Am darauffolgenden Tage stand Jurii erst sehr spät auf; er war in
gedrückter Stimmung, hatte schlechten Geschmack im Mund und feinen
bohrenden Schmerz in den Schläfen. Zuerst konnte er sich an nichts
erinnern, als an das Schreien und Gläsergeklirr, die blassen Feuerchen
und an die Morgendämmerung, die für die trunkenen, stumpf gewordenen
Augen sonderbar klar und durchsichtig war. Dann fiel ihm ein, wie sich
Schawrow und Pjotr Iliitsch von ihren Plätzen taumelnd erhoben hatten
und grunzend auf ihr Zimmer krochen, während er mit Iwanow, der nach dem
Wodka furchtbar blaß aussah, aber sich wie immer gerade hielt, noch
lange auf dem Balkon blieb.
Sie stritten sich; Iwanow bewies Jurii triumphierend, daß Leute seiner
Art zu nichts tauglich wären. Sie wagten nichts vom Leben, das doch ihr
freies Eigentum sei, zu nehmen; es wäre das Allerbeste, wenn sie ohne
jede Spur von der Bildfläche verschwänden. Mit unbegreiflicher
Schadenfreude wiederholte er fortgesetzt den Ausspruch Pjotr Iliitschs:
Solche Leute Menschen zu nennen, davor hüte ich mich. -- -- -- Dabei
lachte er jedesmal wild auf, als wollte er Jurii in seinem Lachen
ersäufen. Dieser fühlte sich eigentümlicherweise garnicht verletzt,
sondern hörte interessiert zu. Er ging überhaupt nur auf den Vorwurf
ein, daß seine Erlebnisse armselig seien, und behauptete dagegen, solche
Menschen wie er, führten im Gegenteil ein besonders feines und
kompliziertes Leben; schließlich aber gab er zu, es wäre tatsächlich
besser, wenn sie untergingen.
Juriis Stimmung quoll von unerträglicher Traurigkeit über; er wünschte
zu weinen und zu büßen. Beschämend kam es ihm ins Bewußtsein, daß es ihn
innerlich fast gedrängt hatte, Iwanow eine Beichte abzulegen. So
trottete er immer um die Episode mit Karssawina herum und hätte das
feine liebe Mädchen beinahe dem aufgeblasenen groben Kerl vor die Füße
geworfen. Doch Iwanow war viel zu betrunken, um irgend etwas zu bemerken
und Jurii wünschte jetzt nachträglich, glauben zu können, daß ihm seine
Niedergeschlagenheit tatsächlich nicht aufgefallen wäre.
Iwanow war zuletzt unter grundlosem Brüllen in den Hof gegangen;
überhaupt schienen mit einem Mal alle verschwunden zu sein. Es wurde um
Jurii ungemein leer; er blieb ganz allein zurück. Sein Gesichtskreis war
von trunkenen Nebeln begrenzt; vor ihm baumelte nur das schmutzige,
begossene Tischtuch, die grünen Schwänzchen der abgebissenen Radieschen,
Gläser mit Zigarettenstummeln und begossene Bieruntersätze.
Jurii saß mit gesenktem Kopf, schaukelte sich hin und her, und fühlte
sich als Mensch, der von der ganzen Welt verlassen ist.
Später kehrte Iwanow nochmals zurück und schleppte Ssanin mit sich, der
irgendwo gesteckt haben mochte.
Ssanin war liebenswürdig und voller Leben, nur blickte er Jurii etwas
eigentümlich bald überzärtlich, bald wieder zu spöttisch, an. Nun kam in
seiner Erinnerung ein weißer leerer Fleck und dann tauchte ein Boot, der
Fluß, milchrosige Luftfetzen, wie er sie noch nie zu Gesicht bekommen
hatte, vor ihm auf. Sie fuhren über kühlem durchsichtigem Wasser, gingen
über glatten Sand, der von der Sonne fast wie von unten durchleuchtet
wurde, ein scharfer Schmerz lief nebenher durch seinen Kopf,
zwischendurch packte ihn hin und wieder wütender Ekel.
