Schlachtruf scholl; Drometen schmetterten; Trommelgewirbel
Klang: der Würger Geschrei und Verwundeter Aechzen ertönte,
Jagte Herbot von Füllenstein mit seinem Geschwader
Durch den sondernden Raum, der zwischen der mittleren Heersmacht
Und dem Flügel zur Linken sich fand, in Eile hinunter --
Dann auf den Kaiser los, den Katwald ihm, wie der Gemsaar
Fernhin schauend, verrieth mit empörendem Geistergelispel.
Rudolph kam, im Gefolge der Trautmansdorfe (nur Erdwin
Weilte noch, frommbesorgt, in Marchecks schattigem Freythof)
Eben heran, gelockt von des raschvorstürmenden Meinhards
Lautem Siegesgeschrei, und ahnte die nahe Gefahr nicht;
Doch nun hemmt' er mit zweifelndem Blick das Roß, und erforschte
Gierig: ob Freund', ob Feind' ihm naheten? bis er des Ritters
Riesengestalt ersah, der kennbar im feindlichen Heer war.
»Ha,« so rief er, »erlag mein Volk? Entsetzliches Unglück
Droht: denn, seht, uns kommt ein feindlich Geschwader entgegen!«
Doch schon war er umringt. Laut schrie zu seinen Erzeugten
Trautmansdorf: »Kommt, laßt uns sterben für unseren Kaiser:
Rettet ihn, kämpft, und ersiegt euch hier unsterblichen Nachruhm!«
Alsbald kehrten die sechs untad'ligen Brüder den Feinden
Kämpfend, entgegen die muthige Brust, vom rühmlichen Beispiel
Ihres Erzeugers entflammt, den edelsten Herrscher zu retten.
Aber auch Marbod sah die Gefahr, die jetzo dem Leben
Rudolphs droht'; er umfing mit heißumschlingenden Armen,
Flehend, Capellens Brust, und rief: »Zur Linken hinüber
Eil' im sausenden Flug', und errette den Kaiser vom Tod jetzt!«
Jener staunte bei sich, wie ihn solche Gedanken bestürmten?
Gab dem Rosse den Sporn, und jagte herüber im Blachfeld.
Schon umhäuften die Brüderschar in Menge die Leichen;
Schon war Edelred mit Erhard gefallen: die andern
Bluteten; doch ermahnte sie laut ihr edeler Vater
Noch mit dem Schwert' in der Faust, zum Kampf für den edelsten Kaiser.
Sie gehorchten ihm all', und erlagen nach schrecklichem Mord nur:
Kurd, Agilolf, und zuletzt mit Otto der heitere Winfried.
Jetzt drang Herbot schnell mit dem Speer, der hoch wie ein Mastbaum
Sich in die Lüft' erhob, auf Rudolphs tapfere Brust ein.
Siehe, nicht traf er die Brust des kampferfahrenen Herrschers;
Doch dem steigenden Roß durchstieß er die Stirn, daß es stöhnend
Sank, und zugleich in den Staub den trefflichen Reiter herabwarf!
Ha, wer rettet ihn mehr? Zwar nahte Capellen; die Ritter
Naheten; links und rechts herstürmten die muthigsten Krieger:
Dennoch war es um ihn gescheh'n, und die Hülfe vergeblich,
Wenn nicht hurtig er selbst, mit dem mordenden Speer in der Rechten,
Auf den schrecklichen Mann losfuhr; unbändigen Muthes
Ihn bekämpfte; den Streich nach seinem geschlossenen Schlachthelm
Führend, mit solcher Gewalt ihn traf, daß die Augen ihm alsbald
Dunkelten -- Seh'n und Hören verging. Auch erhob er urplötzlich
Wieder den Speer: durchstach dicht unter dem Kinne den Riemen,
Der den Helm an das Haupt ihm festigte; drehte den Schaft noch
Hurtig herum, und riß blitzschnell ihn vom Sattel herunter.
Wie die Zinne der Burg, vom Orkan zur Erde geschleudert,
Fällt mit Gekrach, und der Grund weit hin erbebet: so fiel dort
Herbot zur Erde: sie bebte dem Fall', und Gerassel der Waffen
Scholl im Gefild' umher. Laut schnaubend vor Angst und Entsetzen
Jagte Capellen herbei. Er both, vom Pferde gesprungen,
Solches dem Kaiser, und half ihm hinauf in den Sattel, er selber
Schwingend das Schwert mit Trautmansdorf, dem tapferen Helden,
G'en die umdrängende Feindesschar sich zur Wehre zu stellen.
Schon entfloh die Gefahr: ein Jauchzen erscholl um den Herrscher,
Als jetzt Herbots Volk sich ergab an die drängenden Scharen.
Aber er stand, und zitterte. Schnell, empört von dem Anblick
Dieses Gewaltigen, der das Leben des Kaisers bedrohte,
Sprengten die zürnenden Krieger herbei, an ihm Rache zu üben;
Doch der Erhabene rief: »Zurück, verschont ihn: er lebe!
Das sey ferne, daß ich bestrafe den tapferen Ritter,
Der so kühn sich erwies, nicht Tausende scheuend, im Angriff:
Heute noch komm' er nach Wien in ehrenvolle Gewahrsam.
Trautmansdorf, dir dank' ich das Leben, nach Gott! Nicht zum Boden
Wende den Blick jetzt mehr, noch einmal die Opfer zu sehen,
Die es dich kostete! Fort, zur Rechten hinab, und entbiethe
Albrecht schnell: er stürm' in den Feind; du stehe zur Seit' ihm
Dann mit gewaltigem Arm, ein rettender Schild in Gefahren!
Eilt nun all' an's Werk! ich bin geborgen; erhebt euch!«
Alle jagten davon; nur einer -- unglücklicher Vater,
Nur du allein verweiletest noch, und sah'st auf die Todten,
Uebergebogen, hinab; dann gabst du dem Rosse die Spornen!
Ach, und das Augenpaar des umschauenden Kaisers erglänzte,
Thränenumhüllt! Doch jetzt aufschwang er den Degen: von Marchecks
Thurm ertönten mit stürmendem Ruf die Glocken, und blutroth
Flatterte dort in die Luft die thatengebiethende Sturmfahn';
Bald erscholl ringsum Geschrei und verwirrtes Getümmel.
Ottgar zögerte noch. Umsonst ermahnte der Greis ihn,
Jammernden Lauts, getäuscht von Herbots Kühnheit, und sagte:
»Sieh', wie dort rechts hin die Reisigen stürmen, das Fußvolk
Rasch vordringt! Nun gilt's: entscheide den schrecklichen Kampf du!«
Aber der König begann: »Fürwahr, wir tauschten für heut schon
Art und Gemüth: du kühltest die Gluth sonst mir in dem Busen,
Kaltvorschauend, und heut', empört zu Feuer und Flammen,
Hast du nicht Ruhe, nicht Rast. Bald tönt der ersehnete Ruf dir.«
Dann begann er noch leise für sich in sinnender Schwermuth:
»Wallstein, ach, ich schau' in des Sieges Gefilden dich nimmer!«
Lobkowitz schwieg. Doch sieh', nun hemmte die stürmenden Krieger
Milota's Feldherrnwink! Er dacht', ergrimmend im Geist, so:
»Jetzo der Thaten genug, daß mir vertraue der König.
Ist's nicht klar? Er sann mir heute den sicheren Tod nur,
Als er mich ehrend erkor: ich lebe noch, ihm zum Verderben.«
Dacht' es, und zog alsbald, schwachkämpfend, mit zögernden Schritten
Sich auf des Nachhalts Reihen zurück. Ihn empörete Katwald,
Tapfer zu steh'n: umsonst, er wich! Doch, sausenden Flugs, war
Marbod den Völkern genaht, die am rechten Flügel, gehorchend
Albrechts Stimme, voll Heldenmuths, nach dem Kampfe sich sehnten.
Hochberg, der den Zürchern geboth, ersah er, und rief ihm:
»Schreie: »Der Feind entflieht!« Gar mächtig ertönet dein Ausruf.«
Hochberg schrie: »Der Feind entflieht« mit gewaltiger Stimme,
Die zum Kern des Heers, und hinaus zum äußersten Flügel
Donnerte. Bald erscholl's von tausenden Stimmen auf einmal:
»Holla, die Feind' entflieh'n!
Sie flieh'n -- die Feinde, sie fliehen!«
Ottgar horchte dem Ruf mit kalthinstarrendem Blick' auf;
Wandte das Roß, und sprach zu Lobkowitz: »Wahrlich, vermuthend
War ich des Unfalls mir: denn höre des Herzens Geheimniß!
Jüngst, in der furchtbarn Zeit des mitternächtlichen Grauens
Hieß ich, im dunkelen Eichenhain, die Alrune,[3] des Schicksals
Hehre Verkündigerinn durch Bothen befragen; sie gab mir
Antwort: Ottgarn winkt an Stillfrieds Marken das Ziel schon!
Dort ist der Sieg mir gewiß; wir wollen uns fechtend zurückzieh'n!«
»Herr, nicht der Hölle vertrau',« so rief der jammernde Greis auf,
»Gott vertraue -- dir selbst, und deinen gewaltigen Kriegern!
Noch steht Sachs und Bayer im Kampf; noch nichts ist verloren.
Wolle mit Ernst den Sieg, er ist dein: o komm', und erring' ihn!«
Aber er trabte zurück. Ihm folgten am Fuße die Scharen
Milota's, der in dem Nachzug noch voll täuschenden Eifers,
Selbst abwehrte, zum Schein, die raschnachrückenden Gegner.
Bald erscholl auch drüben Geschrei, wo Bayern und Sachsen
Kämpften im Waffengefild, geführt von dem tapferen Herzog
Heinrich, und Zierotin, dem kraftgerüsteten Helden:
Denn Matthias, der Hort magyarischer Krieger, ersehend
Oben am ragenden Thurm die blutrothflatternde Sturmfahn' --
Hörend der Glocken Getön', erhob sich in Eile von Schönfeld,
Mit zermalmender Macht dem Feind' in die Seite zu fallen.
Vor zu des Rosses Mähne gebeugt, den blitzenden Säbel
Schwingend in kräftiger Faust, hinbraus'ten die Reiter, und hieben
Links, rechts, ein: bald lagen die Leichen gesä't in dem Blutfeld,
Wankten die Gegner, und floh'n, verfolgt von den Gegnern in Hast fort.
Rastlos eilte der König dahin im sinkenden Nachtgrau'n,
Bis er nach Dürnkrut kam in das Lager, das er noch letzthin,
Stolz vor Siegeshoffnung, verließ -- nun trotzig begrüßte:
Denn er dachte des Siegs am nächstaufstrahlenden Morgen.
Doch bis Ebenthal, dem einsamen Schloß' an dem Waldthal,
Führte der Kaiser sein Heer, und ruht', umlagernd, im Feld dort.
Ganz verhallte des Tages Lärm, und vom nächtlichen Himmel
Sah'n die Sternenheer' auf die schlummernden Völker herunter.
Zehnter Gesang.
Abendröthlich erglänzt der schnellentgleitende Rheinstrom;
Völlig verhallte der Sturm; nur liebliche Lüftchen bewegen
Manchmal, leis'umsäuselnden Flugs den ergossenen Spiegel
Seiner Gestade, wo links und rechts, von dunklen Gebüschen,
Wäldern, und Höh'n, nun hochaufragende Thürme der Burgen,
Nun hellschimmernde Städt' und Gotteshäuser sich heben,
Und ihr Bild in die spiegelnde Fluth von oben nach unten
Kehren, gewiegt von dem Zuge der raschforteilenden Wellen.
Wechselnd, von einem zum andern Gestad' durchkreuzen der Vögel
Singende Scharen die Luft, und ziehen dem schauernden Wald zu.
Abendglockengetön, vermengt dem Blöcken der Heerden
Schallet die Ufer entlang, als jetzt an dem wölbenden Himmel
Auf sich schwingen die goldenen Stern'; umschattendes Dunkel
Ruh' auf die Welt umher verbreitet, und jeglicher Laut stirbt.
Von Schafhausen allein tönt Donnergetös', in des Abends
Stille hörbarer noch dem Ohr: wo im schwindelnden Jähsturz
Sich von dem Klippendamm hinab zum versunkenen Strombett
Stürzt die gewaltige Fluth, aufschäumt an den Felsen, und dorther
Schauernden Nebelqualm in die Haine hinaus, und die Thäler
Sendet im Windeshauch', unendlichen, ewigen Eilflugs.
Sieh', ein Ritter kam aus fremden Landen gezogen!
Eilig trabt' er die Straße herab, und ihm folgte der Knappe
Fern, ermattet der Last der Wanderung. Aber den Ritter
Trieb herzinniges Leid und der Heimath glühende Sehnsucht.
Als er im Abendlicht, hervor aus dem dunkelen Eichwald
Kommend, vor sich das weitverbreitete Land, und inmitten
Fluthen sah den ersehneten Rhein, da hielt er das Roß an;
Sprang aus dem Sattel herab, warf sich, erschüttert, zum Boden,
Netzt' ihn mit Thränen, und stand, in des Anschau'ns Wonne versunken.
Hartmann war's, der jetzo dem Strom sich nähernd, und kehrend
Heim in das Vaterland, die trauten Gefilde begrüßte.
Drüben am linken Gestad', ersah er das freundliche Städtchen
Rheinau, welches der Rhein im kreisenden Lauf, sich nach Osten
Wendend, umfließt. Dort baute (so künden die Sagen der Vorzeit)
Sorglich das Gotteshaus Funtan, der Heilige,[1] Schottlands
Königen blutsverwandt, den Brüdern von Monte-Cassino,
Als er, ein Pilger, dort die Stelle, vom Geiste getrieben,
Endlich fand, wo allein der Strom nach Osten den Lauf kehrt.
Hartmann sah vom Gestad mit bewegtem Herzen hinüber --
Sah im Geist noch hinaus weit über die Berge, des Aargau's
Liebliches Thal, und dort von dem Felsenhügel die Habsburg
Ragen aus dunkeln Tannen empor in die Luft, und herunter
Schau'n auf die Fluthen der Aar,
die ihr, eilenden Laufes vorbeirauscht.
Zwar vermißte sie jetzt die trauten Gebiether: der Vater
Fern (er tauschte den Grafenhut mit der Krone der Kaiser)
Todt die Mutter -- von ihm die holden Geschwister geschieden.
Er, der Unglückliche, kehrt allein, in einsamer Stille
Dort zu erreichen das tröstende Ziel der irdischen Wand'rung.
Doch nun rief er, bewegt, dem spätnachfolgenden Knappen:
»Mangold, fasse das Roß an dem Zaum', und führ' es mit Vorsicht
Ueber die Brücke zur Stadt; bald folg' ich dir nach in die Herberg!«
Mangold faßte das Roß an dem Zaum, und führt' es mit Vorsicht
Nebenher, dem seinen gesellt, hinüber nach Rheinau
So, daß die Brück', entlang, erst laut, dann leiser und leiser
Unter dem eisernen Huf fortpolterte, bis zu dem Land hin.
Hartmann weilete noch. Er saß in Trauer versunken,
Dort auf dem Felsenriff, das sich auf die Fluthen hinüber
Beugt; sah oft nach den Wellen hinab, wie sie rollten, und eilten
Rastlos fort in des ewigen Meers verschlingende Tiefen,
Und gedachte mit Trost der eilenden Tage des Lebens.
Sieh', nun hob sich vor ihm der Mond in des Himmels Gezelt auf;
Hellte die Nacht, und zog in grünlichen Goldes Gefunkel
Quer auf dem dunkelen Strom die flimmernde Straße hinunter,
Der er, bewegt, nachsah, bis dort zu dem äußersten Rand hin,
Wo das Gestirn sich scheitelrecht in den helleren Fluthen
Spiegelte. Dort winkt' ihm (so däucht' es ihn) freundlichen Blickes,
Jenseits her aus ätherischem Glanz die liebende Mutter.
Ach, er streckte die Arme nach ihr mit stöhnender Brust aus;
Beugte die Stirn', und ihm sank die heimliche Thrän' aus den Augen!
Jetzo fuhr ein Kahn rasch über den schimmernden Mondpfad;
Muntere Stimmen erreichten sein Ohr. Herüber von Rheinau
Kehrte nach Eglisau, der Vater mit seinem Erzeugten,
Der, ein Fischer, dahin die Beute der Netze getragen,
Und seit Jahren umher auf dem fischdurchwimmelten Rheinstrom
Ruderte. Nun verfehlt' er, getäuscht, des Zieles: der Kahn schlug,
Von der Strömung gerafft, an dem Joch der gewaltigen Brück' um,
Barst entzwei, und die Zween verschlang, so mächtig sie kämpften,
Schrie'n, und riefen, die Fluth.
Nicht der lastenden Rüstung gedenkend,
Nicht der grausen Gefahr, aufsprang der edele Ritter
Auf das Angstgeschrei nach Rettung jammernder Menschen;
Lief das Ufer entlang, und warf sich hinab in die Strömung,
Als der Junge hervor aus der Fluth die Rechte gehoben;
Aber nicht rettet' er ihn, und fand in dem brausenden Abgrund
Dort das Ziel des schwermuthvoll entschwundenen Lebens.[2]
Ach, nicht ahnte des theueren Sohns unglückliches Schicksal
Rudolph noch, der fern im Zelt, von den Helden umgeben,
Saß beim erquickenden Mahl, nach unsäglicher Mühe des Tages!
