer, der
sich =Cuspinian= nannte[12], gab Maximilian 1508 den Auftrag, Bücher aus
allen Theilen des Reichs zu sammeln, und einen ähnlichen Auftrag hatte
auch Dr. Jacob Mennel aus Bregenz (=Manlius=) erhalten[13], von welchem
der Kaiser sich Nachts, wenn er an Schlaflosigkeit litt, aus den alten
Schriften vorlesen ließ[14]. Auch der talentvolle, aber unstäte Dichter
=Conrad Celtis=, welchen Maximilian im Jahre 1497 nach Wien berufen
hatte, erhielt im folgenden Jahre vom Kaiser die Mittel zu seiner
letzten großen Reise in den fernen Norden, deren Frucht die _Germania
illustrata_ sein sollte, Celtis lange versprochenes Hauptwerk, welches
er aber bei seinem Tode 1508 unvollendet hinterlassen hat[15]. Doch sind
seine eifrigen Forschungen nicht ohne bedeutende Frucht geblieben. Im
Kloster St. Emmeram zu Regensburg entdeckte er die Werke der Nonne
Hrotsuit, welche er 1501 herausgab. Im fränkischen Kloster Ebrach
fand er den Ligurinus, über den er selbst in Wien, seine Freunde in
Freiburg, Tübingen, Leipzig Vorlesungen hielten; 1507 besorgten seine
Augsburger Freunde den Druck. Ihm danken wir auch die Entdeckung der
_Tabula Peutingeriana_, jener merkwürdigen römischen Straßenkarte des
dritten Jahrhunderts, mit späteren Zusätzen erhalten in einer Copie des
dreizehnten Jahrhunderts, welche sich jetzt in der Wiener Hofbibliothek
befindet[16]. Ihren Namen führt sie davon, daß Celtis sie in seinem
Testamente dem gelehrten Augsburger Patricier =Conrad Peutinger=[17]
vermachte. Dieser, der ebenfalls von Maximilian zu seinem Rath erhoben
war und fortwährend für künstlerische und gelehrte Zwecke in Anspruch
genommen wurde, war 1506 beim Kaiser in Klosterneuburg, um die alten
Briefe des Hauses Oesterreich zu besichtigen, und erhielt ein eigen
Gemach in der Wiener Burg, wohin „S. Mt. von allen orten Cronica und
historien bringen lassen“. Er selbst besaß die werthvollsten deutschen
Geschichtsquellen und beabsichtigte eine umfassende Sammlung derselben
herauszugeben; leider kam dies Vorhaben nicht in seinem ganzen Umfange
zur Ausführung, doch verdanken wir ihm mehrere vortreffliche Ausgaben,
die aber Peutingers Namen nicht auf dem Titel tragen. Nachdem er 1507
bei der Herausgabe des Ligurinus geholfen, erschien 1515 aus der in
seinem Besitz befindlichen Abschrift die erste Ausgabe des Chronicon
Urspergense, besorgt von Joh. Mader[18]; gleichzeitig erschienen, von
Peutinger bearbeitet, Jordanis de Rebus Geticis und Pauli Diaconi
historia Langobardorum[19], eine sehr gute Ausgabe, gegen welche die
1514 zu Paris von =Guillaume Petit= besorgte Ausgabe des Paulus weit
zurücksteht. Doch verdienen auch die Bestrebungen dieses Buchhändlers,
bei welchem 1512 Gregor von Tours, 1513 Sigebert, 1514 außer Paulus
noch Liudprand und Aimoin erschienen, unsere Anerkennung.
[9] Ueber ihn Aschbach, Gesch. d. kais. Univ. zu Wien II, 363-373. Von
den Belohnungen spricht Beatus Rhenanus, Rer. Germ. libri. III,
p. 113, ed. 1551; p. 202, 203, ed. 1610.
[10] Khautz, Versuch einer Geschichte der Oesterr. Gelehrten (1755),
S. 121-125. Vgl. Kink, Gesch. der kais. Univ. zu Wien I, 226.
Aschbach, Gesch. ders. Univ. I, 200 ff. Zweiter Band 1877 u. d.
Titel: Die Wiener Universität und ihre Humanisten im Zeitalter
Maximilians I.
[11] Franz Pfeiffer, Das Donauthal von Ladislaus Suntheim, im Jahrbuch
für vaterl. Geschichte (Wien 1861), S. 273-297. Ueber ihn Aschbach
II, 377-381. S. 378 die Instruction von 1505.
[12] Ueber ihn Aschbach II, 284-309; Horawitz, Allg. D. Biogr. IV,
662-664; G. Schepss im Archiv f. Unterfranken, 1884.
[13] Der Rath von Freiburg im Breisgau meldet 1509 K. Max, der
bestellte Dr. Jacob Mennel könne mit den Chroniken nicht auf den
Reichstag nach Worms kommen, weil er nach Oesterreich verreist
sei. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XVII, 254. Am 31. März 1510
beauftragte M. ihn mit geschichtlichen Forschungen über die Häuser
Oesterreich und Burgund.
[14] M. Freheri SS. ed. Struv. II, 707. Ueber seine eigenen sehr
mangelhaften Leistungen Horawitz, Allg. D. Biogr. XXI, 358-362.
[15] Engelb. Klüpfel de vita et scriptis Conradi Celtis Protucii, Frib.
1827. Erhard, Geschichte des Wiederaufblühens wissenschaftlicher
Bildung (1830) II, 1-146 und in der Encyklop. von Ersch und Gruber
21, 135. Kink a. a. O. S. 201 f. Aschbach II, 189-270. Joh.
Huemer in d. Allg. D. Biogr. IV, 82-88. Ueber die Angriffe auf
die Echtheit der von ihm entdeckten Werke s. unten bei Hrotsuit
und Ligurinus.
[16] Die ältere Ansicht, welche sie dem Verfasser der Annalen von
Colmar zuschrieb, bekämpft Jaffé, MG. SS. XVII, 187. Vgl. Frid.
Philippi de tab. Peuting. Diss. Bonn 1876. Die neue Pariser
Ausgabe von Des Jardins ist unvollendet geblieben. Konr. Miller,
Die Weltkarte des Castorius, gen. die Peut. Tafel. In den Farben
d. Orig. u. mit einleit. Text (mangelhaft). Ravensb. 1888. Rec.
v. G. Hirschfeldt, Berl. philol. Wochenschrift VIII, 20 u. a.
besonders auch gegen die Heranziehung des Namens Castorius.
[17] Ueber ihn s. Th. Herberger, Conrad Peutinger in seinem
Verhältnisse zum Kaiser Maximilian. Augsburg 1851. 4. H. A. Lier,
Allg. D. Biogr. XXV, 561-568.
[18] O. Abel im Archiv XI, 79, berichtigt von Giesebrecht in d. SB. d.
Münch. Akad. 1881, I, 208-210.
[19] Archiv VII, 314.
Ebenfalls im Jahre 1515 besorgte der schon erwähnte =Cuspinian=,
zusammen mit dem kaiserlichen Historiographen Stabius, in Straßburg
eine vortreffliche Ausgabe des Otto von Freising mit der Fortsetzung
des Ragewin. Ebenda waren bereits im Jahre 1508 von dem Breisgauer
=Gervasius Soupher= die Gesta Heinrici IV herausgegeben, mit einem
Vorwort, welches von stolzem Selbstgefühl den Franzosen gegenüber
erfüllt ist. Von ähnlicher Denkungsart zur Ehrenrettung dieses
vielgeschmähten Kaisers getrieben, gab =Aventin= 1518 in Augsburg
die schöne prosaische Lebensbeschreibung desselben heraus; er war ein
Schüler von Celtis und hatte sich nach dessen Vorbild der deutschen
Geschichte schon früh eifrig zugewandt[20]. So traten nach einander die
vorzüglichsten Geschichtschreiber des deutschen Mittelalters ans Licht;
1521 erschienen in Cöln auch die Werke Einhards, herausgegeben von dem
Grafen =Hermann von Nuenar=[21]; in Mainz die Chronik des Regino von
=Sebastian von Rotenhan=[22].
[20] Ueber Aventin s. Wegele, Allg. D. Biogr. I, 700-704, u. Bayer.
Bibl. X (1890). Ausgabe seiner Werke von Riezler. Vgl. W. Meyer,
Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen, u. Aventins Lobgedicht
auf Albrecht IV. von 1507, Abh. d. Münch. Ak. I. Cl. XVII. 3.
Abth. 1886. Riezlers Entgegnung ebend. III. Cl.
[21] Ueber den Codex Steinveldensis, durch dessen Auffindung Nuenar
gegen den Vorwurf willkürlicher Aenderungen gerechtfertigt ist,
s. Archiv VII, 364.
[22] Ueber ihn s. Wegele, Allg. D. Biogr. XXIX, 299.
Besonders eifrig aber nahmen die Protestanten diese Bestrebungen
auf; sie fanden bald auch unter diesen Schriften Waffen gegen die
päbstlichen Ansprüche, und die Streitschriften des elften Jahrhunderts
erschienen auch für den veränderten Standpunkt des sechzehnten noch
verwendbar. Hatte man doch schon lange im Einklang mit der wachsenden
Erbitterung gegen den entarteten Clerus die scharfen Satiren des
früheren Mittelalters hervorgezogen, so in Cöln bald nach 1470 und
mehrmals wiederholt den Pseudo-_Ovidius de Vetula_ mit seinen Ausfällen
gegen sittenlose Prälaten, und den _Brunellus_ mit der schonungslosen
Verspottung der Mönche. Die Schrift des Spaniers Alvarus Pelagius _De
planctu ecclesiae_, in welcher er unter dem Eindruck seiner Erfahrungen
an der Curie in Avignon den verderbten Zustand der Kirche beklagt, 1340
in Portugal zuletzt überarbeitet, erschien schon 1474 in Ulm bei Johann
Zainer von Reutlingen, und wurde 1517 in Lyon wiederholt. Lupolds
von Bebenburg Schrift _Germanorum principum zelus in christianam
religionem_ erschien 1497 in Basel. Die _Epistola Luciferi ad malos
principes ecclesiasticos_, eine sehr bittere Satire, welche 1351
in Avignon zum Vorschein kam und in vielen Abschriften verbreitet
war, wurde nach einer nicht mehr bekannten Pariser Ausgabe 1507 in
Straßburg gedruckt, um 1530 in einem Einzeldruck o. J. wiederholt
und 1549 in Magdeburg von =Flacius Illyricus= herausgegeben[23].
Derselbe wiederholte 1550 die deutsche Uebersetzung des Briefes,
welche schon 1521 o. O. erschienen war[24]. =Ulrich von Hutten= gab
1520 die Schrift Walrams von Naumburg gegen Gregor VII, _De unitate
ecclesiae conservanda_, heraus, welcher bald noch mehrere Schriften
verwandten Geistes aus der Zeit des Schisma und der Reformbewegung des
vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts folgten[25]. So erschien 1521
in Wittenberg der dem Bischof Ulrich von Augsburg untergeschobene Brief
unter dem Titel: _Hulderichi Aug. ep. epistola adversus constitutionem
de cleri coelibatu_. Der Cölner Humanist =Jacob Sobius= gab 1521 in
Basel die Commentare des Aeneas Silvius nebst anderen Stücken von
verwandtem Inhalt heraus, eine Sammlung, welche 1535 in Cöln mit neuen
Zuthaten von =Ortwinus Gratius= wiederholt wurde, dessen Standpunkt
in seinem späteren Leben ein von dem früheren sehr verschiedener
wurde[26]. Im Jahre 1529 wurden zu Hagenau die ersten Briefe Peters de
Vinea gedruckt, weil sie auch für die Gegenwart zutreffend zu sein
schienen. Unbefangener ließ =Melanchthon= es sich angelegen sein,
den Schulunterricht in der Geschichte zu fördern. Sehr nachdrücklich
spricht er sich über den hohen Werth der Geschichte aus in der an
Sigismund von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg, gerichteten
Widmung des von ihm 1558 für die Schulen bearbeiteten Chronicon
Carionis[27]. Schon 1525 gab =Caspar Churrer= in Tübingen die Chronik
Lamberts nach einer Abschrift heraus, welche Melanchthon ihm geschickt
hatte, und 1556 begleitete dieser =Siegmund Schorkels= Ausgabe des
Helmold mit einem Brief an den Herzog von Stettin.
[23] Anz. d. Germ. Mus. XVI (1869), Sp. 9. Ueber diesen u. andere
Teufelsbriefe s. Wattenbach, SB. d. Berl. Ak. Febr. 1892.
