Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint' er,

Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen

Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen.

Ach, und so war's! Doch bald verstummte der Sang und die Zither,

Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten.

All' erhoben sich schnell von dem Boden -- die bärtigen Männer

Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling,

Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren

Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit.

Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne,

Bis er sich wieder ermannt', und d'rauf mit kräftigem Laut rief:

»Sprich: weß' Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung

Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus,

Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit,

Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen

Uns ergetzend, und sein', des feindbedrängten nicht achten?

Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen,

Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!«

Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand:

»Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter,

Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger,

Seit er der Schul' entlief: ein Taug'nichts ist er am Schreibtisch!

Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen;

Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen,

Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er

Dir kund thun; doch, Herr, verzeih' -- in dieser Gesellschaft?«

Sagt' es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser:

»Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen,

Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter

Richtet streng; doch sieh', noch blüht mir der fröhlichen Jugend

Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort;

Weile so gerne dahier im Kreis' des unschuldigen Volkes,

Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend,

Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben!

Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl,

Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.«

Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether

Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her,

Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet,

Sah'n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling

Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe.

Bald erschienen im Zelt' auch die rosigblühenden Mädchen,

Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel

Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte

Heiß geworden, und mürb', des Volks ersehntes Gericht war;

Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch

Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken,

Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst,

Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen.

Alle schmaus'ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen

Lieblingsgericht -- nicht des Weins,

des trefflichen, schonend: unendlich

Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister.

Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön', und der Herrscher

Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz', dem Gaste zu Ehren!

Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend,

Draußen in Doppelreih'n, und hoben den werbenden Tanz an,

Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth,

Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend,

Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen.

Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn' an die Spornen;

Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden;

Stöhnend vor Lust, und ihr Aug' erfüllten oft schimmernde Thränen,

Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung.

Doch als d'rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler

Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen

Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer

Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle,

Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend

Fort im verengenden Kreis'. Dann riß er sich wieder von ihr los;

Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen,

Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen.

Aber sie folgt' ihm entfernt. Die Recht' an die Seite sich stemmend,

Hielt sie die Schürze am Saum' sich stolz vom Leib' mit der Linken,

Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn

Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers

Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte.

Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten;

Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie;

Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin.

Jene entfloh'n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo:

»Ritter, du hast magyarische Tänze geseh'n, und ergetzet

Dich bei'm fröhlichen Mahl', obgleich du ein nüchterner Gast bist!

Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus,

Unser Bundesgenoß' und Freund, zum Throne gelangt ist --

Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft

Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers,

Die mit unsterblichem Ruhm' ihm zieren die Stirne. Der Morgen

Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth' in der Feldschlacht.«

»Zwar verweigerst du noch,« so entgegnete jener, »des Kaisers

Herold' ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen,

Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung.

Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers

Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen

Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen

In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!«

»Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg

Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf.

Dort, so kündet die Sag', erschien in grauender Vorzeit

Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute

Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten.

Aber vor allen hieß die »Herrliche« jene von Habsburg:

Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht

Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen,

Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether.

Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen,

Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen,

Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens

Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer.

Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes

Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser,

Der zu der heiligen Tauf', als Path' ihn führte, gerufen,

Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten

Streben; wie er im sicilischen Krieg', und in jenem von Oestreich,

Gegen den Streitbar'n focht, und miterstürmte die Stadt Wien,

Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet;

D'rauf in der Ahnen-Burg[11] zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm;

Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend,

Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg

Heimzog, freudig zu eh'lichem Bund sich Annen erkies'te,

Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen --

Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war.

Wohl gebräch' es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend

Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg' all',

Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren,

Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers,

Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild'rung

Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr

Schaltend, Sitten, Gesetz', und allem Heiligen Hohn sprach;

Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner

Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost',

und den Räubern zum Schrecken.

Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen,

Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen,

Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab

Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten

Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger

Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund' und Verwandten:

Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren

Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt,

Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah.

Aber er both ihm die Hand, und sprach: »Daß ich also zu dir kam,

Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet,

Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit.

Höre, viel besser wär's, daß wir uns in Rechten vertrügen,

Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten,

Die mir erschlugen die Freund', und erwürgten die theuern Verwandten!«

Also geschah's: sie schmaus'ten versöhnt. Am kommenden Abend

Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt' es

Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag'nen,

Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen.

D'rauf durchschwamm er die Furt, die noch »habsburger« im Land dort

Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk', und erstürmte

Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!«

Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters

Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug,

Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet,

Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit

Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug

Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort

Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er:

»Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern

So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns

Biethet die Fehd' auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift

Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte.

Ha, nicht reut' ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm,

Gegen die Heiden im Preußenland', und errang ihm den Lorber

Auch im Vernichtungskampf g'en Bela's schreckliche Heersmacht.

D'rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht,

Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer

Setzen wollt' ein Ziel, von den _sieben_ glänzenden Sternen

Unser's heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward:

Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens

Strahlen über die Gau'n des deutschen Landes versende.

Sieh' er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft

Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt', und besann sich;

Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen

Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung

Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen.

Dort heischt' er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten:

Daß sie verschafften nach _Recht_

dem heiligen, römischen Reich' jetzt,

Was ihm die Faust entriß.[12] Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht:

»Noch vermiss' er zum Königseid' den Zepter der Ahnen.«

Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar;

Hielt es empor, und rief: »Wer kennt ein schöneres Zeichen,

Kraft zu verleihen dem Eid', denn dieses, woran der Erlöser

Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?«

Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne,

Der so kräftig gesprochen -- so fest- und so muthiggesinnt war.

Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus,

Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat:

Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich

Muthig aus Deutschlands Gau'n --

an Leib und an Seel', er, ein Deutscher,

Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach' auch

Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug

Ihr vor dem todten Latein, dem schwerverständlichen, gönnend.[13]

Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm

Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen,

Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend,

Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk

Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd' und den Himmel,

Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen

Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft.

Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun,

Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet:

Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen

Hoch die Loh' auffleugt: dann eil' aus dem schirmenden Lager

Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge

Sie in dem trocknen Geröhr' an dem Weidenbache bei Marcheck:

Denn auch er wird also dir nah'n, und die Hände dir reichen

Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.«

Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen.

Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens

Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte

Hüpfende Funken in's bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger,

Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt,

Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau

Dacht' er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen.

»Gern,« so entgegnet' er, »will ich mich ganz dem Winke des Kaisers

Fügen, und eilen in's Feld, sein redlicher Bundesgenosse;

Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh' dir nicht zur Heerschau

Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich's lange verziehen.«

Sagt' es; riß sich das Schwert von der Hüft', und schlug in die Tafel

Dann mit der Klinge so stark, daß die ird'nen Gefäße zum Boden

Taumelten: ein's das and're im Flug zu Scherben zerschmetternd.

Wunder zu schau'n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn

Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war's

Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter

Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle

Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers

Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer

Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern.

Schon erhob sich Geschrei und Getös', und das Wiehern der Rosse

Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt.

Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen

Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen,

Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen,

Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin.

Dort, auf dem sandigen Feld', in fernhinschwindenden langen,

Drei Mann tief, geordneten-Reih'n aufritten die Kunen:

Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels

Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid

Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh'n.

Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders,

Ueber dem kürzeren Hemd', das halb des Niedergebeugten

Rücken entblößt -- doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel

Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder.

Zehnmal tausend' erhoben zur Luft den blitzenden Säbel,

Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm', und es führten,

Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan.

Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen,

Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene:

Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin.

Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias

Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr,

Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms,

Dräuend, in's Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden.

Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter,

Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder;

Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren

Hängend, von hellblau'm Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell,

Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman,

Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen,

Ziert' ihm den Leib, und der Bein' anschmiegende, gleiche Bekleidung

Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen.

Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels

Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert.

Als nun Hugo die Völker geseh'n, da sprach zu Matthias

Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer:

»Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers

Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren,

Einet die Brücke des Flusses Gestad', und all das Geräth hier

Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil!

Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter

Edelster, folg' mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher,

Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier,

Staunend, gewahren wirst; künd' ihm: wir stehen den Feinden

Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!«

Sagt' es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle,

Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen.

Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer

Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen;

Brandend flogen die Wellen zum Land', und schäumten, und zischten

Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer,

Eilend zum Wallfischfang' in schaukelnden Booten, auf einmal

Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen

Vor sich jagt, erseh'n: da werfen sie schnell die Harpun' aus,

Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches,

Oder in's breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt

Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund

Fährt er, und eilig herauf,

und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth,

Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle

Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte,

Schäumt', und braus'te die March, als jetzo die Kunen hinüber

Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse

Spornten, und all' das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer.

Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er

Sich nicht lang', und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe)

Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber;

Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt.

Vierter Gesang.

Leis' entschwebte die Nacht; aus dem hehren Gewölbe des Himmels

Schwanden die Sternenheere dahin, und auf gaukelnden Lüftchen

Schien ein freundlicher Tag sich herab auf die Fluren zu senken:

Doch, es erhob vor dem Morgenroth am östlichen Erdrand

Sich ein Nebelgewölk, das, eiligen Flugs, sich verbreitend,

Mehr und mehr den hochaufwölbenden Himmel befleckte.

Sieh', als jetzo dem Saum der lichtergewordenen Höhen

Näher die Sonne kam: da erglühten im bläulichen Luftraum

Rings die zerrissenen Wolken umher, blutröthlichen Schimmers.

Jetzt erhob sie das Haupt; nur sparsam scholl aus den Lüften

Und aus dem Wald, der Morgengruß der befiederten Sänger

Ihr entgegen: sie sah mit trauerndem Blicke herüber.

Schwül umwogte die Luft; erboßter quälten die Fliegen

Menschen und Thiere zugleich; dumpf klang der wechselnde Windstoß

Ueber die Heid': er kräuselte weit den Rücken des Stroms hin,

Und erhob in Wirbeln den Staub. Kein kühlender Nachtthau

Hatte die Fluren erquickt, und die Schöpfung trauerte ringsum:

Zeichen all' annähernden Sturms und gewaltigen Regens.

Aber im Zelteingang, verlassend das nächtliche Lager,

Saß der Kaiser, und sah mit düsterem Blick' in des Morgens

Dräuende Gluth. Er dacht' im Geiste das dunkele Schicksal

Tausender, bis zu dem Abendlicht' entschieden zum Leben,

Oder zum Tode, mit Angst! Bald sollten die Lose, so grau'nvoll,

Fallen des blutigen Kriegs -- des holdumlächelnden Friedens,

Wie es dem mächtigen Feinde gefiel, dem er ihn gebothen.

Ach, der Jammer des Volks durchdrang ihm die Seele! Zum Himmel

Hob er den Blick, und lispelte so mit gefalteten Händen:

»Laß den Frieden, o Herr, ihm mild erscheinen im Frühroth,

Und erwärmen sein Herz mit den huldausspendenden Strahlen,

Daß er erkenne die eigene Schuld, entsage der Rachgier,

Und, als Herrscher versöhnt, heimkehre den Seinen zum Segen!«

Aber mit Staunen vernahm's der, einst kampfdürstende Marbod,

Als er umschwebte das Haupt des Bethenden, wie er dem Gegner

Frieden gelobte, versöhnlich und mild, und konnt' es nicht fassen --

Er, der stets nur Schlachten ersehnt', und glühenden Muths voll,

Selber aufreizte den Feind auf den Pfaden des irdischen Lebens.

Zweifelnd stand er lange vor ihm. Er wähnte, bekümmert:

Ihm gebrech' es an Kraft und an raschvordringender Kühnheit

(Nicht begreifend sein Herz, ein Irrender, Lichtesberaubter)

Wiegte das Haupt, und fuhr, verstört, zu dem Morgengewölk auf.

Siehe, der Kaiser trat alsbald erheiterten Blickes

Aus dem Gezelt, und hörte mit Lust, unferne dem Lager,

Walten geschäftig das Volk der Zimmerer, Schmied', und der Schreiner.

All' die Nacht forthämmerten sie bei dem Scheine der Kesseln,

Die mit schwärzlichem Pech und duftendem Harze genähret,

Weit erhellten die Au an des Heerwegs schlängelndem Zug hin.

Draußen bei Floridsdorf am Donaustrande, wo dreifach,

Strahlen gleich, fortzieh'n die länderverbindenden Straßen:

Diese nach Ungerland -- nach Böhmen und Mähren die andern,

Eileten sie, zu erbau'n die Gerüst' und die Schranken der Turnbahn.

Hundert Schritte, die Straß' entlang, und der Breite nach fünfzig,

Ebneten sie den Grund schnurgleich, und bestreuten ihn zolltief

Dann mit dem schimmernden Sand, der drüben am Ufer gehäuft lag;

Fügten auf Säulen die Balken umher, und trennten mit Absicht

So von dem Wiesengrund das langgedehnete Viereck.

Aber es wich an dem unteren Rand des umschrankten Gebiethes

Quer ein Balken zurück, so er Einlaß both den Erwählten,

Und an dem oberen stand, gar herrlich gestaltet, die Prachtlug[1]

Oben verziert mit dem Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter,

Und von Innen geschmückt mit Sammtvorhängen von Purpur,

Die an dem Saum' umher von goldnen Blumen erglänzten.

Dort dem Herrscher und seinem Gefolg', erles'nen Geschlechtes,

Standen die Sitz' erhöht, und emporgereihet im Halbkreis';

Doch ein breites Gerüst, entlang die Schranken der Turnbahn,

Bauten sie auch; versahn's mit emporgereiheten Sitzen

Für schaulustiges Volk aus den nahen und fernen Gefilden,

Und erhöhten die luftigen Zelt', entgegen der Prachtlug:

Tapferen Rittern zur Rast, die her zu turneien gekommen.

Als der Krieger dem Zelt' enteilete, stand er, vor Staunen,

Plötzlich verstummt; er rieb sich die Augen im dämmernden Frühroth;

Sann: ob Träume der Nacht ihn äfften, oder von fern her

Irgend ein Zauberer kam, und die Luftgebilde zur Schau gab?

Doch bald lacht' er des eitelen Wahns: hochrühmend die Meister

Des, mit Geschick und regsamer Kraft geförderten Werkes;

Eilte hinaus, sein Roß an dem Standpfahl, wo es die Nacht durch

Ruhete, jetzt mit sorglicher Treue zu warten, und klopft' erst

Selbes am mähnigen Hals' mit der Hand, im freundlichen Zuruf;

Aber es scharrt' in dem Grund', und wieherte, gierig des Futters.

Rings erwachte Getös' und unendlicher Lärm in dem Lager.

Jetzo erscholl Getrab anstürmender Rosse, den Ohren

Hörbarer stets; dann sah das Aug', umspähend, von fern her

Blitzen die Harnisch und Helm', und endlich erkannte der Kaiser

Meinhard, und Lichtenstein, die er, Frieden zu biethen, gesendet.

Angelangt im Gewölk' umwirbelnden Staubs vor dem Herrscher

Rissen die beiden das Roß am Zügel zurücke. Sie sprangen

Aus dem Sattel behend', und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht.

Aber er rief erstaunt: »Wie, Meinhard kehrt uns, empört heim?

Lichtenstein, was bringt ihr zurück aus dem böhmischen Lager?

Sanft ist des Friedens Hand: sie streut in des Lebens Gefilden

Blumen umher -- die in Eisen gehüllete Rechte des Krieges

Trieft vom Blut der Erschlagenen; doch, wenn eben dem Unhold

Heiliges Recht das Schwert vertraut, da bringt er vom Schlachtfeld

Muth, selbstständige Kraft, und Sicherheit unter die Völker:

D'rum auch der Krieg erwünscht, wenn nur das Recht ihn gebiethet.

Jetzt, fürwahr ersehnte mein Herz den Frieden, und wohl mir,

Wenn der König, versöhnt, zum gebothenen selber die Hand reicht!«

Meinhard sagte darauf: »Nicht hat uns der König von Böhmen

Ritterlich' Ehre gewährt -- gastfreundlich das Herz uns erheitert:

Grimm bewölkte sein Aug', da er sprach, und finster uns ansah.

Wie der furchtbare Leu' mit glühenden Blicken des Gegners

Harrt auf dem Plan, daß er ihm zermalme die Knochen: so dünkt mich

Sah der König uns an, und schwerlich sinnt er auf Frieden.

