In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefährte, nachdem ich

ihm mit dem Rest meines Geldes nach Kräften ausgeholfen, weiter nach

Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich

ist Salzburg nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands,

denn damals gehörte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im

Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer

1859, der wunderbar genannt werden mußte. Der Sommer 1859 war aber auch

ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und

Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien

entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders

interessant, als Massen Militär aller Waffengattungen und Nationalitäten

singend und jubelnd nach Südtirol zogen. Einige Monate später kamen die

Armen niedergedrückt als Besiegte zurück, gefolgt von Hunderten von

Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunächst aber herrschte

siegesfreudige Zuversicht. Ich war über die politischen Ereignisse so

aufgeregt, daß ich an Sonntagen, für andere Tage hatte ich weder Zeit

noch Geld, nicht aus dem Café Tomaselli ging, bis ich fast alle

Zeitungen gelesen hatte. Als Preuße hatte man zu jener Zeit in

Oesterreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Oesterreich zu

Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter

Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu

verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom

Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel

einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jäger aus Wien,

Nieder- und Oberösterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr

Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem

Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber

die Antwort: daß sie Fremde nicht brauchen könnten, nur Tiroler fänden

Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschloß ich

mich, als jetzt verlautete, daß Preußen mobil mache, mich in der Heimat

als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er

möge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger

Zeit kam auch das Geld — sechs Taler — an, aber jetzt bedurfte ich

desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede

von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen

leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nächsten Frühjahr nach

Wetzlar reiste.

Die Löhne waren auch in Salzburg — wie überall in der Drechslerei —

schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im Spätherbst den ersten

Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als gewissenhafter Mensch sparte

ich nicht nur, ich darbte, um die wöchentlichen Raten zahlen zu können.

Dabei drückte mich noch eine große Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich

fürchtete, als Jüngster in der Werkstatt nach Neujahr die Kündigung zu

erhalten. Das hatte die Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als

ich nun ihr und dem Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die

tröstliche Versicherung, daß ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit

bleiben könne. Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkürlich dachte

ich an den Neujahrsempfang, den der österreichische Gesandte, Baron von

Hübner, das Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt

hatte, bei der die Ansprache Napoleons an Hübner als die Einläutung zum

italienischen Krieg angesehen wurde.

In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit über 200

Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast

alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den

schon oben angeführten Gründen. Präses des Vereins war ein Dr. Schöpf,

Professor am dortigen Priesterseminar. Schöpf war ein junger,

bildschöner Mann mit einem äußerst liebenswürdigen und jovialen Wesen.

Er soll dem Jesuitenorden angehört haben. Schöpf wußte natürlich, daß

eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehörten.

In einer Vereinsversammlung erklärte er eines Tages offen, daß ihm die

Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleißigsten Besuchern

des Vereins gehörten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark

besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes

Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr.

Schöpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn öfter Sonntag

nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich über die Zustände in

Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er überraschend freie

Anschauungen äußerte.

Weihnachten rückte heran, und es sollte wie üblich vom Verein eine

Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine

Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener

Gelegenheit Vorträge zum besten geben. Außerdem sollten nach Dr. Schöpfs

Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen

Volksstämmen angehörten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als

Repräsentant der Rheinländer hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht

„Die Zigarren und die Menschen“ vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr.

Schöpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei

diesen Uebungen passierte mir, daß ich fast immer einen Fehler im

Schlußreim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber

nicht zum Sinne des Gedichtes paßte. Dr. Schöpf warnte mich

nachdrücklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der

Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft

bei! Der Fürstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine

Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behörden. Endlich kam

auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich

Dr. Schöpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst

versprach. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu

flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den

Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schöpfs Arm

auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglück war aber

geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im

übrigen verlief die Feier sehr gemütlich, und ich ging, ohne Schaden an

meiner Seele genommen zu haben, vergnügt nach Hause.

Im März ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag

ist. St. Josef ist, wie ich schon anführte, der Schutzpatron der

katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schöpf

eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, daß

sie an diesem Tage vollzählig zur Kirche gehen möchten. Er wisse wohl,

äußerte er, daß junge Leute sich gern darum drückten, aber diesmal gehe

es nicht, man dürfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin — die Witwe

des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte —, die viel für den

Verein tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er

schmunzelnd hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein

Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hügel mitten in der Ebene, eine

gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten

der Kasse ein Faß Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher,

hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die

Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und

vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der

der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In

Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die überreich geschmückte

Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fässer wurden rasch geleert, gar

mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurück. Der Zug war

aufgelöst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg

kam, weiß ich bis heute nicht.

