SÄMMTLICHE WERKE.

Neue durchaus verbesserte Ausgabe.

Zweiter Band.

Stuttgart und Tübingen.

_J. G. Cotta'scher Verlag._

1855.

Buchdruckerei der J. G. _Cotta_'schen Buchhandlung in Stuttgart

und Augsburg.

Rudolph von Habsburg.

Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.

=Inhalt der zwölf Gesänge.=

=Erster Gesang.=

Eingang. Drahomira entfährt der Hölle, sich an Ottgar zu rächen. Er

lagert vor Dürnkrut. Aufzählung der böhmischen Völker. Ottgar im

Kriegsrath mit seinen Feldherrn. Kunegunde, von Drahomira empört,

erfüllt ihn mit unversöhnlicher Rachgier. Meinhard von Görz, und

Lichtenstein, die Gesandten Rudolphs, kommen, ihm Frieden zu biethen,

und zugleich, als sie ihn zum Turniere laden, um die Hand seiner Tochter

für Rudolphs Sohn zu frei'n. Wallstein, Ottgars Liebling, trägt

heimliche Liebe zu ihr. Ottgar entläßt die Gesandten mit zweifelhaften

Worten. Beschließt den Kampf. Gesichte der Zukunft.

=Zweiter Gesang.=

Rudolph zieht seinem Sohn Albrecht bis Lilienfeld entgegen. Besteigt die

Alpenhöhen, wo ein frommer Klausner ihm seines Hauses künftige Größe

verkündet. Schlägt Müller, den Zürcher, zum Ritter. Sonnenaufgang, und

herrliche Aussicht. Albrecht nah't von Zell heran, und stellt dem

Kehrenden die Schweizer- und die schwäbischen Scharen vor. Er zieht mit

ihnen g'en Wien. Hedwig.

=Dritter Gesang.=

Marbod, einst König der Markmannen, und ein jetzt dem Kaiser gewogener

Geist, eröffnet dem Feldherrn Hugo von Tauffers, in einem Traum, den

Verrath, den Waldram, Bürgermeister zu Wien, an dem Kaiser sinnt.

Rudolph kommt mit seinen Scharen heran, und nimmt an der Wien von seiner

Gemahlinn Abschied. Sendet Hugo von Tauffers an den König der Ungern,

Ladislav. Ernennt an dessen Stelle seinen Sohn, Hartman, zum

Festungsgebiether, und eilt in das Lager am Tabor. Aufzählung seiner

Völker. Hugo von Tauffers im Lager der Kumanier und Ungern. Diese setzen

die March herüber.

=Vierter Gesang.=

Morgen. Turnier am Tabor. Von Drahomira erregt, höhnt Wallstein Hartman,

Rudolphs Sohn; kommt unerkannt in schwarzer Rüstung Ottgar heran;

widersteht ihrer Einflüsterung, den Kaiser zu morden; ersticht Hartmans

Roß; wirft den Fehdehandschuh Rudolph, zum Kampf auf Tod und Leben, hin,

und entflieht im schrecklichen Donnergewitter.

=Fünfter Gesang.=

Ottgar gebiethet in der Nacht dem Heere den Aufbruch, dem er mit

schwachem Geleit folgt. Aus dem Hinterhalt fallen ihn die Kumanier an.

Er schlägt sich mit Wallstein durch. Milota führt ihn auf Irrwegen von

dem Heer ab, und quält ihn mit Rückerinnerungen verübter Frevelthaten.

Von Drahomira bethört, hält Wallstein um die Hand seiner Tochter an. Er

mißhandelt ihn.

=Sechster Gesang.=

Czernin dringt, mit Waldram verstanden, in der Mitternachtsstunde, an

der Spitze einer Schar Böhmen in die Veste Wien ein, als Hartman eben

wegen der schwerkranken Mutter sich nach dem Kahlenberg begab. Ihm, und

den Aufrührern, setzen sich die Schweizer standhaft entgegen. Der Kaiser

zieht, auf Marbods Wink, mit Hugo von Tauffers vor die Thore. Hartman

sprengt herbei, und tödtet Waldram; worauf die Böhmen sich eilig wieder

über die Donau zurückzieh'n. Hugo abermals zum Festungsgebiether

ernannt. Tod der Kaiserinn. Todtenfeier und Begräbniß. Der Kaiser sendet

Albrecht nach Heunburg, eine Brücke über die Donau zu erbauen. Hartman

eilt nach dem Rhein fort.

=Siebenter Gesang.=

Der Kaiser setzt mit dem Heere bei Heunburg über die Donau, und rückt

g'en Marcheck vor. Wallstein, dem Wahnsinn nahe, tödtet einen seiner

Krieger. Der Kaiser entläßt ihn schonend. Kaduscha, ein Führer der

Kurmanier meldet ihm die Nähe des Königs, und die Sendung des Geschenks

mit den Köpfen der, im nächtlichen Ueberfall, getödteten Böhmen. Der

Kaiser sendet Schwarzenberg dem König entgegen, und heißt ihn, jene

begraben zu lassen. Die Geister: Marbod und Inguiomar auf Rudolphs, und

Katwald auf Ottgars Seite. Zusammenkunft Rudolphs mit dem König

Ladislav. Ottgar rückt mit dem Heer' an. Der Kaiser stellt seine Völker

in Schlachtordnung. Marbod treibt Schörlins Roß gegen die Böhmen. Der

Kampf beginnt. Ottgar tödtet in der Vorhuth zwei Trautmansdorfe.

Pfannberg wird verwundet. Die Steyrer weichen. Der Kaiser hält die

Flüchtenden vor Marcheck auf.

=Achter Gesang.=

Nacht. Von Drahomira verleitet, setzt Wallstein, mit kumanischen

Kriegern vereint, ein Städtchen in Mähren in Brand, und tödtet einige

böhmische Reiter. Kommt zu sich. Eilt in das Lager Rudolphs, und

erbiethet sich, Ottgarn heimlich zu tödten. Der Kaiser heißt ihn reuig

zu Jenem zurückkehren. Drahomira drängt ihn umsonst, den schlummernden

König zu morden. Er fällt in sein eigenes Schwert. Drahomira fährt zur

Hölle. Wallsteins Grab. Der Kaiser stellt in der Morgendämmerung sein

Heer in Schlachtordnung. Ottgar, in Gram versunken, säumt. Ernennt

Milota zum Anführer des Haupttreffens. Worauf die Meißner und Thüringer

von seinem Heer heimlich abziehen; so auch Kunring. Doch Ottgar

gebiethet den Angriff.

=Neunter Gesang.=

Morgen. Der Kaiser verschiebt die Hauptschlacht auf den folgenden Tag.

Sendet Trautmansdorf mit seinen Söhnen, es Ottgarn kund zu thun, und ihm

nochmals Frieden zu biethen. Dieser wird von ihm schnöde abgefertigt.

Von den feindlichen Reitern gehöhnt, kehren fünf seiner Söhne, kämpfen,

und fallen. Der Kaiser stellt sein Heer dem anstürmenden Feind, vor des

Lagers Wall, entgegen. Angriff, und hartnäckiger Kampf. Milota tödtet

die beiden Führer Berchtold und Col von Seldenhofen. Capellen entflammt

die Oestreicher. Die Mährer weichen. Katwald ermuntert den Herbot von

Füllenstein, daß er vor Allen auf den Kaiser eindringe. Meinhard, Graf

von Görz und Tyrol, ringt gegen die Bayern und Sachsen, und erlegt den

Feldherrn Czernin; Heunburg den Markgrafen Pfeil, Feldherrn der Sachsen.

Da dringt Herbot von Füllenstein auf den Kaiser los, und ersticht ihm

das Pferd unter dem Leib. Sechs Trautmansdorfe kämpfen um ihn herum, und

fallen. Der Kaiser reißt Herbot mit dem Speere von dem Pferd herunter,

und macht ihn gefangen. Heißt dort Albrecht mit den Schweizern

vordringen, hier Matthias von Trentschin mit den Ungern dem Feind' in

die Seite stürmen. Lobkowitz ruft Ottgar auf, daß er mit ganzer Macht

sich auf den Feind werfe. Er gibt ihm kein Gehör. Auf den Ruf »die

Feinde fliehen!« weichen seine Völker, und er führt sie bis Dürnkrut

zurück. Der Kaiser lagert vor Ebenthal. Nacht.

=Zehnter Gesang.=

Hartman ertrinkt in dem Rhein. Der Kaiser hält mit seinen Feldherrn erst

Kriegsrath; dann die Abendmahlzeit. Horneck der Sänger tritt ein, und

singt die fromme Handlung des Kaisers, als er dem Priester sein Roß

both. Entläßt die Feldherrn. Dem Entschlummerten erscheint sein Sohn

Hartman. Ottgars Abschied von Kunegunden.

=Eilfter Gesang.=

Morgen. Schlachtordnung der Böhmen. Der Kaiserlichen. Gottesdienst.

Vorbereitung zur Schlacht. Die Ritter buhlen um die Ehre, die Sturmfahne

zu tragen. Ottgar, von Katwald erregt, nah't mit seinem Heer. Hundert

Zürcher erhalten vom Kaiser den Ritterschlag. Trautmansdorfs letzter

Sohn fällt. Die Kumanier stürmen sonder Ordnung. Lobkowitz bringt sie

und die Steyrer, zum Weichen. Verstärkter Angriff. Die Kaiserlichen

allenthalben zurückgedrängt. Der Kaiser steigt vom Pferd, bethet zum

Himmel, und macht ein Gelübde. Ein Unsterblicher stärkt ihn, und heißt

die Geister entflieh'n. Erneuerter Kampf. Albrecht, sein Sohn, trägt ihm

die Kreuzesfahne vor. Nach schrecklichem Gewürg', wo, mit den Rittern,

die Schweizer und Schwaben entscheidend vordringen, weicht Ottgar auf

den Spannberg zurück. Heißt Milota mit dem Nachhalt vorgeh'n. Allein

dieser flieht, ihn höhnend, mit seinen Scharen vom Schlachtfeld. Letzter

mörderischer Kampf. Ottgar von den Merenbergern vom Pferde gestochen.

Sein zerstreutes Heer bis g'en Laa verfolgt.

=Zwölfter Gesang.=

Ottgars Leiche wird in der Nacht auf einen Trauerwagen gehoben. Hornecks

Klaggesang. Des Kaisers Einzug in Wien. Dankgebeth. Der Wagen mit

Ottgars Leiche nah't. Lobkowitz führt dessen Sohn Wenzel herbei, daß er

um selbe flehe. Der Kaiser entläßt sie. Endet seinen Siegeseinzug in die

Burg. Nimmt den König Ladislav, und Wenzel an Sohnes statt an, und

verheißt diesem seine jüngste Tochter Gutha. Belehnt seinen Sohn

Albrecht mit Oestreich, und zieht sich dann in das Trauergemach, wo die

Kaiserinn starb, zurück.

Erster Gesang.

Tön', o Heldengesang, von den schmetternden Kriegesdrometen

Wieder geweckt, von Rudolph nun, dem Kaiser der Deutschen,

Der obsiegend der Macht des Böhmenköniges, Ottgar,

Wahrte die Rechte des Reich's, und, kehrend vom blutigen Schlachtfeld,

Gründete Habsburgs Thron an den Ufern der mächtigen Donau,

Seinem Geschlechte zum Ruhm, und unzähligen Völkern zum Segen!

Wer empörte sofort, nach dem jüngsterrungenen Frieden,

Wieder die Fehd' und das Grau'n der menschenvertilgenden Feldschlacht?

