XII

Karssawina und Dubowa waren irgendwohin auf Besuch gereist, und seitdem

verlief das Leben Jurii Swaroschitschs einförmig und ohne Interesse.

Sein Vater, Nikolai Jegorowitsch, war von häuslichen Angelegenheiten und

dem Klub so in Anspruch genommen, und Ljalja und Rjäsanzew wurden in so

offensichtlicher Weise von jeder Anwesenheit eines Dritten gestört, daß

sich Jurii in ihrer Gegenwart vollständig überflüssig fühlte.

Schließlich kam es dahin, daß er sehr spät schlafen ging, aber auch erst

gegen Mittag aufstand. Und die ganzen Tage lang, während er bald im

Garten, bald in seinem Zimmer saß, schwirrten ihm ununterbrochen

Gedanken durch den Kopf; er erwartete eine mächtige Welle von Energie,

durch die er etwas Ganzes in Angriff nehmen würde. Dieses »Ganze«

erhielt jeden Tag neue Gestalt. Einmal war es ein Bild, dann wieder eine

Folge von Artikeln, die, ohne daß es Jurii bewußt wurde, der ganzen Welt

beweisen mußten, welchen großen Fehler die Sozialdemokratie beging, als

sie Jurii Swaroschitsch nicht die führende Rolle in der Partei zuwies.

Manchmal auch wollte er Anschluß an das Volk und eine rege, innige

Tätigkeit in ihm finden -- immer aber war alles von Bedeutung und in

jedem Zuge grandios.

Doch die Tage gingen ebenso fort, wie sie kamen, und brachten nichts

außer Langeweile mit sich. Einige Mal besuchten ihn Nowikow und

Schawrow; auch Jurii selbst ging auf Vorträge und machte Besuche. Doch

alles blieb ihm innerlich fremd, zerstreute ihn nicht; es hatte keinen

Zusammenhang mit dem, was tief in ihm trauerte.

Eines Tages ging Jurii im Vorbeigehen zu Rjäsanzew mit hinein. Der Arzt

bewohnte eine große und saubere Wohnung; in den Zimmern gab es eine

Menge Gegenstände, die zur Zerstreuung eines gesunden und intelligenten

Menschen dienen. Turnapparate, Hanteln, Schläger, Angelgerätschaften,

Netze für Wachteln, Pfeifen und Zigarrenspitzen. Ueber allem lag die

Ausdünstung eines kräftigen, männlichen Körpers ausgebreitet.

Rjäsanzew trat ihm liebenswürdig und zutraulich entgegen, zeigte ihm

alle seine Schätze, lachte, erzählte eine Anekdote, bot zu rauchen und

zu trinken an, und forderte ihn schließlich auf, mit ihm auf die Jagd zu

gehen.

»Aber ich habe ja keine Büchse,« sagte Jurii.

»So nehmen Sie eine von mir. Ich habe acht Stück.«

Rjäsanzew sah in Jurii den Bruder Ljaljas; er wünschte mit ihm

befreundet zu werden und ihm zu gefallen. So brachte er selbst

bereitwillig seine Gewehre herbei, bat Jurii, sich eins auszuwählen,

nahm sie auseinander, erklärte ihren Mechanismus und schoß dann im Hof

nach der Scheibe, so daß schließlich auch in Jurii der Wunsch rege

wurde, ebenso freudig zu lachen und zu schießen wie er. Jetzt machte es

ihm sogar Vergnügen, Gewehr und Patronen gleich an sich nehmen zu

können.

»Also vorzüglich,« Rjäsanzew war aufrichtig erfreut. »Grade morgen

wollte ich auf den Entenstrich. Fahren wir zusammen, was?«

Erfreut willigte Jurii ein. Nachdem er nach Hause gekommen war, bastelte

er zwei Stunden lang am Gewehr herum, beschaute es gut, paßte sich den

Riemen über den Schultern zurecht, legte den Kolben an und zielte gegen

die Lampe; mit aller Sorgfalt schmierte er sich selbst die alten

Jagdstiefel.

