Das Thermometer

Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, denn an einem

Dienstag war er ja angekommen. Daß er im Bureau seine zweite

Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon ein paar Tage zurück, – die

bescheidene Wochenrechnung von rund 160 Franken, bescheiden und billig

nach seinem Urteil, selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen

Aufenthalts, eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht in

Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl berechenbar

gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie zum Exempel die

vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge Dr. Krokowskis, sondern allein

und ausschließlich die eigentliche Bewirtung und gasthausmäßige

Leistung, das bequeme Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten.

„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, daß man

dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu dem Eingesessenen.

„Du brauchst also rund 650 Franken den Monat für Wohnung und Essen, und

dabei ist ja die ärztliche Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an,

du wirfst im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn du

anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. Das sind 680

Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es noch Spesen und Sporteln gibt.

Man hat Auslagen für Getränke, für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal

einen Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und wann gibt

es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut, aber bei alldem bringst

du mit dem besten Willen noch keine tausend Franken im Monat unter! Noch

keine achthundert Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr ist

es auf keinen Fall. Davon lebst du.“

„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte gar nicht, daß du so

gewandt darin bist. Und daß du gleich die Jahreskalkulation aufstellst,

das finde ich großzügig von dir, entschieden hast du schon etwas gelernt

hier oben. Übrigens rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren,

und Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, ich

danke!“

„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt. Aber wie

es nun gekommen sein mochte, daß er seinem Vetter Zigarren und neue

Anzüge in Rechnung gestellt hatte, – was sein behendes Kopfrechnen

betraf, so war das nichts weiter als Blendwerk und Irreführung über

seine natürlichen Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin

eher langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in diesem

Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf Vorbereitung, und

zwar auf _schriftlicher_ Vorbereitung, indem nämlich Hans Castorp eines

Abends während der Liegekur (denn er legte sich abends nun doch hinaus,

da alle es taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden

war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer Papier

und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte er denn festgestellt,

daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man überhaupt hier alles in allem

12000 Franken pro Jahr benötige und sich zum Spaße innerlich

klargemacht, daß er für seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich

mehr als gewachsen sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken

jährlich betrachten durfte.

Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen gegen Dank und

Quittung geregelt worden, was so viel heißen will, wie daß er sich

mitten in der dritten und plangemäß letzten Woche seines Aufenthaltes

hier oben befand. Am kommenden Sonntag würde er noch eines der

vierzehntägig wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag

noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden Vorträge Dr.

Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu sich selbst und zu seinem Vetter; am

Dienstag oder Mittwoch aber würde er reisen und Joachim wieder allein

hier zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer weiß wie

viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte, schwarze Augen sich

jedesmal wehmütig verschleierten, wenn von Hans Castorps rapid

heranrückender Abreise die Rede war. Ja, großer Gott, wo war diese

Ferienzeit geblieben! Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte

wahrhaftig nicht recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich

einundzwanzig Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen,

eine lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun waren auf

einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon übrig, ein wenig

beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert allerdings durch die beiden

periodischen Abwandlungen des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack-

und Abschiedsgedanken. Drei Wochen waren eben so gut wie nichts hier

oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste

Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, und da Hans

Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe hielt, so war er eben ein

Nichts von einem Aufenthalt und eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens

sich ausgedrückt hatte. Ob es vielleicht an der erhöhten

Allgemeinverbrennung lag, daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging?

Solche Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf die

fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei fünfen sein

Bewenden haben würde. Aber während dieser drei Wochen hätten sie der

Zeit etwas besser aufpassen sollen, so, wie es während des Messens

geschah, wo dann die vorgeschriebenen sieben Minuten zu einer so

bedeutenden Zeitspanne wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid

mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden Verlust

des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu lesen war, – fühlte in

der Tat das stärkste Mitleid mit ihm, wenn er bedachte, daß der Arme nun

immerfort ohne ihn hierbleiben sollte, während er selbst wieder im

Flachland lebte und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik

tätig war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die Brust in

gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er zuweilen ernstlich

daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen und Joachim allein würde

hier oben lassen können. So sehr also brannte ihn manchmal das Mitleid,

und dies war denn auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus,

weniger und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war es, der hin

und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans Castorp, wie wir sagten,

schien aus natürlichem Takt und Feingefühl bis zum letzten Augenblick

nicht daran denken zu wollen.

„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß du dich erholt

hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn du hinunterkommst.“

„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp, „und

sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst. Erholt? Du meinst,

ob _ich_ mich erholt habe in diesen paar Tagen? Das will ich doch

annehmen. Eine gewisse Erholung muß selbst in so kurzer Zeit doch am

Ende wohl stattgefunden haben. Allerdings waren es ja so neuartige

Eindrücke hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, aber

auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe nicht das

Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und mich akklimatisiert

zu haben, was doch wohl die Vorbedingung aller Erholung wäre. Maria ist

gottlob die alte, seit einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den

Geschmack gekommen. Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein

Taschentuch rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht

mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wie es scheint, bis

zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, von Akklimatisation kann

man bei mir nicht gut reden, wie sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da

brauchte es länger, um sich hier zu akklimatisieren und mit den

Eindrücken fertig zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und

das Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden

fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen Aufenthalt

vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich gewesen. So ist mir

zumute, als ob ich mich zu Hause im Flachland vor allem einmal von der

Erholung werde erholen müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet

komme ich mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser

Katarrh hinzu ...“

Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp mit einem

Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder eintreffen sollte. Er hatte

sich erkältet, wahrscheinlich in der Liegekur, und zwar, um nochmals zu

mutmaßen, in der Abendliegekur, an der er sich seit etwa einer Woche

beteiligte, trotz des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise

nicht mehr bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als

schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters

bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete kein Wetter,

man nahm kaum Rücksicht darauf, und mit der weichen Gelehrigkeit der

Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit an die Gedanken und Gebräuche

der Umgebung, in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp

angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Wenn es wie

aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben, daß deshalb die Luft

weniger trocken sei. Das war sie wohl wirklich nicht, denn nach wie vor

hatte man einen so heißen Kopf davon, wie von der einer überheizten

Stube, oder als ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging,

die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich vor ihr ins

Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite, wurde nicht geheizt, und

im Zimmer zu sitzen war keineswegs behaglicher, als, im Winterpaletot

und nach der Kunst in seine zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der

