Obgleich es kaum eine Viertelstunde währte, bis Vrenchen nachkam und

er an nichts anderes dachte, als an sein Glück und dessen Namen, stand

es doch plötzlich und unverhofft vor ihm, auf ihn niederlächelnd, und

froh erschreckt sprang er auf. „Vreeli!" rief er, und dieses gab ihm

still und lächelnd beide Hände, und Hand in Hand gingen sie nun das

flüsternde Korn entlang bis gegen den Fluß hinunter und wieder zurück,

ohne viel zu reden; sie legten zwei- oder dreimal den Hin- und Herweg

zurück, still, glückselig und ruhig, so daß dieses einige Paar nun

auch einem Sternbilde glich, welches über die sonnige Rundung der

Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sichergehenden

Pflugzüge ihrer Väter. Als sie aber einsmals die Augen von den blauen

Kornblumen aufschlugen, an denen sie gehaftet, sahen sie plötzlich

einen andern dunkeln Stern vor sich hergehen, einen schwärzlichen

Kerl, von dem sie nicht wußten, woher er so unversehens gekommen. Er

mußte im Korne gelegen haben; Vrenchen zuckte zusammen, und Sali sagte

erschreckt: „Der schwarze Geiger!" In der Tat trug der Kerl, der vor

ihnen herstrich, eine Geige mit dem Bogen unter dem Arm und sah

übrigens schwarz genug aus; neben einem schwarzen Filzhütchen und

einem schwarzen, rußigen Kittel, den er trug, war auch sein Haar

pechschwarz, so wie der ungeschorene Bart, das Gesicht und die Hände

aber ebenfalls geschwärzt; denn er trieb allerlei Handwerk, meistens

Kesselflicken, half auch den Kohlenbrennern und Pechsiedern in den

Wäldern und ging mit der Geige nur auf einen guten Schick aus, wenn

die Bauern irgendwo lustig waren und ein Fest feierten. Sali und

Vrenchen gingen mäuschenstill hinter ihm drein und dachten, er würde

vom Felde gehen und verschwinden, ohne sich umzusehen, und so schien

es auch zu sein, denn er tat, als ob er nichts von ihnen merkte. Dazu

waren sie in einem seltsamen Bann, daß sie nicht wagten, den schmalen

Pfad zu verlassen, und dem unheimlichen Gesellen unwillkürlich

folgten, bis an das Ende des Feldes, wo jener ungerechte Steinhaufen

lag, der das immer noch streitige Ackerzipfelchen bedeckte. Eine

zahllose Menge von Mohnblumen oder Klatschrosen hatte sich darauf

angesiedelt, weshalb der kleine Berg feuerrot aussah zurzeit.

Plötzlich sprang der schwarze Geiger mit einem Satze auf die

rotgekleidete Steinmasse hinauf, kehrte sich und sah ringsum. Das

Pärchen blieb stehen und sah verlegen zu dem dunklen Burschen hinauf;

