Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich selbst zu
wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene Hand sich allzusehr
darüber wundere. Während nämlich unser Rechenschaftsbericht über die
ersten drei Wochen von Hans Castorps Aufenthalt bei denen hier oben
(einundzwanzig Hochsommertage, auf die sich menschlicher Voraussicht
nach dieser Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und
Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen halb
eingestandenen Erwartungen nur zu sehr entspricht, – wird die
Bewältigung der nächsten drei Wochen seines Besuches an diesem Orte kaum
so viele Zeilen, ja Worte und Augenblicke erfordern, als jener Seiten,
Bogen, Stunden und Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen,
werden diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein.
Dies also könnte wundernehmen; und doch ist es in der Ordnung und
entspricht den Gesetzen des Erzählens und Zuhörens. Denn in der Ordnung
ist es und diesen Gesetzen entspricht es, daß uns die Zeit genau so lang
oder kurz wird, für unser Erlebnis sich genau ebenso breit macht oder
zusammenschrumpft, wie dem auf so unerwartete Art vom Schicksal mit
Beschlag belegten Helden unserer Geschichte, dem jungen Hans Castorp;
und es mag nützlich sein, den Leser in Ansehung des Zeitgeheimnisses auf
noch ganz andere Wunder und Phänomene, als das hier auffallende,
vorzubereiten, die uns in seiner Gesellschaft zustoßen werden. Für jetzt
genügt es, daß jedermann sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine
„lange“ Reihe von Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt:
es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer
derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von „Wiederholung“ zu
sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem stehenden Jetzt oder von
der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt dir die Mittagssuppe, wie man sie
dir gestern brachte und sie dir morgen bringen wird. Und in demselben
Augenblick weht es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir
schwindelt, indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen
verschwimmen dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des
Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man
dir ewig die Suppe bringt. Mit Bezug auf die Ewigkeit aber von
Langerweile zu sprechen, wäre sehr paradox; und Paradoxe wollen wir
meiden, besonders im Zusammenleben mit diesem Helden.
Hans Castorp also war bettlägrig seit Sonnabendnachmittag, da Hofrat
Behrens, die oberste Autorität in der Welt, die uns einschließt, es so
angeordnet hatte. Da lag er, sein Monogramm auf der Brusttasche seines
Nachthemds, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, in seinem reinlichen,
weißen Bett, dem Totenbett der Amerikanerin und wahrscheinlich noch
mancher anderen Person, und blickte mit einfachen, vom Schnupfen
getrübten blauen Augen zur Zimmerdecke empor, die Sonderbarkeit seiner
Lebenslage betrachtend. Dabei ist nicht anzunehmen, daß seine Augen ohne
Schnupfen klar, hell und unzweideutig geblickt hätten, denn so sah es in
seinem Inneren, wie einfach dieses auch sein mochte, nicht aus, sondern
in der Tat sehr trübe, verworren, undeutlich-halbaufrichtig und
zweifelhaft. Bald erschütterte, wie er so dalag, ein tolles, tief
aufsteigendes Triumphgelächter von innen her seine Brust, und sein Herz
stockte und schmerzte von einer nie gekannten, ausschweifenden Freude
und Hoffnung; bald wieder erblaßte er vor Schrecken und Bangen, und es
waren die Schläge des Gewissens selbst, mit denen sein Herz in raschem,
fliegendem Takt gegen die Rippen pochte.
Joachim ließ ihn am ersten Tage ganz in Ruhe und vermied jede
Erörterung. Schonend trat er ein paarmal ins Krankenzimmer, nickte dem
Liegenden zu und fragte der guten Form wegen, ob ihm was abgehe.
Übrigens fiel es ihm um so leichter, Hans Castorps Scheu vor einer
Auseinandersetzung zu erkennen und zu achten, als er sie teilte und sich
nach seiner Auffassung sogar in einer peinlicheren Lage befand als
dieser.
Aber am Sonntagvormittag, nach seiner Rückkehr von dem wie früher allein
zurückgelegten Morgenspaziergang, verschob er es trotzdem nicht länger,
das nun unmittelbar Notwendigste mit seinem Vetter zu beraten. Er
stellte sich an dessen Bett und sagte aufseufzend:
„Ja, es hilft alles nichts, es müssen nun Schritte geschehen. Sie
erwarten dich ja zu Hause.“
„Noch nicht“, antwortete Hans Castorp.
„Nein, aber in den nächsten Tagen, Mittwoch oder Donnerstag.“
„Ach,“ sagte Hans Castorp, „sie erwarten mich überhaupt nicht so genau
auf den Tag. Die haben anderes zu tun, als auf mich zu warten und die
Tage zu zählen, bis ich wiederkomme. Wenn ich komme, so bin ich da, und
Onkel Tienappel sagt: ‚Da bist du ja auch wieder!‘ und Onkel James sagt:
‚Na, war’s schön.‘ Und wenn ich nicht komme, so dauert es lange, bis es
ihnen auffällt, da kannst du sicher sein. Selbstverständlich müßte man
sie mit der Zeit benachrichtigen ...“
„Du kannst dir denken,“ sagte Joachim und seufzte wieder, „wie
unangenehm mir die Sache ist! Was soll denn jetzt werden? Natürlich
fühle ich mich doch sozusagen verantwortlich. Du kommst hier herauf, um
mich zu besuchen, und ich führe dich ein hier oben, und nun sitzst du
fest, und niemand weiß, wann du wieder loskommst und deine Stelle
antreten kannst. Du mußt einsehen, daß mir das im höchsten Grade
peinlich ist.“
„Erlaube mir!“ sagte Hans Castorp, immer die Hände unter dem Kopf. „Was
machst denn du dir für Kopfzerbrechen? Das ist doch Unsinn. Bin ich
heraufgekommen, um dich zu besuchen? Auch; aber in erster Linie doch
schließlich, um mich zu erholen, auf Vorschrift von Heidekind. Na, und
nun zeigt sich eben, daß ich erholungsbedürftiger bin, als er und wir
alle uns haben träumen lassen. Ich bin ja wohl nicht der erste, der
glaubte, hier eine Stippvisite zu machen, und für den es dann anders
kam. Denke doch nur zum Beispiel an _Tous les deux’_ zweiten Sohn, und
wie es den hier denn doch noch ganz anders getroffen hat, – ich weiß
nicht, ob er noch lebt, vielleicht haben sie ihn abgeholt während einer
Mahlzeit. Daß ich etwas krank bin, ist mir ja eine Überraschung, ich muß
mich erst darein finden, mich hier als Patient und richtig als einer von
euch zu fühlen, statt, wie bisher, nur als Gast. Und dann überrascht es
mich doch auch wieder fast gar nicht, denn so recht prachtvoll instand
habe ich mich eigentlich niemals gefühlt, und wenn ich denke, wie früh
meine beiden Eltern gestorben sind, – woher sollte die Pracht denn
schließlich auch kommen! Daß du einen kleinen Knacks hast, nicht wahr,
wenn er nun auch so gut wie kuriert ist, darüber machen wir uns ja alle
nichts vor, und also kann es ja sein, daß es ein bißchen in unsrer
Familie liegt, Behrens wenigstens machte so eine Bemerkung. Jedenfalls
liege ich hier schon seit gestern und überlege mir, wie mir doch
eigentlich immer zumute war und wie ich mich zu dem Ganzen verhielt, zum
Leben, weißt du, und seinen Anforderungen. Ein gewisser Ernst und eine
gewisse Abneigung gegen robustes und lautes Wesen lag immer in meiner
Natur, – wir sprachen noch neulich davon, und daß ich manchmal fast Lust
gehabt hätte, geistlich zu werden, aus Interesse für traurige und
erbauliche Dinge, – so ein schwarzes Tuch, weißt du, mit einem silbernen
Kreuz darauf oder _R. I. P._ ... _Requiescat in pace_ ... das ist
eigentlich das schönste Wort und mir viel sympathischer als ‚Hoch soll
er leben‘, was doch mehr ein Radau ist. Das alles, denke ich mir, kommt
wohl daher, daß ich selbst einen Knacks habe und mich von Anfang an auf
die Krankheit verstehe, – es zeigt sich bei dieser Gelegenheit. Aber
wenn es sich nun doch so verhält, so kann ich ja von Glück sagen, daß
ich heraufgekommen bin und mich habe untersuchen lassen; du brauchst dir
nicht die geringsten Vorwürfe deswegen zu machen. Denn du hast ja
gehört: wenn ich es im Flachland noch eine Weile so weiter getrieben
hätte, so wäre womöglich mir nichts dir nichts mein ganzer Lungenlappen
zum Teufel gegangen.“
„Das kann man nicht wissen!“ sagte Joachim. „Das ist es ja eben, daß man
das gar nicht wissen kann! Du sollst ja früher schon Stellen gehabt
haben, um die sich niemand gekümmert hat und die ganz von selbst
verheilt sind, so daß du jetzt nur noch ein paar gleichgültige
Dämpfungen davon hast. So wäre es möglicherweise auch mit der feuchten
Stelle gegangen, die du jetzt haben sollst, wenn du nicht zufällig zu
mir heraufgekommen wärst, – man kann es nicht wissen!“
„Nein, wissen kann man gar nichts“, antwortete Hans Castorp. „Und darum
hat man kein Recht, das Ärgerlichste in Ansatz zu bringen, zum Beispiel
auch was die Dauer meines Kuraufenthaltes betrifft. Du sagst, niemand
weiß, wann ich loskomme und auf der Werft eintreten kann, aber du sagst
es im pessimistischen Sinn, und das finde ich voreilig, da man es ja
eben nicht wissen kann. Behrens hat keinen Termin genannt, er ist ein
besonnener Mann und spielt nicht den Wahrsager. Es hat ja auch die
Durchleuchtung und photographische Aufnahme noch gar nicht
stattgefunden, die erst den Sachverhalt objektiv klarstellen wird, und
wer weiß, ob da etwas Nennenswertes zutage kommt und ob ich nicht vorher
schon fieberfrei bin und euch Adieu sagen kann. Ich bin dafür, daß wir
uns nicht vor der Zeit aufspielen und denen zu Hause nicht gleich die
größten Räubergeschichten erzählen. Es genügt, wenn wir nächstens mal
schreiben – ich kann selbst schreiben, mit der Füllfeder hier, wenn ich
mich etwas aufsetze –, daß ich stark erkältet und febril und bettlägrig
bin und vorderhand noch nicht reisen kann. Das Weitere findet sich.“
„Gut,“ sagte Joachim, „so können wir’s vorläufig machen. Und dann können
wir ja auch mit dem anderen noch etwas zuwarten.“
„Mit welchem anderen?“
„Sei nicht so gedankenlos! Du bist doch nur auf drei Wochen eingerichtet
mit deinem Kajütenkoffer. Du brauchst Wäsche, Unter- und Oberwäsche und
Winterkleider, und brauchst mehr Schuhzeug. Schließlich, auch Geld mußt
du dir kommen lassen.“
„_Wenn_,“ sagte Hans Castorp, „_wenn_ ich das alles brauche.“
„Gut, warten wir’s ab. Aber wir sollten ... nein,“ sagte Joachim und
ging in Bewegung durchs Zimmer, „wir sollten uns keine Illusionen
machen! Ich bin zu lange hier, um nicht Bescheid zu wissen. Wenn Behrens
sagt, daß da eine rauhe Stelle ist, beinah ein Geräusch ... Aber
selbstverständlich, wir können ja zusehen!“ –
Dabei blieb es für diesmal, und vorderhand traten die acht- und
vierzehntägigen Abwandlungen des Normaltages in ihre Rechte, – auch in
seiner gegenwärtigen Lage hatte Hans Castorp teil daran, wo nicht durch
unmittelbaren Mitgenuß, so durch Berichte, die Joachim abstattete, wenn
er ihn besuchte und sich für eine Viertelstunde auf seine Bettkante
setzte.
Das Teebrett, worauf man ihm am Sonntagmorgen sein Frühstück brachte,
war mit einem Blumenväschen geschmückt, und man hatte nicht versäumt,
ihm von dem Feingebäck zu schicken, das heute im Saale gereicht wurde.
Später wurde es drunten im Garten und auf der Terrasse lebendig, und mit
Trara und Klarinettengenäsel setzte das vierzehntägige Sonntagskonzert
ein, zu dem Joachim sich bei seinem Vetter einfand: er nahm die
Darbietung bei offener Balkontür draußen in der Loge entgegen, während
Hans Castorp von seinem Bette aus, halb sitzend, den Kopf auf die Seite
gelegt und liebevoll-andächtig verschwimmenden Blickes den
heraufdrängenden Harmonien lauschte, nicht ohne innerlich achselzuckend
der Redereien Settembrinis von der „politischen Verdächtigkeit“ der
Musik zu gedenken.
Im übrigen, wie wir sagten, ließ er sich von Joachim über die
Erscheinungen und Veranstaltungen dieser Tage Bericht erstatten, fragte
ihn aus, ob der Sonntag festliche Toiletten gebracht habe,
Spitzenmatinees oder dergleichen (für Spitzenmatinees war es jedoch zu
kalt gewesen); auch ob nachmittags Wagenfahrten stattgefunden hätten
(wirklich waren welche unternommen worden: der Verein „Halbe Lunge“ war
_in corpore_ nach Clavadell ausgeflogen); und am Montag verlangte er,
von Dr. Krokowskis Conférence zu hören, als Joachim davon zurückkehrte
und, bevor er in die Mittagsliegekur ging, bei ihm vorsprach. Joachim
zeigte sich mundfaul und abgeneigt, über den Vortrag zu berichten, – wie
ja auch von dem vorigen weiter nicht zwischen den beiden die Rede
gewesen war. Aber Hans Castorp bestand darauf, Einzelheiten zu hören.
„Ich liege hier und zahle den vollen Preis“, sagte er. „Ich will auch
etwas haben von dem, was geboten wird.“ Er erinnerte sich an den Montag
vor vierzehn Tagen, an seinen selbständigen Spaziergang, der ihm so
wenig gut getan, und gab der bestimmten Vermutung Ausdruck, daß er es
eigentlich gewesen sei, der revolutionierend auf seinen Körper gewirkt
und die still vorhandene Krankheit zum Ausbruch gebracht habe. „Aber wie
die Leute hier reden,“ rief er; „das niedere Volk, – so würdig und
feierlich: es klingt zuweilen wie Poesie. ‚Nun, so leb’ wohl und hab’
Dank!‘“ wiederholte er, indem er die Sprechweise des Holzknechtes
nachahmte. „So habe ich es im Walde gehört, und ich vergesse es meiner
Lebtage nicht. Dergleichen verbindet sich dann mit anderen Eindrücken
oder Erinnerungen, weißt du, und man behält es bis an sein Lebensende im
Ohr. – Und Krokowski hat also wieder von ‚Liebe‘ gesprochen?“ fragte er
und schnitt ein Gesicht bei dem Wort.
