1. Stellung der Aufgabe.

Das Wort des Naturforschers wiegt schwer, wo immer heute

erkenntnistheoretische oder metaphysische Fragen von einer exakten

Philosophie geprüft werden. Die Zeiten sind vorbei, wo das Bild der Welt

in Urzeugung dem Haupte des Philosophen entsprang. Die Philosophie sucht

heute ihr Verhältnis zu der in so weitem Bereiche aufgedeckten

Gesetzlichkeit der Natur, ihre Stellungnahme zu dem alten Suchen nach

einer richtigen Fassung des Substanzbegriffes und des Begriffs der

Kausalität, zu den Beziehungen zwischen Psychischem und Physischem usw.

mit Berücksichtigung aller Mittel und Ergebnisse der exakten Forschung

neu zu gestalten.

Man kann daraus ermessen, was es bedeutet, wenn nun gerade ein

Naturforscher mit der Behauptung auftritt, daß in diesem Streben nach

philosophischer Orientierung -- (wenigstens in der Gestalt, die es

meistens annimmt) -- trotz seines Anschlusses an die Naturwissenschaft

fast ebenso viele Verkehrtheiten wie philosophische Fragestellungen

liegen, und dies ungefähr durch folgende Thesen erhärtet, die eine Wand

zwischen der Naturwissenschaft aufzurichten streben, welche die

Philosophen meist ihren Untersuchungen zugrunde legen, und der

Naturwissenschaft, die wirklich existiert.

1. Alle Naturwissenschaft beschreibt bloß das Geschehene, statt es zu

erklären. Zumal sind Naturgesetze nichts weiter als tabellarische

Beschreibungen der Tatsachen bezw. mathematische Symbole, die solchen

Tabellen äquivalent sind, und naturwissenschaftliche Theorien nichts als

Zusammenhänge, in die wir solche Tabellen untereinander setzen;

unter dem Gesichtspunkt der Erklärung nichts als umfassendere

Unverständlichkeiten anstelle speziellerer. Weder das einzelne Gesetz

noch die Theorie sagt mehr als auch die Kenntnis der zugrundeliegenden

Erfahrungen für sich schon sagen würde.

2. Wie es überhaupt keine Erklärungen gibt, so gibt es insbesondere

keine kausalen. Gäbe es selbst kausale Zusammenhänge, so würde man mit

ihrer Hilfe bestenfalls doch nur eine Verkettung der Ereignisse

konstatieren, ohne in die Gründe dieser Verkettung blicken zu können.

Ueberdies zeigt aber die exakte Naturforschung, daß es selbst kausale

Zusammenhänge nicht gibt. Das Suchen nach solchen war in früheren

Entwicklungsstadien der Naturwissenschaft aufgenötigt worden, heute hat

sie sich bis auf wertlose und hinderliche Reste davon frei gemacht. Ihr

wirkliches Ziel ist die Aufstellung funktionaler Beziehungen, welche

nicht eine Tatsache als die Ursache einer anderen hinstellen, sondern

lediglich die Berechnung einer Tatsache aus einer anderen gestatten,

welches Verhältnis durchaus umkehrbar ist.

3. Mit der Kausalität fällt auch ein wesentlicher Teil der Bedeutung der

Ding- bezw. Substanzbegriffe dahin, und die philosophische Hoffnung, aus

Substanzbegriffen vermittelst der kausalen Beziehungen zwischen den

Dingen die Welt der Erfahrung aufzuklären, wird durch den Wegfall der

Kausalrelation gewissermaßen mitten entzwei geschnitten.

Aber auch an und für sich sind die Substanzbegriffe der Vernichtung

verfallen. Denn was sich von Substanzen aussagen ließe, wäre nur ihr

gesetzliches Verhalten; die Gesetze, die dieses ausdrücken sollen, haben

sich aber zu lediglich funktionalen Beschreibungen entwickelt, zu dem

Ausdruck viel allgemeinerer Beziehungen, aus denen die Substanzbegriffe

wie gegenstandslos gewordene Zwischensubstitutionen ausgefallen sind.

4. Indem so die Wissenschaft sich von den früher in ihr gesuchten Zielen

abgewendet hat, entbehrt sie doch keineswegs letzter Gesichtspunkte.