Aber vielleicht, daß Lichtenstein, der glückliche Freier,

Frohere Kunde gebracht: deß' will ich mich gerne bescheiden.«

»Zwar,« so begann jetzt Lichtenstein, »versprach uns des Königs

Zornumwölketer Blick des Guten nicht viel, und ich bürgte

Für den Frieden nicht mehr mit dem Kopf: er möchte nicht fest steh'n;

Aber noch stehet das Spiel, und es fällt der entscheidende Würfel

Heute noch nicht. Ich sehe dahier mit unsäglicher Hochlust

Schon die Schranken gefügt zum Turnei, und bald, in dem Prunksaal,

Den von der Decke herab unzählige Kerzen erleuchten,

Minniglich schöne Frau'n und Fräulein, an gastlichen Tafeln

Würdiggepaart umher mit den sieggekröneten Rittern.

Welche Beseligung, mich in dem lärmenden Kreise zu treffen:

Denn auch trägere Zungen bewegt die fröhliche Mahlzeit!

Höre mich Jung und Alt; nicht spricht ein faselnder Seher!

Daß des Königs verdüsterter Geist noch heute sich aufhellt,

Künd' ich zuvor: denn wißt es, er kommt, und nah' ist die Zeit schon,

Zum dankbiethenden Turnkampf her, mit erlesenen Rittern.

»Dort,« so sprach er vor uns, »soll's bald allmänniglich kund seyn,

Was er vom Krieg und Frieden gedacht, und der Kinder Verlobung.«

»Gott befohlen das Ein' und das Andere!« sagte, gen Himmel

Schauend, der Kaiser, und wandte sich; dann begann er von neuem

Wieder, mit sorglichem Blick: »Wo weilt mein tapferer Hugo?

Das sey ferne, daß ihm was Leides geschehen: mir bräche

Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.«

Kaum entfloh ihm das Wort, da tönte von ferne der Hufschlag

Brausender Rosse die Straße heran, die entgegen den Marken

Ungerns führt am linken Gestad der mächtigen Donau.

Hugo war's, der kam (weit hinter ihm folgte der Knappe,

Schlechter beritten, denn er) die stäubende Straße herüber;

Doch nun hemmt' er das Roß, und die Wange, wie Flammen geröthet,

Lächelt' ihm, als er gegrüßt. Er schwang sich vom Sattel, und sagte:

»Herr, nicht hast du umsonst die Gäste geladen: erhellt sind

Weit die Straßen hinaus von schimmernden Kleidern und Waffen.

Trog nicht der Schein, so trabt von dem Bisamberg an der Donau,

Deß' unendlicher Ruhm an köstlichem Moste bewährt ist,

Ein gar stattlicher Haufe heran: die flatternden Fähnlein,

Weiß, wie des Schneebergs Haupt, verkünden uns böhmische Kämpen.

Aber, als sie dahier zum Scherz nur brechen die Lanzen,

Harren ihrer im Hinterhalt gar ernste Gesellen,

Und ersehnen den Kampf. Der Ungern blühender König --

Blühend, und jung fürwahr! verhieß dir Hülf', und gewährt sie:

Denn vor mir durchschwamm sein furchtbares Reitergeschwader,

Jauchzend, die March, und steht auf Oestreichs Erde, vor Marcheck

In dem Geröhr', längs hin dem Weidenbache, verborgen.

Zürne nicht, daß ich zu kommen verzog. Viel hatt' ich zu reden, --

Von dem Kaiser zumal, und dem Greif', wenn alles ihm abstirbt,

Wird die Zung' allein stets rühriger noch mit den Jahren.

Auch gebrach's nicht an köstlichem Trank', an magyarischer Tänzer

Fröhlichem Lärm, und du weißt, dein Haug ist freudig gestimmet,

Sieht er die Humpen gefüllt, und um ihn lebendig die Jugend:

Dennoch stellt er sich ein, wo es gilt, und die Klingen entscheiden.«

»Ruhe,« so sprach mit lächelndem Blick der erhabene Kaiser,

»Raschvorstürmender Greis, in dem Zelt' auf das Lager gesunken!

Aber euch beid', obgleich ermüdet vom dauernden Ritte,

Lockt, deß' bin ich gewiß, Drometengeschmetter zur Turnbahn,

Rüstet euch denn. Mir ziemt, hausväterlich sorgend, im Lugsaal

Fertig zu stehen, und dort die Gäste mit Huld zu begrüßen.

Meinhard, zieh' im festlichen Schmuck, mit flatternden Fähnlein,

Zinken, und Paukengetön', und hundert erlesenen Reitern

Bis zu des Lagers Rand' entgegen dem Herrscher von Böhmen:

Ihn zu begrüßen nach Würd', und des Turnspiels Sitte geziemend!«

Also entließ er mit heiterem Muth die gewaltigen Helden.

Aber er stieg die Stufen empor in die herrliche Prachtlug,

Eilete vor, und sieh', ihm nahten die theuren Erzeugten

Albrecht, Hartmann, und Adelheid: nur blieb in der Hofburg

Agnes, die holde, daheim, die leidende Mutter zu pflegen.

Alsbald scholl aufjubelnder Pauken Getön', und Drometen

Schmetterten laut in des wimmelnden Volks unendliches Jauchzen:

Denn, wie der Bienen unzähliger Schwarm in des kehrenden Frühlings

Milderem Hauch, fortzieht in die lieblichduftenden Fluren,

Gierig des Honigseims, und rings umsummet die Blüthen:

Also zog aus der Stadt, von dem nahen und fernen Gebieth her,

Zahllos, Jung und Alt, im Schmucke der festlichen Kleider,

Und erfüllte die hohen Gerüst', augblendenden Schimmers.

Mitten im dichten Gedräng' erglänzten, vor allen, die Edeln,

Die im glühenden Muth vortummelten feurige Rosse:

Herrlich geschmückt der Reiter zugleich,

und das wiehernde Schlachtroß.

Doch wer könnte die Zahl, und den Ruhm der Tapferen künden?

Otto von Meißau kam: Feldoberster war er des Kaisers,

Reich in dem Land umher an Gütern und Mannen, und reicher

Noch an errungenem Ruhm' im dräuenden Felde der Waffen.

Blau, wie des Himmels Zelt, mit Gold umrändert, und seiden,

Floß ihm der Mantel am Rücken hinab von dem Harnisch, und blau war

Auch sein Wehrgehäng mit der seidenen Schärp' und dem Helmbusch;

Also des Rosses Hauptzier, Zaum, und die schuppigen Decken

Vorn an der Brust und den Seiten herum, von Eisen gefüget.

Aber das Einhorn wies sein Schild im goldenen Feldraum,

Wie es zum muthigen Kampf von dem schroffen Felsen sich aufbäumt.

Solchen trug ein Knapp ihm nach, und der andere folgt' ihm,

Haltend die zween hochragenden Speer' in der nervigen Rechten.

Pauk' und Dromet' erklang, da er jetzt vor den rühmlichen Schranken

Hemmte sein feuriges Roß, absaß, und in's dunkele Zelt ging.

Bald nachfolgte dem Helden zuerst der kühne Capellen:

Oberster Führer auch er im Heere des Kaisers, und werth ihm

Ob der beständigen Treu', und des nie zu erschütternden Muthes.

Meergrün hatt' er zur Farbe gewählt, und verzieret mit Silber

Seine Rüstung zugleich, und des Rosses herrliches Reitzeug.

Aber den Schild, wo ein Wehrgehäng den silbernen Feldraum

Dreimal durchschlingt, und vom Helm sich des Adlers Fittig erhebet,

Trug ihm der Knappe nach, und ein anderer brachte die Waffen.

Freudig ersah ihn das Volk, und als er mit edelem Anstand

Sich vor dem Schrankenthor von dem schnaubenden Rosse herabschwang,

Rief erneueten Gruß der Klang der Drometen und Pauken.

Nun kam Trautmansdorf, von acht selbst-eigenen Söhnen --

Angeeigneten sechs, umringt, vor die Schranken. Des Bruders

Ehrenreich, den einst ein wüthender Eber zerrissen,

Als er im Walde des Weidwerks pflog, verlassene Waisen

Waren die sechs, und er, ein liebender Vater den einen,

Wie den andern; doch sie lohnten ihm herrlich die Sorgfalt:

Wohlgesittet, fromm, und im blühendentfalteten Leben

Alle, voll Heldenmuths, nachfolgend dem edelsten Vater.

Nicht entbehrt' er im Krieg, nicht daheim, nicht an heiliger Stätte

Selber ihres Gefolg's, und lächelte, stolz in dem Herzen

Seines Glücks, das höher denn all' sein Reichthum ihn dünkte,

Wenn ihm das Volk, erstaunt, nachsah, und den Segen ihm zurief.

Aber nicht lang', da sinkt, wie, vom sausenden Hagel zerschmettert,

Halmfrucht draußen im Feld, die herrliche Schar in das Grab hin --

All', erschlagen vom Feind, und einsam kehret der Vater

Heim in die Ahnen-Burg: ihn tröstet ihr rühmlicher Tod nur.

Doch jetzt naht' er vor seinen, ihm gleich gerüsteten Söhnen:

Denn von Silber blank war Harnisch, und Helm, und der Helmbusch;

Also das Wehrgehäng, die Schärpe, der seidene Mantel,

Und der glänzende Schild, (den, goldengehörnet, ein Widder

Zierete) weiß wie der Schnee, mit der Wehre des stattlichen Rosses.

Jubelnd im Paukenklang', erschollen die eh'rnen Drometen.

Doch jetzt naht' ein Paar der Edelgestein' in dem Adel

Oestreichs: Lichten- und Dietrichstein.

Aus der steyrischen Mark stammt

Jener (Ulrichs Sohn, des trefflichen Ritters und Sängers,

Der sein Leben der _Frauen-Ehr'_ und dem Degen verschrieben)[2]

Dieser aus Oesterreich, ein Sohn ruhmwürdiger Aeltern:

Er, stets düstern Gemüths, da jener des heiteren Vaters

Frohsinn geerbt; doch einte schon frühe der trautesten Freundschaft

Unauflösliches Band die Herzen der tapferen Ritter.

Hochroth zierte des Lichtenstein, und seines Gefährten

Waffengeschmeid Kornblumenblau. Im grünlichen Feldraum

Wies des Winzers Messer sein Schild, und im goldenen zeigte

Jener des Lichtenstein zwei schrägablaufende Balken.

Schmetternd klang die Dromet', und die Pauken donnerten laut auf.

Sieh' auch die beiden Demantberg', auf welche sich Oestreich

Ruhig stützt: der Schwarzen- und Stahrenberg (in des Ruhmes

Ehernen Tafeln genannt, und hochgepriesen für immer)

Sprengten eilig heran! In des Schildes goldenem Feldraum

Führete jener den Aar und das Hüfthorn; dieser im lichtblau'n

Einen geschnabelten Wolf, und kor sich zur Farbe der Ehren

Blaßgelb, silbergeschmückt, da jener mit goldenem Zierrath

Wählte das dunkele Kirschenroth, erfreulich zu schauen.

Mächtiger hob sich zur Luft der Pauk' und Dromete Getön' auf.

Kurd von Haselau, der achtzigjährige Ritter,

Naht' im Fluge heran. Noch rüstig und Kampfes begierig,

Stieg er vom Roß, und ging, den ehrenden Sitz an der Prachtlug

Einzunehmen: erwählt zum Turnvogt heut von dem Kaiser.

Ihm nachfolgten zugleich der Seldenhofer, der Pfannberg,

Hardeg, Hohenberg, und der Wildon: treffliche Kämpen!

Jetzt anlangten im Ehrengeleit die böhmischen Ritter:

Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Wallstein,

Dann auch Herbot von Füllenstein, der reußische Kampfheld,

Riesengestaltet, im Trotz allbeugender Stärke sich rühmend,

Den sich Ottgar jüngst zum Feldherrn kor, und als Herrscher

Einst in der steyrischen Mark dem Volk aufstellte zum Zwingherrn.

Sieh', gar herrlich geschmückt erschienen die Ritter, als sollte

Oestreichs ad'ligen Glanz heut jener von Böhmen verdunkeln!

Tausende wandten den Blick nach den Fremdlingen, alle voll Sehnsucht:

Ottgarn dort zu schau'n, als Freund: er säumte zu kommen.

Dreimal, und lauter stets erhob sich der donnernden Pauken

Und Drometen Getön, den nahenden Fremden zu Ehren.

Doch, vernehmend den jubelnden Schall, enteilten die Helden

Oestreichs hurtig dem Zelt', und schwangen sich auf in den Sattel.

Meinhard, führend die Böhmen heran, verlangte vom Thorwart,

Da er den Degen erhob, Einlaß in die rühmlichen Schranken.

Alsbald wich der Riegel zurück, und in Reihen geordnet

(Jene zuerst, und drauf die Heldensöhne des Landes)

Ritten entlang die Turnbahn all', in der nervigen Rechten

Hebend den Speer in die Luft,

mit zögerndem Schritt nach der Prachtlug,

Wo der erhabene Kaiser saß, und der Kommenden harrte.

Als sie gegrüßt -- er gedankt, da sprach der tapfere Meinhard:

»Mein durchlauchtigster Kaiser, und Herr! Des böhmischen Reiches

König entbiethet dir Gruß und Freundschaft zuvor, und erkläret:

Ihm selbst wehrt es ein böses Geschick des fröhlichen Turnspiels

Zeuge zu seyn; doch sendet er dir die tapfersten Ritter,

Hier den Ruhm des Vaterlands zu erhöhen als Sieger!«

»Wahrlich,« so rief der Kaiser ihm zu, »nicht dacht' ich: entrissen

Werde mir heut' ein Glück, das ich ersehnt' in dem Herzen

Aber wohlan: werth seyen uns auch die tapferen Ritter,

Die uns der König gesandt! Der Kampf beginne. Turneivogt,

Handle dein Amt! Der Herold rufe, der Sitte geziemend.

Grieswart sey für heut der edle Wildonier, Berchtold,

Breuner, und Pottendorf, die Kämpfer zu schirmen vor Unbill,

Ordnungbedacht: ihr Wink sey heilig geachtet von allen.«

Sagt' es, und setzte sich dann auf den schwellenden Pfühl.

Da erhob sich

Haselau, der Greis, und ging nach der räumigen Halle,

Die sich unter der Lug aufwölbte, mit Purpur behangen,

Dort zu beginnen die Waffenschau. Die erlesenen Ritter

Legten sogleich den Speer und das Schwert, kampfgierigen Muths, hin.

Sorgsam prüfte der Greis die gebothenen: stumpf und gefahrlos

Sollten sie seyn -- zum Scherz, nicht zum Ernst

gebraucht in dem Turnkampf.

Zween der Grieswärt' hoben den Helm von dem Haupt', und empfiengen,

Schreitend umher links, rechts, ein bezeichnendes Los von den Rittern:

Jeglicher gab's, mit dem Nahmen verseh'n. D'rauf schüttelten mehrmal

Jene die Zeichen umher in dem Helm', und bothen (die Ordnung

Wechselnd) sie dar: der rechts, wo links der and're gefordert,

Also wählte sich dort ein jeglicher Kämpe den Gegner.

Jetzt erhob der Herold den Stab, und Tausende schwiegen;

Zog ein Blatt aus dem Busen heraus, das, rauschendentfaltet,

Glänzte von goldener Schrift, und las mit gewaltiger Stimme,

Allen verständlich, vor: »Wie der mächtigste Kaiser, Rudolphus,

Jüngst auf den heiligen Rochus Tag, des Jahrs der Erlösung:

Tausend zweihundert und siebenzig-acht, der heute gezählt wird,

Alle die Edeln, von Nah' und von Fern, zu turneien am Tabor

Aufboth, die nach dem Recht' und nach Rittersitte gemeint sind.

Weiche darum von hier, der bar ist der ad'ligen Ahnen-

Reih' erhärtender Zahl, und der unehlich geboren;

Der in den Kirchenbann, in die Acht des Kaisers und Reiches

Fiel ob schändlicher That, ob Mord und Gottesverläugnung;

Der die Wittwen und Waisen bedrückt', und das zarte Geschlecht nicht

Schirmt' in Gefahr, nicht rächt', als Mann, g'en schnöde Verläumdung;

Der Meineides und Trugs, und unedlen Gewerbs sich bewußt ist,

So er dem Schild und dem Schwerte zur Schmach, einst Handel getrieben:

Ferne mögen sie stehen, sie all', und ermangeln des Vorzugs,

Der nur Edeln gebührt, in des Turnkampfs rühmlichem Feld hier!«

Rief's; dann faltet' er wieder das Blatt, und barg's in dem Busen.