Ein unseliger Geist, _Drahomira_.[1] Die Herrscherinn Böhmens

War sie, und noch ist ihr Nahme mit Schauder genannt in dem Land dort:

Denn Wratislav, dem christlichen Fürsten, vermählet als Heidinn,

Trug sie den Christen Haß in der schrecklichen Brust, und verfolgte

Sie mit Feuer und Schwert. Sie waffnete selbst den Erzeugten,

Boleslav, daß er Wenzel ermorde, den eigenen Bruder,

Weil er dem Heiland getreu, festhielt an dem heiligen Glauben,

Und verübt' auch sonst an dem Volk' entsetzliche Frevel:

Zaubergewaltig, ergeben dem Trug der Hölle -- der Schwarzkunst;

Bis urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie,

Lebend, verschlang. Noch jüngst ausspie der klaffende Felsen

Dort bald finsteren Rauch, bald bläuliche Flammen: denn oft kam

Noch in der Neumondsnacht (so heischt' es die Sag') ihr zu opfern,

Mancher, vom Wege des Heils Verirrter, dahin, und Verdammniß

Ward ihm zu Theil. D'rum hieß, als früher geweihetes Wasser

Sprengte der Priester umher, und stehende Worte zu Gott rief,

Ottgar füllen den Zauberschlund mit dem lastenden Felsblock

So, daß auf immer verhüllt die Spur des unseligen Raum's sey.

Unten im Höllenpfuhl, der außer des kreisenden Weltalls

Gränzen sich noch unendlich erstreckt, erhob Drahomira

Jetzt, verwundert, ihr Haupt, und sprach wuthfunkelnden Blickes:

»Ha! wie kommt es, daß heut der betäubende Rauch, und die Flamme,

Die ich genährt in dem Schlund',

in welchem ich schrecklichen Tod fand,

Qualmend herab sich wälzt, und keiner der Sterblichen seither,

Opfernd vor ihm, die Schar der Unseligen mehrt in dem Pfuhl hier?

Meister, ist dir's genehm, daß ich eile hinauf nach des Erdballs

Fluren, und forsche, wie solches gescheh'n? Bald öffnet Verführten

Wieder der Schlund sich weit; ich sende sie, dir zu Gefallen!«

Sagt' es, und blickte nach Satan hin, der, riesengestaltet

Saß auf dem glühenden Thron', und die furchtbarn Augen zum Boden

Heftete, so die unendliche Qual des zerrissenen Herzens

Durch empörenden Trotz und erheuchelte Ruhe zu bergen;

Aber umsonst: denn nimmer birgt er das innere Weh' mehr,

Das von der finsteren Stirn' und den zuckenden Wangen sich kund thut.

Nicht erhob er auch jetzt den Blick von dem Boden: er winkte

Nur mit dem Haupt, daß die Höll' erzitterte, jener den Beifall:

Alsbald fuhr sie in brausender Hast von dem schrecklichen Wohnsitz

All der Unseligen auf, und nahte dem Lande der Böhmen.

Kaltverachtenden Blicks gewahrte sie dort auf den Fluren

Reiches Gedeih'n, und rings die freundlichen Städt' und die Dörfer;

Aber vor allen, am Moldaustrom' erglänzend die Hauptstadt,

Praga, im lieblichen Reiz erst jüngstentfalteter Blüthen.

Sieh', und ein Pilger kam vom Gelobten-Lande gezogen,

Der vor Jahren die Heimath verließ! Er blickte mit Staunen

Lang' um sich her: da naht' ihm, lächelnd, ein Greis, und im Beiseyn

Jener Verworf'nen zugleich, die ihm leis' aufhorchte, begann er:

»Fremdling, suchst du den Mann, der hier ein Eden erschaffend,

Wie durch Wundergewalt das Leben der Menschen verschönt hat?

Nun ist er fern: denn wiss' es, der Held und erhabene König,

Ottgar, streute mit Liebe die Saat, und ihm reifte zum Segen

Wohlstand unter dem Volk' in des Landes erfreuender Schönheit.

Auch erlagen die Gegner ihm stets, und es kündiget allwärts

Seines Nahmens Unsterblichkeit der herrlichste Siegsruhm.

Dennoch hielt er so gern in der dunkelen Scheide das Eisen,

Frieden ersehnend, zurück, und entblößt' es auch jetzt, nur gezwungen,

Gegen des streitbarn Rudolphs Macht. Er wird sie für immer

Bändigen: denn er zog, gar furchtbargerüstet, zum Kampf' aus.

Ach, ihn drängte zum Friedensbruch Kunegunde, die Gattinn!

Grimmvoll ist ihr Gemüth, und ihr Herz verwildert durch Herrschsucht,

Die ihm das Böse vergilt, das er Margarethen, der frommen,[2]

Einst als Gatt' erwies! Dieß Eine verdunkelt den Hochglanz

Seines Ruhms: ihn lenket ein Weib, das, Böhmen zum Jammer,

Selbst Drahomiren gleich, der Unheilstifterinn, wüthet,

Die für den schnöden Gewinn: zu gebiethen des Himmels Gewittern;

Auf den Flügeln des Sturms einher zu fahren im Luftraum,

Oder unsichtbar Menschen zu nah'n -- zu schau'n, und zu horchen

Dort in dem traulichen Kreis' der Versammelten, und zu verderben

Alle, die auch mit lispelndem Laut, mit umschauendem Blick nur

Ihrer gedacht, und tadelnde Worte gesprochen: für solches

Hatt' einst diese verkauft die unsterbliche Seele der Hölle;

D'rauf noch Schuld gehäufet auf Schuld, bis schrecklicher Tod ihr

Macht und Leben entriß, und die Böse dem Bösen gesellte,

Als urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie,

Brausend, verschlang: zur Strafe der wildumtobenden Blutgier,

Frevelnden Götzendienst's, und schrecklicher Christenverfolgung.

Aus dem furchtbarn Schlund aufquoll noch in unseren Tagen

Finsterer Rauch; doch Ottgar barg ihn, den Menschen zur Rettung,

Die, vom Satan bethört, leichtgläubigen Sinnes, ihr nächtlich

Opferten, dort ihr Geschick in kommender Zeit, zu erfragen,

Oder sich trüglichen Glücks zu erfreu'n zu unendlichem Jammer.«

Sagt' es, und ging. Da flog, von der Schmähung empört, Drahomira

Ihm auf dem Heerweg nach, und haucht' ihm Gift in das Antlitz:

Alsbald stand er, erbleicht, und sank, vergehend, zusammen --

Lag, und stöhnte vor Schmerz, bis endlich der Zauber entfloh'n war.

Aber sie starrete jetzt, tiefsinnend, und sonder Bewegung

Wie der Aar, der erst die mächtigen Flügel geschlagen,

Regungslos hinschwebt in der bläulichen Luft, in des Schlundes

Grauen hinab. Das Aug' ihr rollete wild in den Kreisen;

Knisternd sträubt' ihr Rabenhaar sich empor von der Scheitel,

Und voll Grimms erzitterten ihr die Lippen; sie sagte:

»Ottgar, Fluch sey dir! Du vernichtest des felsigen Schlundes

Zaubergewalt, die Viele nach mir in's Verderben hinabriß?

Gläubig nahten ihm oft die Verblendeten, welche, des Schicksals

Dunkeln Pfad zu erkunden, auf ihm, des dräuenden Himmels

Warnung zum Trotz, der drückenden Last des Lebens entledigt,

Gerne für trügliches Erdenglück das ewige böthen.

Aber von diesem verbannt durch eisernrichtenden Machtspruch,

Sollt' ich den glühenden Durst nach Rache, durch Trug und Verblendung,

Ich nicht löschen am Volk, das, gläubig, der Täuschung sich hingab?

Trost ist's, wenn in der Brust der Unseligen solchem noch Raum blieb,

Mit in dem ähnlichen Jammergeschick die Gefährten zu sehen.

Wie, du entziehst, ein Thor, durch höhnenden Frevel auch die mir?

Ha, dir sey jetzt Rache geschworen! Nicht will ich mehr rasten,

Bis dein Heldenweib -- ihr werde der Thron und die Herrschaft,

Ja, sie herrsche nach dir, mir ähnlich an Kraft und Gesinnung,

Gegen den Feind dich reizt, und du in dem Kampfe, besiegt, fällst;

Also büße den Ruhm, der dir Drahomiren empörte.«

Und sie flog nun hin, wo im weitverbreiteten Marchfeld

Ottgars furchtbares Heer von Dürnkruts[3] Hügeln hinunter,

Lagerte, dort mit höllischer Lust ihm, verderbend, zu nahen.

Leise schwebte die Nacht auf den ringsverstummenden Erdkreis

Nieder. Aus Süden erbraus'te der Sturm, und jagte die Wolken

Auf an des Himmels Zelt. Sie rissen im eilenden Zug' oft

Weit entzwei: da blickte der volle Mond aus des Himmels

Bläue so düster herab, und die Stern', in Nebel sich hüllend,

Trauerten: denn ein Unhold naht' auf den Flügeln der Windsbraut.

Jetzt, wie die ragenden Wäll' und die Häuser der mächtigen Hauptstadt,

Meilenlang bedecken den Plan, und oben zum Bergrand

Aus der Tiefe herauf dem Wanderer, düsteren Schimmers

Glänzet der Lampen Schein in der Nacht, unzählig und endlos:

Also erschien ihr das Heer des Königes, das er erst gestern,

Nach der Eroberung Drosendorfs, des trotzenden Städtchens,

Am Gestade der March, auf Dürnkruts Fluren vereinte.

Bald erspähte sie dort in des Lagers Mitte, vor allen,

Ottgars hochgewölbetes Zelt, das schimmernde Leinwand

Außen umhüllte; von innen hing, zur Erde herunter,

Scharlachgeröthetes Tuch, verbramt mit goldenen Fransen.

Sieh', in dem grasumwucherten Raum', ihm zur Linken und Rechten,

Ragten die Zelt', erhöht, der Kunring', tapferer Ritter,

Die in dem Kreis' östreichischer Herrn, wie der Mond in der Sternflur,

Glänzten an ad'liger Macht und weitverbreitetem Eigen:

Denn Hadmar, und Leutold, die Zwillinge, haus'ten zu Dürnstein

Bald, und bald zu Weitra und Horn; in des rollenden Jahres

Monden wechselnd die Burg; doch immer in trauter Gemeinschaft:

Sonder Gattinn und Kind, des Waffengemenges sich freuend.

Aber mit feindlichem Sinn, von dem Kaiser gewendet, vereinten

Sie mit des Königs Panier jetzt zwanzig flatternde Fähnlein.

Jeglichem folgte die Zahl von fünfzig bepanzerten Reitern,

Die mit dem Schild' und dem Helme bewehrt, und der Lanze bewaffnet,

Feurige Rosse zum Kampf vortummelten, siegenden Muths voll.

D'rauf g'en Idungsbeug, auf dem sandumhülleten Blachfeld,

Welchen die schwellende Fluth der March seit Jahren gehäuft hat,

War des Fußvolks Macht, zehntausend tapferer Männer --

Waren die Reiter gestellt, an der Zahl zweitausend und fünfzig,

Die sich der König in Böhmen erlas, und mit trefflichen Waffen

So, wie jene, versah. Die muthigen, löwenbeherzten,

Lenkten die Rosse mit Kraft und Geschick, die, feurigen Blutes,

Wild umtobten im Kampf', und die Reihen der Feinde zerstampften.

Lobkowitz führte sie an, der ruhmgekrönete Feldherr.

Aber vor Ebenthal, der freundlichen Burg, an des Hügels

Abhang, lagerten sich des vielbevölkerten Mährens

Tapfere Söhn': an der Zahl achttausend erlesenes Fußvolk,

Die, mit dem Panzerhemd' und der eisernen Haube bewehret,

Führten im Kampfe den Speer und den breitgehämmerten Säbel.

Milota rief sie in's Feld, ein Ritter, der Ersten des Landes.

Sonst zur Freude gestimmt, als liebender Vater und Gatte,

Sah er des Lebens Blüthenjahr' und die reifere Mannszeit

Schwinden im Glück. Nur als ihm die zarteste Tochter, Ludwinen,

Sie mit täuschender Huld in den Schimmer des Hofes verlockend,

Ottgar schnöde verführt', und der Schmach die gefallene Preis gab:

Da verscheuchte der Menschenhaß und die brütende Rachgier

Jegliche Freude vor ihm. Nur Weniges sprach er, und das noch

Sprach er mit bitterem Hohn' und wildauflachendem Ingrimm;

Aber nicht mied er des Herrschers Näh', und harrte des Tages,

Der ihm den Durst nach Rach' einst kühlete schrecklich und furchtbar.

Dort dem König zur Linken, hinab sich dehnend bis Stillfried,

Stand Klein-Reussens Volk, das jüngst an den Ufern des Peltew,

Lembergs Mauern nicht fern, zu Fuß und zu Pferd sich vereinte:

Jenes, geübt, von der Armbrust, schnellvorschreitend im Schlachtfeld,

Mitten in Feindes Brust den schwirrenden Pfeil zu entsenden;

Dieses, im Waffengemeng' schnellfußige, hurtige Rosse

Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels:

Dann mit des Fußes Druck und dem Stoße der nervigen Rechten

Einzustürmen im sausenden Flug' in die feindlichen Reihen.

Beide, gleich an der Zahl, dreitausend tapfere Mannen,

Folgeten Herbot von Füllenstein, der riesengestaltet,

Ragte vor allen hervor in dem Heer', und rühmlich bekannt war

Ob des unbändigen Muths, und der ritterlichsiegenden Thatkraft.

Doch auch der Meißner kam und der Thüringer jüngst aus der Heimath,

Ottgars Recht zu verfechten im Kampf', als Bundesgenoß her!

Muth in der Brust, und Kraft in der Rechten, die Lanze zu schwingen

Brachten sie mit, und beiden geboth der tapfere Markgraf

Dietrich, Heinrichs Sohn, des Erleuchteten, mächtigen Ansehn's.

Jenen vereint, stand auch des korngesegneten Bayerns,

Also auch Sachsens Volk in dem Vorderzuge geordnet:

Gierig des Kampfs, und geübt, die tödlichen Lanzen zu schwingen.

Heinrichs schaltendem Wink, des Herzogs, folgten die Bayern;

Markgraf Pfeils die Sachsen mit Lust in die furchtbare Feldschlacht.

Gegen den Weidenbach, in des weitgedehneten Thalbrunns

Niederung hin, erhöht auf vierzig ragenden Schaften,

Flatterten hoch in der Luft, verschieden an Farb' und an Zeichen,

All des erlesenen Vorderzugs kampfdrohende Fähnlein.

Jeglichem waren gesellt fünfhundert tapfere Krieger,

Welche das Panzerhemd, und der Helm im Felde beschirmte.

Aber im Rücken des Heers, nicht ferne dem schimmernden Marchfluß,

War noch die Wagenburg, Feldzeug, und Geräthe des Lagers

Aufgehäuft, wie auch Mundvorrath für die dauernde Kriegszeit.

Also lagerten dort des Königs versammelte Scharen.

All' umhüllete jetzt der Schlaf mit bleiernem Fittig

Schon. Sie errangen zuvor, nach schrecklichem Kampfe, die Mauern

Drosendorfs, von dem Hohenberger, dem tapferen Feldherrn

Rudolphs, der sie mit Macht und entflammendem Muthe beschirmte.

Aber noch wacht' im Gezelt der König der Böhmen. Zum Kriegsrath

Rief er um Mitternacht die Feldherrn: denn von dem Kaiser

Waren die Friedensbothen zu ihm, in das Lager gesendet:

Meinhard, Graf von Tyrol, und Lichtenstein: in den Waffen

Beide berühmt. Nicht dacht' er zwar, den friedlichen Oehlzweig,

Den sein Gegner ihm both, mit versöhnlicher Rechten zu fassen:

Denn er sann nur blutigen Kampf, nur Tod, und Verderben

Ueber Rudolphs Haupt zu wälzen im Felde der Waffen;

Aber es sollte der Helden Verein, was er in dem Busen

Heimlich beschloß, nun künden mit lautentscheidendem Ausspruch.

Siehe, vor allen kam der Führer des reisigen Volkes,

Lobkowitz, ein gewaltiger Greis, deß' leuchtender Aarblick

Unter den buschigen Brau'n den Muth im Herzen verkündet,

Der auf die Waffenbahn ihn schon als blühenden Jüngling

Trieb, und das Herz ihm gewann des schlachtruhmdürstenden Königs!

Doch umwölkt war jetzt ihm die Stirne von inniger Trauer,

Und zur Erde geheftet sein Aug', da er dort vor dem Herrscher,

Schweigend, stand. Alsbald, obgleich von heimlichem Unmuth

Selber gebeugt, begann, mit erzwungenem Lächeln der König:

»Wahrlich, nicht wirst du den Feldherrn heut,

mit dem Gram in den Augen,

Muth einflößen im Rath! Hat dir das treffliche Streitroß,

Das zum Siege dich schon in zwanzig Schlachten getragen,

Und aus Feindes Gedräng' oft rettete, heute das Futter,

Aechzend, verschmäht, und du sorgest vielleicht

um den Liebling im Herzen?

Wie, verfehlte der Spürer im Wald des flüchtigen Rehbocks,

Oder des Hirsches Spur, mit dem sechzehnendigen Hauptschmuck?

Fasse dich, tapferer Greis! Bald wird der Braune genesen;

Bald erfreut uns der Fried', und du streckst in fröhlichen Stunden,

Draußen am Rasengrund der waldumränderten Hügel,

Wieder im Hörnerklang' und Gebell verfolgender Spürer

Raschanstürmendes Wild mit sausenden Lanzen zu Boden.

Denke des Worts: bald sind wir heimisch im Lande von Oestreich.«

»Herr,« sprach jener bewegt, »gewartet mit emsiger Sorgfalt

Wiehert das Roß, das mich in zwanzig Schlachten getragen,

Und aus dräuender Todesgefahr oft rettete, muthig

Drüben im Zelt! Nicht denk' ich des Weidwerks jetzt in den Tagen

Ernsten Kriegs, deß' Bild uns jenes, im sanfteren Frieden

Oft ergetzt, und die Kraft uns stählt in erhöhter Gesundheit.

Ja, du sprachst es im Scherz nur, o Herr! Doch dünkt es mich selber:

Nicht wohnt Heiterkeit dir in den tieferglühenden Augen.

Möge die dunkle Nacht verborgenen Strebens enthüllen

Jetzo der Wahrheit leuchtender Strahl! Zum wichtigen Kriegsrath

Riefst du die Feldherrn: denn die Friedensbothen des Kaisers

Harren der Antwort im fernen Gezelt. Des Friedens erwähnst du?

Heischest Rath, und ach, beschlossen im heimlichen Busen

Hast du den Krieg auf Leben und Tod! O, möchte des Friedens

Freundlicher Ruf den Haß aus deinem empöreten Herzen

Nun verscheuchen, und dir und dem Volk die Fülle des Segens

Schaffen hinfort! Erfüllt hast du mit unendlichem Kriegsruhm

Weithin die Erd' umher; allüberall preisen die Völker

Deine Weisheit und Kraft. Zieh' heim nach dem herrlichen Erbreich,

Das dir gehorcht -- nach Böhmen und Mähren: die trefflichsten Völker

Nährt es im blühenden Schooß. Dort lebe dem Glücke der Deinen,

Und unsterblicher Ruhm harrt dein, in der spätesten Zeit noch.

Hast du nicht jüngst mit Siegel und Schrift

und mit heiligem Eidschwur,

Oestreich, Kärnthen, und Krain, als Lehen, entsagt vor dem Kaiser

Selber, auf Glauben und Treu', und im Treubruch hoffst du zu siegen?

Bebe der That: schwer rächte den Bruch geschworenen Eides

Stets an den Sterblichen noch die ewigwaltende Vorsicht.«

Ottgar stand, erschüttert im Geist vor dem Schreckensgedanken;

Sprechen wollt' er schnell, und es bebten die Lippen ihm leis' nur.

Doch nun drang ihm das Wort aus den festgeklammerten Zähnen:

»Ha, sey nun, und auf immerhin, der Leib und die Seel' auch

Mit in dem Spiele gewagt! Nicht kann ich mehr weichen: die Gattinn --

Ja, das schreckliche Weib, hat mich zu dem Schritte gezwungen.

Da ist kein Rückgang mehr: ich folg', ein Opfer des Schicksals!«

»Wie,« so sprach, ihm freundlicher nahend, der Greis,

»um die Herrschaft

Stritten des Reiches Hort und der König von Böhmen; im Frieden

Schieden sie erst, und die rach'empörende Zunge der Gattinn

Drängte sie wieder zum Würgen zurück? Nicht mühen die Frau'n sich

Ab in dem Feld. Wenn wir erlagen, erkiesen sie wieder

Sich den neuen Gemahl, und erfreu'n sich im Kreise des Lebens;

Doch uns lass' das Wohl und das Wehe des Landes bedenken.

Ottgar, stolz und tapfergesinnt, gehorchte dem Weib' nun?«[4]

Also der Greis; doch, da er es sprach, entflammte des Königs

Niedergeheftetes Auge sich stets zu größerer Wuth noch.

Wie der Drache mit glühendem Blick von dem finsteren Felsschlund

Aufschaut, wenn ein Ruf ihn empört; dann zischend dem Eingang

Nah't, und, das Haupt zum Boden krümmend, den furchtbaren Rachen

Weit vorstreckt, den Feind zu verschlingen, begierig: so sah er

Jetzo dem Greis' in das Aug', und stöhnte vor heimlichem Ingrimm.

Endlich rief er, bewegt: »Halt ein! O tadle den Gatten

Nicht, der solchem Weibe gehorcht: Margarethen, der Frauen

Sanfteste, stieß ich von mir: da sandte der Rächer im Himmel

Mir Kunegunde. Sie hat, ja, bebe dem schrecklichen Wort nur,

Ueber mich Macht und Gewalt. Wie ein Geist des ewigen Abgrunds

Steht sie vor mir ... mich schrecken entsetzliche Träume. Verschließe

Das in der redlichen Brust. Sieh', hätt' ich auch tausend und tausend

Eide geschworen: umsonst! Nicht kann ich zurück in dem Kampf mehr

Weichen: ich muß ihn mit Habsburgs Leu'n nun enden für immer.«

Jetzo winkt' er dem Greis': denn, eilenden Schrittes, genahet

Waren die Feldherrn all', und einten sich ihm in dem Kriegsrath.

Neben ihm saß zur Rechten der Hort und Gebiether der Bayern,

Heinrich; zur Linken ihm Pfeil, der Markgraf; d'rauf um den Tisch her,

Der, nach Lagers Gebrauch, von niederen Bänken umstellt war,

Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Dietrich,

Herbot von Füllenstein, und die Kunring', tapfere Helden.