denn vorbei konnten sie nicht gehen, weil der Weg in das Dorf führte,

und umkehren mochten sie auch nicht vor seinen Augen. Er sah sie

scharf an und rief: „Ich kenne euch, ihr seid die Kinder derer, die

mir den Boden hier gestohlen haben! Es freut mich zu sehen, wie gut

ihr gefahren seid, und werde gewiß noch erleben, daß ihr vor mir den

Weg alles Fleisches geht! Seht mich nur an, ihr zwei Spatzen! Gefällt

euch meine Nase, wie?" In der Tat besaß er eine schreckbare Nase,

welche wie ein großes Winkelmaß aus dem dürren, schwarzen Gesicht

ragte oder eigentlich mehr einem tüchtigen Knebel oder Prügel glich,

welcher in dies Gesicht geworfen worden war, und unter dem ein

kleines, rundes Löchelchen von einem Munde sich seltsam stutzte und

zusammenzog, aus dem er unaufhörlich pustete, pfiff und zischte. Dazu

stand das kleine Filzhütchen ganz unheimlich, welches nicht rund und

nicht eckig und so sonderlich geformt war, daß es alle Augenblicke

seine Gestalt zu verändern schien, obgleich es unbeweglich saß, und

von den Augen des Kerls war fast nichts als das Weiße zu sehen, da die

Sterne unaufhörlich auf einer blitzschnellen Wanderung begriffen waren

und wie zwei Hasen im Zickzack umhersprangen. „Seht mich nur an," fuhr

er fort, „eure Väter kennen mich wohl, und jedermann in diesem Dorfe

weiß, wer ich bin, wenn er nur meine Nase sieht. Da haben sie vor

Jahren ausgeschrieben, daß ein Stück Geld für den Erben dieses Ackers

bereitliege; ich habe mich zwanzigmal gemeldet, aber ich habe keinen

Taufschein und keinen Heimatschein, und meine Freunde, die

Heimatlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gültiges Zeugnis,

und so ist die Frist längst verlaufen, und ich bin um den blutigen

Pfennig gekommen, mit dem ich hätte auswandern können! Ich habe eure

Väter angefleht, daß sie mir bezeugen möchten, sie müßten mich nach

ihrem Gewissen für den rechten Erben halten; aber sie haben mich von

ihren Höfen gejagt, und nun sind sie selbst zum Teufel gegangen! Item,

das ist der Welt Lauf, mir kann's recht sein, ich will euch doch

geigen, wenn ihr tanzen wollt!" Damit sprang er auf der andern Seite

von den Steinen hinunter und machte sich dem Dorfe zu, wo gegen Abend

der Erntesegen eingebracht wurde und die Leute guter Dinge waren. Als

er verschwunden, ließ sich das Paar ganz mutlos und betrübt auf die

Steine nieder; sie ließen ihre verschlungenen Hände fahren und

stützten die traurigen Köpfe darauf; denn die Erscheinung des Geigers

und seine Worte hatten sie aus der glücklichen Vergessenheit gerissen,

in welcher sie wie zwei Kinder auf und ab gewandelt; und wie sie nun

auf dem harten Grund ihres Elendes saßen, verdunkelte sich das heitere

Lebenslicht, und ihre Gemüter wurden so schwer wie Steine.

Da erinnerte sich Vrenchen unversehens der wunderlichen Gestalt und

der Nase des Geigers, es mußte plötzlich hell auslachen und rief: „Der

arme Kerl sieht gar zu spaßhaft aus! Was für eine Nase!" und eine

allerliebste, sonnenhelle Lustigkeit verbreitete sich über des

Mädchens Gesicht, als ob sie nur geharrt hätte, bis des Geigers Nase

die trüben Wolken wegstieße. Sali sah Vrenchen an und sah diese

Fröhlichkeit. Es hatte die Ursache aber schon wieder vergessen und

lachte nur noch auf eigene Rechnung dem Sali ins Gesicht. Dieser,

verblüfft und erstaunt, starrte unwillkürlich mit lachendem Munde auf

die Augen, gleich einem Hungrigen, der ein süßes Weizenbrot erblickt,

und rief: „Bei Gott, Vreeli! Wie schön bist du!" Vrenchen lachte ihn

nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehle einige kurze,

mutwillige Lachtöne, welche dem armen Sali nicht anders dünkten, als

der Gesang einer Nachtigall. „O du Hexe!" rief er, „wo hast du das

gelernt? Welche Teufelskünste treibst du da?" „Ach du lieber Gott!"

sagte Vrenchen mit schmeichelnder Stimme und nahm Salis Hand, „das

sind keine Teufelskünste! Wie lange hätte ich gern einmal gelacht! Ich

habe wohl zuweilen, wenn ich ganz allein war, über irgend etwas lachen

müssen, aber es war nichts Rechtes dabei; jetzt aber möchte ich dich

immer und ewig anlachen, wenn ich dich sehe, und ich möchte dich wohl

immer und ewig sehen! Bist du mir auch ein bißchen recht gut?" „O

Vreeli!" sagte er und sah ihr ergeben und treuherzig in die Augen,

„ich habe noch nie ein Mädchen angesehen, es war mir immer, als ob ich

dich einst liebhaben müßte, und ohne daß ich wollte oder wußte, hast

du mir doch immer im Sinn gelegen!" „Und du mir auch," sagte Vrenchen,

„und das noch viel mehr; denn du hast mich nie angesehen und wußtest

nicht, wie ich geworden bin; ich aber habe dich zuzeiten aus der Ferne

und sogar heimlich aus der Nähe recht gut betrachtet und wußte immer,

wie du aussiehst! Weißt du noch, wie oft wir als Kinder

hierhergekommen sind? Denkst du noch des kleinen Wagens? Wie kleine

Leute sind wir damals gewesen und wie lang ist es her! Man sollte

denken, wir wären recht alt." „Wie alt bist du jetzt?" fragte Sali

voll Vergnügen und Zufriedenheit, „du mußt ungefähr siebzehn sein?"