Draußen, von Lagerfeuern erhellt, verlor sich des Himmels
Nächtliches Grau'n; Geschrei und Gelärm erscholl mit dem Wehruf
Blöckender Lämmer und Schaf', und des dumpfaufbrüllenden Rindes:
Denn die Krieger besorgten das Mahl in geschäftiger Sorgfalt:
Jetzo das Fleisch in der siedenden Fluth, die im räumigen Kessel
Brodelte, wohl mürbkochend, und jetzt es auf kreisenden Spießen
Bratend so, daß der Wohlgeruch weit das Lager erfüllte.
Auch ermangeln sie nicht des herzerfreuenden Weines,
Oder des Brots; nicht des Habers und Heu's die munteren Rosse:
Denn des Heers Marschalk, der Breuner, hatte genügend
Alles und Jedes zur Stelle geschafft für die dauernde Kriegszeit,
Und stets lauter erscholl auftobende Freud' in dem Lager.
Drinnen im hellerleuchteten Zelt, von den Helden umgeben,
Harrte der Kaiser zuvor des blühenden Königs der Ungern,
Dem er den Herold gesandt, als dort vom Lager vor Marcheck
Sich das siegende Heer erhob, die geworfenen Scharen
Ueber den Weidenbach voll drängender Hast zu verfolgen.
An dem Gestade der March, wo, g'en Hochstätten, im Halbkreis
Sich hinwindet der Fluß, aufragte die Kuppe des Felsens,
Der vor grau'n Jahrhunderten schon den Völkern zum Markstein
Dienete, jetzt dem Zelt des lebensfreudigen Königs
Kühlenden Schatten both, und, ferne geseh'n, in der Umwelt
Alles dem spähenden Auge verrieth. Dort fand ihn der Herold
Sitzend im munteren Kreis' der Zitherspieler und Sänger,
Die von dem Heldenzug der Ahnen herüber nach Ungerns
Reichem Gefild' und der Thatenkraft gepriesener Führer
Sprachen im jubelnden Lied'; auch rühmten darauf: wie im Feld' erst,
Kämpfend mit nieu erschütterndem Muth, des verbündeten Kaisers
Macht die Feinde bestand, und, gleich dem brausenden Sturmwind,
Der auf der Heid' im Herbst die verdorrten Disteln dahinjagt,
Trentschins ruhmverherrlichter Held dann ihnen im Rücken
Lag mit mordendem Stahl, als all die Scharen zerstoben.
Aber so laut der König sich d'rob erfreute, so gönnt' er
Dennoch dem Kunen den Ruhm vor dem Unger im heimlichen Busen,
Und ergrimmte noch mehr, daß ihm Kaduscha heute zurückstand.
Hastig nahet' ihm Meyenberg, der Herold, und sprach so:
»Herr, dein Herz erfreue der Ruhm des herrlichsten Sieges,
Den dein tapferes Volk mit raschentscheidender Thatkraft
Uns erringen half. Zum Kriegsrath ruft dich der Kaiser,
Und zu dem fröhlichen Mahl nach des Tags ermüdender Arbeit.«
»Gern,« erwiederte jener, voll Hast, »hineil' ich in's Lager
Meines erlauchten Verbündeten, der so edel gesinnt ist.«
Sagt' es, und schwang sich auf's Roß, im Gefolg kumanischer Reiter,
Ebenthal zu erreichen im Flug, wo im schimmernden Zeltraum
Rudolph, heldenumschart, sein harrete. Wie er dahinflog,
Fuhr der Staub zum Gewölk, erregt von den stampfenden Hufen.
Alle gehorchten dem Ruf des erhabenen Kaisers: nur Einer --
Kaduscha war nicht zu schau'n. Empört von dem Glücke des Helden
Von Trentschin, entboth er zu sich zweitausend der Reiter:
»Ha,« so sprach er, »was sollen wir hier, mit den Deutschen verbündet,
Nutzlos opfern das Blut, da jüngst den lohnenden _Woldan_[3]
Wie er den Raubritt hieß, uns grausam der Kaiser verwehrte?
Auf, wir zieh'n nach Günß, den tapferen Iwan[4] zu retten,
Den jetzt Bertholdsdorf, der Kammerer, stürmend, bedränget,
Innen im Raum der gewaltigen Burg! Wir entsetzen die Festung
Schnell mit würgender Faust, und erlösen den tapferen Grafen:
Dann soll Oestreich bald, verheert, und geplündert, mit Schrecken
Schau'n von nah' und von fern aufflammende Dörfer und Städtchen;
Aber wir kehren, beschwert mit reichlicher Beute, zur Heimath.«
Laut aufjauchzten sie ihm, nach Beute begierig, und zogen
Schnell g'en Heunburg fort, der Donau Fluthen hinüber,
Ueber die Brücke, die Albrecht jüngst erbaute mit Sorgfalt;
D'rauf gewahrten sie bald den Neusiedl-See, und die Mauern
Oedenburgs, und eileten rasch nach den Höhen von Günß hin.
Doch schon hatte der Kaiser, vereint mit seinen Erwählten,
Mit vorschauendem Blick des Angriffs Weisen erwogen;
Manchen erforscht, und dem Forschenden gern mit würdiger Sanftmuth
Klaren Bescheid ertheilt: bis all', einmüthig, ihm Beifall
Zollten; die Ordnungen, Zahl,
und die Stellung der Völker im Schlachtfeld
Jeder gar trefflich fand, und jeglicher Zweifel entfloh'n war.
Siehe, nun scholl des Rosses Huf von der Straße herüber.
Jene horchten erstaunt; da sprach, sanftlächelnd, der Kaiser:
»Alle vermißet ihr hier nur ungern Hugo von Tauffers,
Jenen gewaltigen Greis, bei'm herzerheiternden Spätmahl.
Wahrlich, viel erduldet' er jetzt, in der engenden Festung
Müßig zu steh'n, der stets im Gemenge der eisernen Waffen
Rasch vortummelt das Roß, und allwärts ist, wo Gefahr dräut!
Ich entboth ihn in's Feld, dem jüngst verwundeten Helden,
Ortenburg, vertrauend die Vest', und er folgte dem Ruf bald.«
Als er's sprach, da trat der muntere Greis in das Zelt ein;
Grüßte den Kaiser zuvor, und den blühenden König der Ungern;
Dann die tapferen Helden umher mit feurigen Blicken,
Setzte sich hin, und begann: »Fürwahr, ich wähnte: verrosten
Müßte mein tüchtiges Schwert in der dunkelen Scheide für immer,
Und ich daheim Geschriebenes nur aus dem Munde des Mönchleins
Hören: von Thaten des Kriegs und euern errungenen Lorbern!
Aber als gütigen Herrn erwies dem alten Gesellen
Haug der Kaiser sich stets: sein dacht' er auch jetzo mit Huld nur.
Kaduscha sah ich zuvor an der Spitze des reisigen Volkes
Treulos flieh'n; er gab, hohnlachend, den kurzen Bescheid mir:
Iwan weih' er sein Schwert; euch wünsch' er Glück in dem Siegslauf.«
All' aufhorchten mit Staunen dem Wort; doch glühendes Roth fuhr
Jetzo mit wechselndem Weiß in die Wangen des Königs von Ungern,
Und ihm blitzte der Zorn aus den halbgeschlossenen Augen;
Dennoch besann er sich schnell; both dann die Rechte Matthias
Von Trentschin, und sprach: »Du sey des Heeres Gebiether
Mir hinfort! Obgleich vom Geschlechte der Kunen geboren
Mir die Mutter ward; ich die Liebe des Kun's aus der Brust ihr
Sog als wimmerndes Kind, und, zum Jüngling gereift auf dem Todbett
Noch ihr schwur auf die pochende Brust: so will ich den, Unger,
Reuig erwägend die Schuld der dauernden Geistesverblendung,
Vorzieh'n jetzt dem Treulosen, der mich verließ, und nicht schmähen
Fürder das edlere Blut des throngebornen Erzeugers.«
Jener erhob sich mit Würde vor ihm, und beugte die Scheitel,
Schweigend, zum Dank. Doch, als im schlachtentscheidenden Kriegsrath
Für den bald aufdämmernden Tag Alljedes besorgt war,
Saß der Kaiser im Heldenkreis' bei dem fröhlichen Nachtmahl
Heiteren Blicks, und sprach, umschauend, zu Diesem und Jenem:
»Laßt euch Lagerkost, ihr Herrn, genügen: für jetzt noch
Sind der Gerichte nicht viel', doch würze die wenigen Frohsinn!«
Lautes Gemurmel erscholl in dem Zelt. Geschäftige Diener
Reichten die Speisen herum: das dampfende Muß, aus dem Vorrath
Zartesten Mehles gekocht; dann wildes und zahmes Geflügel,
Wohlgebraten am Spieß mit dem Rücken des jährigen Rindes,
Und, zum kräftigen Brote zuletzt, der Sitte geziemend,
Goldenen Honigseim, wie solcher dem Deutschen ersehnt war.
Andere trugen die Fluth des köstlichen Weins in den Krügen
Freundlich herum, und füllten den Bauch der räumigen Humpen,
Die vor jeglichem Gast', aus schimmerndem Erze getrieben,
Standen, nach Herzenslust bei dem Nachtgelage zu trinken.
Lauter und feuriger ward das Gespräch, und bewegter das Kriegszelt.
Aber der Kaiser sah mit lächelndem Wink nach dem Ritter
Müller, dem Zürcher, der im Kreise der Fröhlichen, immer
Heiteren Scherzes gedacht', und jetzt zu Friedrich von Nürnberg
Also begann: »Herr Burggraf, sprecht: wie war's denn vor Basel
Mit dem Gelehrten, da Ihr ihm Habsburgs Pfennig nicht gönntet?«
Jener kündete nun mit hocherröthenden Wangen:
Wie in dem dauernden Kampf vor Basel dem edelen Ritter,
Rudolph, both sein Werk: »Von den Kriegen der Römer und Deutschen --
So auch des Feldherrn Wissenschaft« ein Gelehrter aus Straßburg;
Jener ihm schnell ein Goldstück gab mit der goldenen Kette,
Die von dem Hals ihm hing, und d'rauf, voll Gier, in den Büchern
Blätterte; wie er -- der Schwester Sohn, ihm solches verwiesen,
Da viel Geldes das Volk ihn kostete, viel auch der Kriegszug
Fortan heischt'. »Ach hört,« so erzählt' er dann, »wie mich Rudolph
Schalt! »Der herrlichste Lohn,« so sprach er, »gebührt dem Gelehrten,
Der hochrühmliche Thaten beschreibt, und im Herzen den Muth weckt,
Sie zu vollbringen dereinst.« Er säße wohl selber mit Freuden
Ueber den Büchern, so ihm nicht die Zeit ermangelte; lieber
Spendet' er auch sein Gold auf ihn, der, dauernden Mühens,
Solche Schätze gehäuft, denn auf manchen untüchtigen Krieger.«[5]
»Wahrlich,« so fiel ihm Müller in's Wort, »kein wankendes Schilfrohr,
Das sich im Hauche des Windes bewegt, gewahrten die Gegner
Jemals an ihm, denn hört: der Regensberger vererbte
Auch an den Kraft von Toggenburg, der seines Geschlechts war,
Unversöhnlichen Haß g'en Habsburg. Feindlich umringten
Wir mit erlesenem Volk dort Uznach, die ragende Felsburg,
Und ein Krachen begann alsbald: denn laut und unzählbar
Flogen die Felsen nach ihr, von des _Antwerks_[6] mächtigem Wurfbaum
Hingeschnellt, das Ermel in Roth, der treffliche Meister,
Sinnig zu bauen, verstand. Auch die _Katzen_,[7] mit Erde bedecket,
Rasteten nicht, stets näher den Mauern gerückt, und die Krieger
Schirmend vor Feindesgeschoß, die im Sonnenlicht und im Nachtgrau'n
Schwangen die furchtbare Wucht des mauerzertrümmernden Balkens.
Hundert Fuß aufragte der Stamm des mächtigen Eichbaums,
Den der Meister sich wählt', und mit Eisen die Stirn' ihm bewehrte.
Donnernd schlug er die Wand, von kräftigen Kriegern geschwungen.
Endlich rückten wir auch mit dem _Ebenhoch_[8] an die Zinnen:
Schleudernd von ihm zermalmende Blöck' in die Mitte der Felsburg --
Auch mit Schwefel und Harz erfüllete, brennende Kugeln.
Doch ereilt' uns d'rauf der grimmige Winter: verderbend
Hielt sich die Burg sechs Monden schon mit erlesenem Streitvolk.
Viele begruben wir dort der Unseren; viele vermißten
Wir an dem Morgen oft, die feig entwichen bei Nachtzeit;
Doch nie wankte noch Rudolphs Muth. Da warfen die Gegner
Lebende Fische heraus in das Lager, als spotteten sie noch
Seiner Gewalt. Er rief: »Ermannt euch: unser ist Uznach!«
Also geschah's. Er drang bei Nacht mit wenigem Volk nur
Ein durch den Mauerbruch, und eröffnete herzhaft das Thor selbst.
Unserm würgenden Schwert' erlagen die Gegner, und alsbald
Fiel auch die Burg, zerstört, auf den Wink des Helden von Habsburg.«
Laut umtönt' ihn einhelliger Ruf: »Hoch lebe der Held uns!«
Doch nun sah ihn zugleich der blühende König der Ungern
Traulicher an, und sprach: »Stets bist du wohl glücklich gewesen?
Denn ein heiterer Geist wohnt dir in den freundlichen Augen.«
Jener begann: »Nicht also: denn vieles erduldet' ich seither,
Ander'n Sterblichen gleich, im wechselnden Laufe des Lebens;
Leidengeübt erkenn' ich das Maß auch der härtesten Leiden
Anderer; doch, ich lernete dem, was über uns waltet,
Frühe mich fügen; hab' treu an des Heilands Lehre gehalten,
Die uns gewiß, denn einzig wahr, hienieden und jenseits
Leitet zum dauernden Glück. Mit Dank genoß ich des Guten;
Setzte dem Schlimmen ein Ziel durch Geduld;
stets ehrt' ich die Wahrheit;
Meine Wege befahl ich dem Herrn, und schau' in des Grab's Nacht
Ruhigen Blicks: mir winket aus ihr das ewige Lichtreich.«
Sagt' es, und sah, bewegt, nach Albrecht, seinem Erzeugten,
Der an den Lippen des Vaters hing, und weinte, hinüber.
Stiller wurd' es im Zelt, da rief mit umschallender Stimme
Lichtenstein: »Was soll uns der Ernst bei der fröhlichen Mahlzeit?
Morgen ruft uns die Schlacht mit donnerndem Laut', und des Frohsinns
Jubel verhallt. Wer kehret, wer nicht? Weß' Sitz an dem Tisch hier
Leer ist bei'm künftigen Mahl: das steht uns zum Glück noch verborgen;
D'rum genießet des Augenblicks, eh' er schwindet auf immer!
Soll dieß herrliche Fest des Sängers ermangeln? Er harret
D'raußen nur eures Winks: der gemeinsamen Freude gedacht' ich.«
»Sage mir an,« sprach Rudolph jetzt, »weß' Landes und Volkes
Rühmt sich dein Sänger? Bekannt sind mir die Weisen der Meister:
Denn mir waren sie stets ersehnete Gäste; so mancher
Wallte zur Habsburg hin, und geehrt ging jeder von dannen.
Gierig horcht mein Ohr den zaubergewaltigen Männern:
Denn mit frischerem Grün bekleidet ihr Sang in dem Winter
Selbst, den entblätterten Wald, und mit Frühlingsblumen die Matten,
Die der herbstliche Wind versengt': auf den nebligen Himmel
Sä't er glänzende Stern' umher, und weckt in des Menschen
Fühlender Brust, gar mächtig die Ahnung der schöneren Zukunft,
Der hier unter dem Druck der Gegenwart, wie erstarret,
Ach, nach jener, so oft, mit inniger Liebe sich sehnet!
Eilt, und führt ihn herein den werthen Gast bei dem Mahl hier.«
Jener eilte hinaus; dann kehrt' er, und sagte dem Herrscher:
»Nicht unrühmlich bekannt ist Hornecks[9] Name, des Sängers,
Der aus der Steyermark entsproß, und in blühender Jugend
Fort nach Deutschland zog an den Hof des würdigen Bischofs,
Werner von Mainz, wo ihm Rotenburg zum Meister geworden.
Aber ihn drängte das Herz: ein redlicher Hirte der Schäflein
Seines Heilands zu seyn, und er weidete solche mit Sorgfalt,
Jahrlang, bis ihm die Feder zugleich und das Siegel der Bischof
Wieder vertraut'. Er starb, und Horneck kehrt' in die Heimath:
Erst dem Sänger des _Frauenbuch's_,[10] deß' Sohn ich mich rühme,
Sich zum Frommen zu weih'n: dann mir, als jener gestorben:
Denn mit unsäglichem Fleiß, in zierlichem Reim die Geschichten
Schreibend, folgt er mir treulich nach im Krieg' und im Frieden.«
Doch nun trat im langen Talare der heilige Sänger
Leise herein. Er trug die tönende Harfe mit Vorsicht
Unter dem Arm, und grüßte die Schar -- vor allen den Kaiser
Tief, und mit innigem Blick'. Erstaunt besann der Beherrscher
Deutschlands sich. Ihm schien: als hätt' er ihn früher gesehen;
Nur vom lastenden Alter gebeugt, und ergrauet an Haaren
Stand er, ein Fremdling, vor ihm. Da ließ er mit freundlichen Mienen
Auf den niedrigen Stuhl am Zelteingange sich nieder;
Langte die Harfe hervor, und fuhr mit flüchtigen Fingern
Ueber die Saiten dahin, die herzerschütternden Lautes
Töneten. Still ward's d'rauf in dem Zelt, und es stockte der Odem
Allen umher in der Brust, da er jetzt den feierlichernsten,
Heiligen Sang begann im Klange der bebenden Saiten:
»Laut erbrauset der Sturm, und jagt tiefhangende Wolken
Ueber die finsteren Berge hinaus. Der laubige Hochwald
Trieft, der Gießbach rauscht, vom dauernden Regen geschwollen.
