Das Wort des Naturforschers wiegt schwer, wo immer heute
erkenntnistheoretische oder metaphysische Fragen von einer exakten
Philosophie geprüft werden. Die Zeiten sind vorbei, wo das Bild der Welt
in Urzeugung dem Haupte des Philosophen entsprang. Die Philosophie sucht
heute ihr Verhältnis zu der in so weitem Bereiche aufgedeckten
Gesetzlichkeit der Natur, ihre Stellungnahme zu dem alten Suchen nach
einer richtigen Fassung des Substanzbegriffes und des Begriffs der
Kausalität, zu den Beziehungen zwischen Psychischem und Physischem usw.
mit Berücksichtigung aller Mittel und Ergebnisse der exakten Forschung
neu zu gestalten.
Man kann daraus ermessen, was es bedeutet, wenn nun gerade ein
Naturforscher mit der Behauptung auftritt, daß in diesem Streben nach
philosophischer Orientierung -- (wenigstens in der Gestalt, die es
meistens annimmt) -- trotz seines Anschlusses an die Naturwissenschaft
fast ebenso viele Verkehrtheiten wie philosophische Fragestellungen
liegen, und dies ungefähr durch folgende Thesen erhärtet, die eine Wand
zwischen der Naturwissenschaft aufzurichten streben, welche die
Philosophen meist ihren Untersuchungen zugrunde legen, und der
Naturwissenschaft, die wirklich existiert.
1. Alle Naturwissenschaft beschreibt bloß das Geschehene, statt es zu
erklären. Zumal sind Naturgesetze nichts weiter als tabellarische
Beschreibungen der Tatsachen bezw. mathematische Symbole, die solchen
Tabellen äquivalent sind, und naturwissenschaftliche Theorien nichts als
Zusammenhänge, in die wir solche Tabellen untereinander setzen;
unter dem Gesichtspunkt der Erklärung nichts als umfassendere
Unverständlichkeiten anstelle speziellerer. Weder das einzelne Gesetz
noch die Theorie sagt mehr als auch die Kenntnis der zugrundeliegenden
Erfahrungen für sich schon sagen würde.
2. Wie es überhaupt keine Erklärungen gibt, so gibt es insbesondere
keine kausalen. Gäbe es selbst kausale Zusammenhänge, so würde man mit
ihrer Hilfe bestenfalls doch nur eine Verkettung der Ereignisse
konstatieren, ohne in die Gründe dieser Verkettung blicken zu können.
Ueberdies zeigt aber die exakte Naturforschung, daß es selbst kausale
Zusammenhänge nicht gibt. Das Suchen nach solchen war in früheren
Entwicklungsstadien der Naturwissenschaft aufgenötigt worden, heute hat
sie sich bis auf wertlose und hinderliche Reste davon frei gemacht. Ihr
wirkliches Ziel ist die Aufstellung funktionaler Beziehungen, welche
nicht eine Tatsache als die Ursache einer anderen hinstellen, sondern
lediglich die Berechnung einer Tatsache aus einer anderen gestatten,
welches Verhältnis durchaus umkehrbar ist.
3. Mit der Kausalität fällt auch ein wesentlicher Teil der Bedeutung der
Ding- bezw. Substanzbegriffe dahin, und die philosophische Hoffnung, aus
Substanzbegriffen vermittelst der kausalen Beziehungen zwischen den
Dingen die Welt der Erfahrung aufzuklären, wird durch den Wegfall der
Kausalrelation gewissermaßen mitten entzwei geschnitten.
Aber auch an und für sich sind die Substanzbegriffe der Vernichtung
verfallen. Denn was sich von Substanzen aussagen ließe, wäre nur ihr
gesetzliches Verhalten; die Gesetze, die dieses ausdrücken sollen, haben
sich aber zu lediglich funktionalen Beschreibungen entwickelt, zu dem
Ausdruck viel allgemeinerer Beziehungen, aus denen die Substanzbegriffe
wie gegenstandslos gewordene Zwischensubstitutionen ausgefallen sind.
4. Indem so die Wissenschaft sich von den früher in ihr gesuchten Zielen
abgewendet hat, entbehrt sie doch keineswegs letzter Gesichtspunkte.
