Kein Ton. --

Jehan lächelte: Wie in der Tonne.

Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor

in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine

große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos

gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße

hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der

anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug

den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine

dunkle Passage durch kleine wüste Gassen.

Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den

Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen

lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter

dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den

Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold.

Grün waren seine Schuhe.

So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer

erschlüge.

Doch es erschlug ihn keiner.

Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster

mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die

Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.

Niemand kam.

Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit

Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.

Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war

verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie

rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte

auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie

nicht. Die Tür knirschte kaum.

Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan

Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute

Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines

helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die

Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.

Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend

unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:

Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte

Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber

Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm

die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ

er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete

seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- --

Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein

Mönch zwei Knaben an zum Verkauf.

Jehan lehnte ab.

An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte

Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die

Klinge brach ab.

Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.

Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl

ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es

schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und

sank blutend auf den Boden.

Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie

spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein.

Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste.

Wie . . . ?

Stille, kein Ton kam durch die Straße.

Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über

dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane

zwischen den Säulen.

Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür

und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten

Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die

die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von

Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin

. . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er

empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts

mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina

darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie

spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer

mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal

aufnahm.

Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere

Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf

der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er

das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix

gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah

die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und

sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem

Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.

Es wurde heller.

Silberne Drossel . . .

Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie

sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch

einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück.

Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute.

Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen

Lippen. Dann wandte er sich.

An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die

Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier

und tötete es.

Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging

vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle

Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er

über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang

laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und

sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch

seine Macht.

Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich

einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten

die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend.

Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine

Braue . . . schien es ihm.

Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich

von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:

»Wo willst du hin?«

»Nach dem Wald.«

»Du nimmst mich mit!!«

Die sechs Mündungen: Novellen · 第 16 / 39 题