Balkonloge zu liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das

ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt, die

ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt zu haben sich

erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch nicht beirren ließ, daß

irgendein Schriftsteller und Carbonaro sie mit einem boshaften Unter-

und Nebensinn die „horizontale“ Lebenslage nannte. Namentlich am Abend

fand er sie ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen

glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende Maria

zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer bestimmbaren Vorzüge des

hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich eisiger Nasenspitze und ein Buch

– es war immer noch „_Ocean steamships_“ – in den freilich arg

verklammten, rot angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über

das dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden

Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden Abend und

wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte, angenehm abgedämpfte,

vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren es, Stücke aus

„Carmen“, aus dem „Troubadour“ oder dem „Freischütz“, wohlgebaute,

zügige Walzer sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und

her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja hieß sie eigentlich,

die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge, hinter der dicken

Milchglaswand, lag Joachim, – dann und wann wechselte Hans Castorp ein

vorsichtiges Wort mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen

Horizontalen. Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie Hans

Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an den Abendkonzerten

nicht so zu freuen verstand. Schade für ihn; er las wohl statt dessen in

seiner russischen Grammatik. Hans Castorp aber ließ „_Ocean steamships_“

auf der Decke liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die

Musik, blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und

empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen

melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch nur mit Feindseligkeit

an Settembrinis Äußerungen über die Musik erinnerte, Äußerungen, so

ärgerlich wie die, daß die Musik politisch verdächtig sei, – was in der

Tat nicht viel besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der

Julirevolution und den sechs Tagen der Weltschöpfung ...

Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teilhaftig, und

auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war ihm fremd; sonst aber lag

er ebenso wohlgeborgen in seiner Loge, geborgen und befriedet. Der Tag

war zu Ende, für diesmal war alles zu Ende, man war sicher, daß heute

nichts mehr geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine

Zumutungen an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden würden. Zugleich

aber war man sicher, daß _morgen_ dies alles mit all der

Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst und Regelmäßigkeit der

Umstände ergab, wieder der Fall sein und von vorn beginnen werde; und

diese doppelte Sicherheit und Geborgenheit war überaus behaglich, sie

gestaltete zusammen mit der Musik und der wiedergefundenen Würze Marias

die Abendliegekur für Hans Castorp zu einer wahrhaft glücklichen

Lebenslage.

Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospitant und

weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und wo nun immer) tüchtig

erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen schien im Anzuge, er saß ihm in

der Stirnhöhle und drückte, das Zäpfchen im Halse war weh und wund, die

Luft ging ihm nicht wie sonst durch den von der Natur hierzu

vorgesehenen Kanal, sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf

unaufhörlich erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht die

Klangfarbe eines dumpfen und wie von starken Getränken verbrannten

Basses angenommen, und seiner Aussage nach hatte er in eben dieser Nacht

kein Auge zugetan, da eine erstickende Trockenheit des Schlundes ihn je

und je hatte vom Kissen auffahren lassen.

„Höchst ärgerlich,“ sagte Joachim, „ist das und beinahe peinlich.

Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nicht _reçus_, man leugnet sie,

sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit nicht vor, und als

Patient würde man übel anlaufen bei Behrens, wenn man sich erkältet

melden wollte. Aber bei dir ist es ja etwas anderes, du hast am Ende das

Recht dazu. Es wäre doch gut, wenn wir den Katarrh noch abschneiden

könnten, im Flachlande kennt man ja Praktiken, hier aber – ich zweifle,

ob man sich hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll man hier

lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. Das ist eine alte

Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter Letzt. Als ich ankam, war

hier eine Dame, die hielt sich die ganze Woche ihr Ohr und jammerte über

Schmerzen, und schließlich sah Behrens es an. ‚Sie können ganz beruhigt

sein,‘ sagt’ er, ‚tuberkulös ist es nicht.‘ Dabei hatte es sein

Bewenden. Ja, wir müssen sehn, was sich tun läßt. Ich werde es morgen

früh dem Bademeister sagen, wenn er zu mir kommt. Das ist der Dienstweg,

und er wird es schon weitergeben, so daß dann doch vielleicht etwas für

dich geschieht.“

So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als Hans Castorp am

Freitag von der Morgenmotion in sein Zimmer zurückkehrte, klopfte es bei

ihm, und es ergab sich für ihn die persönliche Bekanntschaft mit dem

Fräulein von Mylendonk oder der „Frau Oberin“, wie sie genannt wurde, –

bisher hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von weitem

erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend, den Korridor

überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten, oder sie flüchtig

im Speisesaal auftauchen sehen und ihre quäkende Stimme vernommen. Nun

also galt ihm selbst ihr Besuch; durch seinen Katarrh herbeigezogen,

klopfte sie knöchern hart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast

bevor er Herein gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch einmal

zurückbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu machen.

„Dreiundvierzig“, quäkte sie ungedämpft. „Es stimmt. Menschenskind, _on

me dit, que vous avez pris froid_, _I hear, you have caught a cold_,

_Wy, kaschetsja, prostudilisj_, ich höre, Sie sind erkältet? Wie soll

ich reden mit Ihnen? Deutsch, ich sehe schon. Ach, der Besuch vom jungen

Ziemßen, ich sehe schon. Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer,

der wird chloroformiert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man seine

Augen nicht überall hat ... Und Sie, Menschenskind, wollen sich hier

erkältet haben?“

Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altadligen Dame.

