XIII

Nachdem Jurii die Sachen ins Haus gebracht hatte, ging er wieder, ohne

zu wissen, was er mit sich anfangen sollte, in den Garten hinaus. Dort

war es dunkel wie in einem Abgrund. Es berührte ihn eigentümlich,

darüber den mit Sternen besäten Himmel glänzen zu sehen.

Auf den Stufen saß Ljalja; ihre kleine graue Gestalt schimmerte

undeutlich durch die Finsternis.

»Bist du es, Jura?« fragte sie.

»Ich,« antwortete Jurii, stieg behutsam hinab und setzte sich an ihre

Seite. Verträumt neigte Ljalja ihr Köpfchen an seine Schulter. Aus ihrem

unbedeckten Haare stieg ein frischer und reiner Hauch in Juriis Gesicht.

Es war der weiche Duft eines jungen Weibes und Jurii zog ihn mit Genuß

in sich ein.

»Habt ihr Glück gehabt?« fragte ihn Ljalja freundlich, und nach kurzem

Schweigen fügte sie leise und zärtlich hinzu:

»Und wo ist Anatoli Pawlowitsch geblieben? Ich hörte, wie ihr heranfuhrt

...«

»Dein Anatoli Pawlowitsch ist ein schmutziges Vieh,« wollte Jurii in

plötzlicher Wutaufwallung herausschreien. Doch statt dessen antwortete

er zögernd: »Wahrscheinlich ist er zu einem Kranken gefahren.«

»Zu einem Kranken,« wiederholte Ljalja mechanisch. Sie verstummte aber

gleich wieder und blickte auf die Sterne.

Sie war nicht betrübt darüber, daß Rjäsanzew nicht mit hereingekommen

war. Sie wünschte selbst eine Weile allein zu bleiben, damit sie sich,

ganz ungestört von seiner Anwesenheit, das Verlangen, das ihr den ganzen

Körper und ihre junge Seele durchwühlte, vergegenwärtigen konnte. Es war

der brennende Wunsch, jenen unvermeidlichen und doch beängstigenden

Bruch herbeizuführen, nach dem ihr ganzes früheres Leben abfallen und

ein neues beginnen möchte. Ein neues Dasein, das sie zu einem anderen

Menschen machen mußte.

Jurii berührte es sonderbar, wie diese immer lustige, lachende Ljalja,

mit einem Male still und nachdenklich geworden, neben ihm saß. Und weil

er selbst ganz voller trauriger aufregender Stimmungen war, so kam ihm

alles um Ljalja, wie auch der ferne Sternenhimmel und der dunkle Garten,

traurig und kalt vor. Er begriff nicht, daß hinter dieser lautlosen und

unbeweglichen Nachdenklichkeit nicht Trauer, sondern rauschendes Leben

gelegen haben sollte. In den weiten Wolken brauste eine überschäumend

machtvolle, unverkennbare Kraft, der dunkle Garten zog in jeder Bewegung

aus der Finsternis lebensprühende Regungen ein und in der Brust der

stillen Ljalja verbarg sich soviel Glück, daß sie jeden Eindruck

fürchtet, der diesen Zauber verletzen konnte. Nur lauschen wollte sie

ihrer Harmonie von Liebe und Sehnsucht, die ebenso glänzte wie der

Sternenhimmel, ebenso lockte wie der geheimnisvolle Garten und unbeengt

in ihrer Seele wiederklang.

»Ljalja, liebst du Anatoli Pawlowitsch sehr?« fragte Jurii leise und

behutsam, als müßte er fürchten, sie mit jedem Laut aufzuschrecken.

... Kann man danach noch fragen ..., dachte verloren Ljalja, sie kam

aber gleich zu sich und schmiegte sich an den Bruder, dankbar dafür, daß

er jetzt nicht über etwas Gleichgültiges, sondern gerade von ihrer Liebe

zu sprechen begann.

»Sehr,« antwortete sie so innig, daß Jurii ihre Antwort eher erriet als

hörte. Ljalja mußte sich energisch zwingen, die glücklichen Tränen

zurückzuhalten, die ihr in die Augen stiegen.