Sieh', dort ruhete nun, aus dem Sattel gestiegen, ein Ritter,
Nach ermüdendem Weidwerk aus. Von dem heiteren Antlitz
Strahlt ihm der Heldenmuth -- aus den bläulichen Augen die Wahrheit,
Liebe, und Treu'. Er sah in die Fluthen: sie saus'ten, und braus'ten,
Eilten im Fluge dahin, und er dachte des fliehenden Lebens.
Aber der Rappe scharrt; laut winselt der gierige Schweißhund:
Denn kein Wild auftrieb er im Forst, und der Ritter erhebt sich
Heim zu zieh'n in die Burg, wo sein die Liebenden harren.
Jetzt erreicht Geklingel sein Ohr. Von dem finsteren Wald her
Naht dem Ufer ein Priester des Herrn: im schimmernden Chorrock,
Und mit goldener Stol' an der Brust, nachschreitend dem Meßner
Eilig, das Engelsbrot zu dem sterbenden Manne zu tragen.
Doch jetzt schaut er, voll Angst, umher: denn siehe, der Gießbach
Schwemmte den Steg aus dem Grund', und drüben aufjammert die Hausfrau:
Hörbar poche der Tod an der Thür', und es lechze der Gatte
Nach der Labung, die ihn auf die Reis' in die Ewigkeit stärke.
Schnell entblößt' er die Füß' an des Ufers felsigem Abhang,
Dort die rauschende Fluth kühn durch zu waten, entschlossen.
Aber der Ritter kam in Eile herüber, und both ihm --
Erst anbethend den Heiland der Welt, das gesattelte Reitroß
An zu heiligem Dienst, und kehrte, vergnügt, zu den Seinen.
Als der Abend sank, und die Welt in rosigen Schimmer
Hüllete, sieh', da führte der Priester das Roß an dem Zügel
Ueber den Burghof her, und sagt' es dem Ritter mit Dank heim!
Aber er sprach: »Was dünkt dich? Nein, nicht diene dieß Reitpferd
Fürder zu schnödem Gebrauch, das meinen Erlöser getragen:
Denn nun sey's der Kirche des Herrn mit dem Feld' an dem Weiher
Frei geschenkt, daß hinfort kein Wildbach mehr auf den Pfaden
Jenes unwirthbaren Raums, in dem heiligsten Amte dich hemme!«
D'rauf der Priester begann: »So vergelt' es dir Gott, der Erbarmer,
Edeler Herr, was du mit erbarmendem Sinn an dem Diener
Seiner Kirche gethan: stets mög' es dir glücklich ergehen!
Ha, mir sagt es der Geist, und ich irre nicht -- sey dieß Geheimniß
Dir in den Tiefen des Herzens bewahrt: dir zieret die Scheitel
Würdig dereinst die Krone des heiligen, römischen Reiches!
Herrschen wird dein Geschlecht auf dem herrlichsten Thron'
in die Zukunft
Endlos hin. Dein dauernder Ruhm erfüllet den Erdkreis!«
Endete so: da sah'n zugleich die versammelten Helden
Staunend, dem Kaiser in's Aug', und erkannten des Grafen von Habsburg
Fromme That enthüllt, die er stets verschwiegen voll Demuth.
Aber er stürzte herbei, und drückte mit heißer Umarmung
Lange den heiligen Greis an die Brust; dann rief er bewegt so:
»Wahrlich, du bist's, Ehrwürdiger, der an dem rauschenden Gießbach
Mir mit dem Herrn erschien, dort Glück und Segen zu spenden!
Möge die ewige Huld dir hier und dort ihn vergelten!«
Jener beugte die Stirn' auf Rudolphs Hand, ihm die Thränen
Bergend, und wankte hinaus in dem einsamen Zelte zu ruhen.
Auch die Helden, gesammt, enteileten: denn an des Morgens
Tod- und lebenentscheidende Schlacht ermahnte der Kaiser
Sie mit erglühendem Aug': »O denket,« so sprach er, »des Morgens,
Der uns im eisernen Felde vereint. Im Sieg' ist die Freiheit,
Wohlfahrt, Ruhe und Glück viel Tausender: denket des Sieges!«
Aber erschütternd braust' ein Ruf aus dem Munde der Helden:
»Ha, wir gedenken mit Gott zu erringen den Sieg in dem Blutfeld!«
Tief verstummte das einsame Zelt. Mit sinnenden Blicken
Ging der Kaiser umher; dann saß er wieder, und dachte
Noch des wechselnden Glücks der Sterblichen -- sah mit Ergebung
Himmelempor, und entschlummert' im Schimmer der Lamp'
auf dem Lehnstuhl.
Aber nicht lang, da fuhr er, bewegt, zusammen (nicht wacht' er,
Schlummerte nicht) ihm stand, verklärt in himmlischer Schönheit,
Hartmann, der liebende Sohn, vor den nachtumhülleten Augen,
Blickte lächelnd ihn an, und sprach: »In düsterem Zeitraum
Schieden wir, mein Vater! Mir ward auf dem irdischen Dornpfad
Jammer zu Theil, und ich weinete still: nicht gewahrend der Vorsicht
Mildumschlingende Hand, die allein zum lohnenden Ziel führt.
Ha, nun steh' ich am Ziel! Gelös't, und in himmlischer Klarheit
Liegen des Lebens Räthsel vor mir; versiegt ist der Thränen
Bitterer Quell', und es jauchzt die entfesselte Seele vor Wonn' auf.
Vater, traure nicht, wenn die Todesbothen dir künden:
»Hartmann starb in den Fluthen des Rheins: im rühmlichen Streben,
Retter zu seyn Unglücklicher!« Schon ist die sterbliche Hülle,
Die ihn umgab, in dem Baseler Dom zu Grabe getragen,
Wo ihm ein Denkstein wird, auf immer zum ehrenden Zeichen.
Traure nicht. Ich, und die Mutter -- wir harren dein in Gefilden
Ewigen Glücks, bis treuerfunden am Ziel, wo entscheidend
Sinket die Wag', und steigt, auch du, vor unsäglicher Wonne
Jauchzend, die Deinen ersiehst in seliger Wiedervereinung.
Denke der Alpenhöh'n, des Greises, und frommen Gelübdes,
Wenn in umdrängender Schlacht die Hoffnung des Sieges dir schwindet!«
Rudolph fuhr von dem Stuhl'. Er wähnte den fliehenden Schimmer
Noch an der Decke des Zeltes zu schau'n, und zitterte, starrend
Hin, den Gesichten der Nacht.
Dann rief er: »Ein furchtbarer Traum war's:
Furchtbar und himmlisch zugleich!
Mein Hartmann lebt, und mich täuschte
Nur der Lamp' aufflimmerndes Licht. O Herr, du bewahr' ihn!«
Sprach so; streckt' auf dem Lager sich aus, und entschlummerte wieder.
Aber nicht herrschte die Ruh' und des Herzens Frieden in Ottgars
Zelt: denn eben kehrt' er zurück aus dem finsteren Eichwald
Götzendorfs, und er wähnete noch: die Schrecken der Hölle
Rauschten hinter ihm her, im Gezisch' unseliger Geister.
Furchtbar rollte sein Aug', und seine geöffneten Lippen
Zitterten. Doch nun warf er das Schwert auf den drönenden Tisch hin,
Ließ sich nieder, und starrte mit düsterem Blick' in des Oehldochts
Flimmernden Schein. Er eilte zuvor dem waldigen Thalgrund
Götzendorfs, im Grauen der Nacht, allein, und dem Heerweg
Fern' auf dem schnaubenden Roß entgegen: des dunkelen Schicksals
Ruf noch einmal dort an dem schauerumflossenen Eichbaum,
Dem die Bewohner des Dorfs nur mit Angst und Schrecken vorüber
Eileten: denn stets scholl Gezisch um ihn her, zu vernehmen.
Dorthin bannt' erst jüngst Drahomira, voll höllischer Arglist,
Einen täuschenden Spuk, zu verlocken den finsteren Ottgar,
Der um die Mitternacht hinwanderte, Gott zu versuchen.
Als er rasch auf den Baum losdrang, da trat ihm sein Engel
Unsichtbar in den Weg, und rief an das Herz ihm die Warnung:
»Wie, Verehrer des Herrn des Weltalls, Theuererlös'ter,
Willst du dem Vater der Lüge dich weih'n -- die unsterbliche Seel' ihm
Selbst verschreiben zum Pfand für trugverhüllende Zeichen?
Kehre zurück; bereue die Schuld des entflohenen Lebens.
Mild erbarmt sich der Herr des Reuigen: eil' ihn zu söhnen!«
Ottgar horchte bestürzt: denn zorngerötheten Blickes,
Sah der Unsterbliche jetzt nach dem Baume hinüber, und alsbald
Floh'n die finsteren Mächte davon. Ihr wildes Gezisch scholl
Laut um ihn her: er wandte das Roß, und im brausenden Eilflug
Kehrt' er heim in das Zelt, von Angst ergriffen, und Schauder.
Als er dort beim Scheine der mattaufflimmernden Lampen,
Sinnend, saß: da scholl ein Getrab anstürmender Rosse
Näher. Nicht lange, so stand Kunegunde, mit flammenden Blicken
Schauend, vor ihm, und sprach: »Hast du die verhüllete Neigung
Deiner so theuren Tochter dir, zu dem herrlichen Jüngling,
Wallstein, früher gekannt, der jüngst in's eigene Schwert sank,
Und ihr Herz verwundet im Zorn? Nie siehst du sie wieder.
Hedwig entfloh. Aus dem Kloster, ach, der ad'ligen Nonnen
Drüben im Ungerland kam mir die Kunde gesendet:
Eine Braut des Herrn, will sie in erkorener Stille
Leben hinfort. Schon hüllt ihr die liebliche Stirne der Schleier.
Schrecklicher, dein Werk ist's: gar viel des Schlimmen erlebst du!«
Ottgar beugte das Haupt, und barg die thränenden Augen
Schnell mit den Händen vor ihr: von dem leise geahneten Schicksal
Seines theuersten Kindes bewegt. Er bebte, verstummend.
Doch sie sprach von neuem mit Hohn: »Im nächtlichen Grauen
Komm ich von Drösing heran: denn wer gewahrt' in des Tages-
Licht nicht die Scham und die heimliche Wuth mir im glühenden Antlitz
Ueber die Flucht des Böhmenheers -- des tapfersten Heeres,
Das sein Hort: weh mir, daß ich Gattinn dem Feigen geworden,
Fliehen hieß in dem Augenblick des entschiedenen Sieges!«
»Weib, halt ein!« schrie laut der Empörete, »kühn und entschlossen
War ich mein Leben lang, und feig ertrug ich als Gatte
Nur, die Launen des Weibs, das mir zum Jammer zu Theil ward.
Ach, die unfriedliche Ehe gebiert die herbste der Qualen!
Doch für jetzo hinweg mit eitlem Gezanke. Zu furchtbar
Dränget der Augenblick: nicht fern ist die Stunde der Schlacht mehr.
Fort noch heute g'en Prag! Ich sende dir muthige Scharen
Zum Geleit. Mit dir sey Gott! Kunegunde die Mutter
Meiner Kinder bist du! Erhabenes liegt in den Worten.
Halte sie wohl, die theuern! Gar viel ertrug ich des Schlimmen
Mit Geduld, um die Kindlein: denn mir fehlte der Sohn noch.
Ha, daß vielleicht, so mir die Heimkehr wird aus dem Kriegszug,
Schönere Tag' uns blüh'n! Nur als Sieger siehst du mich wieder.«
Sagt' es, und stand, verwendeten Blicks. Ihr rollten die Thränen
Ueber die Wangen herab: denn tief vorahnte sie's: nimmer
Werde sie ihn mehr seh'n; doch scholl kein freundliches »Leb' wohl!«
Ihr von den Lippen; sie ging, und schwang sich auf's Roß,
von den Reitern
Dicht umschart, bald Prag, die herrliche Stadt zu erreichen.
Heftig bewegt, ging Ottgar jetzt im dämmernden Zeltraum
Auf und nieder, und sann. Schon längstentflohene Zeiten
Kehreten ihm, nun lieblich und hell, nun nächtlich und furchtbar,
Wieder im Bilde zurück, und ach, unendliche Wehmuth
Faßte sein Herz, als dort die dämmernde Helle des Nachtgrau'ns
Trauergewölk verschlang, und um ihn, verödet, die Welt lag!
Stöhnend streckt' er zuweilen den Arm weit vor, und ersehnte
Heiß, zu entreißen dem Grab, was solches im Moder bedeckt hielt.
Seine Lippen bewegten sich dann, und lispelten Nahmen,
Ort, und Zeit umher in die Dämmerung. Willigen Herzens,
Wär' er mit flehendem Wort vor Dem, und vor Jenem gesunken
Auf die Knie', zu erringen den Wink ersehnter Verzeihung.
Doch, als Niemand war, der Antwort gab, und auf Erden
Alles, verstummt, und erstarrt, auf immer jegliches Mitleid
Ihm zu versagen schien: da hob er die furchtsamen Augen
Auf zu dem Himmel, und sah durch leis'aufquellende Zähren,
Zweifelnd, hin, bis jetzt, erschüttert, die bebenden Händ' er
Faltete; dann, gesunkenen Haupts, auf die Kniee sich werfend,
Also begann: »O Herr, nicht geh' in's Gericht mit mir Armen!
Ringsum drängt mich die Schuld,
wie die Fluthen des schwellenden Bergstroms,
Und einstürzender Berge Geröll. Wo find' ich Errettung
Einst vor deinem Zorn, Allmächtiger, wo, so dem Schuldner
Nur vergeltendes Recht, nicht auch Erbarmen zu Theil wird?
Doch Erbarmen mit mir, das, hart- und eiserngesinnet,
Ich nicht übt' an den Menschen -- ein Mensch? Erhebe die Hand nur,
Furchtbarer, straf' mich: denn ich hab' es verschuldet, auf immer!
Dennoch nimmst du die Sühne noch an; barmherzig und gnädig
Bist du, o Herr, wenn reuig das Herz auf der irdischen Bahn noch,
Schmerzdurchdrungen, sie beut! Noch wandl' ich auf ihr. Im Bewußtseyn
Schrecklichen Frevels, zu dem auf der schwindelnden Höhe des Thrones
Mich die gefährliche Macht und der feiggesinneten Schmeichler
Zauberruf hinriß, und des ungebändigten Herzens
Ehrgeiz, Stolz, und begierliche Gluth stets mächtiger drängte,
Will ich, läßt du mich leben, o Herr, mit reuigem Herzen
Sühnen die Schuld! Wie ich einst des Kreuzes heiliges Zeichen,
Siegend, zur Ostsee trug, und dort den verwilderten Heiden
Deines Nahmens Ruhm verkündigte, eifernd für Wahrheit,
Tugend, und Recht; wie dort das Herz bei jeglichem Guten
Höher im Busen mir schlug, und ringsum die heitere Schöpfung
Lächelte, weil in der Brust noch Frieden mir wohnte: so will ich,
Ein erneuerter Mensch, hinfort dir leben, und würdig
Wandeln vor dir, geschirmt von deiner allmächtigen Rechten!
Ha, der Morgen graut! Ich stehe g'en über den Feinden:
Jenem zumal, der mich verhöhnete -- mir in dem Herzen
Glühenden Haß und Rachsucht weckt'. Ich verzeih' ihm: du heischest
Solches, mein Heiland, von mir zum Gehorsam. Im redlichen Kampf nur,
Den des Throns erworbenes Recht und die Liebe der Völker
Heiliget, will ich ihm steh'n, und anheim dir stellen mein Schicksal.
Gieb mir den Sieg, Herr! Doch nicht mein -- dein Wille geschehe!«
Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht
Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.
Eilfter Gesang.
Zweifelnd rang der Tag mit der Nacht, und im schauernden Zwielicht
Ruhte die Erde, noch rings vom holden Schlummer umfangen,
Als das schreckliche Paar der Meerenberger in's Lager
Kehrete. Dort an dem Pfad, der, längs dem duftenden Weinberg,
Immer höher sich hebt, und erst an dem felsigen Hügel
Schwindet, von welchem der Rabenstein empor in die Luft ragt,
Standen die Rachebrüder, vereint zu entsetzlichen Thaten,
Schon drei Stunden lang, und sah'n mit finsteren Blicken
Bald nach dem Hochgericht, bald einer in's Auge dem andern,
Das, wie der Blitz aufflammt in dem Nachtgrau'n, öfters erglühte
Vor dem gewaltigen Drang des grimmgesättigten Herzens.
Aber da sprach der ältere so zu dem jüngeren Bruder:
»Siehe, der Morgen graut; schon bin ich gefaßt, und entschlossen!
Komm: die Vorhuth harrt, der wir uns entzogen.« Und jener
Sagt', erweicht: »Noch ist das Entsetzliche, dem ich erbebe,
Nicht gescheh'n; noch stehen wir fern dem gekröneten Gegner,
Den ich zu morden schwur in der offenen Schlacht, in des Tempels
Heiligthum, und in dem stillen Gemach, wie solches das Glück mir
Günstig beut. Bereit ist die Rach', und der schändlichste Frevel
Heischt sie mit Recht, und doch -- ich könnt' ihm verzeihen!
Nicht zürne
Theurer, mir ob dem Wort', er sinkt: ich könnt' ihm verzeihen!«
»Wie,« so entgegnete jener voll Wuth, »das verhaßteste Wort kam
Dir von den Lippen: verzeih'n? Sieh' hin nach dem Baume des Fluches!
