Ankunft

Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner

Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für

drei Wochen.

Von Hamburg bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise; zu weit

eigentlich im Verhältnis zu einem so kurzen Aufenthalt. Es geht durch

mehrerer Herren Länder, bergauf und bergab, von der süddeutschen

Hochebene hinunter zum Gestade des Schwäbischen Meeres und zu Schiff

über seine springenden Wellen hin, dahin über Schlünde, die früher für

unergründlich galten.

Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig, in direkten

Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und Umständlichkeiten. Beim

Orte Rorschach, auf schweizerischem Gebiet, vertraut man sich wieder der

Eisenbahn, gelangt aber vorderhand nur bis Landquart, einer kleinen

Alpenstation, wo man den Zug zu wechseln gezwungen ist. Es ist eine

Schmalspurbahn, die man nach längerem Herumstehen in windiger und wenig

reizvoller Gegend besteigt, und in dem Augenblick, wo die kleine, aber

offenbar ungewöhnlich zugkräftige Maschine sich in Bewegung setzt,

beginnt der eigentlich abenteuerliche Teil der Fahrt, ein jäher und

zäher Aufstieg, der nicht enden zu wollen scheint. Denn Station

Landquart liegt vergleichsweise noch in mäßiger Höhe; jetzt aber geht es

auf wilder, drangvoller Felsenstraße allen Ernstes ins Hochgebirge.

Hans Castorp – dies der Name des jungen Mannes – befand sich allein mit

seiner krokodilsledernen Handtasche, einem Geschenk seines Onkels und

Pflegevaters, Konsul Tienappel, um auch diesen Namen hier gleich zu

nennen, – seinem Wintermantel, der an einem Haken schaukelte, und seiner

Plaidrolle in einem kleinen grau gepolsterten Abteil; er saß bei

niedergelassenem Fenster, und da der Nachmittag sich mehr und mehr

verkühlte, so hatte er, Familiensöhnchen und Zärtling, den Kragen seines

modisch weiten, auf Seide gearbeiteten Sommerüberziehers aufgeschlagen.

Neben ihm auf der Bank lag ein broschiertes Buch namens „_Ocean

steamships_“, worin er zu Anfang der Reise bisweilen studiert hatte;

jetzt aber lag es vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem

der schwer keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpartikeln

verunreinigte.

Zwei Reisetage entfernen den Menschen – und gar den jungen, im Leben

noch wenig fest wurzelnden Menschen – seiner Alltagswelt, all dem, was

er seine Pflichten, Interessen, Sorgen, Aussichten nannte, viel mehr,

als er sich auf der Droschkenfahrt zum Bahnhof wohl träumen ließ. Der

Raum, der sich drehend und fliehend zwischen ihn und seine Pflanzstätte

wälzt, bewährt Kräfte, die man gewöhnlich der Zeit vorbehalten glaubt;

von Stunde zu Stunde stellt er innere Veränderungen her, die den von ihr

bewirkten sehr ähnlich sind, aber sie in gewisser Weise übertreffen.

Gleich ihr erzeugt er Vergessen; er tut es aber, indem er die Person des

Menschen aus ihren Beziehungen löst und ihn in einen freien und

ursprünglichen Zustand versetzt, – ja, selbst aus dem Pedanten und

Pfahlbürger macht er im Handumdrehen etwas wie einen Vagabunden. Zeit,

sagt man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie

weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher.

Dergleichen erfuhr auch Hans Castorp. Er hatte nicht beabsichtigt, diese

Reise sonderlich wichtig zu nehmen, sich innerlich auf sie einzulassen.

