Allerseelen.
Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an der Straße gen Himmerod,
waren geschmückt mit Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich
schon der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß und gleich
gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt und geschaufelt, zierliche
Kreuze, Kränze, Herzen und Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und
Lichtchen zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde schien es
zu brennen; die da unten ruhen, sprechen zu denen oben mit ängstlich
flackernden kleinen Flämmchen, die der leiseste Windhauch verlöschen
kann.
Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der Winter gewichen, über den
Bergen die Sonne erschienen; bleich zwar und müde, aber doch eine
Sonne. Das hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien sich
noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war es lind und still im Thal,
der Himmel zeigte ein blasses Blau. Allerheiligensommer.
Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst Vergessenen kommen wieder
zu ihrem Recht, rühren sich in den morschen Särgen und senden einen
Gruß hinauf in's Leben. Allerheiligen -- Allerseelen.
Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, ihre Gräber waren
so schön geschmückt, wie die im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte
die ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die geschmückten
Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange auf den Knieen und betete für die
ewige Ruhe der Verstorbenen. --
Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und Kuchen saßen,
schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebückt wie ein Alter, und die
Schale mit geweihtem Wasser in seiner Hand schwankte.
Daheim saß die Zeih bei dem kranken Josefchen und weinte sich die Augen
rot; die 'Gichter' plagten das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib
hoch in die Höhe und reckten ihn dann wieder lang.
Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen krank; da waren die
Eltern spät in der Nacht heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege
zu werfen, torkelten sie sinnlos in's Bett. Am Morgen lag das Josefchen
nackt da, steif und blaugefroren; bald kamen die Krämpfe.
»Kreischt net e su,« sagte die Weise-Frau, die Peter in seiner Angst
holte, »bal hatt ihr e schien Engelche im Himmel!« Davon wollten die
Eltern nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es gab einen
heftigen Zank. Der Schluß war, daß sich Peter finster und wortkarg in
seiner Werkstatt verschloß und Zeih betend und weinend an der Wiege
verblieb.
Aber bald ertönte ihr Singen, erst leise, dann schallend; die Leute
sagten immer bewundernd. »Dat Zeih haot en Stimm, om de Duden
ufzoerwecken.« Sie sang:
»Hoch uf em Daach, uf em Daach,
Haot sech en Könd half dud gelaach,
Et fiel erunner, erunner --
Rube-de-bub -- Rube-de-bub!«
Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim stieß sie jedesmal an
die Wiege, daß sie heftig schaukelte.
»Rube-de-bub -- Ruube-de-bub!« Und dann weinte sie wieder ein Weilchen.
Peter war nicht so leicht getröstet; wenn er nicht in der Werkstatt
steckte, stand er bei der Wiege und starrte finster brütend, mit
zusammengekniffenen Lippen auf das kranke Kind.
Heute schlich er wie ein armer Sünder auf den Kirchhof; auf den Gräbern
seiner Eltern warf er sich nieder und krallte die Finger in die kalte
Erde. Er suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken.
Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze Jahr nicht; aber
nun sollte es besser werden, er versprach es denen da unten hoch
und heilig. Und einen Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner
Inschrift; koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen. Zahlen --!
Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur Mut gehabt hätte! Er
knirschte mit den Zähnen und ballte die kalten Finger zu Fäusten --
den Mut, den Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen, nicht
Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand hatte es gesehn, und
doch ängstigte es ihn Tag und Nacht. Es konnte ihn reich und glücklich
machen, und doch --
Mit einem unterdrückten Fluch sprang er empor, sein Fuß trat in
die Schale geweihten Wassers, daß sie umstürzte und ihr Naß in den
aufgetauten Pfad ergoß.
Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche -- klapperte es nicht schon darin?
Nein, nein -- leer, ganz leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte
das Josefchen; kalt war die Hütte, der Tod stand auf der Schwelle -- --
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Der Angstschweiß brach ihm aus, mit der verkehrten Hand wischte er sich
über die Stirn; die Hand zitterte.
»Feiges Luder,« murmelte er zwischen den Zähnen. Nur ein bißchen
Courage brauchte er zu haben, dann wurde alles wieder gut. Dann lachte
die Zeih, dann kam der Doktor und heilte das kranke Kind -- er sah es
schon mit roten Bäckchen, auf flinken Füßchen durch die Hütte trippeln,
ein großes Butterbrot in der Hand, -- und die Zeih küßte ihn, heiß
fühlte er den Kuß. Und am Kirchhof vorüber zog eine ganze Schar --
nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage, verjubelte Nächte
-- immer fidel --!
Die Hütte würde er ausbauen lassen, nein, eine neue kaufen, einen
Bauernhof! Vielleicht gar die Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu,
deren schloßähnlicher Bau über die Eichenwipfel ragte.
Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, als er noch ein Knabe war; da
hatten sie am Gitter gestanden und neugierig in den Park gelugt. Ein
reicher Herr hatte im Schlößchen gewohnt, der war längst tot, und der
jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr Besitzer würde
--?!
Wie die Zeih sich freuen würde! Was die da unten im Grab wohl dazu
sagen würden?!
Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und horchte.
Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu hören, ein Summen und
Rauschen, ein Flüstern und Raunen; hohl, wie aus einem Gewölbe, drang's
an sein Ohr. Ein Schauder überlief ihn, -- das kam aus der Ewigkeit! --
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'Wie mer sech bett', su schläft mer,' -- hatte so sein Vater nicht
immer gesagt?