Nowikow öffnete selbst Ssanin die Türe; er wurde mürrisch, als er ihn
sah. Ihm war alles peinlich, was in ihm die Erinnerung an Lyda und an
all das unbegreiflich Schöne, das in seiner Seele, wie eine
zersprungene, feine Vase in Trümmern gegangen war, wachrief.
Ssanin bemerkte es und trat mit versöhnlichem und zärtlichem Lächeln
ein. In Nowikows Zimmer herrschte Unordnung. Die Sachen waren
durcheinander geworfen, als wenn ein Sturmwind durchgefegt wäre und den
Boden mit Papierfetzen, Stroh und allerlei Plunder bestreut hätte. Ohne
jede Ordnung lagen auf dem Bett, den Stühlen und den aufgezogenen
Schubladen der Kommode Bücher, Wäsche, Instrumente, Taschen aufgestapelt
umher.
»Wohin,« fragte Ssanin, der Nowikows Absichten nicht begriff.
Nowikow schob schweigend, ohne ihn anzusehen, ein paar Kleinigkeiten
zusammen.
»Bruder, ich fahre in die Hungersnot. Ich habe ein Schreiben erhalten.«
Seine Worte waren ungeschickt und er wurde deswegen selbst auf sich
zornig.
Ssanin sah ihn, sah die Koffer an, dann wieder ihn und schmunzelte mit
einem Mal vergnügt. Nowikow schwieg und packte mechanisch ein paar
Stiefel mit Glasröhren in ein Packet. Es war ihm schmerzlich zumute und
er fühlte seine volle, trübe Einsamkeit.
»Wenn du so weiter packen willst, kommst du sicher ohne Instrumente und
ohne Stiefel an.«
»Ah ...« sagte Nowikow. Er blickte flüchtig auf. »Laß mich ... Du
siehst, es wird mir nicht leicht.« Ssanin verstand ihn und schwieg.
Nachdenkliche, sommerliche Dämmerung schwamm schon durch das offene
Fenster und über dem leichten Laub des Gartens verlosch der dünne,
kristallklare Himmel.
»Nach meiner Meinung,« begann Ssanin nach einer Pause, »würdest du
besser tun, dich mit Lyda zu verheiraten, als weiß der Teufel wohin zu
reisen.«
Nowikow drehte sich unnatürlich rasch zu ihm herum und zitterte
plötzlich am ganzen Körper.
»Ich möchte dich ersuchen, diese dummen Späße zu unterlassen,« rief er
mit klirrender Stimme. Dieser scharfe Laut seiner Stimme flog in den
nachdenklichen, kühlen Garten hinein und verklang eigenartig unter den
stillen Bäumen.
»Was gehst du denn gleich in die Höhe?« fragte Ssanin.
»Hör auf, ...« Nowikow sprach heiser, seine Augen wurden rund, seine
Züge ganz unähnlich den weichen, gutmütigen, die Ssanin von früher
kannte; doch er brach sofort wieder ab.
»Und willst du behaupten, daß eine Heirat mit Lyda ein Unglück wäre,«
fragte Ssanin ruhig weiter, wobei er nur mit den Augenwinkeln lächelte.
»Aufhören, hör auf,« winselte Nowikow, schwankte wie ein Betrunkener,
stürzte sich dann plötzlich auf Ssanin, ergriff den ungeputzten Stiefel,
der ihm zur Hand lag, und schwang ihn mit unbekannter Wut über seinen
Kopf.
»Nun, ruhig, du Teufel,« schrie Ssanin zornig und wich unwillkürlich
zurück.
Nowikow warf den Stiefel mit Widerwillen von sich und blieb vor Ssanin
schwer keuchend stehen.
»Du wolltest mich mit dem alten Stiefel ...« Ssanin schüttelte
mißbilligend den Kopf. Ihm war es um Nowikow leid; dabei schien ihm
alles lächerlich, was er tat.
»Bist selbst daran Schuld ...« erwiderte Nowikow sofort wieder schlaff
werdend und sich schämend. Aber gleichzeitig empfand er Anhänglichkeit
und Vertrauen zu Ssanin. Als wenn dieser groß und ruhig wäre, er aber
nur ein kleiner Knabe, so wollte er sich an ihn schmiegen, ihm klagen,
was ihn bedrückte. Sogar Tränen traten in seine Augen.
»Wenn du wüßtest, wie schwer mir ist,« sagte er abgebrochen, mit Mund
und Kehle schluckend, um nicht in Weinen auszubrechen.
»Ja, mein Lieber, ich weiß alles,« suchte ihn Ssanin zärtlich lächelnd
zu beruhigen.