Während sie sprach, ging sie über ihre eigenen Worte hinweg, indem sie

unruhig, in rollender, schleifenförmiger Bewegung den Kopf mit suchend

erhobener Nase hin und her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre

sommersprossige Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach oben, vor

sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen: „Rasch, rasch,

rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage, sondern reden Sie selbst,

daß ich fortkomme!“ Sie war eine Vierzigerin, kümmerlichen Wuchses, ohne

Formen, angetan mit einem weißen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid,

auf dessen Brust ein Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube kam

spärliches rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen, entzündeten Augen,

an deren einem zum Überfluß ein in der Entwicklung sehr weit

vorgeschrittenes Gerstenkorn saß, waren unsteten Blicks, die Nase

aufgeworfen, der Mund froschmäßig, außerdem mit schief vorstehender

Unterlippe, die sie beim Sprechen schaufelnd bewegte. Indessen Hans

Castorp betrachtete sie mit all der bescheiden duldsamen und

vertrauensvollen Menschenfreundlichkeit, die ihm angeboren war.

„Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ fragte die Oberin wieder,

indem sie ihre Augen durchdringend zu machen suchte, was aber nicht

gelang, da sie abschweiften. „Wir lieben solche Erkältungen nicht. Sind

Sie öfter erkältet? War Ihr Vetter nicht auch so oft erkältet? Wie alt

sind Sie denn? Vierundzwanzig? Das Alter hat’s in sich. Und nun kommen

Sie hier herauf und sind erkältet? Wir sollten hier nicht von

‚Erkältung‘ reden, geehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack

von unten. (Das Wort „Schnickschnack“ nahm sich ganz abscheulich und

abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie sie es mit der Unterlippe

schaufelnd hervorbrachte.) Sie haben den wunderschönsten Katarrh der

Luftwege, das gebe ich zu, das sieht man Ihnen an den Augen an – (Und

wieder machte sie den sonderbaren Versuch, ihm durchdringend in die

Augen zu blicken, ohne daß es ihr recht gelingen wollte.) Aber Katarrhe

kommen nicht von der Kälte, sondern sie kommen von einer Infektion, für

die man aufnahmelustig war, und es fragt sich nur, ob eine unschuldige

Infektion vorliegt oder eine weniger unschuldige, alles andere ist

Schnickschnack. (Schon wieder das schauderhafte „Schnickschnack“!) Ist

ja möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr zum Harmlosen neigt“, sagte

sie und sah ihn an mit ihrem vorgeschrittenen Gerstenkorn, er wußte

nicht, wie. „Hier haben Sie ein harmloses Antiseptikum. Wird Ihnen

möglicherweise gut tun.“ Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche,

die ihr am Gürtel hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch

stellte. Es war Formamint. „Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob Sie

Hitze hätten.“ Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht zu blicken,

aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen. „Haben Sie sich gemessen?“

Er verneinte.

„Warum nicht?“ fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobene Unterlippe

in der Luft stehen ...

Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich noch das

Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der Bank steht, nichts weiß

und schweigt.

„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“

„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“

„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen, _ob_ man

Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung nach keins?“

„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht

unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit meiner

Ankunft hier oben.“

„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“

„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja nur zu Besuch

hier, ich bin gesund.“

„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund sind?“

„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“

„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter vorgekommen.

Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer Tasche, um zwei längliche

Lederetuis zum Vorschein zu bringen, ein schwarzes und ein rotes, die

sie ebenfalls auf den Tisch legte. „Dieser hier kostet drei Franken

fünfzig und der hier fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem

zu fünf. Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“

Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. Schmuck wie ein

Geschmeide lag das gläserne Gerät in die genau nach seiner Figur

ausgesparte Vertiefung der roten Samtpolsterung gebettet. Die ganzen

Grade waren mit roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert.

Die Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig

glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, weit

unter dem Normalgrade tierischer Wärme.

Hans Castorp wußte, was er sich und seinem Ansehen schuldig war.

„Ich nehme diesen“, sagte er, ohne dem anderen nur Beachtung zu

schenken. „Den hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort ...“

„Abgemacht!“ quäkte die Oberin. „Nur nicht knausern bei wichtigen

Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rechnung. Geben Sie her, wir

wollen ihn erst noch recht klein machen, ganz hinunterjagen – so.“ Und

sie nahm ihm das Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die

Luft und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 35 hinab. „Wird

schon steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!“ sagte sie. „Hier

haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen doch wohl, wie es gemacht wird bei

uns? Unter die werte Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag,

und gut die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind!

Wünsche gute Ergebnisse!“ Und sie war aus dem Zimmer.

Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und sah auf die

Tür, durch die sie verschwunden war, und auf das Instrument, das sie

zurückgelassen. „Das war nun die Oberin von Mylendonk“, dachte er.

„Settembrini mag sie nicht, und wahr ist es, sie hat ihre

Unannehmlichkeiten. Das Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es

ja wohl nicht immer. Aber warum nennt sie mich immer ‚Menschenskind‘,

noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und sonderbar. Und

da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft, sie hat immer ein paar in

der Tasche. Es soll ja hier überall welche geben, in allen Läden, auch

da, wo man es gar nicht erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe

mich nicht zu bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß

gefallen.“ Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete es

und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch das Zimmer. Sein Herz

klopfte rasch und stark. Er sah sich nach der offenen Balkontür um und

machte eine Bewegung gegen die Zimmertür, aus dem Antriebe, Joachim

aufzusuchen, unterließ es aber dann und blieb wieder am Tische stehen,

indem er sich räusperte, um die Dumpfheit seiner Stimme zu prüfen.

Hierauf hustete er. „Ja, ich muß nun sehn, ob ich Schnupfenfieber habe“,

sagte er und führte rasch das Thermometer in den Mund, die

Quecksilberspitze unter die Zunge, so daß das Instrument ihm schräg

aufwärts zwischen den Lippen hervorragte, die er fest darum schloß, um

keine Außenluft zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war

sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Ablauf von sieben

Minuten zu warten.

„Keine überflüssige Sekunde,“ dachte er, „und keine zu wenig. Auf mich

ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man braucht ihn mir nicht mit

einer Stummen Schwester zu vertauschen, wie der Person, von der

Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer.“ Und er ging im Zimmer umher, das

Instrument mit der Zunge niederdrückend.

Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeinehalbe Minute

waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah, schon besorgt, er könnte

den Augenblick verpassen. Er tat tausend Dinge, nahm Gegenstände auf und

setzte sie nieder, trat auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter

bemerklich zu machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem

Sinn schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern,

Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse des

„Brembühl“, dessen Rücken schräg gegen den Ort hin abfiel und dessen

Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den Bergformationen zur

Rechten, deren Namen ihm ebenfalls geläufig geworden waren, und der

Alteinwand, die das Tal, von hier aus gesehen, im Süden zu schließen

schien, – sah hinab auf die Wege und Beete der Gartenplattform, die

Felsengrotte, die Edeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der

Liegehalle drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer

zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu verbessern

suchte, um dann wieder durch Vorrecken des Armes den Ärmel vom

Handgelenk zu ziehen und den Unterarm vor das Gesicht zu biegen. Mit

Mühe und Anstrengung, unter Schieben, Stoßen und Fußtritten gleichsam,

waren sechs Minuten vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer

stehend, ins Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, so

verhuschte die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen,

eine neue Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches Entkommen, und es

war ein wenig zu spät, die achte lag schon zu einem Dritteile im

Vergangenen, als er mit dem Gedanken, daß das nichts schade, für das

Ergebnis nichts ausmache und zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem

Munde riß und mit verwirrten Augen darauf niederstarrte.

Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz des

Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glasmantels

zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu stehen, bald überhaupt

nicht vorhanden zu sein, er führte das Instrument nahe vor die Augen,

drehte es hin und her und erkannte nichts. Endlich, nach einer

glücklichen Wendung, wurde das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und

bearbeitete es hastig mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte

sich ausgedehnt, er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich

hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze

normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6.

Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6, – das war

zuviel, es war „Temperatur“, Fieber als Folge einer Infektion, für die

er aufnahmelustig gewesen, und es fragte sich nur, was für eine Art

Infektion das war. 37,6, – mehr hatte auch Joachim nicht, mehr hatte

hier niemand, der nicht als schwerkrank oder moribund das Bett hütete,

weder die Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame

Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das Rechte, –

bloßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. Aber genau zu

unterscheiden und auseinanderzuhalten war das nicht, Hans Castorp

bezweifelte, daß er diese Temperatur erst bekommen, seit er sich

erkältet hatte, und er mußte bedauern, Merkurius nicht schon früher

befragt zu haben, gleich anfangs, wie der Hofrat es ihm nahegelegt

hatte. Ganz vernünftig war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich

nun, und Settembrini hatte völlig unrecht getan, so höhnisch darüber in

die Lüfte zu lachen, – Settembrini mit der Republik und dem schönen

Stil. Hans Castorp verachtete die Republik und den schönen Stil, während

er immer wieder die Aussage des Thermometers prüfte, die ihm mehrmals

durch die Blendung verloren ging und die er dann durch eifriges Drehen

und Wenden des Instruments wieder herstellte: sie lautete auf 37,6, und

das am frühesten Vormittag!

Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch das Zimmer, das

Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch wagerecht hielt, um nicht

durch senkrechte Erschütterung eine Störung hervorzurufen, legte es dann

mit aller Bewahrsamkeit auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst

einmal mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er die

Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten und von unten,

eine nach der anderen, mit schon geübter Hand, und lag dann still, die

Stunde des zweiten Frühstücks und Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen

lächelte er, und es war, als lächle er jemandem zu. Zuweilen hob sich

seine Brust mit einem beklommenen Beben, und dann mußte er husten aus

seiner katarrhalischen Brust.

Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem Tönen des

Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück abzuholen.

„Nun?“ fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl trat ...

Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin. Dann gab er

zur Antwort:

„Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.“

„Was soll das heißen?“ fragte Joachim. „Fühlst du dich fiebrig?“

Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort warten und gab

hierauf mit einer gewissen Trägheit die folgende:

„Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die ganze

Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Empfindungen,

sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich gemessen.“

„Du hast dich gemessen?! Womit?!“ rief Joachim erschrocken.

„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete Hans Castorp

nicht ohne Spott und Strenge. „Die Oberin hat mir eines verkauft. Warum

sie einen immer ‚Menschenskind‘ anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist

es nicht. Aber ein sehr gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile

verkauft, und wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt

es da drinnen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.“

Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er zurückkehrte,

sagte er zögernd:

„Ja, das sind 37 Komma 5½.“

„Dann ist es etwas zurückgegangen!“ versetzte Hans Castorp rasch. „Es

waren sechs.“

„Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormittag“, sagte

Joachim. „Eine schöne Bescherung“, sagte er und stand an seines Vetters

Lager, wie man eben vor einer „schönen Bescherung“ steht, die Arme in

die Seiten gestemmt und mit gesenktem Kopfe. „Du wirst ins Bett müssen.“

Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit.

„Ich sehe nicht ein,“ sagte er, „warum ich mich mit 37,6 ins Bett legen

soll, wo doch du und so viele andere, die auch nicht weniger haben, – wo

ihr alle hier frei herumlauft.“

„Das ist aber doch etwas anderes“, sagte Joachim. „Bei dir ist es akut

und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.“

„Erstens,“ erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede nun sogar in

erstens und zweitens ein, „verstehe ich nicht, warum man mit harmlosem

Fieber – ich will einmal annehmen, daß es so etwas gibt – mit harmlosem

Fieber das Bett hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage ich

dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, als ich schon

vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt,“ schloß er, „daß 37,6 gleich

37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen, kann ich es auch.“

„Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam,“ wandte Joachim

ein; „und erst als sich zeigte, daß die Temperatur durch Bettruhe nicht

verschwand, durfte ich aufstehen.“

Hans Castorp lächelte.

„Nun und?“ fragte er. „Ich denke, bei dir war es etwas anderes? Mir

scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. Erst unterscheidest du,

und dann stellst du gleich. Das ist doch Schnickschnack ...“

Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich seinem Vetter

wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes Gesicht noch eine

Schattierung dunkler geworden war.

„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat.

Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es ja an deiner Stimme,

und du solltest dich legen, um den Prozeß abzukürzen, da du nächste

Woche nach Hause willst. Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du

dich nicht legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine

Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. Mach, es ist

über die Zeit!“

„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken von sich. Er ging

ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers Haar zu fahren, und während er

es tat, sah Joachim noch einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch,

wobei Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie,

schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im Speisesaal, wo

es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch.

Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp brachte, lehnte er

es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute lieber kein Bier, trinke

überhaupt nichts, nein, danke sehr, höchstens einen Schluck Wasser. Das

erregte Aufsehen. Wieso? Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe

ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal.

Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr sonderbar. Sie

wurden schelmisch, legten den Kopf auf die Seite, kniffen ein Auge zu

und rührten die Zeigefinger in Höhe des Ohres, als kämen kecke, pikante

Dinge an den Tag von einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na,

na, Sie“, sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich,

indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man, ausgelassene.

Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch Frau Stöhr und drohte mit

ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn neben die Nase hielt.

„Tempus hat er, der Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind

Sie mir, ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende

drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht zu ihr

drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt,

beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, das Apfelsinentüchlein gegen die

Lippen gepreßt, mit ihren kugelrunden braunen Augen an, indes sie

drohte; auch Dr. Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte

nicht umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich

Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson zeigte sich

teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer. Joachim hielt mit

anständiger Miene die Augen gesenkt.

Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte bescheiden

ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie irren sich, mein Fall

ist der denkbar harmloseste, ich habe Schnupfen, Sie sehen: die Augen

gehen mir über, meine Brust ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es

ist unangenehm genug ...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht

an, sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja, ja, ja,

Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen wir!“ Und dann

forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp sich unverzüglich zur

Untersuchung melde. Sie waren belebt von der Nachricht; unter den sieben

Tischen war an diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am

muntersten. Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts

über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, legte eine

fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging sich über die

Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe unbedingt eine unterhaltliche

und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Gründen der Brust der

Kitzel sich mehre und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht

tief hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das

wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle und

unwiderstehlich werde und man mit berauschter Miene ein paarmal

stürmisch aus- und einatme, sich wonnig ergäbe und über dem gesegneten

Ausbruch die ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal

hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie

beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen,

wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam zu

kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den

Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze.

So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, bis die kurze,

wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt war und die Vettern

ihren zweiten Vormittagsgang antraten, den Gang hinunter nach Platz

Davos. Joachim war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte

vor Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem Heimwege

sagte Joachim:

„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – morgen nach Tische

habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine Generaluntersuchung, aber

Behrens klopft mich ein bißchen ab und läßt Krokowski ein paar Notizen

machen. Da könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der

Gelegenheit rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu Hause

wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei Spezialisten im

Hause sind, läufst du herum und weißt nicht, woran du bist, und wie tief

es sitzt bei dir, und ob du nicht besser tätest, dich hinzulegen.“

„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich, so kann ich es

machen. Und es ist ja auch interessant für mich, mal einer Untersuchung

beizuwohnen.“

So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium gelangten,

wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Behrens persönlich

zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, stehenden Fußes ihr

Anliegen vorzubringen.

Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen steifen Hut auf

dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, blaubackig und quelläugig, so

recht im Zuge der Tätigkeit, im Begriffe, seiner Privatpraxis

nachzugehen, Besuche im Ort zu machen, nachdem er soeben im

Operationssaal am Werke gewesen, wie er erklärte.

„Mahlzeit, die Herren!“ sagte er. „Immer auf der Walze? War wohl fein in

der großen Welt? Ich komme gerade von einem ungleichen Zweikampf auf

Messer und Knochensäge, – große Sache, wissen Sie, Rippenresektion.

Früher blieben fünfzig Prozent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt

haben wirs besser raus, aber öfters muß man doch _mortis causa_

vorzeitig einpacken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen, blieb

für den Augenblick ganz stramm bei der Stange ... Doll, so ein

Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, wissen Sie, unkleidsam,

leichte Trübung der Idee, sozusagen. Na, und Sie? Was macht die werte

Befindität? Ist wohl ein fidelerer Lebenswandel zu zweien, was, Ziemßen,

alter Schlauberger? Warum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?“

wandte er sich auf einmal an Hans Castorp. „Öffentliches Weinen ist hier

nicht erlaubt. Hausordnungsverbot. Da könnte jeder kommen.“

„Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp. „Ich

weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe mir einen enormen Katarrh

geholt. Husten habe ich auch, und ordentlich auf der Brust liegt es

mir.“

„So?“ sagte Behrens. „Dann sollten Sie mal einen verständigen Arzt zu

Rate ziehen.“

Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die Absätze

zusammenzog:

„Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen Untersuchung, und

da wollten wir fragen, ob Sie die Güte hätten, auch meinen Vetter gleich

einmal dranzunehmen. Es handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen

können ...“

„M. w.!“ sagte Behrens. „M. w. m. F.! Machen wir mit Vergnügen! Hätten

wir längst mal machen sollen. Wenn man schon hier ist, soll man das

immer mitnehmen. Aber man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also

morgen um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!“

„Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber“, merkte Hans Castorp noch an.

„Was Sie sagen!“ rief Behrens. „Sie wollen mir wohl Neuigkeiten

erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen im Kopf?“ Und er deutete mit

dem gewaltigen Zeigefinger auf seine beiden blutunterlaufenen, blau

quellenden, tränenden Augäpfel. „Wieviel ist es denn übrigens?“

Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer.

„Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht so unbegabt. Na,

also paarweise angetreten morgen um zwei! Soll mir eine Auszeichnung

sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!“ Und mit krummen Knien und rudernden

Händen begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes eine

Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte.

„Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet“, sagte Hans Castorp.

„Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, und nun bin ich

gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel tun können in der Sache, als

mir vielleicht einen Lakritzensaft oder Brusttee verschreiben, aber

angenehm ist es doch, ein bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man

sich fühlt wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch

daherredet!“ sagte er. „Anfangs machte es mir Spaß, aber auf die Länge

ist es mir unlieb. ‚Gesegnete Nahrungsaufnahme‘! Was für ein

Kauderwelsch. Man kann sagen: ‚Gesegnete Mahlzeit‘! denn ‚Mahlzeit‘ ist

ein poetisches Wort sozusagen, wie ‚tägliches Brot‘, und verträgt sich

ganz gut mit ‚gesegnet‘. Aber ‚Nahrungsaufnahme‘ ist ja die reine

Physiologie, und dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches

Gerede. Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat etwas

Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm nicht bekommt und ihn

melancholisch macht. Settembrini sagte von ihm, seine Lustigkeit sei

gezwungen, und Settembrini ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das

muß man ihm lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht

alles nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt man mit

Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und dann kommt ganz anderes

dazwischen, was mit Urteilen gar nichts zu tun hat, und dann ist es aus

mit der Sittenstrenge, und die Republik und der schöne Stil kommen einem

auch nur noch abgeschmackt vor ...“

Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über das, was er

meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von der Seite an und sagte

„Auf Wiedersehn“, worauf ein jeder auf sein Zimmer und in seine

Balkonloge ging.

„Wieviel?“ fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, obgleich er nicht

gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer wieder zu Rate gezogen hatte

... Und Hans Castorp antwortete gleichgültigen Tones:

„Nichts Neues.“

Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen Erwerb

von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte die 37,6, die nun ihre

Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte Stöße zerstört und sich ganz

wie ein Alter, die gläserne Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt.

Aber allzu hochfliegenden Erwartungen entgegen und obgleich er das

Instrument volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte Merkurius

sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis 37,6, – was ja übrigens

Fieber war, wenn auch kein höheres, als schon am früheren Vormittage

vorhanden gewesen. Nach Tische stieg das schimmernde Säulchen auf 37,7,

verharrte abends, als der Patient nach den Erregungen und Neuigkeiten

des Tages sehr müde war, auf 37,5, und zeigte in der nächsten

Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige Höhe wieder zu

erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam die Hauptmahlzeit des folgenden

Tages und mit ihrer Beendigung die Stunde des Rendezvous heran.

Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat während dieser

Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen Knöpfen und bordierten

Taschen getragen hatte, der neu, jedenfalls neu für Hans Castorp gewesen

war, und worin sie bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art,

die Hans Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen den

Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, zu ihrem Tische

geglitten, hatte sich mit weichen Bewegungen niedergelassen und

plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp hatte, wie jeden Tag, aber

doch mit besonderer Aufmerksamkeit, ihren Kopf sich beim Sprechen

bewegen sehen und aufs neue die Rundung ihres Nackens, die schlaffe

Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis vorbei,

der am Ende des schräg zwischenstehenden Tisches saß, zum Guten

Russentisch hinübergeblickt hatte. Frau Chauchat ihrerseits hatte sich

während des Mittagessens kein einziges Mal nach dem Saale umgeblickt.

Als aber der Nachtisch eingenommen gewesen war und die große Ketten- und

Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der Schlechte

Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu Hans Castorps

rätselhafter Erschütterung dennoch geschehen: während die Uhr zwei

schlug – eins und zwei – hatte die anmutige Kranke langsam den Kopf und

ein wenig auch den Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und

unverhohlen zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen zu

seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng persönlich zu _ihm_

herübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen Lippen und in ihren

schmalgeschnittenen Pribislav-Augen, als wollte sie sagen: „Nun? Es ist

Zeit. Wirst du gehen?“ (denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die

Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat) –

und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp in tiefster Seele

verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er seinen Sinnen getraut und

entgeistert zuerst in Frau Chauchats Angesicht und dann, die Augen

hebend, über ihre Stirn und ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie

denn, daß er sich auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen?

Genau so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso

unwahrscheinlich, wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben noch,

in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, ob er nicht dem

Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine Erkältung habe sich

schon gebessert und er betrachte die Untersuchung als überflüssig: ein

Gedanke, dessen Vorzüge unter jenem fragenden Lächeln freilich

dahingewelkt waren und sich in lauter abstoßende Langweiligkeit

verwandelt hatten. In der nächsten Sekunde hatte denn Joachim auch schon

seine gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen

Brauen zugewinkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt und den Tisch

verlassen, – worauf Hans Castorp innerlich taumelnd, wenn auch äußerlich

festen Schrittes, und mit dem Gefühl, daß jenes Blicken und Lächeln

immer noch auf ihm läge, dem Vetter zum Saal hinaus folgte.

Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges Vorhaben

gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigendem Einverständnis.

Joachim beeilte sich: es war schon über die vereinbarte Stunde, und

Hofrat Behrens bestand auf Pünktlichkeit. Es ging vom Speisesaal den

ebenerdigen Korridor entlang, an der „Verwaltung“ vorbei und die

reinliche, mit gebohntem Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß

„hinab“. Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe gleich

gegenüber, durch ein Porzellanschild als Eingang zum Ordinationszimmer

zu erkennen gab.

„_Her_ein!“ rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte. Er

stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten das schwarze

Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel klopfte.

„Tempo, Tempo“, sagte er und richtete seine quellenden Augen auf die

Wanduhr. „_Un poco più presto, Signori!_ Wir sind nicht ganz

ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren vorhanden.“

Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski, bleich gegen

sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf der Platte, in der einen

Hand die Feder, die andere im Bart, vor sich Papiere, wahrscheinlich den

Krankenakt, und blickte den Eintretenden mit dem stumpfen Ausdruck einer

Persönlichkeit, die nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen.

„Na, her mit der Konduite!“ antwortete der Hofrat auf Joachims

Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve aus der Hand, um sie

durchzusehen, während der Patient sich beeilte, seinen Oberkörper

freizumachen und die abgelegten Kleidungsstücke an den neben der Tür

stehenden Garderobeständer zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich

nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf einem

altmodischen kleinen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen zur Seite

eines Tischchens mit Wasserkaraffe nieder. Bücherschränke mit

breitrückigen medizinischen Werken und Aktenfaszikeln standen an den

Wänden. An Möbeln war sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch

überzogene, höher und niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden,

über deren Kopfpolster eine Papierserviette gebreitet war.

