Ihre Stimme klang leicht und rein, aber voller Leidenschaft, durch die
abendliche Luft.
Jurii saß still und wagte kaum zu atmen; er schaute auf sie, ohne die
Augen von ihr einen Augenblick abzuwenden.
Sie fühlte seinen Blick, schloß ihre Augen, dehnte die Brust noch höher;
ihr Gesang wurde immer schöner und kräftiger. Es schien, daß alles
einhielte und lausche. Und Jurii kam die scheinbare, geheimnisvolle und
gespannte Stille in den Sinn, die plötzlich eintritt, sobald eine
Nachtigall zu schlagen anhebt.
Als sie mit einem hohen, silbernen Ton abbrach, wurde alles noch
stiller. Die Abendröte war vollends erloschen, und der Himmel
verdunkelte mehr und mehr.
Kaum sichtbar, kaum hörbar begannen sich die Blätter zu bewegen, das
Gras zu schwanken, und durch die Lüfte schwebend, zog ein zarter und
duftiger Laut, wie ein Seufzer, von der Wiese herüber und zerrann im
Garten.
Karssawina wandte sich mit Augen, die im Dunkel blitzten, zu Jurii:
»Warum schweigen Sie?«
»Zu schön ist es hier.« Jurii flüsterte es leise und zog wieder an dem
tautriefenden Zweig.
»Ja, sehr schön,« rief sie träumerisch, »es ist überhaupt schön, auf der
Welt zu sein,« fügte sie, nach kurzem Schweigen, hinzu.
In Jurii stieg ein leidiges Gefühl empor, nahm aber keine greifbaren
Formen an und verschwand sofort wieder. Einmal ertönten plötzlich hinter
der Wiese zwei schrille Pfiffe, doch gleich fiel alles wieder in die
zitternde Ruhe zurück.
»Gefällt Ihnen Schawrow?« fragte unerwartet Karssawina und lachte selbst
über das Plötzliche ihrer Frage.
In Juriis Brust regte sich eine eifersüchtige Stimmung, doch er zwang
sich selbst zu einer ernsten Antwort.
»Er ist ein guter Bursche. Mit welchem Enthusiasmus gibt er sich seiner
Ueberzeugung hin.«
Jurii schwieg. Auf der Wiese erhob sich ein leichter, weißlicher Nebel,
und selbst das Gras nahm unter dem Tau einen weißen Schimmer an.
»Es wird feucht,« sagte Karssawina, sich schnell erhebend. Unwillkürlich
blickte Jurii auf ihre runden weichen Schultern; er wurde verlegen. Sie
fing seinen Blick auf und geriet ebenfalls in Verwirrung, obgleich ihr
angenehm und froh zumute war.
»Gehen wir!« Und sie schritten mit innerem Bedauern auf dem schmalen
Pfad zurück, hin und wieder streiften sie sich mit den Körpern.
Der Garten blieb leer und schwarz hinter ihnen, und als Jurii sich
umsah, setzte sich der Gedanke in ihm fest, daß dort jetzt ein ganz
neues Leben erwachen müsse; -- allen verborgen, allen ein Geheimnis.
Zwischen den niedrigen Bäumen, über dem taubedeckten Rasen werden
Schatten hingleiten. Die Dämmerung wird sich verdichten und die Stille
muß beginnen, mit matter Stimme leise Worte zu murmeln.
Er erzählte ihr die Phantasie. Das Mädchen schaute sich um, blickte
lange in den Garten mit Augen, die nachdenklich und tief geworden waren.
Und Jurii dachte: Wenn sie plötzlich die Kleider von sich würfe und in
fröhlicher, glücklicher Nacktheit hinein in das grüne Dickicht liefe,
dann wäre das gar nicht sonderbar, -- nur wundervoll und natürlich. Und
es würde das grüne Leben des Gartens nicht stören, sondern ergänzen,
ausfüllen und erhöhen.