Jurii bemerkte es nicht. Ihm schien eine traurige Note aus der Stimme

herauszuklingen, und so regte sich von neuem in ihm der Haß auf

Rjäsanzew und ein stärkeres Bedauern für Ljalja.

»Aber wofür nur,« fragte er unwillkürlich, gleichzeitig vor der eigenen

Frage erschreckend.

Ljalja blickte verwundert zu ihm auf, konnte jedoch sein Gesicht nicht

erkennen. Ganz leise lachte sie auf.

»Dummer, wofür? ... Für alles! ... Warst du niemals selbst verliebt? Er

ist doch so gut, so nobel -- -- --«

Schön, kräftig, wollte Ljalja hinzufügen, aber sie errötete tief in der

Dunkelheit und brach kurz ab.

»... Kennst du ihn denn auch jetzt?« fragte Jurii. Ach, man sollte doch

nicht davon reden, dachte er mit Trauer und Erregung, -- wozu? Natürlich

ist er für sie der Allerbeste in der Welt.

»Anatoli hat kein Geheimnis vor mir,« gab Ljalja mit unterdrücktem

Triumph zur Antwort.

»Bist du dessen sicher?« lächelte Jurii verzerrt in dem Gefühl, daß es

nun keinen Halt mehr gab.

In der Stimme Ljaljas klang eine unruhige Schwäche, als sie erwiderte:

»Natürlich, was denn sonst?«

»Nichts, -- ich meinte nur so,« sagte Jurii erschrocken.

Ljalja schwieg. Man konnte nicht verstehen, was in ihr vorging.

»Vielleicht weißt du irgend etwas darüber,« fragte sie plötzlich und ihr

sonderbar krankhafter Ton überraschte und ängstigte Jurii.

»Ach nichts, was sollte ich wissen und besonders über Anatoli

Pawlowitsch. Ich meinte nur so.«

»Nein, nein, du würdest so nicht geredet haben,« sagte Ljalja beharrlich

mit einem Klingen in der Stimme.

»Ich wollte ganz einfach sagen, daß überhaupt ...« Jurii wurde verwirrt

und erstarb fast vor Scham. Dann fuhr er gewaltsam fort: »Wir Männer

sind doch nach allen Regeln verdorben. Alle ...«

Ljalja schwieg und mit einem Male lachte sie erleichtert auf: »Nun, das

weiß ich schon.«

Dieses Lachen erschien Jurii ganz unangebracht.

»So einfach ist die Geschichte doch nicht, wie es dir vorkommt.«

Die Aufregung hetzte Jurii in eine boshafte Ironie hinein. »Alles kannst

du sowieso nicht wissen. Du kannst dir gar nicht alles Gemeine im Leben

vorstellen. Du bist viel zu rein dazu.«

»Nun, nun,« lächelte Ljalja geschmeichelt, fuhr aber gleich sehr ernst

fort, während sie die Hand auf die Knie ihres Bruders stützte: »Du

meinst wohl, ich habe über alles das noch nicht nachgedacht. O, ich habe

viel nachgedacht. Es war mir immer schmerzlich und beleidigend, weißt

du. Warum halten wir unsere Reinheit und unseren Ruf so hoch -- wir

fürchten jeden Schritt, fürchten zu fallen -- oder so was -- aber die

Männer, die denken fast, es ist eine Heldentat, eine Frau zu verführen.

Das ist doch furchtbar ungerecht, nicht wahr?«

»Ja,« sagte Jurii bitter und suchte einen Genuß darin, seine eigenen

Erinnerungen zu geißeln, doch gleichzeitig davon überzeugt, daß er,

Jurii, etwas ganz anderes wäre als alle anderen.

»Das ist eine der größten Ungerechtigkeiten in der Welt. Frage nur den

ersten Besten von uns. Wird er eine ...« Er wollte >Straßendirne< sagen,

aber er stockte und fuhr statt dessen fort: »eine Kokotte heiraten?