„Komma 7, Komma 9, Komma 8“, sagte Behrens, die Wochenkarten

durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse seiner täglich fünfmaligen

Messungen treulich eingetragen. „Immer noch ein bißchen illuminiert,

lieber Ziemßen, können nicht gerade behaupten, daß Sie seit neulich

solider geworden sind. („Neulich“, das war vor vier Wochen gewesen.)

Nicht entgiftet, nicht entgiftet“, sagte er. „Na, das geht natürlich

nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.“

Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, obgleich er hätte

einwenden können, daß er ja keineswegs erst seit gestern hier oben sei.

„Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo es immer

verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! Wollen mal höflich bei

Ihnen anklopfen.“ Und die Auskultation begann.

Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den Hörer unter dem

Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims rechter Schulter, klopfte aus

dem Handgelenk, indem er sich des gewaltigen Mittelfingers seiner

Rechten als Hammer bediente und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann

ging er unter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren

und unteren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet war, den Arm

hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen. Hierauf wiederholte das

Ganze sich linkerseits, und damit fertig, kommandierte der Hofrat

„Kehrt!“ zur Beklopfung der Brustseite. Er klopfte gleich unter dem

Halse beim Schlüsselbein, klopfte über und unter der Brust, zuerst

rechts und dann links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum

Horchen über, indem er sein Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf

Joachims Brust und Rücken setzte, überallhin, wo er vorhin geklopft

hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark atmen und künstlich husten,

was ihn sehr anzustrengen schien, denn er geriet außer Atem, und in die

Augen traten ihm Tränen. Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort

innen hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehenden Worten zum

Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin konnte, an

den Vorgang beim Schneider zu denken, wenn der wohlgekleidete Herr einem

zu einem Anzuge das Maß nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem

Besteller das Meterband da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt

und dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Ziffern in die Feder

diktiert. „Kurz“, „verkürzt“, diktierte Hofrat Behrens. „Vesikulär“,

sagte er, und abermals: „Vesikulär“ (das war gut, offenbar). „Rauh“,

sagte er und schnitt ein Gesicht. „_Sehr_ rauh.“ „Geräusch.“ Und Dr.

Krokowski trug alles ein, wie der Angestellte die Ziffern des

Zuschneiders.

Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten Kopfes,

nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims Oberkörper,

dessen Rippen (gottlob war er im Besitz seiner Rippen) sich beim

Schnaufen unter der gespannten Haut hoch über den zurückfallenden Magen

hoben, – diesem schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit

den schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übrigens kräftigen

Armen, deren einer ein goldenes Kettenarmband um das Handgelenk trug.

Turnerarme sind das, dachte Hans Castorp; er hat immer gern geturnt,

während ich mir nichts daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum

Soldatenstande zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, viel mehr

als ich, oder doch auf andere Weise; denn ich war immer ein Zivilist,

und es war mir mehr um warm baden und gut essen und trinken zu tun, ihm

aber um männliche Anforderungen und Leistungen. Und nun ist auf so ganz

andere Weise sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich

selbständig und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit. Illuminiert

ist er und will sich nicht entgiften und solide werden, so gern der arme

Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland. Sieh an, er ist gewachsen,

wie es im Buche steht, der reine Apollo von Belvedere, bis auf die

Haare. Aber innerlich ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn

Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht ihn gänzlich

zum Körper ... Und wie er dies dachte, erschrak er und blickte rasch und

forschend von Joachims bloßem Oberleib zu seinen Augen hinauf, seinen

großen, schwarzen und sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und

Husten in Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Ausdruck

über den Zuschauer hin ins Leere sahen.

Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen.

„Na, is gut, Ziemßen“, sagte er. „Alles in Ordnung, so weit es möglich

ist. Nächstes Mal“ (das war in vier Wochen), „wird es gewiß überall

wieder ein bißchen besser sein.“

„Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –“

„Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre Kerls doch nicht in

angeheitertem Zustand kujonieren! Ein halbes Jährchen habe ich neulich

gesagt, – rechnen Sie meinetwegen von neulich an, aber betrachten Sie es

als Minimum. Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch

höflich sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches

Bergwerk! Oder wollen Sie sagen, daß wir mit so was Ähnlichkeit haben?

Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer da noch Lust hat!“ rief er und

sah in die Luft. Mit ausgestrecktem Arme reichte er dabei sein Hörrohr

zu Dr. Krokowski hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine

Assistenten-Nachprüfung bei Joachim vorzunehmen.

Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen an die Person des

Hofrats gefesselt, der, breitbeinig dastehend, offenen Mundes in

Gedanken versunken schien, begann er, sich eilig in Bereitschaft zu

setzen. Er überhastete sich, fand nicht gleich aus seinem punktierten

Manschettenhemd heraus, als er es sich über den Kopf zog. Und dann stand

er, weiß, blond und schmal, vor Hofrat Behrens, – von zivilerer Bildung

schien er als Joachim Ziemßen.

Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer. Dr. Krokowski

hatte schon wieder Platz genommen und Joachim sich ans Ankleiden

gemacht, als Behrens sich endlich entschloß, von dem, der da auch noch

Lust hatte, Notiz zu nehmen.

„Ach so, das wären nun _Sie_!“ sagte er, faßte Hans Castorp mit seiner

riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von sich und betrachtete ihn

scharf. Nicht ins Gesicht blickte er ihm, wie man einen Menschen

ansieht, sondern auf den Körper; drehte ihn um, wie man einen Körper

umdreht, und betrachtete auch seinen Rücken. „Hm“, sagte er. „Na, wollen

mal sehen, wie Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein

Klopfen.

Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan, und kehrte zu

verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere Zeit klopfte er

abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben beim Schlüsselbein und

etwas weiter unten.

„Hören Sie?“ fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber ... Und Dr.

Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtisch sitzend, bekundete

durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst senkte er das Kinn auf die

Brust, so daß sein Bart eingedrückt wurde und die Spitzen sich aufwärts

bogen.

„Tief atmen! Husten!“ kommandierte der Hofrat, der nun das Hörrohr

wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp arbeitete schwer, wohl acht

oder zehn Minuten lang, während der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein

Wort dabei, setzte das Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte

namentlich und wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen

verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den Arm, legte die

Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich und Hans Castorp auf den

Fußboden nieder.

