VI

Die draußen Gebliebenen hatten eine ganze Zeit vor der Höhle gestanden

und über Jurii und Karssawina gescherzt; dann zerstreuten sie sich am

Ufer.

Die Männer zündeten sich ihre Zigaretten an, warfen die Streichhölzer

ins Wasser und beobachteten nachlässig, wie der Rauch breite, glatte

Kreise zog. Im Grase schritt Lyda leise singend hin und her und machte,

die Finger um die Taille legend, halb unbewußt einige Pas mit ihren

niedlichen Füßchen. Ljalja pflückte Blumen und warf sie dann Rjäsanzew

zu; er fühlte, wie ihn ihre Augen küßten.

»Trinken wir doch lieber was,« sagte Iwanow zu Ssanin.

»Das ist eine gute Idee,« meinte dieser entzückt. »Gehen wir.«

Sie stiegen zum Boot hinunter, öffneten die Bierflaschen und machten es

sich bequem.

»Ihr gewissenlosen Säufer!« rief Ljalja, und warf ein Bündel Gras, das

sie rasch am Ufer ausgerissen hatte, auf sie hinab.

»Im Gegenteil, das ist vorzüglich!« schrie Iwanow. Und scherzend fuhr er

fort: »Ich kann es durchaus nicht begreifen, warum die Menschen gegen

den Alkohol ankämpfen. Meiner Meinung nach lebt überhaupt nur der

Betrunkene so, wie es sich gehört.«

»Oder wie ein Tier,« ließ sich Nowikow vom Ufer her vernehmen.

»Und doch, -- -- nur der Betrunkene tut, was er will,« rief Ssanin zu

ihm herauf. »Er möchte singen, gut, er singt; will er tanzen, tanzt er;

kurz, er schämt sich seiner Freude und Heiterkeit durchaus nicht.«

»Manchmal prügelt er sich auch, oder prügelt andere,« bemerkte trocken

Rjäsanzew.

»Kommt auch vor! Aber das ist's eben, die Leute verstehen nicht, zu

trinken; sie werden gleich gehässig.«

»Und du schlägst dich im betrunkenen Zustande nicht?«

»Nein,« meinte Ssanin. »Eher im nüchternen. Im Rausch bin ich der beste

Kerl von der Welt, wahrscheinlich, weil ich viele Gemeinheiten

vergesse.«

»Nicht alle Menschen haben einen so liebenswürdigen Charakter,« warf

Rjäsanzew ein. »Die meisten wirklich nicht.«

»Und wenn schon -- was geht mich das an?« Mit seinem frohen Lächeln

führte Ssanin das Glas zum Mund.

»Nein, man darf nicht so sprechen, wie du,« erklärte Nowikow scharf.

»Warum denn nicht? ... Und wenn es doch einmal die Wahrheit ist? ...«

»Eine schöne Wahrheit,« Ljalja schlug vor Schreck die Hände zusammen.

»Die beste und schönste, die ich kenne,« erwiderte Iwanow für Ssanin.

Lyda, die bis dahin laut gesungen hatte, brach das Gespräch verdrießlich

ab. Sie versuchte es auf ein anderes Thema zu lenken.

»Die beiden Herrschaften beeilen sich auch nicht.«

»Wozu hätten sie es nötig? ...« warf Iwanow hin. »Man soll sich

überhaupt niemals beeilen.«

»Und dann die Heldin ohne Furcht, -- -- und natürlich ohne Tadel!«

bemerkte Lyda in sarkastischem Ton.

Tanarow platzte mit lautem Lachen heraus, weil diese letzten Worte grade

seine eigenen Gedanken kreuzten; doch sofort wurde er verlegen. Lyda

blickte auf ihn, umfaßte wieder ihre Taille und wiegte sich elastisch

hin und her.

»Vielleicht sind sie dort sehr vergnügt,« fügte sie hinzu und zuckte die

Achseln.

»Sssst,« unterbrach sie Rjäsanzew. Ein dumpfes Grollen ertönte aus dem

schwarzen Loch.

»Ein Schuß,« rief Nowikow.

»Was bedeutet das? ...« fragte Ljalja mit ängstlicher Stimme und

klammerte sich an den Aermel ihres Bräutigams.

»Aengstige dich nicht! Sollte es auch ein Wolf sein, so sind sie doch um

diese Zeit nicht gefährlich.« Rjäsanzew suchte sie zu beruhigen,

innerlich auf Jurii und seinen kindischen Einfall ärgerlich.