Seine Meinung vielmehr war gewesen, sie rasch abzutun, weil sie abgetan

werden mußte, ganz als derselbe zurückzukehren, als der er abgefahren

war, und sein Leben genau dort wieder aufzunehmen, wo er es für einen

Augenblick hatte liegen lassen müssen. Noch gestern war er völlig in dem

gewohnten Gedankenkreise befangen gewesen, hatte sich mit dem jüngst

Zurückliegenden, seinem Examen, und dem unmittelbar Bevorstehenden,

seinem Eintritt in die Praxis bei Tunder & Wilms (Schiffswerft,

Maschinenfabrik und Kesselschmiede), beschäftigt und über die nächsten

drei Wochen mit soviel Ungeduld hinweggeblickt, als seine Gemütsart nur

immer zuließ. Jetzt aber war ihm doch, als ob die Umstände seine volle

Aufmerksamkeit erforderten und als ob es nicht angehe, sie auf die

leichte Achsel zu nehmen. Dieses Emporgehobenwerden in Regionen, wo er

noch nie geatmet und wo, wie er wußte, völlig ungewohnte, eigentümlich

dünne und spärliche Lebensbedingungen herrschten, – es fing an, ihn zu

erregen, ihn mit einer gewissen Ängstlichkeit zu erfüllen. Heimat und

Ordnung lagen nicht nur weit zurück, sie lagen hauptsächlich klaftertief

unter ihm, und noch immer stieg er darüber hinaus. Schwebend zwischen

ihnen und dem Unbekannten fragte er sich, wie es ihm dort oben ergehen

werde. Vielleicht war es unklug und unzuträglich, daß er, geboren und

gewohnt, nur ein paar Meter über dem Meeresspiegel zu atmen, sich

plötzlich in diese extremen Gegenden befördern ließ, ohne wenigstens

einige Tage an einem Platze von mittlerer Lage verweilt zu haben? Er

wünschte, am Ziel zu sein, denn einmal oben, dachte er, würde man leben

wie überall und nicht so wie jetzt im Klimmen daran erinnert sein, in

welchen unangemessenen Sphären man sich befand. Er sah hinaus: der Zug

wand sich gebogen auf schmalem Paß; man sah die vorderen Wagen, sah die

Maschine, die in ihrer Mühe braune, grüne und schwarze Rauchmassen

ausstieß, die verflatterten. Wasser rauschten in der Tiefe zur Rechten;

links strebten dunkle Fichten zwischen Felsblöcken gegen einen

steingrauen Himmel empor. Stockfinstere Tunnel kamen, und wenn es wieder

Tag wurde, taten weitläufige Abgründe mit Ortschaften in der Tiefe sich

auf. Sie schlossen sich, neue Engpässe folgten, mit Schneeresten in

ihren Schründen und Spalten. Es gab Aufenthalte an armseligen

Bahnhofshäuschen, Kopfstationen, die der Zug in entgegengesetzter

Richtung verließ, was verwirrend wirkte, da man nicht mehr wußte, wie

man fuhr und sich der Himmelsgegenden nicht länger entsann. Großartige

Fernblicke in die heilig-phantasmagorisch sich türmende Gipfelwelt des

Hochgebirges, in das man hinan- und hineinstrebte, eröffneten sich und

gingen dem ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen wieder verloren. Hans

Castorp bedachte, daß er die Zone der Laubbäume unter sich gelassen

habe, auch die der Singvögel wohl, wenn ihm recht war, und dieser

Gedanke des Aufhörens und der Verarmung bewirkte, daß er, angewandelt

von einem leichten Schwindel und Übelbefinden, für zwei Sekunden die

Augen mit der Hand bedeckte. Das ging vorüber. Er sah, daß der Aufstieg

ein Ende genommen hatte, die Paßhöhe überwunden war. Auf ebener Talsohle

rollte der Zug nun bequemer dahin.

