Der dem Trunke ergebene Kirchensänger Pjotr Iliitsch geht still für
sich.
Wenn der Herbst kommt und die Villenstadt leer und öde wird, wie ein
abgelegener Kirchhof vergangener Freuden, dann steigt in ihr
eigenartige, prächtige Schönheit auf: die feinen durchbrochenen
Gartengitter dringen wie Spitzenwerk durch Bäume und Büsche, roten
Girlanden gleich hängt der Hopfen von ihnen herab, durch die goldenen
Ornamente der entblätterten Aeste leuchten die spielzeugartigen
Sommervillen; auf den leeren Blumenbeeten stehen einsam geordnet rote
Astern, sinnen nach und nicken mit kühlen Köpfchen; Balkons und grüne
Bänke scheinen noch die Spuren des vergangenen fröhlichen, lärmvollen
Lebens zu tragen, nur von Freude, Kraft und Glück mag dieses Leben
erfüllt gewesen sein; es war ein ganz besonderes, schmuckes Leben. Die
verschlossenen Fenster und Türen heben die Stille noch mehr hervor, und
unwillkürlich schleicht sich der Glaube ein, daß sie es allein ist, die
Herbststille, die jetzt hier ihr rätselhaftes menschliches Leben führt.
Pjotr Iliitsch geht feierlich durch die verwahrlosten Wege und raschelt
mit seinem Stock in den abgefallenen gelben Blättern.
Wenn es hier voller Menschen, Lärm und Lust ist, dann kommt Pjotr
Iliitsch niemals hierher. Vielleicht fühlt er instinktiv, wie alt,
armselig unscheinbar er ist, und die Menschen mit ihrem Lachen und
fröhlichen Mienen stören ihn, auf das zu lauschen, was nur für ihn
vernehmbar klingt ...
Er geht an den Villen vorbei, setzt sich auf eine verlassene Bank und
schaut lange, lange vor sich hin, bis der jetzt erkaltete Himmel dunkel
wird; so empfindet er wohl das Wehen der Ewigkeit, die unsichtbar über
diesem Flecken menschlicher Lust und Freude schwebt.
Dann geht er unter den gravitätischen Eichen zum Flusse hinunter; er
schaut auf das verstummte Wasser. Dann legt er sich ins trockene Gras
und hört stundenlang mit dem Ohr an der Erde, ihrem lautlosen Gespräche
zu und atmet ihren ruhigen würzigen Odem ein.
Bis an die wildesten Plätze schlägt er sich durch, wo Fluß und Berg
zusammenstoßen und der Berg sich langsam in den Fluß hineinschiebt, als
ob er ihn erdrücken wollte; es war ihm nur noch nicht gelungen. Der Fluß
lachte über den Berg, erschauerte völlig unter seinem blauen, silbernen
Lachen; der Berg blieb düster, die Bäume rauschten. Manchmal drängten
sich riesige Eichen vom steilen Ufer ins Wasser herab und versenkten
ihre herunterhängenden Aeste in der rollenden lachenden Tiefe.
Wellen spielen im Flusse -- blau vom Himmel und grün von der Erde; es
scheint, daß jemand in fliegender Eile auf der Wasserfläche
unverständliche, geheimnisvolle Schriften schreibt. Schreibt sie und
verwischt sie, und schreibt eilig wieder und verwischt sie von neuem.
Was diese Schriften erzählen -- das kann niemand lesen, aber offenbar
dringen sie Pjotr Iliitsch, der sie stundenlang betrachtet, tief ins
Herz; still und ruhig machen sie ihn wie der verglimmende Abend des
menschlichen Lebens.
Wald, Fluß, Felder und Erde geben ihm etwas, was ihm sein versoffenes
armseliges Leben nicht zu geben vermochte, was aber seine Seele bis in
die tiefsten Winkel erfüllt. Und das Aussehen des alten Kirchensängers
ist bei solchen Streifzügen voll heimlicher Nachdenklichkeit und Würde.
Wenn er dann zurückkehrt und einem seiner wenigen Bekannten begegnet,
erzählt er ihm etwas mit feierlichen Mienen; er versucht mitzuteilen,
was er nicht mitteilen kann. Und immer wieder schließt er, ohne selbst
zu wissen, warum, mit dem gleichen Satz:
»Ja, im Winter ... s' ist dort herrlich! -- Ganz still. -- So, -- -- die
Schneeflöckchen schwanken in der Luft, -- fallen ... die Sänger singen!
...«
Eine Stimme steigt in die höchsten Höhen, sie löst sich in der Luft auf;
oh, man kann fühlen, daß es dieser Mensch trotz seiner Armseligkeit
wahrhaft versteht, auf ganz eigene Weise die tiefsten Feinheiten der
Lebensschönheit zu ergreifen. Wenn er einen Augenblick von Arbeit und
Sorge um das Stück Brot, von Wodka und Krankheit frei wird, dann füllt
er sein Leben so restlos schön aus, daß seine Seele glücklich ist.