DER BANDITEN-DOKTOR

Eines Nachts wurde an die dünne Bretterwand des Bungalows geklopft, in

dem ich wohnte. Eine Uhr besaß ich nicht, aber nach der Stellung des

Mondes schätzte ich, daß es kurz nach zwölf Uhr sein müsse. Es war in

einem indianischen Dorfe, und der Ort stand im ganzen Distrikt in dem

Rufe, ein Nest von Banditen zu sein.

Auf dem Lande in Mexiko ist man nirgends sicherer, als wenn man mitten

drin zwischen Banditen wohnt, weder Indianer noch Mestizo ist und sich

um nichts kümmert, was die Leute um einen herum tun und auf welche Weise

sie ihr Leben fristen. Und außerdem habe ich erfahren, daß man in

solcher Umgebung friedlich und zufrieden lebt, wenn jedem Bewohner des

Dorfes bekannt ist, daß man nur ein paar durchlöcherte Stiefel, einige

abgetragene Hemden und eine Hose besitzt, die nicht einmal mehr gut

genug dazu ist, eine andere Hose damit auszuflicken. Man darf auch ruhig

noch obendrein einige Pesos haben, einige Bücher und eine klickernde und

aus allen Nähten fallende Schreibmaschine mit amerikanischen Typen.

Die Leute, die in jenem Dorfe wohnten, Banditen oder Nichtbanditen,

ließen mich nicht verhungern. Als ich mit meiner Baumwollfarm elend

zusammengesunken war, weil mir meine schöne Baumwolle der Boll-Weevil

geholt hatte, der neun Monate Arbeit und Hoffnung in weniger als

vierundzwanzig Stunden vernichtet hatte, stand ich da, zerknittert und

zerknüllt ins Blaue blickend. Aber kaum hatte ich für mich die Fragen

aufgeworfen: „Was werden wir essen?“, „Was werden wir trinken?“, „Wohin

werden wir uns nun wenden?“, da erschienen in meinem Bungalow zwei

Männer des Dorfes mit dem Wunsche, daß sie Englisch gelehrt haben

möchten. Und sie wollten wissen, wieviel ich dafür berechne. Ich sagte,

zwanzig Centavos für jeden und für jede Stunde. Sie zahlten mir jeder

zehn Stunden im voraus, und so konnte ich Saat für Mais kaufen, um in

dem Baumwollfelde, das zugrunde gerichtet war, Mais anzupflanzen, für

den die Zeit günstig war, weil die erste Periode der Regenzeit dicht

bevorstand.

Durch jene zwei Schüler bekam ich in kurzer Zeit zehn weitere Schüler;

denn aus irgendeinem Grunde, mir damals nicht klar, wollten alle Männer

des Ortes mit einem Male Englisch lernen. Die Männer kamen beinahe

regelmäßig, aber sie bezahlten ihre Stunden durchaus regelmäßig. Und wir

alle waren miteinander höchst zufrieden. Also was werde ich mich darum

bekümmern, ob Banditen oder Nichtbanditen! Sie ließen mich leben und ich

sie.

Wird auf dem Lande in Mexiko des Nachts an die Tür geklopft, so gebieten

einem Erfahrung und gute Lehren, sich ruhig zu verhalten, nicht zu

antworten und soviel wie möglich zu versuchen, den Atem zu unterdrücken.

Es kommt vor, daß man nach dem Anklopfen die Tür öffnet, um nachzusehen,

wer es ist, und ob es vielleicht der Telegraphenbote sein könnte, der

einem hundert Dollar bringen möchte. Sobald man die Tür öffnet, kracht

dann ein Schuß oder es krachen ein halbes Dutzend, und man zieht sich

wieder zurück, entweder allein oder von einem halben Dutzend Männer

gefolgt, entweder gesund und unbeschädigt oder mit einigen Bleikernen

beschwert.

Tapferkeit mag ja vielleicht eine große Tugend sein, auf dem

Schlachtfelde, wo die befleckten Ehrenschilder der Nationen wieder

reinpoliert werden sollen; aber Tapferkeit an gewissen Orten und zu

gewissen Zeiten und in Mexiko ist meist ein Zeichen von unheilbarer und

angeborener Dummheit. Es ist hier niemand verpflichtet, Jongleur zu sein

und herumflitzende Revolverkugeln mit den Zähnen aufzufangen. Dafür ist

ja der Zirkus da.

Und da es nun schon mehrere Jahre her war, daß ich mit Wanderzirkussen

herumgezogen war, so hatte ich die Gelenkigkeit verloren, und ich hielt

mich, als ich das Anklopfen hörte, so still wie eine vergrabene

Geldtruhe. Es klopfte wieder und diesmal stärker und nachhaltiger. Ob

ich nun zu zittern begann und mir der kalte Schweiß ausbrach, weiß ich

jetzt nicht mehr; aber ich glaube, daß es nicht geschah. Denn wenn es

schon so weit ist, daß nachts heftig an die Tür geklopft wird und das

Klopfen sich verstärkt, nützt es gar nichts mehr, vor Angst zu

schwitzen; denn dann ist das, was geschehen wird, auf alle Fälle schon

entschieden, ganz gleich, was es ist. Man kann sich dann also ruhig

Schweiß, Angst und Hoffnungsbrühe sparen und diese Dinger für die Würmer

aufbewahren, damit man nicht nachträglich von denen noch beleidigt wird,

daß man ihnen nicht genug Fett und Muskelfleisch hinterlassen hat.

Nachdem nun abermals heftig geklopft worden war, hörte ich halblaut

draußen reden. Es waren, wie ich aus den verschiedenen Stimmen hören

konnte, wenigstens drei Männer. Die Stimmen hatten einen kräftigen und

mitleidlosen Tonfall. Die Männer wußten, was sie wollten.

Dann hörte ich, wie die Männer zur Tür schuffelten. Ich hörte die

schweren Tritte auf der sandigen Erde. Zwei schienen Halbstiefel

anzuhaben und einer Sandalen. Auf alle Fälle wurde mein Leben um die

Zahl der Schritte verlängert, die bis zur Tür waren. Ich überlegte, ob

ich fliehen könnte.

Der Bungalow hatte, wie alle solche Holzhäuser in Mexiko und im Süden

der Staaten, an jeder Seite eine Tür. Aber die Türen hatte ich mit

Vorlegebalken verrammelt. Das Abwuchten des Balkens konnte nicht ohne

Geräusch getan werden, und beim leisesten Geräusch wären die Männer an

der Tür gewesen, wo ich ausbrechen wollte. Ich dachte natürlich auch

sofort an Medizin, durch die ich mich vielleicht retten könnte. Aber in

diesem kurzen Augenblicke – ich war aus tiefem Schlaf geklopft worden –

fiel mir keine Medizin ein, die brauchbar hätte sein mögen. Ich mußte

wohl auch erst einmal zusehen, wie die Männer, denen ich eine mich

heilende Medizin zu verabreichen gedachte, aussahen und was sie wollten.

Einen Revolver oder eine sonstige schießende Spritze hatte ich auch

nicht. Hilft auch nicht viel, wenn man so etwas hat. Es kann glücken,

daß man alle drei erschießt. Das ist das geringste. Viel wichtiger und

viel schwieriger ist, aus dem Dorfe fortzukommen, nachdem man drei

seiner Bürger erschossen hat, aus einem Dorfe heil fortzukommen, von dem

man weiß, daß es eine Burg voll von Banditen ist. Ich habe überhaupt oft

gefunden, daß es eine der größten Sicherheiten ist, wenn man keinen

Revolver hat. Dann hat man keine Verpflichtung, tapfer zu sein.

Tapferkeit wird immer und überall schlecht belohnt. Es sind immer die

Leisegänger, die den Krieg überleben; die wahrhaft Tapferen bleiben

draußen für den Ruhm derer, die unter Triumphbogen heimmarschieren.

Die Männer waren nun zur Tür gekommen. Der Bungalow war auf Pfosten

gebaut, der schweren tropischen Regengüsse wegen. Infolgedessen führten

hier einige Stufen hinauf zur Tür.

Ich hörte die Leute die Stufen hinauftrampeln. Da die Treppe nicht sehr

breit war, schien nur einer an der Tür zu sein, während die beiden

andern auf den unteren Stufen standen.

Der Mann an der Tür klopfte nun heftiger an, und er gebrauchte wohl,

nach dem harten Ton zu schätzen, den Knauf seines Revolvers oder seines

Gewehrs.

Als das Klopfen nichts fruchtete, begann er zu rufen: „Oiga, Hombre,

machen Sie auf, stehen Sie auf. Wir wollen mit Ihnen reden.“

Das gab mir nun den Beweis, daß sie genau wußten, daß ich im Hause sei,

denn andernfalls würden sie nicht rufen.

Sie waren hartnäckig sowohl mit dem Klopfen als auch mit dem Rufen. Aber

ich rührte mich nicht, mit keiner Wimper.

Nun redeten sie wieder untereinander. Dann hörte ich, wie sie die Stufen

hinabpolterten und über den Sand dahinschlurften. Ich glaubte, daß sie

endlich eingesehen hätten, ich sei nicht zu Hause. Aber ich hatte mich

verrechnet, wie es immer geht, wenn man etwas glaubt.

Sie gingen einige Schritte weiter und blieben dann stehen, genau an der

Wand, die meinem Brettergestell, auf dem ich schlief, am nächsten war.

Und nun begannen sie hier gegen diese Wand mit aller Kraft zu klopfen

und zu rufen. Jetzt wußte ich aber auch, daß unter den Männern einer

sein mußte, der mein Haus genau kannte; denn sonst wäre es für jene

Leute nicht möglich gewesen, zu wissen, in welchem Teil des Bungalows

ich schlief.

Es blieb mir nun nichts weiter übrig, als zuzugeben, daß ich im Hause

sei. Und ich machte mich auf, dem Tode gefaßt und ohne mit einem Härchen

zu wackeln, in das kalte Auge zu sehen. Ruhmvoll war ein solcher Tod

nicht, denn niemand würde Notiz davon nehmen, wie kaltlächelnd und

höhnisch ich den Tod hinnahm; denn erstens war es finster, und zweitens

war weder ein Zeitungsreporter noch ein Geschichtsschreiber zugegen, der

der Nachwelt hätte verkünden können, wie edel meine Haltung in der

letzten Stunde meines Lebens war. Banditen scheren sich nicht viel

darum, ob man eine edle Haltung einnimmt, oder ob man vor kalter Angst

mit den Kinnbacken bibbelt. Auch Henker kümmern sich nicht darum. Es ist

Geschäft, nüchtern und sachlich wie jedes Geschäft, und darum

uninteressiert für jede Phrase, die nichts mit dem Geschäft unmittelbar

zu tun hat.

So schnell stand ich ja nun nicht auf von meiner Bretterlage, wie

vielleicht erwartet worden war. Denn jede Minute, die ich gewann, war

dem Tode abgerungen. So sagte ich schläfrig: „He, ihr da draußen, was

ist denn los? Caray, zum gottverfluchten Maultierschwengel, kann man

denn in diesem Nest, bebrütet von Teufelsfratzen und Geierfedern, nicht

eine einzige Nacht in Ruhe schlafen? Was ist denn das für ein besoffenes

Gesindel, das sich vor meiner Hütte herumbalgt? Ich habe keinen Tequila

hier im Hause. Zur Hölle mit euch verschwefelter Brut, ich will

schlafen.“

Ich war immer lauter geworden, mich absichtlich in Wut und Ärger

hineinredend; denn wenn es schon meine letzten Worte auf dieser Erde

sein sollten, so wollte ich doch, daß sie mit Inbrunst, Kraft und Saft

mein letztes Gebet verschönern möchten, damit die Ewigkeit weniger

langweilig sei.