[24] E. Weller, Die ersten deutschen Zeitungen, S. 90.
[25] Strauß, Ulrich von Hutten II, 47. 55. 166. 320. 358.
[26] David Clement, Bibliothèque curieuse (1759) VIII, 241 weist
die Autorschaft des Jacobus Sobius nach, S. 243 die des Ortw.
Gratius, welcher sie nie geleugnet hat. S. auch Ennen, Gesch. d.
Stadt Cöln, IV, 87-92; L. Geiger, Allg. D. Biogr. IX, 600-602.
Reichling, Ortwin Gratius, Heiligenstadt 1884.
[27] Zuletzt bei Bretschneider, Corpus Reformatorum XII, 707. Vgl.
G. D. Hoffmann, Abhandlung von Philipp Melanchthons Verdiensten
um die teutsche Reichs-und Staatsgeschichte, Tübingen 1760.
Schon 1532 schreibt er: _Misit Carion ad me farraginem quandam
negligentius coacervatam, quae a me disposita est_. Ueber
Carions Leben und Schriften Strobels Miscell. Lit. Inhalt, 6.
Samml. S. 139 ff. A. Stern in d. Allg. D. Biogr. III, 781. Daß
Melanchthon auch die Ausgabe des Nauclerus 1516 besorgt habe,
bestreiten Herm. Müller, Forsch. XXIII, 595, u. M. Spieß ib. XXVI,
138-140: Winsheim verwechselte in seiner Gedächtnißrede Carion u.
Nauclerus.
In Basel, wo schon 1529 =Sichardus= die Chroniken des Hieronymus,
Prosper, Cassiodor, Hermannus Contractus mit einer Widmung an den
Cardinal Albrecht von Brandenburg herausgegeben hatte, besorgten die
Buchhändler =Heerwagen=, die auch Melanchthons Verleger waren, 1531
eine Sammlung, welche den Prokop, Agathias und Jordanis enthält, mit
einer Vorrede von =Beatus Rhenanus= aus Schlettstadt. Dieser hatte auch
zum Otto von Freising das Titelblatt entworfen und ist dadurch zu dem
unverdienten Ruhme gekommen, als ob er der erste Herausgeber deutscher
Geschichtsquellen gewesen wäre. Die Handschriften aber zu jener
Sammlung hatte =Conrad Peutinger= aus Augsburg geschickt[28].
[28] Ueber B. Rhenanus s. A. Horawitz in d. Wiener SB. LXX. 189 bis
244. LXXII, 323-376. LXXVIII, 313-340. Horawitz u. Hartfelder,
Briefwechsel des B. Rh. Leipz. 1886. Gény u. Knod, Die Stadtbibl.
zu Schlettstadt, 1889.
Im Jahre 1532 erschien in demselben Verlage eine zweite Sammlung,
welche den Widukind, Einhard und Liudprand enthält, herausgegeben von
dem Professor =Martin Frecht= zu Tübingen.
Es würde uns zu weit führen, wenn wir fortfahren wollten, die Ausgaben
des sechzehnten Jahrhunderts aufzuzählen, denn ihre Zahl ist nicht
gering; besonders die =Wechel=sche Buchhandlung in Frankfurt verlegte
eine ganze Reihe von Sammlungen dieser Art. Unsere Absicht war nur, zu
zeigen, mit welchem Eifer man damals bestrebt war, die echten Quellen
der Geschichte wieder ans Licht zu ziehen; mit richtiger Auswahl wurden
die besten derselben zuerst herausgegeben und mit derselben Sorgfalt
behandelt, welche die ersten Ausgaben der alten Classiker auszeichnet.
Es war ein trefflicher Anfang gemacht, hinter dem der größte Theil der
späteren Leistungen weit zurückblieb, und an die Ausgaben schloß sich
sogleich auch die geschichtliche Verwerthung, getragen von demselben
Geiste wahrheitsuchender Kritik, die sich vorzüglich der Prüfung der
kirchlichen Ueberlieferung zuwandte. Hervorzuheben ist unter diesen
Werken die nach Jahrhunderten eingetheilte Kirchengeschichte der
sogenannten Magdeburger =Centuriatoren=, =Mathias Flacius=, =Wigand=
u. a. (Basil. 1559-1574, 13 Voll. fol.), weil sie durch scharfe Kritik
und umfassende Forschung geradezu epochemachend wirkte, und durch
Mittheilungen aus einem reichen handschriftlichen Material noch jetzt
schätzbar ist[29].
[29] Vgl. Rinck in Pertz Archiv III, 52-56. W. Preger, M. Fl. Ill.
u. seine Zeit, 2 Bde. Erl. 1859-1861: Allg. D. Biogr. VII, 95.
W. Schulte, Beitr. z. Entstehungsgesch. d. Magdeb. Cent. Neisse
1877. Flacius gab auch nach dem Vorgang des Engländers Bale und
von ihm unterstützt die Satiren des 12. und 13. Jahrhunderts gegen
Pabst und Clerus heraus unter dem Titel: Carmina vetusta ante
trecentos annos scripta, quae deplorant inscitiam evangelii etc.
Viteb. 1548, vermehrt 1557 als: Varia doctorum piorumque virorum
de corrupto ecclesiae statu poemata.
Freilich waren nicht alle gleich bereit, die geschichtliche Wahrheit
anzunehmen, und unter die Ausgaben der echten Quellen mischten sich
bald auch falsche. Schon 1498 erschien in Rom der nachgemachte Berosus
und anderes Machwerk des berüchtigten =Annius von Viterbo=. Nicht ganz
so plump erfunden waren die Megenfrid, Benno und andere Schriftsteller,
auf welche =Trithemius= sich in seiner Hirschauer Chronik (1514)
berief, und seine Angaben führen deshalb noch jetzt nicht selten irre;
hat doch sogar sein Hunibald, dessen lächerliche Larve schon der Graf
von Nuenar durchschaute, noch im neunzehnten Jahrhundert Vertheidiger
gefunden! Zum ärgsten Unfug dieser Art aber gehört das 1530 erschienene
Turnierbuch von =Rüxner=[30], dessen freche Lügen von den ahnensüchtigen
Herren begierig aufgenommen wurden und noch heutiges Tages hin und
wieder gespensterhaft erscheinen.
[30] S. darüber Waitz, Heinrich I, 3. Ausg. S. 265-272. Ein Theil
der Fabeln ist älteren Ursprungs, schon 1518 in Baiern ein Werk
der Art entstanden, aber Rüxnern bleibt doch eine ansehnliche
Vermehrung derselben.
§ 2. Die katholische Kirche. Die Heiligenleben.
Während einerseits die neu erwachende kritische Richtung willkommene
Waffen in der Litteratur des früheren Mittelalters fand, bot sich
andererseits hierin auch der katholischen Kirche ein schöner Schatz
ascetischer Schriften dar, und die Briefe der alten Päbste, wie die
alten Vorkämpfer ihrer Ansprüche, waren noch immer zu brauchen. So
finden wir denn, nachdem die katholische Kirche sich wieder ermannt
und auch wissenschaftlich neue Kraft gewonnen hat, auch von dieser
Seite viele Publicationen; der Cardinal =Caesar Baronius= setzte den
Magdeburger Centuriatoren seine _Annales ecclesiastici_ entgegen,
welchen die aus dem Vaticanischen Archiv und anderen Quellen
mitgetheilten Actenstücke hohen Werth verleihen[1]. Durch gute Ausgaben
wichtiger neu entdeckter Quellen machten sich besonders =Heinrich
Canisius=[2], =Brouwer=[3], =Sirmond=, =Tengnagel=, =Gretser=[4]
verdient. Auf einzelnes einzugehen, würde hier zu weit führen; nur
einen besonderen Zweig der Litteratur scheint es erforderlich hier
näher zu betrachten.
[1] Bis 1198 in 12 Folianten 1588-1607 erschienen. Die Fortsetzung von
Raynaldus in 9 Folianten bis 1565 erschien von 1646-1677. Ausgabe
von Mansi mit Pagi's Kritik, Lucae 1738-1759.
[2] Neffe des berühmteren Petrus, s. v. Schulte in d. Allg. D. Biogr.
III, 749.
[3] Kraus in d. Allg. D. Biogr. III, 368.
[4] Werner in d. Allg. D. Biogr. IX, 645.
Schon unter den ältesten Incunabeln finden sich Legendarien und
einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten
sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die
Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß das Triviale, allen
Gemeinsame, überhand genommen hat, das Geschichtliche oft ganz
verschwunden oder doch verdunkelt ist. Die zahlreichen Wunder,
die vielen Fabeln und Albernheiten machten diese Litteratur gerade
ganz besonders zum Gegenstand lebhafter Angriffe, und bald empfand
man, daß sie allen Werth und Nutzen verlieren werde, wenn man
sich nicht zu einer Sichtung des überkommenen Stoffes entschließen
werde. Nachdem schon der Mailänder =Boninus Mombritius= auf alte
Handschriften zurückgegangen war, die er mühsam aufsuchte, und durch
deren unveränderten Abdruck[5] er sich verdient gemacht hatte, ohne
Nachfolger zu finden, erschien ein Jahrhundert später die Sammlung
des Cölner Karthäusers =Laur. Surius= († 1578): _Vitae Probatorum
Sanctorum_, die viel brauchbaren geschichtlichen Stoff zuerst ans Licht
brachte, und wenn auch der lateinische Stil etwas überarbeitet ist, so
berührt das doch kaum den Inhalt. Von Kritik aber ist in diesem Werke
keine Rede, und die herrschende Meinung der Gebildeten verwarf alle
diese Mönchsgeschichten als leere Fabeln.
[5] Sanctuarium, in 2 großen Folianten o. J. (um 1475). Vgl.
Tiraboschi, Tomo VI, l. II, c. 32. Von demselben rührt die erste
Ausgabe des Prosper her, welche Holder-Egger im NA. I, 22 erwähnt,
nach J. A. Saxii Hist. litter. typogr. Mediol. p. 146.
Diesen Angriffen gegenüber faßte nun der Jesuit =Heribert van Roswey=
den Plan, durch strenge Sichtung des ganzen vorhandenen Materials
und Aufopferung des falschen das echte zu retten und zu sichern. Er
selbst gab u. a. das Martyrologium Romanum heraus; besonders aber
veranlaßte er seinen Ordensbruder =Johann Bolland= in Antwerpen zu dem
großartigen Unternehmen der _Acta Sanctorum_, wovon 1643 der erste Band
erschien. Noch 5 Bände gab Bolland selbst heraus; dann hinterließ er
die Fortsetzung =Daniel Papebroch= und =Gotfried Henschen=, von welchen
der gediegenste Theil des Werkes gearbeitet ist. Sie gewannen bei ihrer
Arbeit eine solche Sicherheit der historischen Kritik und verfuhren mit
so wenig Schonung, daß sie bald vielfache Angriffe erfuhren und die
spanische Inquisition sogar im J. 1695 die bis dahin erschienenen 14
Bände verbot. Man versuchte auch den Pabst zu einem Verbote desselben
zu bewegen, aber vergeblich; nur Papebrochs Chronologia Pontificum
Romanorum wurde wirklich verboten[6]. Mit dem unermüdlichsten,
mühsamsten Fleiße setzten auch später die Antwerpener Jesuiten, welche
man gewöhnlich als =Bollandisten= bezeichnet, das begonnene Werk
fort; ihre Abhandlungen wurden immer weitschichtiger und verloren
an innerem Werthe, während das ganze immer langsamer vorrückte. Doch
sind noch viele sehr tüchtige Arbeiten und unermeßliches historisches
Material darin. Durch die Aufhebung des Ordens wurde das Unternehmen
gestört; andere führten es weiter, dann aber machte ihm die Occupation
Belgiens durch die Franzosen ein Ende. In neuester Zeit hat man es
wieder aufgenommen, aber mit der übertriebensten Weitschweifigkeit.
Bis jetzt sind mehr als 60 Folianten erschienen, welche bis in
den November reichen, denn das ganze Werk folgt der Ordnung des
Kalenders. Die Auffindung eines bestimmten Heiligen war früher
nicht leicht; man bedurfte dazu der Kenntniß seines Tages, wozu das
Heiligenlexicon (von =Schmauß=) Gött. 1719, 8, brauchbar ist, welches
zugleich zur vorläufigen Orientirung dienen kann. Gegenwärtig aber
bietet =Potthasts= _Bibliotheca historica_ in dem Artikel _Vita_ S.
