In tiefster Kümmerniß sahen wir Robert Blum jene Julitage des Jahres
1830 verleben, welche für die geistige Bewegung von ganz Europa
im Laufe der folgenden achtzehn Jahre tonangebend werden sollten.
Während der Thron der Bourbonen zusammenstürzte und das Triumphlied
des siegreichen Bürgerthums in allen Landen ein frohes Echo weckte,
weil hier zum ersten Male seit fünfzehn Jahren die geistlose
Metternich'sche Politik des absoluten Stillstandes, die den Continent
beherrschte, eine furchtbare Niederlage erlitt, sahen wir Robert Blum
mit seinem harten Brodherrn um die nothwendigsten Bedürfnisse des
Lebens kämpfen; die Jubelwochen des Bürgerkönigthums fanden Robert auf
einer mühsamen Fußreise von Berlin nach Köln begriffen, hier brodlos.
Aus purer Barmherzigkeit warf J. W. Schmitz dem jungen Manne, dem er
in seinem Dienstzeugnisse nachrühmte, daß er „fleißig und willig zu
jeder Arbeit sei, und daß seine erprobte Treue, Gehorsam, bescheidenes
und gesittetes Betragen das ausgezeichnetste Lob und Empfehlung
verdienen“, in Köln noch vier Thaler zu. Das war aber auch Alles, was
Robert vom 22. August bis 1. October 1830 einnahm. Und an diesem Tage
trat er mit einem Monatsgehalt von acht Thalern (vom December ab von
zehn Thalern) und fünf Thalern Neujahrsgeschenk in die Dienste des
Schauspieldirectors #Ringelhardt# als #Theaterdiener#.
Man sollte kaum für möglich halten, daß ein Mann in solcher Lage,
so schwer gefesselt an die niedersten Erdensorgen, so tief gestellt
in der menschlichen Gesellschaft, den sittlichen Muth und die kühne
Schwungkraft besessen hätte, in den wenigen Stunden seiner Muße rein
geistig, ja dichterisch zu schaffen, und allen Wandlungen der großen
Zeitgeschichte mit gespanntestem Interesse zu folgen. Und doch hat
Robert Blum dies gethan. Um die Charakterstärke völlig zu würdigen,
die dazu gehörte, einen so tiefen Gegensatz zwischen der Wirklichkeit
und der Welt des Dichters zu überwinden, muß man die traurige Lage,
in der Robert Blum damals lebte, doch etwas näher in's Auge fassen.
Nach seinen eigenhändigen Buchungen[7] hatte er in Berlin an Kostgeld
durchschnittlich acht Thaler pro Monat bezahlt, einschließlich des
Logisgeldes elf Thaler. Daß er für diesen Preis nichts Vorzügliches
erhielt, haben wir früher in einem seiner Briefe an Schmitz von
ihm selbst erfahren. Hier in Köln aber hatte er seinen Eltern für
Kost und Logis bis October 1830 nicht mehr als -- einen Thaler pro
Monat zu bieten. Von der Zeit seines Engagements bei Ringelhardt an
konnte er anfangs vier, 1831 bis 1832 (bis 20. Juli) fünf Thaler und
schließlich sechs Thaler an seine Eltern pro Monat zahlen. Wir sind
aber wohl berechtigt anzunehmen, daß in diesem Betrage mehr gegeben
wurde, als er dagegen empfing[8]. Denn zu allen Zeiten hat er Eltern
und Geschwister nach Kräften unterstützt, und gerade damals war seine
Familie der Unterstützung bedürftiger als je: der Stiefvater und die
Mutter kränklich, die Stiefschwesterchen noch nicht erwerbsfähig; sogar
zu gerichtlichen Klagen scheint es gekommen zu sein, denn im Monat Mai
1829 bucht Robert drei Thaler „an meine Eltern für Gerichtskosten“. Man
kann sich also denken, wie kümmerlich Robert in jenen Jahren für seine
materiellen Bedürfnisse sorgen konnte -- ohne deren reichliche Fülle
nach Ansicht unserer heutigen Materialisten nicht einmal die gemeine
Gehirnsubstanz normal functioniren, geschweige denn einen solchen
Ueberschuß an Durchschnittsleistung zu Tage fördern kann, wie ihn die
Beschäftigung mit dem allgemeinen Wohl und poetisches Schaffen unter
allen Umständen darstellt.