Am andern Tag kam Rjäsanzew gegen Abend zu ihm, um ihn auf einem Begunki

-- einem leichten Wagen, zwischen dessen vier Rädern ein gepolstertes

Brett liegt, auf dem man rittlings sitzt -- abzuholen.

»Sind Sie fertig?« rief er heiter zu Jurii ins Fenster hinein.

Jurii, der sich schon Gewehr, Jagdtasche und Patronen aufgepackt hatte,

trat verlegen lächelnd, aus dem Hause; er verwickelte sich fortgesetzt

in den Jagdutensilien.

»Fertig, fertig!« sagte er.

Rjäsanzew war leicht und bequem angezogen und schaute mit einer gewissen

Verwunderung Juriis Ausrüstung an.

»So wird es Ihnen unbequem werden. Nehmen Sie vorläufig lieber alles

herunter. Wenn wir an Ort und Stelle sind, legen Sie es wieder an.«

Er half Jurii, die Ausrüstung wieder abzulegen und sie im Holzkasten des

Wagens unterzubringen. Dann fuhren sie im schnellen Trabe davon. Der Tag

ging zu Ende, doch noch war es heiß und staubig. Das Stuckern der Räder

schnellte das Sitzbrett des Wagens auf und nieder; -- Jurii, der das

Fahren in diesem kleinen Jagdwagen nicht gewohnt war, mußte sich am Sitz

anklammern. Rjäsanzew lachte und sprach ohne Aufhören, und Jurii blickte

mit vollem Vergnügen auf seinen starken Rücken, der von einem unter den

Achseln durchschwitzten Seidenrock dicht überspannt war; unwillkürlich

machte er es ihm im Lachen und Scherzen nach.

Als sie auf die Straße hinauskamen, und die dürren Feldgräser leicht

ihre Füße streiften, wurde es frischer und der Staub hielt sich am

Boden. An einem unendlich ebenen, mit Wassermelonen bestandenen

Gemüsefeld hielt Rjäsanzew das schweißbedeckte Pferd an und rief in

seinem vollen Bariton, indem er beide Hände hohl um den Mund legte,

anhaltend: »Kusma! Kusma!«

Zwerghaft kleine Menschen, die am anderen Ende des Gemüsefeldes kaum

sichtbar auftauchten, starrten eine Zeitlang unbeweglich auf die

Schreienden, bis sich schließlich einer von ihnen loslöste und langsam

zwischen den Furchen herüberschritt. Endlich ließ sich erkennen, daß es

ein großer Bauer war, mit langem Vollbart und mit herabhängenden

knochigen Armen. Er kam auf sie zu und sagte mit breitem Lächeln:

»Guten Tag, Anatoli Pawlowitsch, du hast es aber raus, -- das Schreien.«

»Guten Tag, Kusma, was machst du? Kann ich das Pferd bei dir

einstellen?«

»Kann bei mir stehen,« sagte ruhig und freundlich der Bauer, das Pferd

am Zügel greifend. »Soll wohl auf die Jagd gehen, nicht? Und wer werden

jener Herr sein?« fragte er zutunlich auf Jurii blickend.

»Der Sohn von Nikolai Jegorowitsch,« antwortete Rjäsanzew heiter.

»So? ... Das merkt sich doch gleich, daß der Herr unsrer Ludmilla

Nikolajewna ähnlich sind.«

»Ja?« Jurii berührte es aus irgend einem Grunde angenehm, daß dieser

alte, freundliche Bauer seine Schwester kannte und sie so einfach und

nett erwähnte.

»Nun, gehen wir also,« sagte Rjäsanzew, indem er unter dem Vordersitz

Gewehr und Tasche hervorholte und sich umlegte.

