„Tag“, sagte Joachim. „Das war ja nun deine erste Nacht hier oben. Bist
du zufrieden?“
Er war fertig zum Ausgehen, sportlich gekleidet, in kräftig gearbeiteten
Stiefeln, und trug über dem Arm seinen Ulster, in dessen Seitentasche
sich die flache Flasche abzeichnete. Einen Hut hatte er auch heute
nicht.
„Danke,“ erwiderte Hans Castorp, „es geht. Ich will weiter nicht
urteilen. Etwas konfus geträumt habe ich, und dann hat das Haus ja den
Nachteil, daß es sehr hellhörig ist, das ist etwas lästig. Wer ist denn
die Schwarze da draußen im Garten?“
Joachim wußte sogleich, wer gemeint war.
„Ach, das ist ‚_Tous-les-deux_‘“, sagte er. „So wird sie allgemein
genannt hier von uns, denn das ist das einzige, was man von ihr zu hören
bekommt. Mexikanerin, weißt du, kann kein Wort deutsch und auch
französisch fast gar nicht, nur ein paar Brocken. Sie ist seit fünf
Wochen hier bei ihrem ältesten Sohn, einem vollständig hoffnungslosen
Fall, der jetzt ziemlich rasch eingehen wird, – er hat es schon überall,
durch und durch vergiftet ist er, kann man wohl sagen, das sieht dann
zuletzt ungefähr wie Typhus aus, sagt Behrens, – scheußlich für alle
Beteiligten jedenfalls. Vor vierzehn Tagen kam nun der zweite Sohn
herauf, weil er den Bruder noch sehen wollte –, bildhübscher Kerl
übrigens, wie auch der andere, – beide sind bildhübsche Kerle, so
glutäugig, die Damen waren ganz aus dem Häuschen. Na, der jüngere hatte
unten ja wohl schon ein bißchen gehustet, war aber sonst ganz munter
gewesen. Und kaum ist er hier, was meinst du, kriegt er Temperatur, –
aber gleich 39,5, höchstes Fieber, verstehst du, legt sich ins Bett, und
wenn er noch aufkommt, sagt Behrens, dann hat er mehr Glück als
Verstand. Jedenfalls sei es die höchste Zeit gewesen, sagt er, daß er
heraufkam ... Ja, und seitdem geht die Mutter nun so herum, wenn sie
nicht bei ihnen sitzt, und wenn man sie anspricht, sagt sie immer nur
‚_Tous les deux!_‘ denn mehr kann sie nicht sagen, und hier ist im
Augenblick niemand, der spanisch versteht.“
„So ist es also mit der“, sagte Hans Castorp. „Ob sie es wohl auch zu
mir sagen wird, wenn ich sie kennenlerne? Das wäre doch sonderbar, – ich
meine, es wäre komisch und unheimlich zu gleicher Zeit“, sagte er, und
seine Augen waren wie gestern: sie schienen ihm heiß und schwer, als
habe er lange geweint, und jenen Glanz hatten sie wieder, den der
neuartige Husten des Herrenreiters darin entzündet. Überhaupt kam es ihm
vor, als habe er jetzt erst den Anschluß ans Gestrige gefunden, als sei
er gleichsam wieder im Bilde, was nach seinem Erwachen zunächst so recht
nicht der Fall gewesen war. Er sei übrigens fertig, erklärte er, indem
er etwas Lavendelwasser auf sein Taschentuch träufelte und sich die
Stirn und die Gegend unter den Augen damit betupfte. „Wenn es dir recht
ist, können wir _tous les deux_ zum Frühstück gehen“, scherzte er mit
einem Gefühl von ausschweifendem Übermut, worauf Joachim ihn sanft
anblickte und eigentümlich dazu lächelte, melancholisch und etwas
spöttisch, wie es schien, – warum, das war seine Sache.
