A. Bebel.
[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.]
Aus der Kinder- und Jugendzeit.
Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte
seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl
Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den
ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und
Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung
gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt
werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter
auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie
fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich
Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich
selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und
Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was
immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die
Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn,
und oft bestimmen sie sein Handeln.
Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den
Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß
ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich
sie nie.
Der Mensch ist irgendwo geboren.
Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich
in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater
war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25.
Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon.
Mein Taufschein weist nicht Deutz — das damals noch eine selbständige
Gemeinde war —, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die
Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen
Kirchengemeinde gehörte.
Das „Licht der Welt“, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das
trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände
einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und
Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner
Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern
„ein historischer Moment“, als eben draußen vor der Kasematte der
Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit „unvordenklichen
Zeiten“ das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben
haben.
Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß
damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende
Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider
die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in
demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube
beschrie — und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige
Stimme gehabt haben —, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde.
Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit
bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das
Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen
hatten.
Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst
notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen.
Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des
Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die
Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa
um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß
um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher
sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name
Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen
Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der „Facetiae“, den
Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb.
Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die
Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte
um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um
1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt
als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem
Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit
seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches
Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre
1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung
für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen.
Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen
Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser
Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten.
Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten
Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater
war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine
Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die
Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen
Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und
machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das
betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen
zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut,
vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner
Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende
25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate,
folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz
garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment)
übertrat.
Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in
erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu
jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans
Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland
den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die
Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das
Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten
zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So
sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit
Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden
Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch.
Für uns Kinder — mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer
1842 der zweite geboren worden — war das Leben in den Kasematten ein
Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher,
verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften.
Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt
waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des
Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf
der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite
mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen
Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem
Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich
saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf
der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte
die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden
Dragonerrittmeisters so „entzückte“, daß sie uns öfter für meine
musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich
litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der
Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der
Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die
selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters
gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen
Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte
übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine
Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts
und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die
den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal
von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster
hingestellt worden sein soll.
Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie
sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich
seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und
adretter Militär — ein sogenannter Mustersoldat —, aber er hatte zu
jener Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem
Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen
pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch
kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst
feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und
Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für
den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam
er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom
Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter
Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen
Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung
in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger
Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben:
„Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem
preußischen Offizier!“ Der Ausdruck „preußischer Offizier“ im Munde
eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals
und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen
Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als „Preuß“ bezeichnet. Die
Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann
Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch „Prüß“) werden.
Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr
1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in
Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten,
ein Gast zu den anderen sagte: „Was will denn der preußische Offizier
hier?“, als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld
hatte damals wie heute keine Garnison.
Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig
geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger
Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett
verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er
die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach
seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben,
weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit
in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses
dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit
gesteigerten Erregung wiederholt aus: „Tust du es dennoch, ich erstech'
die Jungen vor der Kompagnie.“ In seiner Erregung übersah er, daß er
alsdann nicht mehr unter den Lebenden war.
Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr
1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst
er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog
die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die
Möbel trug — denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend
noch nicht —, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres
Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht
zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden
Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte
es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die
Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater
noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem
schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln
zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln
angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns
wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach
dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit
starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum
Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die
Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen,
nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder
des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese
Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine
Mutter zu heiraten.
Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit
einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40.
Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der
Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später
ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner
Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im
Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die
Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt
Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der
Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in
Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein
bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine
solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit
ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen
Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat
zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen
befindlichen Briefes vermerkte: „Absender bittet um baldige Abgabe.“ Die
Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige.
Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem
Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen,
als er eben auf der Totenbahre lag.
Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger
Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten
Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die
sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der
Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen
Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles
war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche
Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen,
in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe
schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt
waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung
abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen
Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um
das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der
Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war
dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern,
kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann
und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel
Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine
grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere
Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur
des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand
darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu
legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf
wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und
die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt.
Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den
Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als
lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden
lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln
abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem.
Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze
Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen
Eindruck.
Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst
vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem
jugendlichen Alter als „Freiwilliger“ aufgenommen. Kehrten wir Kinder
aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das
eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor
Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher
im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr
bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme
waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme
und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und
unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: „Jungs, macht, daß
ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!“
Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr
abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines
Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr
strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer,
eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch
gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder
hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem
Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere
körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß
erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden
sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel.
Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht,
denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum
Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so
geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr
bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und
Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten
fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein
bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb.
Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte.
Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war
meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose
Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf
staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer
Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die
Siebensachen auf einen Wagen geladen — die heutigen Möbelwagen gab es
wohl zu jener Zeit noch nicht — und wurde die Reise nach Köln
angetreten. Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln
wurde der Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster
gesetzt, um von dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per
Wagen das Lahntal hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir
abends gegen 10 Uhr die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten,
war diese mit Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum
Ersticken. Da uns niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde
wie wir waren, uns dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie
nur müde Kinder schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir
endlich in Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier
verheiratete Geschwister — drei Schwestern und ein Bruder — meiner
Mutter lebten.
Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine
kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche
Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in
einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen
Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude
steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die
Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später
mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern
Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch
der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am
Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet.
Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später
wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger
Stadttheater bei.
Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule
verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das
Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen.
Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur
mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten
Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner
prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra
vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir
lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine
Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen
Sinn hatte — und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau,
quälte uns zu Hause nicht damit —, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich
war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht,
daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal
Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine
Strafpredigten eintrugen.
Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus
kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man
ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte.
In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch
heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine
Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens
förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel
vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten
Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen
das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür
und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand:
Guten Morgen, Herr Schwager!
Gestern war ich fett und heut bin ich mager!
Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich
derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer
lachte.
Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze
stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die
nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben,
unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in
„sittlicher“ Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen
bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte,
das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden,
an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu
dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder
seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte.
Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu
schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten
Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte.
Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die
kleinen fetten Hände zu bewundern.
Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte
Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz
einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die
Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee — der Ort Garbenheim besitzt
ebenfalls Erinnerungen an Goethe —, auf deren Felsplatten wir unsere
„Festungen“ errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem
Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste
unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum
Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige
Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich
abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der
Ferien, waren zahllos.
Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine
Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars
ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer
die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum
Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein
Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und
unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er
nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und
ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der
Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm
einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die
wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter
erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch
ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut
es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen.
Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter
war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein
vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die
Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der
spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter
Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu,
umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den
Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis
fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu
bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen
gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden,
vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden,
knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er
glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war
gerettet.
Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet,
daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder
Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen
Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen
ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und
mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir
in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen,
scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte
allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu
gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach „Berühmtheit“
folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in
lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag
eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als
Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde
die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch
von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag
bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis
zum Beginn derselben am Nachmittag im „Karzer“ zubringen mußte, also
erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen
einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter.
Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten
Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die
Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten.
Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort
eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit
anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und
einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte
das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich
glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen.
Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte,
jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt
vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden
Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen
gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der
Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an
Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen.
Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche
Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre
Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein
erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater
Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu
Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage
nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die
Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine
hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse
Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich
ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So
erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und
letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die
Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur
Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des
zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen
Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber
doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich
prämienlos ins Leben.
* * * * *
Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern.
An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige
Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15
Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr
gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns
beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet
hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer
mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt,
die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen.
Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft,
um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr
ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch
vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in
der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich
an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren
Schwager — einen Handschuhmacher — weiße Militärlederhandschuhe genäht,
das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag
konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig,
zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen
Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht
ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit
unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen
Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen,
Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte
das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine
Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer
Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch
unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu
Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die
Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten
Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas
zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß
der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer
Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn
Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken
verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend
nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere
Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das
Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es
war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung,
von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu
arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den
Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld
gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide
leidenschaftlich liebten.
Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam
vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich
war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu
erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr
Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein
Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren
Militärdienstzeit verpflichtet werde. „Wollt ihr Soldat werden, so geht
später freiwillig, ich verantworte es nicht,“ äußerte sie zu uns. So
unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für
mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam.
Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und
1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der
Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug
sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere
politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt,
stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt
waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich
also meine politischen Gegner über meine „antipatriotische“ Gesinnung
entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und
dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht
zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als
ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den
Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der
größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt.
Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern
eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem
badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem
mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben
standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher
kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine
Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat
sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der
Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich
aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern
könne.
Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen
Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch
allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da
alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese
Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und
zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An
der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne
getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht
braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen
Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte
usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig
verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten
zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die
Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr
amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer
oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von
Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v.
Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf
seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem
Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer
Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei
Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den
Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der
Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und
zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre
Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie.
* * * * *
Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni
starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie
am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stündlein herannahen fühlte,
beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafür gab sie
nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt.
In trübseliger Stimmung saßen wir stundenlang auf der Treppe und
warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die
Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, daß soeben unsere Mutter
gestorben sei. Noch an demselben Abend mußten wir unsere Habseligkeiten
packen und den Tanten folgen, ohne daß wir die tote Mutter noch zu sehen
bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben
gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben
binnen drei Jahren zwei Ehemänner, außerdem zwei Kinder, außer meinem
jüngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich
aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brüdern hatte sie wiederholt
schwere Krankheitsfälle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am
Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige
Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam
aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder stürzte, neun Jahre alt,
beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne
herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung
davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst
litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trübsal und Sorge
konnten einer Mutter kaum beschieden sein.
Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermühle in Wetzlar in
Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann
Bäcker war. Ich mußte jetzt fleißig in der Mühle zugreifen. Besonderes
Vergnügen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaßen, Mehl
aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in
Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide
zum Rücktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der
Stadt reiten. Das ließ sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges
Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte
anders. Er besaß offenbar so etwas wie Standesbewußtsein, denn außer der
gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rücken. Als ich aber doch
eines Tages auf seinem Rücken Platz genommen hatte, setzte er sich
sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit
den Hinterbeinen nach Kräften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in
einem eleganten Bogen in den Straßengraben. Glücklicherweise ohne mich
zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich ließ ihn fortan in
Ruhe.
Außer den beiden Eseln besaß meine Tante ein Pferd, mehrere Kühe, eine
Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hühner. Und da sie auch
Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem
Sohn ein Müllerknecht — wie damals die Gesellen genannt wurden — und
eine Magd beschäftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mußte ich
Pferd und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme
reiten. Die Sorge für den Hühnerhof war mir ganz überlassen. Ich mußte
die Fütterung der Hühner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder
wohin sonst diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen
Beschäftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus
der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am
liebsten wäre ich in der Schule geblieben.
Die Lehr- und Wanderjahre.
Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein
Onkel von mir, an mich stellte. „Ich möchte das Bergfach studieren!“
„Hast du denn zum Studieren Geld?“ Mit dieser Frage war meine Illusion
zu Ende.
Daß ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlaßt, daß,
nachdem im Anfang der fünfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar
gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen
großen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast
wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die
Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium
nichts werden konnte, entschloß ich mich, Drechsler zu werden. Das
Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte
ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines
Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich
annehmen durfte, daß der Mann einer Freundin meiner Mutter, der
Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tüchtigen
Mannes genoß, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies
geschah auch. Die Begründung, mit der er meine Anfrage bejahte, war
wunderlich genug. Er äußerte, seine Frau habe ihm erzählt, ich hätte
mein religiöses Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut
bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl.
Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich müßte die Unwahrheit
sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Künstler
geworden. Es gab solche, und mein Meister gehörte zu ihnen, aber ich
habe es trotz aller Mühe nicht über die Mittelmäßigkeit gebracht, was
nicht verhinderte, daß ich drei Jahre später, am Ende meiner Lehrzeit,
für mein Gesellenstück die erste Zensur bekam.
Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche
Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu
wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen
viele Jahre täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter
oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten
täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur
Antwort: Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht
voll ist. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war
es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir
konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb
nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen.
Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der
Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr
Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit
der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Väter Nachlaß
stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei
nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lüge an, und so
bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden,
aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die
Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen.
Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe
machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich,
wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig satt
essen zu können.
Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich
hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht
allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang.
Morgens 5 Uhr begann dieselbe und währte bis abends 7 Uhr ohne eine
Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank.
Sobald ich morgens aufgestanden war, mußte ich der Meisterin viermal je
zwei Eimer Wasser von dem fünf Minuten entfernten Brunnen holen, eine
Arbeit, für die ich wöchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das
war das Taschengeld, das ich während der Lehrzeit besaß. Ausgehen durfte
ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere
Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser
Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre
Einkäufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen ließen.
Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden
ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene
Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an
schönen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen,
während ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern
ihre schmutzigen Pfeifen säubern mußte. Nur am Sonntag vormittag,
nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet,
zur Kirche zu gehen. Dafür schwärmte ich aber nicht. Ich benützte also
die Gelegenheit, die Kirche zu schwänzen. Um aber sicher zu gehen und
nicht überrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches
Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber
ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in
der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was
für ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber
zu meinem Schrecken, daß die beiden Töchter, die mit am Tische saßen,
kaum das Lachen verbeißen konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer
von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen
diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu früh an
die Kirchtüre gegangen, noch ehe der Küster die neue Liedernummer
aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich
falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, daß ich
mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich möchte also künftig zu
Hause bleiben. So war ein schönes Stück Freiheit verloren. Ich warf mich
nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne
Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule
meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der
Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu
benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten,
zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe
und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher
aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller
war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine
Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich
Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise
Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher
gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die
Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich
vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich
offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle
Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte
Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte. Schmerzlich
wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze
Welt zu durchstürmen. Aber so schnell, wie ich wünschte, ging es nicht.
An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein
Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar
förmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage,
an dem ich Geselle geworden war, auch Geschäftsführer zu werden. Ein
anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschäft hätte
fortführen können, fehlte; so entschloß sich die Meisterin, allmählich
auszuverkaufen und das Geschäft aufzugeben. Für die Meisterin, die eine
auffallend hübsche und für ihr Alter ungewöhnlich rüstige Frau war, die
mich stets gut behandelte, wäre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte
ihr jetzt meine Hingabe dadurch, daß ich über meine Kräfte arbeitete.
Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis
abends 9 Uhr und später. Ende Januar 1858 war das Geschäft liquidiert,
und ich rüstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin
verabschiedete, gab sie mir außer dem fälligen Lohn noch einen Taler
Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuß bei heftigem
Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte,
begleitete mich ungefähr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten,
brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefühlsregung, die ich nie an ihm
beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im
Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, daß er binnen drei Tagen einem
heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der
Familie.