Dr. Schöpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rückweg an. In

der Stadt angekommen, führte er uns in ein Café, in dem wir eine Partie

Billard spielten. Es war für mich die erste und letzte, die ich in

meinem Leben spielte. Natürlich verloren wir zwei, aber Dr. Schöpf

zahlte.

Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreißig Jahre später

schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in

dem es hieß: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser

Gelegenheit mir einen Gruß vom Domherrn Dr. Schöpf in Salzburg

überbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert

worden, so schicke er mir brieflich dessen Gruß. Wieso Dr. Schöpf sich

meiner erinnerte, ist mir ein Rätsel geblieben. Er konnte unmöglich

annehmen, daß der neunzehn- bis zwanzigjährige junge Drechslergeselle —

wenn er sich überhaupt dessen entsann — der spätere sozialdemokratische

Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck hatte ich sicher nicht

auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, daß Kollegen aus dem Zentrum,

denen ich gelegentlich meine Salzburger Erlebnisse erzählte, den

Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich Anfang dieses Jahrhunderts

nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg kam, war Dr. Schöpf einige

Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere Natur und die volle

Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt haben.

Ich will die Mitteilungen über meinen Salzburger Aufenthalt nicht

schließen, ohne noch eines Vorgangs zu erwähnen, der damals unter uns

jungen Leuten erzählt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im

Sommer König Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der

Lola-Montez-Affäre die Regierung niederlegte, in Schloß Leopoldskron, in

nächster Nähe Salzburgs. Der König, ein hoch aufgeschossener Herr, der

im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem großen, etwas ramponierten

Strohhut bedeckt und mit einem starken Krückstock in der Hand, öfter an

unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs

allein Spaziergänge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen

solchen und sieht, wie ein Knabe sich abquält, Aepfel von einem Baume

herunterzuwerfen. Der König tritt zu dem Knaben und sagt: „Schau, das

mußt du so machen!“ und schleudert seinen Krückstock mit bestem Erfolg

in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nähe liegenden

Hause die Bäuerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tür trat

und dem König, den sie nicht kannte, zurief: „Du alter Lackl, schamst di

net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!“ Der König nahm seinen

Krückstock und trollte sich von dannen. Am nächsten Morgen erschien ein

Diener und brachte der Bäuerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei

für die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre

Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie höchst

überraschende Antwort: der König Ludwig.

Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernkönig des Obstfrevels bezichtige,

will ich wahrheitsgemäß hinzufügen, daß auch ich in dieser Beziehung

nicht ohne Fehl und Sünde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im

Mirabellengarten, der dem Fürstbischof gehörte, die es mir angetan

hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergängen in dem Garten der

Versuchung nicht widerstehen, einige der Früchte mir anzueignen. Ich

nehme an, dem Fürstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir

bekamen die Früchte vorzüglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden,

als ich las, daß der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten

Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geäußert habe:

„Die Natur gibt alle Güter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat

alle Dinge geschaffen, _damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei_.

Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur

die _ungerechte Anmaßung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte.“

Konnte mein Tun glänzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden?

Zurück nach Wetzlar und weiter!

Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener

Zeit im südöstlichsten Bayern noch nicht, außerdem reiste damals der

Handwerksbursche am billigsten zu Fuß, wenn er sich ein bißchen mit aufs

Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages

bei stürmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hände in

den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht

gezogen, auf der Straße über den fränkischen Landrücken stapfte, wurde

ich plötzlich am Arm gepackt und in den Straßengraben geschleudert. Als

ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir

entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und

beiseite geschleudert hatte. Bei dem stürmischen Wetter hatte ich das

herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehört.

Um Mitte März kam ich nach mehr als zweijähriger Abwesenheit wieder in

Wetzlar an.

Bei der Militäraushebung wurde ich wegen allgemeiner Körperschwäche um

ein Jahr zurückgestellt. Dasselbe passierte mir die nächsten Jahre bei

der Gestellung in Halle a.S., so daß ich schließlich als

militäruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine

Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jüdischen

Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als

aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner

Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und

mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden,

„da zog es mich mächtig hinaus“, wie es im Handwerksburschenlied heißt,

und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu

folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu große Märsche

machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war

mir zu jener Zeit keiner über.

Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und

Sachsen kennen zu lernen, und wäre es auf mich angekommen, ich hätte

damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in

mehr als einer Richtung entscheidend für meine ganze Zukunft. So

entscheidet sehr oft der Zufall über das Schicksal des Menschen.

Ich möchte hier einschalten, daß ich von dem Satze: der Mensch ist

seines Glückes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den

Umständen und Verhältnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln

nötigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig

bestellt. In den meisten Fällen kann der Mensch die Konsequenzen seines

momentanen Handelns nicht übersehen; er erkennt erst später, zu was es

ihn geführt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder

umgekehrt, würde ihn in ganz andere Verhältnisse gebracht haben, die

wiederum bessere oder schlechtere sein könnten als jene, in die er auf

dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen

Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm

aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum

Bewußtsein, weil ihm die Möglichkeit des Vergleichs fehlt. Der

Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die

weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf

gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil

ungünstige Umstände ihr Emporkommen, das heißt die richtige Anwendung

und Ausnutzung ihrer persönlichen Eigenschaften verhinderten. Die

„glücklichen Umstände“ geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im

Leben. Für unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten,

ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstände günstig, so

muß allerdings die nötige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein, sie

auszunutzen. Das kann man als das persönliche Verdienst des einzelnen

ansehen.

Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thüringen erreicht hatten,

und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Füße hatte,

hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei

den Bewohnern öfters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach,

Gotha und kamen nach Erfurt. Hier übernachteten wir zum ersten Male in

der Herberge eines christlichen Jünglingsvereins. Aber nur einmal und

nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters

widerte mich an. Am Abend mußten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett

gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, öffnete sich die Tür zu

einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tönte uns entgegen, die ein

glatt gescheitelter, hellblonder Jüngling auf einem Harmonium spielte.

Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen

würden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem

Gesangbuch einen Vers Zeile für Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir

unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in

einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In München zum

Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein

gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen

zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es

seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, weiß ich

nicht.

In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amüsieren. Wir

brüllten wie Löwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann

ging's höher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmäßig unsere

Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu

Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und

schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden

junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften

vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht

zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepunkt, als in

der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Württemberg im

unverfälschtesten Schwäbisch einige humoristische Bemerkungen machte.

Erst spät nahm der Lärm ein Ende. Nächsten Tages marschierten wir nach

Weimar. Hier erklärten meine Begleiter, nicht weitergehen zu können,

denn alle drei hatten sich die Füße wundgelaufen; sie wollten mit der

Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war

sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein

Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mußte ich

mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und

frugen uns durch nach der Herberge in der Großen Fleischergasse. Als wir

nächsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller

Frühjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig

ungemein. Ich hatte auch Glück und bekam Arbeit, und zwar in einer

Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich später

selbständig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden später in Leipzig

ein, so wäre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied

hier wieder „ein Augenblick des Glückes“ über meine Zukunft. Zum

zweitenmal arbeitete ich in einer größeren Werkstatt. Es wurden fünf

Kollegen und ein Lehrling neben mir beschäftigt. Meister und Kollegen

gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen ließ. Was mir

aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten,

und das an Quantität und Qualität äußerst mangelhafte Mittagessen.

Frühstück, Vesper und Abendbrot mußten wir uns selbst stellen. Die

Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer

geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu

rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie

sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei

wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere

Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe

einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich

eben aus der Sache selbst. Der Meister war äußerst betreten, er

erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen

ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als

wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten

Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung

von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er

behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für

unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten

wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der

Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch

später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht

eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu

bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte.

Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause.

Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben.

Die Uebernahme der Regentschaft in Preußen durch den Prinzen Wilhelm von

Preußen, den Bruder König Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische

Krieg hatten das Volk mächtig aufgerüttelt. Der Druck der

Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen.

Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch

zu regen begann, nachdem sie während der Reaktionsjahre ihre ökonomische

Entwicklung nach Kräften gefördert hatte und sehr viel reicher geworden

war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten

mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders

seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat.

Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschäften,

sie wollte nicht nur in Preußen parlamentarisch herrschen, in ihrer

großen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter

preußischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu

einem von einheitlichen Grundsätzen geleiteten Staatswesen zu machen,

wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche

Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die

Gründung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck,

dessen Präsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des

altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten

schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das veröffentlichte Programm

des Prinzregenten hätte freilich große Hoffnungen nicht gerechtfertigt,

wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den

Revolutionsjahren hätte schützen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie

sah eine neue Aera hereinbrechen.

Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein

eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttäuschungen er auch im Laufe

der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu

kräftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst

hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm

scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und

das blinde Vertrauen, das er solchen Persönlichkeiten entgegenbringt,

hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im

vorliegenden Falle wurden die Blüten seiner Hoffnungen bald genug

geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand

zunächst das Bedürfnis einer gründlichen Militärreform auf Kosten der

bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte

sich die geltende preußische Heeresorganisation während und nach der

Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewährt. Die

Verwirklichung seiner Pläne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie

verstießen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 über

die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; außerdem wurde in der

neuen Organisation die Verlängerung der Dienstzeit von zwei auf drei

Jahre und für die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt.

Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da

versagt, sie fühlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne

weiteres für reaktionäre Handstreiche zu haben, und für einen Krieg, der

nicht populär war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es

aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation

nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Als aber die

Reorganisation ohne die ausdrückliche Zustimmung der Kammer, die,

kurzsichtig genug, zunächst die Mittel provisorisch bewilligt hatte,

definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten

Kammer die Mehrheit hatten, aufsässig zu werden. Allein der Prinzregent

ließ sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den

Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstärkten die Opposition.

Obgleich die Regierung durch Gewährung liberaler Konzessionen

(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die

Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten für

die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im März 1862 die Auflösung

der Kammer, die aber das Resultat hatte, daß bei den Neuwahlen im Mai

dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen

waren auf elf Mann zusammengeschmolzen.

Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der König, der keinen Rat

mehr wußte, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preußischer Gesandter

bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war — September 1862 —, an die

Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das

war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten

Reaktionär, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt

zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Höhepunkt.

In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz

Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der

Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf

Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich

sollte Preußens Rivale, Oesterreich, in Rücksicht auf seine starken

nichtdeutschen Bevölkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrängt

werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland

bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht

ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Großdeutsche nannten.

Diese Gegensätze beherrschten die Kämpfe für die Lösung der deutschen

Frage in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Daneben ging die

sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preußen die Mittel-

und Kleinstaaten eine Vertretung in der künftigen Reichsbildung

forderten, die aus einem dreiköpfigen Direktorium bestehen sollte.

Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die große Bedeutung,

die sie noch erlangen konnte, veranlaßt die weitsichtigeren Liberalen,

beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese für ihre

politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fünfzehn Jahren

in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der

sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis

Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die

liberale Bourgeoisie, ließ es den Liberalen ratsam erscheinen, womöglich

ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom

Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Gründung von Arbeitervereinen

und förderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlässig erscheinende

Personen zu bringen suchten.

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit

erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals

noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. Drei

Viertel der gewerblichen Arbeiter gehörten dem Handwerk an. Mit Ausnahme

der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der

Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den

handwerksmäßig arbeitenden Gesellen mit Geringschätzung angesehen. Die

Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein

Stigma, das noch sechzehn Jahre später der Vertreter Deutschlands auf

der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen

Fabrikarbeit aufdrückte. Für den Handwerksgesellen galt der

Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden,

statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persönliche

Herabsetzung. Zudem hatte die große Mehrzahl dieser Gesellen und

Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu

können, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der

sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische

Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fünfziger Jahren, das

heißt in den Jahren der schwärzesten Reaktion groß geworden, in

denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine

Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder

Handwerkervereine, wie man sie öfter nannte, waren nur ausnahmsweise

vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen

Aufklärung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten

deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines

Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des

Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit

Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus

waren aber wieder uns Jüngeren zu jener Zeit vollständig fremde

Begriffe, böhmische Dörfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in

Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider

Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehört, auch Weitlings

Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Daß es auch Arbeiter

gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx'

und Engels' Tätigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas

wußten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen.

Aus alledem ergibt sich, daß die Arbeiterschaft damals auf einem

Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besaß, noch

wußte, daß es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strömten die

Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortführer

gründen halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit

erschienen.

Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem

Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in

Sachsen, aber auch im übrigen Deutschland. Es entstanden in Orten

Vereine, in denen es später viele Jahre währte, bis die sozialistische

Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frühere Arbeiterverein

mittlerweile eingegangen war.

In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als

einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages

las ich in der demokratischen „Mitteldeutschen Volkszeitung“, auf die

ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte,

der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die Frauenrechte

Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung

eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im

Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in einem

Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt.

Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche

Versammlung, der ich beiwohnte. Der Präsident der Polytechnischen

Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte,

daß man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der

Polytechnischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf

Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet

würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der

Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von

seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust

gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und

verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein

müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht

eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht

einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren

so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so reden zu

können.

Der Verein wurde gegründet, und obgleich die Opposition ihren Zweck

nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an

jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt.

Vortragende für wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So

neben Professor Roßmäßler, Professor Bock — der Gartenlaube-Bock und

Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen —, die

Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr.

Burckhardt und andere. Später folgten Professor Biedermann, Dr. Hans

Blum, von dem die Sage ging, daß er während seiner Studentenzeit sich

auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe,

Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert

Schweichel. Einer der fleißigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr.

Dammer, der später der erste von Lassalle eingesetzte Vizepräsident des

Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im

Englischen, Französischen, in Stenographie, gewerblicher Buchführung,

deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung

gegründet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein großer Turner vor dem

Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei.

Fritzsche sang vorzüglich zweiten Baß, ich ersten, den bekanntlich jeder

singt, der keine Singstimme hat.

An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigköpfiger Ausschuß, in

dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Roßmäßler unterlag gegenüber

dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmäßig weiter.

Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede,

die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei

der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewählt. Meine

Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im

Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als

ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen,

man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist

denn der, der so auftritt. Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für

die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die

Bibliothekabteilung und die Abteilung für Vergnügungen gewählt. In

beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die

wieder der Ausschuß vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen

Kampf hervor. Viermal wurde gewählt, ohne für einen Kandidaten ein Mehr

erzielen zu können. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schließlich

unterlag wieder Professor Roßmäßler gegen Architekt Mothes mit einer

Stimme, weil dieser sich selbst gewählt hatte. Die Opposition trug jetzt

den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand.

Der Verein hatte damals über fünfhundert Mitglieder. Die Opposition

stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein

politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschließen.

Nach einem heftigen, vielstündigen Redekampfe, an dem auch ich mich

beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der

Stimmen. Hätte die Opposition geschickter operiert, hätte sie verlangt,

daß zeitweilig politische Vorträge über Zeitereignisse gehalten und

darüber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie hätte glänzend

gesiegt. Aber daß man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte,

der für die große Mehrheit der jüngeren Mitglieder das größte Interesse

hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchführung

und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung

hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemüht, mich zu ihnen

hinüberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen.

Die Opposition schied nunmehr aus und gründete den Verein Vorwärts, der

im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal

war der in den Reaktionsjahren gemaßregelte ehemalige Pfarrer Würkert.

Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklärung zu verbreiten und dabei

auch sein Geschäft zu machen. Er veranstaltete allwöchentlich Vorträge,

die er selbst hielt, über alle möglichen Thematas, wie die Geburts- und

Todestage berühmter Männer, politische Tagesereignisse usw. An solchen

Abenden war sein Lokal gedrängt voll. Da machte es denn einen

eigenartigen Eindruck, wenn Würkert, der soeben noch unter den Gästen

sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf

dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal führte,

und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz,

sondern vielmehr in Ergänzung der Zusammenkünfte im Hotel de Saxe stand

die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brühl, ein damals eben

gebautes großes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war.

In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der

Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter

der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis

verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Oefter traf

beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am

Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem

Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen

hatte. Zu den „Verbrechern“ gehörten weiter Dr. Albrecht, der in

unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters,

Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw.

Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem

Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften.

Die Leiter des Vereins Vorwärts begnügten sich aber nicht mit ihren

Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und

Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen

Arbeiterfragen und Tagesfragen erörtert wurden. Diese Erörterungen waren

noch sehr unklar. Man diskutierte über eine Invalidenversicherung der

Arbeiter, über die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland,

über den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, daß dieser

den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die

Arbeiter beitreten könnten. Weiter forderte man das allgemeine

Stimmrecht für die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich

der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines

allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die

aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der

Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in

den Berliner und Nürnberger Arbeiterkreisen auf.