»Weidmannsheil,« rief ihnen Kusma nach und man hörte, wie er auf das

Pferd einsprach, während er es zu seiner Hütte führte.

Bis zum Sumpf hatten sie noch gegen einen Werst zu laufen, und die Sonne

war schon völlig im Untergehen, als der Boden saftiger und allmählich

von frischem Wiesengras, Rohr und niedrigem Weidengebüsch bedeckt wurde.

Wasser blinkte vor ihnen auf, es roch nach feuchter Luft. Die Dämmerung

senkte sich, immer dunkler werdend, nieder. Rjäsanzew hörte auf zu

rauchen, und wurde plötzlich ganz ernst, als trete er an ein wichtiges

und verantwortungsvolles Werk. Jurii ging von ihm nach rechts ab, und

wählte sich hinter dem Rohr ein trockeneres und zum Stehen geeignetes

Fleckchen. Grad vor ihm lag das Wasser, das in der hellen Abendröte rein

und tief aussah; hinter ihm schimmerte das andere Ufer herüber, doch

völlig zu einem schmalen, schwarzen Streifen zusammengezogen.

Fast im selben Augenblick tauchten Enten auf, und strichen zu zweien und

dreien, schwer mit den Flügeln schlagend an ihnen vorüber. Zuerst schoß

Rjäsanzew und erfolgreich. Ein von ihm getroffener Enterich stürzte,

sich in der Luft überschlagend, nieder und prallte irgendwo abseits auf,

wobei das Wasser hoch aufspritzte und die Rohrstengel mit Geräusch

durchschlagen wurden.

»Weidmannsheil,« schrie Rjäsanzew und lachte laut auf.

-- -- -- Im Grunde genommen ist er doch ein sehr guter Kerl, dachte

Jurii plötzlich.

Dann schoß er und ebenfalls mit Glück; doch diese von ihm getötete Ente

konnte er später nicht auffinden, trotzdem er sich die Hände an den

Rohrstengeln zerschnitt und bis an die Knie ins Wasser geriet. Von jetzt

ab schien ihm alles, was passierte, vergnüglich zu sein. Das Pulver

verbreitete in der durchsichtigen, kühlen Luft über dem See einen

eigenartig reizvollen Geruch und bei jedem Schuß leuchteten unter dem

hellen Geknatter die Feuerfunken zwischen dem dunkelgewordenen Grün auf.

Die getroffenen Enten überstürzten sich ebenfalls schön und zierlich am

Hintergrund des hellroten Himmels, bis die Abendröte zerrann und die

ersten funkelnden Sterne schwach hervortraten.

Jurii empfand einen ungewöhnlichen Zustrom von Kraft und Freude; er

glaubte, noch niemals etwas so Interessantes und Lebensvolles mitgemacht

zu haben. Doch schließlich flogen die Enten immer seltener auf und das

Zielen wurde in der dichten Dämmerung immer schwieriger.

»Ehoi!« rief Rjäsanzew, »Zeit nach Hause zu fahren.« Jurii tat es leid,

die Jagd abzubrechen, aber er schritt doch Rjäsanzew entgegen, ohne die

Wasserlachen zu seinen Füßen zu vermeiden; er platschte durch die

Pfützen und blieb im Rohrgestrüpp hängen. Mit glühenden Augen und freien

Atemzügen trafen sie zusammen.

»Nun, wie steht's?« fragte Rjäsanzew. »Hatten Sie Glück?«

»Und wie!« Jurii zeigte auf seine gefüllte Jagdtasche.

»Sie schießen ja besser als ich,« rief Rjäsanzew erfreut.

Jurii war dieses Lob angenehm, trotzdem er bisher geglaubt hatte, daß er

auf physische Kraft und Gewandtheit keinen Wert zu legen brauche. »I wo

denn besser,« sagte er selbstgefällig. »Einfach Glück, das ist alles.«

Es war schon tiefdunkel, als sie die Hütte Kusmas erreichten. Das Feld

lag in tiefer Schwärze und nur die nächsten Beete kleiner Wassermelonen

waren vom Feuer erhellt und warfen lange, flache Schatten.

