Betty hüpfte für Freuden. -- „Daß du mir aber auch den weißen
Rosenstock pflegst! -- ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß
er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. -- Mein
Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn!
bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“
Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das
fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens;
das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen
Vorgeschmack ihres Schlummers im Grabe. -- Sie fuhren durch eine
Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen
brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den
matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem
Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über
den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. -- So dachte sich der sie
anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber
der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath
zu wenden, wohin er -- sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht,
zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick
ergriffen; begeistert rief sie aus:
Erscheinet mir einst so mein Engel,
Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;
So winke mir der Todesengel,
und freudig werd’ ich mit ihm gehn.
Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den
Bruderkuß. -- Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu gehn!
--
Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie
sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß
Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema
applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im
ruhigern Gleise geblieben seyn!“ -- klagte die Holde.
Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre
Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. -- Wie Gott
will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen!
Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen
wollten -- daß ich ihr gute Nacht wünsche.
Sie schnürt ihr Bündel -- antwortete der Landrath -- und geht mit nach
Wallersee.
Die Freude dank ich dir, Theodor!
Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser.
Ja wahrlich -- nahm der Erste wieder das Wort -- wer könnte sich jetzt
freuen: -- Gutes, liebes Kind! -- werden Sie dieses Haus, wo wir alle
Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? -- und wann? --
Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar
nicht mehr von Ihnen trennen. -- Aber das können wir Alten nicht; Nun,
wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; -- Nachricht von
Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden.
Will man mich denn hier nicht wiedersehen? -- scherzte Adelaide, ihre
Wehmuth ziemlich mühsam verbergend -- Es wird Ihnen nicht gelingen; ich
dränge mich ein -- und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich
als Geist.
Als Geist! -- wiederholte tief bewegt Vater Elfen -- als er die langsam
dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so
langsam in das Zimmer zurückschlich.
Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! -- klagte weinend
dessen Gattin.
Uns nicht erleben lassen? -- Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu
erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich
für die Zukunft an sein Güte glauben würde -- denn um dessen gesunden
Verstand steht es dann so und so! --
* * * * *
Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines
Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil
an des Menschen Haupt sendet, so beugt er vorher das Haupt, und der
Pfeil hebt blos die Dornenkrone von seinen Wunden ab.
Jean Paul.
Karoline schrieb ihren Eltern: Nachdem Sie uns gestern verlassen
hatten, vermehrte sich die Fieberhitze unsrer theuren Kranken. Ihre
Gedanken verwirrten sich; die Brust arbeitete ängstlich -- jede
Nerve zuckte; wir all vergingen vor Jammer! -- Doch tröstete uns
Doktor Weidenbach mit der Versicherung, daß die Leidende selbst
wenig empfinde, und ihr Nervensystem zu schwach sey, um bey diesem
convulsivischen Bewegungen sich anders als leidend zu verhalten. Je
weniger Widerstand die Natur leiste, je geringer wäre das Gefühl. --
Gegen Mitternacht wurde sie ruhiger. Ach! -- ein Nervenschlag hatte die
Krisis entschieden. Abwechselnd mit Schlafen und Wachen hat sie diesen
Morgen hingebracht; auch wir sollen uns durch einige Stunden Schlaf
zu erholen suchen! dies war ihre dringendste Bitte, und wir müssen
wenigstens scheinbar ihrem Willen nachkommen.
Ich verließ sie, um Ihnen, theure Eltern zu melden, wie es hier mit
uns steht. Julius liegt in dumpfer Verzweiflung vor Adelaidens Bildniß
in der Gallerie. -- So eben trägt man ihn außer sich in Theodors
Zimmer auf ein Bett; Theodor bedarf selbst des Trostes und soll meinen
unglücklichen Vetter zur Vernunft bringen! -- Eine Wohlthat war es,
daß Sie Doktor Weidenbach zu uns brachten. Adelaide sagt: es ist mir
lieb, meiner Mutter wegen! sie wir seiner bedürfen. -- Ja wohl, der
Zustand der alten Gräfin kann bedenklich genug werden! meint selbst
Weidenbach; er fürchtet für ihren Verstand. Sie hatte gehört, daß er
zu Camillo gesagt: kaum könne Adelaide noch vier und zwanzig Stunden
leben, und seitdem scheint sich ihre Vernunft verwirrt zu haben; bald
weint, bald lacht sie; bald fragt sie: ob Adelaide aus der fürstlichen
Gruft schon glücklich herausgekommen -- bald ob ihre Tochter schon als
Braut geschmückt sey, und zur Trauung gehen werde? -- Man läßt sie
nicht ins Krankenzimmer; auch hat sie heut dahin noch nicht verlangt.
-- Sie wird mich schon rufen; sagte sie vor einer Stunde -- ich kenne
meine Tochter: sie überrascht mich gern; ich muß ihr die Freude nicht
verderben!
* * * * *
Zynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, -- säuselte Adelaidens Stimme,
dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich -- O, ich weiß wohl, du könntest
auch nicht! -- Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dir
auch wieder werden. -- Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß
ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, -- daß du mich in der
letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! -- denn noch ist
mein Tagewerk nicht vollendet. -- Zynthio, hast du die Papiere gelesen,
welche ich dir diese Nacht übergab? -- Es geschah nicht mehr in der
Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.
Ich habe sie gelesen.
So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! --
Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen
durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir
anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen
Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf
dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren
Monaten dazu -- und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute,
da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. -- Hätte ich leben sollen
-- diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. -- In der Disposition
über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff
Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. -- Dein Erbtheil,
das ich einstweilen verwaltete -- --
Mein Erbtheil? -- Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so
nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es
nicht bedurft.
Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen
Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der
Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn.
Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem
Schreibpult finden wird, dazu ernannt. --
Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen
lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können --
Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und
deines Versprechens!
Wohl, wohl!
-- Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes
Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich,
was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. -- Der
Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu
vereiteln. -- Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner
Mutter nicht vergiftet haben wollte -- auch wirst du in dem Aufsatz der
nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige
Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas
von dieser Begebenheit -- auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich
mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend
mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.
Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf
seine Knie.
Und Seraphine? fiel Adelaide ein. -- Erfülle erst die Pflichten des
Bruders, werde erst Gatte und Vater!
Zynthio schauderte. -- Das Letztere nimmermehr! -- Verhältnisse dieser
Art haben keinen Reiz für mich.
Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des
nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht
zum seelenkranken Weichling machen. -- Mein Andenken wird dir werth,
ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten
Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! -- ich werde
Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen -- einst
sehen wir uns alle wieder.