XLI

Der dem Trunke ergebene Kirchensänger Pjotr Iliitsch geht still für

sich.

Wenn der Herbst kommt und die Villenstadt leer und öde wird, wie ein

abgelegener Kirchhof vergangener Freuden, dann steigt in ihr

eigenartige, prächtige Schönheit auf: die feinen durchbrochenen

Gartengitter dringen wie Spitzenwerk durch Bäume und Büsche, roten

Girlanden gleich hängt der Hopfen von ihnen herab, durch die goldenen

Ornamente der entblätterten Aeste leuchten die spielzeugartigen

Sommervillen; auf den leeren Blumenbeeten stehen einsam geordnet rote

Astern, sinnen nach und nicken mit kühlen Köpfchen; Balkons und grüne

Bänke scheinen noch die Spuren des vergangenen fröhlichen, lärmvollen

Lebens zu tragen, nur von Freude, Kraft und Glück mag dieses Leben

erfüllt gewesen sein; es war ein ganz besonderes, schmuckes Leben. Die

verschlossenen Fenster und Türen heben die Stille noch mehr hervor, und

unwillkürlich schleicht sich der Glaube ein, daß sie es allein ist, die

Herbststille, die jetzt hier ihr rätselhaftes menschliches Leben führt.

Pjotr Iliitsch geht feierlich durch die verwahrlosten Wege und raschelt

mit seinem Stock in den abgefallenen gelben Blättern.

Wenn es hier voller Menschen, Lärm und Lust ist, dann kommt Pjotr

Iliitsch niemals hierher. Vielleicht fühlt er instinktiv, wie alt,

armselig unscheinbar er ist, und die Menschen mit ihrem Lachen und

fröhlichen Mienen stören ihn, auf das zu lauschen, was nur für ihn

vernehmbar klingt ...

Er geht an den Villen vorbei, setzt sich auf eine verlassene Bank und

schaut lange, lange vor sich hin, bis der jetzt erkaltete Himmel dunkel

wird; so empfindet er wohl das Wehen der Ewigkeit, die unsichtbar über

diesem Flecken menschlicher Lust und Freude schwebt.

Dann geht er unter den gravitätischen Eichen zum Flusse hinunter; er

schaut auf das verstummte Wasser. Dann legt er sich ins trockene Gras

und hört stundenlang mit dem Ohr an der Erde, ihrem lautlosen Gespräche

zu und atmet ihren ruhigen würzigen Odem ein.

Bis an die wildesten Plätze schlägt er sich durch, wo Fluß und Berg

zusammenstoßen und der Berg sich langsam in den Fluß hineinschiebt, als

ob er ihn erdrücken wollte; es war ihm nur noch nicht gelungen. Der Fluß

lachte über den Berg, erschauerte völlig unter seinem blauen, silbernen

Lachen; der Berg blieb düster, die Bäume rauschten. Manchmal drängten

sich riesige Eichen vom steilen Ufer ins Wasser herab und versenkten

ihre herunterhängenden Aeste in der rollenden lachenden Tiefe.

Wellen spielen im Flusse -- blau vom Himmel und grün von der Erde; es

scheint, daß jemand in fliegender Eile auf der Wasserfläche

unverständliche, geheimnisvolle Schriften schreibt. Schreibt sie und

verwischt sie, und schreibt eilig wieder und verwischt sie von neuem.

Was diese Schriften erzählen -- das kann niemand lesen, aber offenbar

dringen sie Pjotr Iliitsch, der sie stundenlang betrachtet, tief ins

Herz; still und ruhig machen sie ihn wie der verglimmende Abend des

menschlichen Lebens.

Wald, Fluß, Felder und Erde geben ihm etwas, was ihm sein versoffenes

armseliges Leben nicht zu geben vermochte, was aber seine Seele bis in

die tiefsten Winkel erfüllt. Und das Aussehen des alten Kirchensängers

ist bei solchen Streifzügen voll heimlicher Nachdenklichkeit und Würde.

Wenn er dann zurückkehrt und einem seiner wenigen Bekannten begegnet,

erzählt er ihm etwas mit feierlichen Mienen; er versucht mitzuteilen,

was er nicht mitteilen kann. Und immer wieder schließt er, ohne selbst

zu wissen, warum, mit dem gleichen Satz:

»Ja, im Winter ... s' ist dort herrlich! -- Ganz still. -- So, -- -- die

Schneeflöckchen schwanken in der Luft, -- fallen ... die Sänger singen!

...«

Eine Stimme steigt in die höchsten Höhen, sie löst sich in der Luft auf;

oh, man kann fühlen, daß es dieser Mensch trotz seiner Armseligkeit

wahrhaft versteht, auf ganz eigene Weise die tiefsten Feinheiten der

Lebensschönheit zu ergreifen. Wenn er einen Augenblick von Arbeit und

Sorge um das Stück Brot, von Wodka und Krankheit frei wird, dann füllt

er sein Leben so restlos schön aus, daß seine Seele glücklich ist.

Ssanin: Roman · 第 70 / 97 题