Ist er nicht jenem gleich -- vielleicht daß die höllischen Mächt' ihn,
Mir zum Hohn, durch Zaubergewalt herführten im Luftraum,
Weh', auf dem der edelgesinnete Bruder, mein Seyfried,
Schuldlos litt; das Haupt zu den Füßen gebunden, nach dreimal
Schrecklichen Tagen verblich? Verzeih'n?
Ich erwürge dich, thust du's!«
Jener verstummte vor ihm, und sie kehrten mit eilenden Schritten
Wieder zurück zur Heldenschar der erlesenen Vorhuth.
Drüben in Osten entstieg des erd'umrandenden Himmels
Tiefen, gehüllt in Rosengluth, die ersehnete Sonne;
Aber sie schwand dann bald, von düsteren Wolken verschlungen,
Wieder, und zeigt' auch heute nicht mehr ihr freundliches Antlitz,
Bis sie vom Abendthor erreicht das herrliche Ziel sah!
Schon war drängende Hast und dumpfes Gemurmel im Lager
Beider Gegner erwacht; schon sprengten die Herolde hierhin,
Dorthin fort: des Heers Aufstellung den schaltenden Amtnern[1]
Kund zu thun, wie solche zuvor der Herrscher gebothen.
Ottgars dräuende Macht hob weit an dem dunkelen Spannberg
Sich empor: ausdehnend rechts den mächtigen Flügel
Bis g'en Weidendorf, und links an die Marken von Dürnkrut,
Also geordnet in sechs Heersäulen, dem Feind zu begegnen:
Hier an das Böhmen-Volk der Sachs und der Bayer, und drüben
Reuß' und Pol' an jenes aus Mähren, gereiht, mit den Scharen,
Kunrings: denn ihm verharrete dort mit erlesenen Kriegern
Noch zu getreulichem Dienst Hadmar, der ältere; Leutold
Nur, aufflammenden Zorns, zog jüngst mit den Seinen zur Burg heim.
Aber wie gestern am Wall', zu drei Heersäulen geordnet,
Standen des Kaisers Reih'n entgegen den Reihen der Gegner,
Und gedachten anjetzt vor dem Kampf, der Beicht und des Bußwerks:
Denn manch tapferer Krieger sprach: »Wo weilt in des Heeres
Ordnung der Seelenhirt, der von dem verirreten Schäflein
Höre die Sünden bekannt, und im Nahmen des Herrn es entlasse,
Ledig der Schuld? Ach, furchtbar wär's, in solcher zu scheiden!«
Bald gewahrt' er den Wink, der ihm das ragende Zelt wies,
Wo in dem dämmernden Raum, mit niedergehefteten Augen,
Heiligen Mitleids voll, der Priester des Herrn zu Gericht saß.
Willig senkten vor ihm auch sonst unwillige Knie' sich
Jetzt in den Staub, und, segengestärkt, bekannten die Krieger,
Nicht durch Erdenmacht -- nein, nur von dem Herzen getrieben,
Was sie gefehlt, und bereut; sie höreten warnende Lehren;
Hörten erfreuenden Trost, und zuletzt den göttlichen Ausspruch,
Der sie lös'te, nicht band, auf dem Wege des Heils und Erbarmens,
Wie es der Meister gelehrt, der Menschen des Himmels Gewalt gab.
D'rauf, als dort vor jeder der drei Heersäulen ein Priester
Würdig die Feier des Abendmahls vollendete, traten
Sie zu dem Tische des Herrn, und empfingen die Speise der Seelen,
Klopfend die Brust dreimal mit des Kapernaonischen Hauptmanns
Demuthssinn, der sprach: »O Herr, nicht würdig erkenn' ich
Mich, daß du einkehrst heute bei mir; doch, sprichst du ein Wort nur,
Wird die Seele gesund!« Und mit Freudigkeit stellten die Scharen
Wieder sich auf in Reih'n, gestärkt in heiliger Andacht.[2]
Jetzt erwacht' in dem Lager Getös'. Der edele Ritter
Rief den Knappen herbei, daß er säh' nach dem Zaum' und dem Bügel --
Nach dem Sattel und Gurt: ob jedes dem mächtigen Schlachtdrang
Haltbar sich wies'? da er selbst den Helm mit dem Riemen am Kinn sich
Festigte; dann sein gutes Schwert, aus der Scheide gezogen,
Prüfte, die Schneid' entlang, mit sanfthingleitendem Daumen.
D'rauf noch einmal umwandelnd das Roß mit forschenden Blicken,
Faßt' er hurtig den Zaum, und sagte zu seinem Getreuen:
»Grüß' mir den grauenden Vater daheim, so der Vater im Himmel
Mich in dem Waffengemeng, durchbohrt vom feindlichen Eisen,
Abruft: bald nachfolgt, vom Alter gebeugt, er in's Grab mir!«
Aber ein Anderer sprach: »Merk' auf! So ich niedergeworfen
Lieg' auf dem Feld', und du kehrst, so bringe der Grüße viel tausend'
Dort der Schwester noch, der redlichen: denn in dem Leben
Theilten wir Freud' und Leid, vereint von der zartesten Jugend!«
Wieder ein Anderer trat mit dem Knappen beiseit', und geboth ihm:
»Kömmst du vorüber die Burg, wo mir, holdselig, das Fräulein
Treue Minne gelobt: oft hast du es selber gesehen,
Wie von dem Erker sie mir, dem Scheidenden, thränenden Blickes,
Nachsah, dann noch fern mit dem schimmernden Tuche mir winkte:
O so sprich: »Treu bis in den Tod ihr weiht' ich das Leben!«
Doch der fromme Gemahl begann mit sinnendem Ernst so:
»Redlicher, kehrst du, des Ritters beraubt, zur rühmlichen Heimath:
Grüße die beste der Frau'n und die holdaufblühenden Kinder
Alle mit herzlichem Wort! Die so edelgesinnete Gattinn
Solle mir ja bewahren den Eid, und die munteren Jungen,
Sorgend mit Mutterhuld, zur Furcht des Herrn auf der Wahrheit
Hellem Pfad' erzieh'n, daß sie Männer in jeglichem Sinne
Werden, und wir vor Gott uns wiederfinden in Wonne!«
So bestelleten dort, voll Hast, die gerüsteten Ritter,
Vor dem Entscheidungskampf, des ergriffenen Herzens Geheimniß.
Andere sprengten daher, und schüttelten Diesem und Jenem
Freundlich die Hand, »leb' wohl!« auf immer vielleicht ihm zu rufen.
Doch die, bundesgesellt, in den schimmernden Reih'n sich erblickten,
Eineten sich mit betheuerndem Wort' und mit kräftigem Handschlag:
Nahe zu seyn in Gefahr, und zu schützen der eine den andern.
Sieh', da ritt, umringt von seinen gewaltigen Feldherrn,
Nach vollendetem Mahle des Herrn, auch der Kaiser herüber!
Hugo von Tauffers sah des Heers Aufstellung, und sagte:
»Herr, nicht schweigt dein Haug: er kennt den gütigsten Herrscher!
Heiße die Scharen in fünf, nicht in drei Heersäulen geordnet,
Gegen den Feind vordringen im Feld, daß die tapferen Krieger
Jeglichen Volks, entflammt von der rühmlichen Liebe der Heimath,
Streben den andern zuvor, zu erringen den herrlichen Siegspreis.«
»Klug hast du,« sprach jener mit Huld, »mir gerathen. Des Weisen
Rath ist besser denn Gold, und des Demants funkelnder Reichthum
Wiegt ihn nicht auf. So möge das Heer in gesonderten Haufen
Stehen: um mich die Ritter-Schar und die Völker aus Deutschlands
Oberen Gau'n; dann rechts, in zwei Heersäulen der Ostmark
Heldensöhn' und der steyrischen Mark, und in zweien, zur Linken,
Jene von Kärnthen und Krain, von muthigen Führern geordnet;
Aber das tapfere Volk der Ungern stehe zur Rechten --
Jenes der Kunen zur Linken zurück: im entscheidenden Zeitraum
Vorzubrechen, und dort zu vernichten die fliehenden Scharen,
Da von der Warte von Ebenthal der mächtige König,
Schauend als Zeuge sein Volk, zum Sieg entflammet die beiden.«
Also geschah's. Noch war der volkvereinenden Fähnlein
Pracht im Heer nicht enthüllt. Die Fahnenjunker entbanden
Solche dem ragenden Schaft', und sie flatterten jetzt in dem Wind hin,
Zahllos, buntvermengt, wie im Lenze die Blumen des Feldes.
Alsbald sprengten die Edeln heran, den Ruhm zu erringen:
Vor dem Kaiser im Kampf' einher zu tragen die Sturmfahn':[3]
Oestreichs Demantberg' und Edelgesteine mit Konrad
Haselau; dann Trautmansdorf mit seinem Erzeugten,
Ach, dem einzigen jetzt, und auch Capellen mit Heunburg!
Aber mit freudigem Stolz begann der erhabene Kaiser:
»Werth seyd ihr des Ruhms, des herrlichsten, alle vor allen;
Doch mein Haselau, der achtzigjährige Greis dort,
Heischt ihn mit Recht: d'rum werd' ihm heut die erlesene Stelle
Oestreichs Siegespanier für Oestreichs ewige Herrschaft
In der entscheidenden Völkerschlacht zu erhöh'n, und es steh' ihm
Lichtenstein, so er dort ermattete, hülfegesellet.
Tritt, Markgraf von Hochberg, vor, und empfange die Reichsfahn'!
Albrecht, du, mein ältester, komm, mir die erste der Fahnen,
Die vor allen, geziert mit dem Bild des erlösenden Kreuzes,
Aufragt, heut zur ermunternden Schau, in dem Kampfe zu weisen:
Dicht vor mir in Gefahr und todverbreitendem Schlachtgrau'n,
Wie du es selber ersehntest jüngst, im muthigen Herzen!«
Hochberg hob nun zuerst des heiligen, römischen Reiches
Fahne zur Luft, wo schwarz im gelbherschimmernden Feldraum
Sich der Doppel-Aar, mit Zepter und Krone geschmückt, wies;
Jene von Oestreich Haselau, ehrwürdigen Anseh'ns,
Weisend den schneeigen Streif in Leupolds rühmlichem Blutfeld.
Beide hielten, dem Kaiser nicht fern, zur Rechten und Linken;
Aber vor ihm hob dann sein Albrecht die heilige Fahn' auf,
Die in dem grünlichen Feld mit dem Bild des Erlösers geschmückt war.
Wieder begann er, und sprach vor dem Heere mit leuchtenden Augen:
»Schwarzenberg, nun hin, zu erforschen den König von Böhmen:
Ob er gerüstet im Feld' uns heut zu begegnen, gewillt sey?
Nahe der Vorderhuth, mit den Reisigen wirst du ihn treffen:
Denn er kennt in Gefahren des Kampfs die unmännliche Furcht nicht!«
Jener enteilete, wie der fernhinbrausende Sturmwind,
Der des Staubes Gewölk auf dem Heerweg, wirbelnd, emporhebt.
Bald annahte der Held dem nahenden Feind', und gewahrte
Dort an der Vorderhuth, im Kreis' erlesener Feldherrn,
Ottgars hohe Gestalt, der, herrlichgewaffnet, daherkam:
Denn er hüllte das Haupt in den silbernen Helm, und es wand sich
Rings um selben, die Kron' aus strahlendem Golde, gezackt, auf;
Auch der Harnisch und Schild, und am Arm und dem Beine die Schienen,
Die er sich heute gewählt, erglänzten von Silber, und dräuend,
Warf von des Degens Griff in der Rechten ein röthlicher Demant
Blitz' umher. So kam er, zum Kampf gerüstet, herüber.
Als er den Ritter ersah, da hemmt' er den schnaubenden Rappen
Rasch mit zorngeröthetem Blick; doch jener begann so:
»Herr, du hast den Frieden verschmäht: so bieth' ich dir Krieg denn,
Ich, von Schwarzenberg, des Kaisers gesendeter Herold,
Krieg auf Leben und Tod, im Nahmen des Kaisers! Er fragt dich,
Edelgesinnet, zuvor, nach altherkömmlicher Sitte:[4]
Ob du, gerüstet zum Kampf', ihn heut' erwartest im Schlachtfeld?«
Also der tapfere Held. Grimmlächelnd erwiederte jener:
»Bring' ihm die Kunde zurück: ich sey Streit's halber[5] gekommen!«
Sagt' es, und wandte das Roß, im schnelleren Zuge die Krieger
Vorzuführen zur Schlacht, und zu schrecklichem Feindesgemetzel.
Schon verkündete Schwarzenberg, der edele Herold,
Kehrend in Eile zurück, dem Kaiser, daß ewige Feindschaft
Ihm der König gelobt, und bald vorstürme zum Angriff.
Sieh', und kaum entfuhr ihm das Wort, da jagten des Gegners
Vorderste Haufen herab von dem Hügel; viel tausende folgten
Bald den ersteren nach, und verdunkelten alle die Höhen!
Manchem der Krieger, der zum ersten Male des Feindes
Scharen ersah in dem Feld; noch nie der würgenden Waffen
Furchtbaren Schlag vernahm, und empfand in dem Sturme des Angriffs,
Pochte das Herz in der Brust viel mächtiger: wechselnde Schauer
Liefen ihm fort und fort an dem Haupt und dem Rücken hinunter,
Und zu dem Helmdach hob sich oft sein starrendes Haar auf.
Doch nun ritten im Flug' aus den Reih'n der mittleren Heerschar
Hundert Jünglinge vor, die aus Zürich, dem Städtchen, gezogen;
Stellten dort vor dem Kaiser sich auf, und einer begann so:
»Möchtest du jetzt, erhabener Herr, ruhmwürdiger Sitte
Denkend, ertheilen den Schlag, der uns den Edeln geselle!
Ha, nicht soll es dich reu'n, wenn wir vordringen im Schlachtfeld!«
Freudig entblößte der Kaiser sein Schwert, erhob es, und sagte:
»Blühende Männer, wohlan: da ihr edele Thaten verheißet,
So gescheh' euch nach Wunsch! Hart drängt uns die Stunde: wir schlagen
Darum euch nur auf den Helm und den Schild, nach edeler Sitte,
Jetzt im Nahmen des Ein-dreieinigen Gottes zu Rittern.«
Und er führte den Streich kreuzweis nach den Helmen und Schilden
Aller umher. So wurden sie hier den Edeln gesellet.[6]
Aber er sprengt' im Fluge hinaus vor die glänzenden Scharen;
Schwang das Eisen, und rief mit lautumschallender Stimme:
»Tapfere, hört: nun gilt's! Dort nah't in furchtbarer Mehrzahl,
Unversöhnlichen Grolls, der Feind, uns die Länder der Ostmark,
Ja, auch die Krone des Reichs, im entscheidenden Kampf zu entreißen.
Aber nicht soll er deß' sich erfreu'n. Allmächtig ist Gottes
Schützender Arm: er führt uns mit allumfassender Vorsicht
Durch die sonnige Flur und die Nachtabgründe des Lebens:
Fest ruht mein Vertrauen auf ihm. So werdet auch ihr jetzt,
Stark durch Gott, mit unbeugsamer Kraft des endlichen Kampfes
Schrecknisse siegend besteh'n; den eidverhöhnenden Frevel
Strafen: erringen die langersehnete Ruhe für Deutschland;
Gründen der Völker Glück und euren unsterblichen Nachruhm.
Ha, und erliegen wir auch, so laßt uns erliegen als Helden!
Eins sey mein, und euer Geschick: ich, Kaiser der Deutschen,
Leb', und sterbe mit euch auf dem winkenden Felde der Ehren.«
Sieh', und die jauchzenden Scharen entlang aufblitzten die Waffen
Aller zugleich in die Luft: sie heischten urplötzlichen Angriff.
Aber auch Ottgar rief entflammende Worte den Seinen:
»Sehet,« so sprach er mit grimmigem Blick, »schon naht uns des Gegners
Heersmacht, der so frech uns höhnete, schändliche Täuschung
Uebend an mir, und an euch: noch bebt mir die Seele vor Schauder,
Denk' ich's! Doch er büße dafür: denn ewige Schand' euch,
So ihr nicht rächet die Schmach,
die, gleich, dem Volk' und dem Herrscher
Böhmens galt. Gedenket der Zeltvorhänge von Kamberg,
Strafet des Frevlers Trotz. Er brüste sich, daß ihm die Kunen
Gestern erfochten den Sieg. Schaut hin nach den rühmlichen Feldern
Kressenbruns, wo ich Bela's Macht, vernichtend, in Staub warf.
Ha, noch bin ich der Held, der euch vom Siege zu Siegen
Führete! Fort -- greift an! Dem dräuenden Aare von Oestreich
Möge der böhmische Leu' nun weisen die furchtbaren Klauen.«
Also empörten ihr Volk die schlachtgebiethenden Herrscher.