„Selbstredend“, sagte Joachim. „Wovon denn sonst. Es ist ja nun einmal
sein Thema.“
„Was sagte er denn heute davon?“
„Ach, nichts Besonderes. Du weißt ja selbst, vom vorigen Mal, wie er
sich ausdrückt.“
„Aber was gab er denn Neues zum besten?“
„Nichts weiter Neues ... Ja, es war die reine Chemie, was er heute
verzapfte“, ließ Joachim sich widerstrebend herbei, zu berichten. Es
handele sich „dabei“ um eine Art von Vergiftung, von Selbstvergiftung
des Organismus, habe Dr. Krokowski gesagt, die so entstehe, daß ein noch
unbekannter, im Körper verbreiteter Stoff Zersetzung erfahre; und die
Produkte dieser Zersetzung wirkten berauschend auf gewisse
Rückenmarkszentren ein, nicht anders, als wie es sich bei der
gewohnheitsmäßigen Einführung von fremden Giftstoffen, Morphin oder
Kokain, verhalte.
„Und dann kriegt man heitere Bäckchen!“ sagte Hans Castorp. „Sieh an,
das ist ja hörenswert. Was der nicht alles weiß –. Er hat es mit Löffeln
gegessen. Warte nur, eines Tages entdeckt er dir noch den unbekannten
Stoff, der im ganzen Körper verbreitet ist, und stellt die löslichen
Gifte her, die berauschend aufs Zentrum wirken, dann kann er die Leute
auf eine besondere Weise beschwipsen. Vielleicht war man früher schon
einmal so weit. Wenn man ihn hört, so könnte man denken, daß etwas
Wahres ist an den Geschichten von Liebestränken und solchem Zeug, wovon
in den Sagenbüchern die Rede ist ... Gehst du schon?“
„Ja,“ sagte Joachim, „ich muß unbedingt noch etwas liegen. Ich habe
ansteigende Kurve seit gestern. Die Sache mit dir hat mir doch etwas
zugesetzt.“ –
Das war der Sonntag, der Montag. Aus Abend und Morgen wurde der dritte
Tag von Hans Castorps Aufenthalt in der „Remise“, ein Wochentag ohne
Auszeichnung, der Dienstag. Es war aber der Tag seiner Ankunft hier
oben, er war nun rund drei Wochen an diesem Ort, und so trieb es ihn
doch, den Brief nach Hause zu schreiben und seine Onkel wenigstens
obenhin und für den Augenblick über den Stand der Dinge zu unterrichten.
Sein Plumeau im Rücken, schrieb er auf einem Briefbogen der Anstalt, daß
seine Abreise von hier sich planwidrig verzögere. Er liege mit einer
fieberigen Erkältung, die von Hofrat Behrens, übergewissenhaft, wie er
wohl sei, offenbar nicht ganz auf die leichte Achsel genommen werde, da
er sie mit seiner, des Schreibers, Konstitution überhaupt in
Zusammenhang bringe. Denn gleich bei der ersten Bekanntschaft habe der
dirigierende Arzt ihn stark anämisch gefunden, und alles in allem
scheine es, als ob maßgeblicherseits die von ihm, Hans Castorp, zu
seiner Erholung angesetzte Frist nicht für recht ausreichend erachtet
werde. Weiteres ehetunlichst. – So ist es gut, dachte Hans Castorp. Da
ist kein Wort zu viel und doch hält es auf jeden Fall eine Weile vor. –
Der Brief wurde dem Hausdiener übergeben, der ihn unter Vermeidung des
Umweges über den Kasten unmittelbar zum nächsten fahrplanmäßigen Zug
beförderte.
Hiernach schien unserem Abenteurer vieles geordnet, und mit
beschwichtigtem Gemüt, wenn auch geplagt von Husten und
Schnupfendumpfheit, lebte er abwartend in den Tag hinein, den vielfach
in kurze Stückchen geteilten und in seiner feststehenden Einförmigkeit
weder kurz- noch langweiligen Normaltag, der immer derselbe war. Morgens
trat nach mächtigem Anklopfen der Bademeister herein, ein nerviges
Individuum namens Turnherr, mit aufgerollten Hemdärmeln, hochgeäderten
Unterarmen und einer gurgelnden, schwer behinderten Sprechart, der Hans
Castorp, wie alle Patienten, mit seiner Zimmernummer anredete und ihn
mit Alkohol abrieb. Nicht lange nach seinem Abgang erschien Joachim,
fertig angezogen, um Guten Morgen zu sagen, nach seines Vetters
Sieben-Uhr-früh-Temperatur zu fragen und seine eigene mitzuteilen.
Während er drunten frühstückte, tat Hans Castorp, sein Plumeau im
Rücken, mit dem Appetit, den eine neue Lebenslage erzeugt, dasselbe –,
kaum gestört durch den geschäftig-geschäftsmäßigen Einbruch der Ärzte,
die um diese Zeit den Speisesaal passiert hatten und ihren Rundgang
durch die Zimmer der Bettlägrigen und Moribunden im Geschwindschritt
zurücklegten. Den Mund voll Eingemachtem, bekundete er, „schön“
geschlafen zu haben, sah über den Rand seiner Tasse hin zu, wie der
Hofrat, der seine Fäuste auf die Platte des Mitteltisches stemmte, rasch
die dort aufliegende Fiebertabelle prüfte, und erwiderte gleichmütig
gedehnten Tones den Morgengruß der Abziehenden. Dann zündete er sich
eine Zigarette an und sah Joachim schon von seinem morgendlichen
Dienstgang wieder zurückkehren, wenn er kaum gedacht hatte, daß er
fortgegangen sei. Wieder plauderten sie dies und das, und der
Zeit-Zwischenraum bis zum zweiten Frühstück – Joachim hielt Liegekur
unterdessen – war so kurz, daß selbst ein ausgemachter Hohlkopf und
Geistesarmer es nicht zur Langenweile gebracht haben würde, – während
doch Hans Castorp an den Eindrücken seiner ersten drei Wochen hier oben
reichlich zu zehren, auch seine gegenwärtige Lebenslage und was etwa
daraus werden mochte, innerlich zu bearbeiten hatte und der beiden
dicken Bände einer illustrierten Zeitschrift kaum bedurft hätte, die,
der Anstaltsbibliothek entstammend, auf seinem Nachttisch lagen.
Nichts anderes gilt für die Zeitspanne, während der Joachim seinen
zweiten Gang nach Platz Davos absolvierte, ein leichtes Stündchen. Er
sprach dann wieder vor bei Hans Castorp und erzählte von dem und jenem,
was ihm im Spazieren auffällig geworden, stand oder saß einen Augenblick
am Krankenbette, bevor er in die Mittagsliegekur ging, – und wie lange
dauerte die? Nur wieder ein Stündchen! Man hatte kaum, die Hände hinter
dem Kopf gefaltet, ein wenig zur Decke geblickt und einem Gedanken
nachgehangen, so dröhnte das Gong, das die nicht Bettlägrigen und
Moribunden aufforderte, sich zur großen Mahlzeit instandzusetzen.
Joachim ging, und es kam die „Mittagssuppe“: ein einfältig symbolischer
Name für das, was kam! Denn Hans Castorp war nicht auf Krankenkost
gesetzt, – warum auch hätte man ihn darauf setzen sollen? Krankenkost,
schmale Kost war auf keine Art indiziert bei seinem Zustande. Er lag
hier und zahlte den vollen Preis, und was man ihm bringt in der
stehenden Ewigkeit dieser Stunde, das ist keine „Mittagssuppe“, es ist
das sechsgängige Berghof-Diner ohne Abzug und in aller Ausführlichkeit,
– am Alltage üppig, am Sonntage ein Gala-, Lust- und Parademahl, von
einem europäisch erzogenen Chef in der Luxushotelküche der Anstalt
bereitet. Die Saaltochter, deren Amt es war, die Bettlägrigen zu
versorgen, brachte es ihm unter vernickelten Hohldeckeln und in leckeren
Tiegeln; sie schob den Krankentisch, der sich eingefunden, dies
einbeinige Wunder von Gleichgewichtskonstruktion, quer über sein Bett
vor ihn hin, und Hans Castorp tafelte daran wie der Sohn des Schneiders
am Tischlein deck dich.
Kaum hatte er abgespeist, so kehrte auch Joachim zurück, und bis dieser
in seine Loggia ging und die Stille der großen Liegekur sich über Haus
„Berghof“ senkte, war es soviel wie halb drei geworden. Nicht ganz,
vielleicht; genau genommen wohl erst ein Viertel über zwei. Aber solche
überzähligen Viertelstunden außerhalb runder Einheiten werden nicht
mitgerechnet, sondern nebenbei verschlungen, wo großzügige
Zeitwirtschaft herrscht, wie etwa auf Reisen, bei vielstündiger
Bahnfahrt oder sonst in leerem, wartendem Zustande, wenn alles Streben
und Leben aufs Hinbringen und Zurücklegen von Zeit zurückgeführt ist.
Ein Viertel über zwei Uhr – das gilt für halb drei; es gilt in Gottes
Namen auch gleich für drei Uhr, da schon die Drei im Spiele ist. Die
dreißig Minuten werden als Auftakt zur runden Stunde von drei bis vier
Uhr verstanden und innerlich beseitigt: so macht man es unter solchen
Umständen. Und so beschränkte sich denn die Dauer der großen Liegekur
schließlich und eigentlich wieder auf eine Stunde, – die übrigens an
ihrem Ende vermindert, weggestutzt und gleichsam apostrophiert wurde.
Der Apostroph war Dr. Krokowski.
Ja, Dr. Krokowski beschrieb auf seinem selbständigen Nachmittagsrundgang
keinen Bogen mehr um Hans Castorp. Dieser zählte nun mit, er war nicht
länger ein Intervall und Hiatus, er war Patient, er wurde gefragt und
nicht links liegengelassen, wie es zu seinem geheimen und leichten, aber
täglich wieder empfundenen Ärger so lange geschehen war. Es war am
Montag gewesen, daß Dr. Krokowski zum erstenmal im Zimmer erschienen
war, – wir sagen „erschienen“, denn das ist das rechte Wort für den
sonderbaren und sogar etwas entsetzlichen Eindruck, dessen Hans Castorp
sich damals nicht hatte erwehren können. Er hatte im Halb- oder
Viertelschlummer gelegen, als er aufschreckend gewahrte, daß der
Assistent im Zimmer war, ohne durch die Tür hereingelangt zu sein, und
von der Außenseite her auf ihn zuschritt. Denn sein Weg war nicht über
den Korridor, sondern durch die äußeren Loggien gewesen, und durch die
offene Balkontür war er eingetreten, so daß sich die Vorstellung
aufdrängte, als sei er durch die Lüfte gekommen. Da hatte er nun
jedenfalls an Hans Castorps Lager gestanden, schwarzbleich,
breitschultrig und stämmig, der Apostroph der Stunde, und in seinem
geteilten Bart waren gelblich und mannhaft lächelnd die Zähne zu sehen
gewesen.
„Sie scheinen überrascht, mich zu sehen, Herr Castorp,“ hatte er mit
baritonaler Milde, schleppend, unbedingt etwas geziert und mit einem
exotischen Gaumen-r gesprochen, das er jedoch nicht rollte, sondern
durch ein nur einmaliges Anschlagen der Zunge gleich hinter den oberen
Vorderzähnen erzeugte; „ich erfülle aber lediglich eine angenehme
Pflicht, wenn ich bei Ihnen nun auch nach dem Rechten sehe. Ihr
Verhältnis zu uns ist in eine neue Phase getreten, über Nacht ist aus
dem Gaste ein Kamerad geworden ...“ (Das Wort „Kamerad“ hatte Hans
Castorp etwas geängstigt.) „Wer hätte es gedacht!“ hatte Dr. Krokowski
kameradschaftlich gescherzt ... „Wer hätte es gedacht an dem Abend, als
ich Sie zuerst begrüßen durfte und Sie meiner irrigen Auffassung –
damals war sie irrig – mit der Erklärung begegneten, Sie seien
vollkommen gesund. Ich glaube, ich drückte damals etwas wie einen
Zweifel aus, aber, ich versichere Sie, ich meinte es nicht so! Ich will
mich nicht scharfsichtiger hinstellen, als ich bin, ich dachte damals an
keine feuchte Stelle, ich meinte es anders, allgemeiner,
philosophischer, ich verlautbarte meinen Zweifel daran, daß ‚Mensch‘ und
‚vollkommene Gesundheit‘ überhaupt Reimworte seien. Und auch heute noch,
auch nach dem Verlauf Ihrer Untersuchung, kann ich, wie ich nun einmal
bin, und im Unterschiede von meinem verehrten Chef, diese feuchte Stelle
da“ – und er hatte mit der Fingerspitze leicht Hans Castorps Schulter
berührt – „nicht als im Vordergrunde des Interesses stehend erachten.
Sie ist für mich eine sekundäre Erscheinung ... Das Organische ist immer
sekundär ...“
Hans Castorp war zusammengezuckt.
„... Und also ist Ihr Katarrh in meinen Augen eine Erscheinung dritter
Ordnung“, hatte Dr. Krokowski sehr leicht hinzugefügt. „Wie steht es
damit? Die Bettruhe wird in dieser Hinsicht gewiß rasch das ihre tun.
Was haben Sie heute gemessen?“ Und von da an hatte der Besuch des
Assistenten den Charakter einer harmlosen Kontrollvisite getragen, wie
er ihn denn auch in den folgenden Tagen und Wochen beständig trug: Dr.
Krokowski kam ¾4 Uhr oder auch schon etwas früher über den Balkon
herein, begrüßte den Liegenden auf mannhaft heitere Art, stellte die
einfachsten ärztlichen Fragen, leitete auch wohl ein kurzes,
persönlicher bestimmtes Geplauder ein, scherzte kameradschaftlich, – und
wenn alles dies eines Anfluges von Bedenklichkeit nicht entbehrte, so
gewöhnt man sich endlich auch an das Bedenkliche, falls es in seinen
Grenzen bleibt, und Hans Castorp fand bald nichts mehr gegen das
regelmäßige Erscheinen Dr. Krokowskis zu erinnern, das nun einmal zum
stehenden Normaltage gehörte und die Stunde der großen Liegekur
apostrophierte.
