Um die gleiche Zeit aber war es auch aus mit den wenigen Überbleibseln

seines ehemaligen Besitzes und die Unordnung so weit gediehen, daß

auch sein Haus und der letzte Acker, seit geraumer Zeit verpfändet,

nun gerichtlich verkauft wurden. Denn der Bauer, welcher die zwei

Äcker des Manz gekauft, benutzte die gänzliche Verkommenheit Martis

und seine Krankheit und führte den alten Streit wegen des streitigen

Steinfleckes kurz und entschlossen zu Ende, und der verlorene Prozeß

trieb Martis Faß vollends den Boden aus, indessen er in seinem

Blödsinne nichts mehr von diesen Dingen wußte. Die Versteigerung fand

statt; Marti wurde von der Gemeinde in einer Stiftung für dergleichen

arme Tröpfe auf öffentliche Kosten untergebracht. Diese Anstalt befand

sich in der Hauptstadt des Ländchens; der gesunde und eßbegierige

Blödsinnige wurde noch gut gefüttert, dann auf ein mit Ochsen

bespanntes Wägelchen geladen, das ein ärmlicher Bauersmann nach der

Stadt führte, um zugleich einen oder zwei Säcke Kartoffeln zu

verkaufen, und Vrenchen setzte sich zu dem Vater auf das Fuhrwerk, um

ihn auf diesem letzten Gange zu dem lebendigen Begräbnis zu begleiten.

Es war eine traurige und bittere Fahrt, aber Vrenchen wachte

sorgfältig über seinen Vater und ließ es ihm an nichts fehlen, und es

sah sich nicht um und ward nicht ungeduldig, wenn durch die Kapriolen

des Unglücklichen die Leute aufmerksam wurden und dem Wägelchen

nachliefen, wo sie durchfuhren. Endlich erreichten sie das weitläufige

Gebäude in der Stadt, wo die langen Gänge, die Höfe und ein

freundlicher Garten von einer Menge ähnlicher Tröpfe belebt waren, die

alle in weiße Kittel gekleidet waren und dauerhafte Lederkäppchen auf

den harten Köpfen trugen. Auch Marti wurde noch vor Vrenchens Augen in

diese Tracht gekleidet, und er freute sich wie ein Kind darüber und

tanzte singend umher. „Gott grüß euch, ihr geehrten Herren!" rief er

seine neuen Genossen an, „ein schönes Haus habt ihr hier! Geh heim,

Vrenggel, und sag' der Mutter, ich komme nicht mehr nach Haus, hier

gefällt's mir bei Gott! Juchhei! Es kreucht ein Igel über den Hag, ich

hab' ihn hören bellen! O Meitli, küß' kein' alten Knab', küß' nur die

jungen Gesellen! Alle die Wässerlein laufen in Rhein, die mit dem

Pflaumenaug', die muß es sein! Gehst du schon, Vreeli? Du siehst ja

aus wie der Tod im Häfelein und geht es mir doch so erfreulich! Die

Füchsin schreit im Felde: Halleo, halleo! Das Herz tut ihr weho!

