Tischgespräche

Bei den Mahlzeiten im bunten Speisesaal bereitete es dem jungen Hans

Castorp einige Verlegenheit, daß ihm von jenem auf eigene Hand

unternommenen Spaziergang das großväterliche Kopfzittern zurückgeblieben

war, – gerade bei Tisch stellte es sich fast regelmäßig wieder ein und

war dann nicht zu verhindern und schwer zu verbergen. Außer der würdigen

Kinnstütze, die nicht dauernd festzuhalten war, machte er verschiedene

Mittel ausfindig, die Schwäche zu maskieren, – zum Beispiel hielt er

tunlichst den Kopf in Bewegung, indem er nach rechts und links

konversierte, oder er drückte, etwa wenn er den Suppenlöffel zum Munde

führte, den linken Unterarm fest auf den Tisch, um sich Haltung zu

geben, stellte auch wohl den Ellenbogen auf in den Pausen und stützte

den Kopf mit der Hand, obgleich dies eine Flegelei war in seinen eigenen

Augen und nur in ungebundener Krankengesellschaft allenfalls durchgehen

mochte. Aber das alles war lästig und es fehlte nicht viel, daß es ihm

die Mahlzeiten vollständig verleidet hätte, die er doch sonst, um der

Spannungen und Sehenswürdigkeiten willen, die sie mit sich brachten, so

wohl zu schätzen wußte.

Es lag aber so – und Hans Castorp wußte das auch genau –, daß die

blamable Erscheinung, mit der er kämpfte, nicht nur körperlicher

Herkunft, nicht nur auf die hiesige Luft und die Anstrengung der

Akklimatisation zurückzuführen war, sondern eine innere Erregung

ausdrückte und mit jenen Spannungen und Sehenswürdigkeiten selbst

unmittelbar zusammenhing.

Madame Chauchat kam fast immer zu spät zu Tische, und bis sie kam, saß

Hans Castorp und konnte die Füße nicht ruhig halten, denn er wartete auf

das Schmettern der Glastür, von dem ihr Eintritt unweigerlich begleitet

war, und wußte, daß er dabei zusammenfahren und sein Gesicht würde kalt

werden fühlen, was denn auch regelmäßig geschah. Anfangs hatte er

jedesmal ergrimmt den Kopf herumgeworfen und die fahrlässige

Nachzüglerin mit zornigen Augen zu ihrem Platze am „Guten“ Russentisch

begleitet, auch wohl ihr halblaut und zwischen den Zähnen ein

Scheltwort, einen Ruf empörter Mißbilligung nachgesandt. Das unterließ

er jetzt, beugte den Kopf tiefer über den Teller, wobei er sich wohl gar

auf die Lippe biß, oder wandte ihn absichtlich und künstlich nach der

anderen Seite; denn ihm war, als komme der Zorn ihm nicht mehr zu, als

sei er zum Tadel nicht so recht frei, sondern mitschuldig an dem

Ärgernis und mitverantwortlich dafür vor den anderen, – kurzum, er

schämte sich, und zwar wäre es ungenau gewesen, zu sagen, daß er sich

für Frau Chauchat schämte, sondern ganz persönlich schämte er sich vor

den Leuten, – was er sich übrigens hätte sparen können, da niemand im

Saale sich um Frau Chauchats Laster noch um Hans Castorps Scham darüber

kümmerte, ausgenommen etwa die Lehrerin, Fräulein Engelhart, zu seiner

Rechten.

Das kümmerliche Wesen hatte begriffen, daß dank Hans Castorps

Empfindlichkeit gegen das Türenwerfen eine gewisse affekthafte Beziehung

des jungen Tischnachbarn zu der Russin entstanden war, ferner, daß es

wenig auf den Charakter einer solchen Beziehung ankomme, wenn sie nur

überhaupt vorhanden war, und endlich, daß seine geheuchelte – und zwar

aus Mangel an schauspielerischer Übung und Begabung sehr schlecht

geheuchelte – Gleichgültigkeit keine Abschwächung, sondern eine

Verstärkung, eine höhere Phase des Verhältnisses bedeutete. Ohne

Anspruch und Hoffnung für ihre eigene Person, erging Fräulein Engelhart

sich beständig in selbstlos entzückten Reden über Frau Chauchat, – wobei

das Merkwürdige war, daß Hans Castorp ihr hetzerisches Betreiben, wenn

nicht sofort, so doch auf die Dauer, vollkommen klar erkannte und

durchschaute, ja, daß es ihn sogar anwiderte, ohne daß er sich darum

weniger willig hätte davon beeinflussen und betören lassen.

„Pardauz!“ sagte das alte Mädchen. „Das ist _sie_. Man braucht nicht

aufzusehen, um sich zu überzeugen, wer da hereingekommen ist. Natürlich,

da geht sie, – und wie reizend sie geht, – ganz wie ein Kätzchen zur

Milchschüssel schleicht! Ich wollte, wir könnten die Plätze tauschen,

damit Sie sie so ungezwungen und bequem betrachten könnten, wie ich es

kann. Ich verstehe es ja, daß Sie nicht immer den Kopf nach ihr drehen

mögen, – Gott weiß, was sie sich schließlich einbilden würde, wenn sie

es merkte ... Jetzt sagt sie ihren Leuten Guten Tag ... Sie sollten doch

einmal hinsehen, es ist so erquickend, sie zu beobachten. Wenn sie so

lächelt und spricht wie jetzt, bekommt sie ein Grübchen in die eine

Wange, aber nicht immer, nur wenn sie will. Ja, das ist ein Goldkind von

einer Frau, ein verzogenes Geschöpf, daher ist sie so lässig. Solche

Menschen muß man lieben, ob man will oder nicht, denn wenn sie einen

ärgern durch ihre Lässigkeit, so ist auch der Ärger nur ein Anreiz mehr,

ihnen zugetan zu sein, es ist so beglückend, sich zu ärgern und dennoch

lieben zu müssen ...“

So raunte die Lehrerin hinter der Hand und ungehört von den anderen,

während die flaumige Röte auf ihren Altjungferwangen an ihre übernormale

Körpertemperatur erinnerte; und ihre wollüstigen Redereien gingen dem

armen Hans Castorp in Mark und Blut. Eine gewisse Unselbständigkeit

schuf ihm das Bedürfnis, von dritter Seite bestätigt zu erhalten, daß

Madame Chauchat eine entzückende Frau sei, und außerdem wünschte der

junge Mann, sich von außen zur Hingabe an Empfindungen ermutigen zu

lassen, denen seine Vernunft und sein Gewissen störende Widerstände

entgegensetzten.

Übrigens erwiesen sich diese Unterhaltungen in sachlicher Beziehung nur

wenig fruchtbar, denn Fräulein Engelhart wußte beim besten Willen nichts

Näheres über Frau Chauchat auszusagen, nicht mehr als jedermann im

Sanatorium; sie kannte sie nicht, konnte sich nicht einmal einer

Bekanntschaft rühmen, die sie mit ihr gemeinsam gehabt hätte, und das

einzige, womit sie sich vor Hans Castorp ein Ansehen geben konnte, war,

daß sie in Königsberg – also nicht gar so sehr weit von der russischen

Grenze – zu Hause war und einige Brocken Russisch kannte, – dürftige

Eigenschaften, in denen Hans Castorp aber etwas wie weitläufige

persönliche Beziehungen zu Frau Chauchat zu sehen bereit war.

„Sie trägt keinen Ring,“ sagte er, „keinen Ehering, wie ich sehe. Wie

ist denn das? Sie ist doch eine verheiratete Frau, haben Sie mir

gesagt?“

Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge getrieben

und müsse sich herausreden, so sehr verantwortlich fühlte sie sich für

Frau Chauchat Hans Castorp gegenüber.

„Das dürfen Sie nicht so genau nehmen“, sagte sie. „Zuverlässig ist sie

verheiratet. Daran ist kein Zweifel möglich. Daß sie sich Madame nennt,

geschieht nicht nur der größeren Ansehnlichkeit wegen, wie ausländische

Fräulein es machen, wenn sie ein wenig reifer sind, sondern wir alle

wissen es, daß sie wirklich einen Mann hat irgendwo in Rußland, das ist

im ganzen Orte bekannt. Von Hause aus hat sie einen anderen Namen, einen

russischen und keinen französischen, einen auf -anow oder -ukow, ich

habe ihn schon gewußt und nur wieder vergessen; wenn Sie wollen,

erkundige ich mich danach; es gibt sicher mehrere Personen hier, die den

Namen kennen. Einen Ring? Nein, sie trägt keinen, es ist mir auch schon

aufgefallen. Lieber Himmel, vielleicht kleidet er sie nicht, vielleicht

macht er ihr eine breite Hand. Oder sie findet es spießbürgerlich, einen

Ehering zu tragen, so einen glatten Reif ... es fehlt nur der

Schlüsselkorb ... nein, dazu ist sie gewiß zu großzügig ... Ich kenne

das, die russischen Frauen haben alle so etwas Freies und Großzügiges in

ihrem Wesen. Außerdem hat so ein Ring etwas geradezu Abweisendes und

Ernüchterndes, er ist doch ein Symbol der Hörigkeit, möchte ich sagen,

er gibt einer Frau direkt etwas Nonnenhaftes, das reine Blümchen

Rührmichnichtan macht er aus ihr. Ich wundere mich gar nicht, wenn das

nicht nach Frau Chauchats Sinne ist ... Eine so reizende Frau, in der

Blüte der Jahre ... Wahrscheinlich hat sie weder Grund noch Lust, jeden

Herrn, dem sie die Hand gibt, gleich ihre eheliche Gebundenheit fühlen

zu lassen ...“

Großer Gott, wie die Lehrerin sich ins Zeug legte! Hans Castorp sah ihr

ganz erschreckt ins Gesicht, aber sie trotzte seinem Blick mit einer Art

von wilder Verlegenheit. Dann schwiegen beide eine Weile, um sich zu

erholen. Hans Castorp aß und unterdrückte das Zittern seines Kopfes.

