XIX

Nowikow öffnete selbst Ssanin die Türe; er wurde mürrisch, als er ihn

sah. Ihm war alles peinlich, was in ihm die Erinnerung an Lyda und an

all das unbegreiflich Schöne, das in seiner Seele, wie eine

zersprungene, feine Vase in Trümmern gegangen war, wachrief.

Ssanin bemerkte es und trat mit versöhnlichem und zärtlichem Lächeln

ein. In Nowikows Zimmer herrschte Unordnung. Die Sachen waren

durcheinander geworfen, als wenn ein Sturmwind durchgefegt wäre und den

Boden mit Papierfetzen, Stroh und allerlei Plunder bestreut hätte. Ohne

jede Ordnung lagen auf dem Bett, den Stühlen und den aufgezogenen

Schubladen der Kommode Bücher, Wäsche, Instrumente, Taschen aufgestapelt

umher.

»Wohin,« fragte Ssanin, der Nowikows Absichten nicht begriff.

Nowikow schob schweigend, ohne ihn anzusehen, ein paar Kleinigkeiten

zusammen.

»Bruder, ich fahre in die Hungersnot. Ich habe ein Schreiben erhalten.«

Seine Worte waren ungeschickt und er wurde deswegen selbst auf sich

zornig.

Ssanin sah ihn, sah die Koffer an, dann wieder ihn und schmunzelte mit

einem Mal vergnügt. Nowikow schwieg und packte mechanisch ein paar

Stiefel mit Glasröhren in ein Packet. Es war ihm schmerzlich zumute und

er fühlte seine volle, trübe Einsamkeit.

»Wenn du so weiter packen willst, kommst du sicher ohne Instrumente und

ohne Stiefel an.«

»Ah ...« sagte Nowikow. Er blickte flüchtig auf. »Laß mich ... Du

siehst, es wird mir nicht leicht.« Ssanin verstand ihn und schwieg.

Nachdenkliche, sommerliche Dämmerung schwamm schon durch das offene

Fenster und über dem leichten Laub des Gartens verlosch der dünne,

kristallklare Himmel.

»Nach meiner Meinung,« begann Ssanin nach einer Pause, »würdest du

besser tun, dich mit Lyda zu verheiraten, als weiß der Teufel wohin zu

reisen.«

Nowikow drehte sich unnatürlich rasch zu ihm herum und zitterte

plötzlich am ganzen Körper.

»Ich möchte dich ersuchen, diese dummen Späße zu unterlassen,« rief er

mit klirrender Stimme. Dieser scharfe Laut seiner Stimme flog in den

nachdenklichen, kühlen Garten hinein und verklang eigenartig unter den

stillen Bäumen.

»Was gehst du denn gleich in die Höhe?« fragte Ssanin.

»Hör auf, ...« Nowikow sprach heiser, seine Augen wurden rund, seine

Züge ganz unähnlich den weichen, gutmütigen, die Ssanin von früher

kannte; doch er brach sofort wieder ab.

»Und willst du behaupten, daß eine Heirat mit Lyda ein Unglück wäre,«

fragte Ssanin ruhig weiter, wobei er nur mit den Augenwinkeln lächelte.

»Aufhören, hör auf,« winselte Nowikow, schwankte wie ein Betrunkener,

stürzte sich dann plötzlich auf Ssanin, ergriff den ungeputzten Stiefel,

der ihm zur Hand lag, und schwang ihn mit unbekannter Wut über seinen

Kopf.

»Nun, ruhig, du Teufel,« schrie Ssanin zornig und wich unwillkürlich

zurück.

Nowikow warf den Stiefel mit Widerwillen von sich und blieb vor Ssanin

schwer keuchend stehen.

»Du wolltest mich mit dem alten Stiefel ...« Ssanin schüttelte

mißbilligend den Kopf. Ihm war es um Nowikow leid; dabei schien ihm

alles lächerlich, was er tat.

»Bist selbst daran Schuld ...« erwiderte Nowikow sofort wieder schlaff

werdend und sich schämend. Aber gleichzeitig empfand er Anhänglichkeit

und Vertrauen zu Ssanin. Als wenn dieser groß und ruhig wäre, er aber

nur ein kleiner Knabe, so wollte er sich an ihn schmiegen, ihm klagen,

was ihn bedrückte. Sogar Tränen traten in seine Augen.

»Wenn du wüßtest, wie schwer mir ist,« sagte er abgebrochen, mit Mund

und Kehle schluckend, um nicht in Weinen auszubrechen.

»Ja, mein Lieber, ich weiß alles,« suchte ihn Ssanin zärtlich lächelnd

zu beruhigen.