Jurii verlangte es, ihr auch diesen Gedanken mitzuteilen, er wagte es
aber nicht und sprach wieder von verschiedenen Referaten und der
allgemeinen Volksbewegung. Das Gespräch stockte bald und versiegte, als
ob sie nicht von dem sprachen, was ihnen das Nächste gewesen wäre. So
gingen sie lächelnd bis zur Pforte und streiften mit ihren Schultern die
nassen, triefenden Büsche. Ihnen schien alles ins Schweigen zu
versinken, ebenso nachdenklich und im gleichen Glück wie sie selbst.
Im Hofe war es wie vorher still und leer. Nur das weiße Häuschen sah mit
seinen offenen Fenstern schwarz zu ihnen herüber. Doch die Pforte nach
der Straße zu stand offen, und aus dem Zimmer hörte man Schritte und
Poltern, als würde das Schubfach einer Kommode mit Gewalt aufgerissen.
»Ah, Ola ist gekommen,« rief Karssawina.
»Sina, bist du da,« fragte Dubowa vom Zimmer her. Ihrer Stimme merkten
beide sogleich an, daß etwas Schlimmes vorgefallen war. Dubowa trat auf
die Treppe hinaus, blaß und fassungslos. »Wo steckst du? Ich suchte
dich, Semionow stirbt!« rief sie keuchend und sich überstürzend.
»Was,« fragte Karssawina entsetzt und lief auf sie zu.
»Ja, er stirbt. Er hat einen Blutsturz gehabt. Anatoli Pawlowitsch
meint, daß es zu Ende geht. Wir haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Und
wie eigentümlich und unerwartet. Wir saßen bei Ratows und tranken Tee.
Er war so lustig, stritt sich mit Nowikow herum, und dann hustete er
plötzlich, stand auf, schwankte, und Blut stürzte, stürzte -- so --
einfach -- direkt aufs Tischtuch, -- in den Teller mit Eingemachtem
hinein. Dicht, schwarz -- -- --«
»Und wie? Er -- weiß er ...,« fragte mit brennender Neugierde Jurii, dem
in diesem Augenblick die Mondnacht, die schwarzen Schatten, und die
aufgeregte, traurige Schwäche jener Stimme einfiel: -- -- -- Und Sie
werden noch leben, werden an meinem Grabe vorbeigehen, irgend eines
Bedürfnisses wegen stehen bleiben und ich -- -- -- --
»Er scheint es zu wissen,« unterbrach Dubowa, mit nervösem Zucken ihrer
Arme, seine Gedanken. »Er sah uns alle an und fragte: >Was bedeutet das?
...< Und dann bebte er am ganzen Körper und sagte noch: >Schon? ...<
Ach, wie abscheulich und furchtbar das ist.«
Alle schwiegen. Nun wurde es ganz still und trotzdem die Luft ebenso
durchsichtig und klar wie früher war, kam es ihnen vor, als wäre die
ganze Welt plötzlich mit einer dunklen Decke überzogen worden.
»Eine entsetzliche Sache -- der Tod,« sagte Jurii und erblaßte.
Dubowa seufzte und senkte die Blicke zu Boden, Karssawina bebte das
Kinn; sie lächelte schuldbewußt und bedauernswert. Sie konnte das
niederdrückende Gefühl der anderen nicht ertragen, weil ihr ganzes Wesen
von Leben erfüllt war. Es ließ nicht zu, daß sie sich den Tod
vergegenwärtigte. Sie konnte sich kaum vorstellen, daß jetzt, wo sie ein
so prächtiger Sommerabend umgab und alles in ihr voll Glück und Freuden
schwankte, ein Mensch leiden und sterben sollte.
Ihre Empfindungen waren nur natürlich; aber ihr schien, daß sie schlecht
seien. Sie schämte sich ihrer; unbewußt bemühte sie sich, sie zu
unterdrücken und an ihrer Statt bessere hervorzurufen. Mehr als Jurii
und Dubowa drückte sie deshalb jetzt in ihrer Frage Teilnahme und
Schrecken aus:
»Ach der Arme, wie geht es ihm?« Sie wollte sich noch weiter erkundigen:
... wird er bald sterben; aber sie stockte bei diesem Wort und richtete
an Dubowa, während sie sich an sie klammerte, leere Fragen ohne Sinn und
Nutzen ...