Jeder wird dir >Nein< antworten. Und warum ist denn eigentlich ein Mann

besser als die Kokotte. Jene verkauft sich wenigstens für Geld, für ihr

tägliches Brot; der Mann treibt sich einfach in -- in Ausschweifungen

herum und immer auf die roheste und auf die perverseste Art und Weise.«

Ljalja schwieg.

Eine unsichtbare Fledermaus schwirrte rasch und schüchtern am Balkon

vorbei, streifte mehrmals mit den schwingenden Flügeln die Wand und

glitt dann wieder mit einem leichten Laut hinaus. Jurii lauschte auf die

so geheimnisvolle Regung des nächtlichen Lebens, dann sprach er mit

steigender Erregung, von seinen eigenen Worten fortgerissen: »Und das

Schlimmste ist dabei, daß es nicht nur alle wissen und hinnehmen, als

wenn es ganz selbstverständlich wäre; nein, sie spielen sogar die

schwierigsten Tragikomödien; sie heiligen die Ehe -- lügen, wie man sagt

-- vor Gott und den Menschen! Und immer geraten die reinsten, idealsten

Mädchen« -- das fügte er im Gedanken an Karssawina und mit einer

leichten Eifersucht auf etwas Unbekanntes hinzu -- »an die

verdorbensten, schmutzigsten Männer. Oft genug sind sie ja infiziert.

Semionow, der Tote, sagte einmal: >Je reiner die Frau ist, um so

schmutziger ist der Mann, der sie besitzt.< Und das stimmt!«

»Es ist nicht möglich ...«

»O gewiß«; über Juriis Gesicht flog ein bitteres Lächeln.

»Davon weiß ich nichts,« sagte Ljalja nach einer schweren Weile, und in

ihrer Stimme erzitterten Tränen.

»Wie?« fragte Jurii zurück, da er nicht mehr hingehört hatte.

»Ist denn Tolja wirklich so wie alle anderen?« sagte Ljalja, indem sie

zum ersten Male dem Bruder gegenüber Rjäsanzew mit dem Kosenamen nannte.

Sie begann zu schluchzen. »Nun gewiß, er ist auch so einer.«

Jurii packte mit Schmerz und Grauen ihre beiden Hände.

»Ljalja -- Ljalitschka -- was hast du denn? Ich wollte ja gar nicht --

mein Täubchen, höre auf -- weine doch nicht,« stammelte er

zusammenhanglos, riß ihre feuchten kleinen Fingerchen von ihrem Gesicht

und küßte sie.

»Nein, nun verstehe ich schon, es ist wahr,« wiederholte Ljalja; sie

erstickte fast unter dem Schluchzen.

Obgleich sie ihm vorher sagte, daß sie früher bereits über all das

nachgedacht hätte, war dem in Wirklichkeit doch nicht so. Niemals hatte

sie sich das intime Leben Rjäsanzews vorzustellen versucht. Sie wußte

natürlich, daß sie nicht die Erste war, die er liebte, und verstand, was

das bedeutete. Aber dieses Bewußtsein verdichtete sich niemals zu einem

klaren Bilde und glitt an ihrer Seele nur leicht vorüber. Sie fühlte,

daß sie sich beide liebten und das war ihr genug. Alles andere blieb

dagegen unwichtig. Als ihr Bruder jetzt mit scharfer Betonung der

Verurteilung und der Verachtung sprach, tat sich vor ihr ein Abgrund

auf, aus dem unzerstörbar qualvolle Vorstellungen aufstiegen. Ihr Glück

war darin für immer versunken; es schien ihr undenkbar, Rjäsanzew je

wieder zu lieben. Jurii versuchte ihr, selbst fast weinend, gut

zuzureden; er küßte sie und fuhr streichelnd über ihr Haar. Aber sie

schluchzte ununterbrochen fort; -- zerbrochen und hoffnungslos.