575-940 ein nicht allein auf den Umfang des Mittelalters beschränktes
Repertorium sämmtlicher von den Bollandisten besprochener Personen, dem
ein Register der übrigen in jenem Riesenwerke enthaltenen Abhandlungen
beigefügt ist. Außerdem aber enthält jetzt ein Supplementband der
Acta Sanctorum zum October Generalregister über das ganze Werk von
=Rigollot=.
[6] S. Rettberg, Art. Papebroch in der Encyklopädie von Ersch und
Gruber. A. Scheler, Zur Geschichte des Werkes Acta Sanctorum,
Serapeum VII, 305 ff. Potthast, Bibl. historica, p. 23-25. Baehr,
Gesch. d. Röm. Litt. IV, 227.
Neben den Jesuiten begannen auch die französischen =Benedictiner=
ein ähnliches Werk, nachdem ihr Orden in der =Congrégation de
Saint-Maur= einen neuen, außerordentlich kräftigen Aufschwung genommen
hatte. Die Erforschung der Geschichte ihres Ordens wurde bald ein
Hauptgesichtspunkt der Congregation und ihr Bibliothekar Dom =Luc
d'Achery= sammelte dafür viele Jahre mit Unterstützung der ganzen
Genossenschaft unschätzbares Material. Zur Bearbeitung desselben wurde
ihm 1664 Dom =Jean Mabillon= beigegeben, den dann wieder =Germain=
und =Ruinart= unterstützten. Von ihnen erschienen 1668-1701 die
_Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti_ in 9 Folianten, welche bis zum
Jahre 1100 reichen und vom größten Werthe für die Geschichte sind.
Abweichend von der Anordnung der Bollandisten ist diese Sammlung nach
der Zeitfolge geordnet; sie beginnt natürlicher Weise erst mit der
Entstehung des Ordens der Benedictiner, die ersten Jahrhunderte der
Kirche aber behandelte Ruinart selbständig in seinem trefflichen Werke:
_Acta primorum martyrum sincera_, 1689, 4.
§ 3. Sammlungen für Landesgeschichte.
In viele einzelne Staaten zerspalten hatte =Italien= keine umfassende
Sammlung von Geschichtsquellen erhalten; auch ging hier der
Patriotismus gerne gleich über die Zeiten des Mittelalters hinaus
in die antike Welt hinüber. Die =römische Kirche= aber konnte vom
Mittelalter nicht lassen und noch weniger ihren Gesichtspunkt durch
enge Grenzen beschränken lassen. Ihre Geschichte, vom Cardinal
=Baronius= geschrieben, umfaßte die ganze christliche Welt, und jedes
Volk fand hier die wichtigsten Aufschlüsse über seine Vergangenheit
aus den Schätzen des Vaticanischen Archivs. Viele Geschichtsquellen
Italiens zog =Ughelli= zuerst ans Licht in dem großen Werk der _Italia
Sacra_, welches später von =Coleti= umgearbeitet und sehr vermehrt
wurde[1]. Gleichzeitig mit diesem wirkte =Ludwig Anton Muratori=, der
mit der umfassendsten Gelehrsamkeit, rastlosem Fleiße und unermüdlicher
Thatkraft die Grundlagen der italienischen Geschichte legte, auf denen
noch heute fortgebaut wird. Seine _Scriptores Rerum Italicarum_ in 21
Folianten, 1723-1751, sind die erste umfassende planmäßig angelegte
Sammlung der Geschichtsquellen eines ganzen Landes, und bis jetzt die
einzige, welche ihre Vollendung erreicht hat; das große Verdienst,
durch eifrige Unterstützung der Sache, auch durch wissenschaftliche
Mitwirkung die Ausführung möglich gemacht zu haben, gebührt den
bescheiden im Hintergrund gebliebenen Socii Palatini[2]. Neuestens hat
auch Italien eine Darstellung seiner Chronistik erhalten durch =Ugo
Balzani=[3].
[1] Ughelli, Italia Sacra, 9 Bände f. 1644-1662. Neue Ausg. v. Coleti
in 10 Bänden, 1717-1721.
[2] S. über diese L. Vischi im Arch. stor. Lombardo 1880, S. 391-566.
[3] Ein Band der durch die Society for promoting Christian Knowledge
veranlaßten Sammlung: Early chronicles of Europe, 1883; auch ins
Ital. übersetzt. Anderer Art, auch die Byzantiner, die Gesetze
und Urkunden umfassend, ist die Schrift von =Costanzo Rinaudo=:
Le Fonti della storia d'Italia dalla caduta dell' imperio Romano
d'Occidente all' invasione dei Longobardi (476-568). Torino 1883.
Erstrebt war freilich schon früher ähnliches in =Frankreich= durch die
Sammlung von =Duchèsne= in 5 Folianten (1636-49); doch genügte diese
nicht, so werthvoll auch ihr Inhalt ist. Colbert faßte bereits 1676
den Plan einer neuen umfassenderen Sammlung, der jedoch erst später zur
Ausführung kam, als die Congregation der =Mauriner= auch diese Aufgabe
übernommen hatte. Nachdem diese fleißigen und gelehrten Mönche bereits
für die Geschichte ihres Ordens und der Kirche das außerordentlichste
geleistet, und in verschiedenen Sammlungen unendliches Material
zugänglich gemacht hatten, erschien von 1738 an der _Recueil des
Historiens des Gaules et de la France_ von Dom =Bouquet= und seinen
Nachfolgern, eine Sammlung, deren Fortführung in neuester Zeit wieder
aufgenommen ist, und die bis jetzt aus 23 Folianten besteht.
In =Deutschland= waren die vielversprechenden Anfänge des sechzehnten
Jahrhunderts durch die inneren Spaltungen gehemmt und endlich durch den
dreißigjährigen Krieg fast gänzlich erstickt worden. Die folgende Zeit
des Reichthums und der fürstlichen Stellung der Geistlichkeit brachte
wohl einige Stiftshistorien, aber nichts, das sich mit dem Wirken
der Mauriner in Frankreich irgend vergleichen ließe. Wohl reizte das
Beispiel zur Nachahmung, aber alle Versuche scheiterten theils an der
Trägheit der in Reichthum und Ueppigkeit versunkenen Stifter, theils
an der Eifersucht der Landesfürsten, welchen es bedenklich erschien,
die Geistlichkeit ihrer Territorien in nähere Verbindung mit den
Ordensbrüdern anderer Gebiete treten zu lassen. Und geradezu unmöglich
war es für die Reichsabteien, selbst wenn sie es gewollt hätten, sich
einer gemeinsamen Leitung und wechselnden Aebten unterzuordnen. Das
erfuhren namentlich die Gebrüder Bernhard und Hieronymus =Pez=[4]
in Melk bei ihren Bemühungen, neues Leben in den alten Orden der
Benedictiner zu bringen, und die Stiftung einer Congregation, welche es
möglich gemacht hätte, die vorhandenen Kräfte zu vereinigen und, wie in
Frankreich, planmäßig für gemeinsame Zwecke zu verwenden, scheiterte an
solchen Hindernissen.
[4] S. Krones, Allg. D. Biogr. XXV. 569-575.
Material war freilich in großen Massen zu Tage gefördert, aber ohne
Auswahl, ohne Kritik; die neuen Publicationen fügten nur immer mehr
rohe Masse hinzu, in noch mangelhafterer Weise, und niemand verstand
es, den Stoff zu bearbeiten. Im siebzehnten Jahrhundert erschienen
bei dem Uebergewicht des Partikularismus fast nur noch Sammlungen für
die Geschichte einzelner Reichslande. Eine neue Epoche beginnt dann
mit =Leibniz=, dem Zeitgenossen Muratori's, und in noch viel höherem
Grade würde dies der Fall gewesen sein, wenn nicht seine Forschungen
unvollendet und großentheils unbekannt geblieben wären. Wie Muratori
von der Geschichte des Hauses Este, so ging Leibniz von den Welfen
aus, und wie Muratori wurde er durch diese Untersuchungen immer
weiter geführt zu den ausgedehntesten Quellenforschungen, welche die
ganze Reichsgeschichte umfaßten, Forschungen, die sich andererseits
an seine philosophischen sowohl wie an seine staatsrechtlichen
Studien anschlossen. Er durchsuchte alle ihm zugänglichen Archive und
Bibliotheken, und ergriff mit dem lebhaftesten Eifer den Plan einer
systematischen Sammlung und Ausgabe aller vorhandenen Quellen für die
politische und die Rechts-und Kirchengeschichte, auf deren Wichtigkeit
und die Nothwendigkeit ihrer gründlichen Erforschung zuerst =Conring=
energisch hingewiesen hatte.
Wohl einsehend, daß die Aufgabe die Kräfte eines Einzelnen
übersteige, versuchte man wiederholt, Gesellschaften zu diesem
Zwecke zusammenzubringen. Schon =Johann Christian von Boineburg=,
der Rathgeber des Churfürsten Johann Philipp von Mainz, der Freund
Conrings, Leibnizens und Forsters, entwarf den Plan, ein _Collegium
universale Eruditorum in Imperio Romano_ mit vorzüglicher Rücksicht auf
Geschichte zu stiften, und theilte denselben 1670 mehreren Gelehrten
mit. Mainz, wo das Reichsarchiv sich befand, war zum Sitz desselben
bestimmt, allein es blieb bei diesen Anfängen und hatte keinen weiteren
Erfolg. Neue Anregungen zu Versuchen dieser Art gab bald darauf die
kräftige Entwicklung der schon 1651 gestifteten, 1677 vom Kaiser
privilegirten _Academia Leopoldina Naturae Curiosorum_. =Paullini= in
Eisenach faßte die Idee einer ähnlichen historischen Gesellschaft; er
ließ 1687 eine _Delineatio Collegii Imperialis historici gloriose et
feliciter fundandi_ drucken und vertheilen. Mit vorzüglichem Eifer
gingen =Hiob Ludolf= und =Tentzel= auf diesen Gedanken ein; Ludolf
theilte Paullini seine unmaßgeblichen Bedenken mit und von ihm ging die
förmliche Aufforderung zur Theilnahme aus, welche 1688 versandt wurde.
Er war der Präses der neuen Gesellschaft, welcher mehrere namhafte
Gelehrte sich anschlossen. Vor allem aber bedurfte man materieller
Unterstützung, ohne die sich wenig ausrichten ließ; man wünschte den
Kaiser, den Reichstag dafür zu gewinnen, man suchte nach vornehmen
Patronen, aber man fand, wie Ludolf 1695 an Leibniz schrieb, keinen
einzigen, welcher einen Pfennig daran wenden wollte[5]. Nur der Herzog
von Württemberg gewährte Pregitzer die Kosten zu einer Reise durch
Schwaben, die Schweiz, Burgund und Frankreich, um die Archive zu
durchforschen; seine Reiseberichte befinden sich auf der Göttinger
Bibliothek. Erfolg hatte also auch dieser Versuch nicht, und er
konnte kaum Erfolg haben zu einer Zeit, wo die höheren Stände ganz der
französischen Bildung hingegeben, und die Gelehrten größtentheils von
geistloser Pedanterie erfüllt waren, wo lebhafte Theilnahme für die
Erforschung der vaterländischen Geschichte eben so selten zu finden
war, wie die Fähigkeit zum richtigen Verständniß der Quellen.
[5] _De Collegio nostro historico quod dicam vix habeo, adeo omnia
frigent. Scilicet nemo de magnatibus nostris est qui urgeat, multo
minus qui obolum impendat. Qui ad nutum alienum laborare debent
sine magno autore, sine praemio, sunt difficillimi._ 1695, Dec. 9.
=Leibniz= hatte diesen Bestrebungen von Anfang an große Theilnahme
zugewandt; er wies vornehmlich auf den unveränderten Abdruck der
reinen Quellenschriften hin, während Ludolf mehr eine Bearbeitung
der Reichsgeschichte ins Auge faßte. Leibnizen dagegen war um fremde
Darstellungen wenig zu thun; er wußte wohl, daß Urkunden, in denen
ein Anderer nichts finden konnte, ihm die bedeutendsten Aufschlüsse
gewährten, und rieth deshalb ernstlich, daß man sich nicht bemühen
solle, um eine Geschichte _stylo florido et eleganti_ zu schreiben,
sondern man solle die Documenta und Urkunden geben, _ut praesens
aetas thesaurum quendam relinquat_. Er zuerst erhob sich über den
Dilettantismus und die Vielwisserei und verband die ausgebreitetsten
Kenntnisse mit staatsmännischem Blick und historischer Einsicht. Und
so leistete denn dieser außerordentliche Mann allein einen großen Theil
desjenigen, was jene gutgemeinten Unternehmungen bezweckt hatten, ohne
zur Ausführung kommen zu können.