»Nein, das kannst du nicht wissen,« erwiderte Nowikow, während er sich
mechanisch an Ssanins Seite setzte. Ihm erschien sein Zustand so
ausnahmsweise schwer, daß niemand fähig sein konnte, ihn zu verstehen.
»Doch, ich weiß es,« sagte Ssanin. »Nun, wenn du nicht glaubst -- -- bei
Gott! Wenn du dich nicht mehr mit deinem alten Stiefel auf mich stürzen
willst, werde ich sogar den Beweis antreten. Nun, wirst du nicht?«
»Nein, entschuldige, Wolodja,« stammelte Nowikow, beschämt, daß er
Ssanin mit dem Vornamen anredete, was er sonst nie tat. Ssanin gefiel es
gerade und darum wurde in ihm der Wunsch, zu helfen und alles
beizulegen, nur noch stärker.
»Höre zu, mein Lieber, wollen wir ganz klar sprechen,« begann er, wobei
er seine Hand auf Nowikows Kniee legte. »Du hast dich doch nur auf die
Reise machen wollen, weil Lyda dich ablaufen ließ, und weiter, weil du
damals bei Sarudin annahmst, daß _sie_ gekommen wäre.«
Nowikow wurde finster. Ihm war es, als wenn Ssanin eine frische,
unerträglich schmerzliche Wunde von neuem aufreiße. Ssanin sah ihn an
und dachte sich ... Ach du liebes, dummes Viecherl, wie töricht bist du
doch.
»Ich werde nicht versuchen, dir zu versichern,« fuhr er fort, »daß Lyda
mit Sarudin nichts gehabt hat. Das weiß ich nicht. Ich glaub es nicht.«
Er fügte es eilig hinzu, weil er den Ausdruck des Schmerzes bemerkte,
der wie der Schatten einer vorbeifliegenden Wolke über Nowikows Gesicht
huschte.
Nowikow sah ihn mit trüber Ahnung an.
»Ihre Beziehungen sind von so kurzer Dauer gewesen, daß nichts Ernstes
vorgefallen sein kann. Besonders, wenn man Lydas Charakter in Betracht
zieht. Du kennst doch Lyda.«
Vor den Augen Nowikows erstand das Bild Lydas, so wie er sie kannte und
liebte; das stolze, schlanke Mädchen, mit den großen, bald zärtlichen,
bald fast drohenden Augen, von reiner Kälte wie einer eisigen Gloriole
umstrahlt. Er schloß die Augen; er glaubte alles, was Ssanin sprach.
»Und wenn es auch wirklich zwischen ihnen so was, wie einen gewöhnlichen
Promenaden-Flirt gab, so ist jetzt sicher alles zu Ende. Und was geht
dich im Grunde die kleine Leidenschaft eines freien Mädchens an, das
doch nichts als ihr Glück suchen will. Du wirst sicher, auch ohne lange
im Gedächtnis nachzugraben, Dutzende solcher Leidenschaften oder
wahrscheinlich noch viel schlimmere bei dir selber finden.«
Nowikow wandte sich nach ihm um, und das Vertrauen, von dem seine Seele
übervoll war, machte seine Augen hell und durchsichtig. In seiner Seele
bewegte sich eine zitternde Blüte leise schwankend hin und her, doch so
schwach, so bereit, in jedem Augenblick zu verschwinden, daß er selbst
fürchtete, sie mit einem unvorsichtigen Wort oder Gedanken zum Welken zu
bringen.
»Weißt du, wenn ich ...« Nowikow sprach nicht zu Ende, weil er gar nicht
imstande war, das, was in ihm arbeitete, in Worte zu fassen; er fühlte
leise, zarte Tränen der Rührung über sein Leiden und seine tiefe
Bewegung in die Kehle steigen.
»Was? ... Wenn nun? ...« wiederholte Ssanin feierlich, mit erhobener
Stimme und glänzenden Augen. »Ich kann dir nur eins sagen, -- --
zwischen Lyda und Sarudin gab es nichts und wird es nichts geben.«
»Ich dachte aber ...« Nowikow fühlte mit Entsetzen, daß er ihm nicht
glauben konnte.
»Dummheiten hast du gedacht? ...« Ssanin sprach mit steigender Erregung.
»Verstehst du denn Lyda nicht? ... Wenn sie bisher schwankte, was war es
dann für eine Liebe?« Nowikow ergriff seine Hand und blickte ihm mit
Entzücken auf die Lippen.
Ssanin wurde plötzlich von furchtbarer Wut und Ekel gepackt.
