Er ging schon auf die Straße und holte beides. »Dao haste dän Dreck!«

»O Pittchen!« Sie faßte seinen Kopf und zog ihn zu sich herunter, beide

Hände legte sie an seine Wangen. Ganz zart flüsterte sie -- es war

schon wieder was von dem früheren vergnügten Klang in der Stimme --:

»Eweil biste mer widder gud, gäl? On en anner Kleid kaafste mer aach,

gäl? E su bal dän Hähr Reisenden widder kömmt. Ech saon der, dän haot

Kleider!« Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht an dem seinen. »Gäl, dau

kaafst mer ans?« Sie wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie

den Kopf zurück: »Dän wollt mer ans schenken!«

Er zuckte zusammen. »Dau sollst kans geschenkt kriehn, dau därfst kans

geschenkt kriehn, ech leiden dat net, ech -- jao« -- er nickte und

kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren -- »ech kaafen der sälwer

ans!«

Mit einem Freudenschrei riß sie ihn ganz zu sich herunter, preßte seine

Lippen auf ihren Mund und küßte ihn heiß.

Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem Schoß; sie streichelte

seine Haare und wickelte sie um ihre Finger.

»Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses Maria, haon ech en Freid.

Pittchen, ech haon dech su liew!«

»On dän Schandarm?« fragte er leise, noch einmal von einem düstren

Argwohn beschlichen.

Sie lachte hell auf. »Dän Lappes! Waaßte, wie dän micht? Kuck hei.« Sie

drückte die Augen heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer

rosigen Oberlippe. »Alleweil micht dän e su. O dän! Hahaha!«

Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen gestützt, sah er

verliebt in ihr lachendes Gesicht.

Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt und kitzelte ihn mit

einem Halm unter der Nase. Er mußte mit ihr lachen. Und dann tuschelte

er ihr etwas zu und drückte ihren Fuß.

Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war weich, der Wald einsam,

dunkler und dunkler wurde der Abend. So weich, so zärtlich ging die

Luft, und die Blätter lispelten sacht, als hätten sie sich heimlich,

ganz verschämt etwas anzuvertrauen.

Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er schleppte beides,

das Kind und das Packet. Sorgfältig hatte er selbst die Geschenke

eingepackt und verschnürt, dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals

gehängt; das Päckchen baumelte, bei jedem Schritte spürte er's.

Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst war's stockfinster.

Zeih that furchtsam; bei jedem Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln

einer Nadel fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn. Sie

ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter dem dünnen Fähnchen

spürte er ihren warmen vollen Körper.

Es war ihm sehr heiß, sein Atem ging unruhig; er schwitzte, trotzdem es

nun bergab ging und der Nachtwind feucht und scharfkühl wehte.

Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Häusern schwacher Lichtschein,

die Straße leer. Am eintönig plätschernden Brunnen standen noch ein

paar Weiber und wuschen ihre Füße in dem ausgehöhlten Baumstamm, der

als Brunnentrog diente. Sie hatten ihre Röcke hochgeschürzt; in dem

Mondstreif, der jetzt durch's Nachtgewölk brach, schimmerten ihre

nackten Arme und Beine lockend silberweiß.

Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln, jenen wunderlichen Schauer,

der ihm leise über den Rücken hinabrieselte, sein Blut für Augenblicke

erstarren machte, um es dann desto heißer anzutreiben.

Unweit ihrer Hütte strich eine Gestalt an ihnen vorbei; Peter glaubte

Tina zu erkennen an ihren glitzernden Augäpfeln und den geschmeidigen

Bewegungen. Sie schlüpfte zwischen ihm und der Hecke durch; für eine

Sekunde fühlte er seine Hand gestreift von heißen, feuchten Fingern --

dann war's vorbei, verschwunden wie ein Spuk. In der Ferne noch ein

leis verklingendes Lachen. --

In der Nacht träumte Pittchen schwer.

Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih entgegengegangen. Aber oben

am Kaisergarten wandte er sich rechts, gen Großlittgen zu; er mochte

wollen oder nicht, er mußte dahin. Es puffte ihn von hinten was in den

Rücken, ein starker Wind blies ihn fort.

In der Ferne hörte er Stimmen, sie riefen und lockten: »Pittchen!

Komm, Pittchen!«

Lachen klang dazwischen -- jetzt hörte er die Zeih rufen, und jetzt die

Tina -- jetzt fielen andre bekannte Stimmen ein: »Pittchen! Pittchen!«

Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um. Da ging er durch die öde

Heide, der Wind stöhnte drüber hin mit unheimlichen Klagelauten.

Er wollte nicht weitergehen, umkehren -- sein Fuß strauchelte über

abgestorbne Strünke, es roch nach Pech und Schwefel. Eine glühende Luft

schlug ihm entgegen wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen und

tief innen im Leibe das Herz.

Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern, fernab tönte heisres

Hundegebell -- das waren die Hunde von Großlittgen. Hilfe, Hilfe,

dorthin!

Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie festgewurzelt.

Der Boden war heiß, als brenne unterirdisches Feuer darunter. Und da

war ein Kreis seltsamer grüner Pflänzchen, wie abgezirkelt standen sie

im Kranz mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen Licht, das

die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges Grün.

Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine Mutter nicht schon als

Kind dort, sich bekreuzend, vorüber geführt und scheu geflüstert:

»Hei es't net geheuer!« Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes

Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren Füßen; nur diese

Pflänzchen sproßten, grüne Stengel, ohne Blatt und Blüte, das einzig

Lebendige ringsum.

»Pittchen, Pittchen!«

Wer rief?

Im Flammenschein hüpften ihm Gestalten entgegen mit raschelnden

Röcken und flatternden Haaren, sie lachten und winkten und riefen und

streckten die Arme nach ihm und reichten sich die Hände und wirbelten

um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller -- immer wilder, wilder --

Weiber, Weiber, lauter Weiber!

Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis, sie hatte die

Seidenschürze wie ein Mäntelchen um die Schultern hängen und den neuen

roten Unterrock an -- weiter nichts. Sie schlug die andren auf die

ausgestreckten Finger und lachte hell.

»Dän es mein!« Sie warf den Unterrock und die Schürze ab -- da stand

sie nackt und schön im Flammenschein und sprach gebieterisch: »Kaaf mer

e nei Kleid!«

Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen sie in die Höhe, sie

wurden zu Flammen, die ihm entgegenzüngelten -- -- --

»Jesus! Maria! Josef!« -- Da, der Boden wich ihm unter den Füßen, er

that einen tiefen Fall, abgrundtief -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mit einem Schrei erwachte Pittchen.

Der Mond schien hell durch's unverhängte Fensterchen, mitten auf das

zerlumpte Federbett. Der Kopf der Zeih lag schwer auf seiner Brust und

drückte ihn.

Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmäßig.

Das Weiberdorf · 第 23 / 49 题