-- -- -- Weiß der Teufel, wie widerwärtig das war, dachte Jurii. Grade
Trinken, das hat mir nur noch gefehlt. Doch nachdem er all diese
Erinnerungen, die, gleich Straßenschmutz an den Füßen, in ihm kleben
blieben, von sich abgestreift hatte, dachte er intensiv daran, was
vorher im Walde geschehen war.
In einem Augenblick stand dieser ungewöhnlich geheimnisvolle Wald vor
ihm, die tiefe bewegungslose Finsternis unter den Bäumen, das sonderbare
Licht des Mondes, der weiße kühle Körper des Mädchens, ihre geschlossene
Augen, der betäubende aufregende Geruch, das gierige Verlangen, das ihm
den Kopf bis zur Tollheit benahm.
Die Erinnerung durchlief seinen Körper mit schwerem, wollüstigen
Zittern. Irgend etwas stach anhaltend in seiner Schläfe und preßte sein
Herz zusammen. Voll überflüssiger Einzelheiten schienen daraus die
Bilder der Szene aufzusteigen, wie er das Mädchen, ohne daß ihn die
innere Erregung betäubend fortgerissen hätte, auf den Boden
niederdrückte; -- sie wehrte sich dagegen, stieß ihn zurück, riß sich
los, bis er schließlich einsah, daß er selbst gar nichts tun mochte,
nichts von ihr wollte; und dennoch warf er sich immer von neuem auf sie.
Jurii schauderte unter diesem Nachsinnen in allen Nerven; das Tageslicht
steigerte die Verachtung vor sich. Am liebsten hätte er sich ins Dunkel
verkrochen, sich in die Erde eingegraben, -- um seine Schande selbst
nicht zu sehen. Doch schon im nächsten Augenblick suchte er sich zu
überzeugen, daß all das nicht deshalb so häßlich verlief, weil er einen
mächtigen Trieb der Leidenschaft verunstaltet und herabgewürdigt hatte,
sondern weil er eine Minute lang nahe daran gewesen, eine Vereinigung
mit dem Mädchen gewaltsam erzwingen zu wollen.
Da drehte er mit furchtbarer, fast physischer Anstrengung, als wenn er
einen Menschen, der viel stärker ist, als er, überwinden müßte, sein
Gefühl einfach um. Und jetzt fand er seine Handlungsweise plötzlich in
dieser Form berechtigt und notwendig.
Doch eine neue, viel drückendere Frage schob sich jetzt ein ... Was ist
weiter zu tun? ...
Aus dem Chaos der verschiedensten Gedanken und Wünsche, kristallisierte
sich allmählich der eine: Alles zerreißen!
Sie hinnehmen und an ihr Freude haben! Doch sie dann wegwerfen, das kann
ich nicht ... ich bin nicht solch ein Mensch ... Fremde Leiden gehen mir
zu nahe, als daß ich andern welche zufügen könnte. Und sie heiraten? ...
Dieses Wort klang Jurii ungewöhnlich platt. Er, mit seiner besonderen,
ganz eigenartigen Veranlagung, die ewig an der Grenze großer Gedanken
und erhabener Schmerzen schwankte, kann sich nun einmal nicht ein
Philisterglück mit Frau, Kindern und Wirtschaft zurechtbauen. Er
errötete sogar bei dieser Vorstellung, als ob ihn schon die Annahme
eines solchen Ausweges verletzen müßte.
-- -- -- Also sie von sich stoßen, einfach fortgehen ...
Doch ihr Bild schien ihm jetzt, während es sich allmählich von ihm
entfernte, als das höchste Glück. Es glitt unwiederbringlich aus den
Händen; -- -- die Entsagung zerriß sein Herz. Hinter ihr schleiften
zuckende Sehnen und rissen sich mit bluttriefenden Fetzen ab. Um ihn
schwand das Licht, seine Seele hing leer und schwer; sein Körper selbst
erschlaffte.
Aber ich liebe sie ja, sagte sich Jurii mit dem letzten Aufwand
qualvoller Ratlosigkeit. Wie ist es denn möglich, daß ich selbst mein
eigenes Glück zerstöre. Unsinnig, widerwärtig wäre es doch. Aber was
denn? ... Heiraten? ...