hoho!" Ein Aufseher gebot ihm Ruhe und führte ihn zu einer leichten

Arbeit, und Vrenchen ging das Fuhrwerk aufzusuchen. Es setzte sich auf

den Wagen, zog ein Stückchen Brot hervor und aß dasselbe; dann schlief

es, bis der Bauer kam und mit ihm nach dem Dorfe zurückfuhr. Sie kamen

erst in der Nacht an. Vrenchen ging nach dem Hause, in dem es geboren

und nur zwei Tage bleiben durfte, und es war jetzt zum erstenmal in

seinem Leben ganz allein darin. Es machte ein Feuer, um das letzte

Restchen Kaffee zu kochen, das es noch besaß, und setzte sich auf den

Herd, denn es war ihm ganz elendiglich zumut. Es sehnte sich und

härmte sich ab, den Sali nur ein einziges Mal zu sehen, und dachte

inbrünstig an ihn; aber die Sorgen und der Kummer verbitterten seine

Sehnsucht und diese machten die Sorgen wieder viel schwerer. So saß es

und stützte den Kopf in die Hände, als jemand durch die offenstehende

Tür hereinkam. „Sali!" rief Vrenchen, als es aufsah, und fiel ihm um

den Hals; dann sahen sich aber beide erschrocken an und riefen: „Wie

siehst du elend aus!" Denn Sali sah nicht minder als Vrenchen bleich

und abgezehrt aus. Alles vergessend, zog es ihn zu sich auf den Herd

und sagte: „Bist du krank gewesen, oder ist es dir auch so schlimm

gegangen?" Sali antwortete: „Nein, ich bin gerade nicht krank, außer

vor Heimweh nach dir! Bei uns geht es jetzt hoch und herrlich zu; der

Vater hat einen Einzug und Unterschleif von auswärtigem Gesindel und

ich glaube, soviel ich merke, ist er ein Diebeshehler geworden.

Deshalb ist jetzt einstweilen Hülle und Fülle in unserer Taverne,

solang es geht und bis es ein Ende mit Schrecken nimmt. Die Mutter

hilft dazu, aus bitterlicher Gier, nur etwas im Hause zu sehen, und

glaubt den Unfug noch durch eine gewisse Aufsicht und Ordnung

annehmlich und nützlich zu machen! Mich fragt man nicht und ich konnte

mich nicht viel darum kümmern; denn ich kann nur an dich denken Tag

und Nacht. Da allerhand Landstreicher bei uns einkehren, so haben wir

alle Tage gehört, was bei euch vorgeht, worüber mein Vater sich freut

wie ein kleines Kind. Daß dein Vater heute nach dem Spittel gebracht

wurde, haben wir auch vernommen; ich habe gedacht, du werdest jetzt

allein sein, und bin gekommen, um dich zu sehen!" Vrenchen klagte ihm

jetzt auch alles, was sie drückte und was sie erlitt, aber mit so

leichter, zutraulicher Zunge, als ob sie ein großes Glück beschriebe,

weil sie glücklich war, Sali neben sich zu sehen. Sie brachte

inzwischen notdürftig ein Becken voll warmen Kaffee zusammen, welchen

mit ihr zu teilen sie den Geliebten zwang. „Also übermorgen mußt du

hier weg?" sagte Sali, „was soll denn ums Himmels willen werden?" „Das

weiß ich nicht," sagte Vrenchen, „ich werde dienen müssen und in die

Welt hinaus! Ich werde es aber nicht aushalten ohne dich, und doch

kann ich dich nie bekommen, auch wenn alles andere nicht wäre, bloß

weil du meinen Vater geschlagen und um dem Verstand gebracht hast!