Doch von der Mitte herab des hochgespannten Gezeltes

Hing die flammende Lamp', endlos vom Oehle genähret,

Und erhellte den Tisch in des Zeltraums düsterem Schimmer.

Eben hatt' er die Helden begrüßt, und wollte beginnen:

Sieh', da scholl's von Hufen der Roß' in der nächtlichen Stille

Näher und näher, und jetzt absaßen die Reiter am Zeltthor.

Ottgar winkte sogleich dem blühenden Jünglinge, Wallstein,

Der ein Liebling ihm war, schon seit der zartesten Kindheit.

Alsbald eilt' er hinaus, und faßte vom niederen Gluthherd

Einen leuchtenden Span, den dort ein Krieger entflammte:

Schürend die Gluth, und häufend zugleich das harzige Kienholz.

Mächtiger flammte der Span, da ihn über dem Haupt in die Graunnacht

Wallstein hob, und schauete: wer die Versammelten störe?

Staunend, sah er die Königinn selbst, Kunegunde, sich schwingen

Aus dem Sattel, im Kreis' erlesenen Reitergefolges;

D'rauf durcheilte sie rasch den Zelteingang, und, den Vorhang

Schleudernd entzwei, schritt sie, mit stolzer Geberde, zum Sitz hin,

Den der Jüngling verließ, an der Seite des Königes selber.

Ueber ihr schwebte mit grimmerfülletem Blick Drahomira

Leise herein. Sie trieb die Königinn eilig von Drösing

Her in der dunkelen Nacht, daß sie erst durch schmähende Reden

Reize den Gatten, und dann entflamme zur Gier nach des Krieges

Schrecknissen, mehr denn je, in des Raths entscheidendem Zeitraum.

Wehe, sie forscht', auf Arges bedacht, im Kreise der Helden

Gierig herum, wie die Schlange verhüllt in dem laubigen Zweig lauscht:

Ob ein Vögelchen ihr zur Beute sich bieth'? -- und sie fand noch

Dort den Ersehneten nicht; doch, als der blühende Jüngling

Eintrat, dachte sie schnell dieß Herz zu berücken durch Ehrsucht,

Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher!

Als der König die Gattinn ersah, da erblaßten die Wangen

Ihm vor Zorn; doch schwieg er, und ließ die Stolze gewähren,

Auf daß keiner im Rath' ihn verachtete -- jeglicher dachte:

Jetzt erschiene sie hier, ersehnet von ihm, und gerufen.

Rasch war ihr Drahomira genaht: in dem Hauche des Unholds

Ward ihr Busen empört, und alsbald rief sie verhöhnend:

»Ha! welch' Wunder geschah? Schon heut erfreuen die Böhmen

Sich der Eroberung Drosendorfs, der mächtigen Festung,

Nach den Tagen unendlichen Müh'ns? O, schändliche Thorheit

War es: vor ihr die goldene Zeit zu vergeuden -- zu harren,

Bis der klügere Feind, noch arm an Kriegern und Waffen,

Sich verstärket', und euch des Eisens Spitze wohl biethet!

Schnell, mit würgender Hand euch bahnend den Weg in die Hauptstadt,

Mußtet ihr folgen der Stimme des Ruhms, und dem dringenden Aufruf

Rüdiger Waldrams[5] dort, des muthigen Meisters der Bürger,

Der nun bald, ein schmähliches Opfer, dem Feinde verrathen,

Fällt durch euere Schuld, durch eure Verblendung, und Feigheit.«

Siehe, da grins'te vor Lust Drahomira den Helden in's Antlitz;

Doch jetzt fuhren empor von dem Sitz die Versammelten alle;

Ballten die Faust vor Zorn, und wollten enteilen: nur einer,

Milota, regte sich nicht, und lächelt' unheimlich für sich hin.

»Faßt euch,« rief der König, bewegt, »die Königinn duldet

Schon seit jenem unseligen Tag, der uns, und die Völker

Böhmens beschimpft -- dem Tage der Huldigung,[6] nagenden Kummer

Und zerrüttendes Weh' in den Tiefen des Herzens. Ihr Helden,

Dessen gedenkt, und achtet den Schmerz des unglücklichen Weibes:

Denn nicht wägt er genau das raschverwundende Wort oft,

Das der Zung' entflieh't im Sturm der empörten Empfindung.

Aber vernehmt es, was ihr in der Stille der nächtlichen Stunden

Jetzo mit uns erwägen soll't nach euerer Weisheit:

Rudolph sandte zuvor zwei tapfere Ritter in's Lager

Her, uns dringender noch als jüngst, die Hand zur Versöhnung

Biethend. Erneuend sodann den Wunsch: durch unserer Kinder

Wechselheirath das Band der Freundschaft für immer zu gründen,

Ladet er uns g'en Wien, zu turnei'n; die Speere zum Scherz nur,

Nicht zum Ernst zu versuchen, und dann die ersehnte Verlobung

Durch ein gastlich Mahl zu feiern im schimmernden Prunksaal.

Solches verkündete heut' in geheim uns Rüdiger Waldram;

Aber zugleich: g'en Lilienfeld[7] hin ziehe der Kaiser

Albrecht, seinem Erzeugten, mit hundert Reitern entgegen,

Der in den schwäbischen Gau'n die Krieger ihm warb, und vom Aargau

Her die tapfersten führt, die ihm oft errangen den Lorber,

Altgedient, und versucht im Grau'n der eisernen Feldschlacht.

Soll mein Volk vorstürmen bis Wien, daß unser Vertrauter,

Waldram, ihm eröffne das Thor in der nächtlichen Stille,

Wie er es eben verhieß, mit den treuen Bürgern verstanden?

Ist's wohl räthlicher noch, mit Kunrings Reitergeschwadern

Ueberzusetzen in Fähren den Strom der mächtigen Donau,

Und aus dem Hinterhalt den Kaiser zu fah'n in der Waldschlucht,

Welche sich links und rechts an dem Kaumberg, trüglich herumschlingt?

Nie versagt' ich das Ohr dem Rathe der Männer: was dünkt euch?«

Herbot schrie zugleich mit dem Kunring, lärmend, und laut auf:

»Fort nach Wien! Bald sinkt mit der kühnerrungenen Hauptstadt

Rudolphs Macht in den Staub: wir bürgen für herrlichen Sieg dir!«

Lobkowitz fuhr von dem Sitz', des Friedens Ruf zu erneuern;

Aber ihm kam Kunegunde zuvor, und sagte dem König:

»Wie, du spähest noch jetzt nach schlauverhülleten Pfaden,

Thöricht verlassend die kühnere Bahn, die schnell zu dem Ziel führt?

Ist denn völlig gewichen von dir der Muth und die Kühnheit,

Die von Siegen zum Sieg dich leitete, Schlachtenberühmten?

Zahllos warben die Freier um mich. Masowiens[8] Herzog

Ließ auf dem glänzenden Thron mir Macht und Reichthum zur Erbschaft;

Aber ich achtete keinen Mann, im stolzen Bewußtseyn

Herrschender Geisteskraft, und lautgepriesener Schönheit.

Auch du bothst mir die Hand. Der Ruf erscholl in den Ländern:

Ottgar trug des Sieges Panier zu dem Belt hin; erbaute

Dort noch Königsberg,[9] und schlug, heimkehrend, die Scharen

Ungerns im Feld auf das Haupt. Er einte die Steyer- und Ostmark

Dann, als Sieger, mit Kärnthen und Krain dem böhmischen Erbreich,

Und errang die Bewunderung so der entlegensten Völker.

Ha, da sank mein Stolz, beschämt, vor dem Helden! Ich gab mich

Eiteler Täuschung dahin: mit der königlichsieghaften Rechten

Würd' er auch mich erheben im Glanz' unsterblichen Ruhmes.

Weh', nun steh' ich gebeugt, entehrt, und fruchtlos geopfert!

Aber, denkst du der Ehre nicht mehr, so gedenke der Schmach doch!

Soll ich den Mann, den König, und ach, den Gatten noch mahnen

Dort an den graunerregenden Tag, wo gegen den Eidschwur,

Der dich bewog, dem Kaiser zu huldigen heimlich im Zeltraum,

Er, o schreckliche Schau! auf des Eilands ragendem Hügel,

Das die Donau umschlingt mit weitgedehneten Armen,

Plötzlich am listiggestalteten Zelt den rauschenden Vorhang

Fallen hieß, und dich vor den Augen unzähliger Krieger,

Die an dem Strom sich dieß- und jenseits, feindlichgesondert,

Lagerten, wies zum Hohn' -- auf die Kniee gesunken, o schändlich,

Ottgar, dich, dem er an dem Hof' einst dienet', als Marschalk,[10]

Huldigend dort, in dem Staub'! O, könntest du solches vergessen?«

Ottgar preßte die Stirn' in die Fläche der Linken, und glühend

Rann ihm die Thrän' an der Wange herab. Er sucht', es zu bergen;

Blickte grimmiger auf, und rief: »Nicht werd' ich's vergessen!«

Doch nun drang Drahomira noch mehr in die Fürstinn. Sie hob sich

Eilig vom Stuhl' empor, und sagte mit leuchtenden Augen:

»Ha, die Dromet' erklinge dem Volk', und gebiethe den Aufbruch

Nach den Mauern von Wien; in die Luft hoch flatt're die Sturmfahn'

Vor den Scharen einher, und leite sie glücklich zum Sieg' hin!«

Rief's; doch Ottgar sprach nun so zu dem tapferen Helden,

Lobkowitz: »Wie, du schweigst mein sieggekröneter Feldherr?

Nie ermangelt' ich deines Raths, und deiner Erfahrung,

Weisheit, Treue und Kraft verdank' ich, was rühmlich gescheh'n ist.«

Lobkowitz wiegte das Haupt, und sprach eintönig und trocken:

»Haben doch and're vor mir, dem wankenden Greise, gesprochen,

Die das heißere Blut, wie im Sturm, fortreißt auf des Ruhmes

Glänzender Bahn -- weit blieb ich zurück', und bin es zufrieden.

Sieh', ich wähnte, wir lieh'n ein Ohr des Kaisers Gesandten?

Doch vor dem zürnenden Blick der Königinn? Sey es denn morgen!«

Also der Held. Da sprach Kunegunde voll Wuth zu dem König:

»Wohl, ich weiche zurück bis Drösing. Sinnst du auf Frieden

Noch mit dem Kaiser, so sey's; doch nimmer siehst du mich lebend

Wieder: nur mord' ich zuvor mit Freuden die blühende Tochter,

Eh' ein schmählicher Bund dem verhaßtesten Feind sie vereine.«

Rief's hinschreitend; erhob sich auf's Roß, und eilte nach Drösing,

Das sie den Abend zuvor mit ihren Erzeugten bezogen.

Jetzt ließ Ottgar schnell die Gesandten des Kaisers entbiethen,

Die schon lange voll Gier in dem fernen Gezelte des Rufes

Harrten. Meinhard, Graf von Tyrol, erschien, und zur Seit' ihm

Nahete Lichtenstein: des Heer's erlesene Zierden.

Stattlich traten sie ein, und setzten sich würdig zum Tisch hin,

Grüßend den König zuvor, und d'rauf, die versammelten Feldherrn.

Meinhard neigte das Haupt, und begann mit edelem Anstand:

»Rudolph, mein erlauchtester Herr, und Kaiser der Deutschen,

Sendet uns, Meinhard und Lichtenstein, nicht unwürdige Bothen,

Freundlich zu dir, erhabener Herr, und König der Böhmen!

Wollest darum uns hören mit Huld, und unsere Reden

Nicht verachten, da wir, nur arm an zierlichen Worten,

Stets mit dem rauheren so, wie mit unserem blinkenden Eisen,

Das wir zu führen gelernt, zum Ziel vorstreben, und treffen.

Frieden beut er dir mit leichtversöhnlichem Herzen;

Doch er beut ihn im Augenblick, wo er völlig gerüstet,

Nicht, wie jüngst in dem Land', entblößt von Kriegern und Waffen,

Sollte schon fast ihn erflehen von dir -- nein, wo er im Kriegsbund,

Mächtige Völker vereint, und der Treue der Völker gewiß ist.

Daß du, als Kaiser ihn anerkenn'st; ihm Böhmen und Mähren

Tragest zu Leh'n; auf die ost- und die steyrische Mark,

so auf Kärnthen,

Krain, entsag'st: das ist des Friedens enthüllte Bedingniß.

Drei gewaltige Vesten im Land: hier Drösing im Marchfeld,

Dort Pöchlarn, und Enns sollst du mit starker Besatzung

Halten zum Unterpfand durch drei der Jahre, von heut' an.

Ha! du erstaunest? So ist's; ihr sollt euch finden in Freundschaft.

Heilig ist Rudolphs Wort, du kannst ihm sicher vertrauen.«

Als er die Rede voll Kraft jetzt endete, herrscht' in dem Zeltraum

Stille umher: doch Lichtenstein, gewahrend den Vortheil,

Grüßte den König zuvor, und begann mit heiterem Blick so:

»Ernstes sagte der Graf. Mit Gott und eurem Gewissen

Werdet ihr solches erwägen zum Glück und zum Segen der Völker,

Die ihr beherrscht; doch leiht auch mir ein günstiges Ohr noch.

Nicht vom blutigen Kampf: von der Minne ersehneten Freuden,

Von Turnei'n, und dem festlichen Mahl gedenk' ich, zu sprechen.

Allwärts ist es bekannt, daß Herr Rudolphus, der Kaiser,

Ein Turnei, bei'm Tabor,[11] am kommenden Donnererstag schon,

Der Sanct Rochus geheiliget wird, zu halten, gesinnt ist:

Denn nach Frieden verlangt sein Herz, und er hat dich geladen.

Solcher Ehre Gewinn verschmäht kein tapferer Mann je.

Sieh', d'rum harret er dein und deines so edeln Gefolges,

Das den Herrscher umglänzt, wie die Stern' umglänzen den Vollmond!

Aber noch höhere Freuden gedenkt, nach vollendetem Festmahl,

Oben im prunkenden Saal der Kaiser mit dir zu bestellen:

Lieblich erblüheten dir die schönsten der Töchter -- in Söhnen

Ihm sein Glück: zum Bund der Einigung beut er die Hand dar:

Hartmann führ' als Braut sich Hedwig, voll siegender Schönheit,

Thekla, voll zartester Huld, sein Rudolph heim. So ersehnt er's.«

Als er gesprochen das Wort, und noch weiter gedachte zu reden:

Sieh', da warf sich in brausender Hast der muthige Jüngling,

Wallstein vor! Er stand, und hielt sich die Brust mit der Rechten;

Athmete tiefer, begann zu sprechen, vermocht's nicht; er stürzte

Dann zum Gezelte hinaus, und verschwand im nächtlichen Dunkel.

Ottgar blickt' ihm, erstaunt, jetzt nach. Er wähnte: sein Liebling

Sey urplötzlich erkrankt, und von wüthenden Schmerzen befallen;

Doch Drahomira durchschaute sein Herz; sie lächelte grimmig;

Jubelte dann laut auf, und folgte dem fliehenden Jüngling:

Ihm für Hedwig die liebende Brust noch mehr zu entflammen,

Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher.

Im erleuchteten Zelt verstummten von neuem die Helden;

Gar nicht wollten von Ottgars Mund' die Worte sich lösen.

Endlich hob er sich auf, und sagte den Beiden zum Abschied:

»Wahrlich, nicht ahnete mir's, so glühend verlange der Kaiser

Uns bei festlichem Turnkampf, Tanz, und Gelagen zu sehen!

Aber wohlan -- das kündet ihm nur, so er etwa daheim ist:

Ottgar werdet ihr schau'n im Gefolge der Edeln, und hören,

Was er vom Frieden gedacht, und der Kinder ersehnter Verlobung!

Aber, ihr Herrn, gehabt euch wohl; der Himmel geleit' euch!«

Beid' erstaunten der Red', und eilten unmuthig von dannen.

Draußen sagte zu Lichtenstein der tapfere Meinhard:

»Ritter, sprecht, was dünkt euch? Nicht einmal die Krume zum Imbis,

Nicht des Weines so viel, das unsere Lippen benetzte,

Reicht' er zum Trunk' uns dar. Ich meine: von Heirathsgedanken

Ist er so fern, wie dort von mir Veiths glänzender Wagen,

Der an des Himmels Rand zum eisigen Norden hinabsinkt.

Ha! und merktet ihr nicht, wie schnell der arge Verräther

Rudolphs nächtlichen Ritt g'en Lilienfeld ihm enthüllte?

Ach, er zog nur mit schwachem Geleit! Kommt: gut ist die Vorsicht!«

Rasch aufschwangen sie sich in den Sattel, und flogen nach Wien hin.

Aber der König entließ die Versammelten. Jetzo noch einmal

Blickt' er Jedem in's Aug', und sagte mit rauherer Stimme:

»Mir zerwühlet die Wuth das Herz. Wie kecklich die Ritter

Sprachen, als sey ich im Feld nicht fürder zu scheu'n,

und, dem Ball gleich,

Nun rechts hin, dann links im schwebenden Fluge zu wenden;

Aber es zehr' ihr Hort sich zu Tod' an seinen Gelüsten.

Mein Entschluß ist gefaßt: am Morgen gebiethet den Aufbruch

Euerem Volk. Wir ziehen entlang den schlängelnden Marchfluß

Bis an den Weidenbach, wo, erhöht, des räumigen Lagers

Wall uns schirmt g'en List und Gewalt. Verstanden mit Waldram,

Sey in dem Ueberfall nur »Rache« der Würgenden Schlachtruf!

Ruhet ein Weniges noch: bald rufen euch laut die Drometen.«

Jene gehorchten dem Wort', und eilten nach ihren Gezelten.

Aber der König ging noch lang' im Schimmer des Nachtlichts,

Sinnend umher. Oft seufzt' er laut; er ballte die Faust oft

Vor Erbitterung; stand, ging wieder, und hatte nicht Frieden.

Endlich warf er sich hin auf das Lager, und schlummerte leis' ein.

Ueber dem Haupt des Schlummernden hing sein schützender Engel,

Trauernd. Verglommen war sein Glanz. Wie auf thürmender Alpen

Ewigbeschneiten Höh'n der rosigglühende Schimmer

In ätherischer Bläue verglimmt in der sinkenden Dämm'rung:

Also auch er, den Schwermuthsblick auf den armen gerichtet,

Den ein furchtbarer Traum umfing. Margarethe, die Gattinn,

Welch' er schnöde verstieß, naht' ihm, und sah ihn so trauernd

An, aus dem hüllenden Leichentuch: er wandte sich, schaudernd,

Weg, und hieß sie entflieh'n. Nicht lang', und in hoher Verklärung

Schwebt' auf schimmernden Au'n, und bekränzt mit himmlischen Rosen,

Sie vor ihm hin. Er folgte -- sie floh; doch jetzt, an dem Ufer

Eines unendlichen Stroms hielt sie den eilenden Flug an;

Sah, huldflehenden Blicks, zu dem Himmel empor, und entschwand ihm,

Schatten gleich, wenn Nebelgewölk umhüllet die Sonne.

Wieder umfing ihn des Todes Nacht. Um sich her auf dem Schlachtfeld

Sah er unzählige Leichen gehäuft: bis endlich ihm selber

Dort zwei Würger genah't, mit rach'ausblitzenden Augen,

Tief in die Brust einstürmten den Speer, und höhnten im Tod noch.

Stöhnend wand er sich dann im Schlaf, und in mächtigen Tropfen

Stand ihm der Schweiß auf der Stirn' und den hochgerötheten Wangen.

Doch nicht völlig verhüllt den Augen des Himmelsbewohners

War des schlummernden Königs Geschick. Er sah Drahomira

Walten um ihn, und Gefahr ihm bereiten auf schlüpfrigem Pfad hier,

Der zum Verderben führt, und zu nieversiegendem Jammer.

Flehend faltet' er jetzo die Händ', und blickte mit Ehrfurcht

Auf zu dem Thron des Ewigen, der in des kreisenden Weltalls

Hehrstem Raum', auf lichtausströmenden Sonnen erhöht steht.

Dorthin drang sein Blick, wo Cherub- und Seraphim selber

Sich in der Nähe des Throns mit den Fittigen hüllen die Augen,

Dreimal Heilig singend dem Herrn, der herrscht von dem Thron dort,

Hehr, allmächtig, weis', und gerecht, barmherzig und gnädig!

Ueber die Himmel hinauf erhebt er das Haupt; auf dem Abgrund

Ruht sein Fuß, und sein Arm umfaßt das kreisende Weltall.

Als er gewürdigt ward, die Blicke zum Thron zu erheben,

Sah er, schauernd vor Ehrfurcht, dort enthüllet die Zukunft:

»Ottgar, der nun bald mit reuigem Sinn um Erbarmen

Fleh'n wird, büßet die Schuld vergangener Jahre: den Feinden

Fällt er besiegt in dem Kampf', und verlieret das Reich und das Leben;

Aber sein Gegner wird ein Vater des Herrschergeschlechtes,

Das in die fernste Zukunft hinab unzähliger Völker

Glück zu fördern, erwählt, im Segen der Erde genannt sey.«

D'rauf gewahrt' er den Wink des Herrn: »daß es also gescheh'n wird!«

Sieh', da flammten, und floh'n, und kehrten in Eile die Sonnen

Wieder zur Bahn! Der Donner rollte hinunter am Weltrand,

Kreisende Monden und Sterne vorbei; die Vesten des Erdballs

Zitterten; hoch aufrauschte das Meer, und die Ström' und die Flüsse

Braus'ten wirbelnd zurück, und schäumten empor in den Luftraum.

Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht

Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.

Zweiter Gesang.

Siehe, wer reitet den Wald entlang? Vom felsigen Boden

Tönet der eiserne Huf. Wer zieht im Schatten der Thäler

Fort im eilenden Trab? Doch dort, wo am lichteren Waldsaum

Weitgesondert, die Tannen steh'n, und der sonnige Bergpfad

Schlängelnd sich hebt, erblitzt es von hellgeglätteten Waffen

Quer in die Eb'ne herab. Jetzt näher und näher erschallet

Munterer Reiter Gespräch, und das Schnauben und Wiehern der Rosse.

Doch wer ist's, der allen voran den feurigen Rappen

Reitet, so freundlich und mild, so bar all' prunkenden Schmuckes?

Zwar erhellt die, in Rosengluth versinkende Sonne

Kein' unedele Stirn', und Ehrfurcht heischen die Augen

Dieses Gewaltigen, der ein Fürst, ein Kaiser von Anseh'n

Scheinet? Er ist's -- ha, Rudolph ist's, der Kaiser der Deutschen!

