Drei Tage später, wie gewöhnlich über meinen Büchern sitzend, gegen elf
Uhr nachts, hatte ich plötzlich dasselbe seltsame Gefühl, das mich in
jener Nacht aufgescheucht hatte, als der Indianer in mein Haus gekommen
war.
Ein Frösteln lief mir über den Rücken, als ich, zur Seite blickend,
meinen indianischen Besucher im Zimmer stehend fand, mich schweigend,
aber unverwandt beobachtend.
Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog sofort, weil mich die Wut
packte, die zu verbergen ich mich keineswegs bemühte, als ich den Mann
fragte: „Wie sind Sie denn hier hereingekommen? Was denken Sie sich denn
eigentlich, daß Sie sich solche Freiheiten erlauben? Das ist doch hier
kein öffentliches Gebäude. Das ist ein Privathaus, verstehen Sie? Und
ich wünsche, daß Sie es als ein Privathaus respektieren. Was, zum
Teufel, wollen Sie denn eigentlich? Wenn Sie einen Schweinehirten
suchen, dann sehen Sie sich anderswo um. Ich mag Schweine nicht.“
Ich polterte die Sätze heraus, mehr um mein Sicherheitsgefühl
wiederzugewinnen und jenes Frösteln loszuwerden, als um dem Manne wehe
zu tun.
Er starrte mich an mit weit geöffneten Augen und mit einem Ausdruck des
Gesichts, als müsse er vorsichtig den Sinn meiner Sätze erst ergründen,
ehe er darauf antworten könne.
Dann sagte er: „Auch ich fürchte Schweine. Sie sind so grauenhaft! Oh,
so sehr grauenhaft!“
Kurz angebunden erklärte ich: „Das geht mich nichts an. Schlagen Sie die
Biester tot und kochen Sie das Fett aus, wenn sie Ihnen unbequem sind.
Aber lassen Sie mich nun endlich damit in Ruhe.“
Ich sah ihm ins Angesicht. Seine Augen blickten so traurig, daß ich
plötzlich heißes Mitleid mit ihm empfand.
„Sehen Sie hier, o Herr!“ Er deutete auf seine Wade. Gräßlich! Einige
Zoll über dem Knöchel befand sich eine furchtbar aussehende Wunde.
„Das haben die Schweine getan.“ Durch seine Stimme klang jetzt ein Ton,
der es mir schwer machte, nicht anzufangen zu weinen. Mein übermüdetes
Hirn begann sich zu rächen.
„O grauenhaft! O grauenhaft! Und gleichzeitig zu wissen, daß man ganz
hilflos ist, daß man sich nicht einmal gegen solch wüstes Getier
schützen kann. Flehen Sie alle Schicksalsmächte an, daß Ihnen nicht ein
gleiches Los beschieden werde. Es wird nicht lange währen und diese
entsetzlichen Tiere werden an meinem Herzen nagen, und sie werden mir
die Augen ausfressen, bis jener Tag des Grausens kommen wird, wo sie
mein Hirn schlürfen werden. Oh, Herr und Freund, bei allem, was Ihnen
heilig ist, helfen Sie mir, erretten Sie mich aus meiner namenlosen
Pein. Ich leide mehr, als ein Mensch ertragen kann. Was mehr noch kann
ich sagen, um Sie von meinen Qualen zu überzeugen!“
Nun endlich wußte ich, was der Zweck seines Besuches war. Der Mann
glaubte, ich sei der Doktor. Es war allgemein bekannt, daß der Doktor
nicht praktizierte; da aber der nächste Arzt etwa fünfundachtzig Meilen
entfernt wohnte, leistete Doktor Wilshed auf Verlangen in sehr
dringenden Fällen erste Hilfe. Augenscheinlich litt der Mann
entsetzliche Schmerzen.
Nach langem Suchen fand ich in einer Kiste die Medikamente. Ich nahm
eine Binde heraus, Baumwolle und Salbe.
Als ich mich nun dem Manne näherte, ihm die Binde anzulegen, trat er
zwei Schritte zurück und sagte: „Das ist nutzlos. Es sind die Schweine,
die ich fürchte und die mir Qualen bereiten, nicht die Wunde, die ich
kaum beachte. Diese Wunde ist für mich nur das Zeichen dessen, was noch
folgen wird.“
Auf seine Weigerung nicht achtend, langte ich energisch nach seinem
Bein. Aber ich tappte in die leere Luft. Etwas verwirrt sah ich auf, und
ich nahm wahr, daß der Mann noch einen Schritt weiter zurückgegangen
war. Lächerlich, wie leicht man sich täuschen läßt, ich konnte schwören,
daß meine zupackende Hand an derselben Stelle gewesen war, wo sein Bein
stand.
Ich gab meinen ärztlichen Beistand auf und ging zum Tisch, wo ich
stehenblieb und ihn beobachtete.