Schon 1693 gab Leibniz seinen _Codex juris gentium_ heraus, dem
1700 die zwei Folianten der _Mantissa Documentorum_ folgten. Von
1707-1711 erschienen dann die _Scriptores Rerum Brunsvicensium_, welche
theils die niedersächsische Landesgeschichte, theils die welfische
Hausgeschichte erläutern sollten, und durch die großartige Stellung des
welfischen Hauses, durch die Verflechtung desselben in alle wichtigsten
Angelegenheiten des Reiches einen universellen Charakter erhielten,
der sie von allen anderen Sammlungen für specielle Landesgeschichte
unterscheidet. Eine Anzahl anderer wichtiger Schriftsteller war schon
1698 in den _Accessiones historicae_ zuerst ans Licht gebracht. Aber
von den überreichen Sammlungen Leibnizens war dadurch nur ein kleiner
Theil erschöpft; nachdem er selbst vom Schauplatze abgetreten war,
brachten seine Nachfolger Eckhart, S. Fr. Hahn, Jung, Gruber, Scheidt
aus seinem Nachlaß das großartige Werk der _Origines Guelficae_ zu
Stande, welches noch jetzt einen ehrenvollen Namen behauptet, in Form
und Inhalt aber ganz auf den Vorarbeiten von Leibniz ruht[6].
[6] Die vorstehenden Angaben sind aus den Mittheilungen meines 1863
verstorbenen Freundes Rößler entnommen, welcher sie aus dem in
Göttingen und Hannover verwahrten handschriftlichen Material
geschöpft hatte, mit Benutzung der Nachrichten über Paullini's
Briefwechsel im Serapeum 1856, S. 65. 367, der Schriften Guhrauers
u. a. Vgl. auch Lucä, der Chronist Friedr. Lucä (Frankfurt
1854), S. 279-344; Pfleiderer, Leibniz als Patriot etc. S. 632
ff. Mit Benutzung von Paullini's Nachlaß in Jena ist der Aufsatz
von Wegele gearbeitet: Das historische Reichscolleg, Im neuen
Reich 1881, N. 25. Ueber Leibniz' Reise nach Wien 1708 s. Wilh.
Guerrier, Leibniz in seinen Beziehungen zu Rußland (1873) S. 67.
Aber Leibniz hinterließ auch noch ein anderes Werk, welches allein
ausgereicht hätte, um einen gewöhnlichen Menschen berühmt zu
machen, die _Annalen_ des abendländischen Reiches, zu welchen ihn
seine Forschungen über die Welfen ebenso hinführten, wie Muratori
die Geschichte des Hauses Este zur Verfassung der Annalen Italiens
veranlaßte. Dieses Werk, welches Leibniz viele Jahre lang vorzüglich
beschäftigte, reicht von 768-1005, denn weiter ist er leider nicht
damit gekommen. Es ist durchaus ein Meisterwerk, welches alle früheren
Leistungen weit hinter sich läßt; auch hegten die Zeitgenossen große
Erwartungen davon, und lange war von dem Druck desselben die Rede,
der aber dennoch zum großen Schaden der Wissenschaft unterblieb, bis
in neuester Zeit Pertz das fast schon in Vergessenheit gerathene
Werk herausgab[7], nachdem ein großer Theil der darin enthaltenen
Forschungen von neuem gemacht worden war. Aber noch immer ist das Werk
sehr brauchbar, da es mit der vollständigen Uebersicht und Benutzung
des bis dahin bekannt gewordenen Stoffes gearbeitet ist, während die
sichere Methode, der durchdringende Scharfsinn und die geistvolle
Behandlung des großen Verfassers den Leser durchgehends fesseln und zur
Bewunderung fortreißen.
[7] G. W. Leibnitii Annales Imperii Occidentis Brunsvicenses, ed.
G. H. Pertz. 3 Tomi. Hannov. 1843-1846. Mit einer sehr lehrreichen
Vorrede des Herausgebers. Vgl. Giesebrecht I, 797. Viele
Nachrichten über die Geschichte dieses Werkes, über die schlechte
Behandlung, welche Leibniz zu erfahren hatte, und die Intriguen
Eckharts, welche dieselbe hauptsächlich veranlaßten, enthält:
Leibnizens Briefwechsel mit dem Minister v. Bernstorff etc. von
R. Doebner. Hann. 1882, und in d. Zeitschr. d. hist. Vereins f.
Niedersachsen 1881.
Die Fehler der früheren Sammlungen, von denen auch die Leibnizsche
nicht ganz frei ist, den Mangel an kritischer Sichtung des Stoffes,
an systematischer Auswahl und Zusammenstellung, die Unzuverlässigkeit
der Abdrücke, schilderte niemand schärfer und eindringlicher als Joh.
G. =Eckhart=[8], Leibnizens Gehülfe, dann Convertit und fürstlich
Würzburgischer Rath. Dennoch vermied er in seiner eigenen Sammlung, dem
_Corpus historicorum medii aevi_ (1723) keinen jener Fehler, vermehrte
aber das vorhandene Material durch sehr werthvolle Beiträge.
[8] Wegele in d. Allg. D. Biogr. V, 627-631; zu ergänzen aus der eben
erwähnten Publication von Doebner.
=J. B. Mencke= veröffentlichte 1728 und 1730 noch eine sehr schätzbare
Sammlung, =B. G. Struve= gab 1717 und 1726 die älteren Sammlungen
von Pistorius und Freher neu heraus; immer mehr wuchs die Masse des
größtentheils rohen, ungeordneten, ungesichteten Materials; immer
schwieriger wurde es, eine Uebersicht über dasselbe zu gewinnen. Dieser
Uebelstand veranlaßte das Erscheinen von Schriften, die als Wegweiser
dienen sollten: =J. P. Fincke's= _Index in Collectiones Scriptorum
Rerum Germanicarum_, Lips. 1737, 4 und das vielgebrauchte _Directorium_
von =Freher=, zuletzt 1772 von =Hamberger= neu herausgegeben. Desselben
Hambergers Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern, Bd. 3. 4.
1760, sind von geringer Brauchbarkeit, dagegen des trefflichen =Joh.
Alb. Fabricius= _Bibliotheca Mediae et Infimae Latinitatis_ 1734-1746,
8, und ed. Mansi 1754, 4 noch jetzt unentbehrlich und von großem
Nutzen. Eine neue vermehrte Ausgabe derselben mit Berücksichtigung der
seitdem erschienenen Sammlungen und Ausgaben wäre sehr wünschenswerth
und würde einem dringenden Bedürfniß entgegenkommen. Zurechtfinden aber
können wir uns jetzt in der historischen Litteratur des Mittelalters
mit großer Leichtigkeit, seitdem =Potthasts= _Bibliotheca historica
medii aevi_ (Berlin 1862, Supplement 1868) erschienen ist, ein höchst
dankenswerthes Werk, das Product des angestrengtesten und mühsamsten
Sammelfleißes, welches, obschon nicht frei von manchen Schwächen
und Mängeln, doch als ein ungemein nützliches Hülfsmittel allgemeine
Verbreitung und Anerkennung gefunden hat.
§ 4. Die Monumenta Germaniae Historica.
Immer lebhafter empfand man in Deutschland während des 18. Jahrhunderts
das Bedürfniß einer planmäßig geordneten, kritischen Sammlung der
echten und ursprünglichen Geschichtsquellen; das Beispiel von Muratori
in Italien und den Maurinern in Frankreich reizte zur Nachfolge, aber
alle Wünsche und Versuche scheiterten, wie jene eben erwähnten ersten
Anfänge, an der Zerstückelung Deutschlands, an der Unmöglichkeit,
ein Zusammenwirken vieler Gelehrten herbeizuführen, an dem Mangel
ausreichender Geldmittel. Die Nachrichten über diese Bestrebungen
findet man gesammelt im ersten Bande des Archivs der Gesellschaft
für ältere deutsche Geschichtskunde. Namentlich hatte der Hallische
Theologe =Semler= einen solchen Plan, und bezeichnet in seinem „Versuch
den Gebrauch der Quellen in der Staats-und Kirchengeschichte der
mittleren Zeiten zu erleichtern“ (1761) scharf und treffend die Mängel
der vorhandenen Sammlungen, die Nothwendigkeit, Originalquellen von
Ausschreibern zu sondern, mit Sorgfalt und gesunder Kritik eine Reihe
der bedeutendsten Autoren durchnehmend. Durch ihn angeregt gab 1797
sein College =Krause= den Lambert heraus als Anfang und Specimen einer
solchen Sammlung; aber er starb bald nachher und es blieb bei diesem
ersten Bande. Im folgenden Jahre 1798 gab =Rösler= in Tübingen eine
kritische Bearbeitung der ältesten Chroniken des Mittelalters, allein
die Aufgabe einer umfassenden Sammlung war für die Kräfte einzelner
Männer viel zu groß, als daß etwas genügendes hätte zu Stande kommen
können.
Die lange Fremdherrschaft in Deutschland und die Befreiung davon
durch die vereinten Anstrengungen des ganzen Volkes weckten endlich
in höherem Grade das Bewußtsein eines gemeinschaftlichen Vaterlandes.
Mit neuer Liebe wandte man sich der Erforschung der Vorzeit zu; =E. M.
Arndt=, die Gebrüder =Grimm= bestärkten in dieser Richtung durch die
kräftigste Anregung. Eifrig und dringend wies =Johannes von Müller=
auf die Nothwendigkeit des Quellenstudiums hin. Auch der =Freiherr vom
Stein= empfand das lebhafte Bedürfniß, eine genügende Anschauung der
deutschen Geschichte sich zu verschaffen. Die vorhandenen Darstellungen
reichten dazu nicht aus; er suchte die Kenntniß aus den Quellen selbst
zu schöpfen, stieß aber dabei auf unüberwindliche Schwierigkeiten wegen
des verwahrlosten Zustandes derselben. Es war nicht seine Art, wegen
solcher Hindernisse einen Gedanken aufzugeben, und seine Entfernung
von den Staatsgeschäften trug dazu bei, daß er ihn um so entschiedener
festhielt und verfolgte. Der Gedanke an sich selbst, seinen eigenen
Vortheil und Genuß, trat dabei bald völlig zurück; er hatte nur noch
sein Volk im Auge, der Wunsch erfüllte ihn, „den Geschmack an deutscher
Geschichte zu beleben, ihr gründliches Studium zu erleichtern und
hierdurch zur Erhaltung der Liebe zum gemeinsamen Vaterland und dem
Gedächtniß unserer großen Vorfahren beizutragen“. Mit der ganzen
Energie seines gewaltigen Geistes faßte er den Plan, eine umfassende
und kritisch bearbeitete Sammlung der deutschen Geschichtsquellen zu
veranstalten, und er ließ nicht ab, bis er denselben zur Ausführung
gebracht hatte[1]. Im Februar 1818 brachte er ihn zuerst zur Sprache;
es gelang ihm, mehrere seiner westfälischen Freunde zu bedeutenden
Geldbeiträgen zu bewegen; er selbst hat nach und nach an 10,000 Fl.
darauf verwandt. Mehrere der damaligen Bundestagsgesandten gingen
auf Steins Vorschläge ein, und am 20. Januar 1819 trat zu Frankfurt
die =Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde= zusammen. Der
badische Legationsrath =Büchler= wurde zum Secretär, der Archivrath
=Dümge= zum Redacteur bestimmt; beide begannen sogleich die Herausgabe
der Zeitschrift, welche vom wesentlichsten Nutzen für das Unternehmen
gewesen ist. Sie heißt das =Archiv= der Gesellschaft und führt
mit Recht diesen Namen, weil darin alle Vorarbeiten für das große
Unternehmen, Nachrichten über Handschriften, Untersuchungen über die
einzelnen Quellenschriften niedergelegt wurden[2].
[1] Vgl. Archiv I. VI, 294. MG. SS. I, Praefatio. Stein und die
Monumenta Germaniae Antrittsrede von Pertz 6. Aug. (rect. 6. Juli)
1843, gedr. in d. Allg. Preuß. Zeitung 1843 N. 53 vom 22. August.
Steins Leben von Pertz V, 57. 264 ff. u. s. w. an vielen Stellen.
E. Dümmler: Ueber die Entstehung der MG. Im neuen Reich 1876, II,
201 ff. Alfred Stern, Briefe des Freih. vom Stein an N. F. von
Mülinen, NA. IX, 257-268.
