Die draußen Gebliebenen hatten eine ganze Zeit vor der Höhle gestanden
und über Jurii und Karssawina gescherzt; dann zerstreuten sie sich am
Ufer.
Die Männer zündeten sich ihre Zigaretten an, warfen die Streichhölzer
ins Wasser und beobachteten nachlässig, wie der Rauch breite, glatte
Kreise zog. Im Grase schritt Lyda leise singend hin und her und machte,
die Finger um die Taille legend, halb unbewußt einige Pas mit ihren
niedlichen Füßchen. Ljalja pflückte Blumen und warf sie dann Rjäsanzew
zu; er fühlte, wie ihn ihre Augen küßten.
»Trinken wir doch lieber was,« sagte Iwanow zu Ssanin.
»Das ist eine gute Idee,« meinte dieser entzückt. »Gehen wir.«
Sie stiegen zum Boot hinunter, öffneten die Bierflaschen und machten es
sich bequem.
»Ihr gewissenlosen Säufer!« rief Ljalja, und warf ein Bündel Gras, das
sie rasch am Ufer ausgerissen hatte, auf sie hinab.
»Im Gegenteil, das ist vorzüglich!« schrie Iwanow. Und scherzend fuhr er
fort: »Ich kann es durchaus nicht begreifen, warum die Menschen gegen
den Alkohol ankämpfen. Meiner Meinung nach lebt überhaupt nur der
Betrunkene so, wie es sich gehört.«
»Oder wie ein Tier,« ließ sich Nowikow vom Ufer her vernehmen.
»Und doch, -- -- nur der Betrunkene tut, was er will,« rief Ssanin zu
ihm herauf. »Er möchte singen, gut, er singt; will er tanzen, tanzt er;
kurz, er schämt sich seiner Freude und Heiterkeit durchaus nicht.«
»Manchmal prügelt er sich auch, oder prügelt andere,« bemerkte trocken
Rjäsanzew.
»Kommt auch vor! Aber das ist's eben, die Leute verstehen nicht, zu
trinken; sie werden gleich gehässig.«
»Und du schlägst dich im betrunkenen Zustande nicht?«
»Nein,« meinte Ssanin. »Eher im nüchternen. Im Rausch bin ich der beste
Kerl von der Welt, wahrscheinlich, weil ich viele Gemeinheiten
vergesse.«
»Nicht alle Menschen haben einen so liebenswürdigen Charakter,« warf
Rjäsanzew ein. »Die meisten wirklich nicht.«
»Und wenn schon -- was geht mich das an?« Mit seinem frohen Lächeln
führte Ssanin das Glas zum Mund.
»Nein, man darf nicht so sprechen, wie du,« erklärte Nowikow scharf.
»Warum denn nicht? ... Und wenn es doch einmal die Wahrheit ist? ...«
»Eine schöne Wahrheit,« Ljalja schlug vor Schreck die Hände zusammen.
»Die beste und schönste, die ich kenne,« erwiderte Iwanow für Ssanin.
Lyda, die bis dahin laut gesungen hatte, brach das Gespräch verdrießlich
ab. Sie versuchte es auf ein anderes Thema zu lenken.
»Die beiden Herrschaften beeilen sich auch nicht.«
»Wozu hätten sie es nötig? ...« warf Iwanow hin. »Man soll sich
überhaupt niemals beeilen.«
»Und dann die Heldin ohne Furcht, -- -- und natürlich ohne Tadel!«
bemerkte Lyda in sarkastischem Ton.
Tanarow platzte mit lautem Lachen heraus, weil diese letzten Worte grade
seine eigenen Gedanken kreuzten; doch sofort wurde er verlegen. Lyda
blickte auf ihn, umfaßte wieder ihre Taille und wiegte sich elastisch
hin und her.
»Vielleicht sind sie dort sehr vergnügt,« fügte sie hinzu und zuckte die
Achseln.
»Sssst,« unterbrach sie Rjäsanzew. Ein dumpfes Grollen ertönte aus dem
schwarzen Loch.
»Ein Schuß,« rief Nowikow.
»Was bedeutet das? ...« fragte Ljalja mit ängstlicher Stimme und
klammerte sich an den Aermel ihres Bräutigams.
»Aengstige dich nicht! Sollte es auch ein Wolf sein, so sind sie doch um
diese Zeit nicht gefährlich.« Rjäsanzew suchte sie zu beruhigen,
innerlich auf Jurii und seinen kindischen Einfall ärgerlich.
»Und über zwei Menschen werden sie gewiß nicht herfallen,« brummte
Iwanow gleichgültig.
»Eh, um Gotteswillen!« Schawrow, der junge Student war ganz außer sich.
Lyda empfand diese Aufregung als eine unberechtigte Störung.
»Aber sie werden ja schon kommen,« sagte sie und schürzte verächtlich
die Lippen.
Da tauchten mit einem Mal Jurii und Karssawina aus der Finsternis auf.
Er verlöschte die Kerze und lächelte allen liebenswürdig und
unentschieden zu, weil er noch nicht wußte, wie sie sich zu seinem
Einfall verhielten.
Er war von oben bis unten mit gelbem Lehm befleckt und auch die Schulter
Karssawinas, mit der sie die Wand gestreift hatte, war beschmutzt.
»Nun, was war? ...« fragte gleichgültig Semionow, der sich die ganze
Zeit über scheinbar um nichts gekümmert hatte.
»Ziemlich originell und ganz hübsch,« gab Jurii unentschlossen, wie um
sich zu rechtfertigen, zur Antwort. »Nur reichen die Gänge nicht weit
hinein. Aber irgend ein Holzgestell fault da seinem Ende entgegen.«
»Und haben Sie den Schuß gehört?« fragte lebhaft und mit den Augen
blinkend Karssawina.
»Wozu die Heldentaten berichten? ... Meine Herrschaften, das ganze Bier
ist schon ausgetrunken und unsere Seelen sind also in genügendem Maße
erquickt worden. Fahren wir los!« schrie Iwanow.
Als das Boot wieder die Mitte des Flusses erreichte, war der Mond schon
aufgegangen. Die Luft war wunderbar still und durchsichtig. Im Himmel
und im Wasser, über und unter ihnen, prangten, goldenen Feuerhäufchen
gleich, die Sterne, und es schien, daß das Boot zwischen zwei
unendlichen, erleuchteten Lufttiefen dahinglitt.
Der Wald an den Uferseiten und sