IX.

Allerseelen.

Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an der Straße gen Himmerod,

waren geschmückt mit Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich

schon der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß und gleich

gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt und geschaufelt, zierliche

Kreuze, Kränze, Herzen und Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und

Lichtchen zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde schien es

zu brennen; die da unten ruhen, sprechen zu denen oben mit ängstlich

flackernden kleinen Flämmchen, die der leiseste Windhauch verlöschen

kann.

Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der Winter gewichen, über den

Bergen die Sonne erschienen; bleich zwar und müde, aber doch eine

Sonne. Das hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien sich

noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war es lind und still im Thal,

der Himmel zeigte ein blasses Blau. Allerheiligensommer.

Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst Vergessenen kommen wieder

zu ihrem Recht, rühren sich in den morschen Särgen und senden einen

Gruß hinauf in's Leben. Allerheiligen -- Allerseelen.

Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, ihre Gräber waren

so schön geschmückt, wie die im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte

die ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die geschmückten

Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange auf den Knieen und betete für die

ewige Ruhe der Verstorbenen. --

Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und Kuchen saßen,

schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebückt wie ein Alter, und die

Schale mit geweihtem Wasser in seiner Hand schwankte.

Daheim saß die Zeih bei dem kranken Josefchen und weinte sich die Augen

rot; die 'Gichter' plagten das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib

hoch in die Höhe und reckten ihn dann wieder lang.

Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen krank; da waren die

Eltern spät in der Nacht heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege

zu werfen, torkelten sie sinnlos in's Bett. Am Morgen lag das Josefchen

nackt da, steif und blaugefroren; bald kamen die Krämpfe.

»Kreischt net e su,« sagte die Weise-Frau, die Peter in seiner Angst

holte, »bal hatt ihr e schien Engelche im Himmel!« Davon wollten die

Eltern nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es gab einen

heftigen Zank. Der Schluß war, daß sich Peter finster und wortkarg in

seiner Werkstatt verschloß und Zeih betend und weinend an der Wiege

verblieb.

Aber bald ertönte ihr Singen, erst leise, dann schallend; die Leute

sagten immer bewundernd. »Dat Zeih haot en Stimm, om de Duden

ufzoerwecken.« Sie sang:

»Hoch uf em Daach, uf em Daach,

Haot sech en Könd half dud gelaach,

Et fiel erunner, erunner --

Rube-de-bub -- Rube-de-bub!«

Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim stieß sie jedesmal an

die Wiege, daß sie heftig schaukelte.

»Rube-de-bub -- Ruube-de-bub!« Und dann weinte sie wieder ein Weilchen.

Peter war nicht so leicht getröstet; wenn er nicht in der Werkstatt

steckte, stand er bei der Wiege und starrte finster brütend, mit

zusammengekniffenen Lippen auf das kranke Kind.

Heute schlich er wie ein armer Sünder auf den Kirchhof; auf den Gräbern

seiner Eltern warf er sich nieder und krallte die Finger in die kalte

Erde. Er suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken.

Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze Jahr nicht; aber

nun sollte es besser werden, er versprach es denen da unten hoch

und heilig. Und einen Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner

Inschrift; koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen. Zahlen --!

Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur Mut gehabt hätte! Er

knirschte mit den Zähnen und ballte die kalten Finger zu Fäusten --

den Mut, den Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen, nicht

Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand hatte es gesehn, und

doch ängstigte es ihn Tag und Nacht. Es konnte ihn reich und glücklich

machen, und doch --

Mit einem unterdrückten Fluch sprang er empor, sein Fuß trat in

die Schale geweihten Wassers, daß sie umstürzte und ihr Naß in den

aufgetauten Pfad ergoß.

Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche -- klapperte es nicht schon darin?

Nein, nein -- leer, ganz leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte

das Josefchen; kalt war die Hütte, der Tod stand auf der Schwelle -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Angstschweiß brach ihm aus, mit der verkehrten Hand wischte er sich

über die Stirn; die Hand zitterte.

»Feiges Luder,« murmelte er zwischen den Zähnen. Nur ein bißchen

Courage brauchte er zu haben, dann wurde alles wieder gut. Dann lachte

die Zeih, dann kam der Doktor und heilte das kranke Kind -- er sah es

schon mit roten Bäckchen, auf flinken Füßchen durch die Hütte trippeln,

ein großes Butterbrot in der Hand, -- und die Zeih küßte ihn, heiß

fühlte er den Kuß. Und am Kirchhof vorüber zog eine ganze Schar --

nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage, verjubelte Nächte

-- immer fidel --!

Die Hütte würde er ausbauen lassen, nein, eine neue kaufen, einen

Bauernhof! Vielleicht gar die Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu,

deren schloßähnlicher Bau über die Eichenwipfel ragte.

Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, als er noch ein Knabe war; da

hatten sie am Gitter gestanden und neugierig in den Park gelugt. Ein

reicher Herr hatte im Schlößchen gewohnt, der war längst tot, und der

jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr Besitzer würde

--?!

Wie die Zeih sich freuen würde! Was die da unten im Grab wohl dazu

sagen würden?!

Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und horchte.

Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu hören, ein Summen und

Rauschen, ein Flüstern und Raunen; hohl, wie aus einem Gewölbe, drang's

an sein Ohr. Ein Schauder überlief ihn, -- das kam aus der Ewigkeit! --

-- -- -- -- -- --

'Wie mer sech bett', su schläft mer,' -- hatte so sein Vater nicht

immer gesagt?

Das Weiberdorf · 第 30 / 49 题