»Und über zwei Menschen werden sie gewiß nicht herfallen,« brummte

Iwanow gleichgültig.

»Eh, um Gotteswillen!« Schawrow, der junge Student war ganz außer sich.

Lyda empfand diese Aufregung als eine unberechtigte Störung.

»Aber sie werden ja schon kommen,« sagte sie und schürzte verächtlich

die Lippen.

Da tauchten mit einem Mal Jurii und Karssawina aus der Finsternis auf.

Er verlöschte die Kerze und lächelte allen liebenswürdig und

unentschieden zu, weil er noch nicht wußte, wie sie sich zu seinem

Einfall verhielten.

Er war von oben bis unten mit gelbem Lehm befleckt und auch die Schulter

Karssawinas, mit der sie die Wand gestreift hatte, war beschmutzt.

»Nun, was war? ...« fragte gleichgültig Semionow, der sich die ganze

Zeit über scheinbar um nichts gekümmert hatte.

»Ziemlich originell und ganz hübsch,« gab Jurii unentschlossen, wie um

sich zu rechtfertigen, zur Antwort. »Nur reichen die Gänge nicht weit

hinein. Aber irgend ein Holzgestell fault da seinem Ende entgegen.«

»Und haben Sie den Schuß gehört?« fragte lebhaft und mit den Augen

blinkend Karssawina.

»Wozu die Heldentaten berichten? ... Meine Herrschaften, das ganze Bier

ist schon ausgetrunken und unsere Seelen sind also in genügendem Maße

erquickt worden. Fahren wir los!« schrie Iwanow.

Als das Boot wieder die Mitte des Flusses erreichte, war der Mond schon

aufgegangen. Die Luft war wunderbar still und durchsichtig. Im Himmel

und im Wasser, über und unter ihnen, prangten, goldenen Feuerhäufchen

gleich, die Sterne, und es schien, daß das Boot zwischen zwei

unendlichen, erleuchteten Lufttiefen dahinglitt.

Der Wald an den Uferseiten und sein Schatten, der nicht bis in das

Wasser fiel, war düster und geheimnisvoll. Eine Nachtigall begann zu

schlagen. Und wenn alle schwiegen, so war es, als ob nicht ein Vogel

sänge, sondern irgendein vernunftbegabtes, in seinem Glücke

nachdenkliches Wesen.

»Wie schön,« sagte Ljalja, die Augen hebend und legte ihren Kopf auf die

runde Schulter Karssawinas, deren Wärme sie durchdrang.

Dann schwieg man wieder lange und lauschte. Das Schlagen der Nachtigall

erfüllte den Wald, hallte trillernd über den tiefsinnigen Strom und zog

über die Wiesen dahin, wo lauschig Gräser und Blumen in den

monddurchleuchteten Nebel starrten.

»Wovon singt sie?« fragte Ljalja wieder. Wie unbeabsichtigt fiel ihr Arm

mit der Handfläche nach unten auf die Kniee Rjäsanzews. Sie fühlte, wie

dieses harte, starke Knie unter ihrer zarten Hand erbebte, und sie wurde

froh und erschrak gleichzeitig über diese Bewegung.

»Von der Liebe natürlich!« erwiderte halb scherzhaft, halb im Ernst

Rjäsanzew; er bedeckte sachte Ljaljas Hand, die vertrauensvoll auf

seinem Knie lag, mit der seinen.

»In einer solchen Nacht möchte man nicht über Gutes, nicht über Böses

nachdenken,« sprach Lyda vor sich hin und gab damit nur ihren eigenen

Gedanken lauten Ausdruck. Sie dachte daran, ob sie gut oder schlecht

handle, das bange und verlockende Spiel mit Sarudin zu genießen. Als sie

auf sein Gesicht blickte, das im Mondenschein noch hübscher und

mannhafter erschien, fühlte sie plötzlich die gleiche bekannte, süße

Schwäche, die bange Willenlosigkeit ihr ganzes Wesen durchfluten und mit

sich fortreißen.

»Sondern über etwas ganz anderes,« setzte Iwanow ihre Gedanken fort.