„Siebzehn und ein halbes Jahr bin ich alt!" erwiderte Vrenchen, „und

wie alt bist du? Ich weiß aber schon, du bist bald zwanzig?" „Woher

weißt du das?" fragte Sali. „Gelt, wenn ich es sagen wollte!" „Du

willst es nicht sagen?" „Nein!" „Gewiß nicht?" „Nein, nein!" „Du

sollst es sagen!" „Willst du mich etwa zwingen?" „Das wollen wir

sehen!" Diese einfältigen Reden führte Sali, um seine Hände zu

beschäftigen und mit ungeschickten Liebkosungen, welche wie eine

Strafe aussehen sollten, das schöne Mädchen zu bedrängen. Sie führte

auch, sich wehrend, mit vieler Langmut den albernen Wortwechsel fort,

der trotz seiner Leerheit beide witzig und süß genug dünkte, bis Sali

erbost und kühn genug war, Vrenchens Hände zu bezwingen und es in die

Mohnblumen zu drücken. Da lag es nun und zwinkerte in der Sonne mit

den Augen; seine Wangen glühten wie Purpur und sein Mund war halb

geöffnet und ließ zwei Reihen weiße Zähne durchschimmern. Fein und

schön flossen die dunklen Augenbrauen ineinander und die junge Brust

hob und senkte sich mutwillig unter sämtlichen vier Händen, welche

sich kunterbunt darauf streichelten und bekriegten. Sali wußte sich

nicht zu lassen vor Freuden, das schlanke schöne Geschöpf vor sich zu

sehen, es sein eigen zu wissen, und es dünkte ihm ein Königreich.

„Alle deine weißen Zähne hast du noch!" lachte er, „weißt du noch, wie

oft wir sie einst gezählt haben? Kannst du jetzt zählen?" „Das sind ja

nicht die gleichen, du Kind!" sagte Vrenchen, „jene sind längst

ausgefallen!" Sali wollte nun in seiner Einfalt jenes Spiel wieder

erneuern und die glänzenden Zahnperlen zählen; aber Vrenchen verschloß

plötzlich den roten Mund, richtete sich auf und begann einen Kranz von

Mohnrosen zu winden, den es sich auf den Kopf setzte. Der Kranz war

voll und breit und gab der bräunlichen Dirne ein fabelhaftes,

reizendes Ansehen, und der arme Sali hielt in seinem Arm, was reiche

Leute teuer bezahlt hätten, wenn sie es nur gemalt an ihren Wänden

hätten sehen können. Jetzt sprang sie aber empor und rief: „Himmel,

wie heiß ist es hier! Da sitzen wir wie die Narren und lassen uns

versengen! Komm, mein Lieber! laß uns ins hohe Korn sitzen!" Sie

schlüpften hinein so geschickt und sachte, daß sie kaum eine Spur

zurückließen, und bauten sich einen engen Kerker in den goldenen

Ähren, die ihnen hoch über den Kopf ragten, als sie drin saßen, so daß

sie nur den tiefblauen Himmel über sich sahen und sonst nichts von der

Welt. Sie umhalsten sich und küßten sich unverweilt und so lange, bis

sie einstweilen müde waren, oder wie man es nennen will, wenn das

Küssen zweier Verliebter auf eine oder zwei Minuten sich selbst

überlebt und die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausche der

Blütezeit ahnen läßt. Sie hörten die Lerchen singen hoch über sich und

suchten dieselben mit ihren scharfen Augen, und wenn sie glaubten,

flüchtig eine in der Sonne aufblitzen zu sehen, gleich einem plötzlich

aufleuchtenden oder hinschießenden Stern am blauen Himmel, so küßten

sie sich wieder zur Belohnung und suchten einander zu übervorteilen

und zu täuschen, soviel sie konnten. „Siehst du, dort blitzt eine!"

flüsterte Sali und Vrenchen erwiderte ebenso leise: „Ich höre sie

wohl, aber ich sehe sie nicht!" „Doch, paß nur auf, dort, wo das weiße

Wölkchen steht, ein wenig rechts davon!" Und beide sahen eifrig hin

und sperrten vorläufig ihre Schnäbel auf, wie die jungen Wachteln im

Neste, um sie unverzüglich aufeinanderzuheften, wenn sie sich

einbildeten, die Lerche gesehen zu haben. Auf einmal hielt Vrenchen

inne und sagte: „Dies ist also eine ausgemachte Sache, daß jedes von

uns einen Schatz hat, dünkt es dich nicht so?" „Ja," sagte Sali, „es

scheint mir auch so!" „Wie gefällt dir denn dein Schätzchen," sagte

Vrenchen, „was ist es für ein Ding, was hast du von ihm zu melden?"