»Ach, mein Gott, mein Gott,« wiederholte sie immer wieder und zerfloß

wie ein Kind in Tränen. In der Dunkelheit kam sie Jurii so klein und so

bemitleidenswert, ihre Tränen so hilflos vor, daß er von unerträglichem

Mitleid fortgerissen wurde. Blaß und kopflos lief er ins Haus, stieß

schmerzhaft mit der Schläfe gegen die Tür und holte ihr ein Glas Wasser,

das er sich zur Hälfte über die Hände goß.

»Ljalitschka, höre doch auf! Wie darf man sich so -- --. Nun was ist

denn mit dir. Vielleicht ist Anatoli Pawlowitsch gar nicht so ... besser

als die anderen. Ljalja,« stammelte der Bruder verzweifelt.

Ljaljas Körper bebte unter dem Schluchzen und ihre Zähne schlugen gegen

die Wand des Glases.

»Was ist denn hier los?« fragte aufgeregt das Zimmermädchen, in die Tür

stürzend. »Gnädiges Fräulein, was ist denn mit Ihnen?« Ljalja stand auf,

stützte sich auf das Geländer und ging, ohne im Weinen nachzulassen,

schwankend und schleppend auf ihr Zimmer.

»Liebes gnädiges Fräulein, was ist denn nur los? Soll ich vielleicht den

gnädigen Herrn holen? Jurii Nikolajewitsch! Sagen Sie doch ...«

Aus seinem Zimmer kam mit festen, abgemessenen Schritten Nikolai

Jegorowitsch und blieb in der Tür stehen; er starrte verwundert auf die

weinende Ljalja.

»Was gibt's hier?« fragte er.

»Aber nichts, -- ganz unwichtige Geschichten,« antwortete gezwungen

lächelnd Jurii. »Wir sprachen über Rjäsanzew -- Kleinigkeiten.«

Nikolai Jegorowitsch blickte ihn spähend an; ihm schien plötzlich ein

Gedanke zu kommen. Mit einem Mal drückte sich auf dem Gesicht des

greisen Gentleman äußerste Entrüstung aus.

»Hol's der Teufel«; er zuckte kurz mit den Achseln und machte linksum

kehrt; abgerissen schritt er hinaus.

Jurii errötete, wollte eine Grobheit nachrufen; aber es wurde ihm

beschämend und bange zumute. Mit dem Gefühl aufgestachelten Ingrimms

gegen den Vater und kopflosen Mitleids zu Ljalja, mit der schmerzlichen

Verachtung gegen sich, trat er leise auf die Treppe, stieg die Stufen

hinunter und ging in den Garten.