Einem schlaftrunkenen Menschen nimmt man nichts übel, wenn man sein

rasches Aufstehen dringend benötigt. Und diese Männer hier schienen mein

Wachwerden wirklich sehr zu wünschen. Denn als sie hörten, daß ich

antwortete, wurde ihr harter Ton ein wenig milder. Vielleicht hatten sie

geglaubt, ich sei in der Tat nicht daheim, und daß sie deshalb

unverrichtetersache hätten abziehen müssen.

Einer nahm nun das Wort allein: „Hören Sie, Senjor, kommen Sie doch für

einen Augenblick zur Tür, ich muß dringend mit Ihnen sprechen, es ist

eine ernste Sache.“ Es lag viel Bitten in dem Klang seiner Worte.

Indianer und Halbindianer haben keinen Begriff für Zeit. Wenn sie etwas

auf dem Herzen haben, kommen sie zu jeder beliebigen Zeit des Tages oder

des Nachts.

Mich an die Tür zu locken, konnte nun aber doch vielleicht nur ein Trick

sein, um das, was sie mit mir vorhatten, leichter und bequemer

auszuführen. Aber was immer es auch sein mochte, was die Männer zu tun

gedachten, ich mußte nun doch endlich die Tür öffnen. Sie hätten die Tür

ja sowieso einschlagen können, wenn sie gewollt hätten.

„Hallo, Senjores“, sagte ich nun, mich dabei schläfrig gegen den

Türpfosten lehnend, „womit kann ich Ihnen helfen?“

Es war Mondschein, und ich konnte die Männer, die da vor den Stufen

standen, deutlich sehen, wenngleich ich ihre Gesichter nicht erkennen

konnte, weil sie von großen Hüten beschattet waren. Die Männer waren

sehr robuste Gestalten, ohne Jacken, nur Hosen an und Baumwollhemden,

die am Hals offenstanden. Einer trug Ledergamaschen und gelbe Stiefel

mit hohen Absätzen, die aber völlig schiefgelaufen waren. Ein anderer

trug ledergraue Stiefel, die an mehreren Stellen aufgeplatzt waren. Der

dritte trug, wie ich schon früher aus seinem leichten Tritt geschlossen

hatte, Sandalen an nackten Füßen.

Zwei der Männer, die mit Stiefeln bekleidet, hatten jeder ein Gewehr,

das sie in der Hand trugen. Der eine von diesen beiden hatte außerdem

noch einen Revolver hinten im Ledergurt stecken. Beide hatten ihre

Gürtel voll mit Patronen gespickt. Der Mann mit den Sandalen trug nur

einen Machete in der Hand.

Es war dieser Mann mit dem Machete, der mich zu kennen schien. Ich

glaubte auch, daß ich ihn schon verschiedene Male im Dorfe gesehen

hatte, während mir die andern beiden durchaus fremd waren.

Man hat zuweilen etwas im Instinkt. Und nirgends entwickelt sich der

Instinkt besser als bei einem Leben, wo man auf guten Instinkt

fortwährend angewiesen ist, und wo der Instinkt oft nur das einzige

Schutzmittel ist, das man zur Verfügung hat. Dieser Instinkt gab mir

merkwürdig rasch die Gewißheit, daß der Mann mit dem Machete mir

gegenüber friedliche Absichten hat, und daß die beiden anderen Männer

nicht mein Leben und meine Reichtümer verlangten, sondern irgendeine

Hilfeleistung.

Es war dann vielleicht doch nicht mein Instinkt, der mir die Absicht der

Männer verriet, sondern es war wohl nur, daß ich die Gedanken des

Mannes, der mit dem Machete, auffing in demselben Augenblicke, als er

sich bemühte, seine Gedanken in Worte umzusetzen. Er sagte: „Senjor,

tenga la bondad, por favor, möchten Sie nicht die große Freundlichkeit

haben, mit uns zu meinem Hause zu kommen. Ich habe da meinen Neffen

liegen. Ich weiß nicht, was er hat. Man hat mir ihn krank ins Haus

gebracht. Er will nicht aufwachen. Und wir möchten Sie doch recht sehr

bitten, mit uns zu gehen und zu sehen, ob Sie ihm nicht helfen können.“

„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich.

„Das wissen wir eben nicht, und darum möchten wir Sie ja so sehr bitten,

nachzusehen, was mit ihm ist.“

Der nächste Doktor wohnte etwa vierzig Meilen weit. Er würde für den

Besuch, der nur zu Pferde zu machen war und drei Tage Zeit aufbrauchte,

sicher wenigstens hundert Pesos verlangen, eine Summe, die auf den Tisch

gelegt werden mußte, ehe sich der Doktor auf das Pferd setzte. Und wer

von diesen Leuten kann hundert Pesos bezahlen? Umsonst kommt der Doktor

nicht, weder dieser noch ein anderer. In erster Linie ist er

Geschäftsmann und in zweiter Linie noch lange nicht nur Doktor; denn es

stundet ihm niemand die Miete, und wenn er seine Rechnung beim Bäcker

und beim Gemüsehändler nicht pünktlich bezahlt, dann wird ihm im zweiten

Monat nicht einmal mehr ein Kilogramm Kartoffeln geborgt. Wer nicht

zahlen kann, hat kein Recht zum Leben, er muß entweder sterben oder

versuchen, ohne Doktor am Leben zu bleiben. Darum bleiben die meisten

Mexikaner so lange am Leben, bis sie mehr als neunzig Jahre alt sind und

kein Kirchenbuch sich mehr darauf besinnen kann, wann sie geboren

wurden, vorausgesetzt natürlich, daß ihnen nicht in einer Schießerei der

Atem fortgeblasen wurde und gleich so weit, daß sie ihn nicht mehr

einfangen können.

Ich besaß eine wacklige Pappschachtel, in der einmal, in längst

vergessenen Zeiten, Schuhe eingepackt gewesen sein mögen, die sicher

nicht meine Schuhe waren, denn meine Schuhe waren viel älter. Diese

Pappschachtel, was immer ihr einstiger und erster Zweck gewesen sein

mochte, diente mir als Medizinkasten. Man darf sich natürlich meinen

Medizinkasten nicht so vorstellen wie einen First-Aid-Kasten der

Henry-Ford-Automobil-Fabrik, Dearborn. Er war nicht ganz so vollkommen.

Meine Medizin-Pappschachtel enthielt auch einige Medizin. Aber außer

dieser Medizin war noch darin: Nähzeug, Hosenknöpfe, ein morsches

Farbband, einige abgebrauchte Sicherheits-Rasierklingen, eine

ausgepreßte Zahnkremtube, ein großer Angelhaken, zwei kleine Angelhaken,

fünf Zeitungsausschnitte, ein Taschenmesser mit zerbrochener

Hauptklinge, die andere kleine Klinge war zwar sehr verrostet, war aber

sonst noch gut erhalten, Bindfaden in verschiedenen Stärken, vier

verschiedene Schrauben, einige Nägel, ein Bleistiftstümmelchen, ein

undichter Füllfederhalter, der ausgebrochene Zahn eines Eselfüllens, die

Rattel einer Klapperschlange und noch einige andere Sachen, auf deren

Art und Gebrauchswert ich mich nicht genau erinnere.

In meiner Jungenzeit hatte ich stets all mein irdisches Hab und Gut in

meinen Hosentaschen und Jackentaschen, weil ich immer fahrtbereit und

reisefertig sein mußte, wo immer ich auch war. Da ich inzwischen

wohlhabender geworden war, trug ich nunmehr alle meine irdischen

Reichtümer in jener wackligen Pappschachtel, die im Augenblick

zugeschnürt sein konnte. Denn meine Lebensweise hatte sich seit meiner

Jungenzeit wohl vorübergehend, aber nicht dauernd geändert. Auch jetzt

noch mußte ich immer, zu jeder Tageszeit und Nachtstunde, reisefertig

sein.

Auch wenn mir jene Herren mit schußbereiten Gewehren nicht gesagt haben

würden, daß meine medizinischen Kenntnisse augenblicklich sehr dringend

gewünscht seien, so hätte ich dennoch meinen Medizinkasten mit mir

genommen. Das geschah instinktiv und aus Erfahrung. Denn es war

vorgekommen, in Mexiko wie auch erst recht anderswo, daß ich glaubte,

mich nur für eine Stunde von meinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zu

entfernen; und wenn ich zur Besinnung kam, war ich auf einem anderen

Kontinent gelandet, zuweilen gestrandet. Durch solche Erfahrungen wird

man vorsichtig, und Zahnbürste, Rasierzeug und ein kleiner Taschenkompaß

waren Tag und Nacht gut eingeknöpft in meiner linken hinteren

Hosentasche als ständiges Notgepäck.

Was wußte ich, wo ich landen würde, wenn ich jetzt mit diesen drei

Nachtvögeln davonflog.

„Ist das Ihr Doktorkasten?“ fragte mich nun einer der Männer, während er

dabei sein Gewehr so über die Schulter warf, daß er den Lauf vorn in der

Hand behielt und der Kolben hinten über dem Rücken war.

„Ja, das ist mein Medizinkasten“, bestätigte ich, und die Männer

murmelten etwas, das wie Zufriedenheit klang.

„Dann wollen wir uns nun aufmachen“, sagte ein zweiter.

Ich schob den hölzernen Riegel vor die Tür. Und dann zockelten wir los.

Ich hatte auch nicht die leiseste Idee, wohin wir gehen würden. Denn

darüber war nichts gesagt worden. Es hatte keinen Zweck für mich, zu

fragen, wohin wir gehen würden; denn ob wir nach Honduras marschierten

oder nach Alberta in Kanada, das hatte ja nicht ich zu entscheiden,

sondern das wurde, ob es mir nun gefiel oder nicht, von denen

diktatorisch entschieden, die Gewehre hatten. Immer wer das Gewehr hat,

der hat das Recht zu kommandieren, und immer der, der das Gewehr nicht

hat, hat die Pflicht zu gehorchen. Das ist nun schon so seit dem

flammenden Schwert des Erzengels an der quietschenden Gartentür des

Paradieses. Weltgeschichtliche Leistung, zwei nackte Menschen aus dem

Gemüsegarten hinauszujagen, wenn der Feldhüter ein flammendes Schwert

schwingt und die beiden durch Schuld geknickten Leutchen nichts weiter

als Waffe in den Händen halten als ihre Scham, ein abgetrenntes Blatt

von ihrer flimsigen Kleidung und die abgeknabberte Rinde ihres

Apfelstrudels, der an allem Unheil schuld war. Was blieb ihnen übrig,

sie mußten gehorchen, und es half ihnen gar nichts, daß sie zwei

Mustermodelle aus den Privatkunstwerkstätten für künstlerische

Lehmarbeiten waren. Hätten sie ebenfalls ein Schwert oder ein

Maschinengewehr gehabt, wäre alles anders gekommen, und unsere Ansichten

über Befehlen und Gehorchen hätten eine andere Richtung eingenommen.

Darum wird man wohl verstehen, warum ich mit den drei Männern durch die

Nacht wanderte, ohne mit einer Silbe mich zu beschweren oder gar zu

fragen, wohin wir gehen würden. Wo man nichts dreinzureden hat, läßt man

alles gehen, wie es will.

Wir trotteten nicht mitten durch das Dorf, sondern hielten uns nahe der

Hütten, die mehr am Rande lagen. Die Hunde bellten entsetzlich von allen

Seiten. Und jene Hunde, die uns nicht sahen und uns nicht hörten,

bellten sich heiser, um den übrigen Hunden nicht alles Vergnügen allein

zu lassen. Es war ein Höllenlärm im Dorfe. Denn von dem anhaltenden

Bellen der Hunde wachten auch die Hähne auf und krähten, und die Esel

fielen mit ein. Aber von den Bewohnern kam niemand vor seine Hütte, um

zu sehen, was los sei. Denn Indianerhunde, wenn erst einmal einer damit

anfängt, bellen die halbe Nacht, ob da ein Trupp von Banditen die Häuser

umschleicht, oder ob ein Esel schläfrig durch das Dorf wandert, oder

eine Katze hinter einer Maus her ist, oder ob der Mond scheint oder ob

gar nichts geschieht.

Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns hatten, marschierten wir eine

gute lange Strecke durch niedriges Dschungelgestrüpp, dann durch ein

Stück Busch und erreichten endlich ein Bretterhaus.

Das Haus hatte vorn einen eingezäunten Blumengarten und an beiden Seiten

gutgepflegte Gemüsegärten, wie ich leicht und sicher in dem hellen

Mondlicht erkennen konnte. Das Haus sah nicht von alten Brettern

zerflickt aus und war nicht mit Lumpen, alten Schilfmatten und Fellen

behängt und benagelt, wie die meisten Häuser des Dorfes auszusehen

pflegten. Es machte von außen schon einen sehr reinlichen Eindruck. Auf

der Porch, der Veranda, standen zahlreiche Blumen eingepflanzt in

Töpfen, und da waren kleine Palmen und tropische Blättergewächse in

Kasten und ausgebrauchten Eimern und Petroleumbüchsen. Der gute

Eindruck, den ich von außen empfing, wurde um ein Vielfaches verstärkt,

als ich in den Wohnraum kam. Nicht nur in dem Dorfe selbst, sondern im

ganzen Bezirk hatte ich ein ähnlich sauberes und gut möbliertes Haus nie

vorher gesehen. Das Haus eines gutsituierten amerikanischen Farmers, der

Reinlichkeit und Behäbigkeit liebt, konnte weder in Texas, noch in

Arizona, noch in Coahuila oder Sonora besser und freundlicher aussehen

als dieses Haus. Ich hatte nicht gewußt, und ich hätte es auch nicht

geglaubt, daß hier in dieser Gegend eine so wohldeftige Familie lebte,

die fähig war, ein Haus so in Ordnung und Wohnlichkeit zu halten, wie

ich es hier sah.

Die Leute hatten eiserne weißlackierte Bettstellen; sie hatten richtige

Stühle, einige Schaukelstühle, eine gute Decke auf dem Tisch, große

eingerahmte Bilder an der Wand: Lohengrin mit seiner Elsa auf dem

Bettrand sitzend; Othello, seine großen Bombastreden von fernen Ländern

und wilden Ungeheuern haltend; Porfirio Diaz in glänzender

Generalsuniform; der Ausmarsch des mexikanischen Freiheitshelden Hidalgo

aus dem Dorfe Dolores; die Heilige Jungfrau von Guadeloupe; und eine

Anzahl von kleinen und vergrößerten Photographien von Onkeln, Tanten,

Großvätern, Ehepaaren, Kindern und Kommunionskerzenträgern, die wohl

alle zur Familie gehörten.

Man vermochte sich nichts zu denken, das friedlicher hätte sein können,

wohlanständiger und ehrenwerter als das Haus und die Familie, die es

bewohnte. Wer in einem solchen Hause wohnte und ein Haus so in Ordnung

und Sauberkeit halten konnte, waren Bürger, die einen Staat wohl in

seinen Fundamenten stützen und erhalten konnten.

Aber ein erfahrungsreiches Leben lehrt einen in harter, wenn auch in

erfolgreicher Schulung, Dinge nicht blindlings so zu nehmen, wie sie

aussehen. Es gibt wunderschöne Pflanzen im mexikanischen Busch, die

einen verführen, sie näher anzusehen, aber wenn man sie anfaßt oder auch

nur unvorsichtig mit dem nackten Arm streift, bekommt man einen

Hautausschlag, an dem man zwölf Monate doktern und salben kann und man

selbst dann noch nicht einmal sicher ist, wann man ihn los sein wird.

Trotz des wohlanständigen und ehrenwerten Hauses vergaß ich doch nicht

einen Augenblick lang, daß mich drei Männer hierhergelockt hatten, die

auch dann noch genügend verdächtig hätten sein müssen, wenn sie nicht

mit schußbereiten Gewehren und gespickten Patronengürteln beladen

gewesen wären.

Mit keinem Wort und mit keiner Geste ließ ich erkennen, daß mir der

Zwischenreim für das wohlanständige Haus und die drei Burschen bereits

klargeworden war. Ich sah das alles so an, als ob es gar nicht anders

sein könnte. Ich betrachtete mir die Bilder an den Wänden, als ob sie

große Meisterwerke einer Galerie seien, und um die Leute glauben zu

machen, daß ich die Bilder bewundere, sagte ich: „Sehr schöne Bilder,

von berühmten Meistern gemalt.“ Aber während ich das sagte, sah ich mir

doch alles, was es in dem Raum zu sehen gab, sehr sorgfältig an. Ich

betrachtete mir die Fenster genau, dadurch, daß ich die Augen senkte,

während ich den Kopf hoch hielt, als betrachte ich die Bilder. Aber die

Fenster waren gut verrammelt, kein Lichtstrahl drang hinaus in die

Nacht, und es war wenig Hoffnung, aus einem der Fenster zu entspringen,

wenn es hätte nötig werden sollen. Es führten zwei Türen aus dem Raume,

aber beide führten nur in zwei andere Räume.

Die beiden Männer mit den Gewehren setzten sich auf Stühle so an die

Tür, daß an jedem Pfosten einer saß. Sie stellten ihre Gewehre zwischen

die Knie und drehten sich Zigaretten.

„Setzen Sie sich doch, Senjor“, sagte jetzt einer der Männer, während er

mit dem Fuße auf einen leeren Stuhl deutete und dabei das Maisblatt, in

das er den Tabak eindrehte, mit der Zunge beleckte.

Ich setzte mich und sah mich nun weiter in dem Raume um, aber in einer

Weise, als ob ich mich eben nur umsehe, weil sonst nichts weiter zu tun

oder zu sehen war.

Der Fußboden war mit dicken Petates reich belegt. Die Matten waren gelb

und frisch. An den Stellen, wo die Matten nicht ganz zusammentrafen,

konnte ich sehen, daß der Fußboden knochenbleich gescheuert war und rein

wie frischgewaschenes Linnen. In einer Ecke war ein kleiner Altar, auf

dem ein Muttergottesbild stand, mit einem brennenden dünnen Lichtchen,

in einem Wasserglase mit Öl schwimmend. Über den Ecken des

Muttergottesbildes hingen drei billige Rosenkränze. Zu beiden Seiten des

Muttergottesbildes standen ein halbes Dutzend von Heiligenbildchen in

sehr billigen und geschmacklosen Rähmchen.

Auf dem Tische, auf dem eine reine buntfarbige Baumwolldecke gebreitet

lag, stand eine richtige Petroleumlampe. Eine richtige Petroleumlampe

hatte ich wohl seit vierzehn Monaten nicht zu Gesicht bekommen; denn im

ganzen Dorfe hatte niemand eine und ich am wenigsten. Und es war wohl

diese Petroleumlampe, die mir, gleich bei meinem Eintritt in das Zimmer,

am stärksten den Eindruck übermittelt hatte, daß ich mich im Hause von

wohlhabenden Leuten befinde. Auf dem Tische stand noch eine Fruchtschale

aus rötlichem Glase, deren Rand blumenartig verbogen war, mit einem

verschnörkelten Fuße aus einem blechernen Metall. Eine Schale, wie man

sie gelegentlich in einem Zelt gewinnen kann, in dem man für zehn Cents

mit fünf Bällen auf einen Knopf werfen kann, bis ein lebendiger Neger

hinten in ein mit Wasser gefülltes Faß fällt, oder in einem anderen

Zelt, wo man für zehn Cents zwei rohe Eier einem lebendigen Neger ins

Gesicht werfen darf.

Der Mann mit dem Machete war gleich bei unserem Eintritt in eines der

Nachbarzimmer gegangen, und er hatte die Tür hinter sich fest zugemacht.

Zuweilen hörte ich – das ganze Haus war ja nur, wie alle Häuser hier,

aus dünnen Brettern gebaut –, daß im Nebenraum halblaut gesprochen

wurde.

Endlich kam jener Mann wieder zurück in das große Zimmer, wo wir saßen.

Er hatte eine Flasche und ein Gläschen.

„Wollen wir erst einmal einen nehmen“, sagte er und goß das Gläschen

voll. Er bot es mir an; ich sagte „Salud!“ und schwenkte den Tequila

hinunter. Er rann mir warm und mollig durch die Kehle, und ich dachte,

wo man so guten Tequila hat und anbietet, da kann nicht pure Mörderei

und Feindschaft auf dich warten, denn einen so guten Anjejo verschwendet

man nicht auf jemand, den man aus der Welt zaubern will.

Das Gläschen wurde nachgefüllt und machte seine Runde.

„Noch einen ganz, ganz Kleinen, damit die Ohren nicht wackeln?“ fragte

der Mann gutmütig.

„Como no“, sagte ich, und er schenkte mir noch einen gesunden Tropfen

ein. Aber ich war der einzige, der zweimal nippen durfte. Weder bekamen

die beiden Türwächter noch einen nachgeschlürft, noch zog der gute Mann

selbst sich einen kleinen Ohrenberuhiger hinterher.

„He, ja“, sagte der Mann nun, während er die Flasche zukorkte, den

Korken mit Andacht fest eindrehte und Flasche und Gläschen auf den Tisch

stellte, „ja, nun wollen wir doch einmal an das Geschäft gehen.“ Er

stand auf, öffnete leise die Tür, durch die er gekommen war, und winkte

mir, zu folgen.

Die beiden Männer, mit den Gewehren zwischen ihren Knien, blieben bei

der Tür sitzen. Merkwürdig war es, daß ich jetzt wie plötzlich das

Gefühl bekam, daß die beiden Männer nicht mich bewachten oder mich

verhindern wollten zu entspringen, sondern daß sie dort dicht an der Tür

bewaffnet saßen, um diejenigen, die im Hause waren, zu schützen gegen

jemand, der von draußen kommen könnte. Davon wurde ich um so mehr

überzeugt, als sich die beiden etwas zuflüsterten und der eine aufstand,

hinausging und sich draußen auf eine Stufe setzte, während der andere,

der im Raume blieb, sich so setzte, daß er von jemand, der hereinkam,

nicht sofort gesehen werden konnte, während er selbst den

Hereinkommenden völlig unter der Gewalt seines Gewehres hatte.

Ich folgte nun jenem Manne, der die Tür zu dem zweiten Raum geöffnet

hatte.

In dem Raume brannte ein kleineres Lämpchen, das wenig Licht

verbreitete. Der Mann ging zurück in den ersten Raum, nahm die Lampe vom

Tisch und leuchtete mir nun in jenes Zimmer hinein.

Zwei Frauen saßen auf Schaukelstühlen. Beide hatten den Rebozo um Kopf

und Hals gelegt, weil es nun kühl in der Nacht wurde. Beide Frauen waren

Indianerinnen, sauber gekleidet und in Sprache und Benehmen – wie ich

bald lernte – durchaus gleich den Frauen eines mexikanischen

Ranchobesitzers von mittlerem Wohlstand.