Man vergegenwärtige sich aber weiter auch die Niedrigkeit und
Widerwärtigkeit der Dienste, aus denen Robert Blum seinen
Lebensunterhalt gewann. Mit jenem unverwüstlichen Humor, der dem Manne
in allen Lagen des Lebens treu geblieben ist, hat er selbst später
seine damaligen Leistungen für die Kölner Schaubühne also geschildert:
er mußte als Theaterdiener alle Bestellungen des Directors und der
Schauspieler besorgen -- sie enthielten nicht immer Liebenswürdigkeiten
-- Rollen, Geld austragen, Vorstellungen und Proben ansagen und dabei
alle Anmaßungen und Plackereien der „Künstler“ ruhig und lammfromm
hinnehmen. Er mußte „dem überstolzen Schauspieler die Grobheiten
des Directors“ -- möglicherweise, schalten wir ein, auch der Frau
Directorin, denn Madame Ringelhardt war eine sehr energische und
geschäftseifrige Dame -- „dem zweiten Liebhaber die Ungezogenheiten
des dritten Bösewichts hinterbringen, bald der Primadonna den Hund
bewachen, bald einer anderen Dame einen andern Dienst besorgen.“ Zudem
behandelte und benutzte ihn Ringelhardt zwar ohne jede herrische und
verletzende Form, doch #nur# als Theaterdiener, das heißt als einen der
untersten Angestellten seiner Bühne.
Dem stolzen Gefühl, Berather und Mitarbeiter des Chefs zu sein, das
Blum in den letzten Jahren seiner Stellung bei Schmitz hegen durfte,
war hier schlechthin zu entsagen. Der üble Geschäftsgang in Köln
hat zudem den Director jedenfalls nicht mit der rosigsten Laune
erfüllt. Gleichwohl hat Blum auch diesem Brodherrn mit größter Treue
und Dankbarkeit gelohnt. Ohne ein Wort vorher zu verrathen, schrieb
Blum anonym gegen Ende des Jahres 1830 in einem der gelesensten
Kölner Blätter mehrere Zeitungsartikel unter der Ueberschrift „Ein
Wort zu seiner Zeit“, in welchen er den schweren Druck, der auf dem
Theaterunternehmer durch die enorme Armenabgabe von einem Zehntel jeder
Brutto-Einnahme, die fast unerschwingliche Miethe von zwanzig Thalern
pro Abend, die vielen Freibillets &c. lastete, mit warmen Worten und
großer Sachkenntniß darlegte. Als Ringelhardt erfuhr, aus welcher Feder
die tapfere Vertheidigung seiner Interessen geflossen war, hat er
seinem Theaterdiener alles Liebe und Gute gethan, was er konnte, vor
Allem ihm die Theaterbibliothek zu freiester Benutzung angeboten und
ihn für außergewöhnliche Arbeiten durch Geld besonders entschädigt,
auch später bei seiner Uebersiedelung nach Leipzig dafür gesorgt, daß
Robert ihm dahin nachfolgte.
In dieser Stellung und Lage fand nun Robert Blum die Freude und den
Muth zu dem eifrigsten poetischen Schaffen.
Schon in Berlin, vom Jahre 1829 an, hatte er sich schriftstellerisch
versucht. Sein erstes Werk war freilich der reinsten Geschäftsprosa
gewidmet, der Straßenbeleuchtung[9]. Aber hauptsächlich war seine
schriftstellerische Thätigkeit doch auf „poetische Versuche“ gerichtet.
Die Gedichte, die er unter diesem Titel selbst zusammengestellt,
umfassen im Manuscript 308 Ouartseiten und vertheilen sich auf die
Jahre 1829 bis mit 1834. Einige derselben sind schon 1829 und 1830
in der von Saphir herausgegebenen „Schnellpost“ erschienen, andere
von 1831 an in Kölnischen Zeitungen, das Meiste erst später in der
„Abendzeitung“, der „Eleganten Welt“ von G. Kühne, in „Unser Planet“
und anderen belletristischen Blättern.