„Ja, Castorp,“ sagte er – und es geschah zum erstenmal, daß er den

jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte –, „die Sache verhält sich so

_praeter-propter_, wie ich sie mir schon immer gedacht hatte. Ich habe

Sie auf dem Strich gehabt, Castorp, nun kann ichs Ihnen ja sagen, – von

vornherein, schon seit ich zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte,

Sie kennenzulernen, – und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im stillen

ein Hiesiger wären und das auch noch einsehen würden, wie schon so

mancher, der zum Spaß hier heraufkam und sich mit erhobener Nase umsah

und eines Tages erfuhr, daß er gut täte – und nicht bloß ‚gut täte‘,

bitte mich wohl zu verstehen – hier ganz ohne unbeteiligte

Neugiersallüre eine etwas ausgiebigere Station zu machen.“

Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe, sich die

Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da eben stand, und lauschte

...

„Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter,“ fuhr der Hofrat

fort, indem er mit dem Kopfe nach Joachims Seite deutete und sich dabei

auf Fußballen und Absätzen schaukelte, „– der nun ja hoffentlich bald

wird sagen können, daß er einmal krank _gewesen_ ist, aber wenn wir so

weit sind, so wird er doch eben immer noch früher einmal krank _gewesen_

sein, Ihr Herr rechter Vetter, und das wirft _a priori_, wie der Denker

sagt, so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp ...“

„Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.“

„Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleugnen wollen. Stief

oder nicht, er bleibt doch immer ein Blutsverwandter. Von welcher Seite

denn?“

„Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer Stief–“

„Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?“

„Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.“

„Oh, warum denn?“

„An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.“

„Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr Herr Vater?“

„Der ist an der Lungenentzündung gestorben –,“ sagte Hans Castorp, „und

mein Großvater auch –“, setzte er hinzu.

„So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was nun Sie betrifft, so

waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig, nicht? Aber müde wurden

Sie gar nicht leicht bei körperlicher und geistiger Arbeit? Doch? Und

haben viel Herzklopfen? Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt ja

offenbar eine lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege vor. Wissen

Sie, daß Sie früher schon krank waren?“

„Ich?“

„Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den Unterschied?“ Und

der Hofrat klopfte abwechselnd links oben an der Brust und etwas weiter

unten.

„Da klingt es etwas dumpfer als hier“, sagte Hans Castorp.

„Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also eine Dämpfung,

und Dämpfungen beruhen auf veralteten Stellen, wo schon Verkalkung

eingetreten ist, Vernarbung, wenn Sie wollen. Sie sind ein alter

Patient, Castorp, aber wir wollen es niemandem übelnehmen, daß Sie es

nicht erfuhren. Die Frühdiagnose ist schwierig, – zumal für die Herren

Kollegen im Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir feinere Ohren

haben, obgleich ja die Spezialübung einiges ausmacht. Aber die Luft

hilft uns hören, verstehen Sie, die dünne, trockene Luft hier oben.“

„Gewiß, natürlich“, sagte Hans Castorp.

„Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge, ich will nun mal

mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es weiter nichts wäre mit Ihnen,

verstehen Sie, und es bei den Dämpfungen und Narben an Ihrem

Äolusschlauch da drinnen und mit den kalkigen Fremdkörpern darin sein

Bewenden hätte, so würde ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken und

mich auch keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen Sie wohl? Wie aber

die Dinge liegen und weiterhin noch der Befund ist, und wo Sie nun

einmal hier bei uns sind, – so lohnt es die Heimreise nicht, Hans

Castorp, – in kurzem müßten Sie doch wieder antreten.“

Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strömen, so daß es

hämmerte, und Joachim stand immer noch, die Hände an hinteren Knöpfen,

und hatte die Augen niedergeschlagen.

„Denn außer den Dämpfungen,“ sagte der Hofrat, „haben Sie da links oben

auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein Geräusch ist und zweifellos

von einer frischen Stelle kommt, – ich will noch nicht von einem

Erweichungsherd reden, aber es ist bestimmt eine feuchte Stelle, und

wenn Sie’s da unten so weiter treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was

hast du was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“

Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte es sonderbar, und

deutlich konnte man sein Herz gegen die Rippen pulsieren sehen. Er

blickte zu Joachim hinüber, dessen Augen er nicht fand, und dann wieder

in des Hofrats Gesicht mit den blauen Backen, den ebenfalls blauen

Quellaugen und dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen.

„Als objektive Bestätigung,“ fuhr Behrens fort, „haben wir da noch Ihre

Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht so ziemlich den

akustischen Wahrnehmungen.“

„Ich dachte nur,“ sagte Hans Castorp, „das Fieber käme von meinem

Katarrh.“

„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt der? Lassen Sie

sich mal was erzählen, Castorp, und passen Sie auf, Sie verfügen ja über

hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen, soviel ich weiß. Also die Luft

hier bei uns, die ist gut gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr?

Und das ist auch so. Aber sie ist auch gut _für_ die Krankheit,

verstehen Sie mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den

Körper, sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein

Ausbruch, nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie

schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind Sie es

jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht erst durch Ihren

Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“

„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“

„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte der Hofrat.

„Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien erzeugt werden; die

wirken berauschend auf das Zentralnervensystem, verstehen Sie, und dann

kriegt man heitere Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe,

Castorp; wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe

nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. Wir nehmen eine

schöne Innenansicht von Ihnen auf – es wird Ihnen Spaß machen, so

Einblick zu gewinnen in Ihre eigne Person. Das sage ich Ihnen aber

gleich: ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen,

Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir

doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden, mit

mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral da, der immer gleich

weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat. Als ob Stillgelegen

nicht ein ebenso gutes Kommando wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die

erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht

enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen strafen,

bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise mit Ihnen!“

Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte sich an den

Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften die Pause bis zur

nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit auszufüllen. Dr.

Krokowski aber erhob sich von seinem Platze, schritt auf Hans Castorp

zu, und, den Kopf schräg zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des

jungen Mannes und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen

Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 34 / 45 题