Eine Zeitlang sah er diesem Menschen, den der Gedanke selig machte, daß
die Frau, mit der er geschlechtlich verkehren wollte, niemals vor ihm
jemandem angehört hatte, empört ins Gesicht. Nackte, tierische
Eifersucht, flach und gierig wie eine Reptilie, kroch ihm aus den
gutmütigen Menschenaugen Nowikows, die dabei von aufrichtigem Leid
verklärt waren, entgegen.
»Oho,« rief Ssanin in drohendem Ton, »nun, so will ich es dir sagen.
Lyda war nicht nur in Sarudin verliebt, -- -- nein, Bruder, sie hatte
auch ein Verhältnis mit ihm; und, -- -- jetzt ist sie von ihm
geschwängert.«
Klingende Stille griff durchs Zimmer. Mit abwehrend schwachem Lächeln
sah Nowikow Ssanin an; plötzlich begann er, sich die Hände zu reiben.
Seine Lippen gerieten in Bewegung, aber nur ein elendes Wimmern drang
hervor und verstarb sogleich. Ssanin blickte ihm von oben herab in die
Augen; in seine Mundwinkel legte sich eine grausame und gefährliche
Falte.
»Nun, warum schweigst du denn?« fragte er.
Nowikow hob die Augen rasch zu ihm empor, senkte sie aber ebenso schnell
wieder, schwieg und lächelte weiter; -- schwach und abwehrend.
»Lyda durchlebt jetzt ein furchtbares Drama.« Ssanin sprach ganz leise,
wie zufällig vor sich hin. »Hätte mich nicht der Zufall grade im
richtigen Augenblick zu ihr gebracht, so würde sie schon nicht mehr
sein. Und was gestern noch ein prachtvoller Mensch voller Leben war,
läge jetzt nackt und ekelerregend von Krebsen benagt, irgendwo im
Schlamm ... Aber -- -- daß sie nun tot wäre -- darum handelt es sich am
wenigsten! Jeder Mensch stirbt. Aber mit ihr wäre zugleich die ungeheure
Freude gestorben, die sie in das Leben ihrer Umgebung hineintrug ...
Lyda ist natürlich kein einziger Mensch; doch in ihr zeigt sich das
Ganze. Und wenn die weibliche Jugend zugrunde gehen würde, dann wäre es
in der Welt still, wie in einem Grab. Ja, ich muß sagen, wenn ich sehe,
daß man ein schönes, junges Mädchen stumpfsinnig zu Tode hetzt, dann
habe ich das dringende Verlangen, jemanden totzuschlagen ... eins über
den Schädel ... So ... Ja, hör mal, mein Lieber, mir ist es ganz gleich,
ob du Lyda wirklich heiratest oder ob du zum Teufel gehst. Ich möchte
dir nur eins sagen ... Du Idiot, du, denke doch, wenn in deinem Schädel
nur ein einziger, gesunder Gedanke hockt, würdest du dich dann selbst so
quälen, dich und andere unglücklich machen, nur weil ein freies, junges
Weib sich geirrt hatte, als sie sich das Männchen aussuchte. Grade nach
dem Geschlechtsakte ist sie doch erst zu dem freien Menschen geworden
und nicht vor ihm. Ich spreche nur zu dir. Aber du bist es ja nicht nur
allein. Oh, diese Idioten, die das Leben zu einem unerträglichen
Gefängnis, ohne Sonnenlicht und Bewegung, machen, sie zählen ja nach
Millionen. Nun und du selbst. Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer
Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und
schmutzig wie ein Hund, -- -- Du! Bei Lyda war Leidenschaft; es war eine
Poesie der Schönheit und Kraft und dagegen bei dir ... Welches Recht
hast du nun, dich von ihr wegzuwenden. Du, du hältst dich für einen
klugen und gebildeten Menschen. Zwischen eurer Vernunft und dem
Verständnis für das Leben sollen angeblich keine Scheidewände sein. Was
geht dich ihre Vergangenheit an! Ist sie dadurch schlechter geworden?
... Wird sie dir vielleicht weniger Genuß geben können? ... Wolltest du
ihr nicht selbst die Unschuld nehmen -- -- nein?«
»Du weißt selbst, das ist nicht so ...« Nowikows Lippen bebten beim
Sprechen.
»Nein, gerade so! Und wenn nicht das, was denn?«
Nowikow schwieg. In seiner Seele war es leer und dunkel geworden; nur
wie ein erleuchtetes Fensterchen in dunkelem Feld zuckte in weiter Ferne
das trübselige Glück der Vergebung, des Opfers und des Heroismus auf.
Ssanin schaute ihn an und es schien, als fange er seine Gedanken aus
allen Windungen des Gehirnes heraus.