Die eine der Frauen war verhältnismäßig jung. Sie war, wie ich gleich

hörte, die Frau des Mannes mit dem Machete. Die andere Frau war älter;

sie konnte wohl gut die Mutter der Frau oder des Mannes sein. Das Zimmer

war das Schlafzimmer des Ehepaares. Da in dem ersten Raum gleichfalls

zwei Betten waren, schien es, daß hier mehrere Personen wohnten,

vorausgesetzt daß jene Betten im Gebrauch waren, was ich ja nicht

erraten konnte.

Beide Frauen standen auf aus ihren Stühlen und sagten freundlich und

höflich: „Guten Abend, Senjor!“ Sie gaben mir die Hand und setzten sich

wieder.

Ich sah mich im Raume um, und ich bemerkte zur Seite auf einer

Schilfmatte einen jungen Mann liegen, der bis zum Kinn mit einer

halbwollenen Decke zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich; bleich wie

das Gesicht eines Indianers eben werden kann. Aber das Gesicht war voll,

und daraus schloß ich, daß der Mann nicht lange krank sein konnte, daß

er wohl nur schwer verwundet sei. Er rührte sich nicht und lag da wie

tot.

„Das ist der Junge, von dem ich Ihnen gesagt habe“, sagte der Mann und

stellte die Lampe auf einen Stuhl, den er dicht an das Lager des Kranken

rückte.

„Sie können dem Jungen gewiß helfen, Senjor“, sagte nun die jüngere

Frau. „Er ist mein Neffe, und wir würden recht traurig sein, wenn er uns

fortstürbe. Seit unser eigener und einziger Sohn in einer dummen

Schießerei sein Leben verlor, haben wir diesen hier wie unseren Sohn

angesehen. Wir würden Ihnen wirklich von ganzem Herzen danken, wenn Sie

etwas tun könnten, daß er uns erhalten bleibt. Es ist der letzte, der

uns bleibt von allen Jungen aus unserer Familie. Alle übrigen sind

erschossen oder erstochen worden bei den Wahlen, und keiner hat doch je

ein Amt für sich haben wollen. Es war nur immer der anderen wegen, daß

sie sich in die politischen Händeleien hineinmischten.“

Die Frau weinte nicht, aber sie hatte eine echte Rührung in ihren

Worten. Die ältere Frau seufzte einige Male auf.

In den letzten Monaten hatte hier im Distrikt keine einzige Wahl

stattgefunden. Die Wahlhändel wurden auch nicht hier im Dorfe

ausgefochten, sondern in der Distriktsstadt, wo alle die Burschen und

Männer der umliegenden Dörfer natürlich hinritten, um ihre Schießerei,

ihr Vivatschreien in den Straßen und das Händeschütteln der Kandidaten,

die sie auf ihren Schultern durch die Straßen schleppten, genießen zu

können. Es kamen niemals alle die lebend wieder heim, die zu den

Wahlreden ritten. Jedesmal blieben zwei, drei oder ein Dutzend auf dem

Felde der Wahlkämpfe.

Da aber lange keine Wahl gewesen war – denn die gegenwärtigen Behörden

des Distrikts waren von der Federalregierung provisionell eingesetzt

worden, um die ewigen Wahlmördereien zu verhindern –, so konnte der

Bursche hier nicht gut bei einer Wahl etwas abbekommen haben.

Ich kniete mich nieder an die Seite des jungen Mannes und begann ihn zu

untersuchen. Die Augen waren geschlossen. Als ich die Augendeckel hob,

sah ich, daß die Augen wohl schläfrig waren, aber nicht trüb, und die

Pupillen reagierten auf das Licht. Das Herz schlug regelmäßig, aber sehr

leicht, nur wie ein Tippen. Der Atem war sehr leise; aber auch er ging

ziemlich gleichmäßig.

„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich aufblickend.

Die Frau antwortete mir und sagte: „Das wissen wir eben nicht. Sie haben

uns den Jungen so ins Haus gebracht, und er ist noch nicht einmal

aufgewacht. Denken Sie, daß er uns wegsterben kann, Senjor?“

„Das kann ich nicht sagen. Vorläufig stirbt er nicht. Hat er nicht etwas

gesagt zu den anderen, was ihm fehlt oder wo es ihm weh tut?“ fragte

ich.

Niemand antwortete mir, und ich sah auf, um zu sehen, warum ich keine

Antwort bekam. Ich bemerkte, daß der Mann die Frau rasch ansah, den

Finger auf den Mund drückte und mit dem Kopf schüttelte. Sofort sah ich

wieder weg und wandte mich dem Kranken zu. Dann dehnte ich ein langes

„Ja“ von mir, schluckte vernehmlich und richtete mich halb auf. Die

Leute hatten genügend Zeit gehabt, ihre Geheimsprache zu vollenden, und

sie sahen mich an und zuckten die Schultern.

„Hat er denn etwas gegessen, das ihm nicht bekam?“ fragte ich nun.

„Ich glaube nicht“, antwortete der Mann.

Ich setzte mich auf den Stuhl, machte tiefe Gedanken und tat alles genau

so, wie es auch andere große Doktoren und berühmte Ärzte tun. Das will

sagen, ich wußte nichts, solange mir nicht der Kranke selbst sagen

konnte, was ihm weh tat und wo es ihm fehlte. Ich war ja kein

Viehdoktor.

Dann sagte ich das, was alle Ärzte sagen: „Es ist sehr ernst. Aber ich

werde mein Bestes tun, vielleicht bringen wir ihn durch.“

In dem Augenblick kamen die beiden Männer mit den Gewehren herein. Sie

waren neugierig geworden und wollten sehen, wie tüchtig ich war. „Wo ist

mein Medizinkasten?“ fragte ich.

Sofort sprang einer der Männer in den Nebenraum und brachte meine

Pappschachtel. Was ich damit tun wollte, wußte ich im Augenblick

natürlich nicht. Aber ich war gewiß, daß mir schon etwas einfallen

würde. Tun mußte ich auf alle Fälle etwas, ganz gleich was es war; denn

ich war hierhergeschafft worden als Doktor, man erwartete von mir, mich

als Doktor zu benehmen und zu betragen, und so blieb mir nichts anderes

übrig, als den Leuten gefällig zu sein.

Welche Folgen es haben würde, wenn ich als Doktor versagte, darüber

bestanden keine Zweifel. Die Tatsache, daß beide Männer mit den Gewehren

jetzt im Raume waren, bewies mir, daß meine Vermutung, sie möchten

jemand von draußen verhindern, in das Haus einzubrechen, unrichtig war.

Sie waren jetzt hier hereingekommen, um zu sehen, was ich leisten

könnte. Und da sie die Gewehre selbst hier in diesem Raume, wo ein

Sterbender lag, nicht aus der Hand stellten, das gab mir die Gewißheit,

daß sie sehr bald die Gewehre auf mich richten würden und sagen: „Du

rettest jetzt den Burschen da, und zwar sofort; und wenn er nicht in

wenigen Minuten auf und gesund ist wie ein junger Hahn, dann knallen

diese Gewehre, und du kannst dich danebenlegen in dieselbe Grube.“

So etwas geschieht Ärzten in der Tat, und wenn ich schon hier als Arzt

tätig bin, warum soll man mit mir eine Ausnahme machen?

Aber als geschickter Arzt, der seine Medizin gut studiert hat, kann man

das Sterben eines Sterbenden recht gut in die Länge ziehen. Dann kann

man sich noch immer damit entschuldigen, daß Gott das eben anders

bestimmt habe. Und das wird einem geglaubt. Vielleicht wird man es auch

mir glauben. Die Leute sind ja Christen, gute Christen, mit Rosenkränzen

und allen notwendigen Heiligenbildern gut versorgt.

So beginne ich meine verantwortungsvolle Tätigkeit.

„Haben Sie Cafion im Hause?“ frage ich die Frau.

„Ja, wir haben eine ganze Glastube voll.“

„Geben Sie mir drei Pastillen und ein Glas mit Wasser.“

Ich löse die Pastillen in dem Wasser auf, und mit Hilfe des Onkels und

des einen Mannes öffne ich dem Kranken den Mund, hebe den Kopf hoch und

lasse ihn die Lösung schlucken. Er schluckt auch, und es kommt nichts in

die Luftröhre.

Ich wartete zehn Minuten, rauchte eine Zigarette, erbat mir einen neuen

guten Schluck von dem alten Tequila, und als ich nun den Kranken wieder

untersuchte, fand ich, daß die Medizin, die ich ihm gegeben hatte,

vorzüglich wirkte. Das Herz hatte begonnen, kräftiger zu arbeiten. Die

Medizin konnte zwar das Herz so heftig anregen, daß es übersetzte und

aufhörte zu schlagen. Aber ich hatte wieder einmal Glück, was jeder

Doktor haben muß, wenn er Erfolg sucht. Ich weiß gut, daß ein richtig

abgestempelter Doktor das alles ganz anders machen würde. Aus diesem

Grunde ist er ja abgestempelt und stiller Teilhaber der

Beerdigungsinstitute. Aber ich muß mich mit den Kenntnissen und

Medizinen behelfen, die ich zur Verfügung habe. Ich kann keine

Kampferinjektion in das Herz machen, weil mir die Maschinerie dazu

fehlt.

Das Herz schlug nun kräftig und zufrieden, aber der Bursche wollte nicht

aufwachen. Am Kopfe konnte ich nichts finden. Ich schlug ihm die Backen,

die Handflächen und die Handgelenke. Ohne irgendwelchen sichtbaren

Erfolg.

Ich schnürte nun meine Medizinschachtel auf. Die Leute sahen natürlich

den Inhalt. Ob sie über die merkwürdigen Medizinen, die ich in der

Pappschachtel hatte, erstaunt waren oder nicht, konnte ich nicht

feststellen, denn sie ließen kein Wort verlauten. Sie mochten wohl

überzeugt sein, daß die Angelhaken dazu dienten, irgend jemand etwas aus

dem Magen zu fischen, das er unvorsichtigerweise verschluckt hatte, und

das abgebrochene halbverrostete Taschenmesser diente nach ihrer Meinung

gewiß als chirurgisches Instrument zur Amputation von Füßen und Armen

oder zum Herausnehmen des Blinddarms. Auf jeden Fall wurde angesichts

des Inhalts meiner Medizinschachtel die Achtung vor mir und das Zutrauen

zu meinen Fähigkeiten nicht geringer, sondern, wie ich wohl sehen und

fühlen konnte, erheblich verstärkt.

Ich nahm eine halbaufgebrauchte Tube Mentholatum heraus und schmierte

eine dünne Schicht der Salbe dem Burschen an die inneren Nasenwände, um

ihm das Atmen zu erleichtern durch Erweichen des Schleims. Dann fragte

ich die Leute, ob sie Ammoniak im Hause hätten. Sie hatten ein

Fläschchen zur Hand, und nach einigen heftigen Dosen nieste sich der

Junge munter. Ich fächelte ihm kräftig Luft zu, und er begann bald

tüchtig und tief zu atmen. Aber als er nun zum Bewußtsein kam, begann er

aus vollem Herzen zu stöhnen.

Jetzt wußte ich, was los war und was mir nicht verraten werden sollte.

Ich überlegte eine gute Weile, was ich tun sollte. Denn mir war nun

alles völlig klargeworden. Sagte ich offen heraus, was ich jetzt wußte,

so konnte das eintreten, was ich erwartet hatte, seit ich das erste

Anklopfen an meinen Bungalow hörte. Die Kenntnis, die ich jetzt auf

einem Umwege erlangt hatte, machte mich zu einem sehr unbequemen Zeugen.