Neben der Hütte schnaubte, nicht sichtbar, ein Pferd; ein kleines, aber

grelles, gewandt aus dürrem Steppengestrüpp hergerichtetes Feuer brannte

knallend; man hörte harte Bauernstimmen, Weiberlachen. Dazwischen

mischte sich eine heitere gleichmäßige Stimme, die Jurii bekannt vorkam.

»Aber da sitzt doch Ssanin,« meinte Rjäsanzew verwundert. »Wie ist der

denn hierher gekommen?«

Sie traten an das Feuer. Der weißbärtige Kusma, der inmitten des

Lichtkreises saß, hob seinen Kopf und winkte ihnen freundlich zu.

»Glück gehabt?« fragte er mit dumpfer Baßstimme hinter seinem

herunterhängenden Schnurrbart hervor.

Ssanin, der auf einem großen Kürbis hockte, hob ebenfalls den Kopf und

lächelte ihnen zu.

»Was hat Sie denn hierher verschlagen?« fragte Rjäsanzew.

»Ich und Kusma Prochorowitsch sind alte Freunde,« erklärte Ssanin, sein

Lachen etwas verstärkend.

Kusma zeigte vergnügt die gelben Wurzeln seiner abgenützten Zähne und

klopfte Ssanin fröhlich mit harten unbiegsamen Fingern auf das Knie.

»So, so,« sagte er, »setze dich hierher, Anatoli Pawlowitsch. Und Sie

auch Junker. Wie nennt man Sie denn?«

»Jurii Nikolajewitsch,« gab dieser mit fast zuvorkommendem Lächeln zur

Antwort. Er fühlte sich etwas deplaziert, aber dieser alte Bauer, mit

dem halb russischen, halb ukrainischen Dialekt, gefiel ihm ausnehmend

gut.

»Jurii Nikolajewitsch, gut! So, nun sind wir also Bekannte. Setze dich,

Jurii Nikolajewitsch.«

Jurii und Rjäsanzew ließen sich am Feuer nieder, nachdem sie sich zwei

schwere harte Kürbisse herangewälzt hatten.

»Nun zeigt doch, was ihr geschossen habt,« bat Kusma voll Interesse.

Ein Haufen Enten fiel aus den Jagdtaschen und bedeckten den Boden mit

Blut. Beim flackernden Feuerschein hatten sie ein sonderbares und

unangenehmes Aussehen. Das Blut war wie schwarz und die

zusammengekrampften Krallen schienen sich zu bewegen. Kusma befühlte

einen Enterich unter den Flügeln.

»Fett ist er,« sagte er billigend. »Du solltest mir doch ein Pärchen

hier lassen, Anatoli Pawlowitsch. Wozu brauchst du so viele?«

»Nehmen Sie die meinen alle,« schlug Jurii lebhaft vor, errötete aber

sofort über seinen Eifer.

»Wozu denn alle? Sieh welch ein guter Kerl,« lachte der Greis. »Und ich

möchte nur ein Pärchen, damit jeder was hat.«

Auch die anderen Bauern und Weiber kamen herbei, um die Beute zu sehen.

Aber als Jurii die Blicke vom Feuer weglenkte, konnte er nichts

unterscheiden. In der Dunkelheit schien bald das eine, bald wieder ein

anderes Gesicht, je nachdem es von dem Feuerschein getroffen wurde.

Ssanin blickte stirnrunzelnd auf die getöteten Vögel, rückte etwas

beiseite und stand rasch auf. Es wurde ihm peinlich, auf die toten Tiere

zu sehen, wie sie in Staub und Blut mit zerschmetterten Flügeln

herumlagen. Jurii verfolgte mit Neugierde das Leben um sich her, biß

gierig in die Schnitten der reinen saftigen Wassermelonen, die Kusma mit

einem Taschenmesser mit gelbem Horngriff absäbelte.