Es war also 4 Uhr, wenn der Assistent wieder auf den Balkon zurücktrat,
– das heißt tiefer Nachmittag! Plötzlich und eh mans gedacht, war es
tiefer Nachmittag, – der sich übrigens ungesäumt ins annähernd
Abendliche vertiefte: denn bis der Tee getrunken war, drunten im Saal
und auf Nummer 34, ging es stärkstens auf 5 Uhr und, bis Joachim von
seinem dritten Dienstgange zurückkehrte und bei seinem Vetter wieder
vorsprach, immerhin so stark auf 6, daß sich die Liegekur bis zum
Abendessen, wenn man nur ein wenig rund rechnete, wieder auf eine Stunde
beschränkte, – eine spielend aus dem Felde zu schlagende
Zeitgegnerschaft, wenn man Gedanken im Kopf und außerdem einen ganzen
_orbis pictus_ auf dem Nachttische hat.
Joachim verabschiedete sich zur Mahlzeit. Das Essen wurde gebracht. Das
Tal hatte sich längst mit Schatten gefüllt, und während Hans Castorp aß,
dunkelte es zusehens im weißen Zimmer. Er saß, wenn er fertig war, in
sein Plumeau gelehnt, vor dem abgegessenen Tischleindeckdich und blickte
in die rasch zunehmende Dämmerung, die Dämmerung von heute, die von der
gestrigen, vorgestrigen oder der vor acht Tagen nur schwer zu
unterscheiden war. Es war Abend, – nachdem es eben noch Morgen gewesen.
Der zerkleinerte und künstlich kurzweilig gemachte Tag war ihm
buchstäblich unter den Händen zerbröckelt und zunichte geworden, wie er
mit heiterer Verwunderung oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn
Grauen hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als blicke er
„immer noch“.
Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein, seit Hans
Castorp bettlägrig geworden war, pochte es um diese Stunde, das heißt:
bevor Joachim vom Abendessen und von der Geselligkeit zurückgekehrt war,
an die Stubentür, und auf Hans Castorps fragendes Herein erschien
Lodovico Settembrini auf der Schwelle, – wobei es mit einem Schlage
blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste Bewegung, bei
noch offener Tür, war gewesen, daß er das Deckenlicht eingeschaltet
hatte, welches, von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgeworfen, den
Raum im Nu mit zitternder Klarheit überfüllte.
Der Italiener war die einzige Persönlichkeit unter den Kurgästen, nach
der Hans Castorp sich in diesen Tagen ausdrücklich und namentlich bei
Joachim erkundigt hatte. Joachim berichtete ihm ja ohnedies, sooft er
für zehn Minuten auf seines Vetters Bettrand saß oder neben ihm stand –
und das geschah zehnmal am Tage – von den kleinen Vorkommnissen und
Schwankungen im Alltagsleben der Anstalt, und soweit Hans Castorp Fragen
gestellt hatte, waren sie allgemeiner und unpersönlicher Art gewesen.
Die Neugier des Isolierten ging dahin, zu wissen, ob etwa neue Gäste
angekommen oder von den vertrauten Physiognomien jemand abgereist sei;
und es schien ihn zu befriedigen, daß nur jenes der Fall war. Ein
„Neuer“ war eingetroffen, ein junger Mann, grünlich und hohl von
Gesicht, und hatte seinen Platz am Tische der elfenbeinernen Levi und
der Frau Iltis, gleich rechts von dem der Vettern erhalten. Nun, Hans
Castorp konnte es erwarten, ihn in Augenschein zu nehmen. Abgereist war
also niemand? Joachim verneinte kurz, indem er die Augen niederschlug.
Aber er mußte die Frage mehrmals beantworten, eigentlich jeden zweiten
Tag, obgleich er schließlich, eine gewisse Ungeduld in der Stimme, ein
für allemal Bescheid zu geben versucht und gesagt hatte, seines Wissens
stehe niemand vor der Abreise, so schlankerhand werde hier überhaupt ja
nicht abgereist.
Was Settembrini betraf, so hatte also Hans Castorp persönlich nach ihm
gefragt und zu hören verlangt, was jener „dazu gesagt“ habe. Wozu? „Nun,
daß ich hier liege und krank sein soll.“ Wirklich hatte Settembrini sich
geäußert, wenn auch sehr knapp. Gleich am Tage von Hans Castorps
Verschwinden war er an Joachim mit der Frage nach dem Verbleib des
Gastes herangetreten, wobei er sichtlich zu erfahren bereit gewesen war,
daß Hans Castorp abgereist sei. Auf Joachims Erklärungen hatte er nur
mit zwei italienischen Wörtern erwidert: zuerst hatte er „_Ecco_“ und
dann „_Poveretto_“ gesagt, zu deutsch: „da haben wir’s“ und „armer
Kleiner“, – man brauchte nicht mehr Italienisch zu verstehen als die
beiden jungen Leute, um den Sinn dieser beiden Äußerungen zu erfassen.
„Wieso ‚_poveretto_‘?“ hatte Hans Castorp gesagt. „Er sitzt doch auch
hier oben mit seiner Literatur, die aus Humanismus und Politik besteht,
und kann die irdischen Lebensinteressen wenig fördern. Er sollte mich
nur nicht so von oben herab bemitleiden, ich komme immer noch früher ins
Flachland als er.“
Nun also stand Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zimmer, – Hans
Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und zur Tür gewandt hatte,
erkannte ihn blinzelnd und errötete, als er ihn erkannte. Wie immer trug
Settembrini seinen dicken Rock mit den großen Aufschlägen, einen etwas
schadhaften Umlegekragen dazu und die karierten Hosen. Da er vom
Essen kam, hielt er nach seiner Gewohnheit einen hölzernen
Zahnstocher zwischen den Lippen. Sein Mundwinkel unter der schönen
Schnurrbartbiegung war zu dem bekannten feinen, nüchternen und
kritischen Lächeln gespannt.
„Guten Abend, Ingenieur! Ist es erlaubt, sich nach Ihnen umzusehen? Wenn
ja, so bedarf es dazu des Lichtes, – verzeihen Sie meine
Eigenmächtigkeit!“ sagte er, indem er die kleine Hand schwunghaft zur
Deckenlampe emporwarf. „Sie kontemplierten, – ich möchte beileibe nicht
stören. Neigung zur Nachdenklichkeit wäre mir ganz begreiflich in Ihrem
Fall, und zum Plaudern haben Sie schließlich Ihren Vetter. Sie sehen,
meine Überflüssigkeit ist mir vollkommen deutlich. Trotzdem, man lebt
auf so engem Raum beieinander, man faßt Teilnahme von Mensch zu Mensch,
geistige Teilnahme, Herzensteilnahme ... Es ist eine gute Woche, daß man
Sie nicht sieht. Ich fing wahrhaftig an, mir einzubilden, Sie seien
abgereist, als ich Ihren Platz drunten im Refektorium leer sah. Der
Leutnant belehrte mich eines Besseren, hm, eines weniger Guten, wenn das
nicht unhöflich klingt ... Kurz, wie geht es? Was treiben Sie? Wie
fühlen Sie sich? Doch nicht allzu niedergeschlagen?“
„Sie sind es, Herr Settembrini! Das ist ja freundlich. Ha, ha,
‚Refektorium‘? Da haben Sie gleich wieder einen Witz gemacht. Nehmen Sie
den Stuhl, bitte. Sie stören mich keine Spur. Ich lag da und sinnierte,
– sinnieren ist schon viel zu viel gesagt. Ich war einfach zu faul, das
Licht anzudrehen. Danke vielmals, es geht mir subjektiv so gut wie
normal. Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe, aber er
soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich allgemein höre. Die
Temperatur ist eben immer noch nicht, wie sie sein sollte, mal 37,5, mal
37,7, das hat sich in diesen Tagen noch nicht geändert.“
„Sie nehmen regelmäßig Messungen vor?“
„Ja, sechsmal am Tage, ganz wie sie alle hier oben. Haha, entschuldigen
Sie, ich muß noch lachen darüber, daß Sie unsern Speisesaal
‚Refektorium‘ nannten. So sagt man doch im Kloster, nicht? Davon hat es
hier wirklich etwas, – ich war ja noch nie in einem Kloster, aber so
ähnlich stelle ich es mir vor. Und die ‚Regeln‘ habe ich auch schon am
Schnürchen und beobachte sie ganz genau.“
„Wie ein frommer Bruder. Man kann sagen, Ihr Noviziat ist beendet, Sie
haben Profeß getan. Meine feierliche Gratulation. Sie sagen ja auch
schon ‚unser Speisesaal‘. Übrigens – ohne Ihrer Manneswürde zu nahe
treten zu wollen – erinnern Sie mich fast mehr an ein junges Nönnlein
als an einen Mönch, – an so ein eben geschorenes, unschuldiges Bräutchen
Christi mit großen Opferaugen. Ich habe früher hie und da solche Lämmer
gesehen nie ohne ... nie ohne eine gewisse Sentimentalität. Ah, ja, ja,
Ihr Herr Vetter hat mir alles erzählt. Sie haben sich also im letzten
Moment noch untersuchen lassen.“
„Da ich febril war –. Ich bitte Sie, Herr Settembrini, bei einem solchen
Katarrh hätte ich mich in der Ebene an unseren Arzt gewandt. Und hier,
wo man sozusagen an der Quelle sitzt, wo zwei Spezialisten im Hause
sind, – es wäre doch komisch gewesen ...“
„Versteht sich, versteht sich. Und gemessen hatten Sie sich also schon,
bevor man es Ihnen aufgetragen. Man hatte es Ihnen übrigens sofort
empfohlen. Das Thermometer hat Ihnen die Mylendonk zugesteckt?“
„Zugesteckt? Da der Bedarfsfall vorlag, habe ich ihr eines abgekauft.“
„Ich verstehe. Ein einwandfreies Handelsgeschäft. Und wieviel Monate hat
der Chef Ihnen aufgebrummt? ... Großer Gott, so habe ich Sie schon
einmal gefragt! Erinnern Sie sich? Sie waren frisch angekommen. Sie
antworteten so keck damals ...“
„Natürlich weiß ich das noch, Herr Settembrini. Viel Neues habe ich
seitdem erlebt, aber das weiß ich doch noch wie heute. Gleich damals
waren Sie so amüsant und machten Hofrat Behrens zum Höllenrichter ...
Rhadames ... Nein, warten Sie, das ist was anderes ...“
„Rhadamanthys? Mag sein, daß ich ihn beiläufig so nannte. Ich behalte
nicht alles, was mein Kopf gelegentlich hervorsprudelt.“
„Rhadamanthys, natürlich! Minos und Rhadamanthys! Auch von Carducci
erzählten Sie uns damals gleich ...“
„Erlauben Sie, lieber Freund, _den_ wollen wir beiseite lassen. _Der_
Name nimmt sich in diesem Augenblick gar zu fremdartig aus in Ihrem
Munde!“
„Auch gut“, lachte Hans Castorp. „Ich habe durch Sie aber doch viel über
ihn gelernt. Ja, damals hatte ich keine Ahnung und antwortete Ihnen, ich
sei auf drei Wochen gekommen, anders wußte ich’s nicht. Gerade hatte die
Kleefeld mich zur Begrüßung mit dem Pneumothorax angepfiffen, davon war
ich etwas außer mir. Aber auch febril fühlte ich mich damals gleich,
denn die Luft hier ist ja nicht nur gut _gegen_ die Krankheit, sie ist
auch gut _für_ die Krankheit, manchmal bringt sie sie erst zum Ausbruch,
und das ist am Ende wohl nötig, wenn Heilung eintreten soll.“
„Eine bestechende Hypothese. Hat Hofrat Behrens Ihnen auch von der
Deutschrussin erzählt, die wir voriges Jahr, – nein: vorvoriges Jahr
fünf Monate hier hatten? Nicht? Das hätte er tun sollen. Eine
liebenswürdige Dame, deutschrussisch ihrer Abstammung nach, verheiratet,
junge Mutter. Sie kam aus dem Osten hierher, lymphatisch, blutarm, es
lag auch wohl etwas Ernsthafteres vor. Nun, sie lebt einen Monat hier
und klagt, sie fühle sich schlecht. Nur Geduld! Es vergeht ein zweiter
Monat, und sie behauptet fortgesetzt, daß es ihr nicht besser, sondern
schlechter geht. Ihr wird bedeutet, wie es ihr _gehe_, könne einzig und
allein der Arzt beurteilen; sie könne nur angeben, wie sie sich _fühle_,
– und daran sei wenig gelegen. Mit ihrer Lunge sei man zufrieden. Gut,
sie schweigt, sie macht Kur und verliert allwöchentlich an Gewicht. Im
vierten Monat wird sie bei Untersuchungen ohnmächtig. Das schade nichts,
erklärt Behrens; mit ihrer Lunge sei er recht wohl zufrieden. Als sie
aber im fünften Monat nicht mehr gehen kann, schreibt sie dies ihrem
Manne nach Osten, und Behrens bekommt einen Brief von ihm, – es stand
‚Persönlich‘ und ‚Dringlich‘ darauf in markiger Schrift, ich habe ihn
selbst gesehen. Ja, sagt Behrens nun und zuckt die Achseln, es scheine
sich ja herauszustellen, daß sie offenbar das Klima hier nicht vertrage.
Die Frau war außer sich. Das hätte er ihr doch früher sagen müssen, rief
sie, sie habe es immer gefühlt, ganz und gar verdorben habe sie sich!
... Wir wollen hoffen, daß sie bei ihrem Mann im Osten wieder zu Kräften
gekommen ist.“
„Ausgezeichnet! Sie erzählen so hübsch, Herr Settembrini, geradezu
plastisch ist jedes Ihrer Worte. Auch über die Geschichte mit dem
Fräulein, das im See badete, und der man die Stumme Schwester gab, habe
ich noch oft im stillen lachen müssen. Ja, was alles vorkommt. Man lernt
gewiß nicht aus. Mein eigener Fall liegt übrigens noch ganz im
Ungewissen. Der Hofrat will ja eine Kleinigkeit bei mir gefunden haben,
– die alten Stellen, wo ich früher schon krank war, ohne es zu wissen,
habe ich selbst beim Klopfen gehört, und nun soll auch eine frische hier
irgendwo zu hören sein – ha, ‚frisch‘ ist übrigens eigentümlich gesagt
in diesem Zusammenhang. Aber bis jetzt handelt es sich ja nur um
akustische Wahrnehmungen, und die rechte diagnostische Sicherheit werden
wir erst haben, wenn ich wieder auf bin und die Durchleuchtung und
photographische Aufnahme stattgefunden hat. Dann werden wir positiv
Bescheid wissen.“
„Meinen Sie? – Wissen Sie, daß die photographische Platte oft Flecken
zeigt, die man für Kavernen hält, während sie bloß Schatten sind, und
daß sie da, _wo_ etwas ist, zuweilen _keine Flecken_ zeigt? Madonna, die
photographische Platte! Hier war ein junger Numismatiker, der fieberte;
und da er fieberte, sah man deutlich Kavernen auf der photographischen
Platte. Man wollte sie sogar gehört haben! Er wurde auf Phthisis
behandelt, und darüber starb er. Die Obduktion lehrte, daß seiner Lunge
nichts fehlte, und daß er an irgendwelchen Kokken gestorben war.“
„Nun, hören Sie, Herr Settembrini, gleich von Obduktion reden Sie!