Endlich sagte er:

„Und der Mann? Er kümmert sich gar nicht um sie? Er besucht sie niemals

hier oben? Was ist er denn eigentlich?“

„Beamter. Russischer Administrationsbeamter, in einem ganz entlegenen

Gouvernement, Daghestan, wissen Sie, das liegt ganz östlich über den

Kaukasus hinaus, dahin ist er kommandiert. Nein, ich sagte Ihnen ja, daß

noch nie ihn jemand hier oben gesehen hat. Und dabei ist sie schon

wieder im dritten Monat hier.“

„Sie ist also nicht zum erstenmal hier?“

„O nein, schon das drittemal. Und zwischendurch ist sie wieder wo

anders, an ähnlichen Orten. – Umgekehrt, _sie_ besucht _ihn_ zuweilen,

nicht oft, einmal im Jahre auf einige Zeit. Sie leben getrennt, kann man

sagen, und sie besucht ihn zuweilen.“

„Nun ja, da sie krank ist ...“

„Gewiß, krank ist sie. Aber doch nicht _so_. Doch nicht so ernstlich

krank, daß sie geradezu immer in Sanatorien und von ihrem Manne getrennt

leben müßte. Das muß schon weitere und andere Gründe haben. Hier nimmt

man allgemein an, daß es noch andere hat. Vielleicht gefällt es ihr

nicht in Daghestan hinter dem Kaukasus, einer so wilden, entfernten

Gegend, das wäre am Ende nicht zu verwundern. Aber ein wenig muß es doch

auch an dem Manne liegen, wenn es ihr so gar nicht bei ihm gefällt. Er

hat ja einen französischen Namen, aber darum ist er doch ein russischer

Beamter, und das ist ein roher Menschenschlag, wie Sie mir glauben

können. Ich habe einmal einen davon gesehen, er hatte so einen

eisenfarbenen Backenbart und so ein rotes Gesicht ... Im höchsten Grade

bestechlich sind sie, und dann haben sie es alle mit dem Wutki, dem

Branntwein, wissen Sie ... Anstandshalber lassen sie sich eine

Kleinigkeit zu essen geben, ein paar marinierte Pilze oder ein Stückchen

Stör, und dazu trinken sie – einfach im Übermaß. Das nennen sie dann

einen Imbiß ...“

„Sie schieben alles auf ihn“, sagte Hans Castorp. „Wir wissen aber doch

nicht, ob es nicht vielleicht an ihr liegt, wenn sie nicht gut

miteinander leben. Man muß gerecht sein. Wenn ich sie mir so ansehe und

diese Unmanier mit dem Türenwerfen ... ich halte sie für keinen Engel,

das nehmen Sie mir, bitte, nicht übel, ich traue ihr nicht über den Weg.

Aber Sie sind nicht unparteiisch, Sie sitzen ja bis über die Ohren in

Vorurteilen zu ihren Gunsten ...“

So machte er es zuweilen. Mit einer Schlauheit, die seiner Natur

eigentlich fremd war, stellte er es so hin, als bedeute Fräulein

Engelharts Schwärmerei für Frau Chauchat nicht das, was sie, wie er sehr

wohl wußte, in Wirklichkeit bedeutete, sondern als sei diese Schwärmerei

eine selbständige, drollige Tatsache, mit welcher er, der unabhängige

Hans Castorp, die alte Jungfer aus kühlem und humoristischem Abstande

necken konnte. Und da er sicher war, daß seine Helfershelferin diese

dreiste Verdrehung gelten und sich gefallen lassen werde, so war nichts

damit gewagt.

„Guten Morgen!“ sagte er. „Haben Sie wohl geruht? Ich hoffe, Sie haben

von Ihrer schönen Minka geträumt? ... Nein, wie Sie gleich rot werden,

wenn man sie nur erwähnt! Ganz vernarrt sind Sie in sie, das leugnen Sie

nur lieber nicht!“

Und die Lehrerin, die wirklich errötet war und sich tief über ihre Tasse

beugte, raunte aus ihrem linken Mundwinkel:

„Aber nein, pfui, Herr Castorp! Das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie

mich so in Verlegenheit bringen mit Ihren Anspielungen. Alle merken es

ja, daß wir es auf sie abgesehen haben, und daß Sie mir Dinge sagen,

über die ich rot werden muß ...“

Es war sonderbar, was die beiden Tischnachbarn da trieben. Beide wußten,

daß sie doppelt und dreifach logen, daß Hans Castorp nur, um von Frau

Chauchat sprechen zu können, die Lehrerin mit ihr neckte, dabei aber ein

ungesundes und übertragenes Vergnügen darin fand, mit dem alten Mädchen

zu schäkern, – welches ihrerseits darauf einging: erstens aus

kupplerischen Gründen, dann auch, weil sie sich dem jungen Manne zu

Gefallen wohl wirklich etwas in Frau Chauchat vergafft hatte, und

endlich, weil sie es kümmerlich genoß, sich irgendwie von ihm necken und

rot machen zu lassen. Dies wußten sie beide von sich und vom anderen und

wußten auch, daß jeder es von sich und vom anderen wisse, und das alles

war verwickelt und unsauber. Aber obgleich Hans Castorp von verwickelten

und unsauberen Dingen im ganzen angewidert wurde und sich auch in diesem

Falle davon angewidert fühlte, so fuhr er doch fort, in dem trüben

Elemente zu plätschern, indem er sich zur Beruhigung sagte, daß er ja

nur zu Besuch hier oben sei und demnächst wieder abreisen werde. Mit

erkünstelter Sachlichkeit beurteilte er kennerhaft das Äußere der

„lässigen“ Frau, stellte fest, daß sie von vorn gesehen entschieden

jünger und hübscher wirke als im Profil, daß ihre Augen zu weit

auseinander lägen und ihre Haltung viel zu wünschen übriglasse, wofür

allerdings ihre Arme schön und „weich geformt“ seien. Und indem er dies

sagte, suchte er das Zittern seines Kopfes zu verbergen, wobei er aber

nicht nur erkennen mußte, daß die Lehrerin seine vergebliche Anstrengung

bemerkte, sondern auch mit dem größten Widerwillen die Wahrnehmung

machte, daß sie selber ebenfalls mit dem Kopfe zitterte. Auch war es

nichts als Politik und unnatürliche Schlauheit gewesen, daß er Frau

Chauchat als „schöne Minka“ bezeichnet hatte; denn so konnte er weiter

fragen:

„Ich sage ‚Minka‘, aber wie heißt sie denn eigentlich in Wirklichkeit.

Ich meine mit Vornamen. So vernarrt, wie Sie unstreitig in sie sind,

müssen Sie doch unbedingt ihren Vornamen wissen.“

Die Lehrerin dachte nach.

„Warten Sie, ich weiß ihn“, sagte sie. „Ich habe ihn gewußt. Heißt sie

nicht Tatjana? Nein, das war es nicht, und auch nicht Natascha. Natascha

Chauchat? Nein, so habe ichs nicht gehört. Halt, ich habe es! Awdotja

heißt sie. Oder es war doch etwas in diesem Charakter. Denn Katjenka

oder Ninotschka heißt sie nun einmal bestimmt nicht. Es ist mir

wahrhaftig entfallen. Aber ich kann es mit Leichtigkeit in Erfahrung

bringen, wenn Ihnen daran gelegen ist.“

Wirklich wußte sie am nächsten Tage den Namen. Sie sprach ihn beim

Mittagessen aus, als die Glastür ins Schloß schmetterte. Frau Chauchat

hieß Clawdia.

Hans Castorp verstand nicht gleich. Er ließ sich den Namen wiederholen

und buchstabieren, bevor er ihn auffaßte. Dann sprach er ihn mehrmals

nach, indem er dabei mit rot geäderten Augen zu Frau Chauchat

hinüberblickte und ihn ihr gewissermaßen anprobierte.

„Clawdia,“ sagte er, „ja, so mag sie wohl heißen, es stimmt ganz gut.“

Er machte kein Hehl aus seiner Freude über die intime Kenntnis und

sprach jetzt nur noch von „Clawdia“, wenn er Frau Chauchat meinte. „Ihre

Clawdia dreht ja Brotkugeln, habe ich eben gesehen. Fein ist das nicht.“

„Es kommt darauf an, wer es tut“, antwortete die Lehrerin. „Clawdia

steht es.“

Ja, die Mahlzeiten im Saal mit den sieben Tischen hatten den

allergrößten Reiz für Hans Castorp. Er bedauerte es, wenn eine davon zu

Ende ging, aber sein Trost war, daß er sehr bald, in zwei oder

zweieinhalb Stunden, wieder hier sitzen werde, und wenn er wieder hier

saß, so war es, als sei er nie aufgestanden. Was lag dazwischen? Nichts.

Ein kurzer Spaziergang zum Wasserlauf oder ins Englische Viertel, ein

wenig Ruhe im Stuhl. Das war keine ernste Unterbrechung, kein schwer zu

nehmendes Hindernis. Etwas anderes, wenn Arbeit, irgendwelche Sorgen und

Mühen sich vorgelagert hätten, die im Geiste nicht leicht zu übersehen,

zu übergehen gewesen wären. Dies war jedoch nicht der Fall im klug und

glücklich geregelten Leben des „Berghofs“. Hans Castorp konnte sich,

wenn er von einer gemeinsamen Mahlzeit aufstand, ganz unmittelbar auf

die nächste freuen, – sofern nämlich „sich freuen“ das richtige Wort war

für die Art von Erwartung, mit der er dem neuen Zusammensein mit der

kranken Frau Clawdia Chauchat entgegensah, und nicht ein zu leichtes,

vergnügtes, einfältiges und gewöhnliches. Möglicherweise ist der Leser

geneigt, nur solche Ausdrücke, nämlich vergnügte und gewöhnliche, in

bezug auf Hans Castorps Person und sein Innenleben als passend und

zulässig zu erachten; aber wir erinnern daran, daß er sich als ein

junger Mann von Vernunft und Gewissen auf den Anblick und die Nähe Frau

Chauchats nicht einfach „freuen“ konnte und, da wir es wissen müssen,

stellen wir fest, daß er dies Wort, wenn man es ihm angeboten hätte,

achselzuckend verworfen haben würde.