Und das konnte die Männer leicht verpflichten, mich aus der Welt zu

schaffen.

Aber dann sah ich die jüngere Frau, die Tante des Burschen, an. Die

Tränen standen ihr dick in den Augen, und ich wußte, daß sie im tiefen

Ernst sei, dem Jungen gegenüber wie eine leibliche Mutter zu fühlen. Der

Junge konnte sich vielleicht auch ohne meine Hilfe wieder hochbringen,

aber nicht vor zwei Tagen. Und inzwischen kamen die Soldaten; und er,

der sich nicht in Sicherheit bringen konnte, wurde draußen am

Gartenzaun, nach einer Vernehmung von fünf Minuten, erschossen. Daß er

erschossen wurde, war sicher; daß ich hier von den Männern meiner

unbequemen Mitwisserschaft wegen erschossen wurde, mochte zweifelhaft

sein.

Wieder sah ich die Frau an, und wieder sah ich ihren wehen Blick auf

mich gerichtet. Ich will nicht sagen, daß ich nun aus übergroßer

Menschenliebe mich entschied. Das wäre ungenau. Ich möchte auch nicht

besser und edler erscheinen, als ich wirklich bin. Denn um die volle

Wahrheit einzugestehen, ich bin wie jeder andere gewöhnliche Mensch,

mit Bosheiten, Niederträchtigkeiten, Hilfsbereitschaft,

Menschenfreundlichkeit und Liebe zu meinen Mitmenschen in so gleichem

Maße in mir verteilt, daß nicht immer mein Wille, sondern oft, wenn

nicht meist, eine reine Nebensächlichkeit entscheidet, ob ich in einem

bestimmten Falle eine niederträchtige Handlung begehe oder eine Tat

ausübe, die alle Menschen glauben macht, ich sei der edelmütigste und

selbstloseste Mensch. Daß man so wird, das macht der Busch, und das

macht das Herumschlagen mit allen Sorten von Menschen, und das macht die

Aufgabe, fertig werden zu müssen mit Umständen, die einem selten Zeit

lassen, lange darüber nachdenken zu können, ob das, was man tun muß,

edelmütig oder nichtswürdig ist.

Hier, in diesem Falle, entschied, wie so häufig vorher, die Neugierde,

zu erfahren, was wohl mit mir geschehen würde, falls ich das tue, was

nach meinem Urteil als das Dümmste und Unvorsichtigste angesehen werden

muß. Wissentlich tat ich das, was man mir nicht als große Klugheit

anrechnen mag. Wenn ich mich aber dennoch durch den bittenden und wehen

Blick in den Augen jener Frau vielleicht endgültig entschied, so will

ich es nicht auf meine Rechnung gesetzt haben als einen Posten, der

zugunsten eines edelmütigen Charakters verbucht werden kann. Denn das

wäre eine Unwahrheit.

Ich blickte den Onkel des Burschen, also jenen Mann, der mit dem Machete

gekommen war, an, hielt meinen Blick eine Weile auf ihn gerichtet und

sagte dann kurz und laut: „Wo hat er denn das Loch? Wie kann ich ihn

denn hochbringen, wenn Sie mir nicht sagen, was er abgekriegt hat.“

Alle Anwesenden, selbst die ältere Frau, fuhren erschreckt zusammen,

stießen kurze Ausrufe aus, wurden bleich, und ihre Blicke flogen von

einem zum anderen, bis sie alle auf meinem Gesicht haftenblieben.

Der Onkel bekam seine Ruhe am ersten zurück. Er sagte in einem Ton, als

ob er bereit sei, alles aufzugeben, dabei die beiden Männer mit den

Gewehren ansehend: „Ich habe es euch ja vorher gesagt, ihr wolltet es ja

nicht glauben, dem Gringo können wir nichts vormachen, der ist Doktor

durch und durch.“

Ich wartete nun auf nichts mehr. Ich zog die Decke herunter, sah rasch

hin über die Brust und den Leib, und dann sah ich bereits den weiten

Blutfleck auf dem Petate. Ich schob die Decke bis zu den Füßen und fand

zwei kräftige Schußwunden, eine am Oberschenkel, die andere an der Wade.

Die Wunde an der Wade war nicht schwer. Hier hatte eine Kugel nur

tüchtig gestreift. Dagegen war die Wunde am Oberschenkel eine sehr

heftige Fleischwunde. Die Kugel war heraus, denn ich fand Einschuß und

Auslauf. Das Kaliber war heftig, sicher nicht weniger als 4,5; außerdem

war die Kugel offenbar oben abgefeilt und eingekerbt gewesen, wie das

hier mit Vorliebe getan wird. Wäre sie auf den Knochen gestoßen, dann

wäre das Bein zu kleinen Splittern zersprengt worden. Aber der Knochen

war nicht verletzt, wie ich aus dem Verlauf des Schußkanals sehen

konnte. Dagegen hatte die Kugel wohl eine oder gar mehrere Adern

aufgerissen, was einen großen Blutverlust zur Folge gehabt haben mußte

und zweifellos die alleinige Ursache war, daß der Bursche so weit

herunterkommen konnte.

Die Adern schienen sich aber bereits ausgeblutet zu haben, oder sie

waren von dem trocknenden Blute schon gut verklebt; denn um die

Wundränder hatten sich schwache Krusten gebildet. Es waren auf die

Wunden sehr schmutzige Hemdenlappen gewickelt. Die einzige Gefahr, die

für den Burschen bestand, war die einer Infektion und damit die

Möglichkeit, daß er den Brand bekam. Nun ist ja das Blut der Indianer im

allgemeinen so gesund, daß nur dann eine wirklich schwere Infektion

ihrer Wunden eintritt, wenn alle Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen

werden.

Ich ließ rasch alte Leinenfetzen auskochen. Die Leute hatten eine

reichliche Packung reiner Baumwolle im Hause, und ich hatte einige

sterilisierte unberührte Gazebinden.

Ich wusch die Wunden mit heißem Wasser und Seife gut aus. Aus meinem

Medizinkasten brachte ich eine Flasche Zonite hervor, ein sehr starkes

Desinfektionsmittel, das wir während des Krieges mit viel Erfolg

verwendeten. Die Flasche war mir übriggeblieben von einem Ölkamp, wo ich

gearbeitet hatte. Ich goß das Zeug gleich so rein in die Wunden. Der

arme Junge sauste halb in die Höhe; denn er mußte sicher ein Gefühl

haben, als bohre man ihm einen weißglühenden Eisenstab durch die

Schußkanäle. Aber er durfte sicher sein, daß es ihn rettete. Ich ließ

ein wenig nachtrocknen, streute eine dicke Schicht von Bismut-Jodoform

auf die Wunden, legte Gaze darauf und verband. Der Junge seufzte tief

auf, aber jetzt mit einem gewissen Wohlgefühl. Gleich darauf fiel er in

einen tiefen, ruhigen Schlaf, nachdem ich ihm einen heftigen Tequila

eingeschwenkt hatte. Der Tequila wird ja vielleicht seinen Narben nicht

sehr dienlich sein; aber Schönheitsfehler an den Oberschenkeln spielen

ja nur eine Rolle, wenn er beim Mädchen liegt, und bei solcher

Gelegenheit helfen sie ihm beim Prahlen und vertiefen die Liebe seines

Mädchens, das ja, wie jedes Mädchen, lieber mit einem Helden schläft als

mit einem Nußknacker.

Die Frage, die jetzt kommen mußte, kannte ich. Darum sagte ich gleich,

ohne zu warten: „Wenn Sie ihn morgen aufs Pferd heben, um

weiterzureiten, werden Sie gut tun, ihm einen kräftigen Verband aus

einem alten Gummischlauch oder Gummigürtel oder elastischen Hosenträgern

über der Wunde am Oberschenkel anzulegen, damit er nicht aufs neue

ausblutet und vielleicht gar fortblutet.“

Ich zeigte den Männern, wie sie das machen sollten, sagte ihnen, daß sie

jeden neuen Verband, den sie auf die Wunde brächten, erst auskochen

müßten, gab ihnen den Rest meines Zonite und meines Bismutpulvers, erbat

mir einen weiteren kräftigen Tequila, sagte: „Gute Nacht!“ zu allen, gab

dabei allen die Hand – die Tante des Jungen beugte sich nieder und küßte

meine Hand –, und dann ging ich auf die Tür los.

Scheinbar tat ich das alles so, als ob das, was ich hier gesehen und

getan hatte, etwas gewesen wäre, das ich jeden Tag zwölfmal in genau

derselben geschäftsmäßigen Weise sähe und täte. In Wahrheit aber tat ich

das alles sehr bedacht, jeden Augenblick darauf wartend, daß einer der

Männer sagen würde: „Sie können nicht so ohne weiteres fortgehen,

Senjor, wir wollen erst noch ein Wort miteinander sprechen; wir wollen

das draußen hinter dem Hause bei den Gemüsebeeten erledigen.“

Aber daß ich kein Wort darüber verlor, wie der Junge zu den Wunden

gekommen war, daß ich nicht einmal andeutete, daß ich wußte, es sind

Schußwunden, daß ich mich benahm, als gehöre ich zu der Bande und als

wäre ich ein uralter Freund des Hauses, der nichts sagt aus Freundschaft

und noch weniger etwas sagt aus Geschäftsklugheit, daß ich klar sehen

ließ, es sei mir vollkommen gleichgültig, was meine Mitmenschen tun,

solange sie mich ungeschoren und mich friedlich meiner Wege gehen

lassen, brachte sie aus allen Plänen hinaus. Und um das alles noch zu

verstärken, sagte ich, als ich bei der Tür war: „Wenn es schlimmer

werden sollte, rufen Sie mich ruhig; ich komme ganz gern, auch in der

Nacht. Überhaupt immer können Sie mich rufen, wenn ich Ihnen helfen

kann, ich tue es gern und mit Freude.“

Die letzten Worte gaben wohl den entscheidenden Ausschlag. Man wird doch

nicht den einzigen Doktor erschlagen, den man hat, und den einzigen,

der, wenn herumgefragt wird, keine berufliche Verpflichtung hat,

Behörden Auskunft zu geben über Schußwunden, die er behandelt hat und

die ihm verdächtig erschienen sind.

Aber so leicht kam ich nicht davon. Als ich an der Tür stand, kam der

Onkel auf mich zu und sagte: „Entschuldigen Sie, Senjor, wir können Sie

nicht allein zu Ihrem Hause gehen lassen; es könnte Ihnen etwas zustoßen

auf dem Wege. Ich glaube auch nicht, daß Sie den Weg allein heimfinden.

Sie verlaufen sich sicher im Busch. Und zur Nachtzeit allein im Busch

sein und ohne den Weg zu kennen, möchte ich Ihnen nicht raten. Der Weg

hierher ist nicht gut bekannt. Wir haben Sie hierhergebracht, und es

wäre unhöflich, wenn wir Sie nicht wieder zu Ihrem Hause brächten.“

Ja, da war ich wieder. Eine Stunde Weg durch Busch und Dschungelgestrüpp

mit den drei Männern, zwei mit Gewehren, der eine außerdem einen

Revolver und der dritte einen Machete, scharf gefeilt wie ein

Schlachtmesser. Mit drei Männern, die trotz aller guten Meinung, die sie

von dem Doktor und seiner Hilfsbereitschaft haben mögen, sich doch bei

weitem sicherer fühlen, wenn einer, der etwas wissen könnte, weniger auf

der Welt ist. Und von den dreien braucht ja nur einer auf dem Wege einen

dummen Gedanken zu bekommen. Ehe die beiden andern es verhindern können,

ist es schon geschehen. Ob sie sich nachher darum streiten, ob es

richtig und ob es dankbar war, ändert nichts an der alleinigen Sache,

die mich betrifft.