»Anatoli Pawlowitsch meinte, daß es mit ihm heute Nacht oder morgen früh
zu Ende gehen wird,« entgegnete diese dumpf.
Karssawina sprach scheu und leise: »Wollen wir zu ihm gehen? ... Oder
vielleicht nicht? Ich weiß garnicht ...«
Und vor allen tauchte plötzlich die gleiche Frage auf: -- -- -- Darf man
dorthin gehen und zusehen, wie dieser Semionow stirbt, und würde es gut
oder schlecht sein ...
Jurii zuckte unentschlossen die Achseln, sagte aber schließlich: »Gehen
wir wirklich hin. Wir werden vielleicht nicht eintreten dürfen, aber
möglicherweise ...«
»Vielleicht will er sogar jemanden sehen.« Dubowa willigte erleichtert
ein und auch Karssawina sagte entschlossen: »So gehen wir.«
»Schawrow und Nowikow sind dort,« fügte Dubowa wie zur Rechtfertigung
hinzu.
Karssawina lief schnell ins Haus, um ihr Jackett zu holen, dann
schritten alle drei düster und traurig durch die Stadt nach dem grauen,
schlecht abgeputzten, dreistöckigen Gebäude, in dem sich das Krankenhaus
befand und wo Semionow jetzt sterben mußte.
In den Korridoren mit niedrigen, hallenden Decken war es düster; es roch
scharf nach einem Gemisch von Karbol und Jodoform.
Als sie an dem Irrenabteil vorbeikamen, vernahmen sie eine sonderbar
gespannte Stimme schnell und böse sprechen; als dann niemand zu sehen
war, überlief sie eine bange Empfindung. Erschrocken sahen sie nach dem
kleinen quadratischen Fensterchen hin. Doch gleich darauf begegnete
ihnen im Korridor ein alter Bauer mit weißem Vollbart, der in seiner
Dichtigkeit einem gewebten Brusttuch ähnlich sah, und einer großen
weißen Schürze; höflich scharrend zog er seine schweren Füße an.
»Wohin wünschen Sie?«
»Hier wurde ein Student hergebracht, Semionow. Heute!« sagte Dubowa.
»Auf der sechsten Station. Bitte, oben! --«
Man hörte, wie er fortgehend laut auf den Boden spuckte und wiederum mit
den Füßen scharrte.
Oben war es heller und sauberer, und die Decken waren ungewölbt. Die Tür
des Kabinetts, an dem ein Schild mit der Aufschrift: Diensttuender Arzt!
angeschlagen war, stand offen. Dort brannte die Lampe; jemand klirrte
mit Glasflaschen.
Jurii blickte hinein und rief etwas. Das Klirren der Fläschchen hörte
auf und Rjäsanzew kam heraus, frisch und heiter, wie immer, offenbar an
die Umgebung, die die Anderen bedrückte, gewöhnt.
»Ah! Heute habe ich Dienst! Guten Abend, meine Herrschaften.« Aber
sogleich zog er die Augenbrauen in die Höhe und fuhr mit völlig
veränderter, trauriger und bedeutungsvoller Stimme fort:
»Ich glaube, er ist schon ohne Bewußtsein. Gehen wir zu ihm. Dort ist
Nowikow und die anderen.« Und während sie einer nach dem anderen den
übermäßig sauberen Korridor an großen weißen Türen mit schwarzen
Nummerschildern vorbeigingen, sprach Rjäsanzew leise weiter:
»Man hat schon nach dem Geistlichen geschickt. Es ist ganz erstaunlich,
wie schnell es ihn klein gekriegt hat. Ich habe mich selbst gewundert.
Dazu hat er sich in der letzten Zeit in einem fort erkältet, und das war
in seiner Lage gewagt. So, hier liegt er.«
Rjäsanzew öffnete eine hohe weiße Tür und trat hinein. Die anderen
drängten sich in den Türrahmen und stießen sich gegenseitig an, als sie
hinter ihm hergingen.
