Preis: geheftet M. 6.--; gebunden M. 7.50

Aus den Besprechungen:

=Pfarrer Naumann= schreibt in der =»Hilfe«=: Dieser Roman ist in

jeder Richtung eine große Leistung. Er ist zunächst ein Beitrag zur

Frauenfrage, denn er ist eine Frauenarbeit, die jedem Manne Hochachtung

abzwingt, er ist ein Dichterwerk, denn alles in ihm ist unmittelbar

lebendig von einer bewundernswert sicheren Einbildungskraft geschaut,

er ist gleichzeitig ein politisches Lehrbuch, denn er zeigt die

Polenfrage in ihrer ganzen Wucht und Verworrenheit, besser als eine

historisch-politische Untersuchung sie darstellen könnte. Es will

uns scheinen, daß nichts, was Clara Viebig bis jetzt geschaffen hat,

so voll, so rund, so einheitlich ist als diese Geschichte, die sich

zwischen drei Rittergütern, einem polnischen Dorf, einer Kleinstadt

und einer Kolonie der Ansiedelungs-Kommission irgendwo bei Lissa oder

sonst hinter Posen abspielt. Es ist fabelhaft, daß die Dichterin der

Eifelgeschichten und der Wacht am Rhein das polnische Leben so in sich

hineingenommen hat, daß man seine Wiedergabe ohne weiteres als einfach

wahr empfindet. Der Titel des Buches hängt ein wenig äußerlich an der

Geschichte, aber das schadet nicht viel. Es ist der Traum eines alten

polnischen Schäfers, daß unter dem Berge polnische Gewappnete ihrer

Wiederkunft warten, bis einmal das Volk selbst bereit ist, in seinen

Befreiungskampf einzutreten. Diese Gewappneten sind das schlafende

Heer, gleichsam die Vertreter aller der gespensterhaften Gedanken, die

über die Köpfe der verlorenen Nation hinfahren. Wir sehen als Glieder

des wachenden Heeres den Geistlichen, der alle Fäden in seiner Hand

hat, den Rittergutsbesitzer, der sich in den Reichstag wählen läßt,

den armen kopflosen, verängstigten Schullehrer, den schon erwähnten

Schäfer, die Bettelfrau und vor allem die gnädige Frau und ihre

Jungfer, die den deutschen Männern die Köpfe verdreht, und daneben ein

polnisches Mädchen voll Geduld und Treue. Auf deutscher Seite haben

wir den Edelmann, der sich als deutschen Vorposten fühlt und sich und

andere durch mangelndes Gefühl für die wirkliche Lage elend macht,

seine tapfere, feine Frau, einen alten deutschen Inspektor und eine

Kolonistenfamilie vom Rhein, die es unter mancherlei Leid drei Jahre

im baum- und berglosen Osten aushält. Die eigentlichen Verderber sind

die polnisch gewordenen Deutschen, ein Förster und ein Inspektor.

Nicht erhaben, aber auch kein Unhold ist der jüdische Krämer, dessen

Karren durch alles dieses Getriebe hin und her fährt. Aber was nützt

es, die Personen aufzuzählen? Damit ist ja doch weder die Stimmung

noch der Verlauf gekennzeichnet. Die Stimmung ist leidenschaftslose

Naturmalerei menschlicher Vorgänge. Man kann nicht sagen, daß die

Dichterin irgendwo selbst hervortrete, am ersten noch in der Gattin

des deutschen Gutsherrn. In gewisser Art erinnert ihre Art der

Darstellung an den »Büttnerbauer« oder den »Grabenhäger« von Polenz,

aber ihre Kunst ist darin größer, daß sie die Einheitlichkeit eines

Vorganges herzustellen weiß, ohne sich an Einzelpersonen zu binden.

Der Gegenstand, über den sie schreibt, ist der bewußte und unbewußte

Kampf zwischen Polentum und Deutschtum, gerade auch den unbewußten,

instinktmäßigen Kampf beschreibt sie gut. Und das Ergebnis ist die

Niederlage der Deutschen. Zwar wird uns im Schluß eine neue Generation

deutscher Kämpfer verheißen, die den Polen verstehen und zu nehmen

wissen, aber für jetzt schließt die Geschichte mit deutschem Tod und

Rückzug. Vergeblich, vergeblich! Und niemand sieht, wie es anders

werden soll, denn die Kräfte, die hier siegen, werden ja bis zur

nächsten deutschen Generation nicht schwächer. Clara Viebig zieht keine

politische Lehre aus ihrer Dichtung; es gehört nicht zum Schauen,

Vorschläge und Anträge zu bringen. Der Leser aber nimmt ihr Buch in die

Hand und denkt an Bismarcks Polenreden, an Caprivi, Hansemann, Delbrück

und vieles andere. Was nützt aber alles Politisieren gegenüber dieser

Kirche und diesem Gefühlsleben? Kann man die Polen zu preußischen

Staatsbürgern machen? Was soll ihnen versprochen werden, welche

Phantasie, welches politische Schaustück? Ich weiß es nicht. Die erste

Wirkung der Lektüre ist die Vergrößerung der politischen Ratlosigkeit

gegenüber der Polenfrage. Aber auch das ist etwas Gutes, wenn es dazu

hilft, schnellfertige Programme zu überwinden, wie Germanisierung durch

deutschen Unterricht oder Einheit aller Deutschen im Osten. Unter

allen Umständen gebührt der Schriftstellerin, die die Dokumente zur

Beurteilung der Polenfrage vermehrt hat, der Dank auch der politischen

Leute.