Wieder von dem bloßen Gedanken wie vor den Kopf geschlagen, sank Jurii
von neuem in haltlose Trauer. Um nicht mehr weiter nachdenken zu müssen,
setzte er sich an den Tisch und nahm sich einige Blätter zum Lesen vor,
auf denen er im Tone des Prediger Salomo einige Aufzeichnungen gemacht
hatte:
»In der Welt gibt es nicht Gutes, nicht Böses.
So sagen die einen: Was das Natürliche ist, das sei auch gut und gerecht
sei der Mensch in seinen Wünschen.
Aber eitel Lüge ist das, denn alles ist natürlich, nichts wird aus Leere
und Finsternis geboren. Alles hat seinen Anfang.
So sagen die anderen: Das ist gut, was da von Gott kommt. Aber ebenso
ist das eitel Lüge, denn, wenn ein Gott ist, so kommt alles von ihm, und
so auch die Gotteslästerung.
So sagen die dritten: Das ist gut, was den Menschen Gutes bringt. Aber
gibt es denn solches? Was dem einen das Gute ist, das ist Böses dem
anderen. Dem Sklaven ist seine Freiheit gut, dem Herrn die Knechtschaft
des Sklaven. -- Dem Reichen die Erhaltung seiner Reichtümer, dem Armen
der Untergang des Reichen. -- Dem Ungeliebten, daß sie ihn lieb gewönne,
dem Glücklichen, daß sie alle Anderen verwerfe, außer ihm. -- Dem
Lebenden, er möge nicht sterben, dem Geborenen, daß da alle sterben und
lassen ihm freien Platz. Dem Menschen der Untergang der Tiere, den
Tieren der Untergang der Menschen. Und so ist alles, und so ist es von
Anfang bis an das Ende der Zeiten. Und niemand hat vor dem anderen ein
Vorrecht auf das Gute, das ihm allein das Gute ist.
Hier gilt es unter den Menschen als Wahrheit: Gutes und Liebes schaffen,
sei besser als Böses und Haß. Aber das ist verborgen. Denn so es eine
Vergeltung gibt, ist es den Menschen besser, Gutes zu schaffen und sich
selbst zu opfern, so es aber keine gibt, ist es besser, nach seinem Teil
auf der Erde zu streben.
Hier noch ein Beispiel für die Lüge, die da unter den Menschen lebt: Da
ist einer, der sein Leben, für die anderen hingibt. Und ihm wird gesagt:
Dein Geist wird dich überleben, weil er in den menschlichen Taten, wie
ein ewiger Same, verbleiben werde. Aber das ist Lüge, denn wir wissen,
daß in der Kette der Zeiten der Geist der Schöpfung in gleicher Weise
lebt wie der Geist der Zerstörung und es ist unbekannt, was einst
auferstehen und was zerfallen wird. Hier noch eins: Da denken die
Menschen daran, wie man nach ihnen leben wird, und sagen sich, daß es
gut sei, und daß ihre Kinder ihre Früchte ernten werden. Aber wir wissen
nicht, was nach uns sein wird, wir können uns kein Bild machen von den
Myriaden und Abermyriaden, die auf unseren Pfaden wandeln werden. Und
wir können sie nicht lieben oder hassen, wie wir nicht die lieben oder
hassen können, die vor uns waren. Das Band zwischen den Zeiten ist
zerrissen.
So wird gesagt: Machen wir die Menschen gleich vor der Quelle der Freude
und des Kummers und teilen wir allen nach gleichem Maße zu. Aber kein
Mensch kann Freude und Kummer, Schmerz und Genuß in größerem Maße
bekommen, als er sich selber schafft. Und wenn der Anteil der Menschen
nicht gleich ist, so, weil sie nicht gleich sind. Und so auch ihr Maß
gleich gemacht ist, werden ihre Herzen in Ewigkeit nicht gleich werden.
So spricht Hochmut: Große und Kleine gibt es.