Nachdem Hans Castorp sich überzeugt, daß er zu rauchen bei sich habe,
nahm er Stock, Mantel und Hut, auch diesen, trotzigerweise, denn er war
seiner Lebensform und Gesittung allzu gewiß, um sich so leicht und auf
bloße drei Wochen fremden und neuen Gebräuchen zu fügen –, und so gingen
sie denn, gingen die Treppen hinab, und auf den Korridoren wies Joachim
auf diese und jene Tür und nannte die Namen der Inwohner, deutsche Namen
und solche von allerlei fremdem Klang, indem er kurze Anmerkungen über
ihren Charakter und die Schwere ihres Falles hinzufügte.
Sie begegneten auch Personen, die schon vom Frühstück zurückkehrten, und
wenn Joachim jemandem Guten Morgen sagte, lüftete Hans Castorp höflich
den Hut. Er war gespannt und nervös wie ein junger Mensch, der im
Begriffe ist, sich vielen fremden Leuten zu präsentieren und der dabei
von dem deutlichen Gefühl geplagt ist, trübe Augen und ein rotes Gesicht
zu haben, was übrigens nur teilweise zutraf, denn er war vielmehr blaß.
„Ehe ich es vergesse!“ sagte er plötzlich mit einem gewissen blinden
Eifer. „Du kannst mich gern der Dame im Garten vorstellen, wenn es sich
gerade so macht, dagegen habe ich nichts. Sie soll nur immerhin ‚_tous
les deux_‘ zu mir sagen, das macht mir gar nichts, ich bin ja
vorbereitet und verstehe den Sinn und werde schon das richtige Gesicht
dazu machen. Aber mit dem russischen Ehepaar wünsche ich nicht
bekanntzuwerden, hörst du? Das will ich ausdrücklich nicht. Es sind
überaus unmanierliche Leute, und wenn ich schon drei Wochen lang neben
ihnen wohnen soll und es nicht anders einzurichten war, so will ich sie
doch nicht kennen, das ist mein gutes Recht, daß ich mir das mit aller
Bestimmtheit verbitte ...“
„Schön“, sagte Joachim. „Haben sie dich denn so gestört? Ja, es sind
gewissermaßen Barbaren, unzivilisiert mit einem Wort, ich hab es dir ja
im voraus gesagt. Er kommt immer in einer Lederjoppe zum Essen, –
abgeschabt sage ich dir, mich wundert immer, daß Behrens nicht dagegen
einschreitet. Und sie ist auch nicht die Propperste, trotz ihrem
Federhut ... Übrigens kannst du ganz unbesorgt sein, sie sitzen weit von
uns fort, am Schlechten Russentisch, denn es gibt einen Guten
Russentisch, wo nur feinere Russen sitzen –, und es ist kaum eine
Möglichkeit, daß du mit ihnen zusammentriffst, selbst wenn du wolltest.
Es ist überhaupt nicht leicht, Bekanntschaften zu machen, schon weil so
viele Ausländer unter den Gästen sind, und ich selbst kenne persönlich
nur wenige, so lange ich hier bin.“
„Wer ist denn krank von den beiden?“ fragte Hans Castorp. „Er oder sie?“
„Er, glaube ich. Ja, nur er“, sagte Joachim merklich zerstreut, während
sie an den Garderobeständern vorm Speisesaal ablegten. Und dann traten
sie ein in den hellen, flachgewölbten Raum, wo Stimmen schwirrten, Gerät
klapperte und die Saaltöchter mit dampfenden Kannen umhereilten.
Sieben Tische standen im Speisesaal, die meisten in Längsrichtung, nur
zwei in die Quere. Es waren größere Tafeln, für zehn Personen jede, wenn
auch die Gedecke nicht überall vollzählig waren. Nur ein paar Schritte
schräg in den Saal hinein, und Hans Castorp war schon an seinem Platz:
er war ihm an der Schmalseite des Tisches bereitet, der mitten vorn
stand, zwischen den beiden querstehenden. Aufrecht hinter seinem Stuhle,
verbeugte Hans Castorp sich steif und freundlich gegen die
Tischgenossen, mit denen Joachim ihn zeremoniell bekannt machte, und die
er kaum sah, geschweige, daß ihm ihre Namen ins Bewußtsein gedrungen
wären. Einzig Frau Stöhrs Person und Namen faßte er auf, und daß sie ein
rotes Gesicht und fettige aschblonde Haare hatte. Man konnte ihr die
Bildungsschnitzer wohl zutrauen, so störrisch unwissend war ihr
Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich und nahm beifällig wahr, daß man
das erste Frühstück hier als eine ernste Mahlzeit behandelte.