Alles bisherige wird verständlich und alle falschen Voraussetzungen

schwinden, sobald man in der Wissenschaft nicht mehr als ein im Kampf

ums Dasein notwendig gewordenes Mittel zur Beherrschung der Tatsachen

sieht, d. h. sie dem Entwicklungsgedanken unterstellt. Alle ihre

Gesetze, Begriffe und Theorien erscheinen dann als ökonomische

Hilfsmittel, uns mit unserer Umgebung in ein praktisch hinreichendes

Verhältnis zu setzen. Versteht man diesen ihren Zweck, so versteht man

alles, was es an ihrer Existenz überhaupt zu verstehen gibt.

5. Diese Auffassung leistet überdies unschätzbare Dienste, indem sie das

verzweifelte Problem des Verhältnisses zwischen Psychischem und

Physischem als sinnlos ergibt. Die Vorstellungen von einer Welt der

Körper und einer geistigen Welt sind instinktiv entstanden und sind

für eine primitive Orientierung auch von praktischem Werte. Als

wissenschaftliche Vorstellungen darf man sie aber nicht höher bewerten

als andere und darf ihren Zweck nur in ihrer Eignung zu ökonomischer

Orientierung suchen. Erfüllen sie diesen nicht mehr, wie jetzt, wo sie

zu dem Stande der Wissenschaft nicht mehr passen und so zu einer Quelle

der Verwirrungen werden, ist es eine methodische Forderung, sie fallen

zu lassen.

6. Dies wird durch die Erkenntnis ermöglicht, daß die funktionalen

Beziehungen, die den Gleichungen der Naturwissenschaft zugrunde liegen,

ohnedies schon Beziehungen zwischen Empfindungen seien, oder wie Mach

dies, um jeden dualistischen Anklang zu vermeiden, nennt, zwischen

Elementen.

Ein Zusammenhang von Elementen, wie Rot, Grün, Druck, Bewegung, liegt

unseren Vorstellungen von Körpern zugrunde, und nur ein anderer, weit

präziserer und fruchtbarerer, aber zwischen prinzipiell ebensolchen

Elementen bestehender Zusammenhang ist es, der durch die Naturgesetze

ausgedrückt wird.

Unsere wissenschaftliche Orientierung in der Außenwelt besteht also in

nichts anderem als in dem Aufsuchen von Gleichungen zwischen Elementen.

Dies ist somit das aus der hochentwickelten Physik abstrahierte Ideal

der Erkenntnis.

Dann kann aber auch die Psychologie, soferne sie wissenschaftliche

Festigkeit anstrebt, nur nach der Aufstellung funktionaler Beziehungen

trachten, und ihr Substanzbegriff, das Ich, die Seele, fällt dabei

ebenso für die wissenschaftliche Bearbeitung weg, wie es mit dem Begriff

einer physischen Substanz geschah. Nun sieht Mach als die psychischen

Grund-Elemente, in deren funktionaler Abhängigkeit voneinander das

wissenschaftliche Bild des Seelenlebens erfaßt wird, die Empfindungen

an. Empfindungen waren aber auch die Elemente des physischen Geschehens:

also zeigt sich, daß Physik und Psychologie ein und dasselbe Objekt

haben.

Das überhaupt Gegebene sind somit Elemente in mannigfachen Zusammenhängen;

indem man auf bestimmte dieser Zusammenhänge achtet, treibt man Physik,

indem man auf andere achtet, Psychologie, -- das ist aber lediglich ein

Unterschied in der Betrachtungsweise, und ein solcher bringt so wenig

eine Kluft zwischen Physischem und Psychischem mit sich, wie etwa eine

Kluft zwischen den Reaktionen eines Gases besteht, wenn sie sich, je nach

dem beachteten Zusammenhange, bald durch das Boyle'sche, bald durch das

Mariotte-Gay-Lussac'sche Gesetz ausdrücken lassen.

Auf diesem Punkte hört für eine zu voller geistiger Freiheit gelangte

und kritisch scharfe Methodologie der Dualismus auf, als Problem zu

existieren, und alle seine Schwierigkeiten erweisen sich als Folgen des

unberechtigten Festhaltens an einer primitiven, überholten Fragestellung.

