Oeffnen wir sofort die Thüre, keine davor gebreitete Strohdecke, kein
Scharrbrett wird uns aufhalten. Wir zögern, über die Schwelle zu
treten: eine üble, dumpfige Luft scheint uns wieder hinausdrängen, ein
unordentliches Durcheinander den Weg versperren zu wollen. Halten wir
indeß aus und überwinden die erste Regung, an's Fenster zu eilen und
dasselbe aufzureißen, damit doch die frische, freie Luft hereindringe, die
von den trüben Fensterscheiben zurückgehalten wird. Der Fußboden, -- er
wird wohl von Holz sein, -- trägt alle möglichen Spuren, von der Straße
draußen wie von dem Fette und den Speisen der Küche. Papierschnitzel,
Fadenresten, angebrannte Zündhölzer und Cigarrenstumpfen, abgenagte
Knochen und Kleidungsstücke finden sich da und dort. Auf dem Tische mitten
im Zimmer, auf dem, neben den Brosamen und Kafferingen noch vom Frühstück
her, die ungespülten Tassen stehen, sitzt die Katze und gehorcht ihrem
Reinlichkeitstrieb oder ihrer Naschhaftigkeit, indem sie die Reste aus
den Schüsselchen leckt. Ein großmächtiges Bett an der Wand befindet sich
noch ganz im selben Zustande, wie es die Bewohner vor 5 oder 6 Stunden
verlassen: Kissen, Federbett, Alles wirr durcheinander ohne Leintücher
indeß, wenn jenes Grau dort der Ueberzug sonst irgend eines Bettstückes
sein sollte. Und über all dieß wölbt sich, wie ein wolkiger, düstrer
Himmel, die von Oelqualm und Ofenrauch geschwärzte Zimmerdecke, gestützt
auf die unsaubere, in den Ecken schimmlichte Tapete der kahlen Wände.
Und doch sind die Leute hier drin nicht eben arm. Der Mann ist ein
geschickter Bandweber, er hat seinen guten und jetzt selbst reichlichen
Verdienst in einer Fabrik und auch die Frau bringt durch Arbeiten für
fremde Leute manchen Batzen in's Haus. Man erkennt's an Dem und Jenem, daß
der Mangel da nicht ein- und ausgeht: Einzelnes verräth sogar Wohlstand,
ja Luxus; aber es paßt Keines recht zum Andern, wie bei einem Trödler
stehen die Geräthe ohne rechte Beziehung zu einander. Ein währschafter
Schrank fehlt, eine neumodische Kommode vermag nicht Alles zu beherbergen,
wenn gleich darin die buntbebänderte Sonntagshaube, der Laib Brot, die
Unschlittkerzen und der Kamm noch so enge zusammenrutschen, und das
zerbrochene Spielzeug auf's bescheidenste sich zwischen eine Handvoll
Aepfel und die seidene Weste des Mannes versteckt. Deßhalb fährt auf Tisch
und Stuhl dieß, jenes Kleidungsstück vom vorgestrigen Sonntage herum,
oder selbes Geräthe, das ja in den nächsten vierzehn Tagen wahrscheinlich
wieder einmal gebraucht wird. Bedarf man aber des Stuhles, des Tisches
sonst, ei nun da ist das darauf Liegende ja bald zusammengerafft und auf
das Fenstersims, das Bette geflüchtet, wo es für den Augenblick nicht im
Wege liegt.
Wir wollen nicht in andere Räume treten, in die Küche so wenig, als an
noch verborgenere Oerter: dieß Zimmer schon predigt laut genug, hier sei
nicht gut wohnen! Und unbehaglich genug sieht's allerdings bei den Leuten
da aus, die bei sich selbst nirgends daheim, sondern vielmehr in stätem
Auszuge scheinen begriffen zu sein.