Das einzige unübersteigliche Hinderniß der Herausgabe dieser Gedichte
war jene fluchwürdige Einrichtung, welche in Deutschland damals
noch auf fast jeglichem literarischen Schaffen, mindestens aber
auf der Presse lastete: die Censur. Denn der bei weitem größte
Theil dieser Gedichte ist politischen Inhalts. Und so maßvoll uns
Deutschen von heute die Freiheitsbegeisterung, so natürlich uns die
Vaterlandsliebe des dreiundzwanzigjährigen Dichters erscheinen muß,
so war doch der Censor, der über diese Blüthen der Dichtkunst sein
maßgebendes Urtheil abzugeben hatte, ganz anderer Meinung. Er strich
Blum's politisch-poetische Offenbarungen unbarmherzig zusammen und
gerieth über die Unermüdlichkeit, mit welcher der junge Dichter immer
neue Kinder seiner patriotischen Muse überreichte, schließlich in
solche Wuth, daß er Allem, was nur Blum's verhaßte Handschrift trug,
schlechthin die Druckerlaubniß versagte. Um sich volle Gewißheit über
das parteiische Vorurtheil und die leidenschaftliche Pflichtwidrigkeit
dieses Wächters des Staatswohls zu verschaffen, beging Blum die
Bosheit, ihm, von seiner Hand geschrieben, unter einem recht
verdächtigen Titel einige Gesangbuchsverse zur Censur zuzuschicken --
und richtig, der Censor strich auch diese Verse als staatsgefährlich
und wiederholte dasselbe noch zweimal, als Blum ihm die nämlichen
Verse, die in jeder Kirche zur Erbauung der Gemeinde gesungen wurden,
noch zweimal unter anderer Ueberschrift zusendete. Von solchen Menschen
hing damals die Entscheidung darüber ab, was das deutsche Volk gedruckt
sollte lesen dürfen.
Von den politischen Ereignissen der damaligen Zeit stehen dem Dichter
die französische Revolution, dann die große Erhebung Polens und
natürlich die Verhältnisse des eigenen Vaterlandes im Vordergrunde des
Interesses. Doch verfolgt er auch ferner liegende Dinge mit größter
Aufmerksamkeit. Eine der schwungvollsten Dichtungen der Sammlung
ist z. B. die ergreifende Klage um den Tod Bolivar's, des Befreiers
Südamerikas vom spanischen Joche († 10. December 1830):
Bolivar ist nicht mehr! klagte der Glockenton,
Bolivar ist nicht mehr! brauste der Ocean,
und von den Andes rückhallte die Klage
Ueber den Erdball.
Sinkt denn der Gott dahin, fragt' ich erschüttert mich,
So wie der Wurm des Staub's? Ist Er, der seinem Volk
Mehr gab als Leben: die heilige Freiheit!
Sklave des Todes?
So übertrieben, wie alle liberalen Zeitgenossen, pries auch Blum die
Helden der Pariser Julitage. Vom gesündesten politischen Urtheil zeugt
dagegen das Scherzgedicht über Griechenland, das er unter dem Titel
„Literarische Anzeige“ schrieb, und von dem so Vieles noch heute auf
den Staat der Hellenen paßt:
„Im Jahre ein Tausend acht Hundert und dreißig
Erschien, nachdem man erst lange und fleißig
Zu London daran war, mit Drucken und Pressen --
-- Auch hat man es nicht zu beschneiden vergessen --
Ein Werkchen, betitelt: #Neugriechischer Staat#,
In einem sehr niedlichen Taschenformat.
Dasselbe ist ganz nach der neuesten Mode,
So zierlich als möglich, und kurz, die Methode,
Nach der man zu Werk ging, ist eigener Art,
Und überall Ordnung mit Schönheit gepaart.
Zwar wagte der Neid schon von manchen Gebrechen
Und Fehlern, die drinnen sein sollen, zu sprechen;
Doch können dies höchstens nur Druckfehler sein,
Und diese sind dann um so mehr zu verzeih'n,
Da mehrere Setzer am Werkchen gezimmert,
Und Niemand um die Correctur sich gekümmert.