Mein nächstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgöns aus benutzte ich die
Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich
in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht
nehmen, so fuhr ich zwei Tage später mit der Bahn nach Heidelberg. Der
Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhänge aus Barchent,
die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Paßzwang, das
heißt es bestand für die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein
Wanderbuch zu führen, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten,
polizeilich eingetragen — visiert — wurden. Wer kein Visum hatte, wurde
bestraft. In vielen Städten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter
zu jener Zeit die Vorschrift, daß die Handwerksburschen morgens zwischen
8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen mußten, um sich ärztlich,
namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer
die Stunde für diese Visitation übersah, mußte mit der Abreise bis zum
nächsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich
die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spät kam. Von
Heidelberg wanderte ich zu Fuß nach Mannheim und von dort nach Speier,
woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls
und reichlich, schlafen mußte ich dagegen in der Werkstatt, in der in
einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir später auch in
Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die
Sitte, daß die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und
diese letztere war häufig erbärmlich. Der Lohn war auch niedrig, er
betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich
darüber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten
Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte
fünfzehn Jahre früher gewesen sein. Sobald das Frühjahr kam, litt es
mich nicht mehr in der Werkstätte. Anfang April ging ich wieder auf die
Walze, wie der Kunstausdruck für das Wandern lautet. Ich marschierte
durch die Pfalz über Landau nach Germersheim und über den Rhein zurück
nach Karlsruhe und landaufwärts über Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach
Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frühjahr war
die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr
flott marschierte und im Aeußern der Vorstellung, die man sich von einem
Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise
öfter schon vor den Toren der Städte von Schneidermeistern angesprochen,
die in mir ein Objekt für ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere
wollten nicht glauben, daß ich kein Schneider sei, andere wieder
entschuldigten sich, daß sie mich für einen solchen gehalten, „weil ich
ganz wie ein Schneider aussähe“.
In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist
nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands; seine Wälder
sind bezaubernd, der Schloßberg ist ein herrliches Stückchen Erde, und
zu Ausflügen in die Umgegend locken Dutzende prächtig gelegener Orte.
Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschluß an gleichgesinnte junge
Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht.
Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch
nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter hätte beitreten
können, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte überall in
Deutschland die Reaktion. Für reine Vergnügungsvereine hatte ich aber
keinen Sinn und auch kein Geld. Da hörte ich von der Existenz des
katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus
hatte. Nachdem ich mich vergewissert, daß auch Andersgläubige Aufnahme
fänden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei.
Ich habe nachmals, solange ich in Süddeutschland und Oesterreich
zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als
Mitglied angehört und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum
Glück zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch
damals gegen Andersgläubige volle Toleranz. Der Präses des Vereins war
stets ein Pfarrer. Der Präses des Freiburger Vereins war der später im
Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die
Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewählten Altgesellen
repräsentiert, der nach dem Präses die wichtigste Person war. Es wurden
zeitweilig Vorträge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fächern
erteilt, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine waren also eine
Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine später sich gestaltet
haben, darüber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man
eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber
doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war für mich, der
schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der
Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekümmerte, eine
Hauptsache.
Auch das Bedürfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen
Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein
waren die Kapläne, die, jung und lebenslustig, froh waren, daß sie
gleichaltrigen Elementen sich anschließen konnten. Ich habe einige Male
mit solchen jungen Kaplänen die vergnügtesten Abende verlebt. Einen
solchen Abend verlebte ich unter anderen in München, indem ich das
Gesellenvereinshaus auf der Rückreise von Salzburg besuchte und darin
wohnte, und zwar Anfang März 1860. Verließ das Gesellenvereinsmitglied
den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen
und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Unterstützung
vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines
solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem
Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der
Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Gründer derselben, Pfarrer
Kolping, damals in Köln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend
Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen,
woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt.
Im September drängte es mich, weiterzuwandern. Ich verließ Freiburg und
marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Höllental über den
Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein
wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am
Firmament einen gewaltigen Kometen — den Donatischen — zu beobachten,
der in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewöhnlicher
Länge besaß. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen
Pracht und Herrlichkeit. Jahrzehnte später haben die Axt und die Säge
große Strecken des prächtigsten Waldes gefällt und gelichtet. Die
moderne Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht
bleiben. Der Aufenthalt in der Schweiz war damals den preußischen
Handwerksburschen von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger
Streit das Jahr zuvor erst zuungunsten der preußischen Regierung beendet
worden. Außerdem hätten die Handwerksburschen republikanische Ideen in
sich aufnehmen können, und das mußte im Interesse der staatlichen
Ordnung verhütet werden. Als ich im Frühjahr 1858 auf der preußischen
Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der
Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot
verweigert.