Ein kleiner Frosch winselte heftig und zuckte unter seinem Fuß,

aufplatzend wie eine zerdrückte Eichel. Jurii glitt aus, fuhr zusammen,

stöhnte und sprang mit einem Satze zur Seite. Eine Zeitlang rieb er

mechanisch den Fuß am feuchten Gras, in seinen Rücken grub sich ein

nervöses Gefühl von Ekel und Kälte. Er wurde immer mißgestimmter; am

Fuße haftete unverändert die widerwärtige Empfindung des weichen

Körpers; er wand sich schmerzhaft unter ihr. Er war mit Abscheu vor

allem geladen. Tastend suchte er in der Dunkelheit eine Bank und ließ

sich schwerfällig auf ihr nieder. Dann starrte er mit gespanntem

trockenem Blick in den Garten hinein, sah aber nur einige verschwommene

Nebelfetzen. Durch seinen Kopf krochen trübe plumpe Gedanken. Er blickte

auf den Flecken, wo irgendwo im dunklen Grase das von ihm zerdrückte

Fröschlein lag und wahrscheinlich bereits unter gräßlichen Qualen

verendet war. Dort nahm jetzt eine ganz Welt voll eigenartigen,

selbständigen Lebens ihr Ende und doch war der Abschluß, der tatsächlich

unsagbar martervoll sein mußte, allen verborgen geblieben. Plötzlich zog

dieselbe Gedankenkette eine neue, ganz fremde Vorstellung heran, von der

er sich nicht mehr losreißen konnte. Alles das, was sein Leben bis in

die feinsten Fäden durchsetzte, die gewaltigen Kräfte, die in Liebe und

Haß zum Ausbruch kamen, die unbekannten Triebe, durch die er eines von

sich stieß und anderes wieder gegen seinen Willen ergreifen mußte, das

Gute und das Böse, für das er kämpfte und litt, seine ganze

Persönlichkeit -- alles war im Grunde nichts mehr als eine dünne

Nebelwolke, die sich schemenhaft um ihn ausstreckte. Für die Welt in

ihrem unermeßlichen Ganzen existierten seine schmerzlichsten und seine

innigsten Erlebnisse ebensowenig, wie hier die Qualen des kleinen

Tieres, von denen außer ihm niemand etwas wußte. In dem Glauben, daß

seine Leiden, seine Vernunft, sein Gut und Böse noch für andere Menschen

von großer Bedeutung seien, flocht er absichtlich und offenbar ohne Sinn

ein kompliziertes Netzwerk zwischen sich und der Welt. Aber der einzige

Augenblick des Todes reißt jäh die blinkenden Maschen in ihrer Mitte

durch und wirft die Reste hinter sich zurück, ohne daß er auch nur einen

einzigen Blick über sie werfen ließe.

Ihm kam wieder Semionow in Erinnerung und seine Gleichgültigkeit gegen

die erhabenen Ziele und Ideen, die ihn, Jurii, und Millionen andere so

tief bewegten. Plötzlich wurde ihm wieder der scharfe Gegensatz bewußt

zwischen der naiven unversteckten Freude am Leben in der Mondnacht, als

sie im Boote nach dem Kloster zurückkehrten, und jenem dumpfen,

gehässigen Gespräch am Abend zuvor. Wieder fiel ihm ein, wie scharf

dieser Kontrast hervorgetreten war und wie unangenehm er davon berührt

wurde.

Als sie damals durch die Nacht fuhren, war es ihm unbegreiflich gewesen,

daß dieser Semionow so nichtigen Sachen wie dem Rudern oder schönen

Mädchenkörpern irgend eine Bedeutung beimessen konnte, nachdem er am

Abend zuvor die höchsten Ideale bewußt von sich gestoßen hatte. Jetzt

aber verstand Jurii leicht, daß es gar nicht anders sein konnte: jene

Kleinigkeiten entrollten das Leben, -- das echte Leben voll ergreifender

Ereignisse und verlockender Genüsse, während die großen Ideen nichts

waren als leere Zusammenhänge von Worten und Gedanken, die auf das

unergründliche Geheimnis des Lebens und des Todes ohne Einfluß blieben.

Diese Schlußfolgerung hätte Jurii früher ganz fern gelegen und stieg

jetzt so unerwartet aus dem Nachsinnen über Gut und Böse hervor, daß er

selber in Verlegenheit geriet. Eine hemmungslose Leere eröffnete sich

vor ihm, doch gleichzeitig durchleuchtete ein scharfes Gefühl von

Klarheit und Freiheit, ähnlich dem, das den Schlafenden im Traum in die

Lüfte hebt und fliegen läßt, wohin er will, für einen Augenblick sein

Gehirn. Jurii erschrak. Mit angespannter Anstrengung sammelte er all die

auseinanderfallenden, gewohnheitsmäßigen Ueberzeugungen und Begriffe und

sofort verschwand wieder die überkühne und beängstigende Empfindung. Es

wurde dunkel und verworren um ihn.