Ja, er wurde hochnäsig gegen gewisse Ausdrucksmittel, – das ist eine

Einzelheit, die angemerkt zu werden verdient. Er ging umher, indes seine

Wangen in trockener Hitze standen, und sang vor sich hin, sang in sich

hinein, denn sein Befinden war musikalisch und sensitiv. Er summte ein

Liedchen, das er, wer weiß wo und wann, in einer Gesellschaft oder bei

einem Wohltätigkeitskonzert einmal von einer kleinen Sopranstimme gehört

und jetzt in sich vorgefunden hatte, – einen sanften Unsinn, der anfing:

„Wie berührt mich wundersam

Oft ein Wort von dir“,

und er war im Begriffe, hinzuzusetzen:

„Das von deiner Lippe kam

Und zum Herzen mir!“ –

als er plötzlich die Achseln zuckte, „lächerlich“ sagte und das zarte

Liedchen als abgeschmackt und läppisch empfindsam verwarf und von sich

wies, – es mit einer gewissen Melancholie und Strenge von sich wies. An

solchem innigen Liedchen mochte irgendein junger Mann Genüge und

Gefallen finden, der „sein Herz“, wie man zu sagen pflegt, erlaubter-,

friedlicher- und aussichtsreicherweise irgendeinem gesunden Gänschen

dort unten im Flachlande „geschenkt“ hatte und sich nun seinen

erlaubten, aussichtsreichen, vernünftigen und im Grunde vergnügten

Empfindungen überließ. Für ihn und sein Verhältnis zu Madame Chauchat –

das Wort „Verhältnis“ kommt auf seine Rechnung, wir lehnen die

Verantwortung dafür ab – schickte sich ein solches Gedichtchen

entschieden nicht; in seinem Liegestuhl fand er sich bewogen, das

ästhetische Urteil „albern!“ darüber zu fällen und brach in der Mitte

ab, indem er die Nase rümpfte, obgleich er nichts Geeigneteres dafür

einzusetzen wußte.

Eins aber bereitete ihm Genugtuung, wenn er lag und auf sein Herz, sein

körperliches Herz achtete, das rasch und vernehmlich in der Stille

pochte, – der vorschriftsmäßigen Hausordnungsstille, die während der

Haupt- und Schlafliegekur über dem ganzen „Berghof“ waltete. Es pochte

hartnäckig und vordringlich, sein Herz, wie es das fast beständig tat,

seitdem er hier oben war; doch nahm Hans Castorp neuerdings weniger

Anstoß daran als in den ersten Tagen. Man konnte jetzt nicht mehr sagen,

daß es auf eigene Hand, grundlos und ohne Zusammenhang mit der Seele

klopfte. Ein solcher Zusammenhang war vorhanden oder doch unschwer

herzustellen; eine rechtfertigende Gemütsbewegung ließ sich der

exaltierten Körpertätigkeit zwanglos unterlegen. Hans Castorp brauchte

nur an Frau Chauchat zu denken – und er dachte an sie –, so besaß er zum

Herzklopfen das zugehörige Gefühl.

Aufsteigende Angst. Von den beiden Großvätern und der Kahnfahrt

im Zwielicht

Das Wetter war spottschlecht, – in dieser Beziehung hatte Hans Castorp

kein Glück mit seinem flüchtigen Aufenthalt in diesen Gegenden. Es

schneite nicht gerade, aber es regnete tagelang schwer und häßlich,

dicke Nebel erfüllten das Tal, und Gewitter von lächerlicher

Überflüssigkeit – denn es war ohnehin so kalt, daß man im Speisesaal

sogar geheizt hatte – entluden sich mit umständlich ausrollendem

Widerhall.

„Schade“, sagte Joachim. „Ich hatte gedacht, wir wollten mal mit dem

Frühstück auf die Schatzalp oder sonst etwas unternehmen. Aber es

scheint, es soll nicht sein. Hoffentlich wird deine letzte Woche

besser.“

Aber Hans Castorp antwortete:

„Laß nur. Ich brenne gar nicht auf Unternehmungen. Meine erste ist mir

nicht sonderlich bekommen. Ich erhole mich am besten, wenn ich so in den

Tag hineinlebe, ohne viel Abwechslung. Abwechslung ist für die

Langjährigen. Aber ich mit meinen drei Wochen, was brauche ich

Abwechslung.“

So war es, er fühlte sich ausgefüllt und beschäftigt an Ort und Stelle.

Wenn er Hoffnungen hegte, so blühten Erfüllung wie Enttäuschung ihm

hier, und nicht auf irgendeiner Schatzalp. Langeweile war es nicht, was

ihn plagte; im Gegenteil begann er zu fürchten, das Ende seines

Aufenthalts möchte allzu beschwingt erscheinen. Die zweite Woche schritt

vor, zwei Drittel seiner Zeit würden bald abgelebt sein, und brach erst

das dritte an, so dachte man schon an den Koffer. Die erste Auffrischung

von Hans Castorps Zeitsinn war längst vorbei; schon begannen die Tage

dahinzufliegen, und das taten sie, obgleich jeder einzelne von ihnen

sich in immer erneuter Erwartung dehnte und von stillen, verschwiegenen

Erlebnissen schwoll ... Ja, die Zeit ist ein rätselhaftes Ding, es hat

eine schwer klarzustellende Bewandtnis mit ihr!

Wird es nötig sein, jene verschwiegenen Erlebnisse, die Hans Castorps

Tage zugleich beschwerten und beschwingten, näher zu kennzeichnen? Aber

jedermann kennt sie, es waren durchaus die gewöhnlichen in ihrer

sensiblen Nichtigkeit, und in einem vernünftiger und aussichtsreicher

gelagerten Fall, auf den das abgeschmackte Liedchen „Wie berührt mich

wundersam“ anwendbar gewesen wäre, hätten sie sich auch nicht anders

abspielen können.

Unmöglich, daß Madame Chauchat von den Fäden, die sich von einem

gewissen Tische zu ihrem spannen, nicht irgend etwas hätte bemerken

sollen; und daß sie etwas, ja möglichst viel davon bemerke, lag

zügelloserweise durchaus in Hans Castorps Absichten. Wir nennen das

zügellos, weil er sich über die Vernunftwidrigkeit seines Falles völlig

im klaren war. Aber um wen es steht, wie es um ihn stand oder zu stehen

begann, der will, daß man drüben von seinem Zustande Kenntnis habe, auch

wenn kein Sinn und Verstand bei der Sache ist. So ist der Mensch.

Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig oder unter

magnetischer Einwirkung beim Essen nach jenem Tisch umgewandt hatte und

jedesmal den Augen Hans Castorps begegnet war, blickte sie zum

viertenmal mit Vorbedacht hinüber und begegnete seinen Augen auch

diesmal. In einem fünften Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar;

er war gerade nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort, daß sie

ihn ansah, und blickte ihr so eifrig entgegen, daß sie sich lächelnd

abwandte. Mißtrauen und Entzücken erfüllten ihn angesichts dieses

Lächelns. Wenn sie ihn für kindlich hielt, so täuschte sie sich. Sein

Bedürfnis nach Verfeinerung war bedeutend. Bei sechster Gelegenheit, als

er ahnte, spürte, die innere Kunde gewann, daß sie herüberblickte, tat

er, als betrachte er mit eindringlichem Mißfallen eine finnige Dame, die

an seinen Tisch getreten war, um mit der Großtante zu plaudern, hielt

eisern durch, wohl zwei oder drei Minuten lang, und gab nicht nach, bis

er sicher war, daß die Kirgisenaugen dort drüben von ihm abgelassen

hatten, – eine wunderliche Schauspielerei, die Frau Chauchat nicht nur

durchschauen mochte, sondern ausdrücklich durchschauen _sollte_, damit

Hans Castorps große Feinheit und Selbstbeherrschung sie nachdenklich

stimme ... Es kam zu folgendem. In einer Eßpause wandte Frau Chauchat

sich nachlässig um und musterte den Saal. Hans Castorp war auf dem

Posten gewesen: ihre Blicke trafen sich. Indes sie einander ansehen –

die Kranke unbestimmt spähend und spöttisch, Hans Castorp mit erregter

Festigkeit (er biß sogar die Zähne zusammen, während er ihren Augen

standhielt) – will ihr die Serviette entfallen, ist im Begriffe, ihr vom

Schoße zu Boden zu gleiten. Nervös zusammenzuckend greift sie danach,

aber auch ihm fährt es in die Glieder, es reißt ihn halbwegs vom Stuhle

empor, und blindlings will er über acht Meter Raum hinweg und um einen

zwischenstehenden Tisch herum ihr zu Hilfe stürzen, als würde es eine

Katastrophe bedeuten, wenn die Serviette den Boden erreichte ... Knapp

über dem Estrich wird sie ihrer noch habhaft. Aber aus ihrer gebückten

Haltung, überquer zu Boden geneigt, die Serviette am Zipfel und mit

verfinsterter Miene, offenbar ärgerlich über die unvernünftige kleine

Panik, der sie unterlegen und an der sie ihm, wie es scheint, die Schuld

gibt, – blickt sie noch einmal nach ihm zurück, bemerkt seine

Sprungstellung, seine emporgerissenen Brauen und wendet sich lächelnd

ab.