Die Station war groß und sauber. Vier Betten waren leer und sorgfältig
mit rauhen, grünen Decken, durch die gerade weiße Falten liefen,
zugedeckt. Sie erinnerten an Särge. Auf dem einen saß ein kleiner,
zusammengeschrumpfter Greis im Bauernkaftan, der sich erschrocken nach
den Eingetretenen wie auch nach dem sechsten Bett umsah, wo unter einer
ebenso harten Decke Semionow lag. Neben ihm hockte Nowikow
vornübergebeugt auf dem Stuhl; am Fenster standen Iwanow und Schawrow.
Alle fanden es sonderbar und unpassend, daß sie sich in Gegenwart des
sterbenden Semionow begrüßen mußten und sich die Hände drückten. Aber
merkwürdigerweise schien es ihnen ebenso unrichtig, es zu unterlassen,
als würden sie dadurch die Nähe des Todes besonders betonen.
Daraus ergab sich eine allgemeine Konfusion; einige von ihnen grüßten
sich; andere nicht. Jeder blieb dort stehen, wo er gerade stand, und
blickte mit scheuer und banger Neugierde auf Semionow.
Semionow atmete schwer und selten. Er war garnicht mehr jenem Semionow
ähnlich, der ihnen allen bekannt war, sah überhaupt kaum noch einem
Lebenden ähnlich. Obgleich ihm dieselben Gesichtszüge wie im Leben,
dieselben Glieder, wie allen anderen Menschen, geblieben waren, hatten
sie doch den Eindruck, daß sich seine Mienen irgendwie furchtbar und
unverrückbar verändert hätten. Das, was die Körper Anderer belebt und so
selbstverständlich bewegt, schien für ihn nicht mehr vorhanden zu sein.
Irgendwo in der Tiefe seines grauenhaft regungslosen Körpers vollzog
sich eilig ein entsetzenerregender Vorgang, als tastete er jetzt schon
nach einer neuen, unabwendbaren Arbeit.
Sein ganzes Leben hatte sich in die Tiefe verkrochen, um dieser Arbeit
mit einer intensiven, unerklärlichen Aufmerksamkeit lauschen zu können.
Die Lampe, welche inmitten der Zimmerdecke hing, beleuchtete mit greller
Schärfe seine unbeweglichen Gesichtszüge, die nichts mehr sahen, nichts
hörten.
Alle standen schweigend da und schauten, ohne die Augen abzuwenden, auf
ihn; sie hielten den Atem ein in der Furcht, den großartigen Prozeß zu
stören.
Und in dieser Stille war nur mit schrecklicher Deutlichkeit das
verkrüppelte, pfeifende Atmen Semionows vernehmbar.
Die Tür öffnete sich, und trippelnde Greisenschritte klappten auf dem
Boden.
Ein alter dicker Pope kam mit dem Küster, einem mageren und schwarzen
Menschen; hinter ihnen ging leicht und ruhig Ssanin.
Der Pope grüßte höflich die Aerzte und verneigte sich dann, ebenso
zuvorkommend vor den anderen. Sie antworteten ihm alle gleichzeitig,
übertrieben den Gruß eilig und überhöflich; dann fielen sie sofort
wieder in ihre Erstarrung zurück.
Ssanin setzte sich, ohne ein Wort, aufs Fensterbrett und sah neugierig
auf Semionow und die Anwesenden; man merkte ihm deutlich den Wunsch an,
das, was er und sie empfanden und dachten bis ins Einzelne zu begreifen.
Der Sterbende atmete in gleicher Weise fort und bewegte sich nicht.
»Kein Bewußtsein?« fragte weich der Geistliche, ohne sich aber mit
seiner Frage an einen von ihnen direkt zu wenden.
»Ja,« beeilte sich Nowikow zu antworten.