[2] Eine sehr nützliche Arbeit ist das Register über alle darin
besprochene Bibliotheken von Dr. H. Kohl im NA. II, 629-634.
Der ungeheuere Umfang des Unternehmens, die Nothwendigkeit vieler
und ausgedehnter Reisen, zeigten sich erst während der Arbeit in
zunehmendem Maße; bald sah man, daß Privatmittel, so bedeutend auch
die Beitrage der Gründer waren, doch nicht weit genug reichten. Die
Bundesversammlung war gleich anfangs um Unterstützung ersucht worden
und hatte in Ermangelung eigener Geldmittel zu solchem Zwecke das Werk
den einzelnen Regierungen zur Förderung empfohlen, allein fast ohne
Erfolg. Man befürchtete von der einen Seite Mißbrauch des Unternehmens
für revolutionäre Zwecke -- denn die Geschichte könne ebensogut zum
Umsturz der Monarchie, wie zu ihrer Erhaltung verwerthet werden --
von anderer witterte man etwas Serviles darin, und der alte Voß sah
darin eine große Verschwörung, die Geschichte für oligarchische und
katholische Zwecke auszubeuten[3]. In Oesterreich galt das Unternehmen
als revolutionär, und nachdem eine anfänglich beabsichtigte besondere
Direction für Oesterreich fallen gelassen war, blieb für die
einheimischen Gelehrten eine förmliche Betheiligung an der Gesellschaft
unmöglich[4]. 1828 hatte man sogar Bedenken, den fertig gewordenen
ersten Band der Bundesversammlung zu überreichen[5]. Der König von
Baiern hatte noch 1829 gar nichts dafür gethan[6], während doch Baden
die Dienste des Archivraths Dümge gleich anfangs auf einige Jahre der
Gesellschaft überließ, und der König von Preußen von 1821 an einigemal
einen Beitrag von 1000 Thalern bewilligte[7]. Mit Bitterkeit gedachte
Stein daran, daß er schon im Herbst 1818 eine vom russischen Kaiser
angebotene Unterstützung abgelehnt hatte[8], und erst nach des Stifters
Tode (29. Juni 1831) scheinen die verschiedenen Regierungen sich nach
und nach zu den Beiträgen entschlossen zu haben, welche den Bestand
der Sache sicherten; auf einer Ministerconferenz in Wien 1834 hatte der
Fürst Metternich sich dem Unternehmen günstig erwiesen.
[3] A. Stern im NA. IX. 265.
[4] Steins Leben V, 580 ff. Vgl. Anz. d. Germ. Mus. XXII (1875) S. 31.
[5] VI, 499.
[6] VI, 751.
[7] V, 567. 790. VI, 954.
[8] VI, 779.
In den gelehrten Kreisen fand das Unternehmen gleich anfangs lebhafte
Theilnahme, aber lange dauerte es, bis ein ausführbarer Plan zu Stande
kam. Ein Vorschlag nach dem andern wurde im Archiv veröffentlicht;
während man sich zu orientiren suchte, fing man erst an, den Umfang der
Arbeit zu übersehen, die Masse des Stoffes, die Schwierigkeit ihn zu
bearbeiten, namentlich wegen der in so vielen Bibliotheken und Archiven
zerstreuten Handschriften und Urkunden, welche sich viel zahlreicher
erwiesen, als man anfänglich geglaubt hatte.
Nach dem ursprünglichen Plan vertheilte man die einzelnen
Schriftsteller an verschiedene Gelehrte zur Bearbeitung, aber es zeigte
sich bald, daß auf diese Weise weder Einheit in Plan und Methode, noch
ein rascher Fortschritt in der Ausführung zu erreichen war. Die ersten
Bände des Archivs sind voll von Versprechungen und Anerbietungen, von
denen aber die meisten ohne Resultat blieben.
Von entscheidender Bedeutung für die ganze Zukunft des Unternehmens
war deshalb der Zutritt des Mannes, unter dessen Leitung es bald den
kräftigsten Aufschwung nehmen sollte. =G. H. Pertz= aus Hannover
hatte im Jahre 1818 in Göttingen seine Studien vollendet und 1819
die Geschichte der Merowingischen Hausmeier mit einer Vorrede und
lebhaften Empfehlung seines Lehrers =Heeren= vom 4. September
1818 veröffentlicht. Eine Aufforderung Büchlers zur Theilnahme
an den Arbeiten der Gesellschaft erwiderte er am 5. Juli 1819 mit
freudiger Zustimmung und dem Erbieten zur Bearbeitung der wichtigsten
Quellenschriften aus der karolingischen Periode[9]. Auf Büchlers
Mittheilung nahm Stein dieses Anerbieten bereitwillig an, und forderte
am 21. December Pertz nicht nur zur Uebernahme der Schriftsteller aus
der karolingischen Periode, sondern auch zu einer Reise nach Wien auf,
weil die Benutzung der auf der Hofbibliothek befindlichen Handschriften
zunächst nothwendig war[10]. Diese Reise, welche den reichsten Ertrag
gewährte, wurde nicht nur auf andere österreichische Bibliotheken,
sondern auch auf Italien ausgedehnt. Hier war der Freiherr vom Stein
bereits selbst gewesen, hatte von den Schätzen des Vatican vorläufige
Kunde verschafft und Mitarbeiter zu gewinnen gesucht, auf deren
Unterstützung damals noch stark gerechnet wurde. Diese Theilnahme der
Italiener erwies sich indessen später als gänzlich illusorisch, und
nicht viel mehr Erfolg hatten die Zusagen, welche Pertz in Oesterreich
gemacht wurden. Seine Reise aber gewährte die erste feste Grundlage
für das Unternehmen; allein aus den päbstlichen Regesten gewann er
1800 ungedruckte Briefe[11]. Seine Reiseberichte zeigten so entschieden
eine meisterhafte Handhabung der Kritik in scharfem Gegensatze zu den
vielen dilettantischen Beiträgen anderer, daß ihm nach seiner Rückkehr
die Redaction sowohl des Hauptwerks als auch der Zeitschrift übertragen
wurde, da Büchler und Dümge beide von ihrem Großherzog abberufen
waren[12].
[9] Steins Leben V, 364. Vgl. über Pertz: W. Arndt, Im neuen Reich
1876, II, 651-657. G. Waitz im N. Archiv II, 454-473, vorzüglich
zur Charakteristik seiner Thätigkeit als Herausgeber. Necrolog
von Giesebrecht, Münch. SB. 1877, S. 65-74. Wattenbach, Allg. D.
Biogr. XXV, 406-410.
[10] Steins Leben V, 412. 416. 478-483.
[11] Archiv V, 352.
[12] Eine außerordentlich warme und lebhafte Darstellung von Pertzens
Verdiensten um das Unternehmen findet sich in einem Briefe
Boehmers an Gfroerer bei Janssen, Boehmers Briefe, 450. Nach dem
Necrolog des Raths Schlosser ib. II, 480, war dieser Mitstifter
und bewirkte durch seinen Einfluss vorzüglich, daß Pertz bei der
Ausführung an die Spitze kam.
Im Jahre 1824 wurde der definitive Plan des Werkes veröffentlicht,
und 1826 erschien der erste Band desselben. Aus 5 Abtheilungen soll
die ganze Sammlung bestehen, nämlich I. Schriftsteller, II. Gesetze,
III. Kaiserurkunden, IV. Briefe, V. Antiquitäten. Für alle sind
bedeutende Vorarbeiten gemacht worden, und während Pertz nur die beiden
ersten Abtheilungen wirklich begonnen hatte, sind sie seit der neuen
Organisation jetzt alle in der Ausführung begriffen.
Eigentlich hätten die ältesten Annalen des Mittelalters und die
Geschichtschreiber der Gothen, Merowinger und Langobarden das Werk
eröffnen sollen; die Vorarbeiten dazu waren aber so schwierig, und die
Benutzung so unentbehrlicher Handschriften noch nachzuholen, daß diese
ganze Abtheilung einstweilen übergangen wurde, um nicht zu lange mit
dem wirklichen Beginn der Publicationen zögern zu müssen. Jetzt erst,
nach wiederholten Reisen durch Frankreich, Belgien, England, Spanien,
Italien, Rußland, sind die Vorbereitungen der Vollendung nahe gerückt,
und die Herausgabe dieser sehnlich erwarteten Quellen ist ernstlich in
Angriff genommen, größtentheils schon erfolgt.
Den Anfang machten also aus diesen Gründen die =karolingischen
Annalen=[13], welche mit ihren Anfängen noch in die merowingische
Zeit hinaufreichen und mit den Fortsetzungen zum Theil durch das
ganze Mittelalter sich erstrecken. Nur wer die Verwirrung, den
verwahrlosten Zustand kennt, in welchem sich früher diese Annalen
befanden, an verschiedenen Orten und größtentheils in sehr fehlerhafter
Gestalt gedruckt, ohne Unterscheidung ihres echten, gleichzeitig
niedergeschriebenen Gehaltes und der späteren Zusätze, nur der kann
sich eine richtige Vorstellung machen von dem außerordentlichen
Gewinn, welcher der Geschichtsforschung daraus erwuchs, daß nun alle
jene Annalen in einem Bande vereinigt, kritisch gesichtet und durch
neue Entdeckungen bereichert, zur ungehinderten Benutzung bereitet
vorlagen. Daß eben hierdurch auch die Möglichkeit gegeben wurde, über
die ursprüngliche Arbeit hinauszugehen und die Kritik weiter zu führen,
liegt in der Natur der Dinge.
[13] S. darüber Archiv VI, 251-373. Ausführliche Recension der beiden
ersten Bände, von Waitz, in den Jahrbüchern f. wiss. Kritik 1837,
S. 694-731.
Nach einer neuen Reise des Herausgebers nach den Niederlanden, Paris
und England erschien 1829 der zweite Band[14], welcher die Chroniken
und Biographieen der karolingischen Periode enthält. Den Anfang aber
bilden die Geschichtsquellen des Klosters =St. Gallen=, bearbeitet von
=Ildefons von Arx=[15], welche mit dem alten Leben des Stifters beginnen
und bis zum Jahre 1233 unzertheilt beisammen gelassen wurden. Das Leben
des heiligen Ansgar bearbeitete für diesen Band =Dahlmann=.
[14] S. Archiv VI, 274-294. Der Plan des Unternehmens war in dieser
Zeit noch nicht so ausgedehnt wie später, weshalb hier noch sehr
wichtige Stücke, wie die V. Eigilis, fehlen. Diese sind jetzt in
den Ergänzungsbänden nachgetragen.
[15] Vgl. (Gerold Meyer von Knonau) P. Ildefons von Arx, St. Gallen
1874, 4, u. dess. Art. in d. Allg. D. Biogr. I, 615.
Einen neuen sehr bedeutenden Fortschritt brachten die beiden Bände
=Leges= 1835 und 1837. Auch hier wurden einstweilen die alten
Volksrechte noch bei Seite gelassen; erst 1863 erschien der dritte
Band, welcher die Gesetze der Alamannen und Baiern von =Joh. Merkel=,
der Burgunden von =Bluhme=, der Friesen von =Richthofen= bearbeitet
enthält; 1868 im vierten Band das von =Fr. Bluhme= und =Alfred
Boretius= bearbeitete Recht der Langobarden; von diesen Volksrechten
aber erscheinen jetzt neue Bearbeitungen in der Quart-Ausgabe. Die
jüngeren Rechtsbücher blieben der Thätigkeit der Rechtshistoriker
überlassen, während die Reichstagsacten seit König Wenzels Wahl
von der historischen Commission übernommen sind. Von jenen beiden
Bänden aber umfaßt der erste die Capitularien bis 921, der zweite
außer neu aufgefundenen Supplementen Reichsgesetze, kaiserliche
Verordnungen, Rechtsprüche, Verträge und andere wichtige Urkunden bis
1313; hier ist namentlich aus den Vaticanischen Regesten viel neues
von erheblicher Bedeutung mitgetheilt. Ein Anhang enthält in völlig
principloser Mischung unechte Capitularien, Synodalbeschlüsse, und
einige päbstliche Bullen. Die verfälschte Capitularien-Sammlung des
=Benedictus levita= ist hier von dem leider zu früh der Wissenschaft
entrissenen Dr. =Knust= herausgegeben, welcher auf der Heimkehr aus
Spanien in Paris am 9. October 1841 verstarb[16]. Seine Ausgabe wird
ihren kritischen Werth behaupten, aber die in der vorausgeschickten
Abhandlung niedergelegten Untersuchungen sind von =Paul Hinschius=
in seiner Ausgabe der Decretales Pseudo-Isidorianae (1863) zum Theil
widerlegt und berichtigt. Diese beiden ersten Bände der Leges sind
längst vergriffen und eine neue Ausgabe war um so nothwendiger, da die
ursprüngliche Arbeit in hohem Grade durch Flüchtigkeitsfehler entstellt
ist. =Alfred Boretius=, welcher in seiner Schrift: Die Capitularien
im Langobardenreich (Halle 1864) diese Mängel nachgewiesen hatte, hat
auch die neue Ausgabe der Capitularien besorgt; nach seiner schweren
Erkrankung trat für ihn Dr. =Krause= ein. Mit der Bearbeitung der
Reichsgesetze ist =L. Weiland= beschäftigt. Als eine überaus werthvolle
Ergänzung ist die Ausgabe der Formeln von =K. Zeumer= hinzugetreten.
