4. Das Inwendige einer schlechten Wohnung.

Oeffnen wir sofort die Thüre, keine davor gebreitete Strohdecke, kein

Scharrbrett wird uns aufhalten. Wir zögern, über die Schwelle zu

treten: eine üble, dumpfige Luft scheint uns wieder hinausdrängen, ein

unordentliches Durcheinander den Weg versperren zu wollen. Halten wir

indeß aus und überwinden die erste Regung, an's Fenster zu eilen und

dasselbe aufzureißen, damit doch die frische, freie Luft hereindringe, die

von den trüben Fensterscheiben zurückgehalten wird. Der Fußboden, -- er

wird wohl von Holz sein, -- trägt alle möglichen Spuren, von der Straße

draußen wie von dem Fette und den Speisen der Küche. Papierschnitzel,

Fadenresten, angebrannte Zündhölzer und Cigarrenstumpfen, abgenagte

Knochen und Kleidungsstücke finden sich da und dort. Auf dem Tische mitten

im Zimmer, auf dem, neben den Brosamen und Kafferingen noch vom Frühstück

her, die ungespülten Tassen stehen, sitzt die Katze und gehorcht ihrem

Reinlichkeitstrieb oder ihrer Naschhaftigkeit, indem sie die Reste aus

den Schüsselchen leckt. Ein großmächtiges Bett an der Wand befindet sich

noch ganz im selben Zustande, wie es die Bewohner vor 5 oder 6 Stunden

verlassen: Kissen, Federbett, Alles wirr durcheinander ohne Leintücher

indeß, wenn jenes Grau dort der Ueberzug sonst irgend eines Bettstückes

sein sollte. Und über all dieß wölbt sich, wie ein wolkiger, düstrer

Himmel, die von Oelqualm und Ofenrauch geschwärzte Zimmerdecke, gestützt

auf die unsaubere, in den Ecken schimmlichte Tapete der kahlen Wände.

Und doch sind die Leute hier drin nicht eben arm. Der Mann ist ein

geschickter Bandweber, er hat seinen guten und jetzt selbst reichlichen

Verdienst in einer Fabrik und auch die Frau bringt durch Arbeiten für

fremde Leute manchen Batzen in's Haus. Man erkennt's an Dem und Jenem, daß

der Mangel da nicht ein- und ausgeht: Einzelnes verräth sogar Wohlstand,

ja Luxus; aber es paßt Keines recht zum Andern, wie bei einem Trödler

stehen die Geräthe ohne rechte Beziehung zu einander. Ein währschafter

Schrank fehlt, eine neumodische Kommode vermag nicht Alles zu beherbergen,

wenn gleich darin die buntbebänderte Sonntagshaube, der Laib Brot, die

Unschlittkerzen und der Kamm noch so enge zusammenrutschen, und das

zerbrochene Spielzeug auf's bescheidenste sich zwischen eine Handvoll

Aepfel und die seidene Weste des Mannes versteckt. Deßhalb fährt auf Tisch

und Stuhl dieß, jenes Kleidungsstück vom vorgestrigen Sonntage herum,

oder selbes Geräthe, das ja in den nächsten vierzehn Tagen wahrscheinlich

wieder einmal gebraucht wird. Bedarf man aber des Stuhles, des Tisches

sonst, ei nun da ist das darauf Liegende ja bald zusammengerafft und auf

das Fenstersims, das Bette geflüchtet, wo es für den Augenblick nicht im

Wege liegt.

Wir wollen nicht in andere Räume treten, in die Küche so wenig, als an

noch verborgenere Oerter: dieß Zimmer schon predigt laut genug, hier sei

nicht gut wohnen! Und unbehaglich genug sieht's allerdings bei den Leuten

da aus, die bei sich selbst nirgends daheim, sondern vielmehr in stätem

Auszuge scheinen begriffen zu sein.

Sicherer Wegweiser zu einer guten und gesunden Wohnung Zwei Preisschriften · 第 5 / 18 题