Glühender Sommer lag über der Stadt. In den Nächten stieg der helle,
runde Mond hoch über dem Himmel, die Luft war warm und dicht und rief,
vom Duft der Gärten durchtränkt, mächtige, wirre Wünsche hervor. Am Tage
arbeiteten die Menschen, beschäftigten sich mit Politik, Kunst, mit der
Durchführung verschiedener Ideen, mit Essen, Baden, Trinken, Sprechen,
doch sobald die Hitze nachließ, die ruhig gewordenen Staubmassen sich
schwerfällig legten und am dunkeln Horizont hinter dem fernen Wäldchen
oder den nahen Dächern der Rand einer runden, rätselhaften Scheibe
erschien, die die Gärten mit kühlem geheimnisvollen Licht überschwemmte,
dann blieb alles stehen, gleichsam als ob man plötzlich irgendwelche
bunte Kleider von sich abwarf, um frei und leicht ein echtes Leben zu
beginnen. Und je jünger die Menschen waren, desto freier und voller
wurde dieses Leben. Von den Gärten her sprudelten die Triller der
Nachtigall, die Gräser von leichten Frauenkleidern erfaßt schwenkten
eigenartig ihre Köpfchen, die Schatten wurden tief, in der Luft lag
dumpfes Liebeswirren, die Augen blitzten bald auf, bald bedeckten sie
sich mit Nebeln, Wangen wurden rosig, Stimmen verlangend und
geheimnisvoll haschend, und neues menschliches Leben entstand
urplötzlich unter kühlem Mondlicht im Schatten der schweigsamen Bäume,
die Kühle atmeten, auf niedergebogenem saftigem Gras.
Auch Jurii Swaroschitsch glaubte, als er mit Schawrow Politik trieb,
sich mit Selbstbildungsvereinen und der Lektüre der neuesten Bücher
abgab, daß er gerade darin sein echtes Leben und die Auflösung und
Klärung aller Zweifel und Unruhen finden müsse.
Aber soviel er auch las und was er auch begann, alles wurde ihm
langweilig und niederdrückend; er sah kein Licht in seinem Leben. Ein
solches Licht wollte nur in den Augenblicken aufflammen, in denen Jurii
sich gesund und kräftig fühlte und in eine Frau verliebt war.
Früher schienen ihm alle jungen und schönen Mädchen gleich interessant;
sie erregten ihn auch in gleicher Weise. Aber jetzt begann sich eine
einzige abzuheben; sie nahm allmählich alle Farben und Schönheiten für
sich allein und stand prächtig und liebenswürdig wie im Frühlingslicht
ein Birkenbäumchen am Waldessaum vor ihm.
Sie war sehr schön, von hohem Wuchs, stark und kräftig, bewegte bei
jedem Schritt ihre gespannte hohe Brust, trug den Kopf hoch aufgerichtet
auf dem schlanken, weißen Hals, lachte hell, sang schön, und obgleich
sie viel las, kluge Gedanken und ihre Gedichte liebte, empfand ihr
ganzes Wesen doch nur dann volle Befriedigung, wenn sie irgend etwas
Anstrengendes vorhatte, sich mit ihrem elastischen Busen gegen etwas
stemmen mußte, etwas aus aller Kraft mit den Armen umschließen, mit den
Füßen stoßen, lachen, singen und auf kräftige und schöne Männer blicken
konnte. Manchmal wenn die Sonne schien, alles Dunkle niederbrechend,
oder wenn auf dunklem Himmel der Mond glänzte, wünschte sie sich die
Kleider herunterzureißen und nackt auf dem grünen Grase herumzulaufen,
sich ins schwarze, schwankende Wasser zu stürzen, jemanden zu erwarten
und zu suchen und dann mit einem klangvollen jubelnden Ruf an sich zu
locken.