In dieser Minute wäre Jurii geneigt gewesen, einzugestehen, daß der Sinn

eines echten lebendigen Lebens in der Ausübung seiner Freiheit liege,

daß es natürlich und folgerichtig sei, seinen Genüssen zu leben. Selbst

Rjäsanzew schien von dieser einheitlichen Erkenntnis eines primitiveren

Standpunktes aus klarer und logischer, als Jurii selbst, schon allein

dadurch, daß er möglichst vielen Geschlechtsgenüssen als den

tiefgehendsten Lebensäußerungen nachstrebte. Aber nach einer solchen

Ueberlegung müßte man auch zugeben, daß die Begriffe des Lasters und der

Reinheit nichts als dürre Blätter sind, die frischer, keimender

Graswuchs bedeckt, und daß selbst schamhafte keusche Mädchen wie Ljalja

und Karssawina das Recht haben, sich frei in den Strudel sinnlicher

Genüsse zu stürzen. Jurii scheute sich, diesen Gedanken zu bejahen, er

schien ihm gemein und schmutzig. Er empfand Entsetzen über die Erregung,

die sich seiner dabei bemächtigte, und suchte ihn durch altgewohnte,

wuchtige Drohungen aus Kopf und Herz zu drängen. -- Ja gewiß, dachte er,

während er zum grundlosen, mit strahlendem Sternenstaub bedeckten Himmel

aufblickte: Das Leben ist Empfindung, aber die Menschen sind keine

unvernünftigen Tiere; sie müssen ihre Wünsche zum Guten lenken und sich

nicht ihrer Gewalt unterwerfen. »Und wie, wenn es einen Gott dort über

den Sternen gibt!« erinnerte sich Jurii plötzlich und eine bange

ehrfürchtige Stimmung drückte ihn zu Boden nieder. Er starrte auf den

leuchtenden Stern im Schweif des großen Bären und unwillkürlich fiel ihm

ein, daß der Bauer Kusma vom Gemüsegarten dieses majestätische Gestirn

»Karren« genannt hatte.

Diese Erinnerung kam ihm, ebenfalls unwillkürlich, unpassend und fast

wie verletzend vor. Er blickte wieder in den Garten, der ihm, im

Gegensatz zum Sternenhimmel, ganz schwarz erschien, und begann wieder zu

grübeln. -- Beraubt man die Welt der weiblichen Reinheit, welche den

ersten jungen Blüten, die noch ganz schüchtern aber schon prächtig und

rührend hervorgucken, so ähnlich ist, was wird dann noch Heiliges im

Menschen bleiben?

Tausende von Mädchen, prächtig und rührend wie Frühlingsblumen, tauchten

vor ihm im Sonnenschein, im Frühlingsgras, unter blühenden Bäumen auf.

Zarte Brüste, runde Schultern, biegsame Arme, schlanke Hüften huschten,

sich schamhaft und geheimnisvoll biegend, an seinen Augen vorbei und ein

heißer Schwindel verwirrte in wollüstigem Entzücken seinen Kopf.

Jurii fuhr sich langsam mit der Hand über die Stirn und kam sofort

wieder zu sich.

»Meine Nerven sind ganz kaput ... Ich muß mich in die Klappe legen.«

Unbefriedigt, verstimmt, immer noch durch die blitzartig erschienenen

wollüstigen Phantasien erregt, ging er mit gegenstandsloser Wut, durch

die alle Bewegungen heftige Formen annahmen, ins Haus.

Als er schon im Bette lag und sich vergebens zu schlafen bemühte,

erinnerte er sich Rjäsanzews und Ljaljas.

»Warum ist es einem eigentlich empörend, daß Rjäsanzew Ljalja nicht als

erste und Einzige liebt?«

Seine Gedanken wollten darauf keine Antwort geben, aber vor ihm stieg

das Bild Sina Karssawinas auf. Von stiller Zärtlichkeit umflossen,

liebkoste es sein Gehirn unsagbar wohltuend. So sehr er sich auch Mühe

gab, die traditionelle Empfindung zu unterdrücken, wurde es ihm doch

klar, warum er selbst danach verlangte, daß sie rein und unberührt sei.

»Aber ich liebe sie ja!« kam es Jurii zum ersten Mal ins Bewußtsein, und

diese leise Regung verdrängte alle anderen. Dieser einfache, klare

Gedanke trieb Tränen der Rührung in seine Augen ...