Es gab da Töpfe mit Marmeladen und Honig, Schüsseln mit Milchreis und
Haferbrei, Platten mit Rührei und kaltem Fleisch; Butter war freigebig
aufgestellt, jemand lüftete die Glasglocke über einem tränenden
Schweizer Käse, um davon abzuschneiden, und eine Schale mit frischem und
trockenem Obst stand obendrein in der Mitte des Tisches. Eine
Saaltochter in Schwarz und Weiß fragte Hans Castorp, was er zu trinken
wünsche: Kakao, Kaffee oder Tee. Sie war klein wie ein Kind, mit einem
alten, langen Gesicht, – eine Zwergin, wie er mit Schrecken erkannte. Er
sah seinen Vetter an, aber da dieser nur gleichmütig mit Schultern und
Brauen zuckte, als wollte er sagen: „Ja, nun, was weiter?“ so fügte er
sich in die Tatsachen, bat mit besonderer Höflichkeit um Tee, da es eine
Zwergin war, die ihn fragte, und begann Milchreis mit Zimt und Zucker zu
essen, während seine Augen über die anderen Speisen hingingen, von denen
zu kosten ihn verlangte, und über die Gästeschaft an den sieben Tischen,
Joachims Kollegen und Schicksalsgenossen, die alle innerlich krank waren
und schwatzend frühstückten.
Der Saal war in jenem neuzeitlichen Geschmack gehalten, welcher der
sachlichsten Einfachheit einen gewissen phantastischen Einschlag zu
geben weiß. Er war nicht sehr tief im Verhältnis zu seiner Länge und von
einer Art Wandelgang umlaufen, in dem Anrichten standen und der sich in
großen Bögen gegen den Innenraum mit den Tischen öffnete. Die Pfeiler,
bis zu halber Höhe mit Holz in Sandelpolitur bekleidet, dann glatt
geweißt, wie der obere Teil der Wände und die Decke, wiesen buntfarbige
Bandstreifen auf, einfältige und lustige Schablonen, die sich an den
weitgespannten Gurten des flachen Gewölbes fortsetzten. Mehrere
Kronenleuchter, elektrisch, aus blankem Messing, schmückten den Saal,
bestehend aus je drei übereinander gelagerten Reifen, welche mit
zierlichem Flechtwerk verbunden waren und an deren unterstem wie kleine
Monde Milchglasglocken im Kreise gingen. Es waren vier Glastüren da, –
an der entgegengesetzten Breitseite zwei, die hinaus auf eine
vorgelagerte Veranda gingen, eine dritte vorn links, die geradeswegs in
die vordere Halle führte, und dann jene, durch die Hans Castorp von
einem Flur aus eingetreten war, da Joachim ihn eine andere Treppe
hinabgeführt hatte, als gestern abend.