»Nein, das kannst du nicht wissen,« erwiderte Nowikow, während er sich

mechanisch an Ssanins Seite setzte. Ihm erschien sein Zustand so

ausnahmsweise schwer, daß niemand fähig sein konnte, ihn zu verstehen.

»Doch, ich weiß es,« sagte Ssanin. »Nun, wenn du nicht glaubst -- -- bei

Gott! Wenn du dich nicht mehr mit deinem alten Stiefel auf mich stürzen

willst, werde ich sogar den Beweis antreten. Nun, wirst du nicht?«

»Nein, entschuldige, Wolodja,« stammelte Nowikow, beschämt, daß er

Ssanin mit dem Vornamen anredete, was er sonst nie tat. Ssanin gefiel es

gerade und darum wurde in ihm der Wunsch, zu helfen und alles

beizulegen, nur noch stärker.

»Höre zu, mein Lieber, wollen wir ganz klar sprechen,« begann er, wobei

er seine Hand auf Nowikows Kniee legte. »Du hast dich doch nur auf die

Reise machen wollen, weil Lyda dich ablaufen ließ, und weiter, weil du

damals bei Sarudin annahmst, daß _sie_ gekommen wäre.«

Nowikow wurde finster. Ihm war es, als wenn Ssanin eine frische,

unerträglich schmerzliche Wunde von neuem aufreiße. Ssanin sah ihn an

und dachte sich ... Ach du liebes, dummes Viecherl, wie töricht bist du

doch.

»Ich werde nicht versuchen, dir zu versichern,« fuhr er fort, »daß Lyda

mit Sarudin nichts gehabt hat. Das weiß ich nicht. Ich glaub es nicht.«

Er fügte es eilig hinzu, weil er den Ausdruck des Schmerzes bemerkte,

der wie der Schatten einer vorbeifliegenden Wolke über Nowikows Gesicht

huschte.

Nowikow sah ihn mit trüber Ahnung an.

»Ihre Beziehungen sind von so kurzer Dauer gewesen, daß nichts Ernstes

vorgefallen sein kann. Besonders, wenn man Lydas Charakter in Betracht

zieht. Du kennst doch Lyda.«

Vor den Augen Nowikows erstand das Bild Lydas, so wie er sie kannte und

liebte; das stolze, schlanke Mädchen, mit den großen, bald zärtlichen,

bald fast drohenden Augen, von reiner Kälte wie einer eisigen Gloriole

umstrahlt. Er schloß die Augen; er glaubte alles, was Ssanin sprach.

»Und wenn es auch wirklich zwischen ihnen so was, wie einen gewöhnlichen

Promenaden-Flirt gab, so ist jetzt sicher alles zu Ende. Und was geht

dich im Grunde die kleine Leidenschaft eines freien Mädchens an, das

doch nichts als ihr Glück suchen will. Du wirst sicher, auch ohne lange

im Gedächtnis nachzugraben, Dutzende solcher Leidenschaften oder

wahrscheinlich noch viel schlimmere bei dir selber finden.«

Nowikow wandte sich nach ihm um, und das Vertrauen, von dem seine Seele

übervoll war, machte seine Augen hell und durchsichtig. In seiner Seele

bewegte sich eine zitternde Blüte leise schwankend hin und her, doch so

schwach, so bereit, in jedem Augenblick zu verschwinden, daß er selbst

fürchtete, sie mit einem unvorsichtigen Wort oder Gedanken zum Welken zu

bringen.

»Weißt du, wenn ich ...« Nowikow sprach nicht zu Ende, weil er gar nicht

imstande war, das, was in ihm arbeitete, in Worte zu fassen; er fühlte

leise, zarte Tränen der Rührung über sein Leiden und seine tiefe

Bewegung in die Kehle steigen.

»Was? ... Wenn nun? ...« wiederholte Ssanin feierlich, mit erhobener

Stimme und glänzenden Augen. »Ich kann dir nur eins sagen, -- --

zwischen Lyda und Sarudin gab es nichts und wird es nichts geben.«

»Ich dachte aber ...« Nowikow fühlte mit Entsetzen, daß er ihm nicht

glauben konnte.

»Dummheiten hast du gedacht? ...« Ssanin sprach mit steigender Erregung.

»Verstehst du denn Lyda nicht? ... Wenn sie bisher schwankte, was war es

dann für eine Liebe?« Nowikow ergriff seine Hand und blickte ihm mit

Entzücken auf die Lippen.

Ssanin wurde plötzlich von furchtbarer Wut und Ekel gepackt.

Eine Zeitlang sah er diesem Menschen, den der Gedanke selig machte, daß

die Frau, mit der er geschlechtlich verkehren wollte, niemals vor ihm

jemandem angehört hatte, empört ins Gesicht. Nackte, tierische

Eifersucht, flach und gierig wie eine Reptilie, kroch ihm aus den

gutmütigen Menschenaugen Nowikows, die dabei von aufrichtigem Leid

verklärt waren, entgegen.

