Das tat Hans Castorp, und er äußerte: „Großartig!“

„Findest du?“ fragte Joachim.

Sie hatten die unregelmäßig bebaute, der Eisenbahn gleichlaufende Straße

ein Stück in der Richtung der Talachse verfolgt, hatten dann nach links

hin das schmale Geleise gekreuzt, einen Wasserlauf überquert und

trotteten nun auf sanft ansteigendem Fahrweg bewaldeten Hängen entgegen,

dorthin, wo auf niedrig vorspringendem Wiesenplateau, die Front

südwestlich gewandt, ein langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm, das vor

lauter Balkonlogen von weitem löcherig und porös wirkte wie ein Schwamm,

soeben die ersten Lichter aufsteckte. Es dämmerte rasch. Ein leichtes

Abendrot, das eine Weile den gleichmäßig bedeckten Himmel belebt hatte,

war schon verblichen, und jener farblose, entseelte und traurige

Übergangszustand herrschte in der Natur, der dem vollen Einbruch der

Nacht unmittelbar vorangeht. Das besiedelte Tal, lang hingestreckt und

etwas gewunden, beleuchtete sich nun überall, auf dem Grunde sowohl wie

da und dort an den beiderseitigen Lehnen, – an der rechten zumal, die

auslud, und an der Baulichkeiten terrassenförmig aufstiegen. Links

liefen Pfade die Wiesenhänge hinan und verloren sich in der stumpfen

Schwärze der Nadelwälder. Die entfernteren Bergkulissen, hinten am

Ausgang, gegen den das Tal sich verjüngte, zeigten ein nüchternes

Schieferblau. Da ein Wind sich aufgemacht hatte, wurde die Abendkühle

empfindlich.

„Nein, ich finde es offen gestanden nicht so überwältigend“, sagte Hans

Castorp. „Wo sind denn die Gletscher und Firnen und die gewaltigen

Bergesriesen? Diese Dinger sind doch nicht sehr hoch, wie mir scheint.“

„Doch, sie sind hoch“, antwortete Joachim. „Du siehst die Baumgrenze

fast überall, sie markiert sich ja auffallend scharf, die Fichten hören

auf, und damit hört alles auf, aus ist es, Felsen, wie du bemerkst. Da

drüben, rechts von dem Schwarzhorn, dieser Zinke dort, hast du sogar

einen Gletscher, siehst du das Blaue noch? Er ist nicht groß, aber es

ist ein Gletscher, wie es sich gehört, der Scaletta-Gletscher. Piz

Michel und Tinzenhorn in der Lücke, du kannst sie von hier aus nicht

sehen, liegen auch immer im Schnee, das ganze Jahr.“

„In ewigem Schnee“, sagte Hans Castorp.

„Ja, ewig, wenn du willst. Doch, hoch ist das alles schon. Aber wir

selbst sind scheußlich hoch, mußt du bedenken. Sechzehnhundert Meter

über dem Meer. Da kommen die Erhebungen nicht so zur Geltung.“

„Ja, war das eine Kletterei! Mir ist angst und bange geworden, kann ich

dir sagen. Sechzehnhundert Meter! Das sind ja annähernd fünftausend Fuß,

wenn ich es ausrechne. In meinem Leben war ich noch nicht so hoch.“ Und

Hans Castorp nahm neugierig einen tiefen, probenden Atemzug von der

fremden Luft. Sie war frisch – und nichts weiter. Sie entbehrte des

Duftes, des Inhaltes, der Feuchtigkeit, sie ging leicht ein und sagte

der Seele nichts.

„Ausgezeichnet!“ bemerkte er höflich.

„Ja, es ist ja eine berühmte Luft. Übrigens präsentiert sich die Gegend

heute abend nicht vorteilhaft. Manchmal nimmt sie sich besser aus,

besonders im Schnee. Aber man sieht sich sehr satt an ihr. Wir alle hier

oben, kannst du mir glauben, haben sie ganz unaussprechlich satt“, sagte

Joachim, und sein Mund wurde von einem Ausdruck des Ekels verzogen, der

übertrieben und unbeherrscht wirkte und ihn wiederum nicht gut kleidete.

„Du sprichst so sonderbar“, sagte Hans Castorp.

„Spreche ich sonderbar?“ fragte Joachim mit einer gewissen Besorgnis und

wandte sich seinem Vetter zu ...

„Nein, nein, verzeih, es kam mir wohl nur einen Augenblick so vor!“

beeilte sich Hans Castorp zu sagen. Er hatte aber die Wendung „Wir hier

oben“ gemeint, die Joachim schon zum dritten- oder viertenmal gebraucht

hatte und die ihn auf irgendeine Weise beklemmend und seltsam anmutete.

„Unser Sanatorium liegt noch höher als der Ort, wie du siehst“, fuhr

Joachim fort. „Fünfzig Meter. Im Prospekt steht ‚hundert‘, aber es sind

bloß fünfzig. Am allerhöchsten liegt das Sanatorium Schatzalp dort

drüben, man kann es nicht sehen. Die müssen im Winter ihre Leichen per

Bobschlitten herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.“

„Ihre Leichen? Ach so! Na, höre mal!“ rief Hans Castorp. Und plötzlich

geriet er ins Lachen, in ein heftiges, unbezwingliches Lachen, das seine

Brust erschütterte und sein vom kühlen Wind etwas steifes Gesicht zu

einer leise schmerzenden Grimasse verzog. „Auf dem Bobschlitten! Und das

erzählst du mir so in aller Gemütsruhe? Du bist ja ganz zynisch geworden

in diesen fünf Monaten!“

„Gar nicht zynisch“, antwortete Joachim achselzuckend. „Wieso denn? Das

ist den Leichen doch einerlei ... Übrigens kann es wohl sein, daß man

zynisch wird hier bei uns. Behrens selbst ist auch so ein alter Zyniker

– ein famoses Huhn nebenbei, alter Korpsstudent und glänzender

Operateur, wie es scheint, er wird dir gefallen. Dann ist da noch

Krokowski, der Assistent – ein ganz gescheutes Etwas. Im Prospekt ist

besonders auf seine Tätigkeit hingewiesen. Er treibt nämlich

Seelenzergliederung mit den Patienten.“

„Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!“ rief Hans

Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er war ihrer gar nicht

mehr Herr, nach allem andern hatte die Seelenzergliederung es ihm

vollends angetan, und er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der

Hand hervorliefen, mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte.

Joachim lachte ebenfalls herzlich – es schien ihm wohlzutun –, und so

kam es, daß die jungen Leute in großer Aufgeräumtheit aus ihrem Wagen

stiegen, der sie zuletzt im Schritt, auf steiler, schleifenförmiger

Anfahrt vor das Portal des Internationalen Sanatoriums Berghof getragen

hatte.

Der Zauberberg. Erster Band · 第 11 / 45 题