Ssanin lächelte zu diesen Worten, wendete aber seine Augen nicht von der

Brust und dem weißen, im Mondenschein schimmernden Halse Karssawinas,

die ihm gegenübersaß. Auf den ovalen Ausschnitt ihres Kleides fiel

plötzlich ein dunkler Schatten von einer der vorspringenden Uferstellen

her; sobald jedoch das Boot, immer den glänzenden Silberstreifen hinter

sich, wieder über beleuchtete Wellen glitt, kam es Ssanin vor, als ob

dieser Ausschnitt heller, weiter und freier geworden wäre.

Karssawina warf ihren breiten Strohhut beiseite, und während sie ihre

Brust noch höher hob, begann sie zu singen; ihre Stimme war hübsch und

klar, wenn auch nicht groß.

Es war ein kleinrussisches Volkslied, so weich und traurig, wie all

diese Lieder.

»Aeußerst gefühlvoll,« murmelte Iwanow gähnend.

»Es ist schön,« sagte Ssanin.

Als Karssawina endete, klatschten alle Beifall; es schallte scharf in

den dunklen Wald hinein und den Fluß hinab.

»Singe noch Sinotschka!« bat Ljalja »oder, besser, trage deine eigenen

Gedichte vor.«

»Sind Sie etwa auch Dichterin? ... Welche Menge von Talenten kann doch

der liebe Gott einem einzigen Menschen zukommen lassen, wenn er es gut

mit ihm meint!«

»Ist das denn schlimm? ...« Aus Karssawinas Frage klang ein verlegenes

Scherzen.

»Nein im Gegenteil, es ist sehr gut,« sagte Ssanin mit ehrlicher

Bewunderung.

»Wenn, sagen wir, das betreffende Mädchen nebenbei jung und schön ist,

so kann es nichts schaden,« stimmte ihm Iwanow bei.

»Trage doch vor, Sinotschka,« bat Ljalja ganz zärtlich und voll Liebe.

Karssawina blickte verlegen lächelnd über das Wasser und begann, ohne

sich zu zieren, mit derselben lauten und klaren Stimme.

Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissen

Wie mich mein Herz dir entgegentreibt;

Will meine träumenden Augen verschließen,

Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.

Niemand auf Erden soll es erraten,

Nur Tage der Trauer haben's gekannt,

Nur schweigende Nächte durften es ahnen,

Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.

Und nur die zitternden, blinkenden Netze

Der Zweige, die stillen Märchen gelauscht.

Wissen's und werden's doch nimmer verraten,

Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.

Alle gerieten wieder in Entzücken und klatschten voller Begeisterung

Beifall; nicht, weil sie dieses Gedicht so gut fanden, sondern weil sie

sich alle selbst gut und frei fühlten und nach Liebe, Glück und

Sehnsucht verlangten.

Man schwieg, man sah über das Wasser, lächelte vor sich hin.

Plötzlich rief Iwanow so laut und in so tiefem Baß, daß alle erschreckt

zusammenfuhren:

»Nacht, ... Tag ... und Sinaida Pawlownas Augen! ... Seid großmütig und

teilt mir mit, ob ich nicht dieser Glücksvogel bin.«

»Das kannst du auch von mir zu hören bekommen,« erwiderte Ssanin. »Du

gewiß nicht.«

»Oh, weh mir,« heulte Iwanow.

»Sind meine Verse schlecht?« fragte Karssawina Jurii.

Jurii fand eigentlich, daß sie nicht sehr originell und hundert anderen

ähnlich seien. Aber Karssawina war so schön und sah ihn mit ihren

schwarzen, schüchternen Augen so reizend an, daß er ein ernstes Gesicht

machte und ihr antwortete:

»Mir schienen sie klangvoll und schön.«

Karssawina lächelte ihm zu, selbst verwundert, daß ihr sein Lob so

angenehm war.

»Du kennst meine Sina noch nicht,« rief Ljalja voll Entzücken ihrem

Bruder zu. »Sie ist selbst so klangvoll und schön.«

»Schaut mal an!« meinte Iwanow erstaunt.

»Ihre Stimme ist klangvoll und schön, sie selbst ist eine Schönheit,

ihre Verse sind klangvoll und schön, und selbst ihr Name ist klangvoll

und schön.« Ljalja umarmte sie und drückte ihren Körper an den

Karssawinas.

»Uebrigens, auch ich habe nichts dagegen einzuwenden,« erklärte Iwanow.

Karssawina errötete und lächelte doch zufrieden vor sich hin.

»Es ist Zeit, nach Hause zu kommen,« sagte Lyda plötzlich schroff; es

berührte sie unangenehm, daß alle Karssawina lobten.

Ssanin: Roman · 第 24 / 97 题