Soweit ist es mit mir denn doch wohl noch nicht.“
„Ingenieur, Sie sind ein Schalk.“
„Und Sie sind durch und durch ein Kritiker und Zweifler, das muß man
sagen! Nicht einmal an die exakte Wissenschaft glauben Sie. Zeigt denn
bei _Ihnen_ die Platte Flecken?“
„Ja, sie zeigt welche.“
„Und sind Sie wirklich etwas krank?“
„Ja, ich bin leider ziemlich krank“, erwiderte Herr Settembrini und ließ
das Haupt sinken. Es trat eine Pause ein, in der er hüstelte. Hans
Castorp blickte aus seiner Ruhelage auf den zum Schweigen gebrachten
Gast. Ihm war, als hätte er mit seinen beiden sehr einfachen Fragen
alles mögliche widerlegt und zum Verstummen gebracht, sogar die Republik
und den schönen Stil. Von seiner Seite tat er nichts, um das Gespräch
wieder in Gang zu bringen.
Nach einer Weile richtete Herr Settembrini sich lächelnd wieder auf.
„Erzählen Sie mir nun, Ingenieur,“ sagte er, „wie haben die Ihren die
Nachricht aufgenommen?“
„Das heißt, welche Nachricht? Von der Verzögerung meiner Abreise? Ach,
die Meinen, wissen Sie, die Meinen zu Hause bestehen aus drei Onkels,
einem Großonkel und zwei Söhnen von ihm, zu denen ich mehr in
Vetternverhältnis stehe. Weiter habe ich keine Meinen, ich bin ja sehr
früh Doppelwaise geworden. Aufgenommen? Sie wissen ja noch nicht viel,
nicht mehr, als ich selbst. Zu Anfang, als ich mich legen mußte, habe
ich ihnen geschrieben, ich sei stark erkältet und könne nicht reisen.
Und gestern, da es nun doch ein bißchen lange dauerte, habe ich noch
einmal geschrieben und gesagt, Hofrat Behrens sei durch den Katarrh auf
den Zustand meiner Brust aufmerksam geworden und dringe darauf, daß ich
meinen Aufenthalt verlängere, bis Klarheit darüber geschaffen ist. Davon
werden sie sehr ruhigen Blutes Kenntnis genommen haben.“
„Und Ihr Posten? Sie sprachen von einem praktischen Wirkungskreis, in
den Sie eben einzutreten gedachten.“
„Ja, als Volontär. Ich habe gebeten, mich vorläufig auf der Werft zu
entschuldigen. Sie müssen nicht denken, daß deswegen da Verzweiflung
herrscht. Die können sich beliebig lange auch ohne Volontär behelfen.“
„Sehr gut! Von dieser Seite betrachtet, ist also alles in Ordnung.
Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt phlegmatisch bei Ihnen
zu Lande, nicht wahr? Aber auch energisch!“
„O ja, energisch auch, doch, sehr energisch“, sagte Hans Castorp. Er
prüfte die heimatliche Lebensstimmung aus der Entfernung und fand, daß
sein Unterredner sie richtig kennzeichne. „Phlegmatisch und energisch,
so sind sie wohl.“
„Nun,“ fuhr Herr Settembrini fort, „sollten Sie länger bleiben, so wird
es ja nicht fehlen, daß wir hier oben die Bekanntschaft Ihres Herrn
Onkels – ich meine den Großonkel – machen. Zweifellos wird er
heraufkommen, sich nach Ihnen umzusehen.“
„Ausgeschlossen!“ rief Hans Castorp. „Unter gar keinen Umständen! Keine
zehn Pferde bringen ihn hier herauf! Mein Onkel ist stark apoplektisch,
wissen Sie, er hat fast keinen Hals. Nein, der braucht einen
vernünftigen Luftdruck, es würde ihm hier noch schlimmer ergehen als
Ihrer Dame aus dem Osten, alle Zustände würde er kriegen.“
„Das enttäuscht mich. Apoplektisch also? Was nützen mir da Phlegma und
Energie. – Ihr Herr Onkel ist wohl reich? Auch Sie sind reich? Man ist
reich bei Ihnen zu Hause.“
Hans Castorp lächelte über Herrn Settembrinis schriftstellerische
Verallgemeinerung, und dann blickte er wieder aus seiner Ruhelage ins
Weite, in die heimatliche Sphäre, der er entrückt war. Er erinnerte
sich, er versuchte, unpersönlich zu urteilen, die Distanz ermunterte und
befähigte ihn dazu. Er antwortete:
„Man ist reich, ja, – oder man ist es nicht. Und wenn nicht, – desto
schlimmer. Ich? Ich bin kein Millionär, aber das meine ist mir
sichergestellt, ich bin unabhängig, ich habe zu leben. Sehen wir von mir
mal ab. Wenn Sie gesagt hätten: Man _muß_ reich sein da hinten, – dann
hätte ich Ihnen zugestimmt. Denn angenommen, man ist _nicht_ reich, oder
hört auf, es zu sein, – dann wehe. ‚Der? Hat der denn noch Geld?‘ fragen
sie ... Wörtlich so und mit genau solchem Gesicht; ich habe es oft
gehört, und ich merke, daß es sich mir eingeprägt hat. Also muß es mir
doch wohl sonderbar vorgekommen sein, obgleich ich gewöhnt war, es zu
hören, – sonst hätte es sich mir nicht eingeprägt. Oder wie meinen Sie.
Nein, ich glaube nicht, daß es zum Beispiel Ihnen, als _homo humanus_,
zusagen würde bei uns; selbst mir, der ich doch dort zu Hause bin, ist
es öfters kraß vorgekommen, wie ich nachträglich merke, obgleich ich
persönlich ja nicht darunter zu leiden gehabt habe. Wer nicht die
besten, teuersten Weine servieren läßt bei seinen Diners, zu dem geht
man überhaupt nicht, und seine Töchter bleiben sitzen. So sind die
Leute. Wie ich hier so liege und es von weitem sehe, kommt es mir kraß
vor. Was brauchten Sie für Ausdrücke, – phlegmatisch und? Und energisch!
Gut, aber was heißt das? Das heißt hart, kalt. Und was heißt hart und
kalt? Das heißt grausam. Es ist eine grausame Luft da unten,
unerbittlich. Wenn man so liegt und es von weitem sieht, kann es einem
davor grauen.“
Settembrini hörte ihm zu und nickte. Er tat dies noch, als Hans Castorp
vorläufig mit seiner Kritik zu Rande gekommen war und nicht mehr sprach.
Dann atmete er auf und sagte:
„Ich will die besonderen Erscheinungsformen, die die natürliche
Grausamkeit des Lebens innerhalb Ihrer Gesellschaft annimmt, nicht
beschönigen. Einerlei, der Vorwurf der Grausamkeit bleibt ein ziemlich
sentimentaler Vorwurf. Sie würden ihn an Ort und Stelle kaum erhoben
haben, aus Furcht, vor sich selber lächerlich zu werden. Sie haben ihn
mit Recht den Drückebergern des Lebens überlassen. Daß Sie ihn jetzt
erheben, zeugt von einer gewissen Entfremdung, die ich ungern anwachsen
sehen würde, denn wer sich gewöhnt, ihn zu erheben, kann ganz leicht dem
Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verloren gehen. Wissen
Sie, Ingenieur, was das heißt: ‚Dem Leben verloren gehen‘? Ich, ich weiß
es, ich sehe es hier alle Tage. Spätestens nach einem halben Jahr hat
der junge Mensch, der heraufkommt (und es sind fast lauter junge
Menschen, die heraufkommen), keinen anderen Gedanken mehr im Kopf als
Flirt und Temperatur. Und spätestens nach einem Jahr wird er auch nie
wieder einen anderen fassen können, sondern jeden anderen als ‚grausam‘
oder, besser gesagt, als fehlerhaft und unwissend empfinden. Sie lieben
Geschichten, – ich könnte Ihnen aufwarten. Ich könnte Ihnen von dem Sohn
und Ehemann erzählen, der elf Monate hier war, und den ich kannte. Er
war ein wenig älter als Sie, glaube ich, – sogar schon etwas älter. Man
entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zurück in die
Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren Mutter und Gattin.
Den ganzen Tag lag er mit dem Thermometer im Munde und wußte von nichts
anderem. ‚Das versteht ihr nicht‘, sagte er. ‚Dazu muß man oben gelebt
haben, um zu wissen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die
Grundbegriffe.‘ Es endete damit, daß seine Mutter entschied: ‚Geh nur
wieder hinauf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.‘ Und er ging wieder
hinauf. Er kehrte in die ‚Heimat‘ zurück, – Sie wissen doch, man nennt
dies ‚Heimat‘, wenn man einmal hier gelebt hat. Seiner jungen Frau war
er völlig entfremdet, es fehlten ihr die ‚Grundbegriffe‘, und sie
verzichtete. Sie sah ein, daß er in der Heimat eine Genossin mit
übereinstimmenden ‚Grundbegriffen‘ finden und dableiben werde.“
Hans Castorp schien nur mit halbem Ohre zugehört zu haben. Noch immer
schaute er in die Glühlichtklarheit des weißen Zimmers hinein wie in
eine Weite. Er lachte verspätet und sagte:
„Die Heimat nannte er es? Das ist wohl wirklich etwas sentimental, wie
Sie sagen. Ja, Geschichten wissen Sie ohne Zahl. Ich dachte eben noch
weiter nach über das, was wir von Härte und Grausamkeit sprachen, ich
habe es mir in diesen Tagen schon verschiedentlich durch den Kopf gehen
lassen. Sehen Sie, man muß wohl eine ziemlich dicke Haut haben, um von
Natur so ganz einverstanden zu sein mit der Denkungsart der Leute da
unten im Tieflande und mit solchen Fragen, wie ‚Hat der denn noch Geld?‘
und dem Gesicht, das sie dazu machen. Mir war es eigentlich nie ganz
natürlich, obgleich ich nicht einmal ein _homo humanus_ bin, – ich merke
nachträglich, daß es mir immer auffallend vorgekommen ist. Vielleicht
hing es mit meiner unbewußten Neigung zur Krankheit zusammen, daß es mir
nicht natürlich war, – ich habe die alten Stellen ja selbst gehört, und
nun hat Behrens angeblich eine frische Kleinigkeit bei mir gefunden. Es
kam mir wohl überraschend, und doch habe ich mich im Grunde nicht sehr
darüber gewundert. Geradezu felsenfest habe ich mich eigentlich nie
gefühlt; und dann sind meine beiden Eltern so früh gestorben, – ich bin
von Kind auf Doppelwaise, wissen Sie ...“
Herr Settembrini beschrieb mit Kopf, Schultern und Händen eine
einheitliche Gebärde, die die Frage „Nun, und? Was weiter?“ heiter und
artig anschaulich machte.
„Sie sind doch Schriftsteller,“ sagte Hans Castorp, „– Literat; Sie
müssen sich auf so etwas doch verstehen und einsehen, daß man unter
diesen Umständen nicht so recht derb gesinnt sein und die Grausamkeit
der Leute ganz natürlich finden kann, – der gewöhnlichen Leute, wissen
Sie, die herumgehen und lachen und Geld verdienen und sich den Bauch
vollschlagen ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“
Settembrini verbeugte sich. „Sie wollen sagen,“ erläuterte er, „daß die
frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode eine Grundstimmung des
Gemütes zeitigt, die gegen die Härten und Kruditäten des unbedachten
Weltlebens, sagen wir: gegen seinen Zynismus reizbar und empfindlich
macht.“
„Genau so!“ rief Hans Castorp in aufrichtiger Begeisterung. „Tadellos
ausgedrückt bis aufs i-Tüpfelchen, Herr Settembrini! Mit dem Tode –! Ich
wußte es ja, daß Sie als Literat ...“
Settembrini streckte die Hand gegen ihn aus, indem er den Kopf auf die
Seite legte und die Augen schloß, – eine sehr schöne und sanfte Gebärde
des Einhalttuns und der Bitte um weiteres Gehör. Er verharrte mehrere
Sekunden in dieser Stellung, auch als Hans Castorp schon lange schwieg
und in einiger Verlegenheit der Dinge wartete, die da kommen sollten.
Endlich schlug er seine schwarzen Augen – die Augen der Drehorgelmänner
– wieder auf und sprach:
„Gestatten Sie. Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu sagen und Ihnen
ans Herz zu legen, daß die einzig gesunde und edle, übrigens auch – ich
will das ausdrücklich hinzufügen – auch die einzig _religiöse_ Art, den
Tod zu betrachten, die ist, ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige
Bedingung des Lebens zu begreifen und zu empfinden, _nicht_ aber – was
das Gegenteil von gesund, edel, vernünftig und religiös wäre – ihn
geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn in Gegensatz dazu zu bringen
und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. Die Alten
schmückten ihre Sarkophage mit Sinnbildern des Lebens und der Zeugung,
sogar mit obszönen Symbolen, – das Heilige war der antiken Religiosität
ja sehr häufig eins mit dem Obszönen. Diese Menschen wußten den Tod zu
ehren. Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß der
Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er zum Gespenst, zur Fratze
– und zu etwas noch Schlimmerem. Denn der Tod als selbständige geistige
Macht ist eine höchst liederliche Macht, deren lasterhafte
Anziehungskraft zweifellos sehr stark ist, aber mit der zu
sympathisieren ebenso unzweifelhaft die gräulichste Verirrung des
Menschengeistes bedeutet.“
Hier schwieg Herr Settembrini. Er blieb bei dieser Allgemeinheit stehen
und endete auf das bestimmteste. Es war ihm Ernst; nicht
unterhaltungsweise hatte er geredet, hatte es verschmäht, seinem Partner
Gelegenheit zur Anknüpfung und Gegenrede zu bieten, sondern am Ende
seiner Aufstellungen die Stimme sinken lassen und einen Punkt gemacht.
Er saß geschlossenen Mundes, die gekreuzten Hände im Schoß, ein Bein in
der karierten Hose über das andere geschlagen, und wippte nur leicht mit
dem in der Luft schwebenden Fuß, den er streng betrachtete.
Auch Hans Castorp schwieg denn also. In seinem Plumeau sitzend, wandte
er den Kopf zur Wand und trommelte leicht mit den Fingerspitzen auf der
Steppdecke. Er kam sich belehrt, zurechtgewiesen, ja gescholten vor, und
in seinem Schweigen lag viel kindliche Verstocktheit. Die Gesprächspause
dauerte ziemlich lange.