Jetzt aufpflanzten, voll Hast, die hurtigen Knappen die Fähnlein

Ihrer Ritter so hier, als drüben, die Schranken hinunter,

Und die Grieswärt' theilten sich links und rechts an der Bahn hin,

Tragend den Stab in der Hand, zum Zeichen des heiligen Gastrechts.

Doch nun kehrten zugleich, im zögernden Schritte, die Kämpen

Wieder zurück, vor dem Schrankenthor sich fertig zu stellen.

Als der Kaiser die Kehrenden sah -- dann vor sich das Volk dort,

Dann im Rücken die Bänke gedrängt voll grauender Ritter,

Edeler Herrn, und Frau'n, und zartaufblühender Fräulein:

Ach, da füllten sich fast ihm die Augen mit Thränen! Er wandte

Halb nach den Kindern sich um, und sprach mit inniger Rührung:

»Welch unzähliges Volk: nur die Ein' ersehen wir hier nicht --

Euere Mutter ist fern, und Agnes, als Pflegerinn wechselnd

Heute mit euch! Auch wir entbehreten freudig des Schauspiels --

Weilten so gerne daheim bei der Leidenden; aber die Pflicht ruft

Ehernen Lauts, und heißt all' and're im Herzen verstummen.

Weh', daß ich auch die Kunringe hier vermiß', und der Helden

Einige, die verlockt auf trugverhülleten Pfaden

Sich zu den Feinden gesellt, und im Schooße der eigenen Mutter,

Jenen gleich mit der grimmigen Faust zu wühlen bereit steh'n;

Aber vielleicht gelingt es mir noch die Verirrten zu sammeln!«

Jene schwiegen, und hielten die Hand vor die thränenden Augen:

Ob der Mutter betrübt; doch Hartmann vor allen: ein Liebling

War der Trauernde stets der holden Mutter gewesen.

Sieh', nun schwebt' auf dem Wettergewölk des umnachteten Himmels

Marbod daher! Er sah Drahomira vorüber im Eilflug

Ziehen, und folgen der Spur des schwarzgerüsteten Ritters,

Der mit geschlossenem Helm' aus dem böhmischen Lager herüber

Spornte den Rappen im Donnergalopp', an die Schranken der Turnbahn.

Nicht wie den Sterblichen war dem Geiste der Ritter verhüllet:

D'rum erbangt' ihm die Brust vor Angst ob seinem Erwählten,

Rudolph, dem er sich liebend geweiht: denn siegenden Hohn sah

Er in dem Blick Dahomira's, und kam, ihm rettend zu nahen,

Wenn sie, höllischen Trugs, Gefahr ihm sann, und Verderben.

Immer schneller verschlang des Tages Heit're der Wolken

Finstere Nacht. An dem Himmel herauf, und hinunter zum Erdrand

Zuckte der röthliche Blitz, und von fern her murrte der Donner:

Kommend auf Flügeln des Sturms, vom dräuenden Süden herüber.

Jetzt erscholl drometender Ruf, dreimaligen Stillstands,

Tief, eintönig, gedehnt: des Kampfs ersehnetes Zeichen.

Alsbald braus'te der Riegel zurück: in die rühmlichen Schranken

Ritt, gemessenen Schritts, hellstrahlend von Purpur und Goldschmuck,

Lobkowitz ein; den Schild ihm ziert' ein fliegender Adler.

Ganz durchmaß er die Bahn bis vor in die Nähe der Prachtlug;

Wandte das Roß, und harrete dort des würdigen Gegners,

Den das Los ihm beschied, und sieh', ihm nahte Capellen,

Muthigen Blicks! Da rief ihm Lobkowitz freundlich entgegen:

»Nun geschlossen den Helm, und fest in dem Sattel gesessen!

Schon viel Rühmens hört' ich von euch, Capellen! So laßt uns

Heut' erseh'n: ob mir, ob euch die Krone bestimmt sey,

Welche zum Dank uns beut die Erzeugte des edelsten Kaisers,

Adelheid, voll Engelshuld und himmlischer Schönheit.«

»Wohl,« entgegnete jener mit Trotz, »das laßt uns erproben,

Lobkowitz! Rasch seyd ihr, böheimische Kämpen, und dennoch

Sollt ihr Oestreichs Söhnen den Kranz nicht rauben im Turnkampf.«

Aber sie schlossen den Helm, und setzten sich fest in dem Sattel.

D'rauf, mit gewaltiger Faust vorsenkend den Speer aus des Bügels

Röhr', und den ehernen Schild vorhaltend dem Feinde zur Abwehr,

Spornten beide das Roß, das, weitvorgreifenden Sprunges,

Schnell, wie der Blitz, auf dem Plan mit tönendem Hufe dahinflog,

Bis inmitten der Bahn, urplötzlich, ein jeder der Gegner

Traf des anderen Schild mit des Speers abprallendem Eisen

So, daß der mächtige Schaft, in tausende Splitter zertrümmert,

Hoch empor in die Luft und umher auf dem zischenden Sand flog,

Und die Rosse, zurück' auf die Hinterfüße gesunken,

Noch dem gewaltigen Stoß' erzitterten, schreckenerfüllet.

Lautaufjauchzte den Kämpen das Volk; unzählige Stimmen

Zollten im tausendfältigen Ruf den Trefflichen Beifall.

Jetzt gedachten sie schon, aus dem Sattel sich schwingend, zu zeigen

Auch in dem zweiten Gang mit dem blinkenden Schwert die Gewandtheit,

Schnelle, und Kraft; doch laut rief dort der herrschende Turnvogt:

»Helden, es ist euch Siegesruhm die Fülle geworden!

Ruht von dem Scheinkampf jetzt! Vielleicht, so Gott es nicht wendet,

Werdet ihr bald zum Ernst, nicht zum Scherz,

in schrecklicher Feldschlacht

Richten das blitzende Schwert auf die Brust anstürmender Gegner!

Ihr brach't zierlich den Speer: aus der Hand der holden Erzeugten

Rudolphs, wird euch herrlicher Lohn noch heut' in dem Turn-Dank!«

Jene kehrten zurück, in dem hohen Gezelte zu ruhen.

Stille wurd' es umher, und es faßt' ein heimlicher Schauder

Manchem die Brust bei'm ernsteren Wort des prophetischen Greises.

Doch nun braust' im Sturm der schwarzgerüstete Ritter

Näher, und riß den Rappen zurück' an dem leitenden Zügel,

Sonst durchbrach er im Sprung die hemmenden Schranken. Er nagte,

Wüthenden Grimms, am Gebiß', und schnob, und streute den Schneeschaum

Hin auf den Sand, den er mit den scharrenden Hufen umherwarf.

Edelem Stamm' entsprossen schien der gewaltige Reiter;

Aber noch barg der geschlossene Helm ihn den Augen des Volkes.

Stolz erhob er die Hand, und hieß mit stummen Geberden

Milota nah'n. D'rauf zog er ein Blatt aus den Fugen des Panzers,

Reicht' es ihm dar, und wies nach des Turnvogts herrschendem Sitz hin.

Milota lächelte Hohn, da er, spornend sein Roß, an den Schranken

Hinflog, und darreichte das Blatt dem staunenden Alten.

Dieser entfaltet' es schnell, und las mit vernehmlicher Stimme:

»Euch entbiethet zuvor, ihr edelen Herren und Ritter,

Ihren freundlichen Gruß Kunegunde, des böhmischen Reiches

Königinn! Dann verlangt sie, daß ihr den Ritter in Trauer

Nicht verschmäht, der glänzenden Stamms sich rühmt, und im Turnkampf

Heute, vor euch, ihr herrlichen Ruhm zu ersiegen, bereit ist.

Aber ihm werde nach Wunsch der letzte der Kämpfe gewähret!«

Stumm verneigte der Greis sein Haupt, und Milota kehrte

Wieder zurück. Da lispelte leis' in die Ohren des Nachbars

Ein Barfüßermönch, der jüngst aus Böhmen gekommen,

Und auf dem volkerfüllten Gerüst schaulustig sich einfand:

»Seh' ich den Ritter dort, gehüllt in die finstere Rüstung,

Will es mich fast bedünken: er sey der Königinn Liebling,

Zawiß von Rosenberg,[3] der weitgepriesener Anmuth,

Blühender Jugendkraft, und tapferen Muthes, ihr Herz schon

Völlig gewann, das leis' in heimlichen Flammen sich abzehrt.

Also rächt sich die Schuld! Ein Gleiches mit Gleichem vergolten

Wird dem Könige, der Margarethen verstieß, und den Unhold

Sich beilegte zum Weib: Kunegund' ersehnt sich den Buhlen.«

Also das Mönchlein sprach. Doch feuriger stets, und entflammter,

Zuckten die Blitz' umher im Gewölk', und auf ehernen Rädern

Sank stets tiefer herab des Donners rollender Wagen

So, daß die Menge mit Angst aufsah, und, des strömenden Regens

Denkend, nur an dem Leinendach des Gerüstes noch Trost fand.

Wieder erscholl gar feierlich ernst die Dromete. Zum Turnkampf

Rief sie ein Heldenpaar: da flog der muthige Wallstein,

Herrlich glänzend von Gold auf dem perlen-farbigen Sammttuch,

Ueber die Pläne hinab, und wandte sich, harrend des Gegners.

Sieh', ihm fiel das Los, mit dem Stahrenberg in den Schranken

Heute zum erstenmal, sich zu messen: zum Ritter geschlagen

Jüngst durch Ottgar selbst, der ihn vor jeglichem liebte!

Jugendlich hüpfte das Blut in den Adern des feurigen Helden

Noch. Er lechzte nach Ruhm; doch wüthete jetzt in der Brust ihm

Furchtbare Liebesgluth, seit er vernommen, daß Hedwig --

Sie, die Zierde der Welt, für welch' er thöricht entbrannt war,

Reichen sollte die Hand zum eh'lichen Bund dem Erzeugten

Rudolphs, Hartmann, und ach, Verzweiflung faßt' ihn erneut an!

Ungeheueres sann er empört im Gemüth, und nicht wußt' er

Wie er's vollbringe dereinst. Da sprach ihm jetzt Drahomira,

Die, nur auf Arges bedacht, auflauerte, leis' an das Ohr so:

»Denke des Muths: vielleicht gelingt es dir heut, den Verhaßten

Dort mit höhnendem Blick zu reizen, und Rache zu üben!«

Alsbald wandt' er das Haupt, und sah mit höhnenden Blicken,

Lang' nach dem tapferen Hartmann hin, als hätt' er gefrevelt.

Zorngluth schoß in das bleiche Gesicht des Edeln: er hob sich

Hastig vom Sitz, ihn laut zur Rede zu stellen, entschlossen.

Doch schon nahete Stahrenberg, im feurigen Vorschritt

Zügelnd das Roß, und rief dem Gegner, lächelnd, entgegen:

»Erst so beweglich, und nun säumst du den Kampf zu beginnen?«

»Nein, ich säume nicht!« sprach alsbald der Zürnende, wähnend:

Jener zeihe der Feigheit ihn. Er ahnte nicht, wer ihm

Also empörte die Brust durch dunkle Gebilde der Rachgier.

Trotzig schloß er den Helm; ließ sinken den Speer in der Rechten;

Gab dem Rosse den Sporn, und flog dem Ritter entgegen,

Der nicht müßig geharrt: denn sieh', jetzt trafen die beiden

Sich inmitten des Plans, an dem Schilde die Speere zu brechen,

Wie es der Turnbahn Sitte geboth, und trefflich erzielte

Stahrenberg den Gewinn: sein Speer zerbrach an dem Turnschild

Wallsteins, den ein glänzender Stern erhellete, krachend;

Schlug auch den Stern entzwei, und zerstob in unzählige Trümmer!

Aber nicht so sein Gegenpart. Von stachelnder Rachgier

Glühend, nahm er das Abseh'n hoch nach dem Helm', und er stieß ihm

Solchen vom Haupt mit festnachstürmender Rechten, daß alsbald

Ihm an dem Kinn der Riemen zerriß, und im Sande der Helm hin

Kollerte. Zornerfüllt gewahrten die älteren Ritter

Wallsteins Frevelthat, und murreten. Aber dem Turnvogt

Schien gleichmäßig des Kampfes Gewinn: weil jener den Schild ihm,

Schmetternd, zerbrach, und dieser den Helm von dem Haupt ihm gehoben.

Stille herrscht' umher; kein Beifall krönte die Kämpen.

Stahrenberg ritt eilig zurück; doch zögerte Wallstein

Noch auf dem Plan, und sah von neuem mit höhnendem Ingrimm

Nach der Lug empor, wo Hartmann im glänzenden Harnisch,

Lieben Geschwistern vereint, sich fand an der Seite des Kaisers.

Ihn verhöhnet' er frech, und begann mit stachelnden Worten:

»Kühlere Lüftchen umweh'n dich dort; hier fühlt es sich heißer:

Komm, und versuch's! Der Jugend Kraft zu erproben, ist rühmlich.«

Stöhnend vor edelem Zorn erhob sich der Jüngling, und forschte

Einen Augenblick in dem Antlitz des herrschenden Vaters.

Aber er saß in erschütternder Hoheit dort in der Mitte

Seiner Erwählten, und sah, verstummend, hinab auf den Ritter.

Jenem genug: er sprang die Stufen herunter, und warf sich

Schnell auf das wiehernde Roß, das draußen der Knappe gehalten;

Faßte, zitternd vor Hast, den Speer, und flog auf die Turnbahn.

Doch schon hatte zuvor von dem trugverblendeten Wallstein

Sich Drahomira gewendet, und hing mit flammenden Blicken

Ueber Ottgars Haupt. Er war's, der heute des Nachtgrau'ns

Farbe zur Rüstung sich wählt', als jene, voll höllischer Arglist,

Ihn zu dem Kampf hertrieb: nur Jammer zu schaffen, entschlossen.

Wie auf dem trüglichen Netz die giftige Spinne dahinfährt,

Wo die Beute sich fing, und diese mit klebrigen Fäden

Dicht umstrickt, daß kein' Errettung mehr von dem Tod ist:

Also ließ sie nicht ab von dem unglückseligen Herrscher,

Deß', sonst edele, Heldenbrust in wilder Empörung

Schrecklicher Ehrsucht gohr, und allein nach Rache sich sehnte.

Siehe, wie zween geschweifte Kometen am nächtlichen Himmel

Glüh'n, und in blutiger Kriegeszeit den zagenden Völkern

Dräu'n Pest, Hungersnoth, und Theurung: also erglühten

Jetzt Drahomira's zur Wuth empörete Blicke; sie hauchte

Ottgars horchendem Ohr den seelenverderbenden Rath ein:

»Pfeilschnell naht, und entfliehet das Glück:

d'rum hasch' es im Flug jetzt,

Eh' es auf immer entweicht, und nicht wiederkehret dem Trägen:

Tritt mit Hartmann du in den Kampf; dir weiche dein Liebling

Wallstein. Thöricht vergaß der waffenbeschauende Turnvogt

Deine zu prüfen: du führst verderbliche. Schleudre den Jüngling

Erst in den Staub; dann wende dich, nah' ist der Kaiser,

durchbohr' ihm

Kühn die verräth'rische Brust, und entflieh'.

Dein schreckliches Reitroß

Trägt dich schnell aus umdrängender Noth: denn höllische Macht tobt

Ihm in den Adern. Auf, und räche dich jetzt an dem Gegner.«

Wild aufbäumte sich Ottgars Rapp', als jene gesprochen;

Scharrt' in dem Sand, und schnob, und drehte sich,

wüthend, im Halbkreis':

Denn sie erregte das Thier durch Gaukelgebilde der Hölle.

Heimlicher Schauder ergriff das Volk und die edelen Ritter.