Der Pope ließ irgend einen unbestimmten Laut vernehmen; wendete sich
aber, als er nichts weiter hörte, um, stellte das Kreuz zurecht, legte
die Stola an und begann mit dünnem, süßlichem Tenor und vertieftem
Ausdruck herunter zu lesen, was zum Tode eines Menschen orthodoxen
Glaubens gehört. Vom Küster her ertönten heisere, unangenehme Baßlaute,
und diese beiden Stimmen, die nicht zusammen paßten, gingen fortgesetzt
auseinander und verklangen in ihrer Dissonanz seltsam und traurig an der
hohen Decke.
Als der scharfe, laute Klagegesang erscholl, sahen alle mit
unwillkürlichem Schrecken auf das Gesicht des Sterbenden. Nowikow, der
näher als die anderen stand, fiel es auf, daß Semionows Lider ein wenig
erzitterten und daß sich auch seine blicklosen Augen kaum merklich nach
der Seite wandten, woher die Stimmen ertönten. Aber für die anderen
blieb Semionow genau so sonderbar unbeweglich, wie vorher.
Karssawina weinte gleich bei dem ersten Laut still und klagend vor sich
hin, ohne die Tränen, die über ihr junges schönes Gesicht rollten,
abzutrocknen. Alle blickten hoch, und auch Dubowa begann zu weinen;
selbst die Männer fühlten Tränen in ihre Augen steigen und bissen die
Zähne zusammen, um sie zurückzuhalten. Immer, wenn sich der Gesang der
Priester verstärkte, weinten die Mädchen heftiger. Dann runzelte Ssanin
jedesmal bei dem Gedanken die Stirn, wie unerträglich dieser Gesang, der
auch auf gesunde Menschen, die dem Tode fernstanden, schwer einwirkte,
erst für Semionow sein müßte, wenn er ihn höre.
»Machen Sie es doch leiser ab,« sagte er zornig zum Pfarrer. Dieser
neigte erst liebenswürdig das Ohr, aber sobald er die Worte verstanden
hatte, zog er die Brauen zusammen und sang noch lauter. Der Küster
blickte sich strenge nach Ssanin um und auch die anderen sahen sich
erschrocken an, als ob er eine Unanständigkeit gesagt hätte.
Ssanin winkte die stummen Vorwürfe mit einer verdrießlichen Handbewegung
ab und schwieg still.
Als die Zeremonie beendet war und der Pfarrer das Kreuz wieder in die
Stola gewickelt hatte, wurde es noch schwüler. Semionow lag unbeweglich
wie vorher.
Und plötzlich begann sich in ihnen allen ein entsetzliches Gefühl, das
keiner überwinden konnte, zu regen: Sie wünschten, daß dieser ganze
Vorgang endlich zu Ende gehe und Semionow schneller sterbe. Trotzdem
sich dieses Gefühl immer deutlicher in ihnen festsetzte, gaben sie sich
voll Angst und Scham alle Mühe, es zu unterdrücken und zu verbergen; sie
wagten es nicht, sich einander anzublicken.
»Ginge es doch nur schneller,« meinte endlich Ssanin leise, »welche
schwere Geschichte.«
»Tja,« rief Iwanow.
Beide sprachen still zusammen; es war ganz klar, daß Semionow nichts
mehr hören konnte. Und doch schauten sich die Andern entrüstet nach
ihnen um.
Schawrow wollte etwas bemerken, aber gerade in diesem Augenblick brach
ein neuer, unsagbar kläglicher Laut hervor, der alle krankhaft erzittern
ließ.
Fffft -- seufzte Semionow und begann dann, als wenn er endlich das
gefunden hätte, was allein ihm nötig war, dieses langgezogene Stöhnen
ohne Einhalt zu wiederholen; nur manchmal wurde es durch ein heiseres,
beschwertes Atmen unterbrochen.
Zuerst hatten die Umstehenden nicht fassen können, um was es sich
handele, aber gleich darauf setzte das Weinen Dubowas und Karssawinas
wieder stärker ein, und auch Nowikow stürzten die Tränen aus dem Auge.
Der Pfarrer begann langsam und feierlich die Sündenvergebung zu lesen.
