Die Stunde war gekommen, wo Blum seine letzte Fahrt antreten sollte. Es
war nach sechs Uhr. Er stieg in den Wagen, Pater Raimund und Lieutenant
Anton Pokorny mit ihm. Drei Jäger auf dem Kutschbock, drei hinten auf
dem Wagen. Eine Abtheilung Cavallerie zu beiden Seiten des Wagens.
Es war ein langer Weg bis zur Brigittenau. Die grausame Verlängerung
der Todesstunde preßte Blum mehrmals die Frage aus, ob dies wirklich
der Weg zur Brigittenau sei? Dann aber sprach er wieder ruhig zum
Geistlichen, zum Offizier. Als eine Frühglocke ertönte, fühlte er sich
in seine erste Kindheit versetzt, da er Meßknabendienste verrichtete
und seiner armen Mutter hatte verdienen helfen und er sprach das gegen
Pater Raimund aus. Dann dachte er immer schmerzlicher bewegt seiner
eigenen bald verwaisten Kinder, die er so sehr liebte. Wiederholt hielt
er seine Hände vor die Augen und schluchzte: „Meine Frau, meine Kinder“
-- das Gedenken an sie machte ihm das Sterben am schwersten. Dann aber
schüttelte er wieder den Schmerz und die Wehmuth ab und sprach fest:
„Nicht der Abgeordnete Blum weint, nur der Gatte und Vater!“
Bis zur Reiterkaserne der Leopoldstadt war man jetzt gekommen. Hier
wollte man Blum, wie üblich[356], Ketten anlegen. Er sträubte sich
dagegen und sprach: „Ich will als freier deutscher Mann sterben. Sie
werden mir auf mein Wort glauben, daß ich nicht den lächerlichen
Versuch machen werde, zu entkommen. Verschonen Sie mich mit Ihren
Ketten!“
Von hier an begleitete eine sehr starke Militaireskorte --
gleichzeitige Berichte sprechen von 2000 Mann -- den Todeswagen.
Neugier und furchtsames Erstaunen führten manchen Bürger hinter den
Spuren des düsteren Zuges drein.
Gegen halb acht Uhr Morgens hielt der Zug an dem zur Richtstätte
erlesenen Platze in der Brigittenau, damals einem Militairschießplatz
mit Kugelfängen und einigen Bretterhütten. Im Hintergrunde in weitem
Bogen Erlen und Weiden und im Frühnebel dämmerndes Gebirge.
Blum stieg aus dem Wagen. In der Militairmasse angelangt, fragt er den
Offizier, wer ihn erschießen werde. „Jäger“, lautet die Antwort. „Nun,
das ist mir lieb“, sagt Blum, „die Jäger sollen gut schießen. Ich habe
von ihnen ein Merkmal.“ Dabei hob er den linken Arm, um zu zeigen, wo
ihn die Streifkugel am 26. October berührt hatte.[357] Die Jäger und
Blum mit dem Geistlichen bekamen ihren Platz angewiesen. Die wenigen
Zuschauer standen in einiger Entfernung. Das Urtheil wurde noch einmal
verlesen. Der Profoß bat in üblicher Weise mechanisch dreimal um das
Leben des Verurtheilten. Ein starres Nein war dreimal die Antwort. Blum
erhielt den Befehl, sich bereit zu machen. Man wollte ihm die Augen
verbinden. „Ich möchte dem Tode frei in's Auge sehen“, sagt er. Der
commandirende Offizier aber ersucht ihn, das Verbinden der Sicherheit
der Schützen wegen geschehen zu lassen.
Da schlingt Blum die Binde selbst um das Auge, stellt sich vor das
Peloton und ruft laut: „Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland
meiner eingedenk sein!“ Der Offizier gibt das stumme Zeichen. Drei
Schüsse krachen zugleich. Sie haben Haupt und Herz des deutschen Mannes
durchbohrt, er sinkt rücklings und verblutet -- eine Leiche, einen Tag
vor seinem einundvierzigsten Geburtstage.[358]