Alles bisherige wird verständlich und alle falschen Voraussetzungen
schwinden, sobald man in der Wissenschaft nicht mehr als ein im Kampf
ums Dasein notwendig gewordenes Mittel zur Beherrschung der Tatsachen
sieht, d. h. sie dem Entwicklungsgedanken unterstellt. Alle ihre
Gesetze, Begriffe und Theorien erscheinen dann als ökonomische
Hilfsmittel, uns mit unserer Umgebung in ein praktisch hinreichendes
Verhältnis zu setzen. Versteht man diesen ihren Zweck, so versteht man
alles, was es an ihrer Existenz überhaupt zu verstehen gibt.
5. Diese Auffassung leistet überdies unschätzbare Dienste, indem sie das
verzweifelte Problem des Verhältnisses zwischen Psychischem und
Physischem als sinnlos ergibt. Die Vorstellungen von einer Welt der
Körper und einer geistigen Welt sind instinktiv entstanden und sind
für eine primitive Orientierung auch von praktischem Werte. Als
wissenschaftliche Vorstellungen darf man sie aber nicht höher bewerten
als andere und darf ihren Zweck nur in ihrer Eignung zu ökonomischer
Orientierung suchen. Erfüllen sie diesen nicht mehr, wie jetzt, wo sie
zu dem Stande der Wissenschaft nicht mehr passen und so zu einer Quelle
der Verwirrungen werden, ist es eine methodische Forderung, sie fallen
zu lassen.
6. Dies wird durch die Erkenntnis ermöglicht, daß die funktionalen
Beziehungen, die den Gleichungen der Naturwissenschaft zugrunde liegen,
ohnedies schon Beziehungen zwischen Empfindungen seien, oder wie Mach
dies, um jeden dualistischen Anklang zu vermeiden, nennt, zwischen
Elementen.
Ein Zusammenhang von Elementen, wie Rot, Grün, Druck, Bewegung, liegt
unseren Vorstellungen von Körpern zugrunde, und nur ein anderer, weit
präziserer und fruchtbarerer, aber zwischen prinzipiell ebensolchen
Elementen bestehender Zusammenhang ist es, der durch die Naturgesetze
ausgedrückt wird.
Unsere wissenschaftliche Orientierung in der Außenwelt besteht also in
nichts anderem als in dem Aufsuchen von Gleichungen zwischen Elementen.
Dies ist somit das aus der hochentwickelten Physik abstrahierte Ideal
der Erkenntnis.
Dann kann aber auch die Psychologie, soferne sie wissenschaftliche
Festigkeit anstrebt, nur nach der Aufstellung funktionaler Beziehungen
trachten, und ihr Substanzbegriff, das Ich, die Seele, fällt dabei
ebenso für die wissenschaftliche Bearbeitung weg, wie es mit dem Begriff
einer physischen Substanz geschah. Nun sieht Mach als die psychischen
Grund-Elemente, in deren funktionaler Abhängigkeit voneinander das
wissenschaftliche Bild des Seelenlebens erfaßt wird, die Empfindungen
an. Empfindungen waren aber auch die Elemente des physischen Geschehens:
also zeigt sich, daß Physik und Psychologie ein und dasselbe Objekt
haben.
Das überhaupt Gegebene sind somit Elemente in mannigfachen Zusammenhängen;
indem man auf bestimmte dieser Zusammenhänge achtet, treibt man Physik,
indem man auf andere achtet, Psychologie, -- das ist aber lediglich ein
Unterschied in der Betrachtungsweise, und ein solcher bringt so wenig
eine Kluft zwischen Physischem und Psychischem mit sich, wie etwa eine
Kluft zwischen den Reaktionen eines Gases besteht, wenn sie sich, je nach
dem beachteten Zusammenhange, bald durch das Boyle'sche, bald durch das
Mariotte-Gay-Lussac'sche Gesetz ausdrücken lassen.
Auf diesem Punkte hört für eine zu voller geistiger Freiheit gelangte
und kritisch scharfe Methodologie der Dualismus auf, als Problem zu
existieren, und alle seine Schwierigkeiten erweisen sich als Folgen des
unberechtigten Festhaltens an einer primitiven, überholten Fragestellung.