Er hatte zur Rechten ein unansehnliches Wesen in Schwarz mit flaumigem
Teint und matt erhitzten Backen, in der er etwas wie eine Nähterin oder
Hausschneiderin sah, wohl auch weil sie ausschließlich Kaffee mit
Buttersemmeln frühstückte und weil er die Vorstellung einer
Hausschneiderin von jeher mit derjenigen von Kaffee und Buttersemmeln
verbunden hatte. Zur Linken saß ihm ein englisches Fräulein, schon
angejahrt gleichfalls, sehr häßlich, mit dürren, verfrorenen Fingern,
die rundlich geschriebene Briefe aus der Heimat las und einen
blutfarbenen Tee dazu trank. Neben ihr folgte Joachim und dann Frau
Stöhr in einer schottischen Wollbluse. Die linke Hand hielt sie geballt
in der Nähe ihrer Wange, während sie speiste, und bemühte sich
sichtlich, beim Sprechen eine feingebildete Miene zu machen, indem sie
die Oberlippe von ihren schmalen und langen Hasenzähnen zurückzog. Ein
junger Mann mit dünnem Schnurrbart und einem Gesichtsausdruck, als habe
er etwas Schlechtschmeckendes im Munde, setzte sich neben sie und
frühstückte vollständig schweigend. Er kam herein, als Hans Castorp
schon saß, senkte im Gehen und ohne jemanden anzublicken einmal zum
Gruße das Kinn auf die Brust und nahm Platz, indem er es durch sein
Verhalten rundweg ablehnte, sich mit dem neuen Gaste bekannt machen zu
lassen. Vielleicht war er zu krank, um für solche Äußerlichkeiten noch
Sinn und Achtung zu haben oder überhaupt an seiner Umgebung Interesse zu
nehmen. Einen Augenblick saß ihm gegenüber ein außerordentlich mageres,
hellblondes junges Mädchen, das eine Flasche Yoghurt auf seinen Teller
entleerte, die Milchspeise auflöffelte und sich unverzüglich wieder
entfernte.
Die Unterhaltung am Tisch war nicht lebhaft. Joachim plauderte formell
mit Frau Stöhr, er erkundigte sich nach ihrem Befinden und vernahm mit
korrektem Bedauern, daß es zu wünschen übrig lasse. Sie klagte über
„Schlaffheit“. „Ich bin so schlaff!“ sagte sie gedehnt und zierte sich
auf ungebildete Weise. Auch habe sie beim Aufstehen schon 37,3 gehabt,
und wie werde es da erst nachmittags sein. Die Hausschneiderin bekannte
sich zu derselben Körpertemperatur, erklärte aber, daß sie sich im
Gegenteil aufgeregt fühle, innerlich gespannt und rastlos, so, als
stände ihr etwas Besonderes und Entscheidendes bevor, was doch gar nicht
der Fall sei, sondern es sei eine körperliche Erregung ohne seelische
Ursachen. Sie war doch wohl keine Hausschneiderin, denn sie sprach sehr
richtig und fast gelehrt. Übrigens fand Hans Castorp diese Aufgeregtheit
oder doch die Äußerung davon irgendwie unangemessen, ja fast anstößig
bei einem so unscheinbaren und geringen Geschöpf. Er fragte nacheinander
die Nähterin und Frau Stöhr, wie lange sie schon hier oben seien (jene
lebte seit fünf Monaten, diese seit sieben in der Anstalt), suchte
hierauf sein Englisch zusammen, um von seiner Nachbarin zur Rechten zu
erfahren, was für einen Tee sie da trinke (es war Hagebuttentee) und ob
er denn gut schmecke, was sie fast stürmisch bejahte, und sah dann in
den Saal hinein, in dem man kam und ging: das erste Frühstück war keine
streng gemeinsame Mahlzeit.
Er hatte ein wenig Furcht vor schreckhaften Eindrücken gehabt, aber er
fand sich enttäuscht: es ging ganz aufgeräumt zu hier im Saale, man
hatte nicht das Gefühl, sich an einer Stätte des Jammers zu befinden.
Gebräunte junge Leute beiderlei Geschlechts kamen trällernd herein,
sprachen mit den Saaltöchtern und hieben mit robustem Appetit in das
Frühstück ein. Auch reifere Personen waren da, Ehepaare, eine ganze
Familie mit Kindern, die Russisch sprach, auch halbwüchsige Jungen. Die
Frauen trugen fast sämtlich eng anliegende Jacken aus Wolle oder Seide,
sogenannte Sweater, weiß oder farbig, mit Fallkragen und Seitentaschen,
und es sah hübsch aus, wenn sie, beide Hände in diese Seitentaschen
vergraben, standen und plauderten. An mehreren Tischen wurden
Photographien herumgezeigt, neue, selbst angefertigte Aufnahmen ohne
Zweifel; an einem anderen tauschte man Briefmarken. Es wurde vom Wetter
gesprochen, davon, wie man geschlafen und wieviel man morgens im Munde
gemessen. Die meisten waren lustig, – ohne besonderen Grund
wahrscheinlich, sondern nur, weil sie keine unmittelbaren Sorgen hatten
und zahlreich beisammen waren. Einzelne freilich saßen, den Kopf in die
Hände gestützt, am Tische und starrten vor sich hin. Man ließ sie
starren und achtete nicht auf sie.