Auszüge aus Besprechungen.

=»Neue Freie Presse«, Wien=: Das starke und

ausgeprägte nationale Bewußtsein der Dichterin

trübt nicht die Klarheit ihres Urteils über die

Germanisierungspolitik der Reichsregierung in

Preußisch-Polen und benimmt ihr nicht das schöne,

edle Verständnis für die träumerische Sehnsucht

eines besiegten Volkes... #Sie ist in ihrem

jüngsten Werke über sich selbst hinausgewachsen

und hat sich in die erste Reihe deutscher

Sittenschilderer geschoben.#

=Robert Jaffé= in der =»Neuen Hamburger Zeitung«=:

Zu der erstaunlichen Schärfe der Charakteristik und

der Stimmungskraft kommt noch ein goldener Dämmer

hinzu, der über den Landschaften und Menschen

dieses Buches liegt. Etwas von der Lieblichkeit und

Reife, welche die Lektüre eines Fontaneschen Romans

für manche geradezu zu einem glückseligen Ereignis

macht, haftet auch an den Romanen von Clara

Viebig, und #es findet sich unter den deutschen

Romandichtern der Gegenwart wohl kaum einer, der

mit dieser ungewöhnlichen Kraft der Darstellung

noch so viel Anmut und Schönheit verbände#.

=Paul Raché= im =»Hamburger Fremdenblatt«=: Es ist

ein Kunstwerk in der einfachen Kraft der Sprache,

in der Anschaulichkeit der Darstellung, in der

wunderbaren Klarheit des Schauens von Personen,

Verhältnissen, Gegenständen. Und es ist das Werk

einer Dichterin.

=»Hamburgischer Correspondent«=: Wir können den

Roman als ein bedeutsames Kunstwerk, zugleich aber

als packende Darstellung eines der wichtigsten

Gebiete deutscher Kulturarbeit zu Anfang des

20. Jahrhunderts unsern Lesern aufs lebhafteste

empfehlen.

=»Kölnische Volkszeitung«=: Alle die

Gestalten erstehen in Fleisch und Bein vor dem

Leser. Von bedeutender Wirkung sind auch die

Naturschilderungen, und in der Darstellung

einzelner Szenen von dramatischer Kraft und

stimmungsvoller Weichheit bekundet die Verfasserin

ihre gewohnte Meisterschaft. Alles in allem ein

bedeutsames Werk.

=»Prager Tageblatt«=: Wenn wir das Buch zuschlagen,

stehen wir -- fern von jedem national-politischen

Raisonnement -- ganz und gar im Bann einer rein

menschlichen Erschütterung, die wir über die

Schicksale der fesselnden, uns lieb gewordenen

Gestalten des Romans empfinden. Und Clara Viebig

hat in der Tat Menschen vor uns hingezaubert, die

wir nie mehr vergessen können.

=»Leipziger Neueste Nachrichten«=: Clara Viebig

hat sicherlich nicht die Absicht gehabt, einen

Beitrag zur Lösung des deutschen Ostmarken-Problems

zu geben, aber sie hat uns das Land und die

Menschen dort mit packender Energie vor Augen

geführt. Man sieht das wirklich vor sich, den

Lysa Góra, das Treiben auf den Feldern, die

Hütten der Komorniks, die Herrenhäuser mit ihren

Höfen, Treppen und Salons, die Dinergesellschaft

auf Chawilorczyce, das Volksleben an Mariä

Verkündigung und hunderterlei sonst. Eine feine

und feinste Beobachtungsgabe geht Hand in Hand

mit einem treffsicheren, prägnanten und sachlich

erschöpfenden Stil.

=Ferdinand Svendsen= in der =»Nation«=: #Ein

echter Epenstoff: der Kampf der in die Provinz

Posen eindringenden deutschen Landbebauer mit

den ihren Grund und Boden und ihre Nationalität

gleichzeitig verteidigenden Polen. Es ist etwas

ungemein Kraftvolles in ihrer Darstellung. Ihre

Romangestalten sind Menschen von Fleisch und Blut,

und was sie uns schildert, ist wert, geschildert zu

werden.#

=Ernst Kreowski= im =»Vorwärts«=: #Der Roman

besitzt unbestreitbare Vorzüge. Alles ist

mit realistischer Kraft gestaltet und voll

dichterischer, wenn auch schwer atmender Stimmung.

So etwas wie Erdgeruch entströmt dem Ganzen.