Man suchet nun Jemanden, der den Verlag
Des Werkchens gleich zu übernehmen vermag.“
Ganz überraschend klar und kräftig tritt aber bei Blum der
deutsch-nationale Gedanke hervor. In einer Zeit, in der fast Alle,
gelegentlich auch er selbst, berauscht waren von einem unbestimmten
Freiheitsdrang und kosmopolitischer Schwärmerei und die Erkenntniß,
daß erst auf dem Boden eines festen, einigen, deutschen Staatslebens
alle höheren Güter der Nation, vor allem die Freiheit, errungen werden
könnten, höchst vereinzelt, von Männern wie Pfizer und Dahlmann
ausgesprochen wurde, während Männer wie Börne und Heine nur Hohn
und Spott für ihr Vaterland hatten, in dieser Zeit erscheint ein
Gedicht wie dasjenige, das Blum 1831 „an Germania“ schrieb, als ein
hervorragendes Zeugniß politischer Einsicht und nationaler Klarheit. Es
heißt darin unter Anderem:
„Völker siehst Du auferstehen,
In des Freiheitsodems Wehen,
In der Zeiten hehrem Lauf;
Erntend längst gestreute Saaten.
Treten sie im Feld der Thaten
Kühn als #Nationen# auf.
Ach, der Hebel aller Staaten,
Die Erzeug'rin großer Thaten,
Aller Völker Kraft und Macht.
Die allein nur Muth und Stärke
Geben kann zum großen Werke: --
#Einheit# -- ist Dir ja versagt!
In die einzeln schwachen Glieder
Gießt sie Kraft und Fülle wieder;
Einheit ist der Staaten Mark.
Kein Erob'rer stellt verwegen
Dann sich lüstern uns entgegen;
Werdet #eins#, dann sind wir stark.
Deutsche, nützt die hehren Stunden!
Wenn sie einmal hingeschwunden,
Sind sie ewig uns vorbei;
Laßt das große Völkerringen
Etwas wenigstens uns bringen:
Werdet #eins#! dann sind wir -- frei!“
Ueberhaupt ist der gesunde Realismus, der bei aller Begeisterung
des jungen Herzens aus diesen Gedichten spricht, doppelt wohlthuend
in einer Zeit, die sich anschickte, mit Heine einem krankhaften
sentimentalen Weltschmerz sich zu ergeben. Nirgends fingirt Blum
Liebesleiden, die er nicht kannte, nirgends zeigt er sich mit der Welt
zerfallen, lebensmüde, obwohl er hierzu mehr Grund haben mochte, als
mancher Andere. Dagegen dringt wiederholt die bittere Klage über das
harte Geschick, das ihm gerade die Erreichung der höchsten Lebensziele
so unendlich schwer machte, mit der vollen Kraft eines gewaltigen
Naturlautes aus seiner gepreßten Brust. Aber immer richtet ihn auf
der felsenfeste Glaube an den Sieg der idealen Mächte, denen er sein
Streben geweiht, und damit auch an die eigene Sendung, die er zu
erfüllen bestimmt ist.
Besonders merkwürdig für seine Weltanschauung ist dabei, zumal
bei dem rein rationalistischen Glauben, den er z. B. in seinem
„Glaubensbekenntniß“ ausspricht, die feste Ueberzeugung an die
Unsterblichkeit der Seele, die er in diesen Gedichten wiederholt ebenso
deutlich bekennt, wie -- in dem letzten Briefe an seine Gattin, den er
Angesichts des Todes schrieb. In einem seiner frühesten Gedichte „An
die Zeit“ (1829) heißt es am Schlusse:
„Du veränderst und wechselst nur jede Gestalt,
Die im Staub sich erzeugte vom Staube;
Doch dem Geiste droht nie der Zerstörung Gewalt,
Er wird nie der Verwesung zum Raube.
Zerstöre Du nur ohne Ende und Ruh' --
Ein Theil meines Wesens ist #ewig#, wie Du.“
In der That bedurfte es eines so festen Glaubens an das Walten
der sittlichen Mächte und solcher Bedürfnißlosigkeit, wie Robert
Blum sie gewöhnt war, um auch in jenen bösen Tagen den Kopf oben
zu behalten, als Ringelhardt Anfang Juni 1831 gezwungen war,
plötzlich „aus Geschäftsrücksichten“, das heißt mit Rücksicht auf
die Geschäftslosigkeit, die Bretter, die die Welt bedeuten, in Köln
abzubrechen und Robert Blum zu entlassen. In dieser traurigen Lage
griff dieser nach dem ersten Erwerb, der sich ihm bot -- er wurde
Schreiber beim Gerichtsvollzieher Kümpeler und bezog in dieser
Stellung einen Monatsgehalt von -- sechs Thalern! Davon war #Alles#
zu bestreiten. Glücklicher Weise dauerte diese harte Prüfung nur bis
15. September. Da engagirte ihn Ringelhardt von Neuem für den früheren
Gehalt.