„Es ist ein gar feines Ding," sagte Sali, „es hat zwei braune Augen,

einen roten Mund und läuft auf zwei Füssen; aber seinen Sinn kenn' ich

weniger, als den Papst zu Rom! Und was kannst du von deinem Schatz

berichten?" „Er hat zwei blaue Augen, einen nichtsnutzigen Mund und

braucht zwei verwegene starke Arme; aber seine Gedanken sind mir

unbekannter, als der türkische Kaiser!" „Es ist eigentlich wahr,"

sagte Sali, „daß wir uns weniger kennen, als wenn wir uns nie gesehen

hätten, so fremd hat uns die lange Zeit gemacht, seit wir groß

geworden sind! Was ist alles vorgegangen in deinem Köpfchen, mein

liebes Kind?" „Ach, nicht viel! Tausend Narrenspossen haben sich

wollen regen, aber es ist mir immer so trübselig ergangen, daß sie

nicht aufkommen konnten!" „Du armes Schätzchen," sagte Sali, „ich

glaube aber, du hast es hinter den Ohren, nicht?" „Das kannst du ja

nach und nach erfahren, wenn du mich recht lieb hast!" „Wenn du einst

meine Frau bist?" Vrenchen zitterte leis bei diesem letzten Worte und

schmiegte sich tiefer in Salis Arme, ihn von neuem lange und zärtlich

küssend. Es traten ihr dabei Tränen in die Augen und beide wurden auf

einmal traurig, da ihnen ihre hoffnungsarme Zukunft in den Sinn kam

und die Feindschaft ihrer Eltern. Vrenchen seufzte und sagte: „Komm,

ich muß nun gehen!" und so erhoben sie sich und gingen Hand in Hand

aus dem Kornfeld, als sie Vrenchens Vater spähend vor sich sahen. Mit

dem kleinlichen Scharfsinn des müßigen Elends hatte dieser, als er dem

Sali begegnet, neugierig gegrübelt, was der wohl allein im Dorfe zu

suchen ginge, und sich des gestrigen Vorfalles erinnernd, verfiel er,

immer nach der Stadt zu schlendernd, endlich auf die richtige Spur,

rein aus Groll und unbeschäftigter Bosheit, und nicht so bald gewann

der Verdacht eine bestimmte Gestalt, als er mitten in den Gassen von

Seldwyla umkehrte und wieder in das Dorf hinaustrollte, wo er seine

Tochter in Haus und Hof und rings in den Hecken vergeblich suchte. Mit

wachsender Neugier rannte er auf den Acker hinaus, und als er da

Vrenchens Korb liegen sah, in welchem es die Früchte zu holen pflegte,

das Mädchen selbst aber nirgends erblickte, spähte er eben am Korne

des Nachbars herum, als die erschrockenen Kinder herauskamen. Sie

standen wie versteinert und Marti stand erst auch da und beschaute sie

mit bösen Blicken, bleich wie Blei; dann fing er fürchterlich an zu

toben in Gebärden und Schimpfworten und langte zugleich grimmig nach

dem jungen Burschen, um ihn zu würgen; Sali wich aus und floh einige

Schritte zurück, entsetzt über den wilden Mann, sprang aber sogleich

wieder zu, als er sah, daß der Alte statt seiner nun das zitternde

Mädchen faßte, ihm eine Ohrfeige gab, daß der rote Kranz herunterflog,

und seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fortzureißen und

weiter zu mißhandeln. Ohne sich zu besinnen, raffte er einen Stein auf

und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um

Vrenchen und halb im Jähzorn. Marti taumelte erst ein wenig, sank dann

bewußtlos auf den Steinhaufen nieder und zog das erbärmlich

aufschreiende Vrenchen mit. Sali befreite noch dessen Haare aus der

Hand des Bewußtlosen und richtete es auf; dann stand er da wie eine

Bildsäule, ratlos und gedankenlos. Das Mädchen, als es den wie tot

daliegenden Vater sah, fuhr sich mit den Händen über das erbleichende

Gesicht, schüttelte sich und sagte: „Hast du ihn erschlagen?" Sali

nickte lautlos und Vrenchen schrie: „O Gott, du lieber Gott! Es ist

mein Vater! Der arme Mann!" und sinnlos warf es sich über ihn und hob

seinen Kopf auf, an welchem indessen kein Blut floß. Es ließ ihn