Ottgars Aug' umdüsterte Nacht: gleich Meeresorkanen,

Wühlten in seiner Brust die Empfindungen streitender Rachgier,

Ehre, und Pflicht. Doch jetzt besann er sich; sprengte den Rappen

Ueber die Schranken, und rief dem kampfbeginnenden Helden

Laut, im Brausen des nahenden Sturms und Donnergewitters:

»Wallstein, halt! Zieh' hin zu dem Schrankenthor', und vergönne

Mir in des Kampfs Entscheidung den Sieg. Kunegunde geboth mir

Sie zu rächen, und dich an dem schmähungliebenden Buben

Deß', der Kaiser sich nennt des heiligen, römischen Reiches.«

Wallstein eilte zurück; doch Hartmann rief ihm entgegen:

»Ha, du lügst! Nie hat mein Mund Kunegunden, noch jenen,

Der so frech sich erweis't, so unritterlich handelt, geschmähet,

Weder heimlich, noch offenbar: das sollst du mir büßen.«

Rief's, und senkte den Speer, nicht erwägend, daß solchen der Knappe,

Nicht zum Kampf auf Leben und Tod -- nur zum rühmlichen Scheinkampf

Ihm darreichte zuvor, in drängender Hast und Verwirrung.

Zwar erhob den Stab und die herrschende Stimme der Turnvogt;

Zwar abmahnten vom Streit die Grieswart' dieß und auch jenseits;

Aber sie achteten's nicht. Von dem lautaufheulenden Sturmwind

Ward verschlungen ihr Ruf, und die rachebefeuerten Gegner

Bringt zur Ruhe kein Stab jetzt mehr, noch zu klarer Besinnung.

Aber schon war, voll sorglicher Hast, dem erhabenen Kaiser

Marbod genaht. Nicht entging dem liebenden Geist Drahomira's

Unheilschwangerer Blick, die, beiden: dem Kaiser und Böhmens

Könige, Tod und Verderben sann, und in wilder Verwirrung

Leichen auf Leichen gehäuft, der Hölle zur frevelnden Lust, sah.

Jetzt umfaßt' er ihn heiß, und rief im Geistergelispel:

»Auf, und ziehe dein blinkendes Schwert, zur Wehre dich stellend!

Dir droht Mord und Verrath, und deinem Sohne Verderben

Von dem Fremdlinge. Horch, und verschmähe des Warnenden Rath nicht!«

Alsbald hob, von dem Geist erregt, der gewaltige Herrscher

Von dem Stuhle sich auf; entblößte das Eisen, und eilte

Schnell die Treppe herab auf die Plane, den theuern Erzeugten

Gegen die Wuth des rascheindringenden Gegners zu schirmen,

Der so frech verhöhnte den Ruf des heiligen Gastrechts.

Jetzo sporneten, laut mit Geschrei, die erbitterten Helden

Gegen einander die Ross' auf dem Plan; doch, brausenden Fluges,

Trieb in dem Augenblick das entsetzliche Donnergewitter

Näher, und stäubte den Sand in wirbelnden Säulen vom Grund auf.

Blitz auf Blitz, und Schlag auf Schlag urplötzlichen Donners

Flammt', und krachte herab aus dem finsteren Schooße der Wolken,

Die, gewitterschwer, tiefhangend, zum Boden gesunken,

Jetzo des Mittags Hell' in Nacht verwandelten ringsum.

Angst ergriff das versammelte Volk. Dem Schreckensgedanken

Bebte das Herz, als sey der Tag' allletzter gekommen.

Wie, und dennoch ruhten die zween erbitterten Gegner

Von dem Kampfe noch nicht? Sie sprengten die Läufer im Flug fort.

Jetzo, wo Ottgars Speer mit tödlicher Spitze dem Turnschild,

Harnisch, und Herzen zugleich des harmloskämpfenden Hartmann

Nahete, fuhr ein Blitz, an der Breite dem stürzenden Waldstrom

Aehnlich, zwischen die beiden herab, und entsetzlicher Donner

Rollte, betäubenden Schlags, erschütternd ringsum die Gegend,

Plötzlich ihm nach; doch Marbod sprang urschnell in den Blitz hin.

Sein entrüsteter Blick entflammte sich hell, und er schreckte

Hartmanns wildanstürmendes Roß vor dem Rosse des Gegners.

Bäumend hob es sich auf: da drang ihm der Speer so gewaltig

Ein in die Brust, daß der Schaft, erkrachend,

sich bog, und entzwei brach.

Stöhnend sank das Roß auf den Rücken. Der Reiter entzog ihm

Schnell das Bein, und stand, ergriffen von inniger Wehmuth:

Schauend sein treues Thier, das jetzt mit den vorderen Hufen,

Jetzt mit den hinteren scharrt' in dem Sand --

dann todt, und erstarrt lag.

Ottgar saß, geblendet vom Blitz', und schnaubend vor Ingrimm

Ob des gebrochenen Speers. Er hörte den schrecklichen Donner,

Hörte die lärmenden Ritter nicht mehr, die, empört von dem Frevel,

Naheten; doch er sann im schnellhinschwindenden Zeitraum

Eines Augenblicks. Drahomira empörte zur Wuth ihn,

Als der Kaiser zur Rettung des Sohns in Eile dahersprang;

Aber umsonst: denn stolz- und tapfergesinnet war Ottgar;

Feig ihm dünkte der Mord. Er riß von der Rechten den Handschuh,

Warf ihn entgegen dem Feind', entblößte das Eisen, und rief ihm:

»Rudolph, heb' ihn nur auf: denn es biethet auf Tod und auf Leben

Ottgar, zitt're vor ihm, dir Fehde für jetzt, und für immer!

Nichts von Frieden darum, und nichts von der Kinder Verlobung:

Rach' allein ist die Losung hinfort: das soll ich dir kund thun!«

Rief's, und gab dem Rosse den Sporn. Die Schranken hinüber

Trug es ihn fort im Sprung; dann, sausend, im Donnergaloppe

Weiter und weiter hinaus auf der staubenden Straße nach Stillfried,

Und ihm sprengte sein Ehrengefolg' im eiligen Flug nach.

Aber in wilder Verwirrung schrie'n, und entstürzten die ander'n

Rings den Sitzen, und floh'n durch Sturm und Gewitter voll Angst heim.

Fünfter Gesang.

Schüttelnd die triefenden Schwingen, erhob nach unendlichem Regen

Sich der Abendwind, und warf von dem rauschenden Hochwald

Und dem ersäuselnden Hain' gewichtige Tropfen zum Boden.

Trauernd senkten den lastenden Kelch in dem Felde die Blumen

Noch, und das blinkende Gras bewegte sich langsam und schwer nur.

Kein Gesang der Vögel erscholl; nur fern in dem Sumpfrohr

Quackte der Frosch, und die finstere Luft durchkrächzten die Raben:

Denn noch deckte Gewölk des Himmels Bogen; der Donner

Rollte noch fort, und der leuchtende Blitzstrahl fuhr noch im Süden

Flatternd umher: als droht' er entsetzlicher wiederzukehren.

Da gelangte, von Wuth und gährender Rache getrieben,

Ottgar heim vor das Lagerzelt, und schwang sich vom Sattel

Hastig herab. Ihm kam der Kunring, Leutold, entgegen,

Der mit Schmerzen daheim sein harrete. Jetzo begann er:

»Wahrlich, du kommst ersehnt, und glühender noch, als am Abend

Unsers mit Blut gefertigten Bund's: an dem Kaiser -- an Rudolph,

Rache zu üben -- an ihm, der nach den geheiligten Rechten

Altehrwürdiger Ritterzeit im empörenden Hochmuth

Greift mit gewaffneter Hand; der Deutschlands Edeln der Knechtschaft

Fesseln beut, da er schon gar viele der Vesten zu Boden

Schmettert', und allen ein Gleiches droht: daß nimmer die Freien

Uebten ihr Recht an dem Volk, dem niedriggebornen, nach Willkühr.

Nicht so wurden wir einst lehnpflichtig dem König. Der Leh'nsherr

Rang um sein Eigen im Feld; sein ist's, was dort ihm zu Theil ward --

König auch er: ihm huldigt zur Frohne der Hold und der Sasse.

Wie, mir würd' es verwehrt zu erbauen die Burg auf dem Felsen,

Der aus dunkelem Wald' aufragt, und zum schwindelnden Abgrund,

Senkrecht bis zu dem Wildbach hin die Wände hinabsenkt,

Unnahbar dem Feind? Nicht sollt' ich dort von den Zinnen,

Oder des Wartthurms Höh'n mit herrschendem Blick in des Abends

Goldenem Schein' erforschen die Gau'n: ob, lauernd, der Gegner

Nahe den Thalweg her? Nicht sein, des ohnmächtigen, spotten,

Der, mit blutigen Köpfen zurück von der Veste gewiesen,

Schamroth flieht? Nicht von ihr zum Kampf mit den Reisigen auszieh'n,

Kennend der Mauern Gefüg', und in selben geschirmt nach dem Heimzug?

Rechte nur immerhin der Unfreie mit mir, daß ich, Freier,

Niederwerfe nach Lust auf der Straße den wandernden Kaufmann,

Der, ein Bürger der Stadt, dem Juden zugleich und dem Wechsler

Treuverbündet, mein Volk betriegt, deß' Habe doch mein ist?

Nur in der Ritterburg, der Wieg' erhebender Thatkraft,

Heldensinnes, und Muths wohnt auch das häusliche Glück noch.

Wenn ich schaue die Hausfrau dort, wie sie schaltet mit Sanftmuth

Ueber das rohe Gesind', und die züchtigen Töchter, den Rosen

Gleich aufblühend, erwerben die Huld und die Würde der Mutter;

Wenn ich vom Fenster hinab an des Hofraums rasigem Abhang

Ringen sehe den Sohn mit den Knappen: wie diesem den Bart er,

Lachend, zerrauft, und den anderen schlägt mit den winzigen Fäustchen,

So vorübend die Kraft auf die herrlichsten Jahre des Lebens:

Nicht für die goldene Kron' eintauscht' ich die goldene Freiheit.

Sieh', auch der Sänger spricht dort ein, und läßt in dem Hofraum,

Nachtumhüllt, gar mild ertönen die lieblichen Saiten,

Eh' er beginnet sein Lied; doch sitzen wir bald in des Saales

Schimmerndem Licht um ihn her, und horchen den zaub'rischen Tönen

Von der Minne Leiden und Glück; von den Wundergeschichten

Grauender Heldenzeit, und den Thaten gewaltiger Ahnen

So, daß in wonniger Lust, wie im Flug', uns die Stunden entschwinden!

Ha, und dessen gedenkt der Habsburg uns zu berauben?

Künftig sollen wir feig, erschlafft, und völlig verweichlicht,

Wohnen in dumpfiger Stadt, und der Ritterehre vergessend,

Höflingen gleich, uns bücken vor ihm? Doch, König, verzeihe,

Wenn vor dir nicht Gefälliges spricht ein wackerer Deutscher!

Wie habt ihr turneit? Ward Habsburgs Löwe gebändigt?

Hast du Rache geübt? -- denn Schreckliches kündet dein Aug' an.«

Sagt' es, erstaunt; doch Ottgar sah mit den flammenden Augen

Ihn noch schrecklicher an, und rief: »Ja, Rache geübet

Offen vor allem Volk! Wohl sagt' ein höllischer Geist mir

Heimlich in's Ohr: »Durchbohr' ihn!« doch mich dünkt' es zu niedrig:

Morden! Ein Leichtes war's, auf dem Plan das blinkende Schwert ihm

In die verräth'rische Brust -- er zitterte! heute zu tauchen;

Doch nur in offener Schlacht, das Aug' auf das Auge geheftet,

Soll er mir steh'n, und, fallend, im Staub' aushauchen das Leben.«

Vor, aus seinem Gefolg trat Milota jetzt, und begann so:

»König, verzeih': er zitterte nicht! Dich täuschte der Rachgier

Seelenverwirrende Gluth. Wohl staunt' ich, als er so muthvoll

Dir entgegen trat auf dem Plan: du sporntest den Rappen

Weise davon. Gut war's: nicht wehrlos falle der Gegner,

Tapferen Herzens, dem tapferen Mann; das hast du erwogen:

Selber beut sich ja oft nur klügeren Seelen das Glück an.«

Sprach so, kaum bekämpfend die Wuth, die ihm heimlich des Herzens

Tiefen zerriß, und er lächelte nur. Doch jener zernagte,

Schweigend, die Lippen vor Zorn: denn Spott verriethen die Augen

Milota's. Jetzt entblößt' er das Schwert, und flehte zum Himmel:

»Ewiger, der du schirmst das Recht, und bestrafest das Unrecht;

Auch in der Vorzeit oft in die Hände der Führer des Volkes

Gabst dein Rächerschwert, zu vertilgen Israels Gegner,

Höre mein Fleh'n, und laß' mich jetzt vergelten im Vollmaß

Dem, der, frevelnd an mir, verletzte die Treu' und die Wahrheit,

Mich beschimpfend vor allem Volk, da er laut es gebilligt:

Heimlich im Zelt sollt' ich ihm huldigen -- schändlicher Trug war's!

Mich verachtet das Volk seitdem, und die jammernde Mutter

Meiner Erzeugten weis't die unschuldigen Opfer des Truges

Mir, im verzweifelnden Schmerz.

O, gib mir den Sieg in dem Kampf jetzt!«

»Ihr,« so rief er den Feldherrn laut, »erhebet die Banner

Eurer geordneten Schar! Wir ziehen noch heute nach Thalsbrunn:

Dort von dem Weidenbach g'en Wien zu dringen, entschlossen.«

Jene gehorchten sogleich, und gebothen dem Heere den Aufbruch.

All' die geordneten Reihen hinab ertönte das Rufen

Tausender: »Auf! In den Kampf! Wir geh'n den Feinden entgegen.«

Trommeln rasselten dumpf, und das Schmettern eh'rner Drometen

Scholl aus dem Waffen-Geklirr mit dem Wiehern unbändiger Rosse.

Bald schwand rings die wandernde Stadt der Gezelt' aus den Fluren,

Und die unendliche Wagenburg nachfolgte der Heer'smacht

Langsamen Schritts, von dem Lastvieh fort auf der Straße gezogen.

Siehe, in drei Heersäulen ging des gewaltigen Königs

Furchtbare Macht jetzt vor! Er hemmte sein Roß an dem Heerweg;

Sah die Tausende zieh'n, und heischte von Diesem und Jenem,

Schnelleren Gang mit erhobener, oft schrittweisender Rechten.

Lobkowitz führt' in dem Vorderzug die böhmischen Reiter;

Mährens Volk, das muthig zu Fuß anstürmt in der Feldschlacht,

Milota, der in der Mitt' einher vor den Reussen, den Meißnern,

Und den Thüringern zog. Doch Czernin lenkt' in dem Nachzug

Sachsens reisiges Volk, dem rasch die Mannen der Kunring',

Und die Bayern zugleich voreileten, fröhlichen Muthes.

Als das geordnete Heer aufbrach, da schloß mit Gefolg auch

Ottgar sich, hinbrütend, ihm an. Der tapfere Wallstein

Ritt ihm zur Seit' -- auch er versunken in düstere Schwermuth:

Denn nicht brachte der Tag ihm Gewinn; nicht die schönere Hoffnung

Blüht' ihm darum, weil er sie dem Gegner entriß auf der Turnbahn.

Ach, sie stand ihm zu hoch, des Königs Erzeugte! Nicht wagt' er,

Ihm zu eröffnen das Herz, obgleich er liebend an ihm hing.

Jetzo schwand das hüg'lige Matz zur Rechten, und Angerns

Weidenreiches Gefild zur Linken dem Heere vorüber.

Ottgars Blick hing starr an der March, die rauschend hinunter,

G'en Marcheck und Kressenbrunn die dunkelen Fluthen

Wälzte. Der herrlichen Zeit errungenen Ruhmes gedacht' er

Jetzo mit pochender Brust, und sprach zu dem sinnenden Jüngling:

»Eilt nicht der Strom, wie die Zeit, in ewigwechselndem Lauf fort?