Desgleichen entspricht es nur der »poetischen

Gerechtigkeit«, wenn Clara Viebig ihr Werk mit der

zuversichtlichen Hoffnung auf das Erwachen einer

neuen Aera des Deutschtums, welche die Sünden der

Väter wieder gut zu machen, dem Land und dem Volke

Glück und Frieden zurückzugeben berufen sein werde,

frohgemut beendigt.#

=Fritz Engel= im =»Berliner Tageblatt«=: Kein

Tendenzroman! Die deutsche Feder wollte dem

deutschen Pfluge zu Hilfe kommen. Aber an Ort und

Stelle -- und das macht der Dichterin in ihr alle

Ehre -- wurde nur noch ihre künstlerische Teilnahme

rege. Nicht mehr die Parteien, nur noch die

Menschen interessierten sie. Sie sah und lauschte.

Daraus gestaltete sich dann wie von selbst das

weitumfassende Gemälde, das seine Lichter und seine

Schatten nicht mehr von der Willkür nationalen

Eifers erhält.

=»Die Zeit«, Wien=: Es ist vorauszusehen, daß

dieser neue Roman eine erregte Debatte in deutschen

und polnischen Blättern entfesseln wird. Um seinen

künstlerischen Wert wird man erst in zweiter Reihe

fragen. Und doch muß auch von diesem die Rede

sein. Es ist ein Kulturbild voll jener warmen,

pulsierenden Lebendigkeit und frischen Farbe, die

alle Bücher der Viebig auszeichnen. Und ein feiner

Schimmer jener Sentimentalität liegt oft auf diesen

Blättern, wie er in Clara Viebigs »Wacht am Rhein«

am hellsten war.

=K. v. Perfall= in der =»Kölnischen Zeitung«=: In

diesen Volksfiguren bietet sie wieder ein ganz

hervorragend Lebendiges und zeigt sich als eine

Menschengestalterin ersten Ranges, die frisch

und unbefangen ins Leben hineingreift.... Wir

möchten behaupten, »Das schlafende Heer« sei

das bedeutendste Werk, das Clara Viebig bisher

geschaffen hat. Es bringt ein bedeutungsvolleres

Kulturbild, als »Das Weiberdorf« und »Das tägliche

Brot« oder der »Müllerhannes« es waren, und der

künstlerische Aufbau ist reiner, fester gefügt als

in der »Wacht am Rhein«.

_»=The Academy and Literature« (London)=: Clara

Viebig's work bears many of the characteristics

of that of George Eliot, Thomas Hardy and George

Moore. She sees into the human heart, and describe

what she sees with an ease and sureness that lend

her books a charm not always to be found in novels

that from the choice of their subject contain

events spreading over a long space of years and

deal with a wide field of locality._

=J. Norden= in der =»Magdeburgischen Zeitung«=:

So ist es kein politischer Tendenzroman geworden,

obschon politische Verhältnisse und persönliche

Schicksale der jüngsten Vergangenheit unserer

Ostmark hineinspielen. Es ist gut, daß im

Vordergrund die Kunst steht, die einen packenden

und ergreifenden Kulturroman zu erschaffen

vermochte.

=Arthur Eloesser= in der =»Vossischen Zeitung«,

Berlin=: #Clara Viebigs Buch ist gut deutsch, aber

es schmettert keine chauvinistische Fanfare so

wenig, wie es entmutigt zum Rückzug bläst, es ist

ein Buch der Sorge, und in diesem Gefühl wird es

die meisten einigen, die nicht nur die Erhaltung

der politischen Herrschaft, sondern auch die

Existenz unserer deutschen Kultur an der Grenze des

Slaventums gesichert wissen wollen.#

=A. Traeger= im =»Berl. Börsen-Courier«=:

Ueberreich schier ist des Buches Inhalt, und mit

staunender Bewunderung erfüllt uns aufs Neue die

überwältigende Treue und Kraft der Schilderung,

diese Belebung des Leblosen, überall nimmt die

Dekoration mitwirkend teil an der Aktion, gehören

Land und Leute unlösbar zusammen. #Clara Viebig#

sieht mit dem Verstand und schreibt mit dem Herzen,

das voll tiefen Gefühls und unerschrockenen Mutes.

=Harry Maync= in der =»Deutschen

Litteraturzeitung«=: Ueber alle herbe Wahrheit ist

leicht der Schleier der Dichtung geworfen. Bezogen

auf die großen kulturgeschichtlichen Zusammenhänge

kommt überall das Menschliche rein zur Entfaltung.

Wohl heben sich dramatische Gruppenszenen packend

aus der Breite des langsamen, ereignislosen

Dahinlebens heraus, aber im allgemeinen sind

die Mittel dieser Darstellung ganz schlicht und

einfach. Ohne Beredsamkeit und Schwung, aber mit

sicherem Realismus und runder Schilderung sagt uns

#Clara Viebig#, was sie uns zu sagen hat, und das

ist nicht wenig.

Das Weiberdorf · 第 47 / 49 题