Über dies Vorkommnis triumphierte Hans Castorp bis zur Ausgelassenheit.

Jedoch blieb der Rückschlag nicht aus, denn Madame Chauchat wandte sich

nun volle zwei Tage lang, also während der Dauer von zehn Mahlzeiten,

überhaupt nicht mehr nach dem Saale um, ja, unterließ es sogar, sich bei

ihrem Eintritt, wie es sonst ihre Gepflogenheiten gewesen, dem Publikum

zu „präsentieren“. Das war hart. Aber da diese Unterlassungen sich ganz

ohne Zweifel auf ihn bezogen, so war eine Beziehung eben doch deutlich

vorhanden, wenn auch in negativer Gestalt; und das mochte genügen.

Er sah wohl, daß Joachim vollständig recht gehabt hatte mit seiner

Bemerkung, es sei gar nicht leicht, hier Bekanntschaft zu machen, außer

mit Tischgenossen. Denn während der einzigen knappen Stunde nach dem

Diner, in der eine gewisse Geselligkeit regelmäßig statthatte, die aber

oft auf zwanzig Minuten zusammenschrumpfte, saß Madame Chauchat ohne

Ausnahme mit ihrer Umgebung, dem hohlbrüstigen Herrn, der humoristischen

Wollhaarigen, dem stillen Dr. Blumenkohl und den hängeschultrigen

Jünglingen, im Hintergrunde des kleinen Salons, der dem „Guten

Russentisch“ vorbehalten schien. Auch drängte Joachim stets bald zum

Aufbruch, um die Abendliegekur nicht zu verkürzen, wie er sagte, und

vielleicht noch aus anderen diätetischen Gründen, die er nicht anführte,

die aber Hans Castorp ahnte und achtete. Wir erhoben den Vorwurf der

Zügellosigkeit gegen ihn, aber wohin seine Wünsche nun immer gehen

mochten, die gesellschaftliche Bekanntschaft mit Frau Chauchat war es

nicht, was er anstrebte, und mit den Umständen, die dagegen wirkten, war

er im Grunde einverstanden. Die unbestimmt gespannten Beziehungen, die

sein Schauen und Betreiben zwischen ihm und der Russin hergestellt

hatte, waren außergesellschaftlicher Natur, sie verpflichteten zu nichts

und durften zu nichts verpflichten. Denn ein beträchtliches Maß von

gesellschaftlicher Ablehnung vertrug sich wohl mit ihnen, auf seiner

Seite, und die Tatsache, daß er den Gedanken an „Clawdia“ dem Klopfen

seines Herzens unterlegte, genügte bei weitem nicht, den Enkel Hans

Lorenz Castorps in der Überzeugung wankend zu machen, daß er mit dieser

Fremden, die ihr Leben getrennt von ihrem Mann und ohne Trauring am

Finger an allen möglichen Kurorten verbrachte, sich mangelhaft hielt,

die Tür hinter sich zufallen ließ, Brotkugeln drehte und zweifellos an

den Fingern kaute, – daß er, sagen wir, in Wirklichkeit, das heißt: über

jene geheimen Beziehungen hinaus, nichts mit ihr zu schaffen haben

könne, daß tiefe Klüfte ihre Existenz von der seinen trennten, und daß

er vor keiner Kritik, die er anerkannte, mit ihr bestehen würde.

Einsichtigerweise war Hans Castorp ganz ohne persönlichen Hochmut; aber

ein Hochmut allgemeiner und weiter hergeleiteter Art stand ihm ja auf

der Stirn und um die etwas schläfrig blickenden Augen geschrieben, und

aus ihm entsprang das Überlegenheitsgefühl, dessen er sich beim Anblick

von Frau Chauchats Sein und Wesen nicht entschlagen konnte noch wollte.

Es war sonderbar, daß er sich dieses weitläufigen Überlegenheitsgefühls

besonders lebhaft und vielleicht überhaupt zum erstenmal bewußt wurde,

als er Frau Chauchat eines Tages Deutsch sprechen hörte, – sie stand,

beide Hände in den Taschen ihres Sweaters, nach Schluß einer Mahlzeit im

Saale, und mühte sich, wie Hans Castorp im Vorübergehen wahrnahm, im

Gespräch mit einer anderen Patientin, einer Liegehallengenossin

wahrscheinlich, auf übrigens reizende Art um die deutsche Sprache, Hans

Castorps Muttersprache, wie er mit plötzlichem und nie gekanntem Stolze

empfand, – wenn auch nicht ohne gleichzeitige Neigung, diesen Stolz dem

Entzücken aufzuopfern, womit ihr anmutiges Stümpern und Radebrechen ihn

erfüllte.

Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Verhältnis zu dem

nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein Ferienabenteuer, das vor dem

Tribunal der Vernunft – seines eigenen vernünftigen Gewissens –

keinerlei Anspruch auf Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb

nicht, weil Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich

wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer

Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps Vorsichts-

und Abstandsgefühlen stark beteiligt war ... Nein, ihre wirkliche

Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in den Sinn, und was das andere

betraf, so würde es ja in anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms

in die Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein.

Vorderhand allerdings stand es so mit ihm, daß er angefangen hatte, die

Gemütsbewegungen, Spannungen, Erfüllungen und Enttäuschungen, die ihm

aus seinen zarten Beziehungen zu der Patientin erwuchsen, als den

eigentlichen Sinn und Inhalt seines Ferienaufenthaltes zu betrachten,

ganz ihnen zu leben und seine Laune von ihrem Gedeihen abhängig zu

machen. Die Umstände leisteten ihrer Pflege den wohlwollendsten

Vorschub, denn man lebte bei feststehender und jedermann bindender

Tagesordnung auf beschränktem Raum beieinander, und wenn auch Frau

Chauchat in einem anderen Stockwerk – im ersten – zu Hause war (sie

hielt übrigens ihre Liegekur, wie Hans Castorp von der Lehrerin hörte,

in einer gemeinsamen Liegehalle, nämlich der, die sich auf dem Dache

befand, derselben, in der Hauptmann Miklosich neulich das Licht

abgedreht hatte), so war doch allein schon durch die fünf Mahlzeiten,

aber auch sonst auf Schritt und Tritt, vom Morgen bis zum Abend die

Möglichkeit, ja Unumgänglichkeit der Begegnung gegeben. Und auch dies,

ebenso wie das andere, daß keine Sorgen und Mühen die Aussicht

versperrten, fand Hans Castorp famos, wenn auch solches Eingesperrtsein

mit dem günstigen Ungefähr zugleich etwas Beklemmendes hatte.

Doch half er sogar noch ein bißchen nach, rechnete und stellte seinen

Kopf in den Dienst der Sache, um das Glück zu verbessern. Da Frau

Chauchat gewohnheitsmäßig verspätet zu Tische kam, so legte er es darauf

an, ebenfalls zu spät zu kommen, um ihr unterwegs zu begegnen. Er

versäumte sich bei der Toilette, war nicht fertig, wenn Joachim eintrat,

um ihn abzuholen, ließ den Vetter vorangehen und sagte, er käme gleich

nach. Beraten von dem Instinkt seines Zustandes, wartete er einen

gewissen Augenblick ab, der ihm der richtige schien, und eilte ins erste

Stockwerk hinab, wo er nicht die Treppe benutzte, die die Fortsetzung

derjenigen bildete, die ihn herabgeführt hatte, sondern den Korridor

fast bis ans Ende, bis zur anderen Treppe verfolgte, die einer längst

bekannten Zimmertür – es war die von Nr. 7 – nahegelegen war. Auf diesem

Wege, den Korridor entlang, von einer Treppe zur anderen, bot sozusagen

jeder Schritt eine Chance, denn jeden Augenblick konnte die bewußte Tür

sich öffnen, – und das tat sie wiederholt: krachend fiel sie hinter Frau

Chauchat zu, die für ihre Person lautlos hervorgetreten war und lautlos

zur Treppe glitt ... Dann ging sie vor ihm her und stützte das Haar mit

der Hand, oder Hans Castorp ging vor ihr her und fühlte ihren Blick in

seinem Rücken, wobei er ein Reißen in den Gliedern sowie ein

Ameisenlaufen den Rücken hinunter verspürte, in dem Wunsche aber, sich

vor ihr aufzuspielen, so tat, als wisse er nichts von ihr und führe sein

Einzelleben in kräftiger Unabhängigkeit, – die Hände in die Rocktaschen

grub und ganz unnötigerweise die Schultern rollte oder sich heftig

räusperte und sich dabei mit der Faust vor die Brust schlug, – alles, um

seine Unbefangenheit zu bekunden.