„Das sind ganz wundervolle Schmucksachen, die Sie da tragen“, sagte ich.
„Wo haben Sie die erhalten?“
„Mein Neffe hing sie über mich, als ich ihn verlassen mußte.“
„Scheinen sehr alt zu sein. Antike Arbeit.“
„Sind sehr alt“, bestätigte er. „Sie gehören zum Schatze meiner
königlichen Familie.“
Ich konnte es nicht vermeiden, zu lächeln, was er aber nicht zu bemerken
schien, oder er war zu höflich, es zu sehen. Spaßhafte Leutchen, diese
Indianer. In Lumpen gekleidet, wohnend in elenden Grashütten, selten im
Besitz der paar notwendigen Münzen, um sich rohes Leder für Sandalen zu
kaufen, tragen sie dennoch Diamantringe an den Fingern.
Wieder begann ich nüchterne Wirklichkeit und den Inhalt der Bücher, die
mich in Atem hielten, miteinander zu verwirren. „Mein Neffe gab sie
mir.“ Aber das war ja ein Brauch bei den Azteken, bei den Panukesen, bei
vielen anderen indianischen Völkern, wo nie der Sohn, sondern der Bruder
oder der Neffe Thronerbe war. So ging das nicht weiter. Ich mußte unter
Menschen gehen; die Einsamkeit des tropischen Busches bekam mir nicht,
ganz besonders nicht, wenn ich nichts tat, als derartige Bücher zu
lesen.
„Nun muß ich gehen!“ Er unterbrach meine wandernden Gedanken. „Vergessen
Sie nicht, daß es die Schweine sind, mein Herr. Einige große schwere
Steine werden genügen. Es ist so hart, um Hilfe bitten zu müssen, aber
ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin ja so sehr hilflos.“
Aus seinen traurigen Augen rollten Tränen langsam an seinem Gesicht
herunter, obgleich er sich bemühte, ihnen Einhalt zu gebieten.
Dann erhob er seine Hand, führte sie an seine Lippen, hob sie hoch über
sein Haupt und hielt die innere Handfläche eine kleine Weile gegen mich
gekehrt. Und ich erkannte, daß seine Hand von einer edlen Form war, die
ich irgendwo gesehen hatte. Wo aber, konnte ich mich nicht erinnern.
Auch bemerkte ich zum ersten Male, daß er einen Bart trug, der zwar Kinn
und Backen hinreichend umrahmte, aber doch sehr dünn erschien. Und
obgleich einen solchen Bart gesehen zu haben ich mich nicht erinnerte,
rief er doch etwas, das mit merkwürdig gesprochenen Sätzen verknüpft
war, in mir wach, über das ich nachzugrübeln begann, ohne es finden zu
können.
Ich riß mich von dieser verwirrenden Gedankenkette los, um den Mann nach
seiner Wohnung zu fragen, was zu wissen mir plötzlich und ganz ohne
Grund ungemein wichtig erschien.
Aber er war bereits gegangen.
Ich sprang zur Tür.
„Wahrlich! Er schreitet wie ein König!“ sagte ich zu mir selbst, als ich
ihn den Pfad dahingehen sah.
Wie wunderschön war die Nacht! Sie war gekleidet in den magischen
Silberschimmer des Vollmondes, der steil über meinem Scheitel stand. Die
zauberhafte Sonne der Tropennacht. Die Dinge standen in diesem Lichte da
in einer so unheimlichen Schärfe, als müsse sich in jeder Minute etwas
Unerhörtes ereignen. Es lag ein Warten in diesem Lichte, als würden
diese grellbeleuchteten, schreckhaft lebendig erscheinenden Dinge mit
dem nächsten Atemzuge einen gellenden Schrei ausstoßen, um den Schatten
aufzujagen, der schwer und schwarz und wuchtig auf ihren Füßen lastete.
Und der in der Luft hängende Schrei fiel auf mein Herz und machte es
stocken, als der Indianer stehenblieb, sich umwandte und mir sein
Gesicht zukehrte, in dem ich jede Linie, ja selbst jede Pore deutlich
sehen konnte, obgleich er dreihundert Schritte beinahe entfernt war. Nun
erhob er den Arm und deutete nach jenem Hügel, wohin sich die drei
Schweine verzogen hatten, nachdem ich sie mit Steinen fortgejagt hatte.
Dann verließ er den Pfad und ging auf den Hügel zu. Das Gebüsch reichte
ihm zur Schulter. Langsam stieg er den Hügel hinauf, bis er die Höhe
erreicht hatte, wo das dichte Gebüsch so hoch stand, daß es ihm weit
über den Kopf reichte und es auf mich den Eindruck machte, als habe ihn
das Gestrüpp verschluckt; denn ich sah ihn nicht mehr.