[16] Seine sehr reichhaltigen und anziehenden Reisebriefe sind im
Archiv VIII, S. 102-252, gedruckt.
In besserer Weise wurde mit Benutzung tüchtiger jüngerer Kräfte die
Reihe der Scriptores fortgeführt; in rascher Folge erschienen 1839 und
1841 der dritte und vierte Band, welche =die Periode der sächsischen
Kaiser= enthalten. Bei diesen trat =G. Waitz= als Mitarbeiter ein,
während =Lappenberg=, der die Geschichtsquellen der niederelbischen
Lande übernommen hatte, hier als Erstling den Thietmar von Merseburg
bearbeitete, dem später Adam von Bremen u. a. folgten. Für die Zeit
der Karolinger hatten zwei Bände genügt und ebenso noch für die Zeit
der Ottonen zwei von etwas stärkerem Umfange; die Salier dagegen, mit
Lothar, erforderten acht Bände, die von 1844 bis 1856 erschienen; so
sehr wächst um diese Zeit die Masse des Stoffes. Neben Waitz finden
wir hier auch =C. L. Bethmann= thätig, der schon längere Zeit an
den Vorarbeiten Theil genommen und namentlich in den Bibliotheken
Frankreichs und Belgiens gearbeitet hatte; es gelang ihm u. a. die
Urschrift der Chronik des Sigebert zu entdecken, welche mit allen
ihren Fortsetzungen im 6. Bande erschien. Eine längere Reihe jüngerer
Mitarbeiter hat sich den schon genannten angeschlossen, in den letzten
Jahren häufiger wechselnd; von der ersten Generation ist nur =G. Waitz=
fortwährend noch als Herausgeber einzelner Werke betheiligt geblieben.
So ersprießlich nun auch für die rasche Ausführung des Unternehmens
sich die thatsächlich durchaus monarchische Leitung anfänglich
erwiesen hatte, so zeigte sich im Verlaufe desselben immer deutlicher,
daß seine große Ausdehnung die Kräfte eines Mannes überstieg[17],
wie denn auch die ursprünglichen Statuten eine ganz andere Form
vorgeschrieben hatten. Nachdem schon am Bundestage nach dem Referate
Roberts von Mohl eine Aenderung der Leitung in Angriff genommen war,
nahm nach den Kriegsjahren der neue Bundesrath sich der Sache an,
und im Januar 1875 ist unter der Vermittelung der Berliner Akademie
der Wissenschaften eine neue Organisation ins Leben gerufen. Die
Leitung des ganzen Unternehmens hat jetzt eine Centraldirection, deren
Vorsitzender bis an seinen Tod =G. Waitz= war, jetzt =E. Dümmler=; die
einzelnen Abtheilungen sind besonderen Leitern selbständig übergeben.
=Waitz= selbst übernahm die Scriptores und provisorisch die Leges,
=Th. Mommsen= die 'Auctores antiquissimi' der Uebergangszeit als
eigene Abtheilung, =Sickel= die Diplomata, =Wattenbach= die Briefe,
=Dümmler= die Antiquitates. Als beschlossen war, auch die Concilien
der Merowingerzeit aufzunehmen, übernahm =Maaßen= die Vorbereitung
der Ausgabe. Für solche Serien, welche neu begonnen werden, ist ein
bequemeres Quartformat eingeführt. Als Fortsetzung des =Archivs=
der Gesellschaft erscheint das =Neue Archiv=, von welchem jährlich
ein Band ausgegeben wird; dasselbe beginnt mit einem Bericht über
die Neugestaltung der Direction und bringt regelmäßig Berichte über
die jährlichen Versammlungen der Centraldirection und den Stand der
Arbeiten.
[17] Vgl. darüber die Anzeige von SS. XXIII. und Arch. XII. von L.
Weiland, GGA. 1877, S. 769-796.
Von dem Deutschen Reich und Oesterreich sind bedeutende Geldmittel
bewilligt, welche eine gesteigerte Betreibung der Arbeiten durch
zahlreiche Gelehrte ermöglichen.
Werfen wir nun einen Blick auf die Art der Ausführung, so treten uns
besonders zwei Hauptprincipien entgegen, welche im Vergleich mit den
älteren Sammlungen einen bedeutenden Fortschritt bezeugen: die genaue
Wortkritik und die strenge Sichtung des Inhalts mit Bezug auf die
Herkunft und Glaubwürdigkeit der Nachrichten.
Zum ersten Male sind hier die mittelalterlichen Schriftsteller mit
einer Genauigkeit behandelt, wie sie früher nur classischen Autoren
zugewandt wurde. Von Anfang an wurde der Grundsatz aufgestellt und in
der Regel auch befolgt, für jeden Schriftsteller alle erreichbaren
handschriftlichen Hülfsmittel zusammenzubringen, ohne Rücksicht auf
frühere Drucke nur die beste Handschrift zu Grunde zu legen, und durch
Vergleichung der übrigen die möglichste Reinheit und Sicherheit des
Textes zu erstreben.
Wenn auch durch frühere Sorglosigkeit, durch die Verwüstungen
der Bauernkriege und die stürmischen Zeiten am Ende des vorigen
Jahrhunderts viel zu Grunde gegangen ist, so hat sich doch, wie
die unternommenen Reisen nach und nach ergaben, mehr erhalten, als
man irgend erwartet hatte. Und wenn auch jetzt manche Handschrift
vermisst wird, welche den Maurinern noch vorlag, so bietet dagegen
unsere Zeit den Vortheil, daß fast alle Bibliotheken und Archive der
wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, während jene noch häufig
über die eifersüchtige Verweigerung des Eintritts Klage führten. Hat
doch selbst Mabillon in Salzburg, so festlich er auch dort empfangen
wurde, keine Handschrift zu sehen bekommen[18].
[18] Vgl. darüber B. Pez, Thes. I. Diss. Isagog. p. V.
Von nicht geringerer Wichtigkeit als die Correctheit der Texte ist
aber zweitens die genaue kritische Analyse der Quellen. Nicht nur sind
dadurch mehrere früher allgemein benutzte Schriften als untergeschoben
gänzlich ausgeschieden worden, sondern auch die echten Chronisten
werden erst dadurch dem Geschichtsforscher recht brauchbar, daß ihm
auf den ersten Blick entgegentritt, was jedem eigenthümlich, was
von anderen entlehnt ist, und woher er es entnommen hat. Zuerst in
der Ausgabe des Regino, und seit dem vierten Bande der Scriptores
in consequenter Durchführung, wird alles von anderen unmittelbar
entlehnte auch durch Petitdruck kenntlich gemacht, was die Benutzung
ungemein erleichtert. Das wird jeder zu würdigen wissen, welcher irgend
Gelegenheit gehabt hat, andere Sammlungen und Ausgaben zu benutzen, wo
der gewissenhafte Forscher diese Arbeit stets von neuem vornehmen muß,
während freilich viele es sich leichter machen und ohne Unterscheidung
gleichzeitige, spätere und abgeleitete Nachrichten benutzen.
Die =Reihenfolge= der Quellen ist =chronologisch=, und zwar in
zweifacher Weise, zuerst nach den angegebenen größeren Perioden und
dann wieder innerhalb der kleineren Abtheilungen. In einer solchen
Periode werden nämlich zuerst die Annalen gegeben, streng nach Jahren
geordnete, oft gleichzeitige, in der Regel kurze Aufzeichnungen[19].
Darauf folgen die Chroniken und Geschichten, welche zum Theil noch
die annalistische Form beibehalten, doch nur als äußere Gestalt,
denn sie sind meistens nicht gleichzeitig und unterbrochen,
sondern zusammenhängend, im Rückblick auf einen größeren Zeitraum
aufgezeichnet, und versuchen, über die bloße Aufzeichnung der
Thatsachen hinausgehend, deren pragmatische Verbindung und innere
Entwicklung nachzuweisen. Den allgemeineren Werken dieser Art schließen
sich die Localchroniken an, deren wir aus der älteren Zeit manche
von Klöstern und Bisthümern besitzen, während später die Chroniken
der Länder und Städte beginnen, und allmählich ganz das Uebergewicht
gewinnen. Den Schluß bilden die Biographieen und kleineren Erzählungen
verschiedener Art, welche nebst den Localchroniken in das lebendige
Treiben der Zeit einführen, und denen wir größtentheils das Fleisch und
Blut zu dem chronologischen Gerüste der Annalen verdanken.
[19] In den letzten Bänden ist unter der Leitung von Pertz der
Begriff der Annalen immer weiter und, wie mir scheint, übermäßig
ausgedehnt, z. B. auf Albert von Stade, Vincenz von Prag.
Es versteht sich von selbst, daß diese Gattungen durch keine scharfe
Grenzen gesondert sind, und manches Stück so sehr in der Mitte steht,
daß es nur nach zufälligen Umständen hier oder dort seine Stelle
findet.
Innerhalb dieser Kategorieen ist die Anordnung wiederum chronologisch,
nach dem Endjahr, doch wird dieser Grundsatz nicht pedantisch
durchgeführt, sondern durch mancherlei Rücksichten beeinträchtigt.
Nicht nur wird nachträglich mitgetheilt, was während der Arbeit neu
entdeckt wird, sondern es bleibt auch oft das gleichartige zusammen.
Namentlich wird die Fortsetzung nicht vom Hauptwerk getrennt, wenn
sie nicht ganz selbständiger Art ist. So sind die Casus S. Galli bis
1233 beisammen geblieben, und Sigebert mit seinen Fortsetzern, so auch
Cosmas und die österreichischen wie die schwäbischen Annalen.
Dom Bouquet und seine ersten Fortsetzer haben das entgegengesetzte
Princip verfolgt. Sie gaben zu jeder Periode alles darauf bezügliche
aus allen Schriftstellern, wodurch scheinbar ein großer Vortheil
für den Geschichtschreiber erreicht wird, da er seinen ganzen Stoff
übersichtlich vor Augen hat. Dagegen aber wird es ihm außerordentlich
schwer, ein kritisches Urtheil über die Quellen zu gewinnen, weil
er sie nirgends vollständig beisammen hat; und doch kommt bei der
geschichtlichen Forschung gerade darauf so viel an: es ist wenig damit
gewonnen, die Worte einer historischen Nachricht zu haben, wenn man
nicht weiß, wie viel Glauben der Schriftsteller verdient, und wie die
ganze Art und Weise seiner Auffassung und Darstellung beschaffen ist.
Während nun bei Bouquet z. B. der Sigebert in viele Bände vertheilt
ist, bleibt in den Mon. Germ. jeder Schriftsteller so viel wie
möglich in seiner Integrität; man hat auch nicht, wie Stenzel früher
vorschlug, dasjenige weggelassen, was der Verfasser nur aus anderen
bekannten Quellen entlehnt hat; sondern man hat es wenigstens bei
den bedeutenderen Schriftstellern vorgezogen, diese Theile nur
durch kleineren Druck kenntlich zu machen, weil es für uns auch
von Wichtigkeit ist zu wissen, wie die Schriftsteller der Zeit die
Vergangenheit behandelten, aus welchen abgeleiteten Quellen die
Folgezeit ihre Kenntniß schöpfte, und wie auf diese Weise die Kunde
der Geschichte allmählich verengt und entstellt wurde. So hat z. B.
die Chronik des Martin von Troppau fast gar keinen eigenen Werth, aber
sein Compendium der Pabst-und Kaisergeschichte ist nichtsdestoweniger
sehr wichtig, weil es Jahrhunderte lang die Hauptquelle der
Geschichtskenntniß blieb.
