Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten
sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander
verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch.
»Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande!
Dann sind wir in Cartagena.« Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich
beherrscht.
»Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!«
Las Casas ließ sie.
Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm
durch den Kopf -- er müsse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles.
Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den
letzten Entschluß sich abgepreßt hatte.
Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er
wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim
Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste
waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt.
Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen.
Alle mußten hinuntersteigen.
Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.
Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die
Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas'
Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.
Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem
trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor
Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er
blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie
sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.
Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die
Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund
sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual.
Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er
schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die
Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er
flüsterte: »Juana« und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den
Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig
werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen
Willen.
Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die
Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.
In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen
sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes
Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich
mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang
sie jung und nach Andalusien!): »Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.«
Las Casas wandte sich nicht um.
Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob
den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte,
wollte er Einhalt rufen oder winken.
Doch die Geste wirkte unsächlich.
Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei
über die Galeere hin. Es war zu viel.
Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter
der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein
Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links.
Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals.
Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann
blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die
Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage.
Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.
Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit
roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven
wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war
es.
Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die
Leiche Las Casas' ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner
Fanale.
Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal,
die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig
Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er
seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen
Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und
Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit
ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich
scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser.
Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena
einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das
Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit
sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.
Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt.
Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der
weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen
mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter
Heiligenschein.
Juana taumelte.
Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber
ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das
Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und
raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über
einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte
ihren Kopf an seine Brust.
Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer
Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht
für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.