Endlich hob Herr Settembrini wieder das Haupt und sagte lächelnd:
„Erinnern Sie sich wohl, Ingenieur, daß wir einen ähnlichen Disput schon
einmal geführt haben – man kann sagen: denselben? Wir plauderten damals
– ich glaube, es war auf einem Spaziergang – über Krankheit und
Dummheit, deren Vereinigung Sie für eine Paradoxie erklärten, und zwar
aus Hochachtung vor der Krankheit. Ich nannte diese Hochachtung eine
düstere Grille, mit der man den Gedanken des Menschen entehre, und Sie
schienen zu meinem Vergnügen denn doch nicht ganz abgeneigt, meinen
Einwand in Erwägung zu ziehen. Wir sprachen auch von der Neutralität und
geistigen Unschlüssigkeit der Jugend, von ihrer Wahlfreiheit, ihrer
Neigung, mit den möglichen Standpunkten Versuche anzustellen, und davon,
daß man solche Versuche noch nicht als endgültige und lebensernste
Optionen betrachten dürfe, – zu betrachten brauche. Wollen Sie mir –,“
und Herr Settembrini beugte sich lächelnd auf seinem Stuhle vor, die
Füße nebeneinander am Boden, die zusammengelegten Hände zwischen den
Knien, den Kopf gleichfalls etwas schräg vorgeschoben – „wollen Sie mir
auch fernerhin,“ sagte er, und es war eine leichte Bewegung in seiner
Stimme, „erlauben, Ihnen bei Ihren Übungen und Experimenten ein wenig
zur Hand zu gehen und berichtigend auf Sie einzuwirken, wenn die Gefahr
verderblicher Fixierungen droht?“
„Aber gewiß, Herr Settembrini!“ Hans Castorp beeilte sich, seine
befangene und halb trotzige Abkehr aufzugeben, das Trommeln auf der
Bettdecke zu unterlassen und sich seinem Gaste mit bestürzter
Freundlichkeit zuzuwenden. „Es ist sogar außerordentlich liebenswürdig
von Ihnen ... Ich frage mich wirklich, ob ich ... Das heißt, ob es sich
bei mir ...“
„Ganz _sine pecunia_“, zitierte Herr Settembrini, indem er aufstand.
„Wer will sich denn lumpen lassen.“ Sie lachten. Man hörte die äußere
Doppeltür gehen, und im nächsten Augenblick wurde auch die innere
geklinkt. Es war Joachim, der aus der Abendgeselligkeit zurückkehrte.
Beim Anblick des Italieners errötete auch er, wie Hans Castorp für sein
Teil es vorhin getan: die verbrannte Dunkelheit seines Gesichtes
vertiefte sich um eine Schattierung.
„Oh, du hast Besuch“, sagte er. „Wie angenehm für dich. Ich bin
aufgehalten worden. Sie haben mich zu einer Partie Bridge gepreßt, –
Bridge nennen sie das nach außen hin,“ sagte er kopfschüttelnd, „und
dabei war es schließlich ganz was anderes. Ich habe fünf Mark gewonnen
...“
„Daß das nur keine lasterhafte Anziehungskraft für dich bekommt“, sagte
Hans Castorp. „Hm, hm. Herr Settembrini hat mir unterdessen so schön die
Zeit vertrieben ... was übrigens gar kein Ausdruck ist. Es gilt
allenfalls von euerem falschen Bridge, aber Herr Settembrini hat mir die
Zeit so bedeutend ausgefüllt ... Als anständiger Mensch müßte man ja mit
Händen und Füßen trachten, hier fortzukommen, – wo es nun schon mit
falschem Bridge losgeht in euerer Mitte. Aber um Herrn Settembrini noch
recht oft zu hören und mir von ihm gesprächsweise zur Hand gehen zu
lassen, könnte ich beinahe wünschen, unabsehbar lange febril zu bleiben
und hier bei euch festzusitzen ... Am Ende muß man mir noch eine Stumme
Schwester geben, damit ich nicht mogle.“
„Ich wiederhole, Ingenieur, daß Sie ein Schalk sind“, sagte der
Italiener. Er empfahl sich in den angenehmsten Formen. Mit seinem Vetter
allein geblieben, seufzte Hans Castorp auf.
„Ist das ein Pädagog!“ sagte er ... „Ein humanistischer Pädagog, das muß
man gestehen. Immerfort wirkt er berichtigend auf dich ein, abwechselnd
in Form von Geschichten und in abstrakter Form. Und auf Dinge kommt man
mit ihm zu sprechen, – nie hätte man gedacht, daß man darüber reden oder
sie auch nur verstehen könnte. Und wenn ich unten im Flachlande mit ihm
zusammengetroffen wäre, so _würde_ ich sie auch nicht verstanden haben“,
fügte er hinzu.
Joachim blieb um diese Zeit eine Weile bei ihm; er opferte zwei, drei
Viertelstunden von seiner Abendliegekur. Manchmal spielten sie Schach
auf Hans Castorps Eßtischplatte, – Joachim hatte ein Spiel von unten
heraufgebracht. Später begab er sich mit Sack und Pack, das Thermometer
im Munde, auf seinen Balkon, und auch Hans Castorp maß sich ein letztes
Mal, während leichte Musik von näher oder fernher aus dem nächtlichen
Tale heraufklang. Um zehn Uhr wurde die Liegekur beendigt; man hörte
Joachim; man hörte das Ehepaar vom Schlechten Russentisch ... Und Hans
Castorp nahm Seitenlage ein, in Erwartung des Schlafes.
Die Nacht war die schwierigere Hälfte des Tages, denn Hans Castorp
erwachte oft und lag nicht selten stundenlang wach, sei es, weil seine
nicht ganz korrekte Blutwärme ihn munter hielt, oder weil Lust und Kraft
zum Schlafe durch seine derzeit völlig horizontale Lebensweise Einbuße
erlitten. Dafür waren die Stunden des Schlummers von abwechslungsreichen
und sehr lebensvollen Träumen belebt, denen er nachhängen konnte,
während er wach lag. Und wenn die vielfache Gliederung und Einteilung
des Tages diesen kurzweilig machte, so war es bei Nacht die
verschwimmende Einförmigkeit der schreitenden Stunden, was in der
gleichen Richtung wirkte. Nahte sich aber erst einmal der Morgen, so war
es unterhaltend, das allmähliche Ergrauen und Erscheinen des Zimmers,
das Hervortreten und Entschleiertwerden der Dinge zu beobachten, den Tag
draußen in trüb schwelender oder heiterer Glut sich entzünden zu sehen;
und eh mans gedacht, war wieder der Augenblick da, wo das handfeste
Klopfen des Bademeisters das Inkrafttreten der Tagesordnung verkündete.
Hans Castorp hatte keinen Kalender auf seinen Ausflug mitgenommen, und
so fand er sich in betreff des Datums nicht immer ganz genau auf dem
laufenden. Dann und wann forderte er Auskunft von seinem Vetter, der
aber in diesem Punkte auch nicht jederzeit seiner Sache eben sicher war.
Immerhin boten die Sonntage, besonders der zweite, vierzehntägige mit
Konzert, den Hans Castorp auf diese Weise verbrachte, einigen Anhalt,
und so viel war gewiß, daß der September nachgerade ziemlich weit, bis
gegen seine Mitte hin, vorgeschritten war. Draußen im Tale war, seitdem
Hans Castorp Bettlage eingenommen, das trübe und kalte Wetter, das
damals geherrscht hatte, herrlichen Hochsommertagen gewichen,
ungezählten solcher Tage, einer ganzen Serie davon, so daß Joachim
allmorgendlich in weißen Hosen bei seinem Vetter eingetreten war und
dieser ein redliches Bedauern, ein Bedauern der Seele und seiner jungen
Muskeln, über den Verlust solcher Prachtzeit nicht hatte unterdrücken
können. Sogar eine „Schande“ hatte er es einmal mit leiser Stimme
genannt, daß er sie solcherart versäume, – dann aber zu seiner
Beschwichtigung hinzugefügt, daß er ja auf freiem Fuße auch nicht viel
mehr als jetzt damit anzufangen gewußt hätte, da sich ihm ausgiebige
Bewegung hier erfahrungsgemäß verbiete. Und einigen Anteil an dem warmen
Schimmer dort draußen gewährte die breite, weit offene Balkontür ihm
immerhin.
Aber gegen das Ende der ihm auferlegten Zurückgezogenheit schlug wieder
das Wetter um. Über Nacht war es neblig und kalt geworden, das Tal
hüllte sich in nasses Schneegestöber, und der trockene Hauch der
Dampfheizung erfüllte das Zimmer. So war es auch an dem Tage, als Hans
Castorp bei der Morgenvisite der Ärzte den Hofrat erinnerte, daß er
heute drei Wochen liege, und um die Erlaubnis bat, aufzustehen.
„Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?“ sagte Behrens. „Lassen Sie mal
sehen; wahrhaftig, es stimmt. Gott, wie man alt wird. Geändert hat sich
mit Ihnen ja nicht gerade viel unterdessen. Was, gestern war es normal?
Ja, bis auf die 6-Uhr-Nachmittagsmessung. Na, Castorp, dann will ich ja
auch nicht so sein und will Sie der menschlichen Sozietät
zurückerstatten. Stehen Sie auf und wandeln Sie, Mann! In den gegebenen
Grenzen und Maßen natürlich. Wir machen nächstens Ihr Innenkonterfei.
Vormerken!“ sagte er im Hinausgehen zu Dr. Krokowski, indem er mit
seinem riesigen Daumen über die Schulter auf Hans Castorp deutete und
den bleichen Assistenten mit seinen blutigen, tränenden blauen Augen
ansah ... Hans Castorp verließ die „Remise“.
Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und in Gummischuhen begleitete er
seinen Vetter zum ersten Male wieder zur Bank am Wasserlauf und zurück,
nicht ohne unterwegs die Frage aufzuwerfen, wie lange der Hofrat ihn
wohl hätte liegen lassen, wenn er die Frist nicht als abgelaufen
gemeldet hätte. Und Joachim, gebrochenen Blickes, den Mund wie zu einem
hoffnungslosen „Ach“ geöffnet, machte in die Luft hinein die Gebärde des
Unabsehbaren.
„Mein Gott, ich sehe!“
Es dauerte eine Woche, bis Hans Castorp durch die Oberin von Mylendonk
ins Durchleuchtungslaboratorium bestellt wurde. Er mochte nicht drängen.
Man war beschäftigt im Hause „Berghof“, offenbar hatten Ärzte und
Personal alle Hände voll zu tun. Neue Gäste waren in den letzten Tagen
angelangt: zwei russische Studenten mit dickem Haar und geschlossenen
schwarzen Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche sehen ließen; ein
holländisches Ehepaar, dem an Settembrinis Tische Plätze angewiesen
wurden; ein buckliger Mexikaner, der die Tischgesellschaft durch
furchtbare Anfälle von Atemnot in Schrecken setzte: er klammerte sich
dabei mit ehernem Griff seiner langen Hände an seine Nachbarn, ob Herr
oder Dame, hielt fest wie ein Schraubstock und zog die entsetzt
Widerstrebenden, um Hilfe Rufenden so in seine Ängste hinein. Kurzum,
der Speisesaal war beinahe voll besetzt, obgleich die Wintersaison erst
mit dem Oktober begann. Und die Schwere von Hans Castorps Fall, sein
Krankheitsgrad, gab ihm kaum ein Recht, besonderen Anspruch auf
Beachtung zu erheben. Frau Stöhr etwa war in all ihrer Dummheit und
Unbildung ohne Zweifel viel kränker als er, von Dr. Blumenkohl ganz zu
schweigen. Man hätte jedes Sinnes für Rangordnung und Abstand entbehren
müssen, um in Hans Castorps Fall nicht bescheidene Zurückhaltung zu
üben, – besonders da eine solche Gesinnung zum Geiste des Hauses
gehörte. Leichtkranke galten nicht viel, er hatte es öfters aus den
Gesprächen herausgehört. Man sprach mit Geringschätzung von ihnen, nach
dem hierorts geltenden Maßstab, sie wurden über die Achsel angesehen,
und zwar nicht allein von den Höher- und Hochgradigen, sondern auch von
solchen, die selbst nur „leicht“ waren: womit diese freilich
Geringschätzung auch ihrerselbst an den Tag legten, aber eine höhere
Selbstachtung retteten, indem sie dem Maßstab sich unterwarfen. So ist
es menschlich. „Ach, der!“ konnten sie wohl voneinander sagen, „dem
fehlt eigentlich nichts, kaum daß er das Recht hat, hier zu sein. Nicht
mal eine Kaverne hat er ...“ Dies war der Geist; er war aristokratisch
in seinem besonderen Sinn, und Hans Castorp salutierte ihn aus
angeborener Achtung vor Gesetz und Ordnung jeder Art. Ländlich,
sittlich, heißt es. Reisende zeigen sich wenig gebildet, wenn sie über
die Sitten und Werte ihrer Wirtsvölker sich lustig machen, und der
Eigenschaften, die Ehre schaffen, gibt es diese und jene. Sogar gegen
Joachim selbst beobachtete Hans Castorp eine gewisse Ehrerbietung und
Rücksicht, – nicht sowohl, weil dieser der länger Eingesessene war und
sein Anleiter und Cicerone in dieser Welt –, sondern namentlich, weil er
der zweifellos „Schwerere“ war. Da aber alles so lag, war es
begreiflich, daß man dazu neigte, aus seinem Falle das Mögliche zu
machen und in Hinsicht auf ihn auch wohl zu übertreiben, um zur
Aristokratie zu gehören oder ihr näher zu kommen. Auch Hans Castorp,
wenn er bei Tische gefragt wurde, nannte wohl ein paar Striche mehr, als
er in Wahrheit gemessen, und konnte unmöglich umhin, sich geschmeichelt
zu fühlen, wenn man ihm mit dem Finger drohte, wie einem, der es
faustdick hinter den Ohren hat. Aber auch, wenn er ein wenig auftrug,
blieb er immer noch, eigentlich gesprochen, eine Person von geringen
Graden, und so waren Geduld und Zurückhaltung denn sicherlich das ihm
zukommende Betragen.
Er hatte die Lebensweise seiner ersten drei Wochen, dies schon
vertraute, gleichmäßige und genau geregelte Leben an Joachims Seite
wieder aufgenommen, und es ging wie am Schnürchen vom ersten Tage an,
als sei es nie unterbrochen worden. In der Tat war diese Unterbrechung
nichtig gewesen; er bekam es gleich gelegentlich seines ersten
Wiedererscheinens bei Tische deutlich zu spüren. Zwar hatte Joachim, der
auf solche Markierungen ein ganz bestimmtes und geflissentliches Gewicht
legte, Sorge getragen, daß ein paar Blumen den Platz des Erstandenen
schmückten. Aber die Begrüßung durch die Tischgenossen war wenig
festlich, unterschied sich von früheren, denen eine Trennung nicht von
drei Wochen, sondern von drei Stunden vorangegangen war, nur
unwesentlich: weniger aus Gleichgültigkeit gegen seine einfache und
sympathische Person und weil diese Leute allzusehr mit sich selbst, das
heißt: mit ihrem interessanten Körper beschäftigt waren, als darum, weil
ihnen die Zwischenzeit nicht bewußt geworden war. Und Hans Castorp
konnte ihnen darin ohne Schwierigkeit folgen, denn er selbst saß an
seinem Platz am Tischende, zwischen der Lehrerin und Miß Robinson, nicht
anders, als habe er spätestens gestern zuletzt hier gesessen.