Es war gegen acht Uhr, noch hielt sich der Tag. Ein See erschien in

landschaftlicher Ferne, seine Flut war grau, und schwarz stiegen

Fichtenwälder neben seinen Ufern an den umgebenden Höhen hinan, wurden

dünn weiter oben, verloren sich und ließen nebelig-kahles Gestein

zurück. Man hielt an einer kleinen Station, es war Davos-Dorf, wie Hans

Castorp draußen ausrufen hörte, er würde nun binnen kurzem am Ziele

sein. Und plötzlich vernahm er neben sich Joachim Ziemßens Stimme,

seines Vetters gemächliche Hamburger Stimme, die sagte: „Tag, du, nun

steige nur aus“; und wie er hinaussah, stand unter seinem Fenster

Joachim selbst auf dem Perron, in braunem Ulster, ganz ohne

Kopfbedeckung und so gesund aussehend wie in seinem Leben noch nicht. Er

lachte und sagte wieder:

„Komm nur heraus, du, geniere dich nicht!“

„Ich bin aber noch nicht da“, sagte Hans Castorp verdutzt und noch immer

sitzend.

„Doch, du bist da. Dies ist das Dorf. Zum Sanatorium ist es näher von

hier. Ich habe ’nen Wagen mit. Gib mal deine Sachen her.“

Und lachend, verwirrt, in der Aufregung der Ankunft und des Wiedersehens

reichte Hans Castorp ihm Handtasche und Wintermantel, die Plaidrolle mit

Stock und Schirm und schließlich auch „_Ocean steamships_“ hinaus. Dann

lief er über den engen Korridor und sprang auf den Bahnsteig zur

eigentlichen und sozusagen nun erst persönlichen Begrüßung mit seinem

Vetter, die sich ohne Überschwang, wie zwischen Leuten von kühlen und

spröden Sitten, vollzog. Es ist sonderbar zu sagen, aber von jeher

hatten sie es vermieden, einander beim Vornamen zu nennen, einzig und

allein aus Scheu vor zu großer Herzenswärme. Da sie sich aber doch nicht

gut mit Nachnamen anreden konnten, so beschränkten sie sich auf das Du.

Das war eingewurzelte Gewohnheit zwischen den Vettern.

Ein Mann in Livree, mit Tressenmütze, sah zu, wie sie einander – der

junge Ziemßen in militärischer Haltung – rasch und ein bißchen verlegen

die Hände schüttelten, und kam dann heran, um sich Hans Castorps

Gepäckschein auszubitten; denn er war der Concierge des Internationalen

Sanatoriums „Berghof“ und zeigte sich willens, den großen Koffer des

Gastes vom Bahnhof „Platz“ zu holen, indes die Herren direkt mit dem

Wagen zum Abendbrot fuhren. Der Mann hinkte auffallend, und so war das

erste, was Hans Castorp Joachim Ziemßen fragte:

„Ist das ein Kriegsveteran? Was hinkt er denn so?“

„Ja, danke!“ erwiderte Joachim etwas bitter. „Ein Kriegsveteran! Der hat

es im Knie – oder hatte es doch, denn dann hat er sich die Kniescheibe

herausnehmen lassen.“

Hans Castorp besann sich so rasch er konnte. „Ja, so!“ sagte er, indem

er im Gehen den Kopf hob und sich flüchtig umblickte. „Du wirst mir doch

aber nicht weismachen wollen, daß du noch so etwas hast? Du siehst ja

aus, als ob du dein Portepee schon hättest und gerade aus dem Manöver

kämst.“ Und er sah den Vetter von der Seite an.

Joachim war größer und breiter als er, ein Bild der Jugendkraft und wie

für die Uniform geschaffen. Er war von dem sehr braunen Typus, den seine

blonde Heimat nicht selten hervorbringt, und seine ohnehin dunkle

Gesichtshaut war durch Verbrennung beinahe bronzefarben geworden. Mit

seinen großen schwarzen Augen und dem dunklen Schnurrbärtchen über dem

vollen, gut geschnittenen Munde wäre er geradezu schön gewesen, wenn er

nicht abstehende Ohren gehabt hätte. Sie waren sein einziger Kummer und

Lebensschmerz gewesen bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Jetzt hatte er

andere Sorgen. Hans Castorp fuhr fort:

„Du kommst doch gleich mit mir hinunter? Ich sehe wirklich kein

Hindernis.“

„Gleich mit dir?“ fragte der Vetter und wandte ihm seine großen Augen

zu, die immer sanft gewesen waren, in diesen fünf Monaten aber einen

etwas müden, ja traurigen Ausdruck angenommen hatten. „Gleich wann?“

„Na, in drei Wochen.“

„Ach so, du fährst wohl schon wieder nach Hause in deinen Gedanken“,

antwortete Joachim. „Nun, warte nur, du kommst ja eben erst an. Drei

Wochen sind freilich fast nichts für uns hier oben, aber für dich, der

du zu Besuch hier bist und überhaupt nur drei Wochen bleiben sollst, für

dich ist es doch eine Menge Zeit. Erst akklimatisiere dich mal, das ist

gar nicht so leicht, sollst du sehen. Und dann ist das Klima auch nicht

das einzig Sonderbare bei uns. Du wirst hier mancherlei Neues sehen, paß

auf. Und was du von mir sagst, das geht denn doch nicht so flott mit

mir, du, ‚in drei Wochen nach Haus‘, das sind so Ideen von unten. Ich

bin ja wohl braun, aber das ist hauptsächlich Schneeverbrennung und hat

nicht viel zu bedeuten, wie Behrens auch immer sagt, und bei der letzten

Generaluntersuchung hat er gesagt, ein halbes Jahr wird es wohl ziemlich

sicher noch dauern.“

„Ein halbes Jahr? Bist du toll?“ rief Hans Castorp. Sie hatten sich eben

vor dem Stationsgebäude, das nicht viel mehr als ein Schuppen war, in

das gelbe Kabriolett gesetzt, das dort auf steinigem Platze bereit

stand, und während die beiden Braunen anzogen, warf sich Hans Castorp

empört auf dem harten Kissen herum. „Ein halbes Jahr? du bist ja schon

fast ein halbes Jahr hier! Man hat doch nicht so viel Zeit –!“

„Ja, Zeit“, sagte Joachim und nickte mehrmals geradeaus, ohne sich um

des Vetters ehrliche Entrüstung zu kümmern. „Die springen hier um mit

der menschlichen Zeit, das glaubst du gar nicht. Drei Wochen sind wie

ein Tag vor ihnen. Du wirst schon sehen. Du wirst das alles schon

lernen“, sagte er und setzte hinzu: „Man ändert hier seine Begriffe.“

Hans Castorp betrachtete ihn unausgesetzt von der Seite.

„Du hast dich aber doch prachtvoll erholt“, sagte er kopfschüttelnd.

„Ja, meinst du?“ antwortete Joachim. „Nicht wahr, ich denke doch auch!“

sagte er und setzte sich höher ins Kissen zurück; doch nahm er gleich

wieder eine schrägere Stellung ein. „Es geht mir ja besser“, erklärte

er; „aber gesund bin ich eben noch nicht. Links oben, wo früher Rasseln

zu hören war, klingt es jetzt nur noch rauh, das ist nicht so schlimm,

aber unten ist es noch _sehr_ rauh, und dann sind auch im zweiten

Interkostalraum Geräusche.“

„Wie gelehrt du geworden bist“, sagte Hans Castorp.

„Ja, das ist, weiß Gott, eine nette Gelehrsamkeit. Die hätte ich gern im

Dienste schon wieder verschwitzt“, erwiderte Joachim. „Aber ich habe

noch Sputum“, sagte er mit einem zugleich lässigen und heftigen

Achselzucken, das ihm nicht gut zu Gesichte stand, und ließ seinen

Vetter etwas sehen, was er aus der ihm zugekehrten Seitentasche seines

Ulsters zur Hälfte herauszog und gleich wieder verwahrte: eine flache,

geschweifte Flasche aus blauem Glase mit einem Metallverschluß. „Das

haben die meisten von uns hier oben“, sagte er. „Es hat auch einen Namen

bei uns, so einen Spitznamen, ganz fidel. Du siehst dir die Gegend an?“

Der Zauberberg. Erster Band · 第 10 / 45 题