Ehrbare Verfinsterung

Hans Castorp hatte gefürchtet, die Zeit zu verschlafen, da er so überaus

müde gewesen war, aber er war früher als nötig auf den Beinen und hatte

Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten ausführlich nachzukommen,

hochzivilisierten Gewohnheiten, unter denen eine Gummiwanne sowie eine

Holzschale mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel eine

Hauptrolle spielten, – und mit den Geschäften der Säuberung und der

Körperpflege das andere des Auspackens und Einräumens zu verbinden.

Während er den versilberten Hobel über seine mit parfümiertem Schaum

bedeckten Wangen führte, erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und

schüttelte nachsichtig lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im

Tageslicht der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über so viel

Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber frisch mit dem

jungen Tage.

Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten Backen, in

seiner _file d’écosse_-Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln auf den

Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst undurchsichtiger, nicht

ganz bis zum Geländer vortretender Glaswände in einzelne Zimmerbereiche

geteilt war. Der Morgen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke lagen

unbeweglich vor den seitlichen Höhen, während massiges Gewölk, weißes

und graues, auf das fernere Gebirge niederhing. Flecken und Streifen von

Himmelsblau waren hie und da sichtbar, und wenn ein Sonnenblick einfiel,

schimmerte die Ortschaft im Talgrunde weiß gegen die dunklen

Fichtenwälder der Hänge. Irgendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich in

demselben Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt hatte.

Choral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach einer Pause folgte ein

Marsch, und Hans Castorp, der Musik von Herzen liebte, da sie ganz

ähnlich auf ihn wirkte, wie sein Frühstücksporter, nämlich tief

beruhigend, betäubend, zum Dösen überredend, lauschte wohlgefällig, den

Kopf auf die Seite geneigt, mit offenem Munde und etwas geröteten Augen.

Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium herauf, die er

gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, sternförmiger Enzian stand im

feuchten Grase des Abhangs. Ein Teil der Plattform war als Garten

eingezäunt; dort gab es Kieswege, Blumenrabatten und eine künstliche

Felsengrotte zu Füßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech

gedeckte Halle, in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden,

und daneben war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet, an

deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, – eine

Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkunde, einem

Schlangenstab, in der Mitte.

Eine Frau ging im Garten umher, eine ältere Dame von düsterem, ja

tragischem Aussehen. Vollständig schwarz gekleidet und um das wirre

schwarzgraue Haar einen schwarzen Schleier gewunden, wanderte sie

ruhelos und gleichmäßig rasch, mit krummen Knien und steif nach vorn

hängenden Armen auf den Pfaden dahin und blickte, Querfalten in der

Stirn, mit kohlschwarzen Augen, unter denen schlaffe Hautsäcke hingen,

starr von unten geradeaus. Ihr alterndes, südlich blasses Gesicht mit

dem großen, verhärmten, einseitig abwärts gezogenen Mund erinnerte Hans

Castorp an das Bild einer berühmten Tragödin, das ihm einmal zu Gesichte

gekommen, und unheimlich war es zu sehen, wie die schwarzbleiche Frau,

offenbar ohne es zu wissen, ihre langen, gramvollen Tritte dem Takt der

herüberklingenden Marschmusik anpaßte.

Nachdenklich teilnehmend blickte Hans Castorp auf sie hinab, und ihm

war, als verdunkele ihre traurige Erscheinung die Morgensonne.

Gleichzeitig aber faßte er noch etwas anderes auf, etwas Hörbares,

Geräusche, die aus dem Nachbarzimmer zur Linken, dem Zimmer des

russischen Ehepaars, nach Joachims Angabe, kamen und gleichfalls nicht

zu dem heiteren, frischen Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie

klebrig zu verunreinigen schienen. Hans Castorp erinnerte sich, daß er

schon gestern abend dergleichen vernommen, doch hatte seine Müdigkeit

ihn gehindert, darauf zu achten. Es war ein Ringen, Kichern und Keuchen,

dessen anstößiges Wesen dem jungen Mann nicht lange verborgen bleiben

konnte, obgleich er sich anfangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu

deuten. Man hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben können,

zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder den ernsten und

schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzenden Namen der

Wahrheitsunlust und der Duckmäuserei, oder selbst den einer mystischen

Scheu und Frömmigkeit, – von alledem war etwas in Hans Castorps

Verhalten zu den Geräuschen nebenan, und physiognomisch drückte es sich

aus in einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene, so, als dürfe und

wolle er von dem, was er da hörte, nichts wissen: einem Ausdruck von

Sittsamkeit, der nicht ganz originell war, den er aber bei bestimmten

Gelegenheiten anzunehmen pflegte.

Mit dieser Miene also zog er sich von dem Balkon ins Zimmer zurück, um

nicht länger Vorgänge zu belauschen, die ihm ernst, ja erschütternd

schienen, obgleich sie sich unter Gekicher kundtaten. Aber im Zimmer war

das Treiben jenseits der Wand nur noch deutlicher zu hören. Es war eine

Jagd um die Möbel herum, wie es schien, ein Stuhl polterte hin, man

ergriff einander, es gab ein Klatschen und Küssen, und hierzu kam, daß

es nun Walzerklänge waren, die verbraucht melodiösen Phrasen eines

Gassenhauers, die von außen und fernher die unsichtbare Szene

begleiteten. Hans Castorp stand, das Handtuch in Händen, und horchte

wider besseren Willen. Und plötzlich errötete er unter seinem Puder,

denn was er deutlich hatte kommen sehen, war gekommen und das Spiel nun

ohne allen Zweifel ins Tierische übergegangen. Herrgott, Donnerwetter!

dachte er, indem er sich abwandte, um mit absichtlich geräuschvollen

Bewegungen seine Toilette zu beenden. Nun, es sind Eheleute, in Gottes

Namen, soweit ist die Sache in Ordnung. Aber am hellen Morgen, das ist

doch stark. Und mir ist ganz, als hätten sie schon gestern abend keinen

Frieden gehalten. Schließlich sind sie doch krank, da sie hier sind,

oder wenigstens einer von ihnen, da wäre etwas Schonung am Platze. Aber

das eigentlich Skandalöse ist selbstverständlich, dachte er zornig, daß

die Wände so dünn sind und man alles so deutlich hört, das ist doch ein

unhaltbarer Zustand! Billig gebaut natürlich, schändlich billig gebaut!

Ob ich die Leute nachher zu sehen bekomme oder ihnen gar vorgestellt

werde? Das wäre im höchsten Grade peinlich. Und hier wunderte sich Hans

Castorp, denn er bemerkte, daß die Röte, die ihm vorhin in die frisch

rasierten Wangen gestiegen war, nicht daraus weichen wollte, oder doch

nicht das Wärmegefühl, wovon sie begleitet gewesen, sondern fix darin

stand und nichts anderes als jene trockene Gesichtshitze war, an der er

gestern abend gelitten, deren er im Schlafe ledig geworden, und die bei

dieser Gelegenheit sich wieder eingestellt hatte. Das stimmte ihn nicht

freundlicher gegen die benachbarten Eheleute, vielmehr murmelte er mit

vorgeschobenen Lippen ein sehr absprechendes Wort gegen sie und beging

dann den Fehler, sein Gesicht nochmals mit Wasser zu kühlen, was das

Übel bedeutend verschlimmerte. So geschah es, daß seine Stimme mißmutig

schwankte, als er seinem Vetter antwortete, der ihm zurufend an die Wand

geklopft hatte, und daß er bei Joachims Eintritt nicht eben den Eindruck

eines erfrischten und morgenfrohen Menschen machte.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 18 / 45 题