Aber jeder Mensch ist Aufgang und Untergang, Gipfel und Abgrund, ein
Atom und eine Welt. Da wird gesagt: Groß ist die menschliche Vernunft.
Aber das ist Lüge, weil die Vernunft beschränkt ist. Und der Mensch
sieht weder seinen Wahnsinn noch seine Vernunft im unbeschränkten
Weltall, wo Vernunft und Wahnsinn zerfließen wie flüssige Luft.
Was weiß der Mensch? ...
Auch Adam wußte, wie er zu essen und zu trinken hätte und wie sich zu
kleiden nach seinem Bedürfnis und auch hat er seinen Samen erhalten. Und
wir wissen das Gleiche und werden unseren Samen in der Zukunft erhalten.
Aber Adam wußte nicht, was er tun solle, um nicht zu sterben und nicht
zu fürchten. Auch wir wissen es nicht. Viel Kenntnisse sind erfunden
worden, nur ist nicht erfunden Leben und Glück, um sie zu füllen.
Der Mensch hatte stets in allem, vom Haupt bis zu den Füßen das Ziel,
seinen Körper vom Tode zu retten. Und da sehen wir: Hat nicht durch
einen einfachen Stock Kain den Abel umgebracht und kann man denn nicht
mit dem gleichen Stock den Ersten der Menschen umbringen, der auf der
höchsten Stufe der Erkenntnis steht. Lebte denn nicht länger als alle
anderen Methusalem? Aber auch er starb. War nicht glücklicher als alle
Hiob? -- Aber auch ihn traf Gram. Und wird nicht ein jeder der Menschen,
der in seinem Leben solch gerüttelt Maß von Glück und Kummer erduldet
hat, wie es nur seine Schultern zu ertragen vermöchten, den gleichen Tod
sterben, wie ihn sein Urahn starb? ... Jetzt, wo die Menschen Götter der
Wissenschaft krönen, schreien und rühmen sie sich. -- -- -- Doch: Gleich
fressen alle die Würmer!«
Ein kaltes Gefühl kroch über Juriis Rücken und das Bild weißer Würmer,
die in einer dicken Schicht auf der ganzen Erde von einem Ende bis zum
andern wimmeln, durchrüttelte ihn. Doch das, was er geschrieben hatte,
kam ihm ungemein eindringlich und gewaltig vor.
Das ist ja alles richtig, hämmerte es in seinem Hirn und das stolze
Gefühl der Schöpferkraft vermischte sich mit einer breiten Welle Wehmut.
Er trat an das Fenster und blickte lange ziellos in den Garten, wo die
Wege unter einer Schicht gelber und roter Blätter bereits goldig wurden
und neu ersterbende Blätter, leise in der Luft kreisend, lautlos
herunterfielen. Tote rote Farben deckten sich auf alles, Blätter starben
ab ... Milliarden von Insekten, die nur von Licht und Wärme lebten,
starben ab ... alles starb ab im stillen ruhigen Schein des Tages.
Diese Ruhe war Jurii unbegreiflich und der stille Tod rief in seinem
Innern formlosen plumpen Haß hervor.
Hier ... krepiert alles ... und dabei strahlt es noch, als wenn es sich
an Zuckerbrot überfressen hätte, dachte er mit ausgesuchter Grobheit und
es drängte ihn, noch gröbere, härtere Worte auszudenken.
Viele Gedanken kamen; -- -- sie blieben in der Leere hängen und fielen
ihm kraftlos auf die Seele. Und eine Wut packte ihn bis an die
Haarwurzeln, daß er beinahe an ihr erstickte. -- -- --
Hinter dem Fenster dehnte sich der goldene Garten, hinter dem Garten zog
der Fluß den grünblauen herbstlichen Himmel in sich ein, hinter dem Fluß
liefen die von den Netzen der Sommerfäden versilberten Felder, hinter
den Feldern kam wieder ein Fluß; -- -- -- ein umgekehrter Wald auf
seinem Spiegel, dann Ufer, Eichen, schmale Wege ...
-- -- -- Ruhe. -- -- --
Dort geht einer still für sich.