* * * * *
Eine erhebliche Förderung verdankte Robert Blum diesem
Dienstverhältnisse durch die bereits erwähnte freie Verfügung über
die Theaterbibliothek des Directors. Bereits im Winter 1830 auf 1831
wurde der größte Theil der hier vorräthigen dramatischen Werke geradezu
verschlungen, später mit Muße das Beste -- vor Allem Schiller, Goethe,
Lessing, Shakespeare und was an antiken Dramen da war, wieder und
wieder gelesen, halb auswendig gelernt. Mit Schiller vor Allen gewann
Blum die größte Vertrautheit. Aber auch Goethe lernte er mehr und
mehr schätzen. Als der deutsche Dichterfürst starb, schrieb Blum ein
tiefempfundenes „Sonett auf Goethe's Tod“ in seine Gedichtsammlung.
Daneben regten die dramatischen Novitäten des Tages den kritischen
Theaterdiener an, sein Urtheil über dieselben in kurzen scharfen
Distichen auszusprechen. Viele dieser Urtheile über Stücke, die heute
noch auf dem Repertoire stehen, sind noch jetzt recht interessant.
* * * * *
„Dummheiten, Malicen und Xenien“ hat Robert Blum selbst die kleine
Sammlung überschrieben, aus der hier einige Beispiele folgen.
Sonst und jetzt.
Derbe Komik, kräft'ge Witze,
Leicht und treffend wie die Blitze,
Traf man sonst im Lustspiel an.
Aber jetzt sind wir verwöhnt,
Alles Kräft'ge ist verpönt,
Weil man's -- nicht mehr schaffen kann.
Raupach.
Als er noch Dichtungen gab, da waren die Stücke zu tadeln,
Jetzt sind die Stücke zwar gut, doch ach! nicht Dichtungen mehr.
Moderne Kritik.
Reiße den Einen herunter, erhebe den Andern zum Himmel;
Beides mit Brutalität, doch ohne Sinn und Verstand.
Schreibe das Ganze -- aus Scham, aus Furcht theils auch, ohne Namen,
Nennt man Dich bald ein Genie, denn #das# heißt heute Kritik.
Das Orchester.
Welche unendliche Zahl von Musikern und Instrumenten!
Schade, daß durch das Gewühl man die Musik nicht mehr hört.
Die Stumme von Portici.
Glänzend brichst Du Dir Bahn in allen Ländern Europa's
Weil Du mit sprachlosem Mund, sprichst aus dem Herzen des Volks.
Mozart.
Würde Musik vom Unsinn auch ganz verdrängt von der Erde,
Deine Werke allein geben ihr ewig Asyl.
Gleichniß.
Wie die Fische ewig dürsten,
Bei beständ'gem Ueberfluß,
Schlürfen Schmeichelei die Fürsten,
Ohne Maß und Ueberdruß.
Schwere Wahl.
Allopathie! Homöopathie!
Ich schwanke schon seit vielen Tagen
Und bitte, Freundchen, sagen Sie,
Mit welcher darf ich es wohl wagen?
Das ist Geschmack, der wechselt ab,
Und richtet sich nach Zeit und Mode;
Merkt nur den Unterschied vorab
Und wählt dann selber die Methode:
Die Eine bringt uns in das Grab,
Die Andre aber blos zum Tode!
Der Reformator.
Thebaldus will die Welt verbessern;
Was da besteht ist ihm zu schlecht,
Er will ein neu Gesetz und Recht
Um Glück und Wohlfahrt zu vergrößern;
Doch eine Plag', die -- wenn auch #klein# --
Doch alle bessern Menschen fliehen,
Die will er nicht der Welt entziehen;
Er ist es selbst mit seinem Schrein!
