Nichts ist heutzutage allgemeiner, als die Klage über das Steigen der
Miethpreise und über die Schwierigkeit Wohnungen zu finden.
Diese Klagen sind nur zu wohl begründet. Die Ausdehnung, der Aufschwung
der Gewerbe und Fabriken zieht in deren Nähe immer größere Menschenmassen,
und da die vorhandenen Wohnungen nicht ausreichen und auch die neuerbauten
mit dem Anschwellen der Bevölkerung nicht Schritt halten, so entsteht ein
Gedränge, wenn sich Jeder eben doch sein Plätzchen sucht, wo er leben
mag. Das macht zugleich, daß die Miethen theurer werden; denn überall, wo
viel Nachfrage ist, steigt der Preis und so muß man jetzt im Vierteljahre
zahlen, was sonst für ein Jahr gereicht hatte.
Die Erwerblust der Hausbesitzer trachtet nun auf verschiedene Art zu
helfen und da nicht immer auf die uneigennützigste oder zweckmäßigste,
wie anderseits wieder die Miethsleute mit geringern und schlechtern
Wohnungen sich behelfen lernen. In dem Raume, den früher eine Haushaltung
bewohnt, haben sich jetzt mindestens zwei, und zwar einander wildfremde,
angesiedelt. Die bequemen Hausgänge und Sommerhäuser (Hausfluren) von
ehemals sind verschwunden, die Stuben scheinen nach allen vier Seiten
einzuschrumpfen, die Treppe muß sich gleichsam durch den Haufen von
Stuben und Kämmerchen hindurchstehlen, von irgend einem freien Raume ist
keine Rede mehr, er trüge ja nichts ab! Anhängsel jeder Art füllen den
alten Hof und fangen gierig den letzten frischen Lufthauch, den einzigen
Lichtstrahl weg, diese Gottesgaben, die vor Zeiten auch dem Aermsten
nicht vorenthalten waren. Bequemlichkeiten, wie Waschhaus, Holz- und
Vorrathskammern u. dgl. scheinen mit dem Zirkel in verkleinertem Maßstabe
ausgemessen und der oberste Dachraum, das abgelegenste Winkelchen wird mit
Menschen vollgepfropft, ja selbst der Raum unter der Erde, wo man ehemals
bloß Fässer, Kartoffeln und Krautköpfe untergebracht. Wenn so ein recht
besetztes Mieth- oder Kosthaus seine Bewohner mit einem Male herausließe,
es würde oft keine Seele glauben, daß die alle neben einander darin Platz
gehabt hätten, geschweige noch mit ihren Geräthen und Habseligkeiten dazu.
Von außen ist das Alles freilich nicht immer sichtbar, ein heller
neumodischer Anstrich läßt wohl gar einige Behaglichkeit vermuthen. Indeß
giebt es vielleicht doch mehr der Wohnungen, oder besser Wohnlöcher,
z. B. in alten Hinterhäusern, engen Gäßchen, darin noch lange der Winter
herrscht und geheizt werden muß, wenn in der übrigen Welt schon Alles
an der Frühlingssonne sich wärmt und erlabt. Es giebt übergenug mit
Menschen vollgepfropfte Häuser, in deren nächster Nähe Jahrelang nicht
geleerte Dunggruben, baufällige Schweineställe, schlechte Cysternen
die wenige Luft vollends verpesten, aus denen dem Eintretenden in dem
dunkeln, feuchten Hausgange eine modrige Kellerluft, mit Abtrittgeruch
verbunden, frostig entgegenschlägt, auf deren steiler, schlechter Treppe
nur ein herabschlotterndes Seil durch die Finsterniß leitet und vor dem
Halsbrechen schützt.