Wenn man aber am Tische selbst von der Beendigung seiner
Zurückgezogenheit nicht viel Aufhebens gemacht hatte, – wie hätte man
im weiteren Saal welches davon machen sollen? Dort hatte
buchstäblich niemand auch nur Notiz davon genommen, – mit
alleiniger Ausnahme Settembrinis, der nach Schluß der Mahlzeit zu
spaßhaft-freundschaftlicher Begrüßung herangekommen war. Hans Castorp
hätte freilich noch eine weitere Einschränkung gemacht, deren
Berechtigung wir dahinstellen müssen. Er behauptete bei sich, daß
Clawdia Chauchat sein Wiedererscheinen bemerkt –, gleich bei ihrem, wie
immer, verspäteten Eintreten, nach dem Zufallen der Glastür, ihren
schmalen Blick habe auf ihm ruhen lassen, dem er mit seinem begegnet
war, und kaum, daß sie sich niedergesetzt, noch einmal über die Schulter
sich lächelnd nach ihm umgesehen habe: lächelnd, wie vor drei Wochen,
bevor er zur Untersuchung gegangen. Und eine so unverhohlene und
rücksichtslose Bewegung war das gewesen – rücksichtslos in betreff
seinerselbst wie auch der übrigen Gästeschaft –, daß er nicht gewußt
hatte, ob er sich darüber entzücken oder es als ein Zeichen von
Geringschätzung verstehen und sich darüber ärgern sollte. Auf jeden Fall
hatte sein Herz sich zusammengekrampft unter diesen Blicken, welche die
zwischen der Kranken und ihm obwaltende gesellschaftliche
Unbekanntschaft auf eine in seinen Augen ungeheuerliche und berauschende
Weise verleugnet und Lügen gestraft hatte, – sich fast schmerzhaft
zusammengekrampft schon, als die Glastür klirrte, denn auf diesen
Augenblick hatte er mit kurz gehendem Atem gewartet.
Es will nachgetragen sein, daß Hans Castorps innere Beziehungen zu der
Patientin vom Guten Russentisch, die Teilnahme seiner Sinne und seines
bescheidenen Geistes an ihrer mittelgroßen, weich schleichenden,
kirgisenäugigen Person, kurzum seine Verliebtheit (das Wort habe Statt,
obgleich es ein Wort von „unten“, ein Wort der Ebene ist und die
Vorstellung erwecken könnte, als sei das Liedchen „Wie berührt mich
wundersam“ hier irgendwie anwendbar gewesen) – während seiner
Zurückgezogenheit sehr starke Fortschritte gemacht hatte. Ihr Bild hatte
ihm vorgeschwebt, wenn er, frühwach, in das sich zögernd entschleiernde
Zimmer, oder, am Abend, in die dichter werdende Dämmerung geblickt hatte
(auch zu jener Stunde, als Settembrini unter plötzlichem Aufflammen des
Lichtes bei ihm eingetreten war, hatte es ihm überaus deutlich
vorgeschwebt, und dies war der Grund gewesen, weshalb er bei dem Anblick
des Humanisten errötet war); an ihren Mund, ihre Wangenknochen, ihre
Augen, deren Farbe, Form, Stellung ihm in die Seele schnitt, ihren
schlaffen Rücken, ihre Kopfhaltung, den Halswirbel im Nackenausschnitt
ihrer Bluse, ihre von dünnster Gaze verklärten Arme hatte er gedacht
während der einzelnen Stunden des zerkleinerten Tages, – und wenn wir
verschwiegen, daß dies das Mittel gewesen, wodurch ihm die Stunden so
mühelos vergingen, so geschah es, weil wir sympathisch teilnehmen an der
Gewissensunruhe, die sich in das erschreckende Glück dieser Bilder und
Gesichte mischte. Ja, es war Schreck, Erschütterung damit verbunden,
eine ins Unbestimmte, Unbegrenzte und vollständig Abenteuerliche
ausschweifende Hoffnung, Freude und Angst, die namenlos war, aber des
jungen Mannes Herz – sein Herz im eigentlichen und körperlichen Sinn –
zuweilen so jäh zusammenpreßte, daß er die eine Hand in die Gegend
dieses Organs, die andere aber zur Stirn führte (sie wie einen Schirm
über die Augen legte) und flüsterte:
„Mein Gott!“
Denn hinter der Stirn waren Gedanken oder Halbgedanken, die den Bildern
und Gesichten ihre zu weit gehende Süßigkeit eigentlich erst verliehen,
und die sich auf Madame Chauchats Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit
bezogen, auf ihr Kranksein, die Steigerung und Betonung ihres Körpers
durch die Krankheit, die Verkörperlichung ihres Wesens durch die
Krankheit, an der er, Hans Castorp, laut ärztlichen Spruches nun
teilhaben sollte. Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche
Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und Lächeln die
zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbekanntschaft außer acht
ließ, so, als seien sie überhaupt keine gesellschaftlichen Wesen und als
sei es nicht einmal nötig, daß sie miteinander _sprächen_ ... und
ebendies war es, worüber er erschrak: in demselben Sinne erschrak wie
damals im Untersuchungszimmer, als er von Joachims Oberkörper eilig
suchend zu seinen Augen emporgeblickt hatte, – mit dem Unterschiede, daß
damals Mitleid und Sorge die Gründe seines Erschreckens gewesen, hier
aber ganz anderes im Spiele war.
Nun also ging das Berghof-Leben, dies gunstreiche und wohlgeregelte
Leben auf engem Schauplatz wieder seinen gleichmäßigen Gang, – Hans
Castorp, in Erwartung der Innenaufnahme, fuhr fort, es mit dem guten
Joachim zu teilen, indem er es Stunde für Stunde genau so trieb wie
dieser; und diese Nachbarschaft war wohl gut für den jungen Mann. Denn
obgleich es nur eine Krankennachbarschaft war, so war viel militärische
Ehrbarkeit darin: eine Ehrbarkeit, die freilich, ohne es gewahr zu
werden, schon im Begriffe stand, im Kurdienste Genüge zu finden, so daß
dieser gleichsam zum Ersatzmittel tiefländischer Pflichterfüllung und
zum untergeschobenen Berufe wurde, – Hans Castorp war nicht so dumm, es
nicht ganz genau zu bemerken. Doch aber fühlte er wohl ihre zügelnde,
zurückhaltende Wirkung auf sein zivilistisches Gemüt, – sogar mochte es
diese Nachbarschaft sein, ihr Beispiel und die Beaufsichtigung durch
sie, was ihn von äußeren Schritten und blinden Unternehmungen
zurückhielt. Denn er sah wohl, was der brave Joachim von einer gewissen,
täglich auf ihn eindringenden Apfelsinenatmosphäre, worin es runde
braune Augen, einen kleinen Rubin, viel schwach gerechtfertigte Lachlust
und eine äußerlich wohlgebildete Brust gab, auszustehen hatte, und die
Vernunft und Ehrliebe, mit der Joachim den Einfluß dieser Atmosphäre
scheute und floh, ergriff Hans Castorp, hielt ihn selbst in einiger
Zucht und Ordnung und hinderte ihn, sich von der Schmaläugigen sozusagen
„einen Bleistift zu leihen“, – wozu er ohne die disziplinierende
Nachbarschaft aller Erfahrung nach sehr bereitgewesen wäre.
Joachim sprach niemals von der lachlustigen Marusja, und so verbot es
sich auch für Hans Castorp, mit ihm von Clawdia Chauchat zu sprechen. Er
hielt sich schadlos durch verstohlenen Austausch mit der Lehrerin zu
seiner Rechten bei Tische, wobei er das alte Mädchen durch Neckereien
mit ihrer Schwäche für die schmiegsame Kranke zum Erröten brachte und
unterdessen die Kinn- und Würdenstütze des alten Castorp nachahmte. Auch
drang er in sie, über Madame Chauchats persönliche Verhältnisse, über
ihre Herkunft, ihren Mann, ihr Alter, die Art ihres Krankheitsfalles
Neues und Wissenswertes in Erfahrung zu bringen. Ob sie denn Kinder
habe, wollte er wissen. – Aber nein doch, sie hatte keine. Was sollte
eine Frau wie sie wohl mit Kindern beginnen? Wahrscheinlich war es ihr
streng untersagt, welche zu haben – und andererseits: was würden denn
das auch wohl für Kinder sein? Hans Castorp mußte dem beipflichten.
Nachgerade sei es auch wohl zu spät dafür, vermutete er mit gewaltsamer
Sachlichkeit. Zuweilen, im Profil, scheine Madame Chauchats Gesicht ihm
fast schon ein wenig scharf. Ob sie wohl über dreißig sei? – Fräulein
Engelhart widersprach heftig. Clawdia dreißig? Allerschlimmstenfalls sei
sie achtundzwanzig. Und was das Profil betraf, so verbot sie ihrem
Tischnachbar, so etwas zu sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten
Jugendlichkeit und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes Profil
sei und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur Strafe fügte
Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse, daß Frau Chauchat öfters
Herrenbesuch empfange, den Besuch eines in „Platz“ wohnenden
Landsmannes: sie empfange ihn nachmittags auf ihrem Zimmer.
Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich gegen alle
Bemühung, und auch die auf „Was nicht gar“ und „Sehe einer an“
gestimmten Redensarten, mit denen er die Eröffnung zu behandeln
versuchte, waren verzerrt. Unfähig, das Vorhandensein dieses Landsmannes
auf die leichte Achsel zu nehmen, wie er sich anfangs den Anschein hatte
geben wollen, kam er mit zuckenden Lippen beständig auf ihn zurück. Ein
jüngerer Mann? – Jung und ansehnlich, nach allem, was sie höre,
erwiderte die Lehrerin; denn nach eigenem Augenschein konnte sie nicht
urteilen. – Krank? – Höchstens leichtkrank! – Er wolle hoffen, sagte
Hans Castorp höhnisch, daß mehr Wäsche an ihm zu sehen sei als bei den
Landsleuten am Schlechten Russentisch, – wofür die Engelhart, noch immer
zur Strafe, einstehen zu wollen erklärte. Da gab er zu, es sei eine
Angelegenheit, um die man sich kümmern müsse, und beauftragte sie
ernstlich, in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem aus und ein
gehenden Landsmann auf sich habe. Statt ihm aber Nachrichten hierüber zu
bringen, wußte sie einige Tage später etwas völlig Neues.
Sie wußte, daß Clawdia Chauchat gemalt werde, porträtiert – und fragte
Hans Castorp, ob er es auch wisse. Wenn nicht, so könne er trotzdem
überzeugt davon sein, sie habe es aus sicherster Quelle. Seit längerem
sitze sie hier im Hause jemandem Modell zu ihrem Bildnis – und zwar wem?
Dem Hofrat! Herrn Hofrat Behrens, der sie zu diesem Zweck beinahe
täglich in seiner Privatwohnung bei sich sehe.
Diese Kunde ergriff Hans Castorp noch mehr als die vorige. Er machte
fortan viele verzerrte Späße darüber. Nun, gewiß, es sei ja bekannt, daß
der Hofrat in Öl male, – was die Lehrerin denn wolle, das sei nicht
verboten, und so stehe es jedermann frei. In des Hofrats Witwerheim
also? Hoffentlich sei wenigstens Fräulein von Mylendonk bei den
Sitzungen anwesend. – Die habe wohl keine Zeit. – „Mehr Zeit als die
Oberin sollte auch Behrens nicht haben“, sagte Hans Castorp streng. Aber
obgleich damit etwas Endgültiges über die Sache gesagt schien, war er
weit entfernt, sie fallen zu lassen, sondern erschöpfte sich in Fragen
nach Näherem und Weiterem: über das Bild, sein Format und ob es ein
Kopf- oder Kniestück sei; auch über die Stunde der Sitzungen, – während
doch Fräulein Engelhart mit Einzelheiten auch hier nicht dienen konnte
und ihn auf die Ergebnisse weiterer Nachforschungen vertrösten mußte.
Hans Castorp maß 37,7 nach dem Empfang dieser Nachricht. Weit mehr noch,
als die Besuche, die Frau Chauchat empfing, schmerzten und beunruhigten
ihn diejenigen, die sie machte. Frau Chauchats Privat- und Eigenleben
als solches an und für sich und schon unabhängig von seinem Inhalt hatte
angefangen, ihm Schmerz und Unruhe zu bereiten, und wie sehr mußte sich
beides erst verschärfen, da ihm Mehrdeutigkeiten über diesen Inhalt zu
Ohren kamen! Zwar schien es allgemein möglich, daß die Beziehungen des
russischen Besuchers zu seiner Landsmännin nüchterner und harmloser
Natur waren; aber Hans Castorp war seit einiger Zeit geneigt,
Nüchternheit und Harmlosigkeit für Schnickschnack zu halten, – wie er
sich denn auch nicht überwinden oder bereden konnte, die Ölmalerei als
Beziehung zwischen einem forsch redenden Witwer und einer
schmaläugig-leisetreterischen jungen Frau für etwas anderes anzusehen.
Der Geschmack, den der Hofrat mit der Wahl seines Modells bekundete,
entsprach zu sehr seinem eigenen, als daß er hier an Nüchternheit hätte
glauben können, worin ihn die Vorstellung von des Hofrats blauen Backen
und seinen rot geäderten Quellaugen denn auch nur wenig unterstützte.
Eine Wahrnehmung, die er in diesen Tagen auf eigene Hand und zufällig
machte, wirkte in anderer Weise auf ihn ein, obgleich es sich abermals
um eine Bestätigung seines Geschmackes handelte. Es war da am
querstehenden Tische der Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit
der Brille, links von dem der Vettern, nächst der seitlichen Glastür,
ein Kranker, Mannheimer seiner Herkunft nach, wie Hans Castorp gehört
hatte, etwa dreißigjährig, mit gelichtetem Haupthaar, kariösen Zähnen
und einer zaghaften Redeweise, – derselbe, der zuweilen während der
Abendgeselligkeit auf dem Piano spielte, und zwar meistens den
Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“. Er sollte sehr fromm sein,
wie es begreiflicherweise nicht selten unter Denen hier oben der Fall
sei, so hatte Hans Castorp sagen hören. Allsonntäglich sollte er den
Gottesdienst drunten in „Platz“ besuchen und in der Liegekur andächtige
Bücher lesen, Bücher mit einem Kelch oder Palmzweigen auf dem
Vorderdeckel. Dieser nun, so bemerkte Hans Castorp eines Tages, hatte
seine Blicke ebendort, wo er selbst sie hatte, – hing mit ihnen an
Madame Chauchats schmiegsamer Person, und zwar auf eine Art, die scheu
und zudringlich bis zum Hündischen war. Nachdem Hans Castorp es einmal
beobachtet, konnte er nicht umhin, es wieder und wieder festzustellen.