Um die Vorbereitungen hierfür zu treffen und weiter nötig werdende

Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in

das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen

Arbeitern auch ich gewählt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die

von unserer Seite ausgingen, berief die örtliche Leitung des Deutschen

Nationalvereins öfter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von

auswärts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die

deutsche Frage, die Gründung einer deutschen Flotte, der mittlerweile

sehr akut gewordene preußische Verfassungskonflikt, die

schleswig-holsteinsche Frage usw. erörtert wurden. Man ersieht schon aus

der Aufzählung dieser Thematas, daß das politische Leben in Leipzig in

jener Zeit ein außerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein

sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen

Volksversammlungen waren auch die Erörterungen über die

Verfassungszustände in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen,

Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg

und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt)

waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte

sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der

preußischen Regierung trat.

Es war richtig, in den erwähnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der

Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrüche und Oktroyierungen aller

Art vorgekommen, aber nicht minder in Preußen. Außerdem hatten diese

Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Tätigkeit nur unter dem

Schutze Preußens und Oesterreichs — die hierin ein Herz und eine Seele

waren — ausüben können. Gleichwohl behandelten die Liberalen der

verschiedenen Schattierungen in ihren öffentlichen Angriffen die Klein-

und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preußen. Und doch war

es Preußen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den

Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionäre

nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung

Gottfried Kinkels zu lebenslänglichem Zuchthaus, an die Erschießung von

Adolf v. Trützschler in Mannheim und Max Dortü in Freiburg i.B., an die

Erschießungen in den Kasemattengräben in Rastatt, an die furchtbaren

Grausamkeiten, die das preußische Militär nach der Niederwerfung des

Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionären begangen

hatte. Auch waren die Zustände Preußens in den fünfziger Jahren unter

der Herrschaft des Systems Manteuffel so, daß sie jeden halbwegs

freidenkenden Mann zur Empörung aufstacheln mußten und Preußen in

Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im

Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in

Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch

unerfahrener junger Mann gelten mußte, fiel dieses Messen mit zweierlei

Maß bald auf. Und dieses wurde namentlich von den sächsischen Liberalen

und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v.

Beust, das dieser mit Zustimmung des Königs Johann in Sachsen inszeniert

hatte, wegen der volksfeindlichen Maßnahmen und Bedrückungen aller Art

und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen

Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und

mit Recht verhaßt. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286

Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen

schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42

der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu

lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt“ wurden. In der Strafanstalt

Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter,

eingesperrt worden; das Landesgefängnis Hubertusburg hatte 70 politische

Gefangene beherbergt.

Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel,

Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten

Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war

wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus

verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er

11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht — er war mit dem Rechtsanwalt

Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide

sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen —, veröffentlichte er

1865 über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt:

Die Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in

Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war

einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300

Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht

hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts

verdächtigt wurde.

Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre

später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl

mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus

zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen

sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa

einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln

befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der

Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den

Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt,

sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der

Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der

ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch

hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische

Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im

sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen,

gleichen und direkten Wahlrechts stimmte.

Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse

August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland

brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v.

Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach

Wien, um ihm Preßdienste zu leisten.

Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen

in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe

dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu

schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und

Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des

deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem

Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege,

aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann

werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von

Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die

Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie

die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die

Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am

heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut

werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in

manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in

Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung

gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu

ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und

Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen

angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal

der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen,

wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von

ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen

Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes

Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war

ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei,

zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal.

Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen sein —

die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode

gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich

dutzendweise empfangen haben —, denn er hat später öffentlich

zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal

Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet

worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle

sein Haus bestellt.

Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der

fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß

ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene

Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene

preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung

Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum

Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog

entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit

angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen,

hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum

Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: „Minister

sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem

Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach

Ihnen an die Reihe kommen.“ Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm

diese Dinge ausreden, — sagte Bismarck —, ich tat aber das Gegenteil,

weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann

kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich

vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen — aber wenn sie eintreten

sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle

einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er

sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und

Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte,

was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man

brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm

gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten,

einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem

Schlachtfelde.

„Als ich“ — erzählte Bismarck weiter — „derart den König als Soldaten an

sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und

ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin

hinein.“

Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn

sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die

hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum

Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen

einen heillosen Schrecken ein.

In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der

Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte

sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen

Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals

großdeutschen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, in seine Dienste,

obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied

gedichtet hatte:

Wir färben rot, wir färben gut,

Wir färben mit Tyrannenblut!

Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß Braß Liebknecht von London

und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die „Norddeutsche

Allgemeine Zeitung“ berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Braß im

Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu

gewinnen, dessen großes historisches Wissen und gewandte Feder er sich

dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den

Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter für den preußischen

Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz

nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus.

Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er

Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die

bestehenden Klassengegensätze für sein System auszunutzen, und zwar

sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich

bald, daß auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem

Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in

diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen

Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten

Mann erscheinen ließen.

Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls

beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß, und zwar nach

Berlin einzuberufen. Das veranlaßte das Leipziger Komitee, sich mit den

leitenden Persönlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu

setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu

erzielen. Man wünschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig

als Kongreßort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und

Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als

Mitglied des Komitees beiwohnte.

Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der

Hainstraße statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er führte aus, daß die

Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu

erwarten hätten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der

gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe

die Gewißheit — und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als

Agent Bismarcks —, daß Bismarck für die Einführung des allgemeinen,

gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wäre, die

nötigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Gründung einer

Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben.

Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der

Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der

Fortschrittspartei. Die Ausführungen Eichlers riefen eine stundenlange

Debatte hervor, deren Endergebnis war, daß das Komitee, mit Ausnahme

Fritzsches, sich gegen Eichler erklärte. Es fällt auf, daß Eichler Ideen

propagierte, wie sie sechs Monate später Lassalle in seinem

Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur daß Lassalle

einen demokratischen Staat als Begründer der Produktivassoziationen mit

Staatshilfe forderte.

In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon

im April jenes Jahres öffentlich einen Vortrag „Ueber den besonderen

Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des

Arbeiterstandes“ gehalten hatte, der später und bis auf den heutigen Tag

unter dem Titel „Arbeiterprogramm“ erschienen ist. Auch hatte er in

demselben Jahre seine Vorträge über Verfassungswesen gehalten. Daß diese

Vorgänge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, daß keiner von uns

Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse über die

Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen

„Mitteldeutschen Volkszeitung“, und was diese nicht brachte, blieb uns

fremd. Es waren eben noch rückständige Zeiten.

Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell für die

Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben,

nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem

Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener öffentlich propagiert wurde.

Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung

ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden,

so kann es auch durch eine königliche Verordnung wieder beseitigt und

ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr

großen Mehrzahl nicht für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime

Wahlrecht schwärmten, war diese Aussicht höchst fatal, und Herr v.

Unruh, einer ihrer Hauptführer, gab ihrer Besorgnis auch öffentlich

Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und

geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklärung,

diese Forderung sei während des Verfassungskampfes nicht opportun, erst

müsse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an

eine Aenderung des Wahlrechts denken könne. Daß zu jener Zeit die

konservativen Demagogen sich für Einführung des demokratischsten aller

Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten

Gegner desselben sind, hatte seinen zulänglichen Grund. Napoleon III.,

der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime

Wahlrecht in Frankreich wieder einführte, das die honette Republik nach

der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit

demselben ausgezeichnet gefahren. Natürlich unter obligater Einwirkung

durch die Staatsgewalten auf die Wähler. Es gab anfangs unter

sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmänner, alle übrigen

waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und

1869 auf 110 Köpfe.

Umgekehrt hatte in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen

hatte, um eine gefügige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf

oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische

Beispiel nachzuahmen.

Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften

mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, daß

Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete

und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Gräfin

Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise

getragen wurde, noch ehe Lassalle sie öffentlich formuliert hatte.

Später, als Vahlteich Sekretär Lassalles geworden war, entdeckte dieser,

welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm

Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor

Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von

Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist höchst

wahrscheinlich, daß der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den

Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe

Bismarck selbst sich damit beschäftigt hatte.[1] Klarheit über die Rolle

Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September

1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgänge zu

sprechen kam. Ich klagte damals Fürst Bismarck an, daß er jetzt die

Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals für seine

politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunächst auf den

Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im

Leipziger Komitee gemacht habe; ich führte weiter an, daß durch

Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder

des Königs) und der Gräfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in

Verbindung gekommen sei, daß seine Unterhaltungen mit Lassalle öfter

stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte

abgewiesen worden wäre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei

ihm war.

Fürst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im

Reichstag das Wort. Ich hatte irrtümlich gesagt, daß die Verhandlungen

zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt

erst im Oktober stattgefunden hätten. Daran knüpfte Bismarck an, um

nachzuweisen, daß er solche Aufträge nicht könne gegeben haben, da er

erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm

erinnerlich, _daß Eichler späterhin Forderungen an ihn gestellt für

Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, daß

Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe,

von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese hätten sich

aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf

intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des

Nationalvereins.