Ich sehe wieder auf die Tante. Sie steht noch da im Zimmer. Aus

Höflichkeit mir gegenüber hat sie sich nicht wieder in ihren

Schaukelstuhl gesetzt. Sie wartet, bis ich das Haus verlassen habe. Sie

sieht mich an, mit aufrichtiger Dankbarkeit in den Augen. Sie kommt, von

einem inneren Gefühl plötzlich getrieben, auf mich zu, ergreift meine

Hand und küßt sie nochmals. Dann lächelt sie und nickt, dreht sich um,

geht zu einem Schränkchen, nimmt eine Flasche mit Honig heraus und gibt

mir den Honig. „Ist sehr gut für die Mehlkuchen, die Sie sich backen,

sind dann nicht gar so sehr trocken. Morgen schicke ich Ihnen zwei

Dutzend Eier hinunter und ein paar Kilo Ochsenfleisch. Und nochmals

vielen Dank, daß Sie gekommen sind.“

„Nicht des Redens wert“, sage ich. „Geben Sie dem Jungen, wenn er

aufwacht, mehrere Tassen gute Fleischbrühe mit tüchtig Eier darinnen

eingerührt. Wird ihm rasch hochhelfen. Gute Nacht, Senjora.“

Die Frau wußte recht gut, was mir auf dem Wege geschehen könnte und

sicher geschehen würde, wenn die Männer zur Überzeugung kamen, es sei

für ihre eigene Sicherheit besser, ein Maul, das wacklig werden kann,

rechtzeitig und gut zu stopfen. Aber ich hatte die Sympathie und die

Dankbarkeit der Frau gewonnen. Die Frau war nicht so nebensächlich in

dem Geschäft der Männer, wie es vielleicht erschien. Sie war durch die

Verwundung ihres Neffen heftig aus ihrer Fassung gebracht worden. Das

ist wohl richtig. Und oberflächlich gesehen, mochte es den Eindruck

erwecken, daß sie eben nur eine Frau war wie andere. Aber wenn ich ein

Haus sehe, wie dieses war, dann weiß ich, wer der Kommandant ist. Und

weil die Frau mehr Intelligenz besaß als einer der drei Männer, ihr

eigener Mann eingeschlossen, so wußte ich auch, wer das Hirn

des Unternehmens war. Nur die mickrigen Spitzbuben und die

Centavos-Wegelagerer sind verdreckt, verlaust und mit Lumpen behangen.

Zwischen einer intelligent geführten Räuberbande und einer gewissen

Sorte von Bankgeschäften, wo der Präsident im eleganten Automobil fährt,

ist der Unterschied nicht so groß, wie man meint. Innerhalb der modernen

Zivilisation ist das beste Schutzmittel für alle Handlungen und Dinge

ein wohlanständiges Äußere und ein gutbürgerliches Gesicht. Ehrlichkeit

und Ehrbarkeit müssen nach allen Seiten ausstrahlen, dann kann man im

Schatten tun, was man will, ohne je Verdacht auf sich zu laden. Und wenn

die Frau mir in Gegenwart der Männer sagte: „Morgen schicke ich Ihnen

Eier und Fleisch hinunter!“ so sagte sie damit: „Wehe den Knechten hier,

wenn du morgen nicht in voller Gesundheit in deinem Hause bist, um dich

an dem zu laben, was ich dir schicken werde.“

Die Männer hatten das Kommando verstanden. Der Doktor mußte dem Geschäft

erhalten bleiben. Wir kamen friedlich zu meinem Bungalow. Als wir uns

„Buenas noches!“ sagten, fühlte ich, daß mir der Onkel drei Pesos in die

Hand drückte. „Nehmen Sie“, sagte er, „eine kleine Vergütung.“

„Entschuldigen Sie“, erwiderte ich, „von meinen Freunden nehme ich kein

Geld für eine Hilfeleistung, die ich aus rein menschlichen Gründen getan

habe und immer zu tun bereit bin, wenn ich dazu Gelegenheit habe.“

Er hielt das Geld noch eine Weile hin, als ob er glaubte, es sei nur

eine Höflichkeit von mir, so zu sprechen, und ich würde das Geld dann

doch schon nehmen. Denn er, wie jeder im Dorfe, wußte recht gut, wie

nötig ich drei Pesos hätte brauchen können. Aber ich lehnte noch einmal

ganz entschieden ab und sagte: „Sie werden mich doch nicht etwa

beleidigen wollen, Senjor!“

„Ganz gewiß nicht“, sagte er und schob das Geld wieder in seine Tasche

zurück. Dann fügte er hinzu: „Ich werde sehen, ich kann Ihnen gewiß

morgen zwei Burschen schicken, die Englisch lernen wollen.“

„Das ist schon besser“, meinte ich darauf. „Ich werde morgen früh zu

Ihnen kommen, um zu sehen, wie es dem Jungen geht.“

Er druckste, als ob er sagen wollte, das sei nicht nötig, und auch die

beiden anderen Männer taten, als ob sie etwas dagegen einwenden wollten.

Aber es mochte ihm wohl gleichzeitig einfallen, daß es vielleicht nötig

sein könnte, noch mal nach dem Jungen zu sehen.

„Gut, gut“, sagte er dann nach einer Sekunde. „Und nochmals ‚Gute

Nacht!‘ und vielen, vielen Dank.“

Am nächsten Morgen um neun Uhr machte ich mich auf, den Jungen noch

einmal zu besuchen. Das ist ja so etwa die richtige Besuchszeit für

tüchtige Doktoren.

Ich hatte kaum das letzte Haus des Dorfes hinter mir gelassen, da traf

ich auf den Onkel. Gleich hatte ich das bestimmte Gefühl, daß der Mann

auf mich am Wege gewartet hatte, weil er vermeiden wollte, daß ich zu

ihm ins Haus käme bei Tage. Ich war nicht einmal sicher, ob ich das Haus

überhaupt wiedergefunden hätte. In der Tat, um es gleich jetzt zu sagen,

als ich eine Woche später versuchte, das Haus zu finden, aus purer

Neugierde, erlebte ich, daß ich mich so völlig im Busch verlief, daß ich

erst nach Stunden und erst nach Einbruch der Dunkelheit meinen Weg ins

Dorf zurückfand und auch nur dadurch, daß ich zu meinem Glück einen

Kohlenbrenner antraf, der auf dem Heimwege war. Die Männer hatten mich

in jener Nacht sehr geschickt so im Gestrüpp und im Busch herumgeführt,

daß ich geglaubt hatte, die Richtung genau zu wissen, während sie

durchaus falsch war.

Der Onkel sagte mir: „Der Junge ist auf. Er ist heute mit den übrigen

schon sehr früh fortgeritten. Es ging recht gut. Wir haben ihm den

Verband so angelegt, wie Sie uns gesagt haben. Die Wunde war schon gut

am Heilen. Und hier sind auch die Eier und das Ochsenfleisch, das Ihnen

die Senjora gestern nacht versprochen hat. Es ist auch nicht gerade

nötig, daß Sie im Dorf viel darüber reden. Die Leute denken dann gleich,

daß da eine Schlägerei gewesen sein könnte, und das bringt den Jungen

nur in einen schlechten Ruf. Verstehen Sie, Senjor?“

„Ich verstehe, und ich habe auch gar keinen Grund, darüber zu sprechen.

Jeder kann in eine solche Lage kommen.“ Dann brachte ich einen Zettel

hervor: „Ich möchte Sie aber bitten, wenn Sie zur Stadt kommen sollten,

mir die Medizinen zu kaufen, die ich hier aufgeschrieben habe und die

ich in der Nacht alle aufbrauchen mußte.“

„Natürlich, Senjor“, sagte der Mann und nahm den Zettel. Dann gingen wir

unserer Wege.

Als ich zu meinem Bungalow kam, saßen auf den Stufen die beiden neuen

Burschen, die Englisch lernen wollten und es auch gleich versuchten. Sie

bezahlten mir jeder zehn Stunden im voraus.

Zwei Tage später, sehr früh am Morgen, fand ich, daß das Dorf von

Soldaten umzingelt war. Keiner konnte hinaus aus dem Dorfe, aber wer

draußen war, durfte hinein. Ein paar Häuser wurden oberflächlich

durchsucht. Und eine große Anzahl von Einwohnern, Männer, Frauen und

Kinder, wurden zusammengetrieben und auf dem Dorfplatze von Offizieren

und einigen Beamten der Distriktpolizei vernommen.

Ich hörte bald, was los sei. Einige Nächte vorher waren drei Haziendas

von Banditen überfallen worden. Die Besitzer waren gebunden worden, und

es war alles Geld, das gefunden oder erpreßt werden konnte, gestohlen

worden. Dreißigtausend Pesos waren geraubt worden. Jedes Kind wußte, daß

dies eine Lüge sei, denn kein Haziendabesitzer hält so viel Geld im

Hause, und wenn er es vergraben hat, so sagt er es nicht und gesteht es

auch nicht. Aber zweitausend Pesos alles in allem mochte richtig sein.

Die Soldaten waren den Banditen gut auf der Spur. Die Spur führte hier

in das Dorf. Und weil das Dorf als Banditennest berüchtigt war im ganzen

Staate, so wären die Soldaten auch ohne Spur hierher gekommen.

Ich schlenderte ruhig meiner Wege und wollte zum Dorfplatz gehen, um mir

das Schauspiel anzusehen. Da kam mir einer der Bewohner entgegen.

„Es ist nicht viel los, die Soldaten werden wohl am Nachmittag wieder

abziehen müssen, ohne die Banditen hier gefangen zu haben. Sie suchen

auch hier nur nach einem Burschen, der einem verwundeten Banditen

fortgeholfen und ihn zur Flucht unterstützt hat. Wenn die Soldaten den

Mann kriegen, dann wird er sofort vernommen und gleich auf dem Platze

erschossen. Die Offiziere sagen, daß diese Art Leute schlimmer und

gefährlicher seien als die Banditen selbst.“

„Was hat denn der Mann getan? Wie kann er denn den Banditen zur Flucht

verhelfen?“ fragte ich. „Die Banditen sind doch groß genug und schlau

genug, sich allein fortzuhelfen. Die brauchen keine Hilfe.“

„Hier liegt der Fall anders“, sagte nun wieder der Mann. Wir waren

stehengeblieben. Er schien sehr froh zu sein, mich gefunden zu haben, um

mir recht heiß alles das zu erzählen, was von den Offizieren und von den

Soldaten erzählt worden war, was die Leute unter sich im Dorfe

tuschelten, welche wilden Gerüchte herumschwirrten, und was er sich

selbst dachte. Wäre alles das, was die Offiziere errieten, was die Leute

im Dorf sich erzählten, was der eine vermutete und was hier mein

Berichterstatter sich ausdachte, wäre das alles schön vereint und gut

geordnet den Offizieren bekannt gewesen, so hätten sie damit einen

Erfolg vielleicht erzielen können. Aber alle diese Zeugenansichten waren

verstreut und darum wertlos.

„Ja, hier liegt der Fall anders“, sagte der Nachbar. „Das ist so, sehen

Sie, Senjor. Auf der letzten Hazienda, wo die Banditen waren, hat einer

der Burschen, ein ganz junger noch, einen mächtigen Schuß ins Bein

abgekriegt, vielleicht gar zwei Schüsse. Der Bursche hat tüchtig

geblutet. Seine Freunde haben ihn aber doch fortgekriegt. Und sie sind

bis hierher in dieses Dorf gekommen. Man hat sie hier gesehen, wie sie

den Jungen auf dem Pferde weiterschleppten. Wo sie ihn hingetragen

haben, weiß man nicht. Aber sie haben einen Doktor geholt. Keinen

richtigen Doktor, sehen Sie, Senjor, aber einen, der das auch gut kann.