Bald erglänzt er im sonnigen Licht, bald wogt er im Sturmhauch,

Trübaufschäumend, umher: sein voriger Reiz ist entschwunden.

Siehe, wie düster die March jetzt fließt,

und wie herrlich erschien sie

Dort an dem Tage von Kressenbrunn,[1] wo im Siegesgefild mir

Ungerns Macht erlag, die Bela, der tapfere König,

Zahllos, wie der Heuschrecken Heer', uns entgegengeführt hat!

Jenem Siegestag zur Erinnerung gründet' ich dankbar

Dann Marcheck, die blühende Stadt, am Gestade des Flusses.

Ha, dort scholl mir die Stimme des Glücks in dem Sieges-Gefild noch,

Und ich folgt' ihr beherzt! Vielleicht erschallt sie mir nimmer.

So ist des Menschen Geschick, des sterblichen, hier auf des Lebens

Pilgerpfad' empor zu schießen, voll üppigen Wuchses;

Doch gestellt ist das Maß, und er schrumpft dann wieder zusammen,

Wie die thürmend' Eich', die ihr Haupt in die Lüfte gehoben,

Nun zu Moder zerfällt: die, ach, Jahrhunderten trotzte,

Liegt in dem Staub! So schreiten auch Reich' und gewaltige Völker

Plötzlich wieder zurück von den kaum errungenen Höhen,

Und mir ahnet es fast, ich hab' sie errungen: zum Abend

Neigt sich mein Strahlengestirn, und bald versinkt es in Nachtgrau'n.«

»Das sey ferne,« so rief den schwärmerischtrüben Gedanken

Sich entreißend mit Macht, der feurige Jüngling, »das Dunkel

Kennt dein Glücksgestirn nicht mehr: erst jetzo beginne

Solches den schöneren Lauf zu des Ruhms hellleuchtender Sonne!

Fällt der Kaiser besiegt, und das soll er! dann ist die Welt dir

Unterthan. Wie dort nach dem herrlichen Sieg' im Triumphzug

Du hinführtest dein Volk an Italiens Gränze:[2] so winkt jetzt,

Ueber sie hin dein Siegespfad. Weltherrschend, eröffnet

Roma dir die Thor', und erblickt die Krone der Kaiser

Schimmernd auf deinem Haupt, die Carol der Große getragen.

Stark bist du, und noch stärker, so dir ein tapferer Eidam --

Doch nicht aus Rudolphs Stamm, den du geziemend verschmähtest,

Sich in dem Schlachtfeld eint, als Gatte der himmlischen Hedwig!«

Ottgar schwieg, und das Heer zog weiter in täuschender Stille,

Wie er gebothen zuvor. Doch sieh', aus den nächtlichen Wolken

Senkte sich Arpad[3] jetzt in Eile herunter! Ein Vater

Ward er genannt dem Magyaren-Volk', und aus seinem Geschlecht her

Sproßte der Segenszweig: der erste, der heilige König

Ungerns, der, sein Volk auf des Heilands Pfade geleitend,

Ihm der Menschlichkeit beglückende Recht', und der Sitten

Mildere Form kund gab, auch Gesetz' ihm schenkte zur Wohlfahrt.

Arpad, schauend den Kun, im Rohrgefilde verborgen,

Sann alsbald nur Thaten des Muths, und er nahete pfeilschnell

Ladislav, dem Könige, der, entschlummert im Zeltraum

Lag auf dem Bärenfell' im grasumwucherten Aufeld;

Beugte sich über ihn hin, und preßte den Mund auf den Mund ihm

So, daß er ängstlich sich wand, und stöhnete, bis er die Augen

Aufschlug, schrie, und im finsteren Zelt', entrüstet, umher sah.

Arpad haucht' ihm Muth in die Brust mit dem Seelengelispel:

»Also bezwungen vom Schlaf, dehnst du die blühenden Glieder,

Eingelullt vom Gesang kumanischer Frau'n und der Zither

Sanftem Getön? Wach' auf, du Weichlicher! Denke der Ahnen

Weitgefeierten Heldenruhms, und des feurigen Muthes,

Der sie beseelte beim Klang des furchtbarbrüllenden Rindhorns,

Wenn die Feinde sich trafen im Feld', und der Würgenden Ruf scholl.

Wachen muß dort stets für alle der Herrscher, und rastlos

Walten bei Tag und bei Nacht, in gefahrumdräuender Kriegszeit.

Horch dem Gewirr! Schon zieht der Böhm' in täuschender Stille

Eilig die Straße hinab g'en Thalsbrunn, dort in des Lagers

Weitumkreisendem Raum, von dem Rasenwall' und dem Graben

Mächtig geschirmt, dem Feinde sich rasch entgegen zu werfen.

Zahllos regten sich dort viel' Tag' und Nächte die Gräber,

Die er entboth in dem Land' umher voll schrecklicher Drohung;

Doch im Rücken des eilenden Heers, nichts Arges vermuthend,

Kommt mit schwachem Gefolg' auch der König vorüber, und langsam

Folgt ihm die Wagenburg: d'rum schnell an das muthige Werk jetzt!

Sende hinaus in den Hinterhalt der bewährtesten Reiter

Tausend, die, verborgen im trocknen Geröhr', an dem Heerweg

Harren, bis Ottgar naht: gleich weit entfernt von den Scharen

Und von der Wagenburg; dann all', im sausenden Eilflug,

All' auf ihn los, und erhascht ihr ihn,

schnell in Geschrei und Getümmel

Wieder zurück in das Lager gejagt mit dem werthen Gefang'nen.

So beginne den Kampf, ein Sieger, zur Freude dem Kaiser --

Dir, und dem Vaterlande zum Ruhm, dem Lande der Helden!«

Sagt' es mit lispelndem Laut. Da trat ein Kun in das Zelt ein,

Athemberaubt vor Hast, und verkündete: daß auf dem Heerweg

Zahllos, Schar auf Schar, der Böhme vorübergezogen.

Feuriger hauchte der Geist, da er sprach, dem horchenden König

Noch in die Seele den kühnen Entschluß. Sieh', eilig erhob er

D'rauf sich vom Lager, und rief nach dem tapferen Führer der Kunen,

Kaduscha, der, von Gestalt nur klein, und häßlich von Anseh'n,

Doch unbändiger Kraft, und flammenschnaubenden Muths war.

»Eile,« so sprach er zu ihm, »mit tausend erlesenen Reitern

Bis an den Rand des Geröhres hinaus, und harre mit Vorsicht

Dort in dem Hinterhalt, bis Ottgar selber dir nah' ist:

Weit getrennt von der Wagenburg, und den eilenden Scharen;

Dann im Fluge hinaus, zu erhaschen den Herrscher der Böhmen!

Fünfzig Rosse sind dein, und zehn goldschimmernde Sättel,

Auch der Waffenschmuck des Königes, kehrst du als Sieger.«

»Ich vernahm es,« entgegnete stolz der muthige Feldherr,

Als er das Roß bestieg. Er jagte mit tausend Erwählten

Bis an den Saum des Geröhres hinaus, und warf sich, des Königs

Harrend, in's Gras. Wie in dunkeler Nacht der schreckliche Rohrwolf

Lauscht an der Trift, und dort auf die Hinterfüße gesunken,

Winselnd vor Gier nach Blut, mit glühenden Augen umherschaut:

Ob nicht der Rinder Schar vorüber wandere, grasend?

So der Kune dahier. Doch sieh', bald wogten des Feindes

Reihen vorbei, und im Zwischenraum, nichts Arges vermuthend,

Naht' auch Ottgar jetzt, als Kaduscha, sich in den Sattel

Hebend, den Kunen zu stürmen geboth. Vor dem wilden Getümmel

Klirrender Waffen, und brausender Ross', und der stürmenden Krieger

Lautem Gejauchz' erbebte die Nacht, und des Königs Geleitschar

Starrte vor Angst: denn schnell, weit vorgebeugt aus dem Sattel,

Schwingend mit wildem Gebrüll den krummgehämmerten Säbel,

Jagten die Kunen heran, und drohten ihm Tod und Verderben.

Wallstein rief alsbald dem Gefolg': »O, schließt um den Herrscher

Einen ehernen Kreis mit der Brust, und fielen im Kampf wir

Alle zugleich, nur sey des Herrn Gesalbter errettet!«

Aber nicht säumten die Tapferen: denn dreihundert aus Böhmen,

Bayern, und Sachsen, erwählt zum Geleit', umringten den König

Schirmend, und kehrten die Brust nach dem Feind,

der, ähnlich dem Sturmwind,

Naher und naher im Flug, herbraust' auf dem staubenden Heerweg.

Kaduscha hieb der erst' in den Kreis des kühnen Gefolgs ein.

Er zerschmetterte schnell zwei muthigen Bayern, von Törings

Mannen, die Stirn', und erhob sein Eisen, noch fürder zu wüthen.

Töring, der edele Ritter, der, ausziehend aus Seefelds

Ragender Burg, dort sieben unmündige Kinder zurückließ:

Denn ihm raubte der Tod erst jüngst die treffliche Hausfrau,

Senkte den Speer auf den Wüthenden; ritt rasch an, und durchstieß ihm

Also die Rechte, daß ihr alsbald entschlüpfte der Säbel.

Jetzo hatt' er gerächt die Ermordeten; aber es barg sich

Jener sogleich im Gedräng', und rief nach dem Führer des Volkes,

Zobor, ihm vertrauend des Kampfs entscheidende Leitung --

Ihm, dem Riesen an Kraft: er lockte den grimmigen Bären

Aus der Höhle heraus, und erwürgte ihn, ringend, am Boden.

Seitwärts drang er auf Töring ein, der, schnaubend vor Rachgier

Reiter auf Reiter herab aus dem Sattel warf mit dem Speerschaft.

Vier' erwürgt' er schon: da stieß ihm die Spitze des Eisens

Zobor tief in's Genick', als er nach dem Gegner sich beugte.

Töring sank in den Staub, und hauchte den muthigen Geist aus.

Ach, und die Amme führt, wie die liebvollsorgende Mutter,

Jeglichen Morgen die Kinder heraus auf die Zinnen der Felsburg;

Zeigt dort allen den Weg, den jüngst der Vater gezogen,

»Und euch allen,« so sprach sie,

»ein schönes Geschenk aus der Hauptstadt

Heimbringt, so ihr euch fromm und gut, wie er's heischte, benehmet.«

Doch nicht kehret er heim; sein harren die Kinder vergeblich:

Denn er liegt getödtet im Staub! So fielen noch hundert,

Unter der würgenden Faust der Kunen, gebändigte Krieger,

Und Verderben umgab stets näher und näher den König.

Wie wenn nächtlich im Wald' ein wandernder Fleischer, von Räubern

Angefallen, mit tapferem Muth' sich wehrt, und der Gegner

Manchen erlegt; doch wäre noch all sein Mühen vergeblich,

So das menschengetreueste Thier ihm nicht fest an den Seiten

Kämpfte: sein mächtiger Hund, der rasch im Kreise sich wendend,

Diesem die Kehle durchhaut mit den tödlichen Zähnen; den andern

Niederreißt am Genick', und, würgend, nicht ruhet, nicht rastet,

Bis er errettet schaut den Gebiether: so stritt für das Leben

Ottgars, häufend die Leichen umher, der tapfere Wallstein.

Doch, als jetzt die Gefahr ihm noch gewaltiger drohte,

Schrie er ihm zu: »Mir nach, mein König und Herr!« und er bahnte

Sich mit dem sausenden Stahl durch Feindeshaufen den Blutpfad.

Ottgar folgt' ihm beherzt, und hieb die Umstürmenden nieder.

Ha, nach entsetzlichem Mord und Gewürg, durchhau'n, und gesprengt war

Endlich der Todesring, und ihm entrannen die beiden,

Brausenden Flugs, auf dem Heerweg fort! Im nächtlichen Dunkel

Schwanden sie bald aus den Augen der weitnachfolgenden Gegner;

Doch die kehrten zurück', und des Königs treue Geleitschar

Fiel nach tapferer Gegenwehr (denn Keiner ergab sich)

Hier erschlagen im Kampf mit den herzblutdürstenden Kunen.

Ach, wie grausam wütheten jetzt die Schrecklichen: hauend

Allen das Haupt von dem Rumpf', und es dann auf die Spitze des Säbels

Pflanzend, zogen sie heim, siegtrunken und rachegesättigt:

Denn sie sahen zuvor wohl doppelt die Zahl der Gefährten

Hingestreckt im Staub', und erwürgt von den tapferen Feinden.

Fort, und fort im Galopp war Ottgar schon in des Heeres

Nähe gelangt; nur die Höh'n von Prottes, dem ruhigen Dörfchen,

Lagen noch, trennend, vor ihm, und hinter den eilenden Scharen.

Milota trabte die Höhen herab. Mit ängstlicher Sorgfalt

Forschte sein Auge zuvor nach dem König: er hatt' ihn dem Tod schon

Lange geweiht, und harrete nur des ersehneten Tages,

Wo er nach Rache die Gier an ihm sättigte, schrecklich und furchtbar!

D'rum verlor er ihn nie aus den Augen, und so, wie der Kater,

Grausamer Lust, freigibt das erst gefangene Mäuschen:

Da folgt ihm sein glühender Blick, und will es entrinnen,

Streckt er sogleich ihm nach die klau'nbewaffneten Pfoten --

Reißt es zurück in den Todes-Kreis, und weidet die Augen

So an dem armen, voll Grimms: nicht anders verfolgten die Augen

Milota's Ottgarn stets, der Rach' ihn zu opfern, entschlossen.

Jetzo gewahrend: er sey's, begann er von weitem zu rufen:

»Wahrlich, du wagtest viel, mein König, so fern dich zu halten

Von dem schnellvoreilenden Heer! Wer so die Gefahr sucht,

Wandelt auf glattem Geröll', an des Abgrunds schwindligem Rand hin:

Denn in den Auen der March droht uns der schrecklichen Kunen

Leis'umspähendes Volk: du warst die erwünschteste Beut' ihm,

So es dich traf. Doch sprich, wo weilt dein Reitergefolg noch?«

»Mein Gefolg ist todt,« entgegnete jener, »gefallen

Unter des Feindes würgender Faust. Dem tapferen Jüngling

Hier verdank' ich das Leben allein; stets hielt er im Leben

Treulich an mir; er sey, wie ein Sohn, mir geliebt in der Zukunft.«

D'rauf hinbeugt' er nach Wallstein sich von dem Sattel; er küßt' ihn

Auf die glühende Stirn, und drückt' ihm die Rechte noch freundlich.

Jener, mit Freudenthränen im Blick', erwiederte, hebend

Ottgars Hand an den Mund, der Liebe beglückendes Zeichen.

Plötzlich sah er im Geist der wahnsinngenähreten Hoffnung

Truggestalt in der Wirklichkeit, hellschimmernden Glanzes,

Ihm genaht, und gestillt des Herzens unendliche Sehnsucht.

Wehe, daß Drahomira so nah' ihm war in des Nachtgrau'ns

Schrecklicher Stund', und stets auflauerte, daß sie, verderbend

Ihn, sich räche zugleich an Ottgarn, höllischer Lust voll!

Hufesgerassel erscholl: denn Milota's Reitergeschwader

Jagte heran. Sie schrie ihm ins Ohr: »Der Feind ist im Anzug!«

»Ha, der Feind!« rief Milota laut, und in wilder Verwirrung

Jagt' er nach Ebenthal, woher sie gekommen, das Roß hin.

Ottgar folgt' ihm schnell; nur Wallstein hemmte den Läufer

Oft: um den König besorgt, und für ihn zu sterben, entschlossen.

Aber ihm däuchte das nahe Gebirg, und drüben das Blachfeld

Jenes von Ebenthal an der freundlichen Burg, wo er seicher

Oft sich erging, des Weidwerks Lust ergeben im Feld' auch.

Ottgar hörete jetzt den Ruf des warnenden Jünglings;

Tobte vor Zorn, und sprach zu Milota grimmigen Blickes:

»Hat dich mein böses Geschick mir entgegengeführt an dem Kreuzweg,

Wo in dem nächtlichen Grau'n nur menschenfeindliche Geister

Hausen, daß du dem Heer mich entrückst, und verleitest zum Irrgang?