In manchen Fällen jedoch war es nicht rathsam oder thunlich, die ganzen
Werke aufzunehmen, und dann hat man sich auf Auszüge beschränkt; wenn
nämlich die Hauptmasse der deutschen Geschichte fern liegt, fremde
Länder oder zu entlegene Zeiten betrifft, wenn zwischen theologischen
und anderen Betrachtungen sich nur vereinzelt geschichtliche
Nachrichten finden, oder wenn eine wüste Compilation vorlag, welche
keinen Anspruch darauf machen kann, als litterarisches Erzeugniß
behandelt zu werden. Deutsche Hauptschriftsteller dagegen, welche durch
ihre ganze Persönlichkeit bedeutend sind, haben ein wohlbegründetes
Recht darauf, in ihrer ganzen Individualität aufgefaßt zu werden, und
Männern wie Otto von Freising darf man ihre Werke nicht verstümmeln[20].
[20] Sehr verständig äußert sich darüber am 21. Jan. 1821 Herr von
Buchholz in Wien, der mit lebhafter Theilnahme dem Unternehmen
zugewandt war, Archiv III. 327, und schon früher E. M. Arndt in
Steins Leben VI, 2, 129; vgl. V, 273. 366. Ebenso auch Niebuhr,
Arch. V, 729.
Von auswärtigen Geschichtsquellen sind von Anfang an nicht selten
Auszüge mitgetheilt; in der Periode der Staufer haben diese einen
sehr großen Umfang gewonnen. Es bedarf zu ihrer Bearbeitung einer
sehr großen Arbeit voll Selbstverleugnung, da gewöhnlich zur Gewinnung
der Auszüge das ganze Werk kritisch untersucht werden mußte. Für die
Benutzung aber ist bei der oft schwierigen Zugänglichkeit der Ausgaben
diese Zusammenstellung eine große Wohlthat, und ein gegen dieses
ganze Verfahren gerichteter Angriff hat deshalb von vielen Seiten eine
scharfe Zurückweisung hervorgerufen; es genügt hier, auf die Schrift
von =O. Holder-Egger= zu verweisen: „Die Monumenta Germaniae und ihr
neuester Kritiker“ (Hann. 1888).
Von manchen der bedeutenderen Quellen sind nun neben der großen
Sammlung auch =Octavausgaben= veranstaltet, ursprünglich ohne den
kritischen Apparat, jetzt aber mit demselben. Auch werden in dieser
Form neue Ausgaben veranstaltet und einzelne ferner liegende Quellen
vorläufig mitgetheilt.
Ueber diesen ganzen reichhaltigen, aber wegen verschiedener Umstände
nicht systematisch geordneten und schwer zu übersehenden Inhalt gewährt
jetzt ein ungemein dankenswerthes =Repertorium= die vortrefflichste
Uebersicht, gemeinschaftlich verfasst von =O. Holder-Egger= und =K.
Zeumer=[21].
[21] Indices eorum quae in Monumentorum Germaniae historicorum tomis
huiusque editis continentur. Hannov. et Berol. 1890. 4.
Sehr zu rathen ist, die wichtigeren, jetzt so leicht zugänglich
gemachten Quellenschriften auch wirklich zu lesen, weil das bloße
Nachschlagen und Benutzen einzelner Stellen zu so vielen Irrthümern
und Mißverständnissen Anlaß giebt, und nur das Lesen im Zusammenhang
die richtige Anschauung gewährt; nur dadurch gewinnt man ein lebendiges
Bild von den einzelnen Schriftstellern, wie von der ganzen Zeit und der
damals herrschenden Art der Anschauung und Auffassung.
Noch besser wird vielleicht in manchen Fällen dieser Zweck erreicht
durch die schon von =Stein= gewünschten[22] =Uebersetzungen= aus denen
uns der Inhalt der Schriften weit reiner entgegentritt, indem der Leser
hier nicht durch die einzelnen Schwierigkeiten beschäftigt wird, die
sonst leicht seine Aufmerksamkeit zerstreuen. Auch wird man durch die
Uebersetzungen nicht selten auf Stellen aufmerksam gemacht, die man
früher übersah, und wenn die Uebersetzung gelungen ist, bietet sie kein
unbedeutendes Hülfsmittel dar zum richtigen Verständniß des Textes,
welches häufig gar nicht so leicht ist, wie der erste Anschein glauben
läßt. Denn das mittelalterliche Latein hat viel eigenthümliches, und
nicht nur in diese Sprache überhaupt, auch in den Sprachgebrauch der
einzelnen Schriftsteller muß man sich erst mit Sorgfalt hineinlesen, um
ihn ganz zu verstehen.
[22] In einem Brief an Büchler vom 23. Juli 1827. Steins Leben VI, 1,
415. Böhmer legte der Centraldirection den Plan zu einer solchen
Sammlung vor, s. Janssen, Böhmers Leben S. 129.
Die Wichtigkeit dieser seit 1849 unter dem Titel der
=Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit= erscheinenden Sammlung
von Uebersetzungen ist deshalb unverkennbar, aber die Ausführung ließ
viel zu wünschen übrig. Die Ungleichartigkeit der einzelnen Arbeiten
ließ den Mangel einer eigentlichen Leitung sehr empfinden, und manche
Uebersetzung war voll von Fehlern. Von den auf dem Titel genannten
berühmten Namen hat nur Pertz sich der Sache wirklich angenommen,
doch begreiflicher Weise nur als Nebensache. Jahrelang hat dann dieses
Unternehmen gänzlich geruht, ist jedoch, seit einigen Jahren wieder in
Angriff genommen. Die Nützlichkeit desselben bewährt sich auch dadurch,
daß von vielen einzelnen Bänden neue Auflagen nöthig geworden sind, und
gegenwärtig erscheint, von =Wattenbach= geleitet, eine chronologisch
fortschreitende neubearbeitete Auflage der ganzen Sammlung.
§ 5. Andere Arbeiten des neunzehnten Jahrhunderts.
In weiten Kreisen hat das Unternehmen der Monumenta Germaniae anregend
gewirkt, es hat als Vorbild gedient in Turin und in England; aber
andererseits wurde es auch befördert durch mancherlei Bestrebungen
verwandter Art, und durch die lebhafte Aufmerksamkeit, welche überhaupt
für das Mittelalter einmal erweckt war und bald zu den gediegensten
Untersuchungen führte. =Raumer=, =Ranke=, =Stenzel= wirkten in
anregendster Weise sowohl mündlich wie schriftlich. Schon 1813
erschien von Fr. v. Raumer das Handbuch merkwürdiger Stellen aus den
lateinischen Geschichtschreibern des Mittelalters, und die Geschichte
der Hohenstaufen (1824) gab das Beispiel einer lebendigen Benutzung der
Quellen, einer auf Leben, Verfassung, Sitte eingehenden Darstellung,
welche nicht für den Gelehrten allein geschrieben ist. Ranke stellte in
seiner Schrift _Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber_, welche 1824 als
Beilage zu seinen Romanischen und Germanischen Geschichten erschien,
das trefflichste Muster der Quellenkritik auf[1], während seine
praktischen Uebungen, aus denen die Jahrbücher des deutschen Reichs
unter den sächsischen Kaisern hervorgegangen sind, die Mehrzahl der
älteren Mitarbeiter an den Monumenten ausgebildet haben.
[1] Neue Ausgabe 1874: Ges. Werke XXXIV. Vgl. G. Waitz in den
Nachrichten von der G. A. Universität 1855, N. 14.
Stenzel gab in seiner Geschichte der fränkischen Kaiser 1828 eine
rein nach Originalquellen gearbeitete Darstellung, welche um so
bewundernswerther erscheint, wenn man den damaligen Zustand der
Quellen und den Mangel an guten Hülfsmitteln und Vorarbeiten bedenkt.
Vorzüglich aber enthält der zweite Band treffliche Untersuchungen
über einzelne Geschichtsquellen dieser Zeit, und eine ausgezeichnete
Abhandlung über die bei ihrer Behandlung festzuhaltenden Grundsätze.
Seitdem haben sich diese Bestrebungen in immer weiteren Kreisen
verbreitet; aller Orten sind historische Vereine thätig für die
Bearbeitung der vorherrschend localen Quellen. Eine Zeit lang war man
vielfach geneigt, alles von den Herausgebern der Monumenta zu erwarten,
allein bald erkannte man doch, daß diese die späteren Zeiten noch
lange nicht erreichen werden, und daß auch, je mehr mit der Zeit der
Stoff anwächst und sich zersplittert, desto weniger alles ohne Ausnahme
Aufnahme finden kann. Sehr zweckmäßig ist es daher, daß man angefangen
hat, die Quellen einzelner Gegenden selbständig herauszugeben, wobei
dann auch das spätere Mittelalter und das sechzehnte Jahrhundert mehr
Berücksichtigung gefunden haben. So erschienen von =Mone= die badischen
Geschichtsquellen, von =Grautoff= die lübischen, von =Lappenberg=
die bremischen, hamburgischen, holsteinischen, von =Stenzel= die
schlesischen, von der Gesellschaft der Wissenschaften zu =Görlitz=
die Lausitzer[2], von =Ficker=, =Cornelius=, =Janssen=, =Diekamp= die
münsterischen, von =Endlicher= die ungarischen, und vielfach sind
einzelne Quellenschriften abgesondert herausgegeben. In Böhmen, wo
schon früher eine rege Thätigkeit auf diesem Felde entfaltet war,
legte =Palacky= durch seine Würdigung der böhmischen Geschichtschreiber
den Grund zu einer erneuten kritischen Bearbeitung, und 1853 erschien
von =M. Töppen= die Geschichte der preußischen Historiographie, als
Vorläufer und Keim der ausgezeichneten Sammlung der _Scriptores Rerum
Prussicarum_, welche jetzt in fünf Bänden vollendet vorliegt. Die
=Städtechroniken=, ein ebenso wichtiges wie schwieriges Gebiet, hat die
Münchener historische Commission unter ihre Aufgaben aufgenommen und
unter =Karl Hegels= Leitung sind bereits zwanzig Bände erschienen.
[2] Da gegenwärtig die Schreibart solcher Formen mit kleinem
Anfangsbuchstaben durchaus herrschend ist, so scheint es nicht
überflüssig, auf J. Grimms Kl. Schriften V, 380 zu verweisen: „Ein
grobes versehn, dessen sich heutzutage fast alle ... schuldig
machen, ist es in den redensarten Pariser vertrag, Berliner
belagerungszustand und zahllosen andern den vorausgesetzten,
freilich ungefühlten gen. pl. für ein adjectiv zu halten....
Wenn doch einmal grosze Buchstaben gelten sollen, dürfen am
allerwenigsten sie solchen appellativen fehlen.“
Ueber das viele Material, welches in periodischen Schriften, besonders
in den Zeitschriften der historischen Vereine niedergelegt ist,
orientirt das Repertorium von =Walther= 1845 und das neuere und
zugleich umfassendere von =Koner= (1856). Eine weitere Fortsetzung
fehlt leider.
Doch noch eines Mannes haben wir zu gedenken, der allein mehr gewirkt
hat, als die meisten Vereine, und von dem sich der anregendste
lebendigste Einfluß nach allen Seiten verbreitete. =J. F. Böhmer=,
Bibliothekar in Frankfurt a. M. und mit Pertz Director der
Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde[3], hatte anfangs
die Redaction der Abtheilung der Kaiserurkunden übernommen, diese
aber später wieder aufgegeben, und sich auf die ursprünglich als
Vorarbeit dafür begonnenen _Regesten_ beschränkt. Diese haben in den
neueren Bearbeitungen immer weitere Ausdehnung erhalten; die kurzen
Urkundenauszüge sind vollständiger geworden und durch Auszüge aus
den Geschichtschreibern und Annalen in Verbindung gebracht; das ganze
historische Material einer Periode wird dem Geschichtsforscher geordnet
vor Augen gelegt und in den Einleitungen die Quellen besprochen und
gewürdigt. Der zuerst erschienene Theil, von 919 bis 1197, bedurfte
begreiflicher Weise auch zuerst der Berichtigung und Ergänzung. Diese
Aufgabe stellte sich =K. F. Stumpf= in seinem Werke: „Die Reichskanzler
vornehmlich des X., XI. u. XII. Jahrhunderts“, dessen Abschluss =J.