Lehre.
Meidet das starke Getränk, es schadet den Nerven, dem Geiste!
So spricht der Weise und #wahr#. Merkt den erhabenen Spruch!
#Wasser# hat furchtbare Kraft; es treibet das Schwungrad der Mühle,
Brüder, das ist uns zu stark, darum -- so rath ich -- trinkt Wein.
Glück und Unglück.
Feindlich getrennt, im Thun und Wirken unendlich verschieden,
Wandelt Ihr dennoch vereint, Hand stets in Hand durch die Welt.
Nützlich seid Ihr uns Beide, die Tiefen des Lebens zu kennen:
Lehrt uns das Glück den Genuß, lehrt uns das Unglück den Werth.
Stolz und Hochmuth.
Stolz, wenn er würdig ist, hält uns in ehrerbietiger Ferne
Hochmuth stößt uns zurück, füllt mit Verachtung die Brust.
Liebe und Treue.
Liebe hält mit zärtlichen Armen das Leben umschlungen,
Treue kettet sich fest, sei es auch an -- den Tod.
Tugend und Scham.
Unzertrennliche Genien durchwandeln sie liebend das Leben
Diese voll Anmuth und Reiz, jene voll Würde und Kraft.
Fällt die Scham, sie reißet die Tugend mit sich zu Grabe;
Sinket die Tugend, die Scham hält sie mit kräftigem Arm.
Bald aber drängte die Begeisterung zu dramatischem Schaffen, die er
dem Studium der Ringelhardt'schen Theaterbibliothek dankte, jede
andere Dichtung zurück; glaubte er sich doch zum Theaterdichter ganz
besonders vorbereitet durch die tiefen Blicke, die er als Theaterdiener
hinter die Coulissen, in die Mache der Bühnentechnik gethan zu haben
meinte. Pilzartig schossen die Lust-, Schau- und Trauerspiele unter
seiner Feder in's Kraut. Die wenigen „Literaten“, die ihn ihrer
Freundschaft würdigten, Dr. Rave, Köhler, der Schauspieler Porth, der
mit ihm viele Jahre später noch von Dresden aus treu correspondirte,
natürlich auch Ringelhardt selbst, wurden von ihm unablässig mit der
unheilverkündenden Bitte heimgesucht, wieder ein neues Drama von ihm
zu lesen. Diejenigen, welche diese Freundschaftsprobe bestanden, sind
ihm für's Leben treu geblieben. Sie haben ihm auch als gute Freunde
offen und stets von Neuem erklärt, daß seine Dramen nichts taugten.
Er soll eine ungemessene Zahl seiner dramatischen Schöpfungen in's
Feuer geworfen haben, nachdem ihnen so das Todesurtheil gesprochen
worden. Wären doch alle unberufenen dramatischen Dichter so reich an
Selbsterkenntniß!
Trotzdem habe ich noch eine sehr große Anzahl dramatischer
Dichtungen aller Art, die Robert Blum selbst verfaßt hat, in seinem
handschriftlichen Nachlaß vorgefunden. Schon ihre Titel verrathen zum
Theil ihren Inhalt: „Der Vaterfluch oder die Schrecken des Fanatismus.
Trauerspiel in fünf Aufzügen.“ „Das Opfer der Bruderliebe. Ein Bild
seltener Seelengröße aus unsrer Zeit“ u. s. w. Auch eine große
Zahl „Einlagen“ von seiner Hand, Prosa und Verse, die in beliebten
Operetten, Possen u. s. w. als Neuheit eingeschaltet wurden (wie heute
neue Couplets), habe ich vorgefunden, namentlich aus der Leipziger Zeit
-- noch aus den Tagen, da er schon deutschkatholischer Kirchenvater
geworden war. Den größten Schrecken muß Robert Blum den Freunden,
die er zu Kunstrichtern über seine dramatischen Werke berief, schon
durch den Umfang seines „dramatischen Gedichtes“ Kosciuzko eingeflößt
haben. Denn der erste Theil dieser Riesentragödie oder in Scene
gesetzten Biographie würde schon mindestens zwei Theaterabende füllen
und das ganze Stück hat drei solcher Theile aufzuweisen. Von allen
Bühnenschöpfungen Blum's ist nur eine einzige gedruckt worden, aber
auch diese ist Buchdrama geblieben und niemals aufgeführt worden --
„Die Befreiung von Candia“ (Leipzig, C. H. F. Hartmann, 1836). Das
Stück behandelt eine Episode des griechischen Befreiungskampfes der
zwanziger Jahre (1822) und ist geschrieben in der pathetischen Rhetorik
der großen französischen Revolution und voll von beziehungsreichen
Anspielungen auf das damalige Deutschland; im Munde freiheitsdürstender
Neugriechen konnte diese der Censor nicht gut streichen, selbst nicht
die bezeichnenden Schlußworte des Helden:
Seid einig, Griechen! Wenn Ihr einig seid,
Dann seid Ihr frei und keine Macht der Erde
Vermag es, Euch die Freiheit zu entreißen.