Plötzlich zuckte Hans Castorp geärgert und beleidigt zusammen. Eine Tür
war zugefallen, es war die Tür links vorn, die gleich in die Halle
führte, – jemand hatte sie zufallen lassen oder gar hinter sich ins
Schloß geworfen, und das war ein Geräusch, das Hans Castorp auf den Tod
nicht leiden konnte, das er von jeher gehaßt hatte. Vielleicht beruhte
dieser Haß auf Erziehung, vielleicht auf angeborener Idiosynkrasie, –
genug, er verabscheute das Türenwerfen und hätte jeden schlagen können,
der es sich vor seinen Ohren zuschulden kommen ließ. In diesem Fall war
die Tür obendrein mit kleinen Glasscheiben gefüllt, und das verstärkte
den Chok: es war ein Schmettern und Klirren. Pfui, dachte Hans Castorp
wütend, was ist denn das für eine verdammte Schlamperei! Da übrigens in
demselben Augenblick die Nähterin das Wort an ihn richtete, so hatte er
keine Zeit, festzustellen, wer der Missetäter gewesen sei. Doch standen
Falten zwischen seinen blonden Brauen, und sein Gesicht war peinlich
verzerrt, während er der Nähterin antwortete.
Joachim fragte, ob die Ärzte schon durchgekommen seien. Ja, zum
erstenmal seien sie dagewesen, antwortete jemand, – sie hätten den Saal
verlassen fast in dem Augenblick, als die Vettern gekommen seien. Dann
wollten sie gehen und nicht warten, meinte Joachim. Eine Gelegenheit zur
Vorstellung werde sich im Laufe des Tages ja finden. Aber an der Tür
wären sie fast mit Hofrat Behrens zusammengestoßen, der, gefolgt von Dr.
Krokowski, im Geschwindschritt hereinkam.
„Hoppla, Achtung die Herren!“ sagte Behrens. „Das hätte leicht schlecht
ablaufen können für die beiderseitigen Hühneraugen.“ Er sprach stark
niedersächsisch, breit und kauend. „So das sind _Sie_“, sagte er zu Hans
Castorp, den Joachim mit zusammengezogenen Absätzen präsentierte; „na,
freut mich.“ Und er gab dem jungen Mann seine Hand, die groß war wie
eine Schaufel. Er war ein knochiger Mann, wohl drei Köpfe höher als Dr.
Krokowski, schon ganz weiß auf dem Kopf, mit heraustretendem Genick,
großen, vorquellenden und blutunterlaufenen blauen Augen, in denen
Tränen schwammen, einer aufgeworfenen Nase und kurzgeschnittenem
Schnurrbärtchen, das schief gezogen war, und zwar infolge einer
einseitigen Schürzung der Oberlippe. Was Joachim von seinen Backen
gesagt hatte, bewahrheitete sich vollkommen, sie waren blau; und so
wirkte sein Kopf denn recht farbig gegen den weißen Chirurgenrock, den
er trug, einen über die Knie reichenden Gurtkittel, der unten seine
gestreiften Hosen und ein paar kolossale Füße in gelben und etwas
abgenutzten Schnürstiefeln sehen ließ. Auch Dr. Krokowski war im
Berufskleide, allein sein Kittel war schwarz, aus einem schwarzen
Lüsterstoff, hemdartig, mit Gummizügen an den Handgelenken, und hob
seine Blässe nicht wenig. Er verhielt sich rein assistierend und
beteiligte sich auf keine Weise an der Begrüßung, doch ließ eine
kritische Spannung seines Mundes erkennen, daß er sein untergeordnetes
Verhältnis als wunderlich empfinde.