»Ich sehe,« sagte er wieder mit leisem aber eindringlichem Ton, »daß du
an Selbstaufopferung denkst. Hast für dich bereits ein Loch zum
Durchkriechen herausgefunden. Sehr schön, ich lasse mich zu ihr herab,
ich decke sie vor der Menge und so weiter ... Und nun wächst du schon in
deinen Augen wie ein Wurm auf dem Mist. Nein, du belügst dich da! Nicht
für einen Augenblick hast du Selbstaufopferung zu üben. Hätten Lyda die
Pocken zerfressen, so müßtest du dich jetzt vielleicht bis zu einem
gewissen Grade anstrengen; aber nach zwei Tagen würdest du anfangen, ihr
das Leben zu verekeln. Dann hättest du über das Schicksal gejammert, und
wärst entweder davongelaufen, oder, ... du würdest ihr das Leben ganz
gehörig versalzen und dich verzweifelt als Opfer fühlen. Jetzt siehst du
wie ein Heiligenbild auf dich. Warum auch nicht. Mache nur noch ein
liebenswürdiges Gesicht und jeder wird dir bestätigen, daß du ein
Heiliger bist. Zum Teufel, in Wirklichkeit hast du garnichts verloren
... Was willst du denn? Lyda hat genau dieselben Arme behalten,
dieselben Beine, dieselbe Brust, dieselbe Leidenschaft, das gleiche,
starke Leben ... Ja, Bruder, es ist doch wirklich ganz wunderschön, all
das zu genießen und dabei noch mit dem Bewußtsein, ein edles Werk zu
tun.«
Unter Ssanins Worten schrumpfte die rührselige Selbstbewunderung in
Nowikows Seele zu einem kleinen Klümpchen zusammen und verendete wie ein
zerquetschter Wurm, der sich daran vollgefressen hatte. In seiner Seele
entstand ein neues Gefühl, reiner und aufrichtiger als das erste. Mit
traurigem Vorwurf sagte er Ssanin:
»Du denkst schlimmer von mir, als in Wirklichkeit recht ist. Ich bin
garnicht so stumpfsinnig, wie du meinst. Vielleicht ... ich will's nicht
bestreiten, ist in mir auch ein Stück von dem alten Aberglauben, aber
... sieh, Lyda Petrowna hab ich lieb. Und wenn ich nur wüßte, daß sie
mich liebte, -- -- -- ich würde mich nicht daran stoßen ...« Das »daran«
sprach er nur mit Mühe. Die Schwierigkeit, dies eine Wort ebenso glatt
auszusprechen, die ihm sofort zum Bewußtsein kam, verursachte ihm einen
scharfen Schmerz.
Ssanin war plötzlich abgekühlt. Er wurde nachdenklich, ging durch das
Zimmer, blieb am Fenster bei dem dämmrigen Garten stehen und redete
leise vor sich hin:
»Sie ist jetzt unglücklich ... Sie ist jetzt nicht in der Stimmung, zu
lieben ... Und ob sie dich liebt oder nicht ... wer kann es wissen ...
Ich glaube nur, wenn du jetzt zu ihr hingingst, und -- -- du dann für
sie zu dem zweiten Menschen in der Welt wirst, der sie nicht für das
momentane, zufällige Glück steinigt, sondern -- -- nun, so kann sie ...
aber man kann nicht wissen ...«
Nowikow blickte nachdenklich vor sich hin. In ihm mischten sich Trübsal
und Freude; beide bildeten in seiner Seele ein klares, wehmütiges Glück,
das einem absterbenden Sommerabend ähnlich war.
»Gehen wir zu ihr! Was auch sein mag, es wird ihr leichter sein, unter
all den tierischen Fratzen, ein paar menschliche Gesichter um sich zu
sehen ... Du bist zur Genüge dumm, mein Freund. Aber selbst in deiner
Dummheit besitzt du etwas, was andere nicht haben. Was soll man tun. Auf
diese Dummheit hat die Welt lange genug ihr Glück und ihre Hoffnungen
gebaut. Gehen wir!«
Nowikow lächelte ihm schüchtern zu: »Ich will gehen. Aber wird ihr das
auch angenehm sein?«
»Daran brauchst du nicht zu denken.« Ssanin legte ihm beide Hände auf
die Schultern. »Glaubst du, daß du richtig handelst, dann wird schon
alles von selber werden.«
»Gut, so gehen wir.« In der Tür blieb Nowikow noch einmal stehen und
blickte Ssanin gerade in die Augen. Mit einer Kraft, die ihm selbst
unbekannt war, sagte er:
»Weißt du; -- -- wenn es nur möglich ist, so werde ich sie glücklich
machen. Natürlich, die Phrase ist banal. Aber ich kann nicht anders
ausdrücken, was ich fühle.«
»Das tut nichts, Bruder. Wirklich, ich verstehe dich so.«