Dies würde immer ein schlechter Grundstein unserer Ehe sein und wir

beide nie sorglos werden, nie!" Sali seufzte und sagte: „Ich wollte

auch schon hundertmal Soldat werden oder mich in einer fremden Gegend

als Knecht verdingen, aber ich kann noch nicht fortgehen, solange du

hier bist, und hernach wird es mich aufreiben. Ich glaube, das Elend

macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, so daß es um Leben

und Tod geht! Ich habe von dergleichen keine Ahnung gehabt!" Vrenchen

sah ihn liebevoll lächelnd an; sie lehnten sich an die Wand zurück und

sprachen nichts mehr, sondern gaben sich schweigend der glückseligen

Empfindung hin, die sich über allen Gram erhob, daß sie sich im

größten Ernste gut wären und geliebt wüßten. Darüber schliefen sie

friedlich ein auf dem unbequemen Herde, ohne Kissen und Pfühl, und

schliefen so sanft und ruhig wie zwei Kinder in einer Wiege. Schon

graute der Morgen, als Sali zuerst erwachte; er weckte Vrenchen, so

sacht er konnte; aber es duckte sich immer wieder an ihn,

schlaftrunken, und wollte sich nicht ermuntern. Da küßte er es heftig

auf den Mund und Vrenchen fuhr empor, machte die Augen weit auf, und

als es Sali erblickte, rief es: „Herrgott! Ich habe eben noch von dir

geträumt! Es träumte mir, wir tanzten miteinander auf unserer

Hochzeit, lange, lange Stunden! und waren so glücklich, sauber

geschmückt und es fehlte uns an nichts. Da wollten wir uns endlich

küssen und dürsteten danach, aber immer zog uns etwas auseinander und

nun bist du es selbst gewesen, der uns gestört und gehindert hat! Aber

wie gut, daß du gleich da bist!" Gierig fiel es ihm um den Hals und

küßte ihn, als ob es kein Ende nehmen sollte. „Und was hast du denn

geträumt?" fragte sie und streichelte ihm Wangen und Kinn. „Mir

träumte, ich ginge endlos auf einer langen Straße durch einen Wald und

du in der Ferne immer vor mir her; zuweilen sahest du nach mir um,

winktest mir und lachtest und dann war ich wie im Himmel. Das ist

alles!" Sie traten unter die offengebliebene Küchentüre, die

unmittelbar ins Freie führte, und mußten lachen, als sie sich ins

Gesicht sahen. Denn die rechte Wange Vrenchens und die linke Salis,

welche im Schlafe aneinandergelehnt hatten, waren von dem Drucke ganz

rotgefärbt, während die Blässe der andern durch die kühle Nachtluft

noch erhöht war. Sie rieben sich zärtlich die kalte bleiche Seite

ihrer Gesichter, um sie auch rot zu machen; die frische Morgenluft,

der tauige stille Frieden, der über der Gegend lag, das junge

Morgenrot machten sie fröhlich und selbstvergessen und besonders in

Vrenchen schien ein freundlicher Geist der Sorglosigkeit gefahren zu

sein. „Morgen abend muß ich also aus diesem Hause fort," sagte es,

„und ein anderes Obdach suchen. Vorher aber möchte ich einmal, nur

einmal recht lustig sein, und zwar mit dir; ich möchte recht herzlich

und fleißig mit dir tanzen irgendwo, denn das Tanzen aus dem Traume

steckt mir immerfort im Sinn!" „Jedenfalls will ich dabei sein und

sehen, wo du unterkommst," sagte Sali, „und tanzen wollte ich auch

gerne mit dir, du herziges Kind! Aber wo?" „Es ist morgen Kirchweih an

zwei Orten nicht sehr weit von hier," erwiderte Vrenchen, „da kennt

und beachtet man uns weniger; draußen am Wasser will ich auf dich

warten und dann können wir gehen, wohin es uns gefällt, um uns lustig

zu machen, einmal, Einmal nur! Aber je, wir haben ja gar kein Geld!"

setzte es traurig hinzu, „da kann nichts daraus werden!" „Laß nur,"