„Vettern?“ fragte der Hofrat, indem er mit der Hand zwischen den jungen
Leuten hin und her deutete und mit seinen blutunterlaufenen blauen Augen
von unten blickte ... „Na, will er denn auch zum Kalbsfell schwören?“
sagte er zu Joachim und wies mit dem Kopf auf Hans Castorp ... „I, Gott
bewahre, – was? Ich habe doch gleich gesehen“ – und er sprach nun direkt
zu Hans Castorp –, „daß Sie so was Ziviles haben, so was Komfortables, –
nichts so Waffenrasselndes wie dieser Rottenführer da. Sie wären ein
besserer Patient als der, da möcht ich doch wetten. Das sehe ich jedem
gleich an, ob er einen brauchbaren Patienten abgeben kann, denn dazu
gehört Talent, Talent gehört zu allem, und dieser Myrmidon hier hat auch
kein bißchen Talent. Zum Exerzieren, das weiß ich nicht, aber zum
Kranksein gar nicht. Wollen Sie glauben, daß er immer weg will? Immerzu
will er weg, tirrt mich und plagt mich und kann es nicht erwarten, sich
da unten schinden zu lassen. So ein Biereifer! Kein halbes Jährchen will
er uns schenken. Und dabei ist es doch ganz schön hier bei uns, – nun
sagen Sie mal selbst, Ziemßen, ob es nicht ganz schön hier ist! Na, Ihr
Herr Vetter wird uns schon besser zu würdigen wissen, wird sich schon
amüsieren. Damenmangel ist auch nicht, – allerliebste Damen haben wir
hier. Wenigstens von außen sind manche ganz malerisch. Aber _Sie_
sollten sich etwas mehr Couleur anschaffen, hören Sie mal, sonst fallen
Sie ab bei den Damen! Grün ist ja wohl des Lebens goldner Baum, aber als
Gesichtsfarbe ist grün doch nicht ganz das Richtige. Total anämisch
natürlich“, sagte er, indem er ohne weiteres auf Hans Castorp zutrat und
ihm mit Zeige- und Mittelfinger ein Augenlid herunterzog.
„Selbstverständlich total anämisch, wie ich sagte. Wissen Sie was? Das
war gar nicht so dumm von Ihnen, daß Sie Ihr Hamburg mal auf einige Zeit
sich selbst überließen. Ist ja eine höchst dankenswerte Einrichtung,
dieses Hamburg; stellt uns immer ein nettes Kontingent mit seiner
feuchtfröhlichen Meteorologie. Aber wenn ich Ihnen bei dieser
Gelegenheit einen unmaßgeblichen Rat geben darf – ganz _sine pecunia_,
wissen Sie –, so machen Sie, solange Sie hier sind, mal alles mit, was
Ihr Vetter macht. In Ihrem Fall kann man gar nichts Schlaueres tun, als
einige Zeit zu leben wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, und ein
bißchen Eiweiß anzusetzen. Das ist nämlich kurios hier bei uns mit dem
Eiweißstoffwechsel ... Obgleich die Allgemeinverbrennung erhöht ist,
setzt der Körper doch Eiweiß an ... Na, und Sie haben schön geschlafen,
Ziemßen? Fein, was? Also nun mal los mit dem Lustwandel! Aber nicht mehr
als ’ne halbe Stunde! Und nachher die Quecksilberzigarre ins Gesicht
gesteckt! Immer hübsch aufschreiben, Ziemßen! Dienstlich! Gewissenhaft!
Sonnabend will ich die Kurve sehen! Ihr Herr Vetter soll auch gleich
mitmessen. Messen kann nie was schaden. Morgen, die Herren! Gute
Unterhaltung! Morgen ... Morgen ...“ Und Dr. Krokowski schloß sich ihm
an, der weiter segelte, mit den Armen schlenkernd, die Handflächen ganz
nach hinten gekehrt, indem er nach rechts und links die Frage richtete,
ob man „schön“ geschlafen habe, was allgemein bejaht wurde.