Er sah ihn abends im Spielzimmer inmitten der Gäste stehen, trübe
verloren in den Anblick der lieblichen, wenn auch schadhaften Frau, die
drüben im kleinen Salon auf dem Sofa saß und mit der wollhaarigen Tamara
(so hieß das humoristische Mädchen), mit Dr. Blumenkohl und den konkaven
und hängeschultrigen Herren ihres Tisches plauderte; sah ihn sich
abwenden, sich herumdrücken und wieder langsam, mit seitlich gedrehten
Augäpfeln und kläglich geschürzter Oberlippe den Kopf über die Schulter
dorthin wenden. Er sah ihn sich verfärben und _nicht_ aufblicken, dann
aber dennoch aufblicken und gierig schauen, wenn die Glastür fiel und
Frau Chauchat zu ihrem Platze glitt. Und mehrmals sah er, wie der Arme
sich nach Tische zwischen Ausgang und Gutem Russentisch aufstellte, um
Frau Chauchat an sich vorübergehen zu lassen und sie, die seiner nicht
achtete, aus unmittelbarer Nähe mit Augen zu verschlingen, die bis zum
Grunde mit Traurigkeit angefüllt waren.
Auch diese Entdeckung also setzte dem jungen Hans Castorp nicht wenig
zu, obgleich die klägliche Schaubegier des Mannheimers ihn nicht in dem
Sinne beunruhigen konnte, wie der Privatverkehr Clawdia Chauchats mit
Hofrat Behrens, einem ihm an Alter, Person und Lebensstellung so
übergeordneten Mann. Clawdia kümmerte sich gar nicht um den Mannheimer,
– es wäre Hans Castorps innerer Geschärftheit nicht entgangen, wenn es
der Fall gewesen wäre, und nicht der widrige Stachel der Eifersucht war
es also in diesem Falle, den er in der Seele spürte. Aber er erprobte
alle Empfindungen, die Rausch und Leidenschaft eben erproben, wenn sie
in der Außenwelt ihrer selbst ansichtig werden, und die das sonderbarste
Gemisch aus Ekel- und Gemeinschaftsgefühlen bilden. Unmöglich, alles zu
ergründen und auseinanderzulegen, wenn wir von der Stelle kommen wollen.
Auf jeden Fall war es viel auf einmal für seine Verhältnisse, was auch
die Beobachtung des Mannheimers dem armen Hans Castorp zu durchkosten
gab.
So vergingen die acht Tage bis zu Hans Castorps Durchleuchtung. Er hatte
nicht gewußt, daß sie bis dahin vergehen würden, aber als er eines
Morgens beim ersten Frühstück durch die Oberin (sie hatte schon wieder
ein Gerstenkorn, es konnte nicht mehr dasselbe sein, offenbar war dies
harmlose, aber entstellende Leiden in ihrer Verfassung gelegen) den
Befehl erhielt, sich nachmittags im Laboratorium einzufinden, da waren
sie eben vergangen. Zusammen mit seinem Vetter sollte Hans Castorp sich
stellen, eine halbe Stunde vor dem Tee; denn auch von Joachim sollte bei
dieser Gelegenheit wieder eine Innenansicht aufgenommen werden, – die
letzte mußte schon für veraltet gelten.
So hatten sie heute die große Nachmittagsliegekur um dreißig Minuten
abgekürzt, waren mit dem Schlage halb vier die steinerne Treppe in das
falsche Kellergeschoß „hinab“gestiegen und saßen zusammen in dem kleinen
Warteraum, der das Ordinationszimmer vom Durchleuchtungslaboratorium
trennte, – Joachim, dem nichts Neues bevorstand, in guter Ruhe, Hans
Castorp etwas fiebrig erwartungsvoll, da man bisher noch niemals
Einblick in sein organisches Innenleben genommen. Sie waren nicht
allein: mehrere Gäste hatten, zerrissene illustrierte Zeitschriften auf
den Knien, schon im Zimmer gesessen, als sie eingetreten waren, und
warteten mit ihnen: ein reckenhafter junger Schwede, der im Speisesaal
an Settembrinis Tische saß, und von dem man sagte, er sei bei seiner
Ankunft im April so krank gewesen, daß man ihn kaum habe aufnehmen
wollen; nun aber habe er achtzig Pfund zugenommen und sei im Begriffe,
als völlig geheilt entlassen zu werden; ferner eine Frau vom Schlechten
Russentisch, eine Mutter, selbst kümmerlich, mit ihrem noch
kümmerlicheren, langnäsigen und häßlichen Knaben namens Sascha. Diese
Personen also warteten schon länger als die Vettern; offenbar hatten sie
in der Reihenfolge der Bestellungen den Vorrang vor ihnen, Verspätung
schien eingerissen nebenan im Durchleuchtungsraum, und so stand kalter
Tee in Aussicht.
Im Laboratorium war man beschäftigt. Die Stimme des Hofrats war zu
hören, der Anweisungen gab. Es war halb vier Uhr oder etwas darüber, als
die Tür sich öffnete, – ein technischer Assistent, der hier unten tätig
war, öffnete sie – und nur erst der schwedische Recke und Glückspilz
eingelassen wurde: offenbar hatte man seinen Vorgänger durch einen
anderen Ausgang entlassen. Die Geschäfte wickelten sich nun schneller
ab. Nach zehn Minuten schon hörte man den völlig genesenen Skandinavier,
diese wandelnde Empfehlung des Ortes und der Heilanstalt, sich starken
Schrittes über den Korridor entfernen, und die russische Mutter nebst
Sascha wurden empfangen. Wiederum, wie schon beim Eintritt des Schweden,
bemerkte Hans Castorp, daß im Durchleuchtungsraum Halbdunkel, das heißt
künstliches Halblicht herrschte, – gerade wie andererseits in Dr.
Krokowskis analytischem Kabinett. Die Fenster waren verhüllt, das
Tageslicht abgesperrt, und ein paar elektrische Lampen brannten. Während
man aber Sascha und seine Mutter einließ und Hans Castorp ihnen
nachblickte, – gleichzeitig also hiermit ging die Korridortür auf, und
der nächstbestellte Patient betrat den Warteraum, verfrüht, da
Verspätung obwaltete, es war Madame Chauchat.
Es war Clawdia Chauchat, die sich plötzlich im Zimmerchen befand; Hans
Castorp erkannte sie mit aufgerissenen Augen, indem er deutlich fühlte,
wie das Blut ihm aus dem Gesichte wich und sein Unterkiefer erschlaffte,
so daß sein Mund im Begriffe war, sich zu öffnen. Clawdias Eintritt
hatte sich so nebenbei, so unversehens vollzogen, – auf einmal teilte
sie den engen Aufenthalt mit den Vettern, nachdem sie eben noch
keineswegs dagewesen. Joachim blickte rasch auf Hans Castorp und schlug
dann nicht nur die Augen nieder, sondern nahm das illustrierte Blatt,
das er schon fortgelegt hatte, wieder vom Tisch und verbarg sein Gesicht
dahinter. Hans Castorp fand nicht die Entschlußkraft, ein gleiches zu
tun. Nach dem Erblassen war er sehr rot geworden, und sein Herz
hämmerte.
Frau Chauchat nahm bei der Tür zum Laboratorium in einem rundlichen
kleinen Sessel mit stummelhaften, gleichsam rudimentären Armlehnen
Platz, schlug, zurückgelehnt, leicht ein Bein über das andere und
blickte ins Leere, wobei ihre Pribislav-Augen, die durch das Bewußtsein,
daß man sie beobachtete, aus ihrer Blickrichtung nervös abgelenkt
wurden, etwas schielten. Sie trug einen weißen Sweater und einen blauen
Rock und hielt ein Buch auf dem Schoß, einen Leihbibliotheksband, wie es
schien, während sie mit der Sohle des am Boden stehenden Fußes leise
aufpochte.
Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung, blickte um sich,
stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht, woran sie sei und wohin
sie sich zu wenden habe – und begann zu sprechen. Sie fragte etwas,
richtete eine Frage an Joachim, obgleich dieser in seine illustrierte
Zeitung vertieft schien, während Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, –
bildete Worte mit ihrem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer weißen
Kehle: es war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe enthaltende,
angenehm belegte Stimme, die Hans Castorp kannte – von langer Hand her
kannte und einmal sogar aus unmittelbarer Nähe vernommen hatte: damals,
als mit dieser Stimme für ihn selbst gesagt worden war: „Gern. Du mußt
ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Das war jedoch
fließender und bestimmter hingesprochen worden; jetzt kamen die Worte
etwas schleppend und gebrochen, die Sprechende hatte kein natürliches
Anrecht darauf, sie lieh sie nur, wie Hans Castorp sie schon ein paarmal
hatte tun hören, mit einer Art von Überlegenheitsgefühl, das aber von
demütigem Entzücken umwogt war. Eine Hand in der Tasche ihrer Wolljacke
und die andere am Hinterkopf, fragte Frau Chauchat:
„Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?“
Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter geworfen hatte,
antwortete, indem er sitzend die Absätze zusammenzog:
„Auf halb vier Uhr.“
Sie sprach wieder:
„Ich auf drei Viertel. Was gibt es denn? Es ist gleich vier. Es sind
Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?“
„Ja, zwei Personen“, antwortete Joachim. „Sie waren vor uns an der
Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint, das Ganze hat sich um eine
halbe Stunde verschoben.“
„Das ist unangenehm!“ sagte sie und betastete nervös ihr Haar.
„Eher“, erwiderte Joachim. „Wir warten auch schon fast eine halbe
Stunde.“
So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte Hans Castorp zu. Daß
Joachim mit Frau Chauchat sprach, war beinahe dasselbe, wie wenn er
selbst mit ihr gesprochen hätte, – wenn freilich auch wieder etwas ganz
und gar anderes. Das „Eher“ hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm
frech und mindestens befremdend gleichmütig vor in Anbetracht der
Umstände. Aber Joachim konnte am Ende so sprechen, – er konnte
_überhaupt_ mit ihr sprechen und tat sich vielleicht vor ihm noch etwas
zugute darauf mit seinem kecken „Eher“, – ungefähr wie er selbst vor
Joachim und Settembrini sich aufgespielt hatte, als man ihn gefragt, wie
lange er zu bleiben gedenke und er „drei Wochen“ geantwortet hatte. An
Joachim, obgleich er die Zeitung vor das Gesicht gehalten, hatte sie
sich gewandt mit ihrer Anrede, – gewiß weil er der älter Eingesessene,
ihr länger von Ansehen Bekannte war; aber doch auch aus jenem anderen
Grunde, weil ein Verkehr auf gesittetem Fuße, ein artikulierter
Austausch in ihrem Falle am Platze war und nichts Wildes, Tiefes,
Schreckliches und Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand
Braunäugiges mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ihnen gewartet, so
wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das Wort zu führen und „Eher“ zu
sagen, – unabhängig und rein, wie er ihr gegenüberstand. „Gewiß, eher
unangenehm, wertes Fräulein!“ hätte er gesagt und vielleicht sein
Taschentuch mit einem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um sich zu
schneuzen. „Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner besseren Lage.“
Und Joachim hätte gestaunt über seine Leichtlebigkeit, – wahrscheinlich
aber, ohne sich ernstlich an seine Stelle zu wünschen. Nein, auch Hans
Castorp war nicht eifersüchtig auf Joachim, wie die Dinge lagen,
obgleich dieser es war, der mit Frau Chauchat sprechen durfte. Er war
einverstanden damit, daß sie sich an ihn gewandt hatte; sie hatte den
Umständen Rechnung getragen, indem sie es tat, und so zu erkennen
gegeben, daß sie sich dieser Umstände bewußt war ... Sein Herz hämmerte.
Nach der gelassenen Behandlung, die Frau Chauchat durch Joachim
erfahren, und in der Hans Castorp sogar etwas wie eine leise
Feindseligkeit auf seiten des guten Joachim gegen die Mitpatientin
gespürt hatte, eine Feindseligkeit, über die er bei aller Erschütterung
lächeln mußte, – versuchte „Clawdia“ einen Gang durch das Zimmer zu tun;
doch fehlte es an Raum dazu, und so nahm auch sie ein illustriertes Heft
vom Tische und kehrte damit in den Sessel mit den rudimentären Armlehnen
zurück. Hans Castorp saß und sah sie an, indem er die Kinnstütze seines
Großvaters nachahmte und so dem Alten wirklich lächerlich ähnlich sah.
Da Frau Chauchat wieder ein Bein über das andere gelegt hatte, zeichnete
sich ihr Knie, ja, die ganze schlanke Linie ihres Beines unter dem
blauen Tuchrock ab. Sie war nur von mittlerer Größe, einer in Hans
Castorps Augen höchst angenehmen und richtigen Größe, aber
verhältnismäßig hochbeinig und nicht breit in den Hüften. Sie saß nicht
zurückgelehnt, sondern vorgebeugt, die gekreuzten Unterarme auf den
Oberschenkel des übergeschlagenen Beines gestützt, mit gerundetem Rücken
und vorfallenden Schultern, so daß die Nackenwirbel hervortraten, ja,
unter dem anliegenden Sweater beinahe das Rückgrat zu erkennen war und
ihre Brust, die nicht so hoch und üppig entwickelt wie bei Marusja,
sondern klein und mädchenhaft war, von beiden Seiten zusammengepreßt
wurde. Plötzlich erinnerte sich Hans Castorp, daß auch sie hier in der
Erwartung saß, durchleuchtet zu werden. Der Hofrat malte sie; er gab
ihre äußere Erscheinung mit Öl und Farbstoffen auf der Leinwand wieder.
Jetzt aber würde er im Halbdunkel Lichtstrahlen auf sie lenken, die ihm
das Innere ihres Körpers bloßlegten. Und indem Hans Castorp dies dachte,
wandte er mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene den Kopf
beiseite, einem Ausdruck von Diskretion und Sittsamkeit, den vor sich
selber anzunehmen ihm bei dieser Vorstellung angemessen schien.
Das Beisammensein zu dritt in dem Wartezimmerchen währte nicht lange.
Man hatte drinnen mit Sascha und seiner Mutter wohl nicht viel
Federlesens gemacht, man sputete sich, die Verspätung wieder einzuholen.