Zweimal trieb er die Abgefeimtheit noch weiter. Nachdem er am Eßtisch

schon Platz genommen, sagte er bestürzt und ärgerlich, indem er sich mit

beiden Händen betastete: „Da, ich habe mein Taschentuch vergessen! Jetzt

heißt es, sich noch einmal hinaufbequemen.“ Und er ging zurück, damit er

und „Clawdia“ einander _begegneten_, was denn doch noch etwas anderes,

gefährlicher und von schärferen Reizen war, als wenn sie vor oder hinter

ihm ging. Das erstemal, als er dies Manöver ausgeführt, maß sie ihn zwar

aus einiger Entfernung mit den Augen, und zwar recht rücksichtslos und

ohne Verschämtheit, von oben bis unten, wandte aber, herangekommen,

gleichgültig das Gesicht ab und ging so vorüber, so daß das Ergebnis

dieses Zusammentreffens nicht hoch zu veranschlagen war. Beim zweitenmal

aber sah sie ihn an, und nicht nur von weitem, – die ganze Zeit sah sie

ihn an, während des ganzen Vorganges, blickte ihm fest und sogar etwas

finster in das Gesicht und drehte im Vorübergehen sogar noch den Kopf

nach ihm, – es ging dem armen Hans Castorp durch Mark und Bein. Übrigens

sollte man ihn nicht bedauern, da er es nicht anders gewollt und alles

selbst in die Wege geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn

gewaltig, sowohl während sie sich abspielte wie namentlich noch

nachträglich; denn erst als alles vorüber war, sah er recht deutlich,

wie es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Gesicht so nahe, so

in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich gehabt: er hatte die

kurzen Härchen unterscheiden können, die sich aus dem Geflecht ihres

blonden, ein wenig ins Metallisch-Rötliche spielenden und einfach um den

Kopf geschlungenen Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war

gewesen zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersamen, ihm

aber von langer Hand her vertrauten Bildung, die ihm zusagte wie nichts

in der Welt: einer Bildung, fremdartig und charaktervoll (denn nur das

Fremde scheint uns Charakter zu haben), von nördlicher Exotik und

geheimnisreich, zur Ergründung auffordernd, insofern ihre Merkmale und

Verhältnisse nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende war wohl

die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie: sie bedrängte die

ungewohnt flach, ungewohnt weit voneinander liegenden Augen und trieb

sie ein wenig ins Schiefe, während sie zugleich die Ursache abgab für

das weiche Konkav der Wangen, das wiederum, von seiner Seite und

mittelbar, die leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte. Dann

aber waren da namentlich die Augen selbst gewesen, diese schmal und (so

fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft geschnittenen Kirgisenaugen,

deren Farbe das Graublau oder Blaugrau ferner Berge war, und die sich

zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht zum Sehen diente,

auf eine schmelzende Weise völlig ins Schleierig-Nächtige verdunkeln

konnten, – Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und etwas finster aus

nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung, Farbe, Ausdruck denen

Pribislav Hippes so auffallend und erschreckend ähnlich waren! „Ähnlich“

war gar nicht das richtige Wort, – es waren dieselben Augen; und auch

die Breite der oberen Gesichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles, bis

auf die gerötete Weiße der Haut, die gesunde Farbe der Wangen, die bei

Frau Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte und, wie bei allen hier

oben, nichts als ein oberflächliches Erzeugnis der Liegekur im Freien

war, – alles war ganz wie bei Pribislav, und nicht anders hatte dieser

ihn angesehen, wenn sie auf dem Schulhof aneinander vorübergingen.

Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war begeistert von der

Begegnung, und zugleich spürte er etwas wie aufsteigende Angst, eine

Beklemmung derselben Art, wie das Eingesperrtsein mit dem günstigen

Ungefähr auf engem Raum ihm verursachte: auch dies, daß der längst

vergessene Pribislav ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete

und ihn mit Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrtsein mit

Unumgänglichem oder Unentrinnbarem, – in beglückendem und ängstlichem

Sinn Unentrinnbarem. Es war hoffnungsreich und zugleich auch unheimlich,

ja bedrohlich, und ein Gefühl der Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans

Castorp an, – in seinem Inneren vollzogen sich unbestimmte und

instinktmäßige Bewegungen, die man als ein Sichumsehen, als ein Tasten

und Suchen nach Hilfe, nach Rat und Stütze hätte ansprechen mögen; er

dachte nacheinander an verschiedene Personen, an die zu denken etwa

zuträglich sein mochte.

Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner Seite, dessen

Augen in diesen Monaten einen so traurigen Ausdruck angenommen, und der

zuweilen so wegwerfend-heftig mit den Achseln zuckte, wie er es früher

nie und nimmer getan, – Joachim mit dem „Blauen Heinrich“ in der Tasche,

wie Frau Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit einem so störrisch

schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal in der Seele entsetzte

... Der redliche Joachim also war da, der Hofrat Behrens tirrte und

plagte, um fortzukommen und in der „Ebene“ oder im „Flachlande“, wie man

hier die Welt der Gesunden mit einem leisen, aber deutlichen Akzent von

Geringschätzung nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu können. Damit er

schneller dazu gelange und Zeit spare, mit der man hier so

verschwenderisch umging, hielt er denn vorerst einmal mit aller

Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, – tat es um seiner baldigen

Genesung willen, ohne Frage, aber, wie Hans Castorp manchmal zu spüren

glaubte, ein wenig doch auch um des Kurdienstes willen, der am Ende ein

Dienst war wie ein anderer, und Pflichterfüllung war Pflichterfüllung.

So drängte denn Joachim abends schon nach einer Viertelstunde aus der

Geselligkeit fort in die Liegekur, und das war gut, denn

seine militärische Genauigkeit kam dem zivilen Sinn Hans

Castorps gewissermaßen zu Hilfe, der sich sonst wohl, sinn- und

aussichtsloserweise, gern noch des längeren an der Geselligkeit

beteiligt hätte, mit Aussicht auf den kleinen Russensalon. Daß aber

Joachim so dringlich darauf bedacht war, die Abendgeselligkeit

abzukürzen, das hatte noch einen anderen, verschwiegenen Grund, auf den

sich Hans Castorp genau verstand, seit er Joachims fleckiges Erblassen

und jene eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sich in gewissen

Augenblicken verzerrte, so genau verstehen gelernt hatte. Denn auch

Marusja, die ewig lachlustige Marusja mit dem kleinen Rubin an ihrem

schönen Finger, dem Apfelsinenparfüm und der hohen, wurmstichigen Brust

war ja bei der Geselligkeit meistens zugegen, und Hans Castorp begriff,

daß dieser Umstand Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf eine

schreckliche Weise anzog. War auch Joachim „eingesperrt“, – noch enger

und beklemmender sogar als er selbst, da ja Marusja mit ihrem

Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch fünfmal am Tage mit ihnen

zusammen an demselben Eßtisch saß? Jedenfalls hatte Joachim viel zu viel

mit sich selbst zu tun, als daß sein Dasein eigentlich innerlich

hilfreich für Hans Castorp hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus

der Geselligkeit wirkte zwar ehrenhaft, aber nichts weniger als

beruhigend auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise auch vor,

als ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die Pflichttreue im

Kurdienst, die kundige Anleitung dazu, die er ihm zuteil werden ließ,

ihr Bedenkliches hätten.

Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und Stelle, aber es

schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer hier oben, die Joachim an

seiner Seite so dienstfromm beobachtete, hatte angefangen, in seinen

Augen das Gepräge einer heilig-selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit

anzunehmen, so daß ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier

gesehen, fast sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der

Handhabung der beiden Decken, mit denen man bei kalter Witterung in der

Liegekur ein ebenmäßig Paket, eine richtige Mumie aus sich machte,

schöne Gewandtheit gewonnen; es fehlte nicht viel, so tat er es Joachim

gleich in der sicheren Fertigkeit und Kunst, sie vorschriftsmäßig um

sich zu schlagen, und fast mußte er sich wundern bei dem Gedanken, daß

in der Ebene drunten niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift

wußte. Ja, das war wunderlich; – aber zugleich wunderte sich Hans

Castorp darüber, daß er es wunderlich fand, und jene Unruhe, die ihn

innerlich nach Rat und Stütze sich umsehen ließ, stieg neuerdings in ihm

auf.

Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen _sine pecunia_ erteilten

Rat, ganz so zu leben wie die Patientenschaft und sich sogar auch zu

messen, – und an Settembrini, der über diesen Rat so laut in die Luft

hinein gelacht und dann etwas aus der „Zauberflöte“ zitiert hatte. Ja,

auch an diese beiden dachte er probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut

täte. Hofrat Behrens war ja ein weißhaariger Mann, er hätte Hans

Castorps Vater sein können. Dazu war er Vorsteher der Anstalt, die

höchste Autorität, – und väterliche Autorität war es, wonach der junge

Hans Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis empfand. Und doch wollte es

ihm nicht gelingen, wenn er es versuchte, des Hofrats mit kindlichem

Vertrauen zu gedenken. Er hatte hier seine Frau begraben, ein Kummer,

von dem er vorübergehend etwas wunderlich geworden war, und dann war er

am Orte geblieben, weil das Grab ihn band, und außerdem weil er selbst

etwas abbekommen hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und

unzweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit sie recht bald

ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten? Seine Backen waren

beständig blau, und eigentlich sah er aus, als hätte er Übertemperatur.

Aber das mochte auf Täuschung beruhen und nur die Luft schuld sein an

dieser Gesichtsfarbe: Hans Castorp selber spürte hier ja tagein, tagaus

eine trockene Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne Thermometer

beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat reden hörte, konnte man

wieder zuweilen an Übertemperatur glauben; es war nicht ganz richtig mit

seiner Redeweise: sie klang so forsch und fidel und gemütlich, aber es

war etwas Sonderbares darin, etwas Exaltiertes, besonders wenn man die

blauen Backen mit in Betracht zog, sowie die tränenden Augen, die

aussahen, als weine er immer noch über seine Frau. Hans Castorp

erinnerte sich dessen, was Settembrini über des Hofrats „Schwermut“ und

„Lasterhaftigkeit“ ausgesagt, und daß er ihn eine „verworrene Seele“

genannt hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeutelei; aber er fand

trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, an Hofrat Behrens zu

denken.

Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst, der

Oppositionsmann, Windbeutel und „_homo humanus_“, wie er sich selber

nannte, der es ihm mit vielen prallen Worten verwiesen hatte, Krankheit

und Dummheit zusammen einen Widerspruch und ein Dilemma für das

menschliche Gefühl zu nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es

zuträglich, an ihn zu denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl, wie er

in mehreren der übermäßig lebhaften Träume, die hier oben seine Nächte

erfüllten, Ärgernis genommen an dem feinen, trockenen Lächeln des

Italieners, das sich unter der schönen Rundung seines Schnurrbartes

kräuselte, wie er ihn einen Drehorgelmann gescholten und ihn

wegzudrängen versucht hatte, weil er hier störe. Aber das war im Traum

gewesen, und der wachende Hans Castorp war ein anderer, weniger

ungehemmt als der des Traumes. Im Wachen mochte es etwas anderes sein, –

vielleicht tat er gut daran, es innerlich mit Settembrinis neuartigem

Wesen zu versuchen, – mit seiner Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie

larmoyant und geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen

genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den jungen Hans

Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden, – was ja freilich

so weit nicht zu gehen brauchte, daß er sich von Settembrini bestimmen

ließ, seinen Koffer zu packen und vor der Zeit abzureisen, wie jener es

neulich allen Ernstes in Vorschlag gebracht hatte.

_Placet experiri_, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel Latein

verstand er auch noch, ohne sich einen _homo humanus_ nennen zu dürfen.

Und so hatte er denn ein Auge auf Settembrini und hörte bereitwillig und

nicht ohne prüfende Aufmerksamkeit auf das, was er alles zum besten gab

bei Begegnungen, wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank an

der Bergwand oder nach „Platz“ hinab sich beiläufig ereigneten, oder bei

anderer Gelegenheit, zum Beispiel wenn Settembrini nach beendeter

Mahlzeit sich als erster erhob und in seinen karierten Beinkleidern,

einen Zahnstocher zwischen den Lippen, durch den Saal mit den sieben

Tischen schlenderte, um gegen alle Vorschrift und Übung ein wenig am

Tische der Vettern zu hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger

Haltung, mit gekreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit dem Zahnstocher

gestikulierend plauderte. Oder er zog auch einen Stuhl heran, nahm Platz

an einer Ecke zwischen Hans Castorp und der Lehrerin einerseits oder

zwischen Hans Castorp und Miß Robinson andererseits und sah zu, wie die

neun Tischgenossen ihren Nachtisch verzehrten, auf den er verzichtet zu

haben schien.

„Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis“, sagte er, indem er den

Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Personen mit einer

Verbeugung umfaßte. „Dieser Bierbrauer dort drüben ... von dem

verzweiflungsvollen Anblick der Bierbrauerin zu schweigen. Aber dieser

Herr Magnus, – soeben hat er einen völkerpsychologischen Vortrag

gehalten. Wollen Sie hören? ‚Unser liebes Deutschland ist eine große

Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und ich

tausche unsere Gediegenheit für die Höflichkeit der andern nicht ein.

Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und hinten betrogen

werde?‘ In diesem Stile. Ich bin am Rand meiner Kräfte. Dann sitzt da

mir gegenüber ein armes Wesen mit Friedhofsrosen auf den Backen, eine

alte Jungfer aus Siebenbürgen, die ohne Unterbrechung von ihrem

‚Schwager‘ spricht, einem Menschen, von dem niemand etwas weiß, noch

wissen will. Kurzum, ich kann nicht mehr, ich habe mich aus dem Staub

gemacht.“

„Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen,“ sagte Frau Stöhr; „das

kann ich mir denken.“

„Exakt!“ rief Settembrini. „Das Panier! Ich sehe, hier weht ein anderer

Wind, – kein Zweifel, ich bin vor die rechte Schmiede gekommen.

Fluchtartig also ergriff ich es ... Wer so seine Worte zu setzen wüßte!

– Darf ich mich nach den Fortschritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau

Stöhr?“

Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. „Großer Gott,“ sagte

sie, „es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja selbst. Man tut zwei

Schritte vorwärts und drei zurück, – hat man fünf Monate abgesessen, so

kommt der Alte und legt einem ein halbes Jahr zu. Ach, es sind

Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein

...“

„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tantalus endlich

einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise einmal den berühmten

Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame,

es gehen geheimnisvolle Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten von

Doppelgängerei, Astralleibern ... Ich habe daran nicht geglaubt bisher,

aber was sich mit Ihnen zuträgt, macht mich irre ...“

„Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir treiben.“

„Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie mich zuerst über

gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz, und wir werden von Ergötzlichkeit

reden können! Ich mache mir gestern abend zwischen halb zehn und zehn

Uhr ein wenig Bewegung im Garten – ich blicke dabei die Balkons entlang

– das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das Dunkel. Sie

befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, Vernunft und

Vorschrift. ‚Da liegt unsere schöne Kranke‘, sage ich zu mir selbst,

‚und beobachtet treulich die Verordnung, um baldigst heimkehren zu

können in die Arme des Herrn Stöhr.‘ Und vor wenigen Minuten, was höre

ich? Daß Sie zu derselben Stunde im _cinematógrafo_ (Herr Settembrini

sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten Silbe) –

im _cinematógrafo_ der Kurhausarkaden gesehen worden sind und hernach

noch in der Konditorei bei Süßwein und irgendwelchen Baisers, und zwar

...“

Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre Serviette, stieß

Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl mit den Ellenbogen in die

Seiten, zwinkerte listig-vertraulich und gab auf alle Weise eine

stockdumme Selbstgefälligkeit zu erkennen. Sie pflegte abends zur

Täuschung der Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon

hinauszustellen, sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen

Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann wartete in Cannstatt auf

sie. Übrigens war sie nicht der einzige Patient, der diese Praktik übte.

„... und zwar,“ fuhr Settembrini fort, „hätten Sie diese Baisers – in

wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft des Hauptmanns

Miklosich aus Bukarest! Man versichert mir, er trage ein Korsett, aber

mein Gott, wie wenig fällt das hier ins Gewicht! Ich beschwöre Sie,

Madame, wo waren Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie

eingeschlafen, und während der irdische Teil Ihres Wesens einsam

Liegekur machte, erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft

des Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ...“

Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man kitzelt.

„Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll“, sagte

Settembrini. „Daß Sie die Baisers allein genossen und die Liegekur mit

dem Hauptmann Miklosich ausgeübt hätten ...“

„Hi, hi, hi ...“

„Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?“ fragte der

Italiener unvermittelt. „Jemand ist abgeholt worden, – vom Teufel

geholt, oder eigentlich von seiner Frau Mutter, einer tatkräftigen Dame,

sie hat mir gefallen. Es ist der junge Schneermann, Anton Schneermann,

der dort vorn am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein

Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir

keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh ers

gedacht. Anderthalb Jahre war er hier – mit seinen sechzehn; es waren

ihm eben noch sechs Monate zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß

nicht, wer Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf jeden

Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres Söhnchens in _Baccho

et ceteris_. Unangemeldet erscheint sie auf dem Plan, eine Matrone –

drei Köpfe größer als ich, weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton,

ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und

setzt ihn auf die Bahn. ‚Soll er zu Grund gehen,‘ sagt sie, ‚so kann ers

auch unten.‘ Und fort gehts nach Hause.“

Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini erzählte

drollig. Er zeigte sich auf dem Laufenden über die letzten Neuigkeiten,

obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben Derer hier oben so

kritisch-spöttisch verhielt. Er wußte alles. Er kannte die Namen und

ungefähr auch die Lebensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß

gestern bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion

vorgenommen worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom Herbst an

Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen werden würden. In der

letzten Nacht hatte sich, seiner Erzählung nach, das Hündchen der Madame

Capatsoulias aus Mytilene auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals

auf dem Nachttisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und

Tumult entstanden war, besonders, da man Madame Capatsoulias nicht

allein, sondern in Gesellschaft des Assessors Düstmund aus

Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr. Blumenkohl mußte lächeln über

diese Geschichte, die hübsche Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein

fast ersticken, und Frau Stöhr schrie gellend, indem sie die linke Brust

mit beiden Händen preßte.

Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von sich selbst

und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, gelegentlich der

Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mittagstisch, wenn die große

Mehrzahl der Patienten den Saal schon verlassen hatte und die drei

Herren noch eine Weile an ihrem Tafelende sitzenblieben, während die

Saaltöchter abräumten und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte,

deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu schmecken

begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber willig sich beeinflussen zu

lassen, hörte er den Erzählungen des Italieners zu, die ihm eine

sonderbare, durchaus neuartige Welt eröffneten.

Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand Advokat,

hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und etwas wie einen

politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter vorgestellt

hatte, – auch er ein Oppositionsmann, gleich dem Enkel, doch hatte er

das Ding in größerem, kühnerem Stile betrieben. Denn während Lodovico,

wie er selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand, das

Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof zu hecheln,

höhnische Kritik daran zu üben und im Namen einer schönen und tatfrohen

Menschlichkeit Verwahrung dagegen einzulegen, hatte jener den

Regierungen zu schaffen gemacht, gegen Österreich und die Heilige

Allianz konspiriert, die damals sein zerstückeltes Vaterland im Banne

dumpfer Knechtschaft gehalten hatten, und war eifriges Mitglied

gewisser, über Italien verbreiteter geheimer Gesellschaften gewesen, –

ein Carbonaro, wie Settembrini mit plötzlich gesenkter Stimme erklärte,

als sei es auch jetzt noch gefährlich, davon zu sprechen. Kurz, dieser

Giuseppe Settembrini stellte sich, nach den Erzählungen des Enkels, den

beiden Zuhörern als eine dunkle, leidenschaftliche und wühlerische

Existenz, als ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und bei aller

Achtung, deren sie sich höflicherweise befleißigten, gelang es ihnen

nicht ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abneigung, ja des Widerwillens

aus ihren Zügen zu verbannen. Freilich lagen die Dinge besonders: was

sie hörten, war lange her, fast hundert Jahre, es war Geschichte, und

aus der Geschichte, namentlich der alten, war ihnen das Wesen, von dem

sie hier vernahmen, die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und

unbeugsamen Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie gedacht

hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Berührung zu kommen. Auch

hatte sich mit dem Aufrührer- und Konspirantentum dieses Großvaters, wie

sie hörten, eine große Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er

einig und frei wissen wollte, – ja, sein umstürzlerisches Betreiben war

Frucht und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie

sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus die Vettern,

einen wie den andern, auch anmutete – denn sie waren gewohnt,

vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden Ordnungssinn

gleichzusetzen –, so mußten sie bei sich selber doch zugeben, daß, wie

dort und damals alles sich verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend

und loyale Gesetztheit mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche

Wesen mochte gleichbedeutend gewesen sein.

Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater Settembrini

gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter aller nach Freiheit

dürstenden Völker. Denn nach dem Scheitern eines gewissen Hand- und

Staatsstreichversuches, den man in Turin unternommen, und an dem er mit

Wort und Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des

Fürsten Metternich entkommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung dazu

benutzt, in Spanien für die Konstitution und in Griechenland für die

Unabhängigkeit des hellenischen Volkes zu kämpfen und zu bluten. Hier

war Settembrinis Vater zur Welt gekommen, – weshalb er denn wohl auch

ein so großer Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden

war, – geboren übrigens von einer Mutter deutschen Blutes, denn Giuseppe

hatte das Mädchen in der Schweiz geheiratet und bei seinen weiteren

Abenteuern mit sich geführt. Später, nach zehnjähriger Landflüchtigkeit,

hatte er in die Heimat zurückkehren können und zu Mailand als Advokat

gewirkt, keineswegs aber darauf verzichtet, die Nation durch das

gesprochene und geschriebene Wort, in Vers und Prosa zur Freiheit und

zur Herstellung der einheitlichen Republik aufzurufen, staatsumwälzende

Programme mit leidenschaftlich diktatorischem Schwung zu entwerfen und

klaren Stiles die Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des

allgemeinen Glückes zu verkünden. Eine Einzelheit, deren Settembrini,

der Enkel, erwähnte, machte besonderen Eindruck auf den jungen Hans

Castorp: daß nämlich Großvater Giuseppe sich zeit seines Lebens

ausschließlich in schwarzer Trauerkleidung unter seinen Mitbürgern

gezeigt habe, denn er sei ein Leidtragender, habe er gesagt, um Italien,

sein Vaterland, das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser

Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher ein

paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen Großvater denken,

der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, sich allezeit schwarz

getragen hatte, aber in gründlich anderem Sinne, als dieser Großvater

hier: an die altmodische Tracht dachte er, mit der Hans Lorenz Castorps

eigentliches, einer vergangenen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise

und unter Andeutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart angepaßt hatte,

bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen Gestalt (mit der

Tellerkrause) feierlich eingegangen war. Zwei auffallend

verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig gewesen! Hans Castorp

dachte darüber nach, indes seine Augen sich festsahen und er vorsichtig

den Kopf schüttelte, so, daß es ebensogut als ein Zeichen der

Bewunderung für Giuseppe Settembrini, wie auch als Befremdung und

Verneinung gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich, das

Fremdartige zu verurteilen, sondern hielt sich an, es bei Vergleich und

Feststellung bewenden zu lassen. Er sah den schmalen Kopf des alten Hans

Lorenz im Saale sich sinnend über das schwachgoldene Rund der

Taufschale, des stehend-wandernden Erbstückes neigen, – gerundeten

Mundes, denn seine Lippen bildeten die Vorsilbe „Ur“, diesen dumpfen und

frommen Laut, der an Orte erinnerte, an denen man in eine ehrerbietig

vorwärts wiegende Gangart verfiel. Und er sah Giuseppe Settembrini, die

Trikolore im Arm, mit geschwungenem Säbel und den schwarzen Blick

gelobend gen Himmel gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran

gegen die Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine

Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht, als er

sich persönlich oder halb persönlich ein wenig Partei fühlte. Denn

Großvater Settembrini hatte ja um politische Rechte gestritten, seinem

eigenen Großvater aber oder doch dessen Vorvätern hatten ursprünglich

alle Rechte gehört, und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier

Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ... Da waren sie nun

beide immer in Schwarz gegangen, der Großvater im Norden und der im

Süden, und beide zu dem Zweck, einen strengen Abstand zwischen sich und

die schlechte Gegenwart zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit

getan, der Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein Wesen

angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu Ehren eines

frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts. Ja, das waren zwei Welten oder

Himmelsgegenden, dachte Hans Castorp, und wie er gleichsam zwischen

ihnen stand, während Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die

eine, bald in die andere blickte, so, meinte er, habe er es schon einmal

erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im Abendzwielicht

auf einem holsteinischen See, im Spätsommer, vor einigen Jahren. Um

sieben Uhr war es gewesen, die Sonne war schon hinab, der annähernd

volle Mond im Osten über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte

zehn Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen Wasser

dahinruderte, eine verwirrende und träumerische Konstellation

geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, ein glasig nüchternes,

entschiedenes Tageslicht; aber wandte er den Kopf, so hatte er in eine

ebenso ausgemachte, höchst zauberhafte, von feuchten Nebeln

durchsponnene Mondnacht geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl

eine knappe Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht

und des Mondes ausgeglichen, und mit heiterem Staunen waren Hans

Castorps geblendete und vexierte Augen von einer Beleuchtung und

Landschaft zur anderen, vom Tage in die Nacht und aus der Nacht wieder

in den Tag gegangen. Daran also mußte er denken.

Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat Settembrini

bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehnten Betreiben nicht gut

geworden sein. Aber der allgemeine Grundsatz des Rechtes hatte ihn, wie

der Enkel glaubhaft machte, von Kindesbeinen bis an sein Lebensende

beseelt, und Hans Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe

und von einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in Anspruch

genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini es meinte, wenn er

diesen Grundsatz „die Quelle der Freiheit und des Fortschritts“ nannte.

Unter dem letzteren hatte Hans Castorp bisher so etwas verstanden, wie

die Entwicklung des Hebezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er

fand denn auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig

einschätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der Italiener

erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe Ehre in Hinsicht

darauf, daß dort das Schießpulver erfunden worden sei, welches den

Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel gemacht habe, sowie die

Druckerpresse: denn diese habe die demokratische Verbreitung der Ideen –

das heiße: die Verbreitung der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte

also Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit in

Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die Palme glaubte

reichen zu sollen, da es, während die anderen Völker noch in Aberglauben

und Knechtschaft dämmerten, als erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung

und Freiheit entrollt habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr,

Hans Castorps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie er

es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei der Bank am

Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser Mächte selbst willen zu

geschehen, sondern in Anbetracht ihrer Bedeutung für die moralische

Vervollkommnung der Menschen, – denn eine solche Bedeutung erklärte er

freudig ihnen beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und mehr

die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie schaffe,

den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die klimatischen

Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verlässigste Mittel, die

Völker einander nahe zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu

fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre

Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung

herbeizuführen. Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß,

jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts einem

Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Güte und des

Glückes entgegen, und auf diesem Wege sei die Technik das förderlichste

Vehikel, sagte er. Aber indem er so sprach, faßte er in _einer_

Auslassung des Atems Kategorien zusammen, die Hans Castorp bisher nur

weit voneinander getrennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik und

Sittlichkeit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom Heilande des

Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und der Vereinigung zuerst

offenbart, worauf die Druckerpresse die Verbreitung dieses Prinzipes

mächtig gefördert und endlich die große französische Staatsumwälzung es

zum Gesetz erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn auch

aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das allerbestimmteste

konfus an, obwohl Herr Settembrini es in so klare und pralle Worte

faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal in seinem Leben, und zwar zu

Beginn seines besten Mannesalters, habe sein Großvater sich recht von

Herzen glücklich gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser

Juli-Revolution gewesen. Laut und öffentlich habe er damals das Wort

gesprochen, daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben

die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier konnte Hans

Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den Tisch zu schlagen und sich bis

in den Grund seiner Seele zu wundern. Daß man drei Sommertage des Jahres

1830, an welchen die Pariser sich eine neue Verfassung gegeben, neben

die sechs stellen solle, in denen Gott der Herr die Feste von den

Wassern geschieden und die ewigen Himmelslichter sowie Blumen, Bäume,

Vögel, Fische und alles Leben geschaffen hatte, schien ihm stark, und

noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim, ausdrücklich und

gesprächsweise, fand er es überaus stark, ja geradezu anstößig.

Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im Sinne des

Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, und so legte er dem

Proteste, den seine Pietät und sein Geschmack gegen die Settembrinische

Anordnung der Dinge erhoben, Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm

lästerlich vorkam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn

abgeschmackt anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Überschwang

wenigstens dort und damals gewesen sein mochte: so zum Beispiel, wenn

Großvater Settembrini die Barrikaden den „Volksthron“ genannt und

erklärt hatte, es gelte, „die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit

zu weihen“.

Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, nicht

ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl war dabei, außer

jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des Reisenden und Hospitanten, der

sich gegen keinen Eindruck verhärtet und die Dinge an sich herankommen

läßt, in dem Bewußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel

lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: – etwas wie eine

Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau zu sein, die Vorschrift und

Mahnung eines irgendwie schlechten Gewissens, bestimmte ihn, dem

Italiener zuzuhören, ein Bein über das andere geschlagen und an seiner

Maria Mancini ziehend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel

gegen den Berghof emporstiegen.

Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei Prinzipien im

Kampf um die Welt: die Macht und das Recht, die Tyrannei und die

Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Prinzip des Beharrens und

dasjenige der gärenden Bewegung, des Fortschritts. Man konnte das eine

das asiatische Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn

Europa war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden

Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die

untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel, welcher der beiden Mächte

endlich der Sieg zufallen würde, – es war die der Aufklärung, der

vernunftgemäßen Vervollkommnung. Denn immer neue Völker raffte die

Menschlichkeit auf ihrem glänzenden Wege mit fort, immer mehr Erde

eroberte sie in Europa selbst und begann, nach Asien vorzudringen. Doch

fehlte noch viel an ihrem vollen Siege, und noch große und edelmütige

Anstrengungen waren von den Wohlgesinnten, von denen, welche das Licht

erhalten hatten, zu machen, bis nur erst der Tag kam, wo auch in den

Ländern unseres Erdteils, die in Wahrheit weder ein achtzehntes

Jahrhundert noch ein 1789 erlebt hatten, die Monarchien und Religionen

zusammenstürzen würden. Aber dieser Tag werde kommen, sagte Settembrini

und lächelte fein unter seinem Schnurrbart, – er werde, wenn nicht auf

Taubenfüßen, so auf Adlersschwingen kommen und anbrechen als die

Morgenröte der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zeichen der Vernunft,

der Wissenschaft und des Rechtes; die heilige Allianz der bürgerlichen

Demokratie werde er bringen, das leuchtende Gegenstück zu jener dreimal

infamen Allianz der Fürsten und Kabinette, deren persönlicher Todfeind

Großvater Giuseppe gewesen, – mit einem Worte die Weltrepublik. Zu

diesem Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, das

knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkte und Lebensnerv seines

Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. Österreich gelte es aufs Haupt

zu schlagen und zu zerstören, einmal um Rache zu nehmen für Vergangenes

und dann, um die Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die

Wege zu leiten.

Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembrinis wohllautenden

Ergießungen interessierte Hans Castorp nun gar nicht mehr, sie mißfiel

ihm, ja berührte ihn peinlich wie eine persönliche oder nationale

Verbissenheit, sooft sie wiederkehrte, – von Joachim Ziemßen zu

schweigen, der, wenn der Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit

verfinsterten Brauen den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch wohl

zum Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken suchte. Auch Hans

Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen Abwegigkeiten Aufmerksamkeit

zu schenken, – offenbar lagen sie außer der Grenze dessen, wovon

versuchsweise sich beeinflussen zu lassen eine Gewissensvorschrift ihn

mahnte, und zwar so vernehmbar mahnte, daß er selbst, wenn Herr

Settembrini sich zu ihnen setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn

aufforderte, sich über seine Ideen zu äußern.

Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Settembrini, seien

Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn alle drei hätten sie ihnen

ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet, der Großvater, Vater und

Enkel, ein jeder nach seiner Art: der Vater nicht weniger als der

Großvater Giuseppe, obgleich er nicht, wie dieser, ein politischer

Agitator und Freiheitskämpfer, sondern ein stiller und zarter Gelehrter,

ein Humanist an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der

Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und damit sei er

auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, was die Idee des

Menschen besudele und entwürdige. Man habe ihm eine übertriebene

Schätzung der Form zum Vorwurf gemacht; aber auch die schöne Form pflege

er lediglich um der Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze

zum Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und

Aberglauben, sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken

gewesen sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des Menschen, die

irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit und Lebensfreude

verfochten und dafür gehalten, daß der Himmel billig den Spatzen zu

überlassen sei. Prometheus! Er sei der erste Humanist gewesen, und er

sei identisch mit jenem Satanas, auf den Carducci seine Hymne gedichtet

... Ach, mein Gott, die Vettern hätten den alten Kirchenfeind zu Bologna

gegen die christliche Empfindsamkeit der Romantiker sollen sticheln und

wettern hören! Gegen Manzonis heilige Gesänge! Gegen die Schatten- und

Mondscheinpoesie des Romanticismo, den er der „bleichen Himmelsnonne

Luna“ verglichen habe! _Per Bacco_, es sei ein Hochgenuß gewesen! Und

hören sollen hätten sie auch, wie er, Carducci, Dante ausgelegt habe, –

als Bürger einer Großstadt habe er ihn gefeiert, der gegen Askese und

Weltverneinung die Tatkraft, die umwälzende und weltverbessernde,

verteidigt habe. Denn nicht den kränklichen und mystagogischen Schatten

der Beatrice habe der Dichter mit dem Namen der „_Donna gentile e

pietosa_“ geehrt; so heiße vielmehr seine Gattin, die im Gedicht das

Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, der praktischen Lebensarbeit

verkörpere ...

Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante gehört, und zwar

aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich nicht darauf, in Anbetracht

der Windbeutelei des Vermittlers; aber hörenswert war es immerhin, daß

Dante ein geweckter Großstädter gewesen sei. Und dann hörte er weiter

zu, wie Settembrini von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des

Enkels Lodovico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner

unmittelbaren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters und die

humanistische des Vaters, sich vereinigt, indem er nämlich ein Literat,

ein freier Schriftsteller geworden sei. Denn die Literatur sei nichts

anderes als eben dies: sie sei die Vereinigung von Humanismus und

Politik, welche sich um so zwangloser vollziehe, als ja Humanismus

selber schon Politik und Politik Humanismus sei ... Hier horchte Hans

Castorp auf und gab sich Mühe, es recht zu verstehen; denn er durfte nun

hoffen, Bierbrauer Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen und zu

erfahren, inwiefern die Literatur denn doch noch etwas anderes sei als

„schöne Charaktere“. Ob, fragte Settembrini, seine Zuhörer je von Herrn

Brunetto gehört hätten, Brunetto Latini, Stadtschreiber von Florenz um

1250, der ein Buch über die Tugenden und die Laster geschrieben? Dieser

Meister zuerst habe den Florentinern Schliff gegeben und sie das

Sprechen gelehrt sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der

Politik zu lenken. „Da haben Sie es, meine Herren!“ rief Settembrini.

„Da haben Sie es!“ Und er sprach vom „Worte“, vom Kultus des Wortes, der

Eloquenz, die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn das Wort

sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache das Leben

menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, – Humanität überhaupt, alle

Menschenwürde, Menschenachtung und menschliche Selbstachtung sei

untrennbar mit dem Worte, mit Literatur verbunden – („Siehst du wohl,“

sagte Hans Castorp später zu seinem Vetter, „siehst du wohl, daß es in

der Literatur auf die schönen Worte ankommt? Ich habe es gleich

gemerkt.“), – und so sei auch die Politik mit ihr verbunden, oder

vielmehr: sie gehe hervor aus dem Bündnis, der Einheit von Humanität und

Literatur, denn das schöne Wort erzeuge die schöne Tat. „Sie hatten in

Ihrem Lande,“ sagte Settembrini, „vor zweihundert Jahren einen Dichter,

einen prächtigen alten Plauderer, der großes Gewicht auf eine schöne

Handschrift legte, weil er meinte, daß eine solche zum schönen Stile

führe. Er hätte ein wenig weiter gehen sollen und sagen, daß ein schöner

Stil zu schönen Handlungen führe.“ Schön schreiben, das heiße beinahe

auch schon schön denken, und von da sei nicht weit mehr zum schönen

Handeln. Alle Sittigung und sittliche Vervollkommnung entstamme dem

Geiste der Literatur, diesem Geiste der Menschenehre, welcher zugleich

auch der Geist der Humanität und der Politik sei. Ja, dies alles sei

eins, sei ein und dieselbe Macht und Idee, und in _einen_ Namen könne

man es zusammenfassen. Wie dieser Name laute? Nun, dieser Name setze

sich aus vertrauten Silben zusammen, deren Sinn und Majestät die Vettern

aber gewiß so recht noch niemals begriffen hätten, – er laute:

Zivilisation! Und indem Settembrini dies Wort von den Lippen ließ, warf

er seine kleine, gelbe Rechte empor, wie jemand, der einen Toast

ausbringt.

Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar

unverbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert auf alle

Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem Sinne auch gegen

Joachim Ziemßen darüber aus, der aber gerade das Thermometer im Munde

hatte und also nur undeutlich antworten konnte, danach auch allzu

beschäftigt war, die Ziffer abzulesen und in die Tabelle einzutragen, um

sich zu Settembrinis Aspekten äußern zu können. Hans Castorp, wie wir

sagten, nahm gutwillig Kenntnis davon und öffnete ihnen zur Prüfung sein

Inneres: woraus vor allem erhellt, wie vorteilhaft der wachende Mensch

sich von dem blöde träumenden unterscheidet, – als welcher Hans Castorp

Herrn Settembrini schon mehrmals ins Gesicht hinein einen Drehorgelmann

geschimpft und ihn aus allen Kräften von der Stelle zu drängen versucht

hatte, weil er „hier störe“; als Wachender aber hörte er ihm höflich und

aufmerksam zu und suchte rechtlich gesinnt die Widerstände auszugleichen

und niederzuhalten, die sich gegen des Mentors Anordnungen und

Darstellungen in ihm erheben wollten. Denn daß gewisse Widerstände in

seiner Seele sich regten, soll nicht geleugnet werden: es waren solche,

die von früher her, ursprünglich und immer schon darin vorhanden

gewesen, wie auch solche, die sich aus der gegenwärtigen Sachlage

besonders ergaben, aus seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen

Erlebnissen bei Denen hier oben.

Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewissen! Wie

versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht die Erlaubnis zur

Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl, um der Billigkeit, des

Gleichgewichts willen hörte Hans Castorp Herrn Settembrini zu und prüfte

wohlmeinend seine Aspekten über die Vernunft, die Republik und den

schönen Stil, bereit, sich davon beeinflussen zu lassen. Desto

statthafter aber fand er es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen

wieder in anderer, in _entgegengesetzter_ Richtung freien Lauf zu

lassen, – ja, um unseren ganzen Verdacht oder unsere ganze Einsicht

auszusprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini nur zu dem

_Zwecke_ gelauscht, von seinem Gewissen einen Freibrief zu erlangen, den

es ihm ursprünglich nicht hatte ausfertigen wollen. Was oder wer aber

befand sich auf dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und

der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein

Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand

sich ... Clawdia Chauchat, – schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und

indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist „gedenken“ ein allzu

gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), war

es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen See und

blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen Ufers vexierten und

geblendeten Auges hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der

östlichen Himmel.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 33 / 45 题