Wir haben hiermit in freier Wiedergabe die bezeichnendsten Leitsätze aus

den Schriften des Physikers Ernst Mach dargestellt. Man sieht schon aus

dieser vorläufigen Zusammenstellung, daß einzelne Bestandteile dieser

Lehre nicht neu sind. Sie finden ihre Verwandtschaft in älteren

Schriften sensualistischer und positivistischer Richtung, zumal in den

Arbeiten von Condillac und Comte, und bei der Behandlung des Kausal- und

Substanzproblems wird man an den Einfluß von Hume erinnert. Das

Kennzeichnendste, der Schlüssel zu dem Uebrigen und zugleich das der

historischen Situation nach Irritierendste ist aber die, sich auf die

genauere Einheit berufende, starke Betonung des methodologischen

Standpunktes und die damit zusammenhängende Behauptung, daß Mach mit

allen seinen Konsequenzen, so einschneidend sie sind, rein und lediglich

auf dem gesicherten Boden der exakten Naturwissenschaft bleibe: »Ich

wünsche nur in der Physik einen Standpunkt einzunehmen, den man nicht

sofort verlassen muß, wenn man in das Gebiet einer anderen Wissenschaft

hinüber blickt«,[1] heißt es an einer Stelle.

Nun ist ja auch diese Berufung auf die Naturwissenschaft sowohl wie die

Beschränkung der Erkenntnis auf den Zusammenhang der »Erscheinungen« ein

Charakteristikum der positivistischen Philosophie seit Comtes Tagen.

Aber teils schon zur Zeit, als Comtes Hauptwerk erschien (1830--42),

teils wenig später, wirkten Faraday, R. Mayer, Joule, Rankine, Clausius,

W. Thomson, Krönig, Grassmann, Redtenbacher u. a., deren Ziel ein ganz

anderes als das von Comte gesteckte war, und auch heute scheint die

Mehrzahl der Physiker nicht vom Positivismus durchdrungen zu sein. (Ein

Beweis hierfür ist der Widerstand, den Machs Ansichten gerade auch in

diesen Kreisen fanden.) So blieb der Positivismus trotz gelegentlicher

Exkurse stets eine mehr philosophische Angelegenheit, und die

erkenntnistheoretische Erörterung des Verhältnisses von Subjekt und

Objekt blieb seine Hauptfrage, die Verwerfung alles Extramentalen seine

Grundposition bis auf Avenarius, Laas, Schuppe, Rehmke und die anderen

gleichgerichteten Forscher unserer Tage.

Dadurch aber ist unser Interesse an Mach bestimmt. Denn er, heute wohl

der Vertreter des Positivismus, der in die breitesten Kreise wirkt, ist

zugleich derjenige, der wirklich (und zwar als Forscher von Bedeutung)

von der Naturwissenschaft herkommt, und der -- ein Alleingänger (denn

das Fühlungsuchen mit der geistigen Verwandtschaft ist spät und spärlich

in seinen Werken), dem die Anregungen zu seinen Gedanken hauptsächlich

aus seiner Spezialwissenschaft erwachsen sind, -- als der erste mit der

Behauptung Ernst machte, daß seine (positivistischen) Ueberzeugungen nur

durch Uebertragung der in der Naturwissenschaft bewährten Anschauungen

gewonnen und nichts als ein Ergebnis der Entwicklung der exakten

Forschung seien. Damit löst Mach in seiner Person das ein, was vor ihm,

mehr oder weniger, nur behauptet wurde, und gibt dadurch Gelegenheit,

dieses blendendste und lockendste Versprechen des Positivismus, daß

nämlich nur die Rückständigkeit der Philosophen verkenne, wie sehr die

exakte, fruchtbare Wissenschaft längst schon in den Bahnen der

positivistischen Philosophie gehe, auf seine Haltbarkeit zu prüfen.

Es wird also unsere Aufgabe sein, uns zu überzeugen, ob Mach zu seinen

Behauptungen tatsächlich in logischer Folge von einer richtigen oder

wenigstens widerspruchslosen Auffassung der Naturwissenschaft aus

gelangt. Dadurch wird gleichzeitig die beunruhigende Erscheinung

aufgeklärt, daß ein Naturforscher der an der Naturwissenschaft Halt

suchenden gegenwärtigen Philosophie so gänzlich abweisend entgegentritt,

daß er mit Bezugnahme auf deren wichtigste Positionen sagen kann: »Ihre

(vorliegender Schrift) Tendenz ist vielmehr eine aufklärende oder, um es

noch deutlicher zu sagen, eine antimetaphysische«[2] und: »Ich habe

getrachtet, eine alte, abgestandene Philosophie aus der Naturwissenschaft

zu entfernen«[3].