»Iß, Jurii Nikolajewitsch, die Wassermelone ist gut. Auch Ihre Schwester

Ludmilla Nikolajewna und den Herrn Papa kenne ich. Iß und sei gesund.«

Jurii gefiel hier alles. Die Ausdünstungen der Bauern, die dem Geruch

frischen Brotes gemischt mit dem von Schafpelzen ähnlich sind, der kecke

Glanz des Feuers und die runden Kürbisse, auf denen er saß, und daß man

Kusmas Gesicht nur sah, wenn er nach unten blickte, während es bis auf

die glänzenden Augen verschwand, sobald er den Kopf hoch richtete. Die

Finsternis schien dicht über den Köpfen zu hängen, so daß sich eine

heitere Freundlichkeit über den beleuchteten Fleck ausbreitete; man

mußte sie erst allmählich durchdringen, bis sich dann plötzlich ein

hoher, majestätisch-ruhiger, dunkler Himmel auftat, an dem sich kleine

Sterne zeigten. Doch hatte er während der ganzen Zeit, ohne daß es ihn

bedrückte, ein peinliches Gefühl; er wußte nicht, worüber er mit den

Bauern sprechen sollte. Die Anderen aber, sowohl Kusma wie Ssanin und

Rjäsanzew, unterhielten sich, ohne erst ein besonderes Thema zu wählen,

so einfach und frei über alles, was ihnen in den Kopf kam, daß Jurii

erstaunte.

»Nun und wie geht es bei Ihnen mit dem Land?« fragte er, als alle für

einen Augenblick schwiegen; dabei fühlte er selbst, daß die Frage

hergeholt und unangebracht erscheinen mußte.

Kusma sah ihn an und antwortete:

»Wir warten immer noch! Vielleicht kommt etwas heraus.« Dann sprach er

wieder über den Gemüsegarten, den Preis der Wassermelonen und seine

persönlichen Verhältnisse.

Man hörte Schritte. Ein kleines Hündchen mit aufgerolltem weichem

Schwanz kam in den Lichtkreis, wedelte, beschnupperte Jurii und

Rjäsanzew und begann sich an Ssanins Knieen zu reiben, der ihm glättend

über das Fell strich. Hinter ihm tauchte ein kleiner Greis mit

struppigem Barte und kleinen Aeuglein auf. In der Hand hielt er ein

verrostetes einläufiges Gewehr.

»Unser Wächter,« sagte Kusma.

Der Greis ließ sich auf dem Boden nieder, legte das Gewehr beiseite und

schaute auf Jurii und Rjäsanzew.

»Von der Jagd, so?« brummelte er und zeigte sein hohles Zahnfleisch.

»Aehä Kusma, es wird Zeit die Kartoffeln zu kochen, ähä.«

Rjäsanzew hob das Gewehr des Alten auf und zeigte es lachend Jurii. Es

war eine schwere, rostbedeckte und mit Drahtfäden umschnürte

Pistonflinte.

»Das ist eine Muskete,« lachte er. »Wie kannst du dich nicht fürchten,

Großväterchen, daraus zu schießen?«

»Jawohl, sieh mal, habe mich auch beinahe totgeschossen. Stepan Schapka

sagte mir, daß man gar nicht Piston zum Schießen braucht, ehe -- ganz

ohne 'n Piston. Er sagt, wo der Schwefel bleibt, da geht's auch ohne 'n

Piston mit dem Schießen. Da leg ich sie mir nun so übers Knie, zieh den

Hahn an, bloß so mit dem Finger und knack, knallt es los. Hat mich

beinah totgeschossen. Ehe, ehe, zieh den Hahn bloß an und schieß. Knack,

knallte es, hat mich beinahe totgeschossen.«

Alle lachten und Jurii traten sogar Tränen in die Augen, so rührte ihn

der Greis mit dem struppigen grauen Bärtchen und dem brummelnden Munde.