Wir haben hiermit in freier Wiedergabe die bezeichnendsten Leitsätze aus
den Schriften des Physikers Ernst Mach dargestellt. Man sieht schon aus
dieser vorläufigen Zusammenstellung, daß einzelne Bestandteile dieser
Lehre nicht neu sind. Sie finden ihre Verwandtschaft in älteren
Schriften sensualistischer und positivistischer Richtung, zumal in den
Arbeiten von Condillac und Comte, und bei der Behandlung des Kausal- und
Substanzproblems wird man an den Einfluß von Hume erinnert. Das
Kennzeichnendste, der Schlüssel zu dem Uebrigen und zugleich das der
historischen Situation nach Irritierendste ist aber die, sich auf die
genauere Einheit berufende, starke Betonung des methodologischen
Standpunktes und die damit zusammenhängende Behauptung, daß Mach mit
allen seinen Konsequenzen, so einschneidend sie sind, rein und lediglich
auf dem gesicherten Boden der exakten Naturwissenschaft bleibe: »Ich
wünsche nur in der Physik einen Standpunkt einzunehmen, den man nicht
sofort verlassen muß, wenn man in das Gebiet einer anderen Wissenschaft
hinüber blickt«,[1] heißt es an einer Stelle.
Nun ist ja auch diese Berufung auf die Naturwissenschaft sowohl wie die
Beschränkung der Erkenntnis auf den Zusammenhang der »Erscheinungen« ein
Charakteristikum der positivistischen Philosophie seit Comtes Tagen.
Aber teils schon zur Zeit, als Comtes Hauptwerk erschien (1830--42),
teils wenig später, wirkten Faraday, R. Mayer, Joule, Rankine, Clausius,
W. Thomson, Krönig, Grassmann, Redtenbacher u. a., deren Ziel ein ganz
anderes als das von Comte gesteckte war, und auch heute scheint die
Mehrzahl der Physiker nicht vom Positivismus durchdrungen zu sein. (Ein
Beweis hierfür ist der Widerstand, den Machs Ansichten gerade auch in
diesen Kreisen fanden.) So blieb der Positivismus trotz gelegentlicher
Exkurse stets eine mehr philosophische Angelegenheit, und die
erkenntnistheoretische Erörterung des Verhältnisses von Subjekt und
Objekt blieb seine Hauptfrage, die Verwerfung alles Extramentalen seine
Grundposition bis auf Avenarius, Laas, Schuppe, Rehmke und die anderen
gleichgerichteten Forscher unserer Tage.
Dadurch aber ist unser Interesse an Mach bestimmt. Denn er, heute wohl
der Vertreter des Positivismus, der in die breitesten Kreise wirkt, ist
zugleich derjenige, der wirklich (und zwar als Forscher von Bedeutung)
von der Naturwissenschaft herkommt, und der -- ein Alleingänger (denn
das Fühlungsuchen mit der geistigen Verwandtschaft ist spät und spärlich
in seinen Werken), dem die Anregungen zu seinen Gedanken hauptsächlich
aus seiner Spezialwissenschaft erwachsen sind, -- als der erste mit der
Behauptung Ernst machte, daß seine (positivistischen) Ueberzeugungen nur
durch Uebertragung der in der Naturwissenschaft bewährten Anschauungen
gewonnen und nichts als ein Ergebnis der Entwicklung der exakten
Forschung seien. Damit löst Mach in seiner Person das ein, was vor ihm,
mehr oder weniger, nur behauptet wurde, und gibt dadurch Gelegenheit,
dieses blendendste und lockendste Versprechen des Positivismus, daß
nämlich nur die Rückständigkeit der Philosophen verkenne, wie sehr die
exakte, fruchtbare Wissenschaft längst schon in den Bahnen der
positivistischen Philosophie gehe, auf seine Haltbarkeit zu prüfen.
Es wird also unsere Aufgabe sein, uns zu überzeugen, ob Mach zu seinen
Behauptungen tatsächlich in logischer Folge von einer richtigen oder
wenigstens widerspruchslosen Auffassung der Naturwissenschaft aus
gelangt. Dadurch wird gleichzeitig die beunruhigende Erscheinung
aufgeklärt, daß ein Naturforscher der an der Naturwissenschaft Halt
suchenden gegenwärtigen Philosophie so gänzlich abweisend entgegentritt,
daß er mit Bezugnahme auf deren wichtigste Positionen sagen kann: »Ihre
(vorliegender Schrift) Tendenz ist vielmehr eine aufklärende oder, um es
noch deutlicher zu sagen, eine antimetaphysische«[2] und: »Ich habe
getrachtet, eine alte, abgestandene Philosophie aus der Naturwissenschaft
zu entfernen«[3].