Gestern zog er im Abendlicht mit hundert Erwählten

Eilig zum Kärnthnerthore hinaus nach dem herrschenden Hügel,

Wo (so kündet die Sag') in grau'numhülleter Vorzeit

Eine Spinnerinn saß, und bettelte, reichliche Spenden

Sammelnd: ein Kreuz zu erbau'n von zartdurchlichtetem Stein dort,

Wo das hölzerne, morsch, zerfiel, an welchem sie lebte.

Aber es wurde zugleich ihr Grab, von dem Fremdling bewundert:

Denn erblickt er die Stadt, die weit auf Erden gerühmt wird,

Vor sich in schimmernder Pracht der Thürm' und unzähliger Häuser,

Zollt er vor allem der sinnigen Wahl der Spinnerinn Beifall,

Und erquickt sein Aug' an dem wunderherrlichen Anblick.

D'rauf einlenkt' er zum Fuß' der traubengesegneten Hügel:

Petersdorf, und Brunn am Gebirg, wo der emsige Winzer

Keltert den kräftigen Most für die spätnachfolgende Zeit noch,

Und durchtrabte die Stadt von Mödeling.[1] Mächtigen Anseh'ns,

Schaut in das düstere Felsenthal, durch welches der Waldbach,

Eingezwängt, sich windet, und rauscht, die ragende Felsburg,

Mödling herab (ein Eigen des babenbergischen Herzogs,

Heinrich) und lieh auch zugleich dem Städtchen den Nahmen.

Die Nacht hing

Dunkel herab; nicht erspähte der Wart von dem ragenden Wartthurm

Rudolphs hohe Gestalt: d'rum scholl die Dromete zum Gruß nicht.

Doch jetzt zog er am Tannberg fort,[2] wo im ruhigen Thalgrund

Schimmert das Gotteshaus zum Heiligen-Kreuz mit dem Kloster.

Herzog Leopold baut' es, der Heilige. Mönche von Cisterz

Rief er dahin, daß dies' in Saatengefilde die Wildniß

Wandelten, und im Gesange des Chors lobpriesen den Schöpfer.

Manches Helden Gebein', auch Friedrichs, des streitbaren Herzogs,

Letzten seines Geschlechts, deckt dort der ehrende Denkstein.

Aber es sandte darauf vom Heiligen-Kreuze der Stiftsabt

Auch nach Lilienfeld die Brüder: so wollt' es der Herzog

Leupold, der Glorreiche, selbst, als er an dem Fuße der Alpen

Im bezaubernden Thal das Gotteshaus und das Kloster

Stiftete, dem jetzt Rudolph naht'. Schon ließ er auch Kaumbergs

Marken zurück, und als die Sonne im rosigen Schimmer

Sich in Osten erhob, da zog er durch's liebliche Hainthal,

Und erkor's in des Mittags Stunde zur Rast. An dem Göls'bach

Weideten frei die Rosse hinab. Die tapferen Krieger

Saßen im Kreise herum: sie sättigten sich an des Weizens

Goldener Frucht, zum nährenden Brote gebacken, und löschten

Dann an der Quelle den Durst. Inmitten der fröhlichen Männer

Saß der Kaiser im Gras'; er rief den Einen und Andern

Auf zu ergetzlichem Schwank', und zuletzt den redlichen Knappen

Müller, den Zürcher, der ihm das Leben gerettet, und seither

Stets zu getreulichem Dienst' ihm stand, im Krieg' und im Frieden.

»Künde«, so sprach er zu ihm, »den Kriegern das lustige Mährchen:

Wie du mich, den Zürnenden, einst auf der Straße begegnend,

Sühntest, listengeübt: denn manchen von meinen Getreuen

Hast du niedergeworfen zuvor, ein frevelnder Raufbold.«

»Mit Vergunst, Herr Kaiser,« begann der fröhliche Kriegsmann,

Schlaugewendeten Blicks, »so ich ruhmbegierig, und eitel,

Meinen Gefährten des Zugs verkünde zuvor, daß ich Habsburgs

Grafen im Kampf mit dem Regensberg das Leben gerettet!

Edle von Toggenburg, und Homburg; jene von Nidov,

Palm, und Warth mit Eschenbach vereinten dem Ritter

Regensberg, den er gewaltig bedrängte, die Scharen;

Doch er dachte der List, kriegskundig, dem Feinde zu schaden.

Oft ritt Regensberg mit zwölf weißschimmernden Rossen,

Welchen voran mit lautem Gebell zwölf ähnliche Doggen

Sprangen, zur Jagd, von dem Uttliberg, stolzirend, herunter.

Rudolph lag in dem Hinterhalt: die Ross' und die Doggen

Hatt' er, wie jener gewählt. Mein Volk, die muthigen Zürcher

Brachen hervor, mit ihm in dem Handel verstanden, und als er

Nahte der Burg in verstellter Flucht, da meinte der Wächter,

Oeffnend das Thor voll Hast, sein feindbedroheter Herr sey's

Alsbald ward erobert die Burg, und zerstöret von Grund aus.

Ist's nicht also gescheh'n, mein hocherlauchter Gebiether?

Aber da stellten sie euch, auf offnen und heimlichen Wegen

Nach. So geschah's, daß einst, auf einsamer Fährt' in dem Wald ihr,

Nur mit schwachem Geleit dem Feind' in die Hände gefallen,

Rang't auf Leben und Tod, als bügellos in den Staub euch

Warf das getödtete Roß. Ihr waret erlegen der Mehrzahl;

Doch der Seinen gedenket der Herr: er sandte den Müller

Euch zu Hülf'. Er kam auf dem Pfade geritten, und sah euch

Kämpfen, ähnlich dem Leu'n, den wüthende Tiger umringen;

Naht' im Flug, und ihr, in den Sattel gehoben, entrannet

So der Gefahr. Doch Müller ist euer getreuester Jünger

Seitdem -- rühmt sich denn auch des edelsten Meisters auf Erden.

Ihr erlaßt mir vielleicht für heute das lustige Mährchen:[3]

Denn, mich dünkt, es entfielen, wie Perlen gestaltete Tropfen

Eueren Wangen. Mich drängte früher die Noth, und euch später:

Alles auf Erden eint der Liebe geschäftige Sorgfalt.«

Innig gerührt ergriff ihm der Kaiser die Hand, und begann so:

»Edel hast gehandelt an mir, mein trefflicher Jünger!

Doch die Capelle winkt auf den Alphöh'n: heute noch sollst du

Ernten herrlichen Lohn, der Heldenthaten gebühret.

Jetzt rasch auf, ihr Reisigen: rasch zu dem winkenden Ziel hin!«

All' erhoben sich nun voll Muths; sie zäumten die Rosse,

Jauchzend, auf, und es ging dann weiter der fröhliche Zug fort.

Siehe, nicht lang', und sie sah'n jetzt schon

die bläulichen Alphöh'n

Oben, und tiefer den _Kulm_ und den kegelgestalteten _Spitzbrand_,

Freudigen Blicks, als unter dem Huf der gewaltigen Rosse,

Drönend, die Brück' erscholl, die, stets von den Fluthen der Traisen

Unten durchrauscht, im Grund die rasche Forelle beschattet.

Weit gerühmt ist die Traisen im Land (daß beide den Ursprung

Sich bestreiten, die Hohenberg-, und die Lilienfelder)

Sprudelnd hervor aus dem Schooß des Traisenberges im Waldthal,

Und enteilend voll Hast, sich dem Donaustrome zu einen.[4]

Freundlich blickten die Sterne bereits vom Gewölbe des Himmels,

Wieder zur Erde herab; schon hauchten die würzigen Matten

Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh'n, und die Fluthen

Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser

Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster,[5]

Eilete: denn zum Abendgebeth' ertönte das Glöckchen

Schon von dem Thurm'; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder,

Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth

Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet

Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand'rung.

Nahend dem Ziele, durch's _Thal_, geboth der Herrscher den Reitern,

Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad;

Aber er selber klomm, des Weg's wohlkundig, mit Müllern

Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand

Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen,

Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden

Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung,

Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick', und errang so

Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten

Wieder, rastet' er nicht, und stieg, stets höher und höher,

Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten

Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh'n,

Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle

Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner,

Sandte die fächelnde Flamm' empor aus goldenem Oehlduft.

Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen

Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut' erst.

Wichtiges sollt' ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß,

Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes.

Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel,

Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes

Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras' sich

Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen.

Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand'rung.

Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren,

Trat aus der Hütt', im barnen Gewand', und führte den Kaiser,

Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß

Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren

Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen

Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden

Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie' dort,

Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war;

Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein

Wies in dem hehren Gemähld', voll Lieb' an den Busen es drückend,

Und, den wonn'ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet,

Allen zu rufen schien: »O liebt den Liebenden mir gleich!«

Aber der Greis, als wär' es zum legten Male hienieden,

Sah zu ihr lang' empor, und wandte sich dann zu dem Pilger:

»Herr«, sprach er, »blick' auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens

Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau

Dir erkoren zum wahrenden Schild', und dem Schiffer nicht ungleich,

Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm,

Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth:

Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies' auch im Glück' noch.

Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens

Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört

Gerne der Mutter Fleh'n, in ihrem Schutze geborgen.

Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung,

Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld,

In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt:

»Fromme Jungfrau'n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.«[6]

Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten

Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten

Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn

Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch

Treu', und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.«[7]

»Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker,

Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft

Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh'n;

Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter,

So auch die Wissenschaften, die Kunst', und den frohen Gewerbsfleiß

Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher:

Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht

Waltet über des Menschen Geschick'. In Dunkel gehüllet

Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.«

»Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes,

Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel.

Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind' ihm

Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld

Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend,

Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne

Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird.

Sieh', er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher,

Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit,

Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln

Beut: ein Muster der deutschen Treu' auf Wort und auf Handschlag!

Innig ehrt er ihn d'rauf, und theilt das nächtliche Lager,

Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.«

»Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir

Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens!

Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so,

Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren,

Welch' ihm fortan drau'n auf des Herrschers dornigen Pfaden.

Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld,

Weis' im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.«

»Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel!

Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz' auf.

Jugendlich regt sich die Erd', und treibt den erfreuenden Keim schon

Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister

Wandeln auf ihr zum Ziel -- der Höchst' er unter den Hohen!

Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft

Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung,

Auf Hispania's Macht, und Italia's, daß er die Rettung

Schaffe dem Christenvolk g'en wildempörter Osmanen

Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget.

Auch jenseits dem unendlichen Meer' erbeben die Völker

Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne

Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken.

Also die alt' und die jüngere Welt im Segen zu einen,

Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht!

Deutschlands Gau'n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden,

Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in's Aug: ihn verwildert

Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung

Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung,

Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er,

Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer

Scheint er entfloh'n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet,

Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.«

»Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit ruhmvoll

Herrschenden Männern deines Stamms, erseh' ich im Thronsaal

Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen,

Gottvertrauenden Muths, die Lieb' und Bewunderung aller,

Eintritt dort, mit dem Sohn' auf dem Arm, in die hohe Versammlung

Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen,

Als der ehernen Scheid' entrissen der blitzende Stahl fleugt:

»Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!«

Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig

Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.«

»Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter:

Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist.

Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau're,

Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn,

Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket

Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat;

Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.«

»Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter,

Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort!

Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn

Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!«

»Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln.

Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs

Vesten wanken; es scheint, als sollt' ein neues Geschlecht sich

Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten

Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung

Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit

Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones

Stürzendem Heiligthum' auch sich selber hinunter zum Abgrund,

Wo in dem nächtlichen Grau'n sein Wuthgestöhne verhallet.

Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel,

Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer;

Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau'n

Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich,

Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen,

Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt:

Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend

Heiliger Wink, und sein ist die Lieb' und die Treue der Völker,

Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit.