Eines besonderen Umstandes ist noch zu erwähnen: Machs

erkenntnistheoretische und selbst die eigentlichen metaphysischen

Ausführungen sind in seinen Schriften nicht in strengem methodischen

Gefüge gegeben, sondern tragen einen aphoristischen Charakter und sind

mitunter, wie in den Schriften über Mechanik und Wärmelehre, auch bloß

gelegentlich eingestreut. Daraus erwächst in erster Linie die Forderung

einer systematischen Herauslösung und Zusammenfassung der zu einander

gehörenden Gedanken, und ich möchte betonen, daß ich damit auch schon

das wesentlichste unserer eigentlichen Aufgabe für geleistet erachte, da

ja dann die Begründungszusammenhänge offen liegen und einen ganz anderen

Einblick in ihre Tragfähigkeit gestatten, als es möglich ist, solange

die einzelnen Gedanken, von einander isoliert, das gewissermaßen

verantwortungslose Leben des Aphorismus führen.

Ein anderes Ziel aber als dieses einer möglichst genauen Einsicht in die

innere Festigkeit der Machschen Darlegungen wird hier nicht angestrebt.

Wollte man statt der Stringenz ihrer Begründung die Richtigkeit der

Resultate selbst erwägen, so wäre dazu eine erkenntnistheoretische

Arbeit auf weit umfassenderer Grundlage nötig. Zu einer solchen soll

diese Schrift nur ein Beitrag sein, der sich nach Tunlichkeit aller

Stellungnahme dort enthält, wo eine solche die Begründung durch

persönliche Ansichten erfordern würde, und sich darauf beschränkt, in

immanenter Kritik nachzuweisen, daß in den Darlegungen Machs, trotz

ihrer zahlreichen Vorzüge, doch so viele Widersprüche oder wenigstens

Unklarheiten enthalten sind, daß es nicht möglich ist, ihnen eine

entscheidende Bedeutung zuzuerkennen.

Fußnoten:

[1] A. d. E. 2. Aufl. 21 u. ähnl.: »Diese Auffassung wird dem temporären

Gesamtwissen am ökonomischsten gerecht; eine Philosophie für die

Ewigkeit will sie nicht sein«, a. a. O. 23. »Ob es mir jemals gelingen

wird, den Philosophen meine Grundgedanken plausibel zu machen, muß ich

dahingestellt sein lassen. Bei aller Hochachtung vor der riesigen

Geistesarbeit der Philosophen aller Zeiten ist mir dies zunächst auch

weniger wichtig. Aufrichtig und lebhaft wünschte ich aber eine

Verständigung mit den Naturforschern, und diese halte ich auch für

erreichbar. Ich möchte denselben nur zu bedenken geben, daß meine

Auffassung alle metaphysischen Fragen ausschaltet, gleichgültig ob sie

nur als gegenwärtig nicht lösbar oder überhaupt und für immer als

sinnlos angesehen werden«. A. d. E. 287. »... Es soll hiermit keine

neue Philosophie, keine neue Metaphysik geschaffen, sondern einem

augenblicklichen Streben der positiven Wissenschaften nach gegenseitigem

Anschluß entsprochen werden«. A. d. E. 259. »Es gibt vor allem keine

Machsche Philosophie, sondern höchstens eine naturwissenschaftliche

Methodologie und Erkenntnispsychologie, und beide sind wie alle

naturwissenschaftlichen Theorien vorläufige, unvollkommene Versuche. Für

eine Philosophie, die man mit Hilfe fremder Zutaten aus diesen

konstruieren kann, bin ich nicht verantwortlich«. E. u. J. Vorwort.

»Meine Darlegungen gehen stets von physikalischen Einzelheiten aus und

erheben sich von da zu allgemeineren Erwägungen«. E. u. J. 141.

[2] M. 1. Aufl. Vorwort.

[3] E. u. J. Vorwort.

Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs · 第 5 / 11 题