Immer noch -- da knacks, der Ton brach ab! In gekränkter Eitelkeit
versuchte der Bursche noch einmal, aber die Stimme gehorchte nicht mehr.
»En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen zu Cöllen. Haha, en Krümmel
in der Tröt.« Die Männer lachten.
Der Sänger wurde zornesrot und räusperte sich gewaltsam.
»Looß sin,« sagte begütigend einer der älteren und klatschte ihn
freundschaftlich auf die Schulter. »Hal dei Maul, Jong! Sei net e su
bubsterzig[1], de Stimm kann mer net kommandieren, se es ken Maschien
on ken Framensch.« Und dann augenzwinkernd. »Wat maanste, Lorenz, ob
Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?«
»Dat Bäbbchen?!« Lorenz zeigte, schnell getröstet, die tadellosen
Zahnreihen. »Et gitt gäckig vor Freid. Se maanen all, mir kommen erscht
morjen.« Er patschte sich auf die Lenden. »Helao, dat gitt ebbes! Seit
Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz gesäß! Dat es net pläsierlich.«
»Nä, nä, dat es et aach net!« Eine gewisse Rührung bemächtigte sich
ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen
würde. Die Ehemänner dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die
Mädchen, die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heißesten
geküßt, heiß geküßt im kalten Schnee. Und jetzt war Sommer -- die
hatten lange fasten müssen!
»Dat gitt en Freid!« Man warf sich in die Brust, man brachte ja das
Glück. Schnell noch einen Blick hinunter in's dämmernde Thal. Da
warteten die Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte sich
vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen, und die Büsche am Waldsaum
lockten mit verschwiegenem Dunkel.
Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind und flüsterte im
Gras; die Luft koste leise und weich, Nebelstreifen wie winkende
Brautschleier stiegen aus dem Grund am Bach, Bäume streckten
verlangende Arme aus. Jetzt -- hier -- da -- dort glomm ein Lichtchen
auf! Blasse Sterne, sehnsüchtige Augen in einsamer Kammer.
Niemand mehr auf den abschüssigen Äckerchen. Alles still, wie begraben.
»Häh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil sein mir elao! Halloah
-- -- -- oa -- -- oah -- --!« Einer da oben hielt die hohlen Hände vor
den Mund und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bündel in die Höh.
»Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wän es dän erschten unnen? Hopp! Bonz
unnen, Bonz owen[2], voran gemaach!«
Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie verschmähten die
vielfach gewundene Fahrstraße, auf steilen Richtwegen schnitten sie die
Serpentinen ab; polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach.
Auch die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld hatte
sie alle ergriffen, das Blut floß nicht mehr träge in den Adern, es
kreiste unruhig und stieg ihnen zu Kopf.
Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen, sie warfen einen
trauten Schein aus den engen Kammerfenstern. Voran, voran! Süße
Vogelstimmen piepten im Nest. Voran, quer durch's Brombeergestrüpp!
Da saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang nicht
fort, sondern stieß den sammetweichen Kopf schnurrend gegen die sie
streichelnden Hände. Aber weiter -- die warteten!
Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden Gestalten. Nun kam der
letzte Absatz, man rutschte, man glitt, man sprang -- nun lag das
Dorf ganz nah, melodisch tönte das »Muh« einer Kuh, ein sehnsüchtig
langgezogener Liebesschrei.
Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da war keiner, der nicht mit
einstimmte:
»Kommen wir in dieser Nacht,
Fein Liebchen, fein!
Seid ihr tot oder lebt ihr noch,
Fein Liebchen, fein?« -- -- --
Da war schon das erste Haus.
»Will das Mädchen net obstohn,
Fein Liebchen, fein!
So wollen wir's in die Blotz drohn[3]
Fein Liebchen, fein!« -- -- --
Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an und wuchs und drängte:
»Will das Mädchen sich net tummeln,
Wollen wir die Thür auftrummeln« -- -- --