Wahrlich, der Himmel straft heut Nacht die Vergehungen alle,

Die mich erniedrigten einst auf des Lebens verlockenden Bahnen!

Fort, g'en Stillfried jetzt, wo die Wagenburg und der Nachhuth

Tapfere Schar mich schirmt, bis wir dem Heere vereint sind!«

Finster umhüllete noch das Gewölk den nächtlichen Himmel;

Noch aufriß der entfliehende Blitz zuweilen die Lieder,

Zürnend, und sah mit feurigem Blick aus Osten herüber.

Bergan hob sich der Weg, und Milota sagte, verhöhnend,

Als die Ross', oft zögernden Gang's, aufschritten den Bergpfad:

»Hoffst du, Herr! vor des Ewigen Richterstuhle so leicht dich

Abzufinden dereinst mit dem schreckengerüsteten Engel,

Der dein Blatt dir weis't in dem Buche des Lebens und Todes?

Wähnst noch gar, du habest gebüßt für Alles und Jedes,

Was du verübt seither, schon heut' im nächtlichen Irr-Ritt?

Grauses vernahm mein Ohr. Ist's Wahrheit, oder nur Täuschung,

Was die Sag' uns gab von dem blutbesudelten Handel

Dort? Daß die Ost- und die steyrische-Mark dir bleibe zu Eigen,

Hast du Schätze gesandt nach Wälschland -- heimlich verbündet

Rom und Neapel dir, und Konradin, Friedrich von Oestreich[4]

Hingeopfert des Henkers Schwert, die blühenden Fürsten?

Hast nicht Erbarmen geübt, als d'rauf die Mutter des letztern,

Gertrud,[5] sanften Gemüths, aus dem Erbe der Väter vertrieben,

Fliehen hieß dein Wüthrich fort in stürmischer Nachtzeit?

Bist du rein von Schuld an dem Tod der verstoßenen Gattinn,

Margareth?[6] Ward der edele Herr und Ritter von Meißau

Nicht in unwürdiger Haft von dir verbrannt in dem Schloßthurm?[7]

Nicht die Heldenschar, von dem Pettau'r,[8] niedrigen Herzens,

Angeschwärzt, jahrlang' in schmählichen Banden gehalten --

Ihrer gewaltigen Vesten beraubt? Sieh' dort auf dem Hügel

Drüben den Rabenstein: wie im Wind sich die dürren Gerippe

Dreh'n nun hin, nun her, und im Schwung lautächzen die Ketten!

Hu, aufsträubt sich mein Haar -- und dennoch lieber gehenkt dort,

Als daß ich übte, wie du, an dem Merenberger[9] den Frevel!

Aber horch! Da er nun, das Haupt an die Füße gebunden,

Zweimal den Morgen und Abend sah, in schrecklichen Qualen

Hängend am Rabenstein, war nur der geschändeten Schwester

Bild -- geschändet von dir, vor seinem Gemüthe! Dir flucht' er,

Eh' er starb, durchbohrt von einem der wilden Szupanen.

Wie, du erschrickst? Nein, fürchte nichts, Herr!

Daß ich jetzo der Tochter,[10]

Meines geliebtesten Kindes, gedacht, nicht verdenk' es dem Vater,

Der nicht weinen mehr kann um sie, die schändlich verführt ward.

Ihre die Schuld, der Metze: sie gab sich wohl selber der Schmach hin!«

Ottgar schlug sich die Brust, und wimmerte: »Vater, Verzeihung;

Mein ist die Schuld allein: den Himmlischen glich sie an Reinheit!«

»So?« -- sprach dann mit gedehnetem Laut der entsetzliche Vater.

Ottgar stöhnte vor Angst, daß es jener vernahm; mit den Zähnen

Knirscht' er; sah empor, und rief mit ersterbender Stimme:

»Milota, sieh', wie es über den armen Sündern erblitzet!«

Sagt' es, und stützte das Haupt, vergehend, auf Milota's Schulter.

Jetzt in der geistverzückenden Zeit todähnlicher Ohnmacht

Sah, wie entkörpert, er dort an dem Rabenstein, Drahomira

Schweben umher, und oft hellstrahlen von röthlichen Flammen.

Ihr nachfolgten zum Dienst drei Mißgestalten der Hölle

So, daß der Halbentseelte noch zuckt', und bebte vor Schrecken,

Als er die Furchtbar'n sah. Aus schwarzumhüllendem Schleier

Starrten mit weitgeöffnetem Aug' todblasse Gesichter,

Und ihr Leib, durchblinkt von der Flammengestalt Drahomira's,

Floß, wie ein Trauerflor, hinaus in das finstere Nachtgrau'n.

Doch, nach dem Wink der Gebietherinn, auf,

und hinunter sich schwingend

Dicht an dem Rabenstein, wie der Mauerspecht am Gemäuer,

Der mit kläglichem Ruf nach Gewürm' und Käferchen spähet,

Nagten sie dort ein Giftgewächs und das Moos mit den Zähnen

Ab von dem Stein und Gehölz, und schwebten hinab auf den Heerweg.

(Zwischen Ottgar hier, und Milota -- aber vor Wallstein

Dort, der zögernd folgt': in täuschende Träume versunken

Künftigen Glücks) und hauchten zugleich auf die Erde den Unrath.

Doch Drahomira kam, vorhaltend in glühender Rechten

Einen Becher, in dem verderbliche Säfte von Kräutern

Gähreten: erst entpreßt dem Eisenhütchen und Schierling,

Dann Tollkirschensäfte vermengt, der plötzlich des Menschen

Sinne verwirrt. Sie goß mit zaubergewaltigen Worten,

Vor den Drei'n, die sie nachmurmelten, wie aus der Felskluft

Grimmvoll murrt ein Drach', das Gift auf den furchtbaren Unrath

Aus; zertrümmerte schnell den Becher auf ihm, und erhob sich

Dann im Weh'ausruf des Höllengefolg's in den Luftraum.

Alsbald schwamm ein bläulicher Duft, des giftigen Pfuhles

Nebel gleich, umher: dem nahenden Jüngling zum Falle

Hingebannt von der Macht Drahomira's, des schrecklichen Weibes.

Ha, schon naht' er heran! Noch brannte der glühende Kuß ihm

Auf der Stirn'; noch scholl in das Ohr ihm der schmeichelnde Zuruf

Ottgars: »Daß er ein Sohn ihm sey -- dem liebenden Vater.«

»Wie, ein Sohn? Dann ... ja, wenn Hedwig die Rechte mir reichet!

Himmlische Hoffnung!« Rief's; da bäumte schnaubend sein Reitroß

Dort an der furchtbarn Stelle sich auf. Ihn däuchte der Wehruf,

Den er jetzo vernahm, aufhorchend mit pochendem Herzen,

Hedwigs Stimm': alsbald vorspornend den hurtigen Läufer,

Stand er gebannt in dem Zauberkreis', und urplötzlich, so wähnt' er,

Ward ihm zur Gegenwart die nimmergeahnete Zukunft.

Hochbeglückt hielt er die Ersehnete jetzt in den Armen:

Ihm schwand Himmel und Erde dahin! Doch flatterte blitzschnell

Weiter der täuschende Spuk, da, schnaubend vor Angst und Entsetzen,

Nun das Roß fortsprang aus dem Zauberkreise der Hölle.

Stöhnend sah er zurück, und die Blässe des Todes bedeckte

Seine Wangen: ein Traum, so schien es ihm, flüchtig entronnen,

Wies ihm des Erdenglücks Erwünschtestes. Wehe, nicht schwand jetzt

Mehr des Gesehenen Bild aus seinem Gemüth'. In den Adern

Kocht' ihm das Blut, und im kreisenden Schwung' umgaukelte jenes

Rastlos ihn, da er flog, getrieben von höllischem Zauber,

Abzufordern die Hand der Königstochter dem Vater;

So zu empören des Herrschers Stolz, und, von diesem gehöhnet,

Racherfüllt, sich selber und ihn zu verderben auf immer.

Siehe, voll Himmelshuld war ihm sein schützender Engel

Wieder genaht, und rief in sanftverweisenden Lauten:

»Wie, umsonst ertönte dir erst mein warnender Zuruf?

Wehe dir, Jüngling, ach, wenn Schuld verdunkelt die Reinheit

Deines Gemüths! Wie ein Spiegel, noch erst im herrlichsten Lichtglanz

Schimmernd, schnell abstirbt, so ihn feuchtannahender Hauch deckt:

Also umwölkt es die Schuld. Bald scheint die blühende Schöpfung

Dir verwelkt, und erstarrt ringsum das regsame Leben:

Nichts des Hohen vollführest du mehr, von irdischen Banden

Niedergehalten. Verzieh'; o denke des Ewigen, reuig;

Kehre zurück, und beherrsche mit Kraft die Gelüste des Herzens,

Daß du nicht Schmach dir jetzt durch thörichte Worte bereitest!«

Sagt' es, und schwang sich empor zu dem Vater

im Himmel, deß' Antlitz

Er mit dem Seraph und Cherub schaut für immer und ewig.

Aber der Jüngling rief: »Ward erst der Seligen Wonne

Mir von dem Himmel gewährt? Vernahm ich jetzo der Hölle

Täuschenden Ruf? Nicht weiß ich's -- will es nicht wissen;

es dreht sich

Schwindelnd die Welt um mich her; sie reiße mich mit in den Abgrund!«

Sieh, und er hieb in den Bauch des ächzenden Läufers den Sporn ein:

Brausenden Sprung's trug fort ihn das Thier,

bis er's vor dem Herrscher,

Der mit dem Feldherrn, ernst und schweigend die nächtliche Bahn zog,

Jetzt festhielt, nach gewaltigem Müh'n: denn wüthenden Ingrimms

Flog es dahin! Nun sprach mit sanfterheitertem Antlitz,

Nach dem Jüngling gekehrt, der weitgefürchtete König:

»Wallstein, ha, wo weilst du? Komm, und rette den Vater

Dir, dem liebenden Sohn, von diesem entsetzlichen Manne!

Milota, fort! Entfleuch! Du warst mir treulich ergeben,

Du, des Herrschers Vasall; doch hast du mit blutiger Faust ihm

Heut' in dem Herzen gewühlt -- frechlautende Worte gesprochen.

Gott ist gerecht. Die Schuld, vergrößert von feindlicher Mißgunst,

Mindert vor ihm ein reuiges Herz: er wird's nicht verschmähen!

Halte dich künftig entfernt von mir -- auch jetzt in dem Feldzug,

Daß nicht mein Zorn, erwacht, dich noch verderbend ereile.«

Jener lächelte grimmig, und rief: »Recht hast du gesprochen:

Weichen will ich -- im Kampf' entfernt dir stehen; der Tochter

Stets gedenken, und flieh'n die Nähe des dräuenden Herrschers.«

D'rauf entschwand er im Feld; doch Ottgar sagte dem Jüngling:

»Wallstein, höre mich nun! Stets warst du mir theuer vor Allen

Ob des Heldenmuths und der Treue, mit welcher du, liebend,

Hingest an mir: doch heut, wie lohn' ich geziemend die Thaten

Ewigen Ruhms? Erst rächtest du mich an Rudolphs Erzeugtem;

D'rauf hast du mich entrissen der Wuth umdrängender Gegner.

Sieh', am kommenden Tag sollst du durch würdigen Lobspruch

Hochverherrlichet steh'n vor meiner versammelten Heersmacht;

Auch den Feldherrn dort, als Führer des böhmischen Fußvolks,

Beigesellt, ein Zeuge der Huld und des Glückes erscheinen!«

Jener entgegnete schnell, von dem Höllenzauber getrieben:

»Herr! du nanntest mich Sohn zuvor, und ein liebender Vater

Willst du mir seyn? Wohlan! Ich rühme mich edlen Geschlechtes,

Ja, des edelsten, das in dem Vaterlande genannt ist:

Reich an Schätzen und Land, gleich Fürstensöhnen geachtet!

Vater, mein höchstes, mein einziges Glück harrt deiner Entscheidung!

Gib mir Hedwigs Hand, des angebetheten Fräuleins:

Dann wird überschwenglicher Lohn mir zu Theil, und ein Eidam

Steht dir dankbar bereit -- für dich zu sterben, entschlossen,

Tapferen Muth's im Feld', ein mächtiger Schirmer des Thrones,

Den du zierest, und Wenzeslav, dem Erzeugten, vererbest.

Hörst du mich nicht: dann fort an die fernsten Gränzen des Weltmeers;

Dann aus dem Leben fort, dann wähle dir treuere Diener!«

»Tod und Hölle!« so rief entrüstet der König, »wie ward mir

Heut das Geschick, Wahnsinnigen hier zum Spotte zu dienen?

O Verblendeter! Wie? so täuschest du frech und verwegen,

Meine Hoffnungen all', auf dich gegründet, und trotzest

Auf die erworbene Herrscherhuld? Du erkühnst dich um Ottgars

Tochter zu frei'n -- um Hedwig, nach welcher sich Könige sehnten?

Schwind' aus dem Glanz der Sonn', aufdämmernder Stern, und durchlaufe

Fern mit jenen die dunkele Bahn, die selber dir gleichen!

Ehren sollte des Königs Ruf dich am kommenden Morgen?

Sieh', ich schlage dich jetzt --

doch, wiss' es, Bube, zur Schmach nur:

Daß du gedenkest hinfort, wie frech du ihn eben gehöhnt hast!«

Rief's, von der Hüfte sich reißend das Schwert.

Er schlug mit der Kling' ihn,

Wüthend, über den Helm, und jagte hinüber zur Heersmacht,

Der er genaht, in des Morgenroths erglühendem Lichtstrahl.

Wallstein zog bei dem Schlag schon halb aus der Scheide das Eisen,

Hielt's so, fest umspannt, hinbrütend, die Augen zum Boden

Heftend, erblaßt, und starrete noch mit entsetzlichen Blicken

Lang' um sich her; dann stieß er das Eisen zurück, und verlor sich

Von dem Pfad seitab, in des Hains umschattendem Dunkel.

Sechster Gesang.

Sieh', im rosigen Duft versank die glühende Sonne

Hinter dem fernen Gebirg; die Nacht umschleierte ringsum

Schon die Gefild', als jetzo von Neuburg her an der Donau,

Czernin kühn vordrang mit tausend tapferen Böhmen,

Die er, unferne dem Bisamberg, in räumigen Fähren

Uebergesetzt, nach Waldrams Wink, des frechen Empörers.

Dort in verengender Schlucht, die am Fuße des Kahlen- und Leupold-

Berges ein Dörfchen birgt in gebüschumhüllender Bergschlucht,

Lagen die Böhmen im schlauen Versteck, sich Reiter von Oestreich

Rühmend, und hielten das Volk in den Hütten fest, nach des Krieges

Eisernem Brauch, daß kein Verräther dem Feinde zum Dienst sey.

Doch als jetzo der Mitternacht ersehneter Zeitraum

Nah' war, brachen sie auf, und schlichen am Ufer der Donau

Leise hinab, den Füchsen gleich, die so den Gehöften

Nah'n, aus den Ställen umher, raschwürgend, die Beute zu holen.

Als sie Nußdorf links, durch freundliche Traubengeländer

Wandernd, und d'rauf rechts Heiligenstadt, und Döbling erblickten,

Lenkten sie wieder behend zu dem lautaufrauschenden Strom ein,

Bis sie erreichten den Weidenhain unferne der Steinwehr,

Welche das Neuthor schirmt, und harrten, im Dickicht verborgen,

Dort des verheißenen Winks, durch List zu erringen die Festung.

Doch nun klirrten des Thors gewaltige Riegel, und Czernin

Wähnte: verrathen sey dem Feinde sein kühnes Beginnen.

Weniges sprach er nur: der Schweigende hieß er den Kriegern;

Aber das Wenige sprach er mit Kraft; so rief er auch jetzo:

»Männer, fasset das Schwert! Wir wollen dem Feinde das Leben

Theuer verkaufen im Handgemeng': ein schrecklicher Kampf sey's!«

Siehe, da ritt aus dem Thor, das aufflog, brausend ein Ritter

Näher, und jagte dem Haine vorbei. Ihm folgte der Knappe.