»Oho,« rief Ssanin in drohendem Ton, »nun, so will ich es dir sagen.

Lyda war nicht nur in Sarudin verliebt, -- -- nein, Bruder, sie hatte

auch ein Verhältnis mit ihm; und, -- -- jetzt ist sie von ihm

geschwängert.«

Klingende Stille griff durchs Zimmer. Mit abwehrend schwachem Lächeln

sah Nowikow Ssanin an; plötzlich begann er, sich die Hände zu reiben.

Seine Lippen gerieten in Bewegung, aber nur ein elendes Wimmern drang

hervor und verstarb sogleich. Ssanin blickte ihm von oben herab in die

Augen; in seine Mundwinkel legte sich eine grausame und gefährliche

Falte.

»Nun, warum schweigst du denn?« fragte er.

Nowikow hob die Augen rasch zu ihm empor, senkte sie aber ebenso schnell

wieder, schwieg und lächelte weiter; -- schwach und abwehrend.

»Lyda durchlebt jetzt ein furchtbares Drama.« Ssanin sprach ganz leise,

wie zufällig vor sich hin. »Hätte mich nicht der Zufall grade im

richtigen Augenblick zu ihr gebracht, so würde sie schon nicht mehr

sein. Und was gestern noch ein prachtvoller Mensch voller Leben war,

läge jetzt nackt und ekelerregend von Krebsen benagt, irgendwo im

Schlamm ... Aber -- -- daß sie nun tot wäre -- darum handelt es sich am

wenigsten! Jeder Mensch stirbt. Aber mit ihr wäre zugleich die ungeheure

Freude gestorben, die sie in das Leben ihrer Umgebung hineintrug ...

Lyda ist natürlich kein einziger Mensch; doch in ihr zeigt sich das

Ganze. Und wenn die weibliche Jugend zugrunde gehen würde, dann wäre es

in der Welt still, wie in einem Grab. Ja, ich muß sagen, wenn ich sehe,

daß man ein schönes, junges Mädchen stumpfsinnig zu Tode hetzt, dann

habe ich das dringende Verlangen, jemanden totzuschlagen ... eins über

den Schädel ... So ... Ja, hör mal, mein Lieber, mir ist es ganz gleich,

ob du Lyda wirklich heiratest oder ob du zum Teufel gehst. Ich möchte

dir nur eins sagen ... Du Idiot, du, denke doch, wenn in deinem Schädel

nur ein einziger, gesunder Gedanke hockt, würdest du dich dann selbst so

quälen, dich und andere unglücklich machen, nur weil ein freies, junges

Weib sich geirrt hatte, als sie sich das Männchen aussuchte. Grade nach

dem Geschlechtsakte ist sie doch erst zu dem freien Menschen geworden

und nicht vor ihm. Ich spreche nur zu dir. Aber du bist es ja nicht nur

allein. Oh, diese Idioten, die das Leben zu einem unerträglichen

Gefängnis, ohne Sonnenlicht und Bewegung, machen, sie zählen ja nach

Millionen. Nun und du selbst. Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer

Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und

schmutzig wie ein Hund, -- -- Du! Bei Lyda war Leidenschaft; es war eine

Poesie der Schönheit und Kraft und dagegen bei dir ... Welches Recht

hast du nun, dich von ihr wegzuwenden. Du, du hältst dich für einen

klugen und gebildeten Menschen. Zwischen eurer Vernunft und dem

Verständnis für das Leben sollen angeblich keine Scheidewände sein. Was

geht dich ihre Vergangenheit an! Ist sie dadurch schlechter geworden?

... Wird sie dir vielleicht weniger Genuß geben können? ... Wolltest du

ihr nicht selbst die Unschuld nehmen -- -- nein?«

»Du weißt selbst, das ist nicht so ...« Nowikows Lippen bebten beim

Sprechen.

»Nein, gerade so! Und wenn nicht das, was denn?«

Nowikow schwieg. In seiner Seele war es leer und dunkel geworden; nur

wie ein erleuchtetes Fensterchen in dunkelem Feld zuckte in weiter Ferne

das trübselige Glück der Vergebung, des Opfers und des Heroismus auf.

Ssanin schaute ihn an und es schien, als fange er seine Gedanken aus

allen Windungen des Gehirnes heraus.