Ein einig Volk ist stark, unüberwindlich!
Um dieses stille Schaffen im Zusammenhang darzustellen, sind wir dem
Gange der Lebensschicksale Blum's um Jahre vorangeeilt. Denn die
letzten dieser Dichtungen sind schon auf Leipziger Boden erwachsen.
Nach Leipzig war Ringelhardt mit dem Ende der Kölner Wintersaison von
1831 auf 1832 gezogen und hatte hier das Stadttheater übernommene:
Blum sollte Mitte Juli als Theaterdiener folgen. Da wurden dem jungen
Manne gleichzeitig zwei lohnendere Stellen angeboten: die eine in der
Redaction einer Kölnischen Zeitung, die andere als Theater-Secretär bei
einer wandernden Truppe der Rheinprovinz. Beide Angebote meldete er
Ringelhardt nach Leipzig, und dieser antwortete am 24. Mai von Ostrau:
„In Bezug einer Anstellung für Sie in Leipzig kann ich Ihnen vorläufig
Folgendes berichten: ... ich will Ihnen einen monatlichen Gehalt von
fünfzehn Thaler zahlen, mit der Zusicherung, daß, wenn Sie sich in
die Geschäfte eingearbeitet haben, ich die 200 Thaler“ (pro Jahr)
„voll machen will. Sie arbeiten dafür alle Schreibereien im Bureau,
die ich Ihnen übertrage, sei es das Schreiben von Briefen, seien es
Copialien oder Rechnungen oder das Ausschreiben von Rollen (!). Sie
übernehmen ferner (!) die Geschäfte bei der Casse und Controlle, die
Ihnen übertragen werden, sowie andere Arbeiten des Theaters, die in
das Fach einschlagen.“ Blum sagte zu. Darauf lief, nach einer längeren
Abwesenheit Ringelhardt's in Wien, von diesem ein zweiter Brief vom
25. Juni ein, in dem es hieß: „Ihr Engagement können Sie am 15. July
hier antreten, weil ich mit Ihnen alle Casseneinrichtungen vorbereiten
will und die Billets einrichten, sowie Bibliothek und Musikalien, die
ich unter Ihre Aufsicht stelle. Demnach werden Sie Theatersecretair,
Bibliothekar und Cassenassistent (!), das ist die Stellung, die ich
Ihnen gebe .... Sagen Sie dem Friseur Deveney, den ich bestens grüße,
er solle Ihnen das Recept von dem Spiritus zur Stärkung der Haare
geben, und bringen Sie mir es mit!“ Die weiteren Anordnungen des
Briefes, welcher unter Anderem versicherte: „Sie können mit Vertrauen
zu mir kommen, auch finden Sie hier ein anderes Treiben und Leben
als in Köln“, waren der mit Rücksicht auf die Cholera zu wählenden
Reiseroute gewidmet, damit Blum unterwegs nicht etwa „Contumaz“ halten
müsse.
Ob das heißbegehrte Recept zur Stärkung der Haare mitgenommen worden
ist, weiß ich nicht. Jedenfalls konnte Blum erst am 20. Juli nach
Leipzig reisen.
Er eilte der Stadt entgegen, die ihm mehr als die eigene Vaterstadt zur
Heimath werden sollte, zur Stätte seines Glückes, seines vielseitigsten
Wirkens, zur Wiege seines Ruhmes, der weit über die Grenzen seines
Vaterlandes und seiner Zeit hinausdringen sollte.