Neuerdings öffnete der Techniker im weißen Kittel die Tür, Joachim warf
aufstehend sein Zeitungsblatt auf den Tisch zurück, und Hans Castorp
folgte ihm, wenn auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür. Ritterliche
Bedenken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung, dennoch auf
gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen und ihr den Vortritt
anzubieten; vielleicht sogar auf Französisch, wenn es sich machen ließ;
und hastig suchte er bei sich nach den Vokabeln, der Satzbildung. Aber
er wußte nicht, ob solche Höflichkeiten hier ortsüblich waren, ob nicht
die angesetzte Reihenfolge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war.
Joachim mußte es wissen, und da er nicht Miene machte, vor der
anwesenden Dame zurückzustehen, obgleich Hans Castorp ihn bewegt und
dringlich anblickte, so folgte dieser ihm denn an Frau Chauchat vorbei,
die nur flüchtig aus ihrer gebückten Haltung aufschaute, und durch die
Tür ins Laboratorium.
Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von den Abenteuern
der letzten zehn Minuten, als daß mit dem Übertritt in den
Durchleuchtungsraum auch seine innere Gegenwart sich sogleich hätte
umstellen können. Er sah nichts oder nur sehr Allgemeines im künstlichen
Halblicht. Er hörte Frau Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit
der sie gesagt hatte: „Was gibt es denn ... Es sind Personen eben noch
eingetreten ... Das ist unangenehm ...“, und dieser Stimmklang schauerte
ihm als ein süßer Reiz den Rücken hinunter. Er sah ihr Knie unter dem
Tuchrock sich abbilden, sah an ihrem gebeugten Nacken, unter dem kurzen
rötlichblonden Haar, das dort lose hing, ohne in die Zopffrisur
aufgenommen worden zu sein, die Halswirbel hervortreten, und abermals
überlief ihn der Schauder. Er sah Hofrat Behrens, abgewandt von den
Eintretenden, vor einem Schrank oder regalförmigen Einbau stehen und
eine schwärzliche Platte betrachten, die er mit ausgestrecktem Arm gegen
das matte Deckenlicht hielt. An ihm vorbei gingen sie tiefer in den Raum
hinein, überholt von dem Gehilfen, der Vorbereitungen zu ihrer
Behandlung und Abfertigung traf. Es roch eigentümlich hier. Eine Art von
abgestandenem Ozon erfüllte die Atmosphäre. Zwischen den
schwarzverhängten Fenstern vorspringend, teilte der Einbau das
Laboratorium in zwei ungleiche Hälften. Man unterschied physikalische
Apparate, Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht ragende Meßinstrumente,
aber auch einen kameraartigen Kasten auf rollbarem Gestell, gläserne
Diapositive, die reihenweise in die Wand eingelassen waren, – man wußte
nicht, war man in dem Atelier eines Photographen, einer Dunkelkammer
oder einer Erfinderwerkstatt und technischen Hexenoffizin.
Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkörper freizumachen.
Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener und rotbäckiger Eingeborener in
weißem Kittel, wies Hans Castorp an, ein gleiches zu tun. Es gehe
schnell, er sei sofort an der Reihe ... Während Hans Castorp die Weste
auszog, kam Behrens aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den
geräumigeren herüber.
„Hallo!“ sagte er. „Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp und Pollux ...
Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie nur, gleich werden wir Sie
alle beide durchschaut haben. Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns
Ihr Inneres zu eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu.
Hier, haben Sie meine Privatgalerie schon gesehen?“ Und er zog Hans
Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter denen er
knipsend Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, zeigten ihre Bilder.
Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, Füße, Kniescheiben, Ober- und
Unterschenkel, Arme und Beckenteile. Aber die rundliche Lebensform
dieser Bruchstücke des Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von
Kontur; wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren klar,
minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das Skelett.
„Sehr interessant“, sagte Hans Castorp.
„Das ist allerdings interessant!“ erwiderte der Hofrat. „Nützlicher
Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, verstehen Sie,
Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner
Niedlichkeit. Damit umfangen sie einen beim Schäferstündchen, verstehen
Sie.“ Und er lachte, wobei seine Oberlippe mit dem gestutzten
Schnurrbärtchen sich einseitig höher schürzte. Die Bilder erloschen.
Hans Castorp wandte sich zur Seite, dorthin, wo Joachims Innenaufnahme
sich vorbereitete.
Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der Hofrat anfangs
gestanden. Joachim hatte auf einer Art von Schustersessel vor einem
Brett Platz genommen, gegen das er die Brust preßte, wobei er es
außerdem mit den Armen umschlang; und mit knetenden Bewegungen
verbesserte der Gehilfe seine Stellung, indem er Joachims Schultern
weiter nach vorn drückte, seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich
hinter die Kamera, um, wie irgend ein Photograph, gebückt, breitbeinig,
die Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufriedenheit aus und mahnte
Joachim, beiseite gehend, tief einzuatmen und, bis alles vorüber, die
Luft anzuhalten. Joachims gerundeter Rücken dehnte sich und blieb
stehen. In diesem Augenblick hatte der Gehilfe am Schaltbrett den
nötigen Handgriff getan. Zwei Sekunden lang spielten fürchterliche
Kräfte, deren Aufwand erforderlich war, um die Materie zu durchdringen,
Ströme von Tausenden von Volt, von hunderttausend, Hans Castorp glaubte
sich zu erinnern. Kaum zum Zwecke gebändigt, suchten die Gewalten auf
Nebenwegen sich Luft zu machen. Entladungen knallten wie Schüsse. Es
knatterte blau am Meßapparat. Lange Blitze fuhren knisternd die Wand
entlang. Irgendwo blickte ein rotes Licht, einem Auge gleich, still und
drohend in den Raum, und eine Phiole in Joachims Rücken füllte sich
grün. Dann beruhigte sich alles; die Lichterscheinungen verschwanden,
und Joachim ließ seufzend den Atem aus. Es war geschehen.
„Nächster Delinquent!“ sagte Behrens und stieß Hans Castorp mit dem
Ellenbogen. „Nur keine Müdigkeit vorschützen! Sie kriegen ein
Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie noch Kindern und Enkeln die
Geheimnisse Ihres Busens an die Wand projizieren!“
Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte. Hofrat
Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich zu setzen, zu
halten habe. „Umarmen!“ sagte er. „Das Brett umarmen! Stellen Sie sich
meinetwegen was anderes darunter vor! Und gut die Brust andrücken, als
ob Glücksempfindungen damit verbunden wären! Recht so. Einatmen!
Stillgehalten!“ kommandierte er. „Bitte, recht freundlich!“ Hans Castorp
wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter ihm brach das Gewitter
los, knisterte, knatterte, knallte und beruhigte sich. Das Objektiv
hatte in sein Inneres geblickt.
Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm geschehen,
obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im geringsten empfindlich
geworden war. „Brav“, sagte der Hofrat. „Nun werden wir selber sehen.“
Und schon hatte Joachim, bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben,
näher der Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im Rücken
den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen Rückenhöhe man eine
halb mit Wasser gefüllte Glasblase mit Verdunstungsröhre gewahrte, vor
sich, in Brusthöhe, einen gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte.
Zu seiner Linken, inmitten eines Schaltbretts und Instrumentariums,
erhob sich eine rote Lampenglocke. Der Hofrat, vor dem hängenden Schirm
auf einem Schemel reitend, entzündete sie. Das Deckenlicht erlosch, nur
das Rubinlicht noch erhellte die Szene. Dann hob der Meister auch dieses
mit kurzem Handgriff auf, und dichteste Finsternis hüllte die Laboranten
ein.
„Erst müssen die Augen sich gewöhnen“, hörte man den Hofrat im Dunkel
sagen. „Ganz große Pupillen müssen wir erst kriegen, wie die Katzen, um
zu sehen, was wir sehen wollen. Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so
ohne weiteres mit unseren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen
könnten. Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir uns erst
mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf.“
„Selbstredend“, sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats Schulter
stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig war, ob man sie
offen hielt, oder nicht, so schwarz war die Nacht. „Erst müssen wir uns
mal die Augen mit Finsternis waschen, um so was zu sehen, das ist doch
klar. Ich finde es sogar gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen
sammeln, sozusagen in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen
geschlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach riecht
es hier nur?“
„Sauerstoff“, sagte der Hofrat. „Das ist Oxygen, was Sie in den Lüften
spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewitters, verstehen Sie mich
... Augen auf!“ sagte er. „Jetzt fängt die Beschwörung an.“ Hans Castorp
gehorchte eilig.
Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang auf und sang wütend
in die Höhe, wurde aber durch einen neuen Handgriff zur Stetigkeit
gebändigt. Der Fußboden bebte gleichmäßig. Das rote Lichtlein, länglich
und senkrecht, blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte
ein Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes
Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms
hervor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel ritt, die
Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt, die Stumpfnase dicht an
der Scheibe, die Einblick in eines Menschen organisches Inneres
gewährte.
„Sehen Sie, Jüngling?“ fragte er ... Hans Castorp beugte sich über seine
Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin, wo im Dunkel Joachims
Augen zu vermuten waren, die sanft und traurig blicken mochten, wie
damals bei der Untersuchung, und fragte:
„Du erlaubst doch?“
„Bitte, bitte“, antwortete Joachim liberal aus seiner Finsternis. Und
beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und Rumoren der spielenden
Kräfte spähte Hans Castorp gebückt durch das bleiche Fenster, spähte
durch Joachim Ziemßens leeres Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem
Rückgrat zur dunklen, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere
Rippengerüst wurde von dem des Rückens überschnitten, das blasser
erschien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach beiden
Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Fleischesform zeigten sich
dürr und scharf das Schulterskelett, der Ansatz von Joachims
Oberarmknochen. Es war hell im Brustraum, aber man unterschied ein
Geäder, dunkle Flecke, ein schwärzliches Gekräusel.
„Klares Bild“, sagte der Hofrat. „Das ist die anständige Magerkeit, die
militärische Jugend. Ich habe hier Wänste gehabt, – undurchdringlich,
beinahe nichts zu erkennen. Die Strahlen müßte man erst mal entdecken,
die durch so eine Fettschicht gehen ... Dies hier ist saubere Arbeit.
Sehen Sie das Zwerchfell?“ sagte er und wies mit dem Finger auf den
dunklen Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ... „Sehen Sie
die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die
Rippenfellentzündung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief atmen!“
kommandierte er. „Tiefer! Ich sage _tief_!“ Und Joachims Zwerchfell hob
sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung war in den oberen
Lungenteilen zu bemerken, aber der Hofrat war nicht befriedigt.
„Ungenügend!“ sagte er. „Sehen Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die
Verwachsungen? Sehen Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die
ihn beschwipsen.“ Aber Hans Castorps Aufmerksamkeit war in Anspruch
genommen von etwas Sackartigem, ungestalt Tierischem, dunkel hinter dem
Mittelstamme Sichtbarem, und zwar größerenteils zur Rechten, vom
Beschauer aus gesehen, – das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder
zusammenzog, ein wenig nach Art einer rudernden Qualle.
„Sehen Sie sein Herz?“ fragte der Hofrat, indem er abermals die riesige
Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger auf das pulsierende
Gehänge wies ... Großer Gott, es war das Herz, Joachims ehrliebendes
Herz, was Hans Castorp sah!
„Ich sehe dein Herz!“ sagte er mit gepreßter Stimme.
„Bitte, bitte“, antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich lächelte
er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat gebot ihnen, zu
schweigen und keine Empfindsamkeiten zu tauschen. Er studierte die
Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel im inneren Brustraum, während
auch sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und
Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento.
Andacht und Schrecken erfüllten ihn. „Jawohl, jawohl, ich sehe“, sagte
er mehrmals. „Mein Gott, ich sehe!“ Er hatte von einer Frau gehört,
einer längst verstorbenen Verwandten von Tienappelscher Seite, – sie
sollte mit einer schweren Gabe ausgestattet oder geschlagen gewesen
sein, die sie in Demut getragen, und die darin bestanden hatte, daß
Leute, die baldigst sterben sollten, ihren Augen als Gerippe erschienen
waren. So sah nun Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch mit Hilfe
und auf Veranstaltung der physikalisch-optischen Wissenschaft, so daß es
nichts zu bedeuten hatte und alles mit rechten Dingen zuging, zumal er
Joachims Zustimmung ausdrücklich eingezogen. Dennoch wandelte
Verständnis ihn an für die Melancholie im Schicksal jener seherischen
Tante. Heftig bewegt von dem, was er sah, oder eigentlich davon, daß er
es sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es
rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit
seines Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerrende
Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der
Rührung und Frömmigkeit.
Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am Pranger,
während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich ankleidete. Abermals
spähte der Hofrat durch die milchige Scheibe, diesmal in Hans Castorps
Inneres, und aus seinen halblauten Äußerungen, abgerissenen
Schimpfereien und Redensarten schien hervorzugehen, daß der Befund
seinen Erwartungen entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu
erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm
betrachte, da er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was
zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu
sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß
ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das
spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des
Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu
nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte Skelett
seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring,
vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte: ein hartes
Ding dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt
ist, darunter wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weiter geht an ein
Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. Mit den Augen jener
Tienappelschen Vorfahrin erblickte er einen vertrauten Teil seines
Körpers, durchschauenden, voraussehenden Augen, und zum erstenmal in
seinem Leben verstand er, daß er sterben werde. Dazu machte er ein
Gesicht, wie er es zu machen pflegte, wenn er Musik hörte, – ziemlich
dumm, schläfrig und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die
Schulter geneigt. Der Hofrat sagte:
„Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht zu
verkennen.“
Und dann tat er den Kräften Einhalt. Der Fußboden kam zur Ruhe, die
Lichterscheinungen schwanden, das magische Fenster hüllte sich wieder in
Dunkel. Das Deckenlicht ging an. Und während auch Hans Castorp sich in
die Kleider warf, gab Behrens den jungen Leuten einige Auskunft über
seine Beobachtungen, unter Berücksichtigung ihrer laienhaften
Auffassungsfähigkeit. Was im besonderen Hans Castorp betraf, so hatte
der optische Befund den akustischen so genau bestätigt, wie die Ehre der
Wissenschaft es nur irgend verlangte. Es seien die alten Stellen sowohl
wie die frische zu sehen gewesen, und „Stränge“ zögen sich von den
Bronchien aus ziemlich weit in das Organ hinein, – „Stränge mit
Knötchen“. Hans Castorp werde es selbst auf dem Diapositivbildchen
nachprüfen können, das ihm, wie gesagt, demnächst werde eingehändigt
werden. Also Ruhe, Geduld, Mannszucht, messen, essen, liegen, abwarten
und Tee trinken. Er wandte ihnen den Rücken. Sie gingen. Hans Castorp,
hinter Joachim, blickte im Hinausgehen über die Schulter. Vom Techniker
eingelassen, betrat Frau Chauchat das Laboratorium.