Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre! --

Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung!

Ich verlobte mich einem Manne -- die Braut des Grabes schien ihren Weg

verfehlen zu wollen! -- Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward

ich zur Verrätherin! -- der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich

nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines

Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! -- Liebe konnte ich keinem

mehr geben! --

O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. -- Sie

liebten, liebten den edelsten der Menschen --

Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! -- Aber er ist Fürst. Ich

habe gekämpft und den Sieg errungen.

Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken,

sammelte sie die Trophäen. --

Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen!

-- Die Beharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. --

Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters --

so schwor er. -- Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand

sich durch den Aufzug beleidigt! -- Der Fürst verzweifelte, Verdruß,

Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! -- Schon schwebte der

Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! -- Das Uebrige

weißt du -- die gute Absicht entschuldige die Mittel! -- Wem gehören

diese Klagetöne? --

Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte

so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich

in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen

Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen

vermochte.

Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende.

-- Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! --

Sie legte die zitternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker

bebende Hände. -- Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht

glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte!

Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten!

Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung

für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein

Wohlwollen für meine Mündel. -- Georg näher! Warum so finster? Gönne

mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft

trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten

meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf

einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest!

Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe.

Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher.

Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchte doch gern von

dir verstanden werden. -- Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth

unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! -- Georg,

du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener

auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht

anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt

der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine

Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich

habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. -- Du erinnertest

dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten

Pflegevaters -- er lebt noch -- Wie würde er sich freuen, dich als den

Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das

Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du -- sobald

ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo -- Ihn ruft eine

wichtige Angelegenheit nach Italien -- und Trennung von ihm -- würde

dir -- doch schwer fallen -- Ha! Gott sey Dank! -- ich habe vollendet!

-- Finster wird’s -- vor meinen Augen! -- Wehe! -- wohl! -- Wo seyd

Ihr? -- die Kraft -- verläßt -- mich -- ah! --

Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos:

Adelaide! -- Vergebens! sie hörte nichts mehr! -- Georg hob sie mit

convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem

Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder

zurück -- Adelaide war nicht mehr! --

* * * * *

Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne;

-- „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz,

kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals

die Verblichene geflehet. -- Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee

prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen

besetzten Drapperie. Auf weißen marmornen, mit Zypressen umwundnen

Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender

Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide

auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni,

welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte

-- und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der

Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam

wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen,

um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein

Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen

Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens;

weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen,

bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! --

Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher

heut am achtzehnten November seine aufgeblühten Erstlinge zum

Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die

Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie --

zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete

Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten,

bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste

Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!

Wann soll sie beigesetzt werden? -- fragte der Doktor.

Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.

In Gottes Namen dann -- heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie

ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. -- Man will den Sarg auf die

Bühne haben.

Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten,

zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die

weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. -- Ha! bahret nur auf, rief

er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten -- aber, mich

laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! --

Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der

Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.

Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe

stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der

Trauer. -- Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer

Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft;

die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. -- Völliger

Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide

warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung

bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte

sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu

gelangen. -- Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen

wollende Mutter zu vergessen.

Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam;

Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert.

Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte,

das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. -- Zynthio,

in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald

auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein

anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt

ereignen könnte. -- Georg lehnte eben so sprachlos an eine der

Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben

herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.

Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem

Sinnenschlummer.

Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt,

der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut

weinend über die entschlafene Jugendfreundin.

So konnte das Verhängniß meiner spotten? -- Ha, im Sarge! -- Allweise

Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr

machen, um dich zu verherrlichen! -- sagte bitter Mathildens Begleiter,

der Erbprinz.

So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? -- klagte Mathilde

-- o du Stolze! -- mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; --

nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! -- Zynthio,

Zynthio! warum ließest du sie sterben? --

Sterben? -- Konnte sie etwas bessers thun? -- unterbrach sie in

grollender Verzweiflung der Prinz. -- Heirathen oder sterben, das sind

so die gewöhnlichen Kunstgriffe -- den Verschmähten am sichersten das

Herz zu zerreißen! --

Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den

Uebrigen hinweg. Prinz! -- sagte er ihm leise -- diese Nacht um zwei

Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist -- habe ich Ihnen nur wenige

Worte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem

halben Fürstenthum zurück kaufen zu können.

Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem

Fürstenthume! -- Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der

Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! -- ihn

konnte sie lieben --

Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. -- Ja, sie liebte, aber nicht diesen.

In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der

Menschen -- aber -- er ist Fürst! --

Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman · 第 36 / 41 题