sagte Sali, „ich will schon etwas mitbringen!" „Doch nicht von deinem

Vater, von--von dem Gestohlenen?" „Nein, sei nur ruhig! Ich habe noch

meine silberne Uhr bewahrt bis dahin, die will ich verkaufen." „Ich

will dir nicht abraten," sagte Vrenchen errötend, „denn ich glaube,

ich müßte sterben, wenn ich nicht morgen mit dir tanzen könnte." „Es

wäre das beste, wir beide könnten sterben!" sagte Sali; sie umarmten

sich wehmütig und schmerzlich zum Abschied, und als sie

voneinanderließen, lachten sie sich doch freundlich an in der sicheren

Hoffnung auf den nächsten Tag. „Aber wann willst du denn kommen?" rief

Vrenchen noch. „Spätestens um elf Uhr mittags," erwiderte er, „wir

wollen recht ordentlich zusammen Mittag essen!" „Gut, gut! Komm lieber

um halb elf schon!" Doch als Sali schon im Gehen war, rief sie ihn

noch einmal zurück und zeigte ein plötzlich verändertes

verzweiflungsvolles Gesicht. „Es wird doch nichts daraus," sagte sie

bitterlich weinend, „ich habe keine Sonntagsschuhe mehr. Schon gestern

habe ich diese groben hier anziehen müssen, um nach der Stadt zu

kommen! Ich weiß keine Schuhe aufzubringen!" Sali stand ratlos und

verblüfft. „Keine Schuhe!" sagte er, „da mußt du halt in diesen

kommen!" „Nein, nein, in denen kann ich nicht tanzen!" „Nun, so müssen

wir welche kaufen!" „Wo, mit was?" „Ei, in Seldwyl da gibt es

Schuhläden genug! Geld werde ich in minder als zwei Stunden haben."

„Aber, ich kann doch nicht mit dir in Seldwyl herumgehen, und dann

wird das Geld nicht langen, auch noch Schuhe zu kaufen!" „Es muß! Und

ich will die Schuhe kaufen und morgen mitbringen!" „O du Närrchen, sie

werden ja nicht passen, die du kaufst!" „So gib mir einen alten Schuh

mit, oder halt, noch besser, ich will dir das Maß nehmen, das wird

doch kein Hexenwerk sein!" „Das Maß nehmen? Wahrhaftig, daran hab' ich

nicht gedacht! Komm, komm, ich will dir ein Schnürchen suchen!" Sie

setzte sich wieder auf den Herd, zog den Rock etwas zurück und

streifte den Schuh vom Fuße, der noch von der gestrigen Reise her mit

einem weißen Strumpfe bekleidet war. Sali kniete nieder und nahm, so

gut er es verstand, das Maß, indem er den zierlichen Fuß der Länge und

Breite nach umspannte mit dem Schnürchen und sorgfältig Knoten in

dasselbe knüpfte. „Du Schuhmacher!" sagte Vrenchen und lachte errötend

und freundschaftlich zu ihm nieder. Sali wurde aber auch rot und hielt

den Fuß fest in seinen Händen, länger als nötig war, so daß Vrenchen

ihn noch tiefer errötend zurückzog, den verwirrten Sali aber noch

einmal stürmisch umhalste und küßte, dann aber fortschickte.