Das hat man auch gesehen. Und gestern morgen war der Junge wieder

gesund, und darum konnte er fortgeschleppt werden. Die Banditen sind

gesehen worden von Männern, die im Busch arbeiten. Ohne den Mann, der

kuriert hat, hätten die Banditen den Jungen nicht weiterschleppen

können. Der Junge wäre gefunden worden von den Soldaten, die Soldaten

hätten so erfahren können, wer er ist und zu welcher Familie er gehört.

Dann hätten sie bald die ganze Bande gehabt.“

„Und nun“, fragte ich, „ist keine Hoffnung mehr, die Banditen zu

fangen?“

„Wenig“, sagte der Mann. „Die Offiziere, seit sie wissen, daß der

geschossene Bursche entflohen ist, suchen jetzt nur noch nach dem Manne,

der kuriert hat und so den Banditen fortgeholfen hat. Die Offiziere

sagen, sie wissen genau, daß er hier im Dorfe ist. Sie haben das ganze

Dorf umstellt, er kann nicht fort. Sie suchen die Häuser ab, und wenn

sie die Medizin finden, wissen sie gleich, wer es ist. Der Mann wird

dann sofort hier abgeurteilt und auch gleich darauf erschossen wegen

Banditenbeteiligung.“

„Geschieht ihm ganz recht“, sagte ich. „Ein anständiger Mensch hilft

keinem Banditen fort.“

„Sie haben doch auch Medizin im Hause, nicht wahr?“ fragte mich nun mein

Nachbar.

„Ja, etwas, für den Notbehelf.“

„Das ist nicht genug, was Sie haben“, sagte er darauf.

In diesem Augenblick kam aus dem gegenüberliegenden Hause ein Offizier

heraus mit einem Sergeanten und drei Soldaten, die in jenem Hause nach

Medizin oder nach sonstigen Spuren gesucht hatten.

Ich hatte in jener Minute auch nicht die geringste Neigung, mir Soldaten

anzusehen, und ich wollte weiterschlendern. Aber mein Nachbar hielt mich

am Arm und sagte: „Bleiben Sie ruhig stehen, Senjor, die tun uns

nichts.“

Ich hielt es auch für besser, stehenzubleiben, denn jetzt kam der

Offizier auf mich zu, gefolgt von seinen Leuten.

Da ich völlig unschuldig war, niemals verwundete Banditen kuriert hatte,

niemals fliehende Banditen unterstützt hatte, so hatte ich keinen Grund,

verlegen zu werden.

„Welches ist Ihr Haus, Senjor?“ fragte der Offizier.

„Da hinten, der Bungalow“, antwortete ich.

„Haben Sie Medizin im Hause?“ fragte der Offizier sehr gleichgültig.

„Ja, etwas.“

„Was für welche?“

„Eine halb aufgebrauchte Tube Mentholatum, Senjor“, sagte ich.

„Können Sie Schußwunden kurieren?“ fragte er mich.

„Ist jemand von Ihren Leuten geschossen worden?“ Ich fragte sehr

erschreckt und mitleidig zugleich.

„Ja“, sagte der Offizier.

„Das tut mir so aufrichtig leid“, sagte ich traurig werdend. „Aber ich,

ich kann kein Blut sehen, dann wird mir sofort schlecht, daß ich

umfalle.“

„So sehen Sie auch aus, Senjor“, sagte der Offizier laut auflachend.

„Das ist mit euch Amerikanern allen so. Habt nicht die gesunden Nerven,

die wir Mexikaner haben. Wir können Blut sehen, und wie! Natürlich keine

Beleidigung gemeint, Senjor. Adios, und entschuldigen Sie mich, wenn ich

Sie belästigen mußte. Wir sind hier im Dienst. Adios.“ Er schüttelte mir

die Hand und ging.

Mein Nachbar trottete hinter dem Offizier her, der ein weiteres Haus

absuchen ging.

Als ich jetzt allein stand und gerade überlegte, ob ich in mein Haus

gehen sollte oder weiter im Dorfe herumstreifen, kam ein Junge auf mich

zu, schon rufend, als er noch einige Schritte entfernt war: „Oiga,

Senjor, ich bringe die Medizinen aus der Stadt; der Senjor sagt, es ist

alles richtig bezahlt.“ Ich nahm ihm das Paket ab und schob es in meine

Tasche.

* * * * *

Sobald mein Mais eingebracht und verkauft war, hielt ich es für besser,

die Gegend zu verlassen, ohne Weiteres abzuwarten.

Es war einige Monate später, und ich saß im Eisenbahnzuge nach Mexiko

City. Die Fahrt brachte, wie das oft vorkommt, Bekanntschaften zusammen,

die eigentlich nicht zueinander gehören. Es war zwischen den Stationen

Silao und Celaya, als zwei Herren, beide Mexikaner, die schon eine

beträchtliche Strecke mit mir im selben Wagen fuhren, sich in meine

Abteilung setzten und mich höflich fragten, ob ich nicht mit Ihnen

einige Partien Domino spielen möchte. Ich sagte zu. Wir spielten um

Bier, das wir im Zuge kauften, und das schon immer viel früher

ausgetrunken war, ehe das Spiel entschieden hatte, wer das Bier zu

bezahlen hatte. Die Bezahlung ging ziemlich gleichwertig herum, und wir

regten uns nicht sonderlich auf.

Der Zug bekam Verspätung, und wir wurden des Spiels überdrüssig. Die

beiden Herren blieben in meiner Abteilung sitzen, und wir begannen zu

schwätzen. Was man so in einem Eisenbahnzuge schwätzt.

Es war ganz natürlich, daß wir auch auf die Amerikaner in Mexiko zu

sprechen kamen. Immer, wenn irgendeine Bemerkung fiel, die wie eine

Beleidigung gegenüber Amerikanern aufgefaßt werden mochte, setzten die

Herren sofort höflich hinzu: „Sie verstehen, Senjor, das meine ich nur

so im allgemeinen; ich habe keineswegs die Absicht, Sie oder irgend

jemand von Ihren Freunden zu verletzen. Es ist ja auch nur der

Unterhaltung wegen.“ Darauf lachten sie, und wenn ich vorsichtig etwas

gegen die Mexikaner sagte, dann fügte ich auch hinzu, daß es nur der

Unterhaltung wegen sei, und daß mir die Mexikaner ebenso lieb seien wie

meine eigenen Landsleute, die auch nicht alle von Engeln ausgebrütet

worden seien, und daß wir alle miteinander unsere tiefen Schattenseiten

haben, ganz gleich welcher Nation wir angehören.

„Das ist ganz richtig“, sagte der eine der Herren, „da haben Sie aber

durchaus recht. Wir haben hier eine gute Anzahl von Amerikanern im

Lande, die nichts als Unheil stiften.“

„Weiß ich, Senjor“, fiel ich ein, „da sind die großen Ölmagnaten und die

Minenkompanien und die Chiclekompanien und die großen Bankiers, die

einen mexikanischen Staat nach dem andern annektieren wollen.“

„Ja, die auch“, sagte der Herr, „aber an die habe ich gerade im

Augenblick nicht gedacht. Ich meine eine andere Sorte von Amerikanern.

Es kommt mir sehr oft so vor, als ob alles Gesindel von den Staaten, dem

es dort oben zu heiß unter den Füßen wird, hier nach Mexiko kommt, um

allen möglichen Unfug zu verrichten.“

„Solche Leute gibt es“, bestätigte ich. „Wir haben wirklich viel

Gesindel. Das ist wahr. Und Mexiko ist das nächste fremde Land, wo diese

Burschen glauben, sicher zu sein.“

„Aber nicht mit mir, Caballero, nicht mit mir“, ereiferte sich der

kleine, etwas fette Herr. „Mit mir können diese Ihre Landsleute –

entschuldigen Sie, daß ich sage paisanos, Landsleute, aber ich meine Sie

ja nicht –, ja, also mit mir können diese Sträflinge nichts ausrichten.

Ich bin ihnen heiß dahinter, si, Senjor. In meinem Distrikt können diese

Burschen sich nicht halten, oder ich habe sie gleich am Kragen; und wenn

sie hier etwas ausgenascht haben, dann sacke ich sie gehörig ein. Aber

gehörig und dick. Und dann werden sie ausgeliefert, um daheim den Rest

abzumachen, den sie sich dort aufgeknallt haben.“

„Dann sind Sie wohl Staatsanwalt, Senjor?“ fragte ich.

„Noch nicht, aber vielleicht eines Tages. Wer weiß. Probablemente. Nein,

ich bin Polizeichef in dem Distrikt Conitaclapam. Kennen Sie den

Distrikt, Senjor? Waren Sie da schon einmal oben?“

„Nie in meinem Leben“, sagte ich, der Wahrheit gemäß. Einem Polizeichef

gegenüber muß man immer die Wahrheit sagen, wie einem Richter, wie einem

Staatsanwalt. Nur dann kommt man ungeschoren und fröhlich durchs Leben.

Conitaclapam war jener Distrikt, wo ich meine abgefressene Baumwollfarm

gehabt hatte, wo das Dorf, in dem ich wohnte, mit Banditen so

vollgepfropft war, daß ich der einzige Bewohner war, auf den ich

schwören konnte, daß er bestimmt kein Bandit war. Ich glaube, ich lasse

das lieber sein, mit dem Schwören, und begnüge mich damit, zu sagen, daß

jenes Dorf eine gute Anzahl von Banditen beherbergte, die alle

miteinander so unschuldig aussahen wie Sir Austen Chamberlain auf einer

Abrüstungskonferenz.

Der Polizeichef wußte sofort, daß ich jene Gegend nicht kannte und nie

gesehen hatte. Darum konnte er frischweg und freiheraus reden: „Ich habe

da in meinem Distrikt eine gute Anzahl von Amerikanern leben, Farmer,

Viehzüchter, Baumwollpflanzer, Ladeninhaber. Durchweg sehr anständige,

ordnungsliebende Leute, die das Gesetz achten, pünktlich ihre Steuern

und Abgaben entrichten und mir nie auch nur die geringste Sorge oder

Schererei machen. Leute mit Bildung, fleißig, arbeitsam, sparsam,

fortschrittlich. Ja, wie ich gestehen möchte, Leute, auf die Sie,

Senjor, stolz sein dürfen. Landsleute von Ihnen, gegen die ich einen

tiefen Respekt fühle, die mir jeden Tag willkommen sein würden als

mexikanische Bürger.“

„Ja, ich treffe hier in Mexiko genug solche tüchtigen Leute von uns.

Wackere Pioniere, um die es schade ist, daß sie nicht daheim bleiben“,

sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung.

Der Polizeichef schien sich nicht viel aus meiner Meinung zu machen. Er

war im Fluß und wollte reden. Was konnte ich dagegen tun? Ich ließ ihn

weiterreden. Die größte Freude, die man Menschen machen kann, ist die,

sie reden zu lassen, solange sie wollen, bis ihnen das Maul ausfranst.

Man wird viel mehr geachtet, wenn man andere reden läßt, als wenn man

selbst redet; denn kein Mensch hat auch nur das geringste Interesse

daran, die Meinung eines andern zu hören.