»Ich sehe,« sagte er wieder mit leisem aber eindringlichem Ton, »daß du

an Selbstaufopferung denkst. Hast für dich bereits ein Loch zum

Durchkriechen herausgefunden. Sehr schön, ich lasse mich zu ihr herab,

ich decke sie vor der Menge und so weiter ... Und nun wächst du schon in

deinen Augen wie ein Wurm auf dem Mist. Nein, du belügst dich da! Nicht

für einen Augenblick hast du Selbstaufopferung zu üben. Hätten Lyda die

Pocken zerfressen, so müßtest du dich jetzt vielleicht bis zu einem

gewissen Grade anstrengen; aber nach zwei Tagen würdest du anfangen, ihr

das Leben zu verekeln. Dann hättest du über das Schicksal gejammert, und

wärst entweder davongelaufen, oder, ... du würdest ihr das Leben ganz

gehörig versalzen und dich verzweifelt als Opfer fühlen. Jetzt siehst du

wie ein Heiligenbild auf dich. Warum auch nicht. Mache nur noch ein

liebenswürdiges Gesicht und jeder wird dir bestätigen, daß du ein

Heiliger bist. Zum Teufel, in Wirklichkeit hast du garnichts verloren

... Was willst du denn? Lyda hat genau dieselben Arme behalten,

dieselben Beine, dieselbe Brust, dieselbe Leidenschaft, das gleiche,

starke Leben ... Ja, Bruder, es ist doch wirklich ganz wunderschön, all

das zu genießen und dabei noch mit dem Bewußtsein, ein edles Werk zu

tun.«

Unter Ssanins Worten schrumpfte die rührselige Selbstbewunderung in

Nowikows Seele zu einem kleinen Klümpchen zusammen und verendete wie ein

zerquetschter Wurm, der sich daran vollgefressen hatte. In seiner Seele

entstand ein neues Gefühl, reiner und aufrichtiger als das erste. Mit

traurigem Vorwurf sagte er Ssanin:

»Du denkst schlimmer von mir, als in Wirklichkeit recht ist. Ich bin

garnicht so stumpfsinnig, wie du meinst. Vielleicht ... ich will's nicht

bestreiten, ist in mir auch ein Stück von dem alten Aberglauben, aber

... sieh, Lyda Petrowna hab ich lieb. Und wenn ich nur wüßte, daß sie

mich liebte, -- -- -- ich würde mich nicht daran stoßen ...« Das »daran«

sprach er nur mit Mühe. Die Schwierigkeit, dies eine Wort ebenso glatt

auszusprechen, die ihm sofort zum Bewußtsein kam, verursachte ihm einen

scharfen Schmerz.

Ssanin war plötzlich abgekühlt. Er wurde nachdenklich, ging durch das

Zimmer, blieb am Fenster bei dem dämmrigen Garten stehen und redete

leise vor sich hin:

»Sie ist jetzt unglücklich ... Sie ist jetzt nicht in der Stimmung, zu

lieben ... Und ob sie dich liebt oder nicht ... wer kann es wissen ...

Ich glaube nur, wenn du jetzt zu ihr hingingst, und -- -- du dann für

sie zu dem zweiten Menschen in der Welt wirst, der sie nicht für das

momentane, zufällige Glück steinigt, sondern -- -- nun, so kann sie ...

aber man kann nicht wissen ...«

Nowikow blickte nachdenklich vor sich hin. In ihm mischten sich Trübsal

und Freude; beide bildeten in seiner Seele ein klares, wehmütiges Glück,

das einem absterbenden Sommerabend ähnlich war.

»Gehen wir zu ihr! Was auch sein mag, es wird ihr leichter sein, unter

all den tierischen Fratzen, ein paar menschliche Gesichter um sich zu

sehen ... Du bist zur Genüge dumm, mein Freund. Aber selbst in deiner

Dummheit besitzt du etwas, was andere nicht haben. Was soll man tun. Auf

diese Dummheit hat die Welt lange genug ihr Glück und ihre Hoffnungen

gebaut. Gehen wir!«

Nowikow lächelte ihm schüchtern zu: »Ich will gehen. Aber wird ihr das

auch angenehm sein?«

»Daran brauchst du nicht zu denken.« Ssanin legte ihm beide Hände auf

die Schultern. »Glaubst du, daß du richtig handelst, dann wird schon

alles von selber werden.«

»Gut, so gehen wir.« In der Tür blieb Nowikow noch einmal stehen und

blickte Ssanin gerade in die Augen. Mit einer Kraft, die ihm selbst

unbekannt war, sagte er:

»Weißt du; -- -- wenn es nur möglich ist, so werde ich sie glücklich

machen. Natürlich, die Phrase ist banal. Aber ich kann nicht anders

ausdrücken, was ich fühle.«

»Das tut nichts, Bruder. Wirklich, ich verstehe dich so.«

Ssanin: Roman · 第 41 / 97 题