So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff
über den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes
seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fuß über
Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach München. In Württemberg bestand
zu jener Zeit in den Städten die Einrichtung, daß die reisenden
Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen
konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten
abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk überall gewissenhaft kassiert. Von
Ulm aus schloß sich mir ein stämmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer
aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen
Militärtornister auf dem Rücken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse
trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten
zu keiner Zeit als Schande für einen Handwerksburschen galt, klopften
wir ziemlich häufig die Dörfer ab, die wir passierten. Eines Mittags
hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. „Du
nimmst die rechte Seite, ich die linke!“ hieß es. Als ich in ein Haus
kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich
die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nähe. Das
ließ ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber außen
vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der
anderen Seite, das aber aussah, als könnten seine Bewohner zwei
Handwerksburschen unterstützen, konnte ich der Versuchung nicht
widerstehen und marschierte drauflos. Glücklicherweise betrachtete ich
das Haus mir nochmals von außen, ehe ich die sechs oder sieben
Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung
über der Tür ein Schild mit dem Inhalt: Königlich bayerische
Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich
außerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um
meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und
marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten
Seite lag. Ohne es von außen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und
ging hinein. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick von einem wahren
Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler
zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mächtigen Satze über
sämtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten,
davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzählte er: er
sei direkt nach der Kuchel (Küche) gegangen, aus der es sehr gut
gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdärmeln gestanden und
ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natürlich die Situation sofort
erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus.
Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege
den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau
halten, was ich ganz gut könnte, da jeder mich für einen Schneider
halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des
Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man
focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber ließ ich aber dem Tiroler den
Vortritt. Daß dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen
in einem Hause die Treppe hinauf und läuteten den Meister heraus. Sobald
der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk,
antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen,
geben Sie mir Ihre Wanderbücher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so
war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mußte man zu arbeiten
anfangen. Während nun der Tiroler zögernd sein Wanderbuch aus der
Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in großen Sätzen die
Treppe hinunter und zum Städtchen hinaus. Daß ich den Tiroler als
Reisegefährten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und
angenehmer Gesellschafter gewesen.
Von Dachau führte zu jener Zeit eine schnurgerade Straße, die rechts und
links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach München. Das Bild
der Straße wurde abgeschlossen durch die Türme der Münchener
Frauenkirche, den Heinrich Heineschen „Stiefelknecht“, die am Ende der
meilenlangen Straße zu stehen schienen. Ich wanderte mißmutig meinen
Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar
nach München fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine große Plane
gedeckt. Der Weg war noch weit und der Spätnachmittag herangekommen. Ich
frug höflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer
antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht
verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also
auf den Wagen und rückte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer
sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber
ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in München ein. Der Wagen
hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut
und dankte höflich für die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der
Bauer die Plane zurückgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer
Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den
Stiefelabsätzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfaß
herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich
blutrot, bat um Verzeihung und erklärte mich bereit, den Schaden zu
ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger
Mädchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel
beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half
mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz
zu leisten, grob antwortete: „Mach', daß du fortkommst, du hast a nix!“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Sätzen war ich um die
Ecke in der Neuhauser Straße. So oft ich nach München ans Karlstor
komme, fällt mir dieser Vorgang wieder ein.
In München war ich am Tage nach Schluß der siebenhundertjährigen Feier
der Gründung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche
gewährt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschloß. Die
ganze Bevölkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der
Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark zünftlerische Sitten
herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrüßt und blieb
eine volle Woche in München, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so
sehr ich und meine Kollegen sich bemühten, mir Arbeit zu verschaffen, es
war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschloß
ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefährten, der
ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob
wir mit einem Floß bis Landshut fahren könnten. Man hatte uns gesagt,
daß wenn wir uns auf dem Floß zum Rudern bereit erklärten, wir gratis
mitfahren könnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig,
das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte
zahlreiche Krümmungen. Mein Reisegefährte — ein Trierer —, der vorne
steuerte und ich hinten, machte überdies seine Sache sehr ungeschickt,
und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Flößer in Zorn
versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Während einer Ablösung ließ
ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein
politisches Gespräch ein, das von meiner Seite so hitzig geführt wurde,
daß der Flößer drohte, „den verdammten Preiß“ in die Isar zu werfen,
wenn er nicht aufhöre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser
der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als
wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten,
schlugen wir uns seitwärts in die Büsche. Wir hatten von der Fahrt
genug.
