Ich kam zum Zaun. Ich sah, daß der Mann jetzt ein Machete, ein langes,
schwertartiges, scharfes Buschmesser in der Hand trug.
„Sie wissen nicht, wo meine Mujer ist?“ fragte er.
„Nein.“
„Aber Sie können sie finden. Ich kann Ihnen keine ‚Mil‘ Goldpesos geben.
Die habe ich nicht. Aber wenn Sie mir nicht sagen, wo meine Mujer ist,
schlage ich Ihnen den Kopf ab.“
Er hob die furchtbare Waffe hoch.
Nun saß ich fest. Die Drohung mit dem Kopfabschlagen ist ernst. Was
schiert sich der Indianer darum, wenn er mich umbringt! Er verkriecht
sich in den Dschungel. Wird er gefangen und ohne Gerichtsverhandlung von
den Soldaten erschossen, so nimmt er das mit Gleichmut hin. Dann hat er
eben Pech gehabt. Augenblicklich ist er verzweifelt und macht sich keine
Gedanken über die Folgen.
Ich versuche dieselbe Ausrede wie vorher: „Ich habe nicht gesehen, in
welche Richtung Ihre Frau gegangen ist.“
Auf diese meine Entschuldigung hat er inzwischen von den andern
Eingeborenen eine gute Antwort gelernt: „Wenn ich die Richtung gesehen
hätte, finde ich meine Mujer allein. Da brauche ich keinen Medizinmann.
Die Männer haben mir alle gesagt, Sie sind ein Weitseher. Sie haben zwei
zusammengenähte Rohre. Wenn Sie da hindurchsehen, dann können Sie da
weit hinten auf dem Berge einen Mann gehen sehen. Sie haben gesagt, daß
auf den Sternen am Himmel Leute leben. Sie können das sehen mit Ihren
Rohren. Sie sehen oft in der Nacht mit den Rohren zu den Sternen und
sehen sich die Leute an. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer
mit Rohren alles sehen können, was inwendig von einem Menschen ist, ohne
ihn aufzuschneiden. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer mit
Leuten sprechen können, die ‚Mil‘ Kilometros weit fort sind. Ich will
jetzt, daß Sie mit meiner Mujer sprechen und ihr sagen, daß ich keine
Tortillas habe und keine Frijoles, und daß sie sofort in mein Haus
kommen soll mit dem Luftwagen, den die weißen Männer haben.“
Er schwang sein Machete deutlich genug, um zu zeigen, daß er wisse, wie
er seinen Willen durchzusetzen habe.
Ich kann hier nicht breit klarlegen, warum ich gegen eine solche
ernsthafte Drohung machtlos war. Erschießen konnte ich ihn nicht. Dann
wären mir alle Indianer und auch die Soldaten auf den Hals gekommen. Was
soll man vor Gericht sagen? Wie soll man es beweisen, daß man in Notwehr
war? Fliehen? Wohin? Der Indianer kennt die Wege besser als ich. Ich
konnte mich also nur durch Medizin retten.
Ich holte mein bescheidenes Feldglas und guckte lange nach allen
Richtungen. Endlich tat ich einen Aufschrei: „Ich sehe sie. Ich sehe
sie. Der Hurensohn hat einen schwarzen Bart und schlägt sie. Sie
schreit: Mein Mann, mein lieber Mann, hilf mir, hole mich!“
In höchster Aufregung hatte der Indianer meine Handlungen verfolgt. Nun
rief er: „Caramba, das habe ich mir doch gleich gedacht, daß es der
Hundesohn Gonzales sein muß. Der hat einen schwarzen Bart. Nun will ich
aber laufen und sie holen. Dem werde ich aber ganz gewiß tüchtig eins
über den Kopf geben. Wo ist sie? Fragen Sie sie gleich, Senjor.“
„Sie ist ‚Mil‘ Kilometros weit. Der Mann mit dem schwarzen Bart hat sie
mit einem Luftwagen fortgeschleppt. Sie ist jetzt in dem Dorfe Chicolco.
Das liegt bei Iguala in Guerrero. ‚Mil‘ Kilometros weit.“
„Da will ich aber gleich gehen und sie holen“, sagte er nun aufgeregt.
„Gehen Sie sofort. Es sind ‚Mil‘ Tage zu laufen. Halten Sie sich auf dem
Wege nicht auf, sonst schleppt der Indio mit dem schwarzen Barte sie
noch viel weiter.“
„Ich gehe noch jetzt“, sagte er, im heftigsten Reisefieber zitternd.
„Und vielen, vielen Dank, mil gracias, Senjor. Sie sind ein Weiser,
verdad, wahrhaftig. Sie haben sie so schnell gefunden. Aber die zwei
Pesos und fünfzig Centavos kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Die brauche
ich für die Reise. Adios, Senjor, leben Sie wohl!“
Und fort ging er, ohne mir die Medizin zu bezahlen. Ich brauche nicht
sehr besorgt zu sein, daß er mir so rasch wieder auf den Hals rückt. Es
sind sechshundert Meilen, die er zu machen hat. Und da ihm das Reisegeld
fehlt, muß er zu Fuß gehen.
Aber die Medizin, die ich ihm gab, ist wirklich gut. Er ist ein starker
und gesunder Bursche. Er wird keine fünfzig Meilen gehen und dann
irgendeine Arbeit finden. Oder er stiehlt einem Farmer eine Kuh.
Inzwischen hat er Tortillas gegessen und Frijoles. Und wenn er Arbeit
hat, hängt ihm am nächsten Tage eine neue Mujer ihren Sack mit dem
Sonntagskleide, den Strümpfen und den Schuhen in seine Hütte.