Hartmann, Wiens erlesener Hort, verließ mit dem Treuen

Eben die Mauern der Burg: er war's, der näher gesprengt kam.

Alsbald wäre der Feind ihm hier in den Rücken gefallen:

Ihn, der Rettung bedacht, zu erlegen zugleich mit dem Knappen;

Aber es schwang sich Marbod jetzt aus dem finsteren Luftraum,

Hastig an Czernins Seit', und hemmt' ihn mit täuschenden Worten:

»Czernin, halte die Krieger zurück, nicht siehst du den Feind hier,

Sondern die Freund', entsandt durch Rüdiger, daß sie im Rundgang

Zieh'n an der Vest' umher, und erforschen: ob nicht die Gegner

Euerer Macht, auflauernden Blicks, entgegen sich stellen?

Bald ist die Runde vollbracht, euch öffnet sich leise das Neuthor.«

Sagt' es, voll Hast; dann flog er dem Jünglinge nach, und begann so:

»Hartmann, kehre zurück! In dem Hinterhalte verborgen,

Lauert dir, mit Verräthern im Bund, der listige Feind auf.

Kehre durchs Schottenthor in die Burg, und beschirme die Festung,

Dir von dem Herrscher vertraut mit wichtigem Worte: gehorch' ihm!«

Aber der Eilende sprach: »Mich däucht, ein Höllengeflister

Hält von der Wallerfahrt mich zurück? Ich gehe, zu bethen

Auf dem Kahlenberg für die schwachaufathmende Mutter:

Ob nicht Gott sich erbarmt; mein Fleh'n die heilige Jungfrau --

Mutter auch sie! voll Huld, dem liebenden Sohn' an das Herz legt,

Und das erfüllte Gelübd' erringt der Mutter Genesung?«

Als er es rief, da gab er dem Pferde die Spornen, und brausend

Trug es ihn fort im Galopp' auf die Höh'n des umnachteten Berges.

Dort, zu dem Kloster gelangt, vertraut' er dem Knappen den Renner;

Zog an dem ehernen Pfortenring, und klingelte. Dreimal

Scholl in der einsamen Nacht, entlang den finsteren Kreuzgang

Hin, der Glocke Getön. Bald klirrte der eiserne Riegel,

Von dem Pförtner getrieben, im Schloß', und in schweigender Ehrfurcht

Ließ er den Ritter, der »Gelobt sey Jesus!« ihm rief, ein.

»Ewig!« gab er zurück', und verschloß die Thüre mit Sorgfalt:

Denn nicht war er ihm fremd; er kannte des Kaisers Erzeugten.

Aber er schritt entlang die weitgesonderten Zellen,

Die ein freundliches Gärtchen schied, die Reihe hinunter,

Bis zu dem Fenster des Bruders Ernst, und klopfte, nur halblaut

Rufend: »Vater, komm! Schon floh die zwölfte der Stunden,

Komm, und lese die Messe sogleich in der heiligen Halle,

Wo vor dem Kreuz-Bild schon unzählige Kranke genasen.

O, daß dein frommes Gebeth uns erflehte die liebende Mutter!«

»Jüngling!« so rief der Erwachende jetzt, »was treibest du rastlos

Durch die dunkele Nacht? Der Himmel erhöret das Flehen

Sterblicher mild bei Tag und Nacht, wenn solches der Seelen

Heil' entspricht: stell's heim, wie es kömmt, der ewigen Vorsicht.«

Sagt' es, erhob sich, und trat aus der nächtlichen Kammer.

Er schlief dort

Immer im härnen Gewand': um das Grab sein Lager zu tauschen

Jeglichen Augenblick, mit gottergebenem Herzen.

Schauer durchfuhr den Geist, der schnell dem Ritter gefolgt war,

Als er des Bruders bleiches Gesicht, und das Auge, voll Demuth

Stets zur Erde geheftet, ersah; die himmlische Weisheit

Klar an der Stirn' ihm las, und, vereint abtödtendem Bußsinn

Seelenfrieden und Ruh' in seinen erhelleten Zügen

Wahrnahm. Dennoch wagt' er es nicht, ihm zu folgen in Gottes

Heiligthum; nur entfernt und schüchtern sah er hinüber,

Als er dort vor dem Bild des Gekreuzigten, würdigbekleidet,

Stand in dem hellen Schein sechs strahlender Kerzen: sie ragten

Aus den silbernen Leuchtern, geteilt, vom Marmor-Altar auf;

Sah, wie ihm diente der Ritter selbst, auf die Kniee gesunken:

Jetzt ihm brachte das Buch, und er bethete; jetzo, die Gaben

Opfernd, Brot und Wein darreicht'; er Worte des Segens

Ueber sie sprach, dann auf zur Anbethung hob, und, in Demuth

Klopfend die Brust vorher, genoß: ein hehres Geheimniß

Feiernd. Er staunte noch mehr: wie dort der muthige Jüngling

Ganz in heiliger Gluth und in herzdurchschauernder Andacht

Aufgelös't, mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen

Bethete; auch den thränenden Blick von der Erde nicht aufhob,

Bis das Opfer vollbracht, und gestillt das sehnende Herz war.

Graunvoll stand ihm Odins[1] Altar vor den Augen, und Sclaven

Blutend darauf, die, im Kampf gefangen, als Opfer ihm büßten.

Ach, er preßte sie fest in die Fläche der Hände, nicht wagend,

Sie jetzt himmelempor zu dem furchtbarn Richter zu heben!

Doch schon führte der Mönch den Ritter zur Pforte hinüber,

Schüttelt' ihm traulich die Hand, und sagte beklommen zum Abschied:

»Gottes Friede mit dir! Vollbracht ist die heilige Handlung,

Wie du gewünscht. In dem Wink des Ewigen liegt die Genesung,

Liegt das Leben, der Tod, und seine Gerichte sind dunkel.

Laß nur walten die Huld: die hier Getrennten vereint sie

Jenseits wieder im Glück', im ewigen, wahren, und einen!«

Als er sich wandte, zu geh'n, da ergriff ihm Hartmann die Hand noch,

Drückte sie glühend an's Herz, und rief mit thauenden Wimpern:

»Ernst, nicht lebt dir der Vater mehr, nicht die Mutter:

zur Kriegszeit

Haben die grausamen Feind', unmenschlich vor Wuth, in der Kammer

Beid' erwürgt vor dir, dem scheuverkrochenen Knaben!

Nimmer wurdest du froh seitdem, und wohnst in des Klosters

Einsamer Zell'. Ach, komm, und sey mir ein Stab auf des Lebens

Dunkelem Pfad, mein Lehrer und Freund, und mit dankbarem Herzen

Will ich die Freundesliebe dir treu durch Liebe vergelten!«

Ernst fuhr, schaudernd, zusammen, und rief:

»Der Freundschaft erwähnst du?

Ja, mir ward ein Freund von treuem und redlichem Herzen;

Aber er wanderte fort, weit über das Meer, und nach Jahren

Schmerzlicher Trennung -- sieh', drei Schritte von hier, an der Mauer

Dort, erkannt' ich den Kehrenden schon: da zuckte der Blitzstrahl

Her aus dem Wettergewölk', und todt, und erstarrt in den Armen

Hielt ich ihn! Ach, nicht färbten sich mehr, und färben sich nimmer

Meine Wangen, vom Schrecken erbleicht, und entsetzlichem Jammer!

Laß mich im Frieden dahier. Geschürzt zur endlichen Wand'rung

Hab' ich mein Kleid, und ich halte den Stab bereit in der Rechten,

Wann, und wie es dem Himmel gefällt: du thue deßgleichen

Hartmann, eile hinab in die Burg: ich höre der Glocken

Stürmenden Ruf im Geschrei und Getös' lauttobender Menschen!«

Jener horchte, bestürzt; dann warf er sich schnell in den Sattel;

Spornte sein Roß, und flog, lautathmend, den Wällen entgegen.

Dort gebar einstweilen die Nacht entsetzliche Thaten.

Rüdigers horchendem Ohr' entging das warnende Wort nicht,

Das erst Hugo zuvor dem Kaiser vertraute. Die Sohlen

Fremder Männer gewahrete bald sein spähender Scharfblick

Unten im Felsengang, wo er häuft' in Menge die Waffen,

Und er sandte den Bothen sogleich an den König von Böhmen,

Daß er ihm eine die Macht. Den Schirmern der Veste zur Täuschung,

Wandt' er den Blick von dem Stubenthor nach dem stilleren Neuthor,

Wo nur selten erscholl der Fußtritt wandelnder Menschen,

Nie des rollenden Wagens Getös': nur jenen zum Frommen

Früher erbaut. Dort sah er das Werk der frechen Empörung

Schon gelungen, und harrete nur der verheißenen Hülfsschar.

Jetzt erscholl die Glock' aus den Fenstern des ragenden Kirchthurms,

Zwölfmal dumpferdrönend dem Schlag des gewichtigen Hammers,

Und ummurrend lang' in dem leis'entschlummerten Luftraum.

Alsbald regten im Weidenhain sich die Krieger aus Böhmen --

Traten, in Eisen gehüllt, und mit schneidenden Lanzen bewaffnet,

Aus den Häusern hervor die Verschworenen (siebenmal hundert

An der Zahl) und entlang den Tiefengraben zum Neuthor

Standen die frechen geschart, des Wink's von Rüdiger Waldram

Harrend. Er zögerte nicht, und kam, und sprach zu dem Amtner:

»Günther, muthig an's Werk! Mit Hundert deiner Erwählten

Hin zu der Burg: dort stoßt mit würgender Rechte die Wachen

Nieder, und wahret das Thor an der Kaiserstiege mit Sorgfalt!

Hundert send' ich sogleich in die Runde mit tapferen Führern,

Die auf den Wällen erwürgen die Huth. Ist solches geschehen,

Dann ertöne Geschrei; dann reißt an den Strängen; der Glocken

Sturmruf schalle; das Schlangenhaar aufsträubend, die Augen

Drehend vor blutiger Gier, und schwingend die flammende Fackel,

Tobe der Aufruhr fort in den Straßen, und brülle die Menschen

Wach aus dem Schlaf' zum Kampf g'en Rudolphs bebende Söldner!

Ottgars harren wir dann: bald kömmt er, und wird ihn zermalmen;

Doch, so er siegt'? -- ein Unterpfand ist unser: die Mutter,

Und die Töchter zugleich: denn Hartmann eilte von hinnen,

Das euch sichere Bürgschaft sey ersehnter Verzeihung.

Nur mir werde sie nicht. Ha, lieber zum eisigen Nordpol

Will ich, ein Bettler zieh'n, als Rudolphs Zepter gehorchen!

Kommt; viel lieber den Tod, als solch' unwürdiges Leben!«

Rief's, empört, und alsbald eileten jene dem Amtner

Nach. So wäre die Huth auf den ragenden Mauern erlegen;

Doch auf dem Rasenwall an der Burg, wo im Süden des Schneebergs

Heitere Stirn' der Wandelnde stets mit Freuden gewahret:

Da er ihm so viel sonn'erhellete Tage vorhersagt,

Ging, gemessenen Schritts, Bertrand, der tapfere Schweizer,

Hüthend umher. Als jetzt zum zwölften Mal von dem Kirchthurm

Dumpf die Glock' ausklang, von dem eisernen Hammer geschlagen,

Sieh', da stand er erstarrt! Ein Schrei -- doch schrecklich zu hören,

Scholl ihm vom Mund; sein Haar aufsträubte sich; laut, wie im Fieber,

Klapperten ihm die Zähn'. Er sah zwölf Schattengestalten:

Häßliche Weiber der Stimm', und wankende Greise dem Gang' nach,

Kommen, in Leichentücher gehüllt, todbleich und den Nacken

Altersschwer gebeugt: die _Klag'_ genannt von dem Volk dort,

Welche, vereint (sechs hie, und drüben so viel') auf der Schulter

Trugen die Bahre heran, und stöhneten. Aber sie zogen,

Sein nicht achtend, vorbei; dann fort, an der Mauer der Hofburg

Steilrecht schwebend empor -- fort über das Dach, und verschwanden

Fern in der finsteren Luft mit kläglichem, leisem Gewimmer.

Weiber, so sagt sich das Volk mit schaudernder Angst in die Ohren,

Die auf der irdischen Bahn sich unnennbarem Frevel ergaben,

Gingen im mitternächtlichen Zug einher auf dem Erdkreis;

Klagten, und ächzten, und trügen die Bahr' an der Kammer vorüber,

Wo, zumal bei den Fürsten des Volks -- bei den Mächtigen, Hohen,

Bald anklopfet der Tod: sie sterben, und Weinen erschallet.

Jetzt vernahmen den Schrei die Gefährten des Kriegers. Sie blößten

Hurtig das Schwert; erkletterten schnell die ragende Mauer;

Schrie'n von fern: »Wer da?« und fragten zugleich um die Losung.

Zwar nicht kam aus dem Mund des Kriegers das heimliche Wort jetzt:

Denn noch stand er verstört, und zitterte; aber sein Hauptmann

Sah die nahende Schar bewaffneter Bürger: ihm ahnte

Schnöder Verrath. Alsbald erhob er die mächtige Stimme;

Schrie an die Nachbarhuth, und diese der nächsten, und nächsten

So, daß der Lärmruf rings umtönte die Veste: den Kriegern

Nun zum Glück' erregt von dem angstergriffenen Mann dort.

Als der Ueberfall dem Hort der empöreten Bürger,

Günther, mißlang: da mahnt' er sogleich die Seinen zur Rückkehr,

Sich mit Rüdiger Waldrams Macht zu vereinen am Neuthor.

Schon begann er den Kampf. In des weitgewölbeten Thorwegs

Mauern sah er die Stub' erhellt, und die Krieger entschlummert.

Nur die Wach' allein ging inner dem Thore den gleichen,

Ernstgemessenen Schritt herauf und hinab. An die Schulter

Hatt' er die Lanze gelehnt, und summte zuweilen ein Liedchen.

Schnell, wie der Blitz, flog Rüdiger vor, und setzte dem Krieger,

Dräuend, das Schwert auf die Brust, so er schrie,

ihn zu tödten, entschlossen.

Ach, an dem Zürcher-See ließ Wolf in der reinlichen Hütte

Gattinn und Söhnchen zurück: denn kaum entschwand ihm ein Jahr erst

Glücklicher Ehe, als ihn zu den Waffen der tapfere Herzog,

Albrecht, rief! Er sann, des Kind's und der Gattinn gedenkend,

Einen Augenblick; dann dacht' er der Pflicht und der Rettung

Seiner Gefährten: er schrie -- der edelmüthige Krieger

Schrie, und sank, von Rüdigers Schwert durchbohrt, auf den Sand hin.

Wildes Getümmel erscholl. Hervor aus der dämmernden Wachtstub'

Stürmten Wolfs Gefährten, voll Hast, und Rüdiger Waldram

Hob das blutige Schwert mit gellendem Ruf in die Luft auf.

Alsbald trafen sich, im Gemeng, die empöreten Bürger

Und die Krieger zugleich. Wie Nachts von der eichenen Tenne

Lautes Gepolter erschallt, wenn emsige Löhner des Weizens

Goldene Frucht entdreschen dem Halm: so tönte der Waffen

Hämmernder Schlag von dem Schild' und dem Helm der kämpfenden Männer.

Nur Gestöhne der Wuth erscholl in den Hallen, und Blut floß

Rings in Strömen umher. Die Krieger des Kampfes geübter,

Würgten die größere Zahl; doch so, wie die Stier' auf dem Schauplatz

Von unzähligen Rüden umstürmt, mit furchtbaren Hörnern

Manchen der Feinde, durchbohrt, hinstrecken, und wüthend sich wehren,

Bis sie zuletzt erliegen der stets ergrimmteren Mehrzahl:

Also, nach tapferer Gegenwehr, erlag an dem Neuthor,

Ueberwältigt, die Huth von fünfzig tapferen Kriegern.