Damit war erwiesen, wie begründet unser Verdacht im Komitee gegen

Eichler gewesen war. Im übrigen bestritt Fürst Bismarck, daß er 60000

bis 80000 Taler für eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen.

Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo hätte er das Geld hernehmen

sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer

geäußert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr nötig erscheine, mit

oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg führen und das Geld dazu

nehmen, wo sie es finde — und jahrelang die Staatsausgaben ohne

Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen

Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den

Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses

Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut.

Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte

Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können? Lassalle habe ihn aber

außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und

liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er

sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das

deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt.

Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche

Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle

abschließen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber

monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklärung folgte im

Reichstag große Heiterkeit.

Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte,

bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und

Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenüber

eine höchst eigenartige. Gestützt auf sein sehr hohes Selbstgefühl und

seine unabhängige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von

Macht zu Macht verhandeln zu können, noch ehe er eine Macht hinter sich

hatte. Wie das Spiel schließlich ausgegangen wäre, darüber braucht man

sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August

1864, ihn als Partner beseitigte.

Bismarck bestritt ferner in jener Rede, daß zwischen ihm und Lassalle

der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und

geheimen Wahlrechts erörtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil

nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir

Lassalle maßgebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem

Staatsgerichtshof in Berlin, 12. März 1864, öffentlich sagte: „Und so

verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht

kein Jahr mehr vergehen — und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert

Peels gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert.“

Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in

seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen,

direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt,

wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen

sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben.

Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer

verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die

berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer

Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich

Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den

bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen

worden.

Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen

hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später

veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden.

Lassalle schrieb an Bismarck:

Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben,

Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit

schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses

Machtmittel! Die wirkliche „moralische“ Eroberung Deutschlands! Was die

Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte

französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig

Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr

allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte

zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen

zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im

geringsten zu zweifeln.

Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_.

Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört

werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes

mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende

Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich

unumgängliches Bedürfnis.

Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter

Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster

F. Lassalle.

Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13.

Und weiter:

Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen

gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich

schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten „Zauberrezepte“

— Zauberrezepte von der durchgreifendsten Wirkung — gefunden habe.

Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube, endlich von

entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich ebenso glaube,

diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu verschieben sind,

so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend 8-1/2 Uhr bei Ihnen

vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit verhindert sein, so

bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit bestimmen zu wollen. Mit

ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster

F. Lassalle.

Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13.

* * * * *

Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde

und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck

habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer

zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten

Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser

Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen

im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem

Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen

Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles

waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte.

Darüber später.

Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art,

wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum

Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter

stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe,

wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: „Er gebe zu, daß

er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu

Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren

Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei.“ Diesen Gedanken spann er

dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des

Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks

Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm

jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und

Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz „teile und herrsche“ sich

in der Macht zu halten.

Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas

vorausgeeilt.

Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche,

Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den

Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und

des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der

deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen

werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die

Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt „Abhaltung einer

Weltausstellung in Berlin“ gestrichen wurde. Eichler war mit anderen

Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen,

zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter

geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter

Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der

Berliner Weltausstellung entstanden.

Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die

Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer

Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der

Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer

preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für

die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar

in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der

Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich

gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das

Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den

Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich

allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter,

der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat

der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern?

Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins

sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große

nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu

verwendeten, ihre Lage zu verbessern, „die begrüße ich hiermit im Namen

des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des

Nationalvereins“.

Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie

zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder

fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab.

Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin

ging — Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich —, blieb diese über die

Gesinnung der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht

mehr im Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der

bekannten Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle

führte. Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre

Forderungen und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde

verabredet, daß der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle,

bis er (Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in

Staat und Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe,

deren Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle.

Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in

der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man

ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und

Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen

Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein

Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang

Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in

Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und

Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung

eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte

Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in

Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte

sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit

zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in

dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die

Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte.

Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher

Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger „Mitteldeutschen

Volkszeitung“ einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen

das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die

Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die

_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser

Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach,

hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die

Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene

Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat

allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen

daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten

Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei

Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte,

erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz

ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht

sich auch ohne Wunder immer wieder.

Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine

Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und

mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend,

falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich

abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der

Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich

bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und

Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme

rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich

aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr

an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für

die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach

verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen

mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr

unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee

erleichtert.

Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich.

Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein

Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins.

Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische

Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl

politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch

Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu

gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus.

Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein

Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich

keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation

konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die

gleichen Ziele verfolgte wie der unsere.

Aus meinem Leben — Erster Teil · 第 7 / 24 题