In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wütendem
Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Räume überfüllt
mit Leuten, die am nächsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein
wollten. Wir mußten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige
Dutzend Männlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen
hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lärm
geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin,
wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum
Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben
Zärtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im
echtesten Bayerisch, die alle Schläfer aufscheuchte und großes Gelächter
hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg
aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, daß wir beide, die wir auf der
Höhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, während der Nacht auf
entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren.
In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus
Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten,
dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der größte
Grobian bekannt. Ich ließ mich aber nicht abschrecken.
In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der
Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers
keiner, der höhere geistige Bedürfnisse hatte. Wer am meisten trank, war
der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins
Theater, in dem wir natürlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9
Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein
bestimmtes Stück ansehen. Das war aber undurchführbar, weil der Schluß
unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben
also unserer Köchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde früher
anzurichten, wir würden die Uhr in der Stube entsprechend vorrücken.
Damals gab es in Süddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets
warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und
stürmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der
einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister
mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf
einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wäre erst unsere Arbeitszeit zu
Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwürdigerweise sagte der Meister am
nächsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Köchin äußerte er: „Hören Sie,
Kathi, nehmen Sie sich vor den Preißen in acht, die haben gestern abend
die Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt.“
Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die
oberhalb Donaustauf von der Bergeshöhe einen weiten Blick in die Ebene
gewährt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der „Teutsche“, der
Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten
Büsten der Berühmtheiten diejenige Luthers fehlte.
Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe
Kälte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister
veranlaßte mich, schon am 1. Februar, trotz Kälte und Schnee, auf die
Reise zu gehen. Der Breslauer schloß sich mir an. Wir marschierten
zunächst nach München, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit
anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter über Rosenheim nach
Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen.
Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach
Oesterreich wollte, der Nachweis von fünf Gulden Reisegeld verlangt.
Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der
letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu benützen. Um
möglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel
und Kleider und steckten einen weißen Kragen auf. Unsere List hatte den
gewünschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, daß wir
mit der Bahn ankamen, täuschte die Grenzbeamten; sie ließen uns
unbeanstandet passieren. Bei starker Kälte und meterhohem Schnee ging
die Reise zu Fuß durch Tirol. Die Kälte und der Schnee trieben die
Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der
Abenddämmerung hörten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich
Geld zu erhalten, und zwar Kupferstücke in der Größe unserer heutigen
Zweimarkstücke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen
wir schwer an der Last der erfochtenen Münzen. Als wir aber am nächsten
Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, mußten wir den halben
Wirtstisch mit diesen Kupfermünzen bedecken. Es stellte sich heraus, daß
dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die österreichische
Regierung neue Münzen herausgegeben hatte. So löste sich das Rätsel von
der großen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu
sein.
Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage über Reichenhall direkt
nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein
erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen
niederen Gebirgsrücken (den Mönchsberg) die Stadt mit ihren vielen
Kirchen und der italienischen Bauart, überragt von der Feste Salzburg,
vor uns liegen sahen.
Was mir im späteren Leben als ein Rätsel erschien, war, daß ich von all
den Märschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnäßt wurde und
jämmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war
keineswegs solchen Strapazen angepaßt, wollene Unterwäsche war ein
unbekannter Luxus und ein Regenschirm wäre für einen wandernden
Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft
bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlüpft, die am Tage
vorher durchnäßt wurden und am nächsten Tage das gleiche Schicksal
erfuhren. Jugend überwindet viel.