Ihre Anwesenheit erregte Jurii, und zauberte in ihm frische,
unausgenützte Kräfte hervor. Vor ihr war seine Sprache farbiger und
heller, seine Muskeln wurden kräftiger, sein Herz stärker und sein
Denken schärfer. Den ganzen Tag hindurch dachte er nur an sie, des
Abends ging er sie zu suchen; und doch verbarg er es auch vor sich
selbst. In seiner Seele lag noch etwas, wie ein abgenagter Knochen, der
sich der Kraft, die von innen heraus zur Freiheit drängte, in den Weg
legte. Jedes Gefühl, das in ihm auftauchte, hielt er fest, um es zu
analysieren. Dadurch wurde das Gefühl farblos und fahl und verlor seine
Blätter, wie eine Blume im Frost. Wenn er sich danach fragte, was ihn zu
Karssawina ziehe, so antwortete er sich, daß es der Geschlechtstrieb sei
und weiter nichts. Und obgleich er selbst keinen Grund dafür angeben
konnte, rief dieses eckige, harte Wort nachlässige und niederdrückende
Verachtung vor sich selbst hervor.
Inzwischen legte sich ein geheimnisvolles Band um sie und wie in einem
Spiegel fand sich jede seiner Bewegungen in ihr und ihrer in ihm wieder.
Karssawina versuchte nicht, sich über die geheimen Regungen ihrer Seele
klar zu werden. Nur wie von ferne lauschte sie ihnen glücklich,
gleichzeitig aber bemüht, sie vor den Anderen geheim zu halten. Es
verursachte ihr quälende Unruhe, daß sie nicht alles verstehen konnte,
was in Seele und Körper des schönen und jungen Menschen, den sie liebte,
vorging. Zeitweilig redete sie sich ein, daß zwischen ihnen keine
besonderen Beziehungen beständen; dann brach sie plötzlich in Schluchzen
aus, als ob sie einen unersetzlichen Schatz verloren hätte. Auch die
Aufmerksamkeit anderer Männer, deren seltsame Blicke sie oft auf sich
gerichtet spürte, vermochte sie dann nicht zu trösten. Fast immer blieb
sie ihnen gegenüber vollständig gleichgültig. Nur zu Zeiten, wenn sie
sicher war, von Jurii geliebt zu werden und unter diesem Gedanken wie
eine Braut aufblühte, bemerkte sie, daß sie auf andere besonders
aufreizend wirkte; dann wurde sie selbst von den geheimnisvoll gierigen
Wünschen in Aufruhr gebracht.
Eine besondere sinnliche Spannung empfand sie, wenn sich ihr Ssanin mit
seinen breiten Schultern, ruhigen Augen und den sicheren, kräftigen
Bewegungen näherte. Sobald sie sich bei dieser unfaßbaren Erregung
ertappte, erschrak sie, hielt sich für schlecht und verdorben, konnte es
aber doch nicht unterlassen, Ssanin auch weiter mit Neugierde zu
betrachten.
An dem Abend des Tages, an dem Lyda ihr furchtbares Drama durchlebte,
trafen sich Jurii und Karssawina in der Bibliothek. Sie grüßten sich
einfach; jeder war von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Karssawina
suchte sich Bücher aus, während Jurii die Petersburger Zeitungen
durchblätterte. Doch traf es sich wieder, daß sie zusammen hinausgingen
und so begleitete Jurii Karssawina durch die schon leeren vom Mond
beleuchteten Straßen.
In der Luft lag eine ungewöhnliche Stille und nur die Knarre des
Nachtwächters drang von der Entfernung gemildert zu ihnen herüber, hin
und wieder auch hinter den Häusern hervor das Belfern eines kleinen
Hundes.
Am Boulevard stießen sie auf eine Gesellschaft, die im Schatten der
Bäume saß. Von ihr schallten lebhafte Stimmen zu ihnen her, die
Feuerchen von Zigaretten glimmten einen Augenblick auf und zeigten
Schnurrbärte und rote Gesichter. Als sie bereits vorbeigegangen waren,
hörten sie eine helle, fröhliche Männerstimme ein Lied beginnen: Das
Herz der Schönen ist ein Hauch im Felde ...
Dicht bei dem Hause, in dem Karssawina wohnte, setzten sie sich auf eine
Bank, die an einem fremden Tore stand. Aus seinem tiefen Schatten heraus
hatten sie jetzt die breite vom Mondlicht gleichmäßig beschienene Straße
bis zu einer weiß schimmernden Kirchenkuppel vor sich liegen. Dort
hinten schwankten breite Linden, die das leuchtende Bild in einen
dunklen Rahmen spannten; über ihnen funkelte kühl wie ein Stern das
goldene Kirchenkreuz gegen den Himmel.