Ha, da flogen sogleich des Thors gewaltige Flügel,

Heulend, auf eisernen Angeln entzwei! Mit traulichem Handschlag,

Grüßte die böhmische Schar, die draußen, mit steigender Kampfgier,

Harrete, hier das verbündete Volk, und stürzte, dem Mühlbach

Gleich, der schäumender Hast, durch weiteröffnete Schleußen

Wild herrauscht, in die Stadt, und Rüdiger jauchzete laut auf:

»Eilt zum Kampf, Gefährten des Siegs! Schon seh' ich erfüllet,

Was wir sehnlich gehofft: den Sturz des verhaßten Geschlechtes.

Unser die Stadt, das Volk empört. Auf, laßt uns die Söldner

All' erwürgen im Schlaf, die jetzt auch des Führers beraubt sind --

Hartmanns: denn er floh, feig bebend, zuvor aus der Festung!

Schließet die Flügel sogleich des festeinfugenden Thores,

Und erweckt die Bewohner der Stadt zum Kampf der Errettung.«

Czernin jubelte nicht. »Fürwahr,« so sprach er bedeutsam,

»Viel ist gescheh'n, und mehr, als die Hoffnung verhieß zum Beginne:

Nahe der Kaiserburg erblitzen die böhmischen Waffen;

Aber ich scheue des Glücks und des leicht zu bethörenden Volkes

Wankelmuth! Gar mächtig bewegt des herrschenden Stammes

Fromme Liebe die Brust: der Zauber, welchem die Herzen

Huldigen, kalt vom Erob'rer gekehrt -- nicht selten auf immer.

Zwar verheißt uns die Schreckensnacht in dem Kampfe den Vortheil;

Doch uns bleibe dieß Thor. Des Rückzugs denke der Feldherr

Auch in dem Sieg, sonst gleitet sein Fuß auf schlüpfrigem Pfad' aus.«

Sagt' es, und ließ an dem Thor zweihundert tapfere Krieger,

Sorgend, zurück: Bolest, dem Amtner, die Kühnen vertrauend,

Der, in dem Felde bewährt, mit festausdauerndem Kampfmuth

Schirmer ihm sey, und dereinst, so es also des Krieges Geschick will,

Seinem Volk' es eröffne zur heißersehneten Rettung.

D'rauf vordrang er zugleich mit Rüdigers jauchzenden Scharen:

Denn schon hob aus der Stadt unendlicher Lärm und Getümmel

Sich in die Luft. Von den Thürmen umher ertönten die Glocken

Stürmenden Rufs; unzählige Feuer, mit hastigen Händen,

Rings auf den Zinnen entflammt, erleuchteten schrecklich die Umwelt,

Und Gebrülle der Wuth, unsinniger, frecher Empörung,

Scholl die drönenden Straßen hinab. Da fuhren die Mütter

Auf aus dem ruhigen Schlaf', und stürzten herbei an das Fenster,

Weinten, und rangen die Händ', umschart von heulenden Kindern.

Zitternd stand der Greis an der Thür: sein silbernes Haupthaar

Schlug ihm der Wind um die Stirn' und die toderblasseten Wangen --

Sah den eilenden Sohn, und schrie, daß er kehre, vergeblich.

Aber es mehrte die Schar der Verblendeten weniges Volk nur,

Das, unstät und heimathlos, in die Veste gekommen

Ehedem: treu verharrt' in der Pflicht die bessere Mehrzahl.

Doch schon trafen, voll Wuth, die Empörer und ihre Genossen

Auf das muthige Schweizervolk, das kühn im Verein stand.

»Hartmann!« scholl's in der Burg, und »Hartmann!« rings in den Straßen

Aengstlich und laut -- umsonst: er weilte noch fern auf den Berghöh'n.

Da gedachten der Gegenwehr die Obersten: Arnold,

Flüe, und Hohenried, und stellten die Scharen im Halbmond,

Der sein Horn hier rechts, dort links in die Straßen hinausschob,

Gegen den wildempöreten Feind, vor der ragenden Burg auf:

Also vor ihr in dem Kampf, pflichttreu, zu sterben entschlossen.

Rüdiger stürmt' auf Hohenried, der vorne die Scharen

Ordnete, los, und schrie: »Dich, Rudolphs treuen Gesellen,

Will ich allen zuvor, als heulenden Bothen, zur Hölle

Senden: verkünd' es nur dort, daß sie folgen,

und keiner entrinnt mehr!«

Rief's, vorschreitend, und jener begann: »Gewaltiger Prahler,

Wärst du so tapfer, als frech mit der tönenden Zunge: mir würde,

Trau'n, erbangen die Brust; doch komm, und büße den Frevel,

Den du verübst g'en Treu', und Pflicht, und den heiligen Eidschwur!«

So wortwechselten sie in dem Augenblick der Entscheidung.

Allen zuvor kam Hohenried, den blinkenden Degen

Schwingend, und drang grad' aus auf Rüdigers pochende Brust ein.

Aber er hielt ihm entgegen den Leun, von Silber gestaltet,

(Ottgars Löwen zum Ruhm') auf dem Schild von mächtiger Wölbung:

Dieser wehrte dem Stoß', und der sprödere Stahl, auf des Leu'n Haupt

Treffend, brach, wie unbeugsames Glas, mit kreischendem Mißlaut

Mitten entzwei. Da stieß, in des Gegners erschütterndem Unfall

Kühner geworden, ihm Waldram schnell die Spitze des Degens

Durch die erhobene Hand, daß ihr auch das umklammerte Heft noch,

Blutumhüllt, entsank -- er wehrlos stand vor dem Gegner.

Sieh', er hätt' ihn durchbohrt: doch rissen hurtige Krieger

Ihn aus umdrängender Todesnoth, und führten ihn sorglich

Hinter die Reih'n, wo ihm Hülf' und erquickende Pflege zu Theil ward.

Waldram schrie: »Getreue, nun vor! Des Führers beraubet,

Wanken die Feinde. Hinauf in die Burg, wo, sehnend, die Gattinn

Rudolphs harrt mit den Töchtern des Siegs und der fröhlichen Heimkehr

Ihres Gemahls. Vergeblich harre sie. Eilt, und geleitet

Sie in das Kloster Sanct Dorothe'; doch führet sie sanft hin:

Denn sie that uns kein Leid, und nah't, abzehrend, dem Grab schon.

Nur dem Herrscher allein, der seither Kaiser sich nannte,

Zeiget euch unversöhnlich, und schont ihn selbst in dem Tod nicht!«

Also rasete Waldram hier. Die frechen Empörer

Griffen wüthender an, und drängten die mittlere Kriegsschar,

Ihres Gebiethers beraubt, stets weiter zurück in den Burghof.

Czernin spornte sein Roß nun links, nun rechts, und entflammte

Laut mit Geschrei sein Volk, in die Feinde zu stürmen. Es kämpften

Flüe dahier, und Arnold dort, voll eisernen Muthes,

Gegen ihn an, und zu schwach, der Menge die Spitze zu biethen,

Zog sich Flüe, im schräggedehneten Zuge, vom rechten

Eilig zum linken Horn, um, vereint dem kühnen Gefährten,

Arnold, dort zu steh'n, und zu fallen im rühmlichen Kampf nur.

Dichtgedrängt in Reih'n, vorhielten die Schweizer die Lanzen

Hier dem stürmenden, reisigen Volk; die verwundeten Rosse

Wütheten -- d'rauf noch mehr mit dem würgenden Eisen die Reiter

So, daß das Blut aufwogt', und die starrenden Leichen bewegte:

Dennoch wichen nicht hier, nicht dort die erbitterten Gegner.

Doch von dem Kahlenberg, voreilend dem fürstlichen Jüngling,

Nahete Marbod erst, und sah mit Schrecken des Kaisers

Schirmende Burg von der Macht des argen Verräthers gefährdet.

Nicht besann er sich lang', und eilte hinaus nach dem Tabor,

Wo der Kaiser im Zelt sanft schlummerte, mitten im Lager

Seines erlesenen Heers. Dort fand er auch nahe das Schlafzelt

Hugo's, den er erst gestern warnt'. Ihn dacht' er zu wecken,

Senkte den Flug rasch hin, und begann im Geistergelispel:

»Auf, erhebe dich, Greis! Bald schaust du die Flamme des Aufruhrs

Leuchten heran von den Thürmen der Stadt, und hörest von dorther

Stürmenden Glocken-Klang und Gebrüll empörter Gesellen.

Wie, so schnell vergaßest du nun des warnenden Traumes:

Lachtest wohl fein? Auf, säume nicht hier zu erwecken den Herrscher!«

Eben rief auch die Vorhuth schon an dem Rande des Lagers

All' das entschlummerte Volk stets lärmender auf zu den Waffen.

Aber der Greis erhob sich, voll Hast, und sah in der Wahrheit

Jenes erfüllt, was ach, nur ein Traum noch gestern ihn dünkte!

Eilig trat er sofort zu dem Herrscher, und sagte beklommen:

»Herr! unglaublich erschien dir vielleicht des träumenden Greises

Warnung? Tritt vor das Zelt, und vernimm mit Staunen des Aufruhrs

Wuthgeschrei in der Stadt, empört durch Rüdiger Waldram.

Willst du's, Herr, so eil' ich mit reisigem Volk vor das Burgthor,

Einlaß heischend, und dämpfe die Gluth, eh' ihr Flammen entfahren!«

»Nein, ich fürchte sie nicht,« so entgegnete jener, »den Auswurf

Meines Volks empörte der Rasende nur, und die Bessern

Hängen noch redlich an mir. Und wie, ist mein tapferer Sohn nicht

Wiens Besatzung ein schirmender Hort? Sind Mutter und Schwestern

Ihm nicht ein heiliges Pfand, und es wagten die frechen Empörer,

Ungestraft, mit frevelnder Hand an die Theuern zu tasten?

Hundert Reiter allein genügen mir, sie zu vernichten.

Komm, wir zertreten die Gluth gar leicht im niedrigen Staub noch:

Denn ich bau' auf die Hülfe des Herrn und die Liebe des Volkes.«

Heiter schwang er sich jetzt auf das Roß, und flog mit dem Helden

Hugo, im sicher'n Geleit erlesener Reiter zur Stadt hin;

Dann an dem Walle herum, bis er endlich des finsteren Burgthors

Graben ersah. Dort hemmt' er das Roß, und winkt': ein Drometer

Stieß in das schmetternde Rohr, und sieh', bald riefen die Krieger,

Kletternd herauf an dem Wall': »Ist's Hartmann, unser Gebiether?

Kommt er, ein Retter, heran in der Stund' entsetzlicher Nothwehr?

Laßt uns vernehmen des Freundes Ruf, und wir senken das Fallthor!«

»Gott, und das Vaterland!« so gab mit gewaltiger Stimme

Hugo zurück, »ist Freundesruf in dem Lager von Oestreich:

Aber nicht Hartmann -- nein, den Kaiser gewahrt ihr als Retter!«

Laut erhob sich ihr Jubelgeschrei; doch näher und nähere

Scholl von der Roß-Au her, wo sonst die Rosse der Krieger

Weideten, schon das Getrab und das Klirren des Waffengeschmeides

Auf in der Nacht. Ach, Hartmann war's! Ihn erkannte der Vater --

Ihn, den Vater, der Sohn. Verwirrung, Angst und Entsetzen

Faßten wechselnd ihn an; nur leis' und furchtsam begann er:

»Vater, ich ging, auf dem heiligen Berg für die Mutter zu bethen,

Wie ich es jüngst verhieß der Flehenden: denn nicht entfernt mehr

Scheint ihr des Lebens Ziel; doch ach, entsetzlichen Frevel

Seh' ich indessen verübt von den Meuterern hier, in dem Zeitraum

Einer entflohenen Stund'! Ich räch' ihn, und sollt' ich auch fallen.«

Aber der Vater schwieg. Erschütternd zu schau'n, wie er vor sich

Hinsah, schweigend und ernst. Da flog der unglückliche Jüngling

Ueber das Thor, das erst mit Getös', auf den Graben gesenkt, fiel,

Durch die finsterumwölbende Halle hinaus auf des Burghofs

Räumigen Platz. Er sah, wie auf Leichen erschlagener Brüder,

Rüdiger Waldrams siegender Macht, ein tapferes Häuflein

Muthig entgegenrang, der jetzt, Entsetzliches sinnend,

Ueber die Stufen hinauf in die Kammer zu dringen gedachte,

Wo die Fürstinn sich fand mit den lieblichen Töchtern: entschlossen,

Sie mit frevelnder Hand in des Klosters Gewahrsam zu bringen:

Denn er wähnt' errungen die Burg, und dem böhmischen Löwen

Unterthan die Stadt mit Oestreichs herrlichen Fluren.

»Halt, Verruchter!« so rief, aus dem Sattel gestiegen, ihm Hartmann

Donnernd zu. Er entblößte das Schwert, und kam wie ein Rohrwolf,

Der in des Winters Frost, vom Hunger getrieben, voll Blutgier,

Ein in die nächtlichen Hürden stürmt, und die blöckenden Lämmer

Würgt mit zerfleischendem Zahn: so kam er in Eile gesprungen.

Flammen sprühte sein Aug', und aus seiner erhobenen Rechten

Zuckte der Blitz gen Waldram hin; doch als er ihm nahte,

Wandte sich dieser, und rief: »Ha, du, Verhaßter vor Allen;

Jetzo nur muthig heran: euch all' entsend' ich zur Hölle!«

Flog, so rufend, ergrimmt, dem Feind' entgegen, und strebte,

Stöhnend vor Hast, das Schwert in die tapfere Brust ihm zu stoßen;

Aber er schlug, vorschauenden Blicks, den nahenden Mordstahl

Seitwärts; führte den Todesstreich; zerschmetterte Waldrams

Helmdach tief in die Stirne hinab, und warf ihn entseelt hin.

Doch nicht rastet' er noch: er saß blitzschnell in dem Sattel

Wieder: erhob das blutige Schwert; ritt glühend vor Mordgier

Mitten hinein in die Schar der Empörer, und wüthete links, rechts

Dort mit würgender Faust, daß Leichen auf Leichen sich häuften.

Ihres Gebiethers beraubt, und entmuthiget, warfen die andern,

Schnell die Waffen von sich, und floh'n, im Verborgenen Rettung

Suchend, davon. Die Burg ward frei durch den tapferen Jüngling.

Czernin drängte zuvor die hauptverwaiseten Scharen

Arnolds: ihm wichen die Krieger nur Schritt für Schritt

in dem Wuthkampf,

Bis zu dem Schottenthore hinab. Sie schlossen sich eng' an

Dort vor dem Gotteshaus', und wehrten sich: alle für Einen,

Einer für alle zu sterben bereit, im rühmlichen Tod nur.

Keiner wär' ihm entfloh'n, wenn jetzo nicht, keuchend im Eilflug,

Näher der Reisige kam, und schrie: »Erschlagen ist Waldram:

Denket der Flucht! Er fiel in dem Kampf mit des Kaisers Erzeugtem;

Aber er selber, so jubelt das Volk, hält draußen am Burgthor.«

»Freunde,« so rief ihr Hort den Reisigen, »Rüdiger Waldram

Hat uns schnöde getäuscht; nicht des Kampfes Gefahren -- der Festung

Leichten Besitz verhieß er uns jüngst, da er stolz sich des Antheils

Aller Bewohner vermaß! Mit Recht wohl büßt' er den Frevel.

Unser, zum Glück, das Thor: nun laßt uns gedenken der Rückkehr!«

Rief's, und den Tiefengraben entlang, zu dem stilleren Neuthor

Jagt' er das Roß: ihm nach die Reisigen alle. Die Flügel

Theilten sich heulend entzwei, und nicht rastet' er, bis er die Fähren

Wieder ersah an dem Ufer der weithinrollenden Donau.

Doch nicht füllte den Raum der schwankenden jetzo die Last mehr,

Wie zuvor: erwürgt in den Straßen der mächtigen Festung

Lag die Hälfte des reisigen Volks, das gestern herankam.

Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3) · 第 4 / 10 题