Sobald er in der Stadt war, trug er seine Uhr zu einem Uhrmacher, der

ihm sechs oder sieben Gulden dafür gab; für die silberne Kette bekam

er auch einige Gulden, und er dünkte sich nun reich genug, denn er

hatte, seit er groß war, nie so viel Geld besessen auf einmal. Wenn

nur erst der Tag vorüber und der Sonntag angebrochen wäre, um das

Glück damit zu erkaufen, das er sich von dem Tage versprach, dachte

er; denn wenn das Übermorgen auch um so dunkler und unbekannter

hereinragte, so gewann die ersehnte Lustbarkeit von morgen nur einen

seltsamern erhöhten Glanz und Schein. Indessen brachte er die Zeit

noch leidlich hin, indem er ein Paar Schuhe für Vrenchen suchte, und

dies war ihm das vergnügteste Geschäft, das er je betrieben. Er ging

von einem Schuhmacher zum andern, ließ sich alle Weiberschuhe zeigen,

die vorhanden waren, und endlich handelte er ein leichtes und feines

Paar ein, so hübsch, wie sie Vrenchen noch nie getragen. Er verbarg

die Schuhe unter seiner Weste und tat sie die übrige Zeit des Tages

nicht mehr von sich; er nahm sie sogar mit ins Bett und legte sie

unter das Kopfkissen. Da er das Mädchen heute früh noch gesehen und

morgen wieder sehen sollte, so schlief er fest und ruhig, war aber in

aller Frühe munter und begann seinen dürftigen Sonntagsstaat

zurechtzumachen und auszuputzen, so gut es gelingen wollte. Es fiel

seiner Mutter auf und sie fragte verwundert, was er vorhabe, da er

sich schon lange nicht mehr so sorglich angezogen. Er wolle einmal

über Land gehen und sich ein wenig umtun, erwiderte er, er werde sonst

krank in diesem Hause. „Das ist mir die Zeit her ein merkwürdiges

Leben," murrte der Vater, „und ein Herumschleichen!" „Laß ihn nur

gehen," sagte aber die Mutter, „es tut ihm vielleicht gut, es ist ja

ein Elend, wie er aussieht!" „Hast du Geld zum Spazierengehen? Woher

hast du es?" fragte der Alte. „Ich brauche keines!" sagte Sali. „Da

hast du einen Gulden!" versetzte der Alte und warf ihm denselben hin.

„Du kannst im Dorf ins Wirtshaus gehen und ihn dort verzehren, damit

sie nicht glauben, wir seien hier so übel dran." „Ich will nicht ins

Dorf und brauche den Gulden nicht, behaltet ihn nur!" „So hast du ihn

gehabt, es wäre schad, wenn du ihn haben müßtest, du Starrkopf!" rief

Manz und schob seinen Gulden wieder in die Tasche. Seine Frau aber,

welche nicht wußte, warum sie heute ihres Sohnes wegen so wehmütig und

gerührt war, brachte ihm ein großes schwarzes Mailänder Halstuch mit

rotem Rande, das sie nur selten getragen und er schon früher gern

gehabt hätte. Er schlang es um den Hals und ließ die langen Zipfel

fliegen; auch stellte er zum erstenmal den Hemdkragen, den er sonst

immer umgeschlagen, ehrbar und männlich in die Höhe, bis über die

Ohren hinauf, in einer Anwandlung ländlichen Stolzes, und machte sich

dann, seine Schuhe in der Brusttasche des Rockes, schon nach sieben

Uhr auf den Weg. Als er die Stube verließ, drängte ihn ein seltsames

Gefühl, Vater und Mutter die Hand zu geben, und auf der Straße sah er

sich noch einmal nach dem Hause um. „Ich glaube am Ende," sagte Manz,

„der Bursche streicht irgendeinem Weibsbild nach; das hätten wir

gerade noch nötig!" Die Frau sagte: „O wollte Gott! daß er vielleicht

ein Glück machte! Das täte dem armen Buben gut!" „Richtig!" sagte der

Mann, „das fehlt nicht! Das wird ein himmlisches Glück geben, wenn er

nur erst an eine solche Maultasche zu geraten das Unglück hat! Das

täte dem armen Bübchen gut! Natürlich!"

Sali richtete seinen Schritt erst nach dem Flusse zu, wo er Vrenchen

erwarten wollte; aber unterwegs ward er anderen Sinnes und ging

geradezu ins Dorf, um Vrenchen im Hause selbst abzuholen, weil es ihm

zu lang währte bis halb elf! „Was kümmern uns die Leute!" dachte er.