D'rauf erscholl ringsher Geschrei und Getümmel; die Trommeln
Wirbelten; laut in dem Sturm erklangen die eh'rnen Drometen:
Hier die Reisigen, dort des Fußvolks Reihen zum Angriff
Drängend im Feld', und so, wie ein Lüftchen die wogenden Aehren
Treibt im Kreise herauf und hinab: so bewegte sich hierher,
Dorthin, wimmelnd, das Heer. Staub flog empor, wie im Märzmond,
Wenn der eisige Nord-, dann wieder der brausende Westwind
Noch den entfliehenden Winter hemmt, und am glänzenden Mittag
Rieselgewölk aufjagt: da hebt sich im wirbelnden Aufflug
Hoch in die Lüfte der flimmernde Schnee; da schwindet des Himmels
Sonnige Bläue; das Thal, und die ringsaufragenden Berghöhn
Hüllt das Gestöber in Nacht: so erregte der feindlichen Scharen
Schlachtanlauf unendlichen Staub in den Saatengefilden,
Und das Entsetzen schnob aus dem Grau'n des umnachtenden Qualms her;
Aber nicht anders, wie dann, mit entfesselter Wuth, die empörten
Stürzen aus Westen und Norden zugleich auf den wimmelnden Hafen,
Wo das Gewässer des Meers, aufbrandend, sich hebt; von den Ankern
Reisset das Seil, und jetzt, wild an einander geschleudert,
Mitten im furchtbarn Wogengeheul, am zerschmetterten Schiffsraum
Kracht der Raum, am Maste der Mast, und, berstend am Kiel hin,
Donnert das hohle Verdeck, daß rings den umuferten Hafen
Grause Zertrümmerung hüllt: so stießen die Heere zusammen.
Sieh', und seitwärts, weit vom Winde hinübergetragen,
Legte sich jetzo der Staub in dem Feld: da sah'n sich die Gegner
Näher in's Aug', und ha, bald traf das Eisen auf's Leben!
Doch, ach! mußte der Kampf für Rudolphs Helden so schrecklich,
Und am schrecklichsten noch, für den einen der Helden beginnen?
Zamor trieb aus der Vorderhuth die rüstigen Schützen
Reussens vor in die Schlacht. Sie hatten der tödlichen Armbrust
Sehne gespannt; den Pfeil in die Röhre des Schaftes geschoben;
Fest an die Wange gepreßt den krummgebogenen Kolben;
Dann im Lauf, nach dem Gegner zielend, das schnellende Zünglein
Losgedrückt: urplötzlich ertönte die Sehn', und erbraus'te
Fort in der Luft der befiederte Pfeil, nach feindlichem Herzblut
Lechzend: er traf, und verwundete Roß und Mann in den Scharen,
Die aus der Steyermark herlenkte der tapfere Pfannberg,
Und jetzt Trautmansdorf beherrscht: da jener, verwundet,
Noch im luftigen Zelt des vielerfahrenen Arztes
Sorge sich fügt: voll Gier, in die Schlachtreih'n wiederzukehren.
Trautmansdorf ermahnete laut das treffliche Fußvolk
Und die Reiter zugleich, des vaterländischen Ruhmes
Eingedenk', heut' in dem Feld' als mannhafte Streiter zu stehen.
Freudig gehorchte das Volk,
und im Sturmlauf ging's an den Feind jetzt,
Als, von der Armbrust her die befiederten Pfeile geschnellet,
Zischten. Dicht vorüber dem Ohr des unglücklichen Vaters
Flog ein mordender hin, und verschont' ihn -- den zartesten Sprößling,
Der ihm von zehn-und-vier noch blühete, niederzuwerfen.
Hinter ihm sank ein Reiter vom Roß'. Er hört' es, und bebte;
Aber nicht sah er zurück, und rief des aufstürmenden Herzens
Angst bekämpfend, noch lauter sein Volk zum Kampf und Gewürg' auf.
Erdwin war's, der fiel, von dem Pfeil' im Halse getroffen,
Da in dem Sturmlauf jetzt die Halsberg' sich von der Schulter
Aufschob. Still, wie die Lilie sinkt, vom Hagel zerschmettert,
Sank er vom Roß', und, fallend, bath er mit sterbendem Blick noch,
Daß kein Laut sein Geschick dem enteilenden Vater verrathe.
Trauernd gehorchten dem Wink die raschvorstürmenden Krieger.
Doch schon drang im beflügelten Ritt sein edler Erzeuger
Bis in die vordersten Feindesreih'n,
und schnell, wie der Blitz schlägt,
Warf sein schrecklicher Arm fünf Schützen aus Reussen zu Boden.
Zamor, des Volkes Hort, ersah den Würger, und alsbald
Jagt' er heran, den Tod der gefallenen Krieger zu rächen;
Aber ihm eilte nur muthiger noch der Ritter entgegen;
Faßte noch fester den Griff in die Hand, und hieb mit des Schwertes
Tödlichem Stahl' ihm die hochgethürmete Mütz' und die Scheitel
Tief in die Stirn' entzwei, daß er stürzend vom Sattel hinunter
Taumelte, laut aufstöhnt', und das blühende Leben verhauchte.
Ach, bald jammert die Gattinn daheim, die, heimlich im Busen
Ahnend ihr Trauergeschick, dem scheidenden Gatten den Säugling,
Schlummernd in lieblicher Unschuld wies, und die Knie' ihm umfaßte,
Flehend mit Thränen im Blick, daß er doch bei den Seinen verharre;
Aber umsonst! Ihn rief der ruhmverheißende Heerbann
Fort in das Feld, und er sank, erwürgt,
in dem schrecklichen Kampf jetzt.
Siehe, nicht rastete Trautmansdorf: er drängte die Schützen,
Rasch fortkämpfend, zurück', und Blut beströmte den Boden!
Fern, vom gehügelten Sand', ersah der Führer der Kunen,
Suhol, der Eber genannt, dem Trentschins Gebiether den Herold
Sendete: daß er ihm eine sein Volk, wie dort in dem Vortrab
Trautmansdorf vor allen zuerst vordrang mit den Reitern.
Das empört' ihm die Brust, und, unbändigen Zorns, wie ihm stets noch
Jugendlichheiß das Blut in dem leichtaufbrausenden Herzen
Kochte, schwang er sein Eisen zur Luft, und begann vor dem Volk so:
»Seht, dort fechten sie schon, und tränken ihr Schwert mit des Feindes
Dampfendem Blut', -- erringen wohl auch sich die Beute vor andern,
Da wir, müßig im Hinterhalt, des unsicheren Vortheils
Harren! Soll denn die Beut' und der Siegsruhm stets nur die Deutschen
Lohnen im Schlachtengefild? Stets sollen wir jenen zurücksteh'n,
Eng' in die Ordnung gebannt? Nicht also gefällt es dem Kunen:
Denn er schwärmt in dem Feld, wie ein brausendes Donnergewitter,
Frei umher, und erfüllt es mit Angst, Verderben, und Jammer.
Auf, wir wollen hinaus, dem Feind' in die Seite zu fallen
Mit entsetzenverbreitender Hand! So holen wir Beut' uns
Selber, und Ruhm wird uns, die Sieger, nur herrlicher lohnen.«
Alsbald gab er dem Rosse den Sporn, und es jagte sein Volk ihm
Dann im brausenden Flug rasch nach: umschwärmend das Häuflein
Kunrings, und schnellend zugleich von dem weitgehörneten Bogen
Pfeile, so dicht, daß rings sich in nächtliches Dunkel der Luftraum
Hüllete. Bald traf hier, bald dort der befiederte Mordstahl
Reiter und Roß, und verwundete viel' in der nahenden Kriegsschar;
Doch als solches die Pfeile verschoß, den entleereten Köcher
Und den Bogen, vereint, mit der Schnur auf den Rücken zurückwarf:
Da griff's rasch nach dem Säbel,
und hieb mit Gejauchz' in die Feind' ein.
Kunring hatte den Speer gesenkt; das unbändige Reitroß
Links gespornt, und rechts, und die wildumschwärmenden Krieger
Niedergeworfen, bis ihm ihr Feldherr, Suhol, der Eber,
Seitwärts nahend im Flug, mit dem Säbel die Lenden durchrannte.
Alsbald sank er vom Sattel herab: die erschrockenen Krieger
Wichen zurück, und im Feld hin scholl Geschrei und Getümmel.
Ottgar bebte vor Zorn, da er so, im beginnenden Kampf schon
Wieder die Gegner im Vortheil sah, und die Seinen im Feld hin
Flüchteten. Sieh', da schwang sich, ergrimmt, der finstere Katwald
Aus den Lüften herab, und rief im Geistergelispel:
»Wehe, du schaust die Deinen besiegt, noch ehe die Gegner
All' ihr Schwert entblößten, und eh' den ragenden Speer sie
Senkten zum Todesstoß'! Unglücklicher, willst du noch zaudern?
Wähle sogleich die tapfersten dir aus des Heeres Geschwadern;
Führe sie kühn selbst vor, zu erwecken den Muth in dem Herzen
Aller umher: so erringst du vielleicht den herrlichsten Sieg noch!«
Ottgar rief alsbald nach Lobkowitz, schreiend hinüber:
»Tapferer Greis, nun vor mit deinen geharnischten Reitern,
Hier den allentscheidenden Sieg mir heut zu erkämpfen!
Groß ist der Ruhm, den dieser mir beut; doch größer die Freundschaft
Noch, und die Liebe, die ich, dein König, dankbargesinnet,
Dir werkthätig bewies seit dreißig entflohenen Jahren.
Dessen gedenk' anjetzt, und vergilt mir mehr, als die Schuld war!«
Dann entsendet' er dort an Zierotin, und den Herzog
Bayerns die Herolde: Muth und dauernde Kraft in dem Busen
Beider zu wecken, und hier entboth er, gewaltigen Ausrufs,
Selber die Kühnsten im Heer',
und führte sie rasch in die Feldschlacht.
Nicht entging es dem Blick des erhabenen Kaisers, wie tapfer
Trautmansdorf vordrang, und die stürmenden Schützen zurückwarf:
Freud' erfüllte sein Herz; doch bald versiegte sie wieder,
Als der Kune so frech, der Willkühr fröhnend, zum Angriff
Flog. Kein Sterblicher hemmte den Fels, der, rollend aus Alphöh'n,
Schneller und schneller herab in das Thal
mit donnerndem Sprung fleugt:
D'rum geboth er auch jetzt, den edelen Rittern und Feldherrn,
Winkend, das Feldgeschrei. Urplötzlich ertönte der Aufruf:
»Gott mit uns!« im östreichischen Heer', und »Praga!« zur Losung
Allentscheidender Schlacht, in dem böhmischen, lauter und lauter,
Durch drometenden Schall und den Lärm fortwirbelnder Trommeln,
Und in dem staubumwölkten Gefild traf Reiter und Fußvolk,
Ritter und Knappe zugleich in schrecklicher Eile zusammen.
Wie, herstürmend, der Donner rollt, daß die Vesten des Erdballs
Zittern, ritt im Galopp mit den schwergeharnischten Reitern
Lobkowitz näher, und schlug der Kunen umschwärmende Scharen
Mordend zur Erd', als Suhol, ihr jüngsterlesener Führer,
Sank vor seiner Gewalt, und, entmuthigt die andern entflohen.
Sieh', auch Trautmansdorf, von den Reitern entblößt, und der Unzahl
Bloßgestellt, wich nun vor Lobkowitz! Aber dem Leu'n gleich,
Der, von unbändigen Rüden verfolgt, noch häufig sich wendet,
Und noch manchen zerreißt mit den schrecklichen Zähnen: so wies er
Ihm die muthige Stirn', da er fechtend die Scharen zurückzog.
Meinhard warf sich zuvor rechts hin auf Heinrich, den Herzog
Bayerns: denn voll Kraft und verwegenen Muthes im Schlachtfeld,
Waren die Krieger aus Kärnthen und Krain ihm gefolgt, und es stürmten
Oestreichs Tapfere links, geführt von dem kühnen Capellen,
Gegen die Sachsen vor, die Mansfeld, furchtbaren Grimmes
Würgen heißt. Da war, entlang die feindlichen Reihen,
Schrecklicher Mord, Wehklag', Aufjauchzen und Jammern zu hören:
Da zu schau'n das Entsetzliche: wie der erbitterten Gegner
Manche, schon nahe dem Tod, sich im Staub noch, würgend, umfaßten,
Und das Blut der Erschlagenen, gleich aufschäumenden Bächen,
Wogte hinauf und herab in dem grau'numnachteten Schlachtfeld.
Bis an des Himmels Gewölb' empor die mittägliche Sonne
Sich erhob, die heut' ihr strahlendes Antlitz in Wolken
Hüllete, wies die Völkerschlacht, wie auf stürmischer Meerfluth
Ein entmastetes Schiff, hinauf und hinunter im Kreis' treibt,
Sich im wechselnden Glück; doch jetzt gelang es dem Helden
Lobkowitz, rasch vorstürmend im Feld, der mittleren Heerschar
Obzusiegen. Sie wich nur langsam, und stellte sich wieder,
Gegen den Feind, erneut, die tödliche Waffe zu führen;
Aber mit leuchtendem Blick und muthgerötheten Wangen,
Sprengte der König das Roß von Reihen zu Reihen. Er schalt, bath,
Und bewegte sein Heer noch eilender vor in dem Blachfeld.
»Jetzo hinan,« so rief er, und schrie, daß die Völker erbebten,
»Jetzo nur muthig hinan: denn Ottgar führt euch als Sieger!
Seht, wie Jene vor euch entflieh'n; fort, schmettert sie nieder!«
Also braus'te das Wort, empörend, ihm von den Lippen.
Wie den nächtlich umwüthenden Brand, der viele der Häuser
Schon vernichtete, noch das Volk zu bewältigen hoffet:
Denn still ruhen die Lüft' umher; doch plötzlich erhebt sich
Ein feindseliger Sturm, und unaufhaltsam hinunter
Wälzt sich von neuem der Strom des empöreten Feuers: so stürmten
Ottgars Völker dahin, und drängten die Gegner im Blachfeld,
Immer rascher und rascher zurück. Ein Körnchen Gewichts mehr
Auf die Schale des Leu'n, und den himmelannahenden Räumen,
Seinem erkorenen Reich', entsank der Adler auf immer.
Rudolph sah des Augenblicks kurzdauernden Zeitraum
Lang, bestürzt, umher, und ihm dunkelten nächtlich die Augen.
Deutschlands Ruh', und des Reiches Wohl,
dem, herrschend mit Thatkraft,
Er sich geweiht, ersah er von neuem gefährdet, und allwärts
Wieder entfesselt die Wuth der grau'nverbreitenden Willkühr;
Doch bald schwang sich sein Geist aus der Erdennacht in des Himmels
Ewiges Lichtreich auf, wo ein mächtiger Helfer ihm lebte.
Schnell verließ er den Sattel, und lag auf den Knieen im Staub dort,
Laut aufrufend vor allem Volk mit gefalteten Händen:
»Ewiger, komm' uns, errettend, zu Hülf'! Ach, wende die Augen
Nicht von uns ab: denn nicht entzündeten, frevelnden Muthes,
Wir den blutigen Streit: nur unversöhnlicher Rachgier,
Und zermalmender Wuth steh'n wir, abwehrend, entgegen!
Gib uns den Sieg! Ein Gelübd lebt mir, erhebend, im Herzen:
Denn ich schaue dein Heil, wie der erste der christlichen Kaiser,
Huldausstrahlend, vor mir: des weltversöhnenden Kreuzes
Heiliges Zeichen, in dem ich den Sieg erringen, und dankbar
Ihm, zu verehrendem Dienst, für immer und ewige Zeiten,
Stiften ein Gotteshaus, und zu ihm versammeln die Jungfrau'n
Werde zu Tulln, am Ufer der freihinrollenden Donau.
Sey dem Gelübd von dir, Allmächtiger, Huld und Erhörung!«
Als er's rief, da fuhr ein leuchtender Strahl aus den Wolken,
Und erfüllt' ihn mit Muth und Freudigkeit. Sieh', auf dem Lichtstrahl
Schwebt' ein Engel daher, und hieß die Scharen der Geister,
Welche die Schlacht herab aus dem Uebersinnlichen lockte,
Flieh'n, daß keiner im Kampf sich den Gegnern als Helfer erweise!
Alle gehorchten, und sah'n, umher in den Wolken sich lagernd,
Noch voll Gier auf die Streiter herab; nur einer aus allen,
Marbod, stand, und sann den Worten des bethenden Kaisers
Trauernd nach. Da erklang urplötzlich ein Ruf aus den Wolken.
Ha, sie rissen entzwei: Erwine, die liebende Gattinn,
Sank ihm, weinend vor Wonn', an die Brust.
Sie entschwebten des Erdballs
Dunkeln Gefilden, vereint, auf dem Sirius, der in dem Sternreich
Herrschet, im Lauf des vom Ewigen nur ermessenen Zeitraums,
Huldbeglückt, und des Erdenjammers vergessend, zu weilen.
Aber mit leuchtendem Blick' erhob der Kaiser der Deutschen
Sich von dem Staub': ein Strahl der himmlischhohen Begeistrung
Glänzt' in ihm, und auf seinen gerötheten Wangen. Betroffen
Staunten die Krieger ihn an; doch all' aufjauchzten mit einmal,
Als er das schnaubende Roß vortummelte, dann mit dem Schlachtschwert
Auf den nahenden Feind hinwies, und, ermuthigend, ausrief:
»Gott ist mit uns! Eilt jetzt, gleich loderndem Feuer im Saatfeld,
Gegen den Feind; vertilgt ihm schnell die Haufen, und schafft mir
Heut' unendlichen Ruhm, da ich euerem Muthe vertraute.
Euer zugleich ist der Ruhm und der Dank noch spätester Nachwelt:
Denn wir kämpfen für Deutschlands Glück, als Deutsche, der Ahnen
Werth, die, tapfergesinnt, sich nie im Joche des Fremdlings
Beugeten. Hört, der Herr ist mit uns, und scheuet den Tod nicht,
Hier der heiligen Pflicht und des Vaterlandes gedenkend!«
All' entflammte sein Wort: ein jeglicher Mann in den Reihen
Lechzte vor Gier, schnell vorzudringen im Feld', und zu sterben
Dort den Tod für das Vaterland und die heilige Freiheit.