Doch im nächsten Augenblick fragte sich Jurii schon mit bitterm Hohn:

Aber mit welchem Recht liebte ich dann andere Frauen vor ihr. Allerdings

wußte ich noch nichts von ihrer Existenz, aber ebensowenig wußte

Rjäsanzew etwas von Ljalja. Und seinerzeit glaubten wir beide, daß

diejenige Frau, die wir im Moment zu besitzen wünschten, grade die Echte

wäre, die, welche zu uns am besten paßte. Wir hatten uns geirrt, das

sahen wir später ein, als wir stets wieder Andere liebten; aber

vielleicht irren wir uns dann auch dieses Mal. Folglich heißt es:

Entweder ewige Keuschheit zu bewahren, oder sich und auch der Frau

natürlich volle Freiheit zu gewähren, um sich dem Genuß der Liebe und

Leidenschaft voll und ganz hinzugeben.

Aber was rede ich mir nur ein, zum Teufel, fiel sich Jurii plötzlich

selbst in seine Ueberlegungen: Rjäsanzew, ... ja es ist auch nicht

schlimm, daß er überhaupt geliebt hat, sondern nur, daß er jetzt ruhig

fortfährt, mit verschiedenen Frauen zu verkehren; das aber tue ich nicht

...

Dieser Gedanke versetzte Jurii in einen Taumel von Stolz über seine

Reinheit; aber nur für einen Augenblick. Schon in der folgenden Minute

erinnerte er sich wieder der gierigen Empfindung, die sich seiner bei

der Vorstellung tausender, sonnenüberströmter nackter Mädchen bemächtigt

hatte. Ratlos hielt er ein, völlig ohnmächtig, sich selbst zu

beherrschen und das Chaos von Gedanken und Empfindungen zu meistern.

Er merkte, daß es ihm unbequem würde, auf der rechten Seite zu liegen.

Mit einer ungeschickten Bewegung warf er sich herum.

-- -- -- Im Grunde genommen, dachte er, wären doch sämtliche Frauen, die

ich kennen gelernt hatte, nicht imstande, mich für das ganze Leben zu

befriedigen.

-- -- -- Nun gut, so ist eben alles, was ich echte Liebe nannte,

unerreichbar und dafür zu schwärmen ist einfach dumm.

Das Liegen auf der linken Seite wurde ihm bald ebenso unbequem. Wieder

warf er den verschwitzten, klebrigen Körper, in das zusammengepappte,

brennende Laken verwickelt, herum. Es war drückend heiß und unbequem.

Der Kopf begann ihm zu schmerzen.

-- -- -- Die Keuschheit mag ein Ideal sein, aber die Menschheit würde

zugrunde gehen, wenn man es verwirklichen wollte ... Und darum ist es

ein Unsinn. -- -- -- Jurii seufzte verzweifelt. -- -- -- Ja dann, dann

ist das ganze Leben ein Unsinn, schrie Jurii fast brüllend heraus und

preßte vor Grimm so fest die Zähne aufeinander, daß vor seinen Augen

goldene Kreise aufschwirrten.

Und bis tief in das Morgengrauen hinein wälzte er in schwerer,

unbequemer Lage, die Seele voll dumpfer Verzweiflung, mächtigen

Steinblöcken gleich, harte und widerständige Gedanken in seinem Kopfe.

Endlich, um sich von ihnen zu befreien, begann er sich einzureden, daß

er selbst ein schlechter, wollüstiger und egoistischer Mensch sei und

sein ganzes Zweifeln nichts als unterdrückte Lüste wäre. Das jedoch

legte auf seine Seele nur schwerere Lasten, entfachte in seinem Gehirn

ein wildes Durcheinander der verschiedenartigsten Vorstellungen und die

ganze verzweifelte Anspannung löste sich zuletzt in der Frage aus: -- --

-- Aber warum eigentlich muß ich, gerade ich mich so quälen? ...

Mit überreiztem Ekel vor jedem Denken und Ueberlegen schlief Jurii in

dumpfer nervöser Uebermüdung ein.

Ssanin: Roman · 第 35 / 97 题