wieder sinken; Sali ließ sich auf der andern Seite den Mannes nieder,

und beide schauten, still wie das Grab und mit erlahmten, reglosen

Händen in das leblose Gesicht. Um nur etwas anzufangen, sagte endlich

Sali: „Er wird doch nicht gleich tot sein müssen? Das ist gar nicht

ausgemacht!" Vrenchen riß ein Blatt von einer Klatschrose ab und legte

es auf die erblaßten Lippen und es bewegte sich schwach. „Er atmet

noch," rief es, „so lauf doch ins Dorf und hol' Hilfe." Als Sali

aufsprang und laufen wollte, streckte es ihm die Hand nach und rief

ihn zurück: „Komm aber nicht mit zurück und sage nichts, wie es

zugegangen, ich werde auch schweigen, man soll nichts aus mir

herausbringen!" sagte es und sein Gesicht, das es dem armen, ratlosen

Burschen zuwandte, überfloß von schmerzlichen Tränen. „Komm, küß' mich

noch einmal! Nein, geh, mach' dich fort! Es ist aus, es ist ewig aus,

wir können nicht zusammenkommen!" Es stieß ihn fort und er lief

willenlos dem Dorfe zu. Er begegnete einem Knäbchen, das ihn nicht

kannte; diesem trug er auf, die nächsten Leute zu holen, und beschrieb

ihm genau, wo die Hilfe nötig sei. Dann machte er sich verzweifelt

fort und irrte die ganze Nacht im Gehölze herum. Am Morgen schlich er

in die Felder, um zu spähen, wie es gegangen sei, und hörte von frühen

Leuten, welche miteinander sprachen, daß Marti noch lebe, aber nichts

von sich wisse, und wie das eine seltsame Sache wäre, da kein Mensch

wisse, was ihm zugestoßen. Erst jetzt ging er in die Stadt zurück und

verbarg sich in dem dunkeln Elend des Hauses.

Vrenchen hielt ihm Wort; es war nichts aus ihm herauszufragen, als daß

es selbst den Vater so gefunden habe, und da er am andern Tage sich

wieder tüchtig regte und atmete, freilich ohne Bewußtsein, und

überdies kein Kläger da war, so nahm man an, er sei betrunken gewesen

und auf die Steine gefallen, und ließ die Sache auf sich beruhen.

Vrenchen pflegte ihn und ging nicht von seiner Seite, außer um die

Arzneimittel zu holen beim Doktor und etwa für sich selbst eine

schlechte Suppe zu kochen; denn es lebte beinahe von nichts, obgleich

es Tag und Nacht wach sein mußte und niemand ihm half. Es dauerte

beinahe sechs Wochen, bis der Kranke allmählich zu seinem Bewußtsein

kam, obgleich er vorher schon wieder aß und in seinem Bette ziemlich

munter war. Aber es war nicht das alte Bewußtsein, das er jetzt

erlangte, sondern es zeigte sich immer deutlicher, je mehr er sprach,

daß er blödsinnig geworden, und zwar auf die wunderlichste Weise. Er

erinnerte sich nur dunkel an das Geschehene und wie an etwas sehr

Lustiges, was ihn nicht weiter berühre, lachte immer wie ein Narr und

war guter Dinge. Noch im Bette liegend, brachte er hundert närrische,

sinnlos mutwillige Redensarten und Einfälle zum Vorschein, schnitt

Gesichter und zog sich die schwarzwollene Zipfelmütze in die Augen und

über die Nase herunter, daß diese aussah, wie ein Sarg unter einem

Bahrtuch. Das bleiche und abgehärmte Vrenchen hörte ihm geduldig zu,

Tränen vergießend über das törichte Wesen, welches die arme Tochter

noch mehr ängstigte, als die frühere Bosheit; aber wenn der Alte

zuweilen etwas gar zu Drolliges anstellte, so mußte es mitten in

seiner Qual laut auflachen, da sein unterdrücktes Wesen immer zur Lust

aufzuspringen bereit war, wie ein gespannter Bogen, worauf dann eine

um so tiefere Betrübnis erfolgte. Als der Alte aber aufstehen konnte,

war gar nichts mehr mit ihm anzustellen; er machte nichts als

Dummheiten, lachte und stöberte um das Haus herum, setzte sich in die

Sonne und streckte die Zunge heraus oder hielt lange Reden in die

Bohnen hinein.

Die Leute von Seldwyla — Band 1 · 第 8 / 23 段