Aber nach Albrecht sah vor allen sein hoher Erzeuger
Mit bedeutendem Blick', und freudiger ging er im Schlachtfeld,
Hoch in der Linken die Kreuzesfahn',
in der Rechten das Schlachtschwert
Führend, ihm vor. Das Panier von Oestreich, als ihm des Greises
Arm ermattete, trug der hochgesinnete Kampfheld,
Lichtenstein, und die Reichsfahn' ihm der tapfere Markgraf
Hochberg vor in die Schlacht. D'rauf folgten die älteren Ritter
Ihm mit den Edeln aus Zürch, die, heute zu Rittern geschlagen,
Kühn voreileten. Laut ermahnt' er sie noch mit den Worten:
»Jünglinge, vor, und ahmt die Tapferen, die sich schon früher
Als die Meister im Feld' erprobten, jetzt in dem Kampf nach!«
Jen' entgegneten jauchzenden Rufs: »Wir halten dir Wort, Herr!«
Und entfloh'n. Doch schnell vorstürmten die muthigen Scharen,
Die sein Erzeugter ihm warb in den rheinischen Landen, in Schwaben,
Und in dem Schweizerland, und die vor allen gewaltig,
Altgedient, und in jeder der Kriegsarbeiten erfahren,
Ihm auch heut' errangen den Sieg in dem Kampf der Entscheidung.
So, wie der eiserne Keil, vom gewichtigen Hammer getrieben,
Den mit kräftiger Hand im Gehölz aufschwinget der Löhner,
Krachend, entzwei den Stamm des hundertjährigen Eichbaums
Spaltet, daß rings umher die Splitter fliegen: so drang jetzt
Rudolphs raschgeordnete Macht in das feindliche Heer ein.
Kreischender rief die Dromete zum Sturm; die erregende Trommel
Scholl ergrimmter, und rings, und überall drängten die Führer
Mit gewaltigem Schrei den Krieger vor zu dem Angriff,
Daß er noch heißer entbrenne vor Gier: muthfest und entschlossen
Niederzuschmettern, was entgegen sich warf in der Feldschlacht,
Und entsetzlich war das Gewürg' in dem Waffengetümmel;
Doch, wie ein Felsendamm in dem waldumschatteten Weiher
Sich entgegenstemmt den Gewässern des thauenden Frühlings,
Unerschüttert und fest: so stemmte sich, eiserngesinnet,
Ottgar hier dem stürmenden Feind' entgegen, und wich nicht.
Stundenlang fortwährete schon das tödliche Ringen
Tausender gegen einander im Feld! Den tapferen Böhmen,
Die in der Heerschar Lobkowitz lenkt', vereinte der König
Bayerns und Sachsens Macht, und führte sie selbst in die Schlacht vor.
Zahllos lag sein Volk, erwürgt, auf dem Boden; unzählig
Warf auch er die Gegner, entseelt, in den Staub, und es ragten
Von den hundert, zuvor zu Rittern geschlagenen Zürchern,
Jetzo nur wenige mehr. Wie im hagelgetroffenen Saatfeld
Einzeln die Halme noch steh'n, die andern bedecken den Boden
Weit, zermalmt von dem sausenden Eis: so ragten auch hier nur
Einzeln die Helden noch auf, die aus Zürch gezogen; verwundet,
Oder todt, verlor sich im Feld das tapfere Häuflein,
Niedergeworfen durch Ottgars Kraft und zerschmetterndes Eisen.
Doch stets näher kam dem gewaltigen König des Todes
Dunkles Geschick. Bald sinkt er in Staub, all' irdischer Hoheit,
Macht, und Würde beraubt, dem ärmsten im Heere vergleichbar:
Denn zu entscheidender That aufboth der Edle von Tauffers
Nun die Schützen Tyrols. Er drang im brausenden Schlachtfeld
Dort mit den kühnen entsetzlicher vor, und, nimmer ermüdend,
Spanneten sie die Sehn' an der Armbrust; legten den Pfeil an,
Zielten, und schnellten ihn fort in die Luft. Unhemmbaren Fluges,
Saus't er in Eile dahin, und traf stets sicher in's Leben:
Denn gewohnt ist das Aug' und die Hand tyrolischer Schützen,
Mitten in Feindesbrust des Todes Geschoße zu senden.
Doch nun winkte der Held dem Geübtesten, der in den Gauen
Rings umher, im _Kreis_- so wie auch _Hauptschießen_ berühmt war:
Wenn Zielscheiben, erhöht vor dem Thor' an festlichen Tagen,
Manchen des Schützenvolks aufregeten, stets in der Mitte
Drüben zu treffen, und stets zu erringen das Beste vor allen.[7]
»Martin,« so rief er ihm zu, »sieh' hin, wie der König von Böhmen
Dort vortummelt das Roß in dem Feld', und unsere Völker,
Jenem Unsterblichen gleich, der Pharao's Erstlinge tilgte,
Niederwirft! Versuche denn jetzt, ob, sausenden Flugs, nicht
Ein befiederter Pfeil, durch dich geschnellt von der Armbrust,
Ihn erreicht, und erlegt -- dir Lohn und auch Ehre gewinnet.«
Jener entgegnet' ihm laut: »Nicht geiz' ich nach Gold und nach Silber:
Zierlein nah', und nicht fern dem wunderlieblichen Innsbruck,
Ruht mein Haus an der Felsenwand, die hoch in die Wolken
Aufragt, reingezimmert erst jüngst, und mit Habe gesegnet;
Doch so ich heute im Feld den blutgierathmenden König,
Oder sein Roß, mit dem tödlichen Pfeil durchbohrete: ha, da
Rühmt von der Martinswand mich noch die späteste Nachwelt!«
D'rauf entsandt' er den Pfeil: er durchbohrte dem Rosse des Königs,
Sausend, die Brust, da es auf in die Luft sich bäumte, des Reiters
Ingrimm theilend; es sank auf den Rücken, und warf ihn herunter.
Wildes Getümmel erscholl um den Stürzenden. Reisige schwangen
Alsbald sich vom Sattel herab, vor Gefahr ihn zu schirmen;
Doch erhob er sich schnell, und ermahnte, besteigend das Streitroß,
Das ein Reiter ihm both, mit donnernder Stimme die Krieger:
Nimmer zu rasten vom Streit', und den herrlicherrungenen Vortheil
Rasch zu verfolgen: schon nahe dem Ziel des entscheidenden Sieges.
Aber im Feld verhallte sein Ruf. Der furchtbare Keil drang
Vor mit zermalmender Kraft; vordrang, die Fahn' in der Linken,
Und in der Rechten das würgende Schwert, des Kaisers Erzeugter,
Also auch Lichtenstein und Hochberg; also der Ritter
Glänzende Schar, und, vereint, der tapferen Schweizer und Schwaben
Siegsruhmdürstende Macht. Doch, als der erhabene Herrscher
Auch den Trentschiner entboth, mit den kühnen, magyarischen Reitern
Einzubrechen im Sturm in die Seite des Feindes, und Meinhard
Dort, hier Otto von Meissau, gleich dem tapferen Helden
Trautmansdorf, ihr Volk vortummelten: siehe, da wankte
Ottgars Macht. Wie ein Wald an den schwer zu erklimmenden Höhen,
Losgewühlt aus dem Grund von innenaufschwellenden Wässern,
Erst nur langsam, nur zitternd sich regt; dann plötzlich zum Abgrund
Taumelt mit Erd' und Gestein, wild durcheinander geschleudert:
So, nach gewaltigem Kampf, dem entscheidenden, wankten, und stürzten
Ottgars Völker dahin; nachbraus'te der Feind, in dem Rücken
Rastlos würgend, und sät' ergrimmt die Leichen im Feld hin.
Allwärts war auch das blitzende Schwert des Kaisers zu schauen,
Und zu vernehmen sein Ruf, der vorwärts drängte die Scharen;
Dennoch vergaß er auch, mitten im Kampf, der verwundeten Krieger
Nicht; er hieß mit gebiethendem Wink sie zurück, nach dem Rückhalt
Tragen, und dort der Sorgfalt kundiger Aerzte vertrauen.
Aber warum hält er nun plötzlich sein feuriges Roß an?
Ach, ein Verwundeter streckt, mit lächelndsterbenden Augen,
Seine Rechte nach ihm empor, und ruft ihm ein »Leb'wohl!«
Matt, doch freundlich noch zu! Sein Müller, der tapfere Held war's.
Tief, zu den Mähnen des Rosses hinab, sank leise des Kaisers
Blässeres Antlitz: er sah mit starrendem Aug' in die Augen
Seines Getreu'n, bis, thränenumhüllt, ihm's dunkelte. Stöhnend
Gab er dem Rosse den Sporn, und flog wie ein brausender Sturmwind
Dort nun wieder hinaus, wo am lautesten tönte der Schlachtruf.
Wohlgeordnet, und schnell: denn Lobkowitz deckte des Heeres
Rücken, voll Heldenkraft mit den schwergeharnischten Reitern,
Zog sich Ottgar jetzt nach den mittleren Höhen von Spannberg
Aufwärts, dort dem Feind', erneu't die Spitze zu biethen:
Denn weit überwog an der Zahl, in dem Waffengemeng schon
Seine des Kaisers Macht, und siehe, noch stand in dem Rückhalt
Milota! Laut entboth er vor sich den muthigen Feldherrn,
Zierotin, und begann: »Nicht kam uns zuvor in dem Schlachtfeld
Milota, selbstvorschauenden Blicks, zu Hülfe. Noch steht er,
Ungeschwächt, mit der Schar der tapferen Mährer im Rückhalt;
Doch jetzt brech' er vor, und fall' in die Seite des Gegners,
Links anstürmend, da wir zugleich mit vereintem Vermögen,
Und unhemmbarer Kraft, auf den mittleren Haufen uns werfen.
Groß ist erst die Gefahr, so er säumt; ihm vertrau' ich: er eile!«
Rief's, und im sausenden Flug fortsprengte der edele Feldherr.
Aber des Siegers Heer drang Ottgarn näher und näher.
Wie vom verwundeten Leu'n, so sehr er auch strebt, zu entkommen,
Sich die lautumbellende Schar gewaltiger Rüden
Nicht mehr fernt; ihn, stets blutgieriger, treibt, und bedränget,
Bis er, ermattet, sinkt auf den sandigen Höhen: so ließ auch
Jetzt von dem König, im Kampf, nicht mehr der verfolgende Feind ab:
Denn mit flammendem Muth und unwiderstehlicher Thatkraft
Eilte, zum Siege geführt von dem tapferen Grafen von Nürnberg,
Schwabens Heldenvolk und der Schweiz gefürchtete Kriegsschar,
Rasch die Höhen herauf, und wüthete dort in den Reihen
Kühnabwehrender Gegner, vereint, mit gesenketen Lanzen,
Allvernichtend, umher. Entsetzlich erscholl das Getümmel.
Ottgar sah im brausenden Feld den verhaßtesten Gegner,
Rudolph jetzt, voll Grimms, wie er schaltete: Reiter und Fußvolk
Drängend vor mit gewaltigem Wort', und das furchtbare Schlachtschwert,
Deß' Blitzglanz vom Blut nur tapferer Gegner verhüllt war,
Aufschwang -- sah den Kaiser, und Wuth und unendliche Rachgier
Wandelte schnell sein Aug' in Feuer und Flammen. Er spornte,
Hemmte sein Roß dreimal, in dem wildumtobenden Schlachtgrau'n
Ihm die Spitze zu biethen, gesinnt; doch immer ergrimmter,
Brachen die Gegner heran (nur Lobkowitz stand in dem Kampf noch,
Gleich dem Felsen im Wogentumult) und zur Linken und Rechten
Wich sein Volk geworfen, zurück in dem stäubenden Saatfeld.
Jetzo wandt' er das Roß, und forscht': ob Milota vordrang?
Denn nicht schien ihm verloren der Sieg, so er rasch in die Seiten
Stürmte dem Feind. Doch, ach, was sah er, vor Staunen erstarret?
Staub flog auf im Gefild', und Milota jagte von dannen!
Ihm nachbraus'te die reisige Schar, und das mährische Fußvolk,
Das er mit täuschendem Wort, dem König zum sichern Verderben,
Erst zu dem Rückhalt zog. Mit verhängtem Zügel, und fernher
Winkend, naht' auch Zierotin. Ihm folgten am Fuß nur
Zween, der flüchtigen Schar sich entreißende Brüder: der Hanna
Fruchtbarem Land entsprossen die Edeln. Der Nahende sprach jetzt:
»Herr, nicht künd' ich es, was dein Auge gesehen -- des Frevlers
Schnöden Verrath! Hohnlachend vernahm der schändliche Mann erst
Dein gebiethendes Wort, dann rief er mit grimmigen Blicken:
»Eile zurück zu dem Könige, sprich: so räche der Vater
Seine Tochter an ihm: er fahre denn, fluchend, zur Hölle!«
Also der Rach' allein, nicht des Vaterlandes gedenkend,
Floh er mit jenen Verräthern davon, die er früher gewonnen.
Nur die beiden dahier mir eilten zum mächtigen Trost nach:
Zeigend, daß noch in der Brust der Tapferen Ehr' und Gewissen
Herrlich sich eint, und dir die erlesensten Männer noch treu sind.«
Ottgar sah nach den Zween mit bewegtem Gemüth', und begann so:
»Laß den Verräther flieh'n. Noch sind die erlesensten Männer,
Also sprachst du mit Recht, mir treu. Nicht im dahlenden Frohsinn
Will das Große gethan, das Gewaltige, spielend, vollbracht seyn:
Denn, ein leuchtender Blitz in des Lebens umnachteten Stunden,
Flammet es auf in der Brust, und wecket den Ernst und die Thatkraft.
Jetzt umnachtet auch uns die Gefahr; doch laß uns, noch kühner,
Dringen hinaus zu dem Tag', und so dort fallen im Licht nur!«
Rief's, und spornte sein Roß, umschauend: ob er zur Linken,
Oder zur Rechten hinab es wende, die kämpfenden Scharen
Nun zu gewagter, die Schlacht urplötzlich entscheidender Kriegsthat
Anzufeuern, und so mit unwiderstehlicher Kühnheit
Festzuhalten das wankende Glück, das sonst ihm getreu war.
Doch dort floh'n, gedrängt von den Söhnen der Steyer- und Ostmark,
Bayern und Sachsen zurück; hier sank, an der Schulter verwundet,
Lobkowitz, er, der untad'lige Held, aus dem Sattel, und, schreiend,
Braus'te das reisige, gleich dem vorgedrungenen Fußvolk
Böhmens, herüber im Feld, durch Meinhards Völker geworfen,
Und gedrängt von dem Hort Trentschins, zur Flucht und Verwirrung:
Da in dem Kern des Heers ihn selbst der edelen Ritter
Glänzende Schar, und, vereint, die tapferen Schweizer und Schwaben
Näher und furchtbarer stets bedroheten, horchend des Kaisers
Schlachterregendem Ruf' in dem wildempörten Getümmel.
Mansfeld erst, dann Zierotin, die Scharengebiether,
Jagten herüber im Feld', und riefen dem König: »Entfliehe!«
Aber er sah, voll Wuth, nach den Rufenden; faßte sein Schwert noch
Fester zur Hand, und begann: »Wer sprach ein schmähliches Wort aus?
Nichts von Flucht mir gesagt! Ich lebt' als König, und sterben
Werd' ich als solcher, dem Feinde zum Trotz, auf dem Felde der Ehren.
Mir nach, wem sie noch werth im rühmlichen Leben und Tod' ist!«
Wie der gewaltige Leu' sich wüthenden Tigern entgegen
Wirft in des Abends Grau'n: die hochaufsträubenden Mähnen
Flattern mit Sturmes Weh'n um den Nacken ihm; dunkelgeröthet
Funkeln hervor aus den tiefgesenketen Brau'n ihm die Augen,
Als er naht mit Gebrüll, dem so, wie dem rollenden Donner,
Drönt das Gefild, und peitschend sich mit dem buschigen Schweifhaar
Beide Seiten, sich selbst entflammet zur Wuth: da erliegen
Links, rechts ihm, zerschmettert zugleich, die umdrängenden Gegner:
Also warf sich auch er vor allen den Rittern entgegen,
Daß ihm noch ein', und der andere dort, östreichischen Blutes,
Fiele durchbohrt: denn fest bewahrt' er den Haß noch im Busen.
Jene, erregt von dem stachelnden Wort, nachjagten ihm brausend.
Sieh', ihm ritt, tollkühn, der jugendlich blühende Ritter
Falkenberg, in den Weg, den oft sein strenger Erzeuger
Heimlich und offen gestraft, ihn zu bändigen; aber vergebens:
Denn er quälte die Menschen und Thier', und beherrschte des Herzens
Unmuth nicht, der stets zu gewaltsamen Thaten ihn hinriß.
Ottgar jagte das Roß dem Nahenden seitwärts vorüber;
Schwang sein Eisen, und hieb im Flug mit unbändiger Kraft ihm,
Sausend, den Helm und die Scheitel entzwei: er stürzte zum Boden.
D'rauf erreichte sein Schwert auf dem Todespfade den Helden,
Dietrichstein. So schnell, so kundig der Tapfere vordrang,
Ihn mit gesenktem Speer' aus dem Sattel zu heben, so kam ihm
Ottgar doch, verderbend, zuvor, und bohrte den Mordstahl
Ihm durch Harnisch und Wamms in das muthvollschlagende Herz ein
So, daß er lautlos, bleich, entseelt, an dem Rosse herabsank.
Jammern werden daheim die zartaufblühenden Kinder
Da er, schon frühe der Gattinn beraubt, ein liebender Vater,
Oft auf den Armen sie trug, und so mild, so freundlich und gut war.