»Sehen Sie, wie schön,« sagte Karssawina gedehnt und wies mit der Hand
durch die Luft.
Jurii warf verstohlen einen entzückten Blick auf ihren weißen Oberarm,
der weich durch die kurzen Aermel der kleinrussischen Bluse blickte; er
hatte das unbändige Verlangen, sie an sich zu reißen und auf die vollen
saftigen Lippen zu küssen, die den seinen verführerisch nahe standen.
Plötzlich fühlte er, daß es sogleich geschehen müsse; auch sie schien
mit Furcht und Sehnsucht nur darauf zu warten.
Aber dieser Augenblick entfiel ihm. Er wurde schlaff, zog die Lippen
zusammen und stieß ein spöttisches Räuspern aus.
»Warum das? ...« fragte Karssawina.
»Ach nichts,« Jurii konnte das leidenschaftliche Beben in seinen Füßen
nur mit Mühe überwinden. »Es ist zu schön ... hier.«
Sie schwiegen, lauschten den entfernten Lauten, die von den dunklen
Gärten und den vom Mond bestrahlten Gärten her herüberklangen.
»Waren Sie schon einmal verliebt,« fragte plötzlich Karssawina.
»Ja, ...« antwortete Jurii langsam und dachte ... wie wäre es, wenn ich
ihr gleich alles sagte. Zögernd fuhr er fort: »Ich bin auch jetzt
verliebt.«
»In wen?« Karssawinas Stimme zitterte voll scheuer Zuversicht.
»In wen? ... Aber in Sie doch!« Jurii neigte sich vor und suchte ihre
Augen, aus denen er nur durch die Schleier des Schatten ein seltsames
Glänzen aufblinken sah. Er versuchte scherzhaft zu sprechen, kam aber
nicht in den Ton hinein.
Sie schaute ihn rasch und erschrocken an und ihr beengtes glückseliges
Gesicht war voll Erwartung.
Jurii wollte sie umarmen; in seinen Händen fühlte er schon die weichen
warmen Schultern und die elastische Brust, erschrak aber wieder vor sich
selbst und kraftlos, ohne seinem Wunsch nachzugeben, gähnte er.
-- -- -- Er scherzt nur, dachte bitter Karssawina und im selben
Augenblick wurde in ihr alles unter der Empfindung, gekränkt zu sein,
eiseskalt. Sie spürte, daß sie gleich weinen müsse; in dem krampfhaften
Versuch, die Tränen zurückzuhalten, preßte sie die Zähne zusammen.
»Dummheiten,« murmelte sie und erhob sich eiligst; in dem einen Wort
tönte ihre Stimme völlig verändert.
»Ich spreche ernst,« sagte Jurii in einem Ton, der jetzt gegen seinen
Willen unnatürlich klang. »Ich liebe Sie und ... glauben Sie es mir, von
ganzem Herzen.«
Karssawina nahm ohne Antwort ihre Bücher zusammen.
»Warum das? ...« dachte sie mit Gram und plötzlich ergriff sie eine
entsetzliche Scham bei dem Gedanken, daß er ihre Empfindungen erraten
hatte und sie nun verachten würde.
Jurii reichte ihr ein Buch, das auf den Boden gefallen war.
»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen,« sagte sie leise.
Jurii bedauerte es selbstquälerisch, daß sie fortgehen wollte;
gleichzeitig fiel es ihm auf, wie alles, was sie sagte, so originell und
schön, weit entfernt von jeder Banalität, erschien.
Als Karssawina ihm die Hand reichte, verneigte er sich unbeabsichtigt
und küßte die weiche, warme Handfläche, von der ihm ein lieblich
frischer Geruch ins Gesicht stieg. Karssawina riß sofort mit einem
leisen Aufschrei die Hand zurück:
»Was tun Sie!«
Doch die flüchtige Empfindung, die seine Lippen bei der Berührung aus
ihrem warmen, jungfräulichen Körper mit sich rissen, war so stark, daß
sie ihm den Kopf benahm und er nur glückselig und sinnlos dem raschen
Rauschen ihrer sich entfernenden Schritte nachlächeln konnte.
Bald hörte er die Pforte knarren. Immer noch mit demselben Lächeln
schritt Jurii nach Hause; aus vollen Kräften atmete er die reine Luft
ein. Er fühlte seine Kräfte wachsen; er war glücklich.