So redete der Polizeichef immer darauflos: „Aber außer solchen achtbaren

Amerikanern, die in meinem Distrikt zu haben ich mich glücklich schätze,

habe ich auch einiges Gesindel darunter. Und auch gleich das

gefährlichste, das Ihr Land auszuspeien vermag. Entschuldigen Sie,

Senjor, das ist natürlich nicht persönlich gemeint, in keiner Weise. Ich

habe da in meinem Distrikt eine gute Zeit lang einen Burschen gehabt,

der Ihrem Lande sicher keine Ehre macht, ein Bursche, von dem ich

zehnmal schwören will, daß er in zwanzig Städten Ihres Landes gesucht

wird wegen Raubmords, Postdiebstahls, Bankeinbruchs, Geldfälschung,

Bigamie, Scheckradierung, Mädchenraubs, Gefängnissprengung,

Opiumschmuggels und mehr solcher Dinge. Was er eigentlich in meinem

Distrikt gemacht hat, oder wie er dahin gekommen ist, habe ich nie

richtig erfahren können. Er hat da so getan, als ob er Baumwolle farmen

wollte oder Öl bohren oder Kupferminen entdecken. Aber die Wahrheit ist,

er ist nichts weiter gewesen als ein Landstreicher und Vagabund. Keinen

ganzen Fetzen auf dem Leibe, wie mir die Leute sagen. Er hat weder die

Pacht für das Land bezahlt noch die Miete für das Haus, in dem er

wohnte.“

„Vielleicht hatte der arme Bursche kein Geld“, wandte ich ein, meinen

vom Unglück gejagten Landsmann verteidigend.

„Mag sein“, sagte der Polizeichef. „Das will ich ihm ja auch nicht

anrechnen. Dios mio, es kann ja jedem Menschen einmal eine Zeitlang das

Feuer verregnen. Wenn er sonst anständig ist, habe ich gar nichts

dagegen einzuwenden, wie er sich durchklammert durchs Leben. Aber was

hat dieser Bursche dort getan, und das in meinem Distrikt –“

„Was denn, Senjor?“ fragte ich, gespannt seiner Rede folgend.

„Er hat gedoktert. Das würde ich ihm ja auch gar nicht so übelnehmen.

Solange er die Leute nicht im Bauche herumoperiert, geht es mich gar

nichts an, und ich frage kein Wort nach der Lizenz. Aber er hat alle

Banditen, die wir anschossen, und die uns sicher in die Hände gefallen

wären, wenn er nicht gewesen wäre, gesund kuriert, so daß sie uns alle

entwischten und wir nie einen einzigen kriegen konnten. Er hat sie alle

beschützt. Er hat jedes Haus gewußt, wo die Banditen sich versteckten,

wenn wir hinter ihnen her waren. Er hat sie nicht nur kuriert, das wäre

auch nicht das Schlimmste, aber er war so gerissen, so durch und durch

getränkt mit allen Kniffen und Schlichen, daß er ihnen Zaubermittel gab,

wodurch den Banditen da jeder Überfall glückte. Er hat mit

Radioapparaten gearbeitet und mit Lichtsignalen, so daß jede Ankunft von

Soldaten den Banditen lange vorher verraten war, ehe wir noch fünf

Meilen vom Dorfe entfernt waren. Und was hat der Mann verdient! Die

Banditen haben ihm die Tausende von Pesos nur immer so hingeschleppt ins

Haus, ein Tausend Pesos nach dem andern. Der Mann hat mehr verdient als

ich in meiner Stellung als Polizeichef. Dann hat dieser Vagabund alle

Banditen englisch sprechen gelehrt, so daß sie bald darauf auch die

amerikanischen Farmer überfallen konnten und den Farmern auf englisch

das Geld auspressen konnten. Was bin ich hinter diesem Mann hinterher

gewesen. Viermal war ich mit einer Kompanie Soldaten da, ihn zu fangen.

Hat unserer Regierung sehr schwer Geld gekostet. Können Sie sich denken,

Senjor. Denn wir können das nicht umsonst machen. Es ist alles sehr

teuer. Und auch ein Polizeichef muß leben, er kann nicht alles nur aus

reiner Liebe zu seinem Berufe tun. Man hat mir von der Regierung schwere

Vorwürfe gemacht wegen der Banditen und mir dreimal mit Absetzung

gedroht, wenn ich da nicht Ordnung schaffe. Aber ich habe das alles an

die Regierung berichtet. Ein Bericht von sechzig Maschinenschriftseiten.

Es wird jetzt bei der Regierung auch eingesehen, daß ich alles tat, was

nur in der Macht eines sterblichen Menschen liegt, und man hat

eingesehen, daß dieser Amerikaner die alleinige Schuld trägt, daß wir

die Banditen nicht fangen können.“

„Haben Sie ihn denn nicht einfangen können?“ fragte ich.

„Nie“, sagte der Herr empört. „Nie zu fangen gewesen. Ist viel zu

schlau. Gut gedrillt in den Strafgefängnissen seines Landes. Und dann

hatte er doch auch alle die Banditen da im Bunde. Wie war denn da etwas

zu erreichen? Ich kann gegen Menschen alles ausrichten, aber gegen

Teufel bin ich machtlos. Das hat man bei der Regierung auch eingesehen.

Wir werden ihn ja auch noch kriegen. Wir haben alle seine Personalien.

Sind eingetragen in allen Ämtern der Republik.“

„Wieviel kann er denn abbekommen, wenn er gekriegt wird?“

„Entweder erschossen oder zwanzig Jahre nach den Maria-Inseln.“

„Ist er denn nicht mehr in deinem Distrikt?“ fragte jetzt der andere der

Herren, der halb zugehört, halb geschlafen hatte.

„Nein, er hat sich fortgestaubt. Richtig ist, wir haben ihm den Distrikt

so eingeheizt, daß er eines Nachts auf und davon gegangen ist. Und was

soll ich Ihnen sagen, Senjor“, wandte er sich wieder an mich, „seitdem

der Bursche hinaus ist aus meinem Distrikt, herrscht dort tiefe Ruhe,

keine Banditenüberfälle. Die Zivilisation ist wieder eingekehrt in den

an sich so friedlichen Distrikt. Sie dürfen mir aufs Wort glauben,

Senjor, unsere Leute in jenem Distrikt sind alle friedliche und

anständige Bürger, die in Ordnung ihrer Arbeit nachgehen. Freilich, wenn

so ein Erzvagabund diese Leute unter seine unheilvolle Macht bekommt,

dann – unsere Bürger sind ja auch nichts weiter als gewöhnliche Menschen

–, was dann geschehen kann und geschieht, haben wir ja gesehen.“

Wir waren inzwischen nach Juan del Rio gekommen, wo wir alle ausstiegen,

um im Restaurant zu Mittag zu essen. Hier traf der Polizeichef zwei

Diputados, zwei Abgeordnete, die er kannte, und die den gleichen Zug

benutzten, um gleichfalls nach Mexiko City zu fahren. Als der Zug

weiterfuhr, betrachteten die beiden Herren, die mit mir Domino gespielt

hatten, es als angenehmer, sich für den Rest der Reise mit den Diputados

zu unterhalten. Dadurch gelang es mir, mich unauffällig in einen andern

Wagen zu schieben, so daß der Polizeichef mich nicht mehr sah und mich

ebenso leicht und schnell vergaß, wie er mich kennengelernt hatte.

Aber da mir alle Schliche und Kniffe wohl vertraut waren, wie mir

amtlich bestätigt worden war, hielt ich es für gesünder, in der ersten

Vorstadt von Mexiko City, wo der Zug hielt, auszusteigen und von dort

mit der Straßenbahn nach der City zu fahren. Denn wenngleich ich

unschuldig war wie ein frischgebadeter Cherubim, ist man erst einmal in

den Schlingen des Gesetzes, dann ist es meist immer zu spät, seine

Unschuld zu beweisen. Auf alle Fälle hat man einige Monate abzusitzen,

und entschädigt wird man weder für das schlechte Essen, noch für das

harte Bett, noch für die Läuse, die man bekommt.

* * * * *

Hier kann ich ja nun in aller Ruhe erzählen, daß da einmal ein

Polizeichef war, der sich so unfähig erwies, daß er selbst dann noch

keinen Banditen erwischt haben würde, wenn er mit ihm Karten am selben

Tisch gespielt hätte, und daß da ein Polizeichef war, der wohl wußte,

daß er zu Unrecht Gehalt von der Nation bezog, der aber, um jenes Gehalt

nicht zu verlieren, und um die Aussicht behalten zu können, weiter in

den Ämtern hinaufzurücken, seine Unfähigkeit und seine Stupidität

dadurch zu verdecken suchte, daß er einen Amerikaner in seinen Berichten

anschuldigte, der Anführer von Banditen zu sein. Die Erde an den

Stiefelsohlen jenes Amerikaners mag ja nicht ganz so unverdächtig sein,

wie das hier dargestellt wird – denn jeder Mensch wünscht von sich nur

Gutes zu berichten –, aber ganz so schlimm, wie es in den Berichten an

die Regierung geschildert wurde, in sechzig Seiten Maschinenschrift, ist

es doch nicht gewesen. Das soll keine Verteidigung sein, sondern nur die

bleiche unbemalte Wahrheit.

Außerdem ist es Wahrheit, daß die Banditenüberfälle in jenem Distrikt,

von dem hier die Rede war, in letzter Zeit erheblich zugenommen haben.

Das berichten die Zeitungen. Und die Regierung berichtet, daß sie drei

Kompanien Soldaten in den Distrikt schicken wird, um Ordnung zu

schaffen.

Aber was auch alle berichten und sagen mögen, Zeitungen, Regierung und

der Polizeichef, kümmert mich wenig. Was ich berichtet und gesagt habe,

das ist die Wahrheit. Ich muß es wissen; denn ich war dabei. Alle

übrigen, die berichten, waren nicht dabei. Und insbesondere die Tausende

von Pesos, die mir in die Tasche berichtet wurden, habe ich nie gesehen

und noch viel weniger gehabt. Mein ganzer Verdienst an jenen Geschäften

war: sechzehn Eier, es können auch zwanzig gewesen sein, ich will um die

Zahl nicht streiten; zwei Kilogramm gutes Ochsenfleisch, ich habe es

nicht nachgewogen, weil man einer geschenkten Katze die Flöhe nicht

berechnet, aber das Fleisch war gut; und ferner habe ich meine Medizinen

ersetzt bekommen, die mir einen heißen Schrecken bereiteten, als sie mir

laut entgegengeschrien wurden; und endlich bekam ich zwei Schüler in

Englisch. Aber die kann ich als Lohn nicht zählen, denn ich mußte hart

mit ihnen arbeiten, sie haben nichts bei mir gelernt, verließen mich

nach zwei Tagen und wurden auf der Farm eines Amerikaners erwischt, als

sie sechs Kühe in Englisch davon überzeugen wollten, ihnen lieber

freiwillig zu folgen, als gezwungen, und mexikanisch mit ihnen zu

ziehen. Aber auch daran war ich völlig unschuldig. Denn wenn jemand

Englisch lernen will, ist es unhöflich, ihn zu fragen, ob er vielleicht

die Absicht habe, amerikanischen Farmern in Mexiko in englischer Sprache

Geld auszupressen. Wenn das Geld den Farmern erst einmal mit Erfolg

ausgepreßt wurde, ist es ihnen ganz gleich, ob es ihnen in Englisch, in

Spanisch oder in Chinesisch abgepreßt wurde. Es kommt auf keinen Fall

wieder, selbst dann nicht, wenn ein geschickter Polizeichef es

erfolgreich zurückerobern sollte. Was fort ist, das ist fort. In Mexiko

so gut wie in den Staaten.

Der Busch · 第 23 / 42 题