Schnell, zu rächen das Blut der Erschlagenen, blitzten auf Ottgar
Jetzt unzählige Speere heran. Da brausete pfeilschnell
Otto von Meissau vor, von dem Herrscher gesendet, und schrie laut:
»Ritter, schont den Gesalbten des Herrn: so geboth es der Kaiser!«
Rief's; doch jener ergrimmte noch mehr, und spornte sein Streitroß
Mitten unter die Schar (zu sterben entschlossen) den heißen,
Glühenden Durst nach Rach' im Blute der Feinde zu löschen.
Jetzt umgab ihn des Todes Grau'n. Die furchtbaren Ritter,
Merenberg, die, beide mit nie gesättigter Blutgier
Näher und näher herbei an die Seite des Königs sich drängten,
Sorgend: er beuge sich dort, ein Gefangener, oder er falle
Andern, nicht ihren, durch Haß zur Rache bewaffneten Händen,
Sprengten dicht vor ihn hin; eröffneten, schnaubend vor Mordlust
Ihren geschlossenen Helm, und der ältere rief ihm noch laut zu:
»Sieh', gleich Rachegeistern, vor dir die furchtbaren Brüder,
Merenberg -- ein Nahme, der dich zur Hölle hinunter
Schleudert! So fahre denn hin, Unmenschlicher, stirb, und verzweifle!«
Ha, und sie bohrten den schneidenden Speer mit wildem Gejauchz' ihm,
Beide zugleich, in das Herz (ihm fest in die sterbenden Augen
Schauend) und also, voll Hast, mit stets empörterem Ingrimm,
Zwölfmal noch in die tapfere Brust, in den Hals, und den Rücken,
Bis er, von Wunden bedeckt, hinsank, und das Leben verhauchte.
Wüthender flog in dem Feld dem Besiegten das siegende Heer nach;
Aber vor allen das reisige Volk der Magyaren und Kunen,
Heute zu einem vereint, und gehorchend dem tapferen Helden
Von Trentschin, der stets den Flüchtenden, mordend, im Rücken
Lag, und das Land umher mit unzähligen Leichen besä'te.
Rastlos fort g'en Schrieck; dann weiter und weiter von Asparn
Bis g'en Laa, der ummauerten Stadt, nachjagten die Ungern
Ottgars fliehendem Heer', und, wo sie dann der Verfolgung
Endlich setzten ein Ziel, wird heute zu Tage das Dorf noch
»Ungerndorf« genannt: dem Heldenvolke zum Denkmaal.
Siehe, die Wolken entfloh'n; der Geister unzählige Scharen
Brauseten, lautaufjubelnd, davon, und die scheidende Sonne
Sah von dem Abendthor, verklärt, auf des Sieges Gefild her!
Zwölfter Gesang.
Schauerlich irrt durch Nacht und Grau'n ein zitternder Lichtstrahl
Ueber das schweigende Schlachtfeld hin. Nicht lang', und es folgen
Ihm unzählige nach; viel hundert Fackeln erhellen
Bald die Gegend umher: ihr Schimmer, vom Winde gefächelt,
Wogt (entsetzlich zu schau'n!) auf den bleicherstarreten Leichen
Tausender blitzschnell fort, und erfüllet die Seele mit Wehmuth.
Doch wen suchen, voll emsiger Hast, die furchtbaren Männer
Jetzo, schreitend umher, in den weiten Gefilden des Todes?
Ottgarn! Sieh', und bald verkündete drüben ein Hügel
Rings um ihn her erschlagenen Volks, wo er muthig im Kampf sich
Wehrete, bis er, durchbohrt, den Rachebrüdern dahinsank!
Dorthin wandelte, schweigend, der Zug; die leuchtende Flamme
Wies ihn: erkennbar leicht, obgleich entblößt von des Heeres
Plünderndem Troß, wie er lag im finsteren Kreise der Leichen,
Mit den heruntergezogenen Brau'n, und den Lippen, zum Bogen
Eingekrümmt vor Zorn: denn selbst mit des schwindenden Lebens
Letztem Hauch, da ihm schon aus dreizehn Wunden das Blut rann,
Wähnet' er noch: er habe gerecht bestraft den Verräther,
Den so feig, so unedel jetzt die schrecklichen Brüder
Rächten: zur Wuth empört von der langgenähreten Blutgier.
Aber des Führers Ruf erscholl, und der stattliche Wagen,
Schon mit der Leiche des Königs beschwert,
und verhüllt mit dem Bahrtuch,
Folgte, rasselnd, dem Zug sechs glänzender, feuriger Rappen,
Die zum eng'gemessenen Schritt mit Mühe der Roßwart
Bändigte. Sieh', da trug der weitgefeierte Sänger,
Horneck, leise die Harfe herbei. Ihm rollten die Thränen
Ueber den grauenden Bart in den Busen herunter, und schweigend
Starrt' er nach Ottgar hin; dann hob er den Klagegesang an:
»Weh', da liegt er entseelt, der einst gewaltige König!
Tausende blickten auf ihn, und es drängte der eine den andern,
Glühend vor Hast, so er rief; nun ist er verlassen: es horcht ihm
Keiner der Emsigen mehr. Wie staunt', und bewundert' ihn Jeder
Sonst, da er noch zu dem Königsthron, von Edelgesteinen
Schimmernd am gold'nen Gewand', aufschritt:
nun wandten sie, schaudernd,
Von dem Nackten sich ab, den kaum das kärgliche Gras barg!
Ha, wo weilte der Arzt, dem Vergehenden Labsal zu reichen?
Waren nicht seidene Kissen zur Hand, nicht schimmernde Decken,
Ihn zu erwärmen, und ach! nicht scholl aus dem Munde der Gattinn,
Kinder, Verwandten und Freunde umher, ein tröstendes Wörtchen,
Ihm zu erheben das Herz? Verließen im Kampfe die Streiter
All' ihn? Wie, nicht einer der Tapferen kam, ihn zu schirmen?
Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,
Der dir, falschen, vertraut! Erst biethest du lieblichen Honig
Mit bethörenden Worten ihm dar; dann wandelst du plötzlich
Solchen in furchtbares Gift: er saugt Verderben und Tod ein.
Also erging es auch hier dem Könige. Fürsten, bedenket
Sein Geschick! Handhabt die Gerechtigkeit, schützet das Recht nur;
Seyd durch Tugenden groß, durch Wohlthun herrlich und geizet
Nach dem Lohne der Welt nicht allein: vor Gott ist er eitel!
Ottgar, ach, er geizte nach ihm! Die, prahlend, geschworen:
Auszuhalten bei ihm im Leben und Tode -- wo sind sie?
Einsam sinkt er jetzo hinab in des Todes Behausung.
Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,
Der dir, falschen, vertraut:
denn nichtig entschwebt ihm das Leben!«[1]
So wehklagte der edele Greis. Ihm horchten die Krieger
Alle mit pochender Brust, den Trauerwagen umstehend,
Und erhebend die Fackeln zur Luft, die, flatternden Schimmers,
Ottgars finstere Stirn' erhelleten. Jener entzog sich
Ihren Blicken, und wanderte dann auf dem nächtlichen Pfad fort.
Doch sie schlugen behend', als solches der Führer gebothen,
Ueber die Leiche das Bahrtuch her. Die schnaubenden Rappen
Trieb der Roßwart an, und sie trabten, gehaltenen Schrittes,
Von den Kriegern umschart, g'en Wien, die herrliche Stadt, hin.
Dort scholl freudiger Lärm dem kommenden Morgen entgegen,
Als, dem Sieger zum Ehrenempfang', in geschäftiger Hast sie,
Durch die dunkele Nacht sich schmückte mit festlichen Kränzen:
Denn vor dem Thor, das sich nach Kärnthen dem Wanderer öffnet,
Sollte von Laubgehölz' ein Siegesbogen sich heben,
Hochgewölbt, und geziert mit schimmernden Bändern, und oben
Rufen die goldene Schrift ein »Lebehoch!« dem Befreier,
Der von der Stadt und dem Land' abwehrt' unendlichen Jammer;
Oestreichs Herrscherthron fest gründete; dauernden Frieden
Deutschlands Gauen errang, und ein Ziel aufsteckte der Willkühr,
Die sich gefiel im Raub', und in all' den Gräueln des Faustrechts!
Auch die Straßen entlang, erhoben sich, dicht vor den Häusern,
Lieblichgrünende Reiser zur Luft; buntschimmernde Blumen
Hauchten Wohlgeruch her auf die Bahn, die, erkoren dem Sieger,
Durch die Stadt sich wand, und zahllos wogten die Fahnen
Oestreichs rings von dem Wall' und den ragenden Thürmen im Wind hin.
Also schmückte sich jetzo die Stadt, wie die blühende Braut sich
Schmückt an dem Morgen des Tags,
der sie eint mit dem Lieben auf immer.
Hinter des Ostens dämmerndem Thor' entfaltete jetzo,
Neuverjüngt, der Tag die Fittige: weit sich erstreckend
Hoben sie fächelnd sich auf, und wehten den glühenden Schimmer,
Der sein Rosenlager umfing, empor an dem Himmel;
Doch sie weckten zugleich des sanftumschmeichelnden Frühwinds
Kühligen Hauch. Er kam aus des säuselnden Waldes Umlaubung
Ueber die blumigen Matten heran; verbreitete ringsum
Balsamduft, und erfüllte mit Lust die erwachende Schöpfung.
Zwitschernd regte die Schwalbe sich schon im Nest mit den Jungen,
Das sie im Lenz' erbaut' an dem Mauergesimse des Hauses;
Auch umgirrete laut die Taub' in dem Schlag', und der Hahn rief
Schmetternd darein, als draußen vom Feld,
von dem Hain', und dem Hochwald
Bis in die bläuliche Luft empor das Getöne sich mehrte.
Jetzt von des Himmels Rand, dem Rosenlager entschwebend,
Hob die herrliche Sonne sich auf; umhüllte die Berghöh'n,
Häuser und Thürme der Stadt mit röthlichem Duft', und entflammte
Hier die Fenster zu Gold, und dort auf den blühenden Matten,
Unermeßlich umher, den Thau zu blitzenden Perlen.
Doch bald schwang sie, verklärt, sich empor: den wölbenden Himmel
Trübte kein Wölkchen, und rings auf dem lichtumflossenen Erdkreis
Scholl ein Wonnegejauchz, dem schönsten der Tage zur Feier.
Aber schon zogen den Weg nach dem Kreuze der Spinnerinn, eilig,
Krieger zu Fuß und zu Pferd in gesonderten Haufen, und weithin
Blitzten im Sonnenschein die hellgeglätteten Waffen --
Blitzte der Harnisch und Helm der Tapferen, die, von dem Schlachtfeld
Kehrend, zum Siegseinzug' auf dem sanfterhobenen Berg sich
Sammelten, wie es der Herrscher geboth. Mit grünenden Reisern
Waren die Helme geschmückt, behangen mit Kränzen die Rosse;
Laut scholl Jubel die Scharen entlang: denn fröhliche Weisen
Sang der Krieger; sein Roß ihm wieherte d'rein; die Drometen
Schmetterten, Zink' und Pauk' erklang, und die wirbelnde Trommel
Rief das verworr'ne Getön zum allerfreuenden Einklang.
Sieh', und es lief unzähliges Volk aus der Stadt und vom Land her,
Nach der Straße hinaus, auf welcher die Tapferen kamen:
Alle mit Angst in der Brust, bis sie in den fröhlichen Reihen
Ihre Lieben ersah'n! Da scholl (erschütternd zu hören!)
Jauchzen empor; da bog sich mancher vom Sattel herunter:
Einer umhalste den Freund, ein andrer den Sohn, und ein dritter
Reichte dem grauenden Vater die Hand, der grauenden Mutter,
Oder der Braut, die thränenden Blicks, ihm lächelte, sprachlos!
Aber es trat nun hier, nun dort mit erblassendem Antlitz
Auch der unglückliche Mensch aus den lautaufjubelnden Scharen:
Denn nicht hatt' er die Lieben erseh'n, und dem Fragenden tönte
Schrecklich der kurze Bescheid: »Er fiel, und kehret nicht wieder!«
Feldeinwärts ging dort ein zartaufblühendes Mädchen,
Ringend die Hände mit schwerem Gestöhn; hier saß an des Grabens
Rand der Vater: er sah in die Tiefe hinab, und die Mutter
Preßte den Arm mit der Stirn' an den Baum,
und schluchzte vor Herzleid.
Aber der schwellende Ruf des Entzückens dämpfte des Wehes
Schnellverhallenden Laut, und unendlich erscholl das Getümmel,
Als dem festlichen Kreuz der Spinnerinn jetzo der Kaiser
Nahte mit hehrem Gefolg: denn Ladislav, der Magyaren
Blühender König, ritt, hellschimmernd von Gold, ihm zur Rechten;
Ihm zur Linken sein tapferer Sohn, der jüngst in der Feldschlacht,
Muthentflammt, vortrug der Erlösung heiliges Zeichen,
Und ihm folgten, erwählt, des Heers siegstolze Geschwader
Nach auf den Wienerberg, der unter den Drängenden bebte,
Und in dem Waffengeblitz erschütternd dem Auge zu schau'n war.
Jetzt umgab er sich dort mit dem kaiserlichprangenden Mantel;
Setzte den Helm, an welchem umher der goldene Kronreif
Schimmerte, sich auf das Haupt; entblößte den Degen, und hob ihn
Auf zum ersehneten Wink'. Alsbald bewegte das Heer sich
Im Geleite des Volks nach Wiens aufjubelnden Mauern.
Sieh', ihm eilten die Ritter vor mit den Reisigen Ungerns --
Jenen der Ost- und der steyrischen Mark: von den Heldengebiethern
Angeführt, und vereint um die ruhmgekröneten Fähnlein!
Aber ihm folgten dann die muthigen Schweizer und Schwaben
Und die Tapfern aus Kärnthen und Krain mit den kühnen Tyrolern.
Wie der Alpenbach, vom Regen geschwollen, sein Bette
Plötzlich verläßt, und quer von des Bergs Abhange sich stürzet,
Endlos über die Matten hin die Fluthen ergießend:
So fortwälzte sich schnell das Heer; stets näher erscholl ihm
Festlicher Glocken Getön' und des Volks auftobender Jubel.
Außer dem Kärnthner Thor, wo ein Siegesbogen erhöht war,
Standen die trefflichen Bürger vereint. Ihr Meister, erkoren
Durch gemeinsame Wahl an Waldrams Stelle, des falschen,
Eilte heran, den Zug des erhabenen Kaisers zu hemmen;
Both auf dem Becken von schimmerndem Erz, die vergoldeten Schlüssel
Wiens, ihm huldigend, dar, und begann die Rede mit Ehrfurcht:
»Heil dir, Oestreichs Herrn, dir edelstem Kaiser der Deutschen!
Mögest du heut, wo dir, dem Retter, die jubelnde Stadt Wien,
Festlichgeschmückt, entgegeneilt mit verlangenden Armen,
Nicht gedenken der Schuld entflohener Tage -- des Herzens
Deiner Getreuen gewiß! Nun herrsch' im Segen des Himmels
Ueber dein glückliches Volk, und vom Thron, den du auf dem Grundstein
Heiliger Religion, Gerechtigkeit, Tugend erhöhtest,
Dein erhab'nes Geschlecht an der Zeiten entferntestem Ziel noch!«
Sagt' es, bewegt; doch schnell entgegnete jetzo der Kaiser:
»Ihr Getreu'n, habt Dank für des Herzens enthüllte Gesinnung!
Gnädig willfahre mir Gott in dem Wunsch, daß ich gründe die Wohlfahrt
Fern in die Zukunft noch der guten und trefflichen Völker,
Die er mir anvertraut! Mein Glück ist das eure für immer!«
Plötzlich entstürzt' ein heller Strom von Thränen den Augen
Aller umher: denn rings erscholl, von Tausender Lippen
Brausend, ein »Lebehoch!« und mehrte sich, jubelnden Lautes,
Dort die Straßen entlang, die, erkoren dem festlichen Einzug,
Schimmerten. Jetzt durch's Thor und die Straße Karinthia's trug ihn,
Stolzvorschreitend, das Roß, und aus jeglichem Fenster ertönte
Huldigung, wo, bekränzt, die zartaufblühenden Jungfrau'n --
Frau'n im glänzenden Schmuck', ihr schneeiges Tuch in die Lüft' auf
Schwangen, und jauchzten empor mit hellerklingender Stimme.
Doch, aus dem wimmelnden Volk vordrängten jetzt, wie verjüngt sich
Wankende Greis', ihn zu seh'n, und zu segnen. Die Väter und Mütter
Hoben ihr lallendes Kind auf den Arm; sie falteten erst ihm
Freundlich die Händchen, und zeigten ihm dann den Herrlichen drüben,
Daß es des Tages noch oft im spätesten Alter gedenke!
Sieh', und nicht trockneten mehr dem erhabenen Kaiser die Augen
All' die Straßen entlang, da er links, und rechts, in dem Siegszug
Dankte dem jauchzenden Volk mit oft erhobener Rechten.
Also im Freudengeschrei unzähliger Meng', in der Glocken
Festlichem Klang', und der Pauk' und Dromet' empörterem Jubel,
Zog er entgegen dem Rothenthurm, und lenkete jetzo
Ueber den schimmernden Hohenmarkt nach dem prächtigen Hof ein;
Dann nach der Freiung hinab, und, dem Schottenkloster vorüber,
Durch die Herrngass' fort nach dem breitaufragenden Graben,
Bis er am Riesenthor des unendlichen Doms aus dem Sattel
Eilig zur Erde herab sich schwang. Sein mächtiger Gegner,
Ottgar, Oestreichs Herrscher vor ihm, vollbrachte des Domes
Herrlichen Bau, da er einst zerstört von den Flammen,
im Schutt lag.[2]
Dort reicht' ihm der oberste Hirt der Gemeinde, vor allen,
Festlichgeschmückt, im Kreise der Priester geweihetes Wasser
Sanft mit dem Sprenger dar; dann schwang er das duftende Rauchfaß
Dreimal ihm entgegen, und ging, beginnend der Lieder
Herrlichstes: »Gott, dich preisen wir!« zum erleuchteten Altar,
Singend, vor ihm einher, und Tausende sangen das Lied nach.