„Niemand hilft uns und ich bin ehrlich und fürchte niemand!" So trat

er unerwartet in Vrenchens Stube und ebenso unerwartet fand er es

schon vollkommen angekleidet und geschmückt dasitzen und der Zeit

harren, wo es gehen könne, nur die Schuhe fehlten ihm noch. Aber Sali

stand mit offenem Munde still in der Mitte der Stube, als er das

Mädchen erblickte, so schön sah es aus. Es hatte nur ein einfaches

Kleid an von blaugefärbter Leinwand, aber dasselbe war frisch und

sauber und saß ihm sehr gut um den schlanken Leib. Darüber trug es ein

schneeweißes Musselinehalstuch und dies war der ganze Anzug. Das

braune gekräuselte Haar war sehr wohl geordnet und die sonst so wilden

Löckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf; da Vrenchen seit

vielen Wochen fast nicht aus dem Hause gekommen, so war seine Farbe

zarter und durchsichtiger geworden, so wie auch vom Kummer; aber in

diese Durchsichtigkeit goß jetzt die Liebe und die Freude ein Rot um

das andere, und an der Brust trug es einen schönen Blumenstrauß von

Rosmarin, Rosen und prächtigen Astern. Es saß am offenen Fenster und

atmete still und hold die frischdurchsonnte Morgenluft; wie es aber

Sali erscheinen sah, streckte es ihm beide hübsche Arme entgegen,

welche vom Ellbogen an bloß waren, und rief: „Wie recht hast du, daß

du schon jetzt und hierher kommst! Aber hast du mir Schuhe gebracht?

Gewiß? Nun steh' ich nicht auf, bis ich sie anhabe!" Er zog die

ersehnten aus der Tasche und gab sie dem begierigen schönen Mädchen;

es schleuderte die alten von sich, schlüpfte in die neuen und sie

paßten sehr gut. Erst jetzt erhob es sich vom Stuhl, wiegte sich in

den neuen Schuhen und ging eifrig einigemal auf und nieder. Es zog das

lange, blaue Kleid etwas zurück und beschaute wohlgefällig die roten

wollenen Schleifen, welche die Schuhe zierten, während Sali

unaufhörlich die feine reizende Gestalt betrachtete, welche da in

lieblicher Aufregung vor ihm sich regte und freute. „Du beschaust

meinen Strauß?" sagte Vrenchen, „hab' ich nicht einen schönen

zusammengebracht? Du mußt wissen, dies sind die letzten Blumen, die

ich noch aufgefunden in dieser Wüstenei. Hier war noch ein Röschen,

dort eine Aster, und wie sie nun gebunden sind, würde man es ihnen

nicht ansehen, daß sie aus einem Untergange zusammengesucht sind! Nun

ist es aber Zeit, daß ich fortkomme, nicht ein Blümchen mehr im Garten

und das Haus auch leer!" Sali sah sich um und bemerkte erst jetzt, daß

alle Fahrhabe, die noch dagewesen, weggebracht war. „Du armes Vreeli!"

sagte er, „haben sie dir schon alles genommen?" „Gestern," erwiderte

es, „haben sie's weggeholt, was sich von der Stelle bewegen ließ, und

mir kaum mehr als mein Bett gelassen. Ich hab's aber auch gleich

verkauft und hab' jetzt auch Geld, sieh!" Es holte einige neue

glänzende Talerstücke aus der Tasche seines Kleides und zeigte sie

ihm. „Damit," fuhr es fort, „sagte der Waisenvogt, der auch hier war,

solle ich mir einen Dienst suchen in einer Stadt und ich solle mich

heute gleich auf den Weg machen!" „Da ist aber auch gar nichts mehr

vorhanden," sagte Sali, nachdem er in die Küche geguckt hatte, „ich

sehe kein Hölzchen, kein Pfännchen, kein Messer! Hast du denn auch

nicht zu Morgen gegessen?" „Nichts!" sagte Vrenchen, „ich hätte mir

etwas holen können, aber ich dachte, ich wolle lieber hungrig bleiben,

damit ich recht viel essen könne mit dir zusammen, denn ich freue mich

so sehr darauf, du glaubst nicht, wie ich mich freue!" „Wenn ich dich

nur anrühren dürfte," sagte Sali, „so wollte ich dir zeigen, wie es

mir ist, du schönes, schönes Ding!" „Du hast recht, du würdest meinen

ganzen Staat verderben, und wenn wir die Blumen ein bißchen schonen,

so kommt es zugleich meinem armen Kopf zugut, den du mir übel

zuzurichten pflegst!" „So komm, jetzt wollen wir ausrücken!" „Noch

müssen wir warten, bis das Bett abgeholt wird; denn nachher schließe

ich das leere Haus zu und gehe nicht mehr hierher zurück! Mein

Bündelchen gebe ich der Frau aufzuheben, die das Bett gekauft hat."