Eines besonderen Umstandes ist noch zu erwähnen: Machs
erkenntnistheoretische und selbst die eigentlichen metaphysischen
Ausführungen sind in seinen Schriften nicht in strengem methodischen
Gefüge gegeben, sondern tragen einen aphoristischen Charakter und sind
mitunter, wie in den Schriften über Mechanik und Wärmelehre, auch bloß
gelegentlich eingestreut. Daraus erwächst in erster Linie die Forderung
einer systematischen Herauslösung und Zusammenfassung der zu einander
gehörenden Gedanken, und ich möchte betonen, daß ich damit auch schon
das wesentlichste unserer eigentlichen Aufgabe für geleistet erachte, da
ja dann die Begründungszusammenhänge offen liegen und einen ganz anderen
Einblick in ihre Tragfähigkeit gestatten, als es möglich ist, solange
die einzelnen Gedanken, von einander isoliert, das gewissermaßen
verantwortungslose Leben des Aphorismus führen.
Ein anderes Ziel aber als dieses einer möglichst genauen Einsicht in die
innere Festigkeit der Machschen Darlegungen wird hier nicht angestrebt.
Wollte man statt der Stringenz ihrer Begründung die Richtigkeit der
Resultate selbst erwägen, so wäre dazu eine erkenntnistheoretische
Arbeit auf weit umfassenderer Grundlage nötig. Zu einer solchen soll
diese Schrift nur ein Beitrag sein, der sich nach Tunlichkeit aller
Stellungnahme dort enthält, wo eine solche die Begründung durch
persönliche Ansichten erfordern würde, und sich darauf beschränkt, in
immanenter Kritik nachzuweisen, daß in den Darlegungen Machs, trotz
ihrer zahlreichen Vorzüge, doch so viele Widersprüche oder wenigstens
Unklarheiten enthalten sind, daß es nicht möglich ist, ihnen eine
entscheidende Bedeutung zuzuerkennen.
Fußnoten:
[1] A. d. E. 2. Aufl. 21 u. ähnl.: »Diese Auffassung wird dem temporären
Gesamtwissen am ökonomischsten gerecht; eine Philosophie für die
Ewigkeit will sie nicht sein«, a. a. O. 23. »Ob es mir jemals gelingen
wird, den Philosophen meine Grundgedanken plausibel zu machen, muß ich
dahingestellt sein lassen. Bei aller Hochachtung vor der riesigen
Geistesarbeit der Philosophen aller Zeiten ist mir dies zunächst auch
weniger wichtig. Aufrichtig und lebhaft wünschte ich aber eine
Verständigung mit den Naturforschern, und diese halte ich auch für
erreichbar. Ich möchte denselben nur zu bedenken geben, daß meine
Auffassung alle metaphysischen Fragen ausschaltet, gleichgültig ob sie
nur als gegenwärtig nicht lösbar oder überhaupt und für immer als
sinnlos angesehen werden«. A. d. E. 287. »... Es soll hiermit keine
neue Philosophie, keine neue Metaphysik geschaffen, sondern einem
augenblicklichen Streben der positiven Wissenschaften nach gegenseitigem
Anschluß entsprochen werden«. A. d. E. 259. »Es gibt vor allem keine
Machsche Philosophie, sondern höchstens eine naturwissenschaftliche
Methodologie und Erkenntnispsychologie, und beide sind wie alle
naturwissenschaftlichen Theorien vorläufige, unvollkommene Versuche. Für
eine Philosophie, die man mit Hilfe fremder Zutaten aus diesen
konstruieren kann, bin ich nicht verantwortlich«. E. u. J. Vorwort.
»Meine Darlegungen gehen stets von physikalischen Einzelheiten aus und
erheben sich von da zu allgemeineren Erwägungen«. E. u. J. 141.
[2] M. 1. Aufl. Vorwort.
[3] E. u. J. Vorwort.