Aber, als in dem wölbenden Raum des unendlichen Domes
Rings umher des Gesangs allletztes Säuseln verhallt war,
Knie'te der Kaiser noch hin, und bethete, heiliger Andacht
Voll, am Altar', im Kreise der ruhmgekröneten Feldherrn.
Staunend sah ihn das Volk; doch hingen mit inniger Wehmuth
Auch an Trautmansdorf, dem Helden, viel Tausender Augen,
Der, von dem schimmernden Kreis' entfernt, auf die Kniee gesunken,
Beugte das grauende Haupt mit gottergebenem Herzen.
Bald umhüllten ein jegliches Aug' untad'lige Thränen:
Dort den Mann mit dem schneeigen Haupt so einsam zu schauen,
Der noch jüngst, umringt von blühenden Söhnen einherging:
Froh der gewaltigen Schar! Nun stand er allein und verlassen,
Wie der verdorrete Stamm in dem Wald', um welchen die Windsbraut
All' die frischen umher mit lautem Gekrach' in den Staub warf.
Thauenden Blicks, trat jetzt von den heiligen Hallen der Kaiser
Wieder heraus, vor dem Riesenthor zu beginnen den Heimzug
Nach der erhabenen Burg. Doch sieh', welch' tiefes Erstaunen
Unter dem Volk? Schnell theilt es sich links und rechts in den Straßen
So, daß der Bahre, von sechs lautschnaubenden Rossen gezogen,
Raum sey, fürder zu zieh'n bis hin zur Pforte des Domes.
Schmerz ergriff die Brust des beseligten Siegers. Er starrte
Lang' nach dem Trauerflor, und dem leich'umhüllenden Tuch hin,
Und erwog im Gemüth: wie mächtig der Todte noch gestern
Gegen ihn stand, der heut', erstarrt, all' irdischer Hoheit,
Kraft, und Streitlust bar, dort unter der finsteren Hülle
Ruhete! Dann begann er für sich mit rührendem Laut so:
»Ottgar, lebtest du noch, und herrschtest im Frieden, der Rachgier
Wüthenden Sturm in der Brust besänftigend; heiteren Blickes
Würdest du seh'n: nie haßt' ich dich, und im redlichen Busen
Strebte dieß Herz, voll Liebe, dem deinen entgegen zu schlagen!
Ruhe denn jetzt im Schooß des Allerbarmers auf immer!«
Sagt' es, und hieß die Leich' auf dem trauerumhülleten Wagen
Fort nach dem Schottenkloster hinab mit Würde geleiten,
Wo sie ruhe, bis ihr, nach der Seelenmess' und dem Bußpsalm
Werd' ein Grab mit dem ehrenden Stein, an heiliger Stätte.
Doch wer drängt sich hier, voll Ungestümm, vor aus den Scharen?
Lobkowitz kam, erblaßt von der Wunde zugleich, und dem Herzleid
Ob des erschlagenen Königs und Freunds, in Eile herüber,
Führend an zitternder Hand das holdaufblühende Söhnlein
Ottgars, Wenzeslav, der einsam in Drösing zurückblieb.
Ach, er harrete dort des Vaters, in fröhlicher Unschuld;
Aber nicht kehrt' er ihm mehr, und, verwais't in der zartesten Jugend,
Mißt er die kräftige Hand, die ihn leitete, seines Erzeugers!
Großes beschloß alsbald der treffliche Greis, und, dem Kaiser
Jetzo genaht, vordrängt' er das Kind, und sprach in das Ohr ihm:
»Geh', und umfass' ihm die Knie' mit festgeschlungenen Armen,
Daß er dein sich erbarme mit Huld, und die Leiche des Vaters
Frei gewähre zum Trost den Unglücklichen, die er zurückließ;
Dir zum Ruhm, wenn einst auf vaterländischem Boden
Du ihm erhöhst das ehrende Maal, und zur Zierde dem Land dort,
Deß gewaltiger Held, und erhabenster Fürst er gewesen!
Fasse nur Herz: nicht hartgesinnt erweis't sich der Kaiser
Dir: als Vater das dunkle Geschick der Kinder bedenkend.«
Ottgars blühender Sohn gehorcht' ihm: er stürzte zu Rudolphs
Füßen; umfaßt' ihm die Knie', und rief erschütternden Lautes:
»Mildgesinnt, so sprachen sie all', ist der mächtige Kaiser,
Dem ich hier auf den Knie'n, und mit thränenerfülleten Augen
Rufe: erbarme dich mein, des Verwaiseten; lasse des Vaters
Leich' uns frei, der dir erlag in der schrecklichen Feldschlacht!
Hast ja auch Kinder, und sie erfreu'n sich des liebenden Vaters
Noch, der, machtbegabt, sie schirmt, und zu Ehren erhebet.
Aber, o, mich Unglücklichen: denn des Vaters beraubet,
Welcher so hold mir war, vermiss' ich die mächtige Hand jetzt,
Die mich hatte geführt auf des Lebens unsicheren Pfaden!
Dennoch wird sein Grab im vaterländischen Boden,
Der sein theures Gebein bedeckt, und der redende Denkstein
Mir erfüllen die Brust mit Trost, und mit Stärke sie waffnen;
Stillen den Schmerz der Mutter um ihn, und erheben des Volkes
Sinkenden Muth, das stets, in Treu' ergeben, ihm anhing.«
Doch der erhabene Kaiser schwieg, mit sinnenden Blicken
Ueber den Jüngling gebeugt, und das Volk dort weinete ringsum.
»Höre des Sohnes Fleh'n,« begann jetzt Lobkowitz finster,
»Himmelan hebt sich dein Ruhm: nicht bedarf er des ehrenden Denksteins
Hier, der, rühmend, von Ottgars Grab verkünde der Nachwelt,
Welchen Gegner du einst im Felde der Waffen erlegt hast.
Allwärts preis't dich die Welt großmüthig und edel: als solchen
Sollst du auch ihm dich erweisen -- wo nicht?
so täuschte dein Ruf nur:
Denn unziemlicher Haß g'en Ottgar füllet dein Herz noch.«
Rief's empört, und übermannt von unbändigem Herzleid.
Alle staunten umher; doch zürnte dem eifernden Alten,
Welcher so edel gesinnt, und zugleich so tapfer im Feld war,
Rudolph nicht. Voll Rührung erhob er nun den Erzeugten
Ottgars, der erneut ihm die Knie' umschlang, von dem Boden,
Herzt' ihn vor allem Volk', und begann mit erheitertem Antlitz:
»Sey getröstet, mein Sohn! Nicht sann ich, vor Trauer verstummend,
Dir ein kostbares Unterpfand zu entreißen: denn alsbald
Geb' ich es frei. Auch führe zugleich mit dem tapferen Helden,
Lobkowitz, dich der Füllensteiner im Ehrengeleit heim.
Zieh' dann schnell g'en Prag mit der Leiche des theuern Erzeugers,
Sie zu bestatten mit würdiger Pracht, und zu weihen ein Denkmaal
Ihm, der, herrschend mit Kraft und mit vielumfassender Weisheit,
Rastlos seines unzähligen Volks Gedeihen und Wohlfahrt
Förderte. Doch, nun komm'! Ich will ein Vater dir werden,
Wie ich's zuvor beschloß im Gemüth', und im Segen des Himmels
Möge der sprossende Keim noch herrliche Früchte dir bringen.«
Sagt' es mit freud'ausstrahlendem Blick', und als er, gewendet,
Faßte des Rosses Zaum mit der Linken, hinauf in den Sattel
Sich zu schwingen, da both er zugleich dem staunenden Helden,
Lobkowitz, schnell die Rechte zum Gruß mit den freundlichen Worten:
»Kühner, du stand'st mir zwar gar feindlich entgegen, und dennoch
Sagt mir das Herz: wir scheiden noch bald, als Freunde für immer!«
Jener dankt' ihm d'rauf mit thränenumflossenen Wimpern,
Schweigend; aber es quillt ein Dank aus den schimmernden Thränen,
Den im schwellenden Strom der Worte die Zunge nicht ausspricht.
Solches gewahrete nun der Kaiser, erfreuet, und schwang sich
Rasch auf das Roß, den Siegeszug in der Burg zu vollenden:
Denn mit jubelndem Ruf fortwogten von neuem die Scharen.
Jetzt, in dem weitumschlossenen Raum der mächtigen Hofburg,
Wies sich dem Volk' ein Schaugerüst, der Sichel des Mondes
Aehnlich an Bogengestalt, erhöht, und mit Purpur behangen.
Vierzehn Stufen empor, in stets verengteren Kreisen
Hob sich der herrliche Bau, und zuhöchst, auf dem oberen Feldraum
Stand, hellschimmernd, des Herrschers Thron, an welchem zur Linken,
Und zur Rechten, gar zierlich geschmückt, zwei Stühle von Purpur
Glänzten. In drängender Hast erfüllte sich eilig die Hofburg.
Freudiger Lärm erscholl, als die Rosse, der Reiter entledigt,
Wieherten, heim durch die Menge geführt, und in stattlicher Hoheit
Rudolph nun mit Gefolg zu dem glänzenden Throne hinaufschritt;
Dort sich Ladislav, den König der Ungern, zur Rechten --
Wenzel, den Sohn des getödteten Horts der Böhmen, zur Linken
Sitzen hieß, und das Volk mit freundlichem Winke begrüßte;
Doch ein schmetternder Laut der Dromete geboth in dem Hofraum
Schweigen, und Stille ward, daß der Hauch des athmenden Busens
Hörbar flog, und umher die Stimme des Kaisers vernehmlich
Tönete, da er die Recht' erhob, und also zum Volk sprach:
»Seht uns am Ziele, mit Gott! Vollbracht ist die That, und das Opfer,
Das aus dankbarer Brust zu dem Ewigen heute sich aufschwang.
Ach, gar dürftig erscheinet das Wort! Wie sollen wir würdig
Danken dem Heer', das uns den Sieg errang in der Feldschlacht?
Wie dem erlauchtesten Könige, der als helfender Freund, uns
Einte sein tapferes Volk im allentscheidenden Zeitraum?
Nicht vermöchten wir das! Doch ihn, den König der Ungern
Schließen wir heut' an Sohnesstatt, wie er selbst es ersehnet,[3]
Freudig an's Herz, und geloben ihm Schutz und Freundschaft für immer.
Wohl bezeugt uns der Herr: »Wer hat, dem wird noch gegeben!«
Also auch wir, von Gott mit Kindern gesegnet, erkiesen
Heute der Söhne noch mehr -- denn hört: den theuern Erzeugten
Ottgars einen wir auch, als solchen, in liebender Sorgfalt
Bald mit unserem Blut: ihm Gutha, die Tochter, verlobend,
Die uns die jüngst' erblüht aus den Töchtern,
voll lieblicher Unschuld!«
Jetzo drückt' er zuerst den König, und d'rauf den Erzeugten
Ottgars rasch an die Brust, und unendlich jauchzte das Volk auf.
Aber der König erhob sich vom Stuhl', und sagte voll Feuer:
»O, gesegnet für immer der Tag, der, freundlichen Anblicks,
Dich als Bundesgenossen mir wies! Der brausenden Jugend
Jahr' umgaukelten mich noch jüngst im verwirrenden Schimmer;
Aber du kamst: wohl nenn' ich dich »Vater« mit Recht, und ich fühle
Mich urplötzlich zum Manne gereift -- dein würdig, als Sohn jetzt!
Lange lebe, beglückt, der edelste Kaiser der Deutschen!«
Sprach's mit jubelndem Ruf', und umher ertönte des Volkes
Freudengeschrei, wie Donnersturm, wie stürzender Wasser
Lautes Rauschen: »Er lebe beglückt! Hoch lebe der Kaiser!«
So, daß jegliche Brust Entzücken ergriff, und der Thränen
Stürmische Fluth in das Aug' urschnell aufjagte vom Herzen.
Aber es winkte der Kaiser erneut: der eh'rnen Drometen
Ernstem Schall verstummte das Volk, und er sagte, bewegt, noch:
»Hört! Wir scheiden von euch nun bald, und auf lange. Gebiethend
Ruft uns Deutschlands Wohl nach den rheinischen Gau'n, und wir folgen
Freudig dem Ruf, da uns hier zu weilen hinfort nicht vergönnt ist.
Doch nicht bleibe darum dieß Land nach unserer Abfahrt
Hauptlos. Wichtiges reift im dunkeln Schooße der Zukunft
Ihm, und Hohes erringt es. Inmitten gewaltiger Länder,
Hebt Haus-Oestreich hier, aus seinem unscheinbaren Umkreis
Eiserngegründet, sich auf; gewährt dann jenen die Herrscher;
Flicht in den Kranz nie welkender Macht die herrlichsten Kronen,
Die bald König' ihm biethen, und führt vielfältig durch Sitte,
Sprach', und Stamm gesonderte Völker zu dauernder Einung.
Also, gerüstet mit Kraft, soll's einst im Sturme der Zeiten
Fest wie ein Leuchtthurm steh'n, der rettend, Gefahrenbedrängten
Von dem Felsen die Flamme weis't auf dem nächtlichen Irrpfad.
Albrecht komme heran. Ihm, unserem theuern Erzeugten,
Deß' erhabener Sinn und Weisheit euch allen bekannt ist,
Wollen wir Oestreich hier zu Lehen ertheilen. Als Herzog
Werd' ihm der Thron, und in seinem Geschlecht
fortdaure die Herrschaft,
Endlos, segenbeglückt zum Wohl unzähliger Völker.«
Ha, und er dachte, bewegt, des Alp'bewohnenden Klausners!
Doch schon ritt aus dem hallenden Thor der Erzeugte des Kaisers,
Albrecht, stattlich heran. Sein Roß, der tönenden Hauptzier --
Also des Zaums und Geschirrs von blinkendem Silber sich freuend,
Beugte stolz das Haupt an die Brust. Doch herrlich geschmückt war
Er mit dem Fürstenhut' und dem Purpurmantel: ihn deckte
Glänzender Hermelin; auch hielt er den goldenen Zepter
Fest in der Rechten erhöht. Durch Schrift und Siegel ertheilte
Friedrich der Erste, von Hohenstauff, der mächtig als Kaiser
Ragte vor andern hervor, das Recht dem Herzog von Oestreich,
Also zu Pferd, und so herrlich geschmückt das Leh'n zu empfangen.[4]
Siehe, vor ihm trug Lichtenstein das Banner von Oestreich,
Deß' ruhmwürdiger Schild, mit dem schneeigen Streif in dem Blutfeld
Schimmerte, rasch einher; doch Albrecht hielt an des Thrones
Stufen, und beugte sich; d'rauf begann der erhabene Kaiser:
»Albrecht, euch beschwören wir jetzt im Nahmen des einen,
Wahren, und ewigen Gott's, zu bekennen: ob ihr, als Herzog
Oestreichs, herrschen wollet nach Recht und Gerechtigkeit; ob ihr
Schirmen wollet die heilige Lehr' und den Glauben der Väter,
Und euch widmen dem Wohl des Landes mit Leib und mit Leben,
Das ihr heute zu Lehen empfaht aus unserer Vollmacht?«
Jener rief: »Ich will!« und alsbald winkte der Kaiser
Lichtenstein, daß er ihm darreichte die Fahn', und begann so:
»Nun auch schwört es zu Gott, und im Beiseyn eueres Volkes,
Eilig das Banner zugleich, und den goldenen Zepter erhebend
Hoch g'en Himmel empor.« Und jener entgegnete muthig:
»Ja, ich schwör' es zu Gott!« und erhob den goldenen Zepter
Dann mit dem Banner zugleich in die Luft. Der Kaiser entstürzte
Jetzo dem Purpurpfühl', und flog in die Arme des Sohnes,
Der, sich schwingend vom Zelter herab, ihm entgegen geeilt war.
Lange hielt er den Sohn umfaßt, und sagte mit Rührung:
»Gottes Segen mit dir, und mit deinem Geschlechte! Der Nachwelt
Stell' ich es freudig anheim, was heut' allhier sich begeben.
Möge sie noch an der Zeiten entferntestem Ziele, des Glückes
Herrlichster Fülle froh, laut Habsburg segnen und Oestreich!«
Siehe, da rief umher die Menge dem neuen Beherrscher,
Jauchzend, ihr »Lebehoch!« Doch sah nach dem Kaiser so mancher,
Innig betrübt, noch hin, der erst von Trennen und Scheiden
Sprach, und auf immer vielleicht den liebenden Herzen entrückt wird.
D'rauf hieß er die Fürsten bei sich willkommen, und sagte:
»Kommt zum erquickenden Mahl', und ruht in der friedlichen Burg hier,
Heiteren Sinn's, jetzt aus von des Kriegs unzähligen Sorgen!
Aber verzeiht: ich eile zuvor nach der düsteren Kammer,
Wo die Gattinn mir starb, und nach ihr sich, in Trauergewanden,
Sehnen die Kinder vereint; ich gehe, die Lieben zu trösten.«
Und er entzog sich den Blicken der lautaufjubelnden Scharen:
Thränenden Blicks, aufschreitend allein zur Wohnung der Trauer.