Sie setzten sich daher einander gegenüber und warteten; die Bäuerin

kam bald, eine vierschrötige Frau mit lautem Mundwerk, und hatte einen

Burschen bei sich, welcher die Bettstelle tragen sollte. Als diese

Frau Vrenchens Liebhaber erblickte und das geputzte Mädchen selbst,

sperrte sie Mund und Augen auf, stemmte die Arme unter und schrie:

„Ei, sieh da, Vreeli! Du treibst es ja schon gut! Hast einen Besucher

und bist gerüstet wie eine Prinzeß?" „Gelt aber!" sagte Vrenchen

freundlich lachend, „wißt Ihr auch, wer das ist?" „Ei, ich denke, das

ist wohl der Sali Manz? Berg und Tal kommen nicht zusammen, sagt man,

aber die Leute! Aber nimm dich doch in acht, Kind, und denk, wie es

euren Eltern ergangen ist!" „Ei, das hat sich jetzt gewendet und alles

ist gut geworden," erwiderte Vrenchen lächelnd und freundlich

mitteilsam, ja beinahe herablassend, „seht, Sali ist mein Hochzeiter!"

„Dein Hochzeiter! Was du sagst!" „Ja und er ist ein reicher Herr, er

hat hunderttausend Gulden in der Lotterie gewonnen! Denket einmal,

Frau!" Diese tat einen Sprung, schlug ganz erschrocken die Hände

zusammen und schrie: „Hund--hunderttausend Gulden!" „Hunderttausend

Gulden!" versicherte Vrenchen ernsthaft. „Herr du meines Lebens! Es

ist aber nicht wahr, du lügst mich an, Kind!" „Nun, glaubt was Ihr

wollt!" „Aber, wenn es wahr ist und du heiratest ihn, was wollt ihr

denn machen mit dem Gelde? Willst du wirklich eine vornehme Frau

werden?" „Versteht sich, in drei Wochen halten wir die Hochzeit!" „Geh

mir weg, du bist eine häßliche Lügnerin!" „Das schönste Haus hat er

schon gekauft in Seldwyl mit einem großen Garten und Weinberg; Ihr

müßt mich auch besuchen, wenn wir eingerichtet sind, ich zähle

darauf!" „Allweg, du Teufelshexlein, was du bist!" „Ihr werdet sehen,

wie schön es da ist! Einen herrlichen Kaffee werde ich machen und Euch

mit seinem Eierbrot aufwarten, mit Butter und Honig!" „O du

Schelmenkind! Zähl' drauf, daß ich komme!" rief die Frau mit lüsternem

Gesicht und der Mund wässerte ihr. „Kommt Ihr aber um die Mittagszeit

und seid ermüdet vom Markt, so soll Euch eine kräftige Fleischbrühe

und ein Glas Wein immer bereitstehen!" „Das wird mir baß tun!" „Und an

etwas Zuckerwerk oder weißen Wecken für die lieben Kinder zu Hause

soll es Euch auch nicht fehlen!" „Es wird mir ganz schmachtend!" „Ein

artiges Halstüchelchen oder ein Restchen Seidenzeug oder ein hübsches

altes Band für Eure Röcke, oder ein Stück Zeug zu einer neuen Schürze

wird gewiß auch zu finden sein, wenn wir meine Kisten und Kasten

durchmustern in einer vertrauten Stunde!" Die Frau drehte sich auf den

Hacken herum und schüttelte jauchzend ihre Röcke. „Und wenn Euer Mann

ein vorteilhaftes Geschäft machen könnte mit einem Land- oder

Viehhandel, und er mangelt des Geldes, so wißt Ihr, wo Ihr anklopfen

sollt. Mein lieber Sali wird froh sein, jederzeit ein Stück Bares

sicher und erfreulich anzulegen! Ich selbst werde auch etwa einen

Sparpfennig haben, einer vertrauten Freundin beizustehen!" Jetzt war