Heißt auch mancher Gewaltige »Groß« in Geschichten der Menschen,

Ihn wird einst die Nachwelt laut den _Edelsten_ nennen.«

»Dunkler ward's ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft.

Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener

Heute der Herr enthüllt'. Leb' wohl! Vollbracht ist des Lebens

Weitumirrender Lauf -- er endete, deiner gewärtig.

Denk' auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!«

Sagt' es, und wankte hinaus, der Klaus' entgegen. Er warf sich

Dort auf die Knie', und bethete leis' mit erblassenden Wangen.

Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz

So, daß die stürzende Thrän' auf die Marmorstufe hinunter

Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille,

Vor dem Altar auf den Knie'n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer,

Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel.

Als er den Blick zu dem Bild' erhob, und das Aug' auf die Augen

Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger

Wecken zur Liebe des Sohn's, da erblaßt' er betroffen. Ihn dauchte:

Daß sie in himmlischem Glanz' erglühten, und schaudernder Angst voll,

Wich er zurück vom Altar -- bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht

Hell aufflammt', und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah.

Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof

Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt' ihm:

»Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch;

Auch die Spor'n, die wir mitführeten: leg' sie in Demuth

Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten,

Bis zum Morgen. Ich geh', ein Weniges draußen zu schlummern.«

Also geschah's. Der Knappe ging, und holte, verwundert,

Alles und Jedes herbei; dann faßt' er den Speer, und erging sich

Dort, gemessenen Schritts, die Wach' an dem Heiligthum haltend.

Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen

Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen

Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle

Nahen, und dort im Kreis' umgeben den heiligen Altar.

Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt' er sich freundlich

Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt' ihm,

Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock

Nahm er ihm erst von dem Leib', und umgab mit dem glänzenden Harnisch

Ihm die Brust: er reicht' ihm die Sporn' und den trefflichen Degen

Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm,

Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid', und begann so:

»Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren,

Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches

Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld

Ritterlich' Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten:

Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen.

Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters

Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld;

Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren;

Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert;

Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht,

Kräftig und ohne Verzug, so dir's nicht wehrt das Bewußtseyn:

Hierauf schlag' ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau,

Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.«[8]

Sagt' es, und führte den Streich

kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl

Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt' ihn.

Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte,

Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen?

Doch, nun schüttelt' ihm jeder die Hand, und lächelt' ihm Beifall.

Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten,

Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne

Kündete: sieh', da führte sein treues Gefolge der Kaiser

Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht

Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat!

Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen:

Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel,

Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern

Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt' er: gewaltige Berghöh'n

Nun zu Hügeln versunken, zu schau'n, und auf jeglichem ringsher

Wiesen, und Ackergründ', und waldumsäumtes Gehöftland;

Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters

Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen

Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten -- Dann

unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren;

Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz,

Dunkelgeröthet, die Sonn' erhob, und ringsum der Erdkreis

Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen

Zahlloser Vögel im Wald', in den Thälern, und hoch in den Lüften,

Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen:

Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken!

Mancher faltete, bethend, die Händ', und blickte hinunter,

Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne.

Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh'n, und gesehen

Dorther tausendfaltig besä't mit schimmernden Städten,

Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen;

Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich

Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes:

»Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand,

Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d'rüben

Herzogburg mit dem Gotteshaus' im lieblichen Aufeld.

Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath,

Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster;

Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort,

Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden;

D'rauf die Stadt' auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen

Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau.

Doch, o! wer erspäht', auch schärferen Blickes, noch jenseits,

Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken

Mährens der Menschen Wohnungen all' in unendlicher Landschaft?

Seh't, g'en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß

Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs.

Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund

Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn.

Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher

Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg,

Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der _Immer-Getreuen_,[9]

Sehet ihr Berg' auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks.

Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause

Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld,

Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt;

Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig,

Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert.

Ha, dieß Bild entschwind' euch nie, das heute so wonnig

Uns enthüllten die Höh'n des Lilienfelder-Gebirges!«

Eiliger wandt' er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte

Noch dem frommen Klausner zu nah'n -- zu vernehmen des Segens

Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen,

Als er geöffnet die Thür', und ihn, vor dem Bild des Erlösers

Auf den Knie'n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden

Starrendem Aug', ersah -- doch stumm, und erblasset im Tod schon!

Lange staunt' er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte

Dann der Hütt'. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum

Schwangen die Reiter sich all' in den Sattel,

und trabten ihm, schweigend,

Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch,

Anbethend, weilt in dem Gotteshaus', und dann in dem Kreuzgang

Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags.

Hundert Schritt' entlang, auf mächtige Säulen gegründet,

Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht

Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster.

Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht

Staunte dem Bau. »Du sollst«, so lispelt' er leise für sich hin,

»Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau'n;

Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben

Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme

Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!«[10]

Sieh', da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte:

»Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!«

Doch der Kaiser begann: »Nicht euere Schuld ist es, wahrlich:

Denn ich schlich gar leise herein, als käm' ich, ein Späher.

Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen

Staub dem Staub', aus welchem er kam: die Leiche des Klausners,

Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh'n.«

»Weh',« entgegnete jener bestürzt, »so schwand auch der Segen

Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen

Dankten sie ihr Gedeih'n, und des Segens Fülle die Hirten!

Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt' er zu spenden.

Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen -- versteht mich

Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes,

Das die Seel' ernährt, und stärket für immer und ewig!

Aber woher er kam; weß' Landes und Stamm's er gewesen,

Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth,

Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp', und erbaute

Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau.

Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend -- mit Werken

Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret.

Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß' und dem Bußpsalm

Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.«

Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter

Von dem Wege heran, der Zell' entgegen -- der Jungfrau

Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen

Schmachtet, unzählige Pilger zieh'n mit sehnendem Herzen

Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung.

Hell erglänzte das Aug' und die Wange des Kaisers. Er eilte

Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt

Her aus den rheinischen Gau'n mit tapferen Scharen gezogen.

Laut begrüßt' er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar,

Freundlich und mild; doch warm erwiedert' es dieser, und innig,

Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau

Hatt' er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen

Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf

Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her:

Dreimal so viel' an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf,

Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich

Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens

Heiteren Gau'n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt:

Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden.

Aber hinab und herauf vor den Reih'n erging sich der Kaiser

Dort mit zögerndem Schritt'. Er sah mit freundlichen Blicken

Jedem Krieger in's Aug'; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt' ihn:

Wie's ihm erging seither? -- bei'm Nahmen die Tapferen rufend.

Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern

Faßt' er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle:

Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen

Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern.

Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden:

Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath -- d'rauf an den Marken

Schwabens vereinte zum Heer'; wie er schnell g'en Ulm an der Donau

Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut;

Dann' in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren,

Also durch Oestreichs obere Gau'n nach Enns, und gelandet,

Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom

Vielfach den Wand'rer ergetzt durch eisengestaltender Meister

Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend,

Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger

Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen.

»Doch,« so erzählt' er fort, »wie erhob mich,

nicht ferne dem Ziel mehr,

Heut' in dem dunkeln Oetscherthal' ein Wunder der Allmacht!

Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges

Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen

Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand

Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein' all'.

Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich

Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen.

Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen

Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht,

wie ich nahte,

Stürzender Fluthen Gerausch', und erfüllte die Thäler mit Schauder.

Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens

Schmalvorragendem Riff' ersah ich, vor freudigem Schrecken

Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund:

Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg

Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther

Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing.[11]

Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog' auf Woge sich dränget,

Rastlos; dann, erbebend dem Sturz', aufheult, und die Stimme

Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös' wird!

Wie sie sich fassen im Flug, mit eh'rnem Geprassel die Klippen

Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter

Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen

Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig

Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern.

Ueber die Berg' empor, in die hehren Gefilde der Wolken

Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich,

Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes.

Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag,

Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung

Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen,

Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah

Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung.

Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen,

Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!«

Aber er horchte den Worten des Sohn's mit Lust, und geboth dann,

Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch.

Staunend ersah'n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers

Müllern im Ritterschmuck -- den ebenbürtigen Bürger

Zürcher Stadt; sie sah'n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch,

Einer dem andern die Frag' in's Ohr: »was solches bedeute?«

Jener gewahrt' es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel

Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt' er von Diesem,

Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen.

Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte:

»Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger

Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja,

Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben

Rettete: d'rum auch werth und würdig des Standes der Edeln;

Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh' ich als Schuldner,

Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus,

Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.«

Sagt' es, und schwang sich auf's wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch

Scholl die Dromet', und schnell g'en Wien bewegte der Zug sich.

Sieh', in des Abends Grau'n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen,

Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern

Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach,

Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war

Nun des Kampfes Getös' -- erstürmt die Veste. Die Gegner

Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn

Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht)

Oestreichs Aar' entrissen, dem Leu'n von Böhmen zu Theil wird.

Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes,

Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth?

Hedwig, ihr' Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters,

Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen.

Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun

Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen

Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang' ihr

Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun

Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen?

Ach, nicht der Mutter allein -- auch allen den Sterblichen ringsum,

Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel,

Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen!

Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes

Stützend den Arm, und pressend die Wang' in die Höhle der Linken,

Hebt sie das Aug', voll Himmelsbläu', empor zu den Sternen.

Seitwärts sank von der hellen Stirn' ihr des bräunlichen Haupthaars

Ringelnde Meng', und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens

Schöner Säul' an dem schneeigen Faltengewande hinunter,

Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel

Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl

Ihr in die grau'numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend,

Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur,

Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein:

»Ha, vernichtendes Bild -- entsetzlich, und furchtbar, und dennoch

Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos,

Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel!

Wallstein -- Gott! Wen nannt' ich? Sein Nahm' entriß sich den Lippen

Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär's;

Süßer als Harfengetön' in des Mondlichts freundlichem Schimmer,

Klang' er mir in dem Ohr', dürft' ich ihn nennen -- ich darf nicht!

Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte

Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen

Trennt, dem ihr's auf immer geweiht: wie zög ich so freudig

Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt!

Weh', wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung!

Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben

Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten,

Huldvolle Maid, nah' mir, der armen Verirrten, zur Rettung!

Billig haßt' ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie'n mir

Sank -- ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang;

Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend,

Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen.

Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.«

Sagt' es, und wollt' entflieh'n: da trat ein edeler Ritter,

Schimmernd im tönenden Waffenschmuck', in der Stille des Abends

Ihr in den Weg, und sprach: »Gönnt mir, holdseliges Fräulein,

Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren,

Folg' ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen,

Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh' ich, ein Anwald

Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann,

Rudolphs Sohn', der euch schon lange zum Gatten erwählt ist:

Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit

Wollten zu eh'lichem Bund' euch die liebenden Aeltern vereinen,

Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser,

Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld

Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer' aus dem Sattel,

Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern

Drosendorfs verfolgt', und ihn selber bestand auf dem Heerweg.

Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit -- auf Ritters

Redliches Wort d'rob heischend die Pflicht:

daß ich brächte die Bothschaft

Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist.

Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen,

Wiedergeseh'n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet

Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn!

Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens.

Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar

Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger,

Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber

Schau'n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms

Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens

Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid' ihr blitzendes Eisen

Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz' sich die Rechten

Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung.

D'rauf zerstreuen sich all'. Auf den stäubenden Straßen erschallet

Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen

Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben

Jetzo des Wiedersehn's erschütternde Wonne zu lesen.

Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern

Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne.

Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher

Sich bekämpften mit eisernem Trotz' -- o, hört ihn! Er frägt euch:

Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen?

Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld

Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau'n

Schau'n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin.

Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth

Ihm auf der Stirn' -- und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.«

Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort.

Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie:

»Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann,

Mir bekannt -- ich ehre den edelgesinnten Jüngling;

Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß,

Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern

Herzen um uns: ich steh', entledigt der frühen Verlobung.

