[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen.
Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch.
Neue soziale Erscheinungen.
Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß
zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der
die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte.
Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu
einer Frauenorganisation führte. Die „Frauenzeitung“, die damals ein
Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben
Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die
Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der
Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters
war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an
Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen
hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung.
* * * * *
Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe,
die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen
große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg
bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der
eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen
folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die
niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn
betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die
Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24.
März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den
Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der
Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war,
mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete
in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt
war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der
Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der
Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen
Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen.
Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die
Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die
Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen
Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich
mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse
sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben.
* * * * *
„Leipzig, den 11. Mai 1865.
Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M.
Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage,
auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine
Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen,
muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an
den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über
die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin
arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen
Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu
wenden.
Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut
über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man
nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst
erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer
Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und
Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten.
Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde
mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma
Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der
Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich
nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde,
weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind.
Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu
Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine
ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat
war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun
würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den
Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so
unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit
(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von
jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde.
Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich
merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die
Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung
einfach nicht wolle.
So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission
kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie
habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den
Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es
denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen
erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man
keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte
Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen
bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es
den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte
tun möchten.
Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere
Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich.
Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im
Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man
beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt.
Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben.
Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie
die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung
machen.
Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer
Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach
einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu
treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber
bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im
Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie
die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit
den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der
Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die
Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und
abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe
der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur
Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der
Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben....“
* * * * *
Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai:
„Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine
Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine
vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der
Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und
beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht
etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch
allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem
Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als
Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben.
Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als
Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht.
Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu
bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war.
Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals
an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die
Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv
würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch
das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß
die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale
mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und
diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen.
Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß
ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen
genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin:
die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit
gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt
worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen
durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um
Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß
allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig
vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden....“
* * * * *
Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik
ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der „Sozialdemokrat“
Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die
Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese
erlangte er nicht.
Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort:
„Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß
ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig
aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und
zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des
ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe,
werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen „Deutschen
Allgemeinen Zeitung“ ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner
Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen
dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu
stellen.
Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch
verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener
Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung
abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte.
Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen
Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir
ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche
Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v.
Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache
zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die
Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe
erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission
anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei
er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man
sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser
letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie
vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht
die rechte war.
Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit,
zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei
nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in
Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies
dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen,
mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend,
als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes
begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf
aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit
vormittags 1/2 10 Uhr.
Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das
mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe
sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre
Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals
zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das
geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der
Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet.
Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen
Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen
zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns
nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese
abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen.
Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht
zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive
der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in
Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man
doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu
wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die
feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch
aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt
würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit
Geldsammlungen zu unterstützen.
Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren,
als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir
dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich,
sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des
ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen
genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen
Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben.“
* * * * *
Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an
Sonnemann, in dem es hieß:
„Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die
Buchdruckerangelegenheit zu berichten.
Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission
auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte
diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging
darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale,
um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete
und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei,
indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben
würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der
Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser
Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale
lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession
in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen
wollten.
Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich
sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den
Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung
mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für
notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die
Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit
diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen
vorzulegen und mir Bericht zu erstatten.
Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man
motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht,
weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als
Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst
hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem
Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze
Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen
könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte
sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er
abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit
noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite
dazu auf.
Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich
beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle
anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen,
welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg
davonträgt.
Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen
Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit
dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von
auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen
einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern.
Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei
mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus
nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann
die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls
ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die
Maßregelungen ins Werk gesetzt hat.“
* * * * *
In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in
einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles
beim alten.
Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder:
„Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts.
gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen
Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die
Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser
ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr
schwer werden.“
Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem
Verleger der „Allgemeinen Arbeiterzeitung“ in Koburg beständig in
Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich
wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die
Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in
erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten.
Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete:
„Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts.
über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden
dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten.
Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann,
wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich
durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen
Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last
der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und
ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen
von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch
genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich
gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr
erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu
schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte....
Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche
Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der
vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war.
Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke,
dem Redakteur des „Korrespondent“ (der 1863 gegründet worden war).
Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband
zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen
Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über
Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu
lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren.
Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der
größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des
Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell
auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine
Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch
Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die
Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die
Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls
zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel
nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen,
Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im
alleräußersten Falle anzunehmen.“[5]
* * * * *
Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer
Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung,
als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau
der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in
den Streik eintraten.
In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni:
„Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum
Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten,
konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich
deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang
bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die „Neue
Frankfurter Zeitung“ zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden
können.
Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden
die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen.
Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen,
obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter
Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3
Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die
Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im
Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen.“
* * * * *
Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes:
„Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung
an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht
aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen
sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu
opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen
jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich
geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so
wäre es für den Augenblick genug gewesen.
Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es
den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur,
ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für
sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt
ausgesprochen.“
* * * * *
Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die
Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer
Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die
Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen
zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten
entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu
vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des
Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs
wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die
Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was
ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es
meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten.
Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks
veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses
auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der
man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund
dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten
Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man
selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun
hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts
weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die
Sympathie für diese nicht.
In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um
gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und
Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten
Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter,
sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne
Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das
Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen
Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte
guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns
gemeinsame Sache.