der Frau nicht mehr zu helfen, sie sagte gerührt: „Ich habe immer

gesagt, du seiest ein braves und gutes und schönes Kind! Der Herr

wolle es dir wohlergehen lassen immer und ewiglich und es dir

gesegnen, was du an mir tust!" „Dagegen verlange ich aber auch, daß

Ihr es gut mit mir meint!" „Allweg kannst du das verlangen!" „Und daß

Ihr jederzeit Eure Ware, sei es Obst, seien es Kartoffeln, sei es

Gemüse, erst zu mir bringet und mir anbietet, ehe Ihr auf den Markt

gehet, damit ich sicher sei, eine rechte Bäuerin an der Hand zu haben,

auf die ich mich verlassen kann! Was irgendeiner gibt für die Ware,

werde ich gewiß auch geben mit tausend Freuden, Ihr kennt mich ja!

Ach, es ist nichts Schöneres, als wenn eine wohlhabende Stadtfrau, die

so ratlos in ihren Mauern sitzt und doch so vieler Dinge benötigt ist,

und eine rechtschaffene ehrliche Landfrau, erfahren in allem Wichtigen

und Nützlichen, eine gute und dauerhafte Freundschaft zusammen haben!

Es kommt einem zugut in hundert Fällen, in Freud und Leid, bei

Gevatterschaften und Hochzeiten, wenn die Kinder unterrichtet werden

und konfirmiert, wenn sie in die Lehre kommen und wenn sie in die

Fremde sollen! Bei Mißwachs und Überschwemmungen, bei Feuersbrünsten

und Hagelschlag, wofür uns Gott behüte!" „Wofür uns Gott behüte!"

sagte die gute Frau schluchzend und trocknete mit ihrer Schürze die

Augen; „welch ein verständiges und tiefsinniges Bräutlein bist du, ja,

dir wird es gut gehen, da müßte keine Gerechtigkeit in der Welt sein!

Schön, sauber, klug und weise bist du, arbeitsam und geschickt zu

allen Dingen! Keine ist feiner und besser als du, in und außer dem

Dorfe, und wer dich hat, der muß meinen, er sei im Himmelreich, oder

er ist ein Schelm und hat es mit mir zu tun. Hör', Sali! Daß du nur

recht artlich bist mit meinem Vreeli, oder ich will dir den Meister

zeigen, du Glückskind, das du bist, ein solches Röslein zu brechen!"

„So nehmt jetzt auch hier noch mein Bündel mit, wie Ihr mir

versprochen habt, bis ich es abholen lassen werde! Vielleicht komme

ich aber selbst in der Kutsche und hole es ab, wenn Ihr nichts dagegen

habt! Ein Töpfchen Milch werdet Ihr mir nicht abschlagen alsdann, und

etwa eine schöne Mandeltorte dazu werde ich schon selbst mitbringen!"

„Tausendskind! Gib her den Bündel!" Vrenchen lud ihr auf das

zusammengebundene Bett, das sie schon auf dem Kopfe trug, einen langen

Sack, in welchen es sein Plunder und Habseliges gestopft, so daß die

arme Frau mit einem schwankenden Turme auf dem Haupte dastand. „Es

wird mir doch fast zu schwer auf einmal," sagte sie, „könnte ich nicht

zweimal dran machen?" „Nein, nein! Wir müssen jetzt augenblicklich

gehen, denn wir haben einen weiten Weg, um vornehme Verwandte zu

besuchen, die sich jetzt gezeigt haben, seit wir reich sind! Ihr wißt

ja, wie es geht!" „Weiß wohl! So behüt' dich Gott, und denk' an mich

in deiner Herrlichkeit!"

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 9 / 23 段