Ficker= nach dem frühen Tode des Verfassers in der Weise besorgte, daß
durch Aufnahme von Böhmers Citaten das Buch selbständig geworden ist
und man der alten Regesten nicht mehr bedarf. Außerdem aber ist eine
Neubearbeitung des ganzen Regestenwerkes in erweiterter Form in Angriff
genommen, wovon die Regesten der Karolinger von =Engelbert Mühlbacher=,
und die der Staufer von 1198 bis 1272, von =Ficker=, ihrer Vollendung
entgegen gehen.
[3] Ueber seinen Antheil s. Janssen, Böhmers Leben I, 122 ff. Allg.
D. Biogr. III, 76-78, von Wattenbach.
Neben dieser, für die historischen Studien unendlich fruchtreichen
Arbeit wurde =Böhmer= durch die Verwahrlosung der späteren Chroniken
und den Besitz an reichem, aus Handschriften gewonnenem Stoff
veranlaßt, in den drei Bänden seiner _Fontes Rerum Germanicarum_
auch eine eigene Quellensammlung erscheinen zu lassen, welche für das
zwölfte bis vierzehnte Jahrhundert vom ausgezeichnetsten Werthe ist.
Mit mannigfachen Entwürfen beschäftigt, die nicht mehr zur Ausführung
kamen, ist Böhmer am 22. October 1863 in Frankfurt gestorben; in
seinem letzten Willen hat er für die geeignete Verwerthung seines
handschriftlichen Nachlasses und die Fortführung seiner Arbeiten
Fürsorge getroffen. Auch ist bereits durch =Alfons Huber= der
vierte Band der Fontes herausgegeben, während eine große Fülle von
werthvollem, urkundlichem Material durch =Julius Ficker= in den
_Acta Imperii Selecta_ verwerthet ist. Außer der schon erwähnten
Neubearbeitung der Kaiser-Regesten aber sind von =A. Huber= die
Regesten Karls IV, von =C. Will= die Regesten der Mainzer Erzbischöfe
als Theile dieses großen Corpus erschienen.
Eine umfassendere Quellensammlung von strengerem wissenschaftlichen
Charakter und mehr methodischer Art verdanken wir =Philipp Jaffé=,
lange Zeit dem vorzüglichsten Mitarbeiter der Monumenta. Von diesen
zurücktretend, begann Jaffé ein selbständiges Unternehmen unter dem
Titel _Bibliotheca Rerum Germanicarum_. Hinweisend auf den langsamen
Fortgang der Monumenta Germaniae, auf die nach 40 Jahren noch gänzlich
fehlenden drei Abtheilungen der Urkunden, Briefe und Alterthümer,
gab der Herausgeber als seinen Zweck an, Quellen verschiedener Art,
vorzüglich solche, welche in den Monumenten fehlen, zu einzelnen
auch in sich abgerundeten Gruppen zu vereinigen, so daß ein Ort, eine
bedeutende Persönlichkeit oder ein wichtiger Zeitraum den Mittelpunkt
bilde. So sind zuerst 1864 _Monumenta Corbeiensia_ erschienen, welche
mit einer berichtigten Ausgabe der Annalen und anderer kleinerer Stücke
die lange begehrten Briefe Wibalds verbinden, und schon 1865 folgten
_Monumenta Gregoriana_, die erste kritische Ausgabe der Briefe Gregors
VII nebst Bonitho's v. Sutri liber ad amicum. Trefflichkeit der Arbeit
mit sauberer Ausstattung und handlichem Format verbindend, hat dieses
neue Unternehmen überall freudige Aufnahme gefunden. In rascher Folge
erschienen noch drei Bände, welche als Hauptstücke die Bonifazische
Briefsammlung, den Codex Carolinus nebst Einhards Briefen und den
Codex Udalrici brachten, bis ein plötzlicher Tod am 3. April 1870 der
rastlosen Arbeit des Herausgebers ein Ziel setzte. Wie gewaltig diese
Arbeit gewesen war, das wissen am besten diejenigen zu schätzen, welche
den begonnenen sechsten Band vollendet haben, dessen Hauptinhalt die
Briefe Alcuins bilden.
Nicht unerwähnt darf hier auch Jaffé's älteres Werk bleiben, die
_Regesta Pontificum Romanorum_ bis zum Jahr 1198. Im Jahr 1851
erschienen, ist es seitdem als unentbehrliches Hülfsmittel überall
verbreitet und in seinem hohen Werthe anerkannt. Was bis dahin wohl
lebhaft gewünscht war, aber nur durch gemeinschaftliche Arbeit
einer gelehrten Körperschaft erreichbar schien, gewährt hier der
eiserne Fleiß und die umfassende Gelehrsamkeit des einzelnen Mannes.
Für den uns zunächst vorliegenden Zweck ist dieses Werk insofern
von Bedeutung, als es wegen der Berücksichtigung von Chronisten
und Biographieen auch einen Wegweiser durch die Litteratur der
Pabstgeschichte darbietet. Diese ist in neuester Zeit noch durch eine
umfassende Sammlung bereichert worden, durch =Watterichs= Ausgabe
der _Pontificum Romanorum Vitae_ von 872 bis 1198; der versprochene
dritte Band bis auf Gregor X fehlt noch. Nicht eben einverstanden
mit der Zusammenhäufung abgerissener Bruchstücke, verkennen wir doch
nicht die Verdienstlichkeit dieser mühsamen Arbeit, und werden sie bei
den einzelnen Abschnitten noch häufig zu erwähnen haben. Die weitere
Fortführung der Regesten bis 1304 verdanken wir =August Potthast=.
Von Jaffé's Regesten aber ist unter Wattenbachs Leitung eine neue sehr
vermehrte Ausgabe erschienen, von welcher der erste Theil bis 590 von
=F. Kaltenbrunner=, der zweite bis 882 von =P. Ewald=, der Haupttheil
von 882 bis 1198 von =S. Löwenfeld= bearbeitet sind.
* * * * *
Es bleibt noch übrig, einige Worte über ältere Arbeiten auf dem uns
vorliegenden Gebiete hinzuzufügen. Das Bedürfniß einer Darstellung der
historiographischen Entwickelung des deutschen Mittelalters machte
sich seit der immer wachsenden Beschäftigung mit diesem Zeitraum
stets dringender geltend. =Ludwig Wachlers= kurze Skizze im Eingange
seiner „Geschichte der historischen Forschung und Kunst“ (Gött. 1812)
verdient als erster Versuch Erwähnung, kann aber doch jetzt nur noch
dazu dienen, die seitdem gemachten Fortschritte recht lebhaft empfinden
zu lassen, während das eigentliche Hauptwerk auch jetzt noch brauchbar
ist. Willkommen als Hülfsmittel war =Dahlmanns= „Quellenkunde der
deutschen Geschichte nach Folge der Begebenheiten“, zuerst 1830, dann
1838 in zweiter Ausgabe erschienen; 1869 in dritter, 1875 in vierter,
1883 in fünfter Ausgabe durch G. Waitz =neu= bearbeitet und bedeutend
vermehrt, ist diese Quellenkunde als eine überaus dankenswerthe und
werthvolle Gabe zu betrachten, aber Darstellung liegt dem Plane des
Buches fern.
Ungemein verdienstlich war es, daß =F. Baehr= seine Geschichte der
römischen Litteratur über die gewöhnliche Grenze fortführend, 1836 die
christlichen Dichter und Geschichtschreiber Roms, 1837 die theologische
Litteratur hinzufügte, 1840 die Geschichte der römischen Litteratur
im karolingischen Zeitalter folgen ließ, mit derselben umfassenden
Gelehrsamkeit, derselben Sorgfalt und Genauigkeit gearbeitet, welche
das ganze Werk auszeichnet. Die neue Ausgabe wurde leider durch den
Tod des Verfassers unterbrochen und nur die erste Abtheilung des
vierten Bandes (Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber bis auf
Paulus Diaconus) ist 1872 in zweiter Ausgabe erschienen. Nicht minder
umfassend ist die jetzt schon in fünfter Auflage (1890) vorliegende
Geschichte der römischen Litteratur von =W. S. Teuffel= (besorgt von
=L. Schwabe=). 1837 erschienen „Die Geschichtschreiber der sächsischen
Kaiserzeit“ von =Contzen=, der sich durch die falschen Corveyer
Quellen irre führen ließ; was sonst etwa für jene Zeit brauchbares
in der Schrift enthalten war, ist durch die inzwischen erschienenen
neuen Ausgaben der betreffenden Schriftsteller vollkommen veraltet.
Auf einen anderen Abweg war =L. Haeusser= gerathen, indem er durch die
von Schlosser ihm mitgetheilten Briefe des Herrn =Galiffe= in Genf[4]
sich verleiten ließ, auf dessen wunderliche Ideen von systematischer
Fälschung der Quellen in großem Umfange einzugehen. Freilich bewahrte
ihn sein richtiger kritischer Sinn vor völliger Zustimmung; vielmehr
widerspricht er häufig den Behauptungen Galiffe's, doch ist er noch
immer geneigt, ihnen zu große Bedeutung beizulegen. Uebrigens enthält
diese Schrift „Ueber die Teutschen Geschichtschreiber vom Anfang
des Frankenreichs bis auf die Hohenstaufen“ (Heid. 1839) manche
treffende Bemerkung, beruht aber noch auf zu ungenügenden Studien, um
das vorgesteckte Ziel erreichen zu können. Haeusser war damals noch
Lehrer in Wertheim; er hat sich später anderen Gebieten zugewandt und
diesen Gegenstand nicht wieder berührt. Noch war auch die Lage der
Dinge so, daß fast nur in dem Kreise der Mitarbeiter an den Monumenta
Germaniae die hinlängliche Vertrautheit mit dem ganzen Quellengebiet
erreichbar war, welche die Lösung der vorliegenden Aufgabe möglich
machte. Von hier aus trat nun =G. Waitz= mit einer Arbeit auf,
welche zuerst einen bleibenden Werth in Anspruch nehmen kann. In Kiel
gehaltene Vorträge weiter ausführend, gab er 1844 und 1845 in W. A.
Schmidts Zeitschrift für Geschichtswissenschaft II, 39-58, 97-114,
IV, 97-112 „Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie
im Mittelalter“ eine Darstellung, welche als grundlegend auf diesem
Gebiet betrachtet werden muß, und lange Zeit für diese Studien das
vorzüglichste Hülfsmittel blieb. Die Absicht, den Gegenstand in einem
größeren Werke eingehender zu behandeln, brachte Waitz jedoch nicht zur
Ausführung und suchte dagegen durch eine von der Göttinger Gesellschaft
der Wissenschaften gestellte Preisfrage eine Bearbeitung von anderer
Hand hervorzurufen. Schon früher mit dem Plane eines solchen Werkes
beschäftigt, nahm ich hiervon Veranlassung zu der 1858 erschienenen
ersten Auflage des hier vorliegenden Buches, welchem 1866 die zweite,
1873 die dritte, 1877 die vierte, 1885 die fünfte folgten. Eine sehr
nützliche und willkommene Ergänzung desselben gewähren die von =W.
v. Giesebrecht= in seiner „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“ mit
den einzelnen Abschnitten verbundenen Uebersichten der Quellen und
Hülfsmittel, welche von anderem Gesichtspunkt ausgehen und über manche
Quellenschriften sehr lehrreiche Bemerkungen enthalten. Untersuchungen
über einzelne Geschichtsquellen sind in reicher Fülle erschienen;
sie werden in dieser neuen Ausgabe berücksichtigt werden, soweit sie
in den betreffenden Zeitraum gehören. Ueber diese hinauszugehen, war
meine Absicht nie gewesen, weil dazu ein Studium der Quellen allein
kaum ausreicht; es ist fast unerläßlich, daß, wer eine solche Aufgabe
lösen will, selbständig innerhalb dieses Zeitraums gearbeitet habe.
Um so erfreulicher war es, dass =Ottokar Lorenz=, der Verfasser der
freilich leider unvollendeten „Deutschen Geschichte im 13. und 14.
Jahrhundert“, sich entschloß, diese gerade ihm so nahe liegende Arbeit
zu unternehmen. Zuerst 1870 im Anschluß an mein Werk erschienen,
ist auch dieses Werk 1876 in zweiter Auflage erschienen, in welcher
es durchgängig vermehrt, verbessert, und auch bis zum Ausgang des
Mittelalters fortgeführt ist. 1886 erschien die dritte Auflage in
Verbindung mit Dr. =Arthur Goldmann=.
[4] Diese Briefe sind nur autographirt vorhanden; vgl. die
Lobpreisung: Notice sur la vie et les travaux de J. A. Galiffe
(Genève 1856) S. 56.