Auf seinem gedunsenen, rührseligen Gesicht drückte sich sentimentale
Teilnahme und erhabene Trauer aus. Einige Minuten vergingen. Plötzlich
wurde Semionow still.
»Ausgelebt,« murmelte der Pfarrer.
Aber im selben Augenblick versuchte Semionow langsam und mit Anstrengung
die zusammengeklebten Lippen zu bewegen; sein Gesicht verzerrte sich wie
zu einem Lächeln. Gleich darauf vernahmen Alle eine dumpfe, unglaublich
schwache und ergreifende Stimme, die sich von irgend woher aus der Tiefe
seiner Brust wie unter einem Sargdeckel hervor quetschen mußte. Und
diese Stimme sagte:
»Ein kompletter Lump.«
Die Augen Semionows waren dabei starr auf den Popen gerichtet. Dann
erzitterte er, riß die Augen mit dem Ausdruck eines wahnsinnigen
Schreckens noch weiter auf und reckte sich. Alle hörten seine Worte,
doch keiner bewegte sich. Allein von dem feucht gewordenen, geröteten
Antlitz des Popen schwand in einem Augenblick der Ausdruck erhabener
Trauer. Aengstlich sah er sich um, doch niemand beachtete ihn; allein
Ssanin lächelte ihm interessiert zu.
Semionow bewegte sich, doch kein Laut drang hervor, und nur die eine
Seite seines dünnen, hellen Schnurrbarts senkte sich. Dann streckte er
sich wieder; wurde dadurch noch ausgezogener und grauenhafter. Aber
plötzlich gab es keinen Laut, keine Bewegung mehr.
Jetzt weinte auch niemand. Das Nahen des Todes war furchtbarer und
trauriger als sein Erscheinen. Ja, es kam ihnen jetzt sogar sonderbar
vor, daß diese feierliche und qualvolle Geschichte so einfach und
schnell beendet war. Sie standen noch eine Weile um das Bett und
schauten in das scharf gewordene, zugespitzte Gesicht des Toten, als
wenn sie noch etwas erwarteten, und bemühten sich auch, Entsetzen und
Mitleid in sich hervorzurufen; mit gespannter Aufmerksamkeit sahen sie
zu, wie Nowikow ihm die Augen zudrückte und seine Hände auf der Brust
faltete. Dann begannen sie fortzugehen; zurückhaltend, mit den Füßen
scharrend. Im Korridor brannte die Lampe, und hier sah es so gleichmäßig
und gemütlich aus, daß alle befreit aufatmeten.
Voran schritt der Pope. Er machte häufige, kleine Schritte, und in dem
Wunsch, bei der Jugend einen guten Eindruck hervorzurufen oder irgend
eine Liebenswürdigkeit zu sagen, seufzte er tief auf und sprach weich:
»Es ist schade um den jungen Mann. Um so mehr, als er augenscheinlich
als ein unbereuter ... Aber, Gottes Barmherzigkeit, nicht wahr.«
»Ja, gewiß,« antwortete aus Höflichkeit Schawrow, der ihm am nächsten
ging.
»Hat er Familie?« fragte der Pope, zuversichtlich werdend.
»Ich weiß wirklich nicht,« gab Schawrow zur Antwort.
Bei dieser Antwort schauten sich alle an; sie fanden es selber sonderbar
und unschön, daß keiner von ihnen wußte, ob Semionow Familie habe und wo
sie lebe.
»Eine Schwester von ihm besucht irgendwo das Gymnasium,« bemerkte
Karssawina.
»So, nun adieu,« sagte der Pfarrer, indem er mit weichen Fingern seinen
Hut lüftete.
»Adieu,« antworteten alle gleichzeitig.
Als sie auf die Straße traten, atmeten sie erleichtert auf und blieben
stehen.
»Nun, wohin jetzt,« fragte Schawrow.
Zuerst bewegten sie sich unentschlossen auf dem Platz hin und her, dann
begannen sie sich, wie auf Verabredung, plötzlich zu verabschieden und
nach allen Seiten auseinander zu gehen.