Der Fakir verbeugte sich, ging. -- --

Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf

sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in

der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie

tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine

glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die

Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem

rang.

Franz kam nicht.

Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend

herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter;

erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise,

eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte

sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle

mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf

den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib.

Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.

Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt,

über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne

zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel

plötzlich und hastig vorsprang.

Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem

sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz

gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam

durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit

stillen Bäumen.

Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen

führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort

erglühte: »Deo«, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und

hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen

Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und

so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen

eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch

auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im

Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und

darstellend.

Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die

Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt

hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche

wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet.

Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die

Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen

übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen

. . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen

und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht

gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen

Geläute dieser Stimme.

Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer

Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann

mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt

ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und

Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf

die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief

im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der

Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie

beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran

sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem

köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus,

wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten

Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren

Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den

letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der

Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas

zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen

eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und

röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente

Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem

floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz

tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des

Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf

gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb

und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys

Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur

anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit

Nadeln stach. -- Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten

Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht

und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die

Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne

verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine

Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte

Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte,

damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und

endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast

erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr

selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des

Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte

und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man

verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden,

langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den

Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen

kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu

lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen -- o vieles

mehr -- sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem

strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen

wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst

vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück

überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie

sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa --

erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie

erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun

betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es

Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens

vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten

Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der

Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und

ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein

beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie

umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine

Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im

Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen

und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den

Bauch.

Aber sie spürte es nicht.

Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und

Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie

Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.

Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles

löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren

Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand

danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube

überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles

begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie

ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie

nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an

Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie

glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die

absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu

ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer

des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine

Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.

Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie

erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah

dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.

Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die

Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut

eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die

Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle

und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und

Pfeifen der Maschinen

Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie

wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem

Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie

riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich

erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.

Aber er verstand sie nicht.

Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände

schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer

linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein

Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien.

Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten

überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem

immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute

. . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die

kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die

Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den

Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer

hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . .

losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin

wie ein seltsames und gutes Licht.

Die sechs Mündungen: Novellen · 第 23 / 39 题