Ach, und sollt' in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen

Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar,

Dem Europa's Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht,

Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth:

Dennoch würd' ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen!

Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer,

Künd' ihm: ich hätte gewählt -- für den Einen gelobt' ich zu leben.«

Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte

Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt', und der Ritter

Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft.

Dritter Gesang.

Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner

Aus dem übersinnlichen Raum', und den Tiefen des Erdballs,

Mächtigen Zaubers herbei! Auch _Marbod_,[1] der edele Markmann,

Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn

Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth,

Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon,

Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine,

Die, in dem Todeskampf', ihm die Hände mit weinenden Blicken

Reichte zum letzten Mal', und dann, viel reineren Herzens

Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang.

Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet,

Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen

Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden

Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend,

Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau

Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg[2]

Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken,

Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter.

Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma,

Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld,

Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher

Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau,

Marobud,[3] und ward gefürchtet umher in den Ländern.

Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann,

Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld

Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges.

Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen

Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald,

Stürmend, die Burg Mar'bud, und entthront' ihn. Ach, er vertraute

Roma's täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna's

Arm -- ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn!

Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren

Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt' in der Vorzeit.

Bald gewahrte sein Aug' auf des Lilienfelder Gebirgs Höh'n

Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte

Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier

Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt,

Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell

Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger

Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden

Flehend rang, und ein Greis ihm naht' in erschütternder Hoheit;

Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft

Dunkel enthüllt', und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker

Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort

Oestreichs Größ', und in Wonn' erbebend den hehren Gesichten.

Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers

Näh' ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm', in des Aargau's

Thälern die Burge der Ahnen bewohnt', und von allen gepriesen

Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen

Jauchzenden Rufes erwählet ward. »Doch biethet ihm jetzo,«

Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh'n,

»Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur

Dann erringen den Sieg, wenn ihm« -- welch' dunkele Reden! -- »In

umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt?«

Dacht' es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs

Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick's, zu erforschen;

Rudolph helfend zur Seite zu steh'n; in dem Seelenverein ihm

Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten,

Und zu enthüllen die List auflauernder Feind' in dem Feldzug.

Dort, wo im schimmernden Zelt', umfangen von nächtlichen Schatten,

Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß,

Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum

Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter;

Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht' ihm

Lächelnd both, im Wahn: er nah' als Verbündeter Freund ihr.

Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte:

»Ha, nicht hast du die Knie' vor des Menschen-Sohne gebeugt einst,

Du, in dem Lande der Frei'n Geborener: hast in des Eichwalds

Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern --

Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn

Dort? Jetzt nähr' ich ihn kühn -- will nie dem stolzen Gewaltspruch

Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens.

Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer

Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird

Von dem Beherrscher des All's. Wir wandeln sie muthig und kühn fort,

Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend.

Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung:

Ottgar falle besiegt; Kunegund' sey Herrscherinn! Mir gleich

Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.«

Aber sie lockt' ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen,

Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken,

Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder;

Wandt' ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter:

Denn ihm schwebt' Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen

Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte.

Doch als sie in dem Kreis' der Versammelten hier Kunegundens

Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war;

Ottgar selbst, von dem Weib' empört, dem Herrscher der Deutschen

Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt

Gegen ihn dräuend sich hob, und, »Rache,« die Losung des Heers war:

Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen!

Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung

Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte

Ruh' in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen

Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus,

Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen,

Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß:

Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen.

»Seht,« so sprach er, »uns frommt's des ruhmverherrlichten Ottgars

Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt.

Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all' in der Wahrheit,

Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings,

Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte.

Seine Heimath ist fern -- ein Aargau'r bleibt er noch immer.

Flieht den Leu'n im güldenen Feld: _roth_ glüht er vor Ingrimm;[4]

Aber euch sey in dem Purpurfeld der _weiße_[5] willkommen,

Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And're,[6]

Hier zum Wapen uns gab. Nun hört', ihr Getreuen! Erschallen

Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen

Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen,

Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang

Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen

Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen,

Oder errungen im Blut -- uns gleich! wir biethen die Stadt ihm

Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes.

Eilt nun heim, und gedenket des Muths,

und des herrlichsten Lohn's nur!«

Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen.

Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser

Marbod im schwebenden Flug', und sann, wie er solchen vereitle.

Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah'n im warnenden Traumbild

Hugo von Tauffers, dem Greis' unbändigen Muthes im Schlachtfeld,

Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war.

Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh'n:

Also nahet' er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens,

Außer dem Stubenthor', ein Heer von Wölfen: sie folgten

Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder

Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist.

D'rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten

Ringsum Kinder und Greis', und lautaufheulende Mütter

So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach,

Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt.

Stöhnend entwand sich der Held dem Traum', und sagte, verwundert:

»Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig

Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket,

So ich es recht erwäg' im Gemüth: ein warnender Traum seys!«

Und er erhob sich behend', um die Veste besorgt in dem Herzen.

Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen,

Mächtiger stets Drometengetön', und unzählige Glocken

Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel:

Denn von des Berges Höh'n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild,

Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne,

Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen

Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen!

Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes,

Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter,

Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten,

Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen

Hieß sie dem Volk', und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn:

Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth;

Doch sie naht', abzehrend, des Lebens Ziel', und auf einmal

Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau.

Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild

Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon

Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend

Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung

So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner.

Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar

Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend,

Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin.

Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens

Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen;

Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in's Antlitz!

Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt' ihr das Kissen,

Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt,

Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend.

Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth:

»Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen --

Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr' ich sie mündig

Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten!

Rastlos sucht dein Geist nur Müh' und Arbeit: die Tag all'

Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben

Nach dem erkorenen Ziel', und die Ruh' erquicket dich nimmer.

Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher;

Zogst auch jetzo hinauf g'en Lilienfeld in dem Waldthal

Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr

Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that.

Weh', und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du

Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn,

Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset,

Schreien nach dir -- umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht!

Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht

Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker;

Führest den Frieden zurück' in die sturmerschütterten Gauen

Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark,

Deinem Geschlechte zum Ruhm -- zum Sitz' unendlichen Segens?«

Jener entgegnet' ihr sanft: »Nicht also gedacht, und gesprochen

Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren,

Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen

Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost

Oft mit dem Hauche des Mund's und den zartgestalteten Fingern,

Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad'liger Sitte.

Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen

Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du,

Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers:

Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen,

Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen

Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen -- zu rächen

Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus,

Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen

Nur, entreiß' ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens

Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt' ich in's Lager

Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht!

Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey

Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben,

Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt.

Mög' er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen

Mir zur Freud', und den Kindern zum Glück', auf immer und ewig!«

Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn;

Winkt', und reicht' ihr, zum Scheiden, die Hand.

Durch quellende Zähren

Sah'n sie lang' einander in's Aug': die Zitternde sank ihm

Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm.

Angst ergriff das Volk, und ihr' Erzeugten verhüllten,

Weinend, das Aug': sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg.

Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend,

Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter:

Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen,

Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal!

D'rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt,

Führt' er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber:

Denn nicht wollt' er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten,

Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger.

Außer dem Stubenthor naht' ihm mit eilenden Schritten

Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands

Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung

Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath.

»Herr,« so sprach er ihm leis' in das Ohr, »nicht wollest du Hugo's,

Deines Getreu'n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings

Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers!

Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen;

D'rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann, -- wie ein Kind fast

Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens;

Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern;

Schaue noch scharf in die Fern', und mir entgehet der Laut nicht,

Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen!

So verkünd' ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen

Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner

Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern,

Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang,

Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau,

Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt,

Listigeröffnet die Thür', und gehäuft unzählig die Waffen:

Sie zu vertrau'n der würgenden Faust verruchter Gesellen.

Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram,

Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus

Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen.

Solches erwäg', o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!«

»Horch,« so gab ihm der Kaiser zurück, »der Huth in der Festung

Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer

Heute noch, die, so heiß' es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt!

Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest' und die Hofburg;

Doch du schwinge dich hurtig auf's Roß, und reite g'en Theben,

Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs

Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse,

Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer'n Magyaren.

Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh'n,

Bis von dem Kahlenberg', in dem mitternächtlichen Grauen

Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann

Eil' er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge

Sie in dem trocknen Geröhr', an dem Weidenbache vor Marchek.

Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen

Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.«

Hugo vernahm das Wort -- nicht zweimal braucht' er's zu hören:

Denn er hob sich, behend', im kreisenden Schwung in den Sattel,

Jagte davon -- ihm nach der rüstige Knapp', und in Säulen

Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg.

Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern

Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen,

Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann,

Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten:

»Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung

Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten

Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren,

Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath

Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!«

Sagt' es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest' ein,

Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker.

Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer,

Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß

Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath,

Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld,

Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert,

War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen;

Doch mißlang ihm oft sein Müh'n und Streben, und ach, erst

Kündet' ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins

Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten,

Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel

Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder:

Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen.

Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte,

Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen,

Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt' er ihm Freud' in dem Herzen:

Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause

Pilgern ein frommes Gelübd', und, wie es nun lösen?

-- nicht wußt' er's.

Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold's

Außen- und Inselstadt[7] mit dem Land' und der Vest',

in dem Grund fußt,

Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen.

Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau,

Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland,

Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen

Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners.

D'rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen,

Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis

Reihten, dem wachsenden Mond' an dem Sternenhimmel nicht ungleich,

Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt.

Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld

Links an der Straß', und rechts sein Heer das Lager bezogen,

Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte

Beifall den Amtnern[8] zugleich, und den muthbegeisterten Kriegern:

Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter,

Endlosdauernd im Ruf: »Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!«

Allen voran stand dort der Hauf' östreichischer Krieger,

Ober'n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen,

Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer,

Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm', und dem Schilde bewehret,

Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen.

Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner

Stand an jene gereiht, und, wahrt' auch der Helm nicht das Haupt ihm,

Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd' es, den Degen

Schwingend, durchbrechen im Sturm,

und erringen den blutigen Kampfpreis.

Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad'ligen Feldherrn,

Riefen die Völker in's Feld: dreitausend erlesene Reiter.

Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben

Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht;

Dies' empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg,

Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld,

Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers;

Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen,

Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust

Auf der Schulter -- die Pfeil', im Bündel geschnürt, auf dem Rücken

Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild' auf der Fährte die Jäger,

Fernhin sah'n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten.

Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt

Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold.

Sieh', und schon gewahrt' er das Ziel! Die sinkende Sonne

Stand an dem Abendthor', umhüllt von rosigem Schimmer.

Heller glüht' ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar

Flammt' empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber

Winkt' ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis.

Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen

Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung.

Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen

Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten;

der Hals und der Rücken

Schäumt', und ihm wankten die Füß',

da er stand vor dem Zelte des Königs.

Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses

Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit

Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau

Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen

Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren:

Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend

Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren.[9]

Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen;

Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren

Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe

Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus,

Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren

Im Besitz', errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen.

Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren

Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog,[10]

Nach entsetzlichem Mord' und Gewürg' unzähliger Christen,

Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau,

Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz,

Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt,

Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur.

Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen

Dienet' er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit

Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands

Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt' er das Herz noch.

Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun' in der Feldschlacht.

Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug,

Braus't er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen

Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie,

So er den Gegner in's Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen.

Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder,

Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel;

Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans

Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen.

Sieh', und hatt' er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder

Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel;

Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel

Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe

Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels;

Beugt sich nieder im Flug', und hebt sie empor von dem Boden,

Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen.

Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick' aus dem Sattel,

Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg' an.

Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm

Gleich, der himmelan braus't, erfüllt' ein dumpfes Gemurmel

Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel

Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern.

Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber

Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll'

und dem Wiehern des Lastthiers:

Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld

Breitgehörnetes Rind und der Ross' unendliche Mehrzahl,

Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling,

Aber, von feurigem Muth' erfüllt, und dauernder Kraft voll,

Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten

Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen.

Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres

Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern,

Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich

Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend.

Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3) · 第 3 / 10 题