Auch der Alte lachte und seine Aeuglein trieften.

»Mich beinahe totgeschossen, ähä.«

Im Dunkel hinter dem Feuerschein hörte man Lachen und Kreischen der

Mädchen, die sich vor den fremden Männern schämten. Einige Schritte

entfernt, gar nicht dort, wo es Jurii erwartete, knirschte Ssanin mit

einem Streichholz, und als ein Flämmchen aufbrannte, sah Jurii seine

ruhigen freundlichen Züge und das frische Gesicht eines Mädchens, das

Ssanin bewundernd ansah.

Rjäsanzew blinzelte ebenfalls nach dieser Seite.

»Großväterchen, du solltest doch auf deine Enkelin aufpassen, nicht?«

»Wozu denn aufpassen?« Der alte Mann machte eine gutmütige Handbewegung.

»Das ist Sache der Jugend.«

»Aehä, ähä,« rief der Alte und holte aus dem Feuer mit bloßer Hand eine

Kohle heraus.

Ssanin lachte lustig aus der Dunkelheit zu ihnen herüber. Aber das

Mädchen war wohl verlegen geworden, denn beide gingen plötzlich fort und

ihre Stimmen waren kaum noch zu vernehmen.

»Nun, es wird Zeit,« sagte Rjäsanzew aufstehend.

»Sorgt euch nicht,« rief freundlich Kusma, und streifte mit seinen Armen

die schwarzen Kernchen der Wassermelonen ab, die an ihren Anzügen kleben

geblieben waren. Er reichte Jurii und Rjäsanzew herzlich die Hand.

Jurii war es wieder peinlich und doch angenehm, seine harten und steifen

Finger zu drücken.

Als sie vom Feuer fortgingen, wurde es heller.

Ueber ihnen glänzten die Sterne und alles schien in wunderbarer

Schönheit und stiller Unendlichkeit dazuliegen. Schwarz hoben sich die

Körper der am Feuer Sitzenden ab. Die Pferde, der Schatten eines Wagens,

ein Haufen Wassermelonen. Jurii stolperte über einen runden Kürbis und

wäre beinahe gefallen.

»Vorsichtig! Na, auf Wiedersehen!« hörte er Ssanin rufen.

»Auf Wiedersehen,« sagte Jurii, sah sich noch einmal um und bemerkte,

daß sich an Ssanins dunkle Gestalt die schlanke Figur eines Mädchens

schmiegte. Sein Herz zog sich zusammen; er empfand einen leisen tiefen

Schmerz. Mit einem Mal kam ihm Karssawina in Erinnerung und

augenblicklich wurde er auf Ssanin ärgerlich.

Wieder rollten die Räder des Wagens über die Steppe. Das gut ausgeruhte

Pferd schnaubte, das Feuer blieb hinter ihnen zurück, das Sprechen und

Lachen brach ab. Jurii hob seine Blicke langsam zum Himmel und sah ein

unendliches Meer von glitzernden Sternen. Sie schwiegen beide während

der ganzen Fahrt. Erst als sich die Lichter und Zäune der Stadt zeigten,

sagte Rjäsanzew:

»Ein Philosoph ist doch dieser Kusma nicht?« Jurii blickte auf seinen

dunklen Nacken und gab sich Mühe, trotz seiner nachdenklichen

traurig-zärtlichen Stimmung, die ihn innerlich von der ganzen Umgebung

abschloß, zu verstehen, was er meinte.

»Ach ja,« antwortete er, doch erst nach einigem Besinnen.

»Ich wußte aber gar nicht, daß Ssanin ein so tüchtiger Kerl ist,« lachte

Rjäsanzew.

Jurii kam endlich wieder zu sich und stellte sich Ssanin und jenes

Mädchengesicht vor, welches ihm wunderbar schön und zärtlich erschienen

war, als er es im Aufleuchten des Streichholzes plötzlich erblickte.

Unbewußt stieg aber gleichzeitig wieder Aerger in ihm auf und da fand er

mit einem Male, daß er Ssanins Verhalten zu diesem Bauernmädchen

verurteilen müsse.

»So? -- -- und ich bemerkte das noch nicht!« erklärte er mit harter

Stimme.

Rjäsanzew verstand seinen Ton gar nicht; er schnalzte mit der Zunge, um

das Pferd anzutreiben, schwieg dann eine Weile und sagte schließlich mit

Nachdruck: »Ein hübsches Mädel, wie. Ich kenne sie, das ist die Enkelin

des Alten!«

Jurii erwiderte nichts. Der gutmütige heiter nachdenkliche Eindruck des

heutigen Abends glitt rasch von ihm ab, der frühere Jurii schob sich

wieder vor und sah bereits klar und bestimmt, daß Ssanin ein schlechter

und banaler Mensch sei.

Rjäsanzew zuckte endlich komisch mit Kopf und Schultern und räusperte

sich entschlossen. »Weiß der Teufel, diese Nacht, die ist selbst mir in

die Glieder gefahren. Was meinen Sie, wollen wir nicht mal rüber

fahren?« Jurii verstand ihn nicht gleich.

»Da gibt es ein paar hübsche Mädel. Fahren wir hin, was? ...« fuhr

Rjäsanzew mit kichernder Stimme fort. Dichte Röte stieg Jurii ins

Gesicht. Der lang unterdrückte Instinkt regte sich in ihm mit tierischer

Gier; bange neugierige Phantasien durchzogen sein entflammtes Hirn. Doch

sofort gelang es ihm sich zu bezwingen und er erwiderte trocken: »Nein,

es ist Zeit nach Hause zu fahren«; und dann fügte er, schon boshaft,

hinzu: »Ljalja erwartet uns.«

Rjäsanzew schrumpfte mit einem Schlag zusammen, als wenn er im

Augenblick kleiner geworden wäre.

»Na ja, -- -- übrigens scheint es in der Tat an der Zeit ...« murmelte

er eilig.

Jurii preßte vor Grimm und Ekel die Zähne zusammen und starrte

haßerfüllt auf den Rücken mit dem festgespannten Rock. Erst nach einer

Weile sagte er:

»Ich bin überhaupt kein Freund derartiger Abenteuer.«

»Nun ja,« lachte Rjäsanzew feige und feindlich. Dann blieb er still.

-- -- -- Teufel, dachte er für sich, das habe ich recht ungeschickt

herausgebracht. Sie fuhren im Schweigen nach Hause, der Weg kam beiden

unendlich lang vor.

»Treten Sie ein?« Jurii blickte während der Frage glatt an Rjäsanzew

vorbei.

»Nein, wissen Sie, ich habe einen Kranken ... es ist auch spät,«

erwiderte dieser unentschlossen.

Jurii stieg vom Wagen; es war ihm unangenehm, die Flinte und das Wild

mitzunehmen. Alles was Rjäsanzew gehörte, erschien ihm jetzt

widerwärtig. Doch dieser fragte aufmerksam: »Und die Flinte?«

Gegen seinen Willen kehrte Jurii wieder um, griff mit Abscheu zu der

Flinte und den Enten, reichte Rjäsanzew ungeschickt die Hand und ging

ins Haus. Rjäsanzew fuhr die erste Minute ganz ruhig weiter. Mit einem

Mal polterten aber die Räder rasch in eine Nebengasse nach der

entgegengesetzten Seite hin. Jurii lauschte mit Haß, in dem unbewußter

Neid und geheime Wünsche steckten, bis das letzte Geräusch verhallt war.

»Dieser Plattkopf,« murmelte er; -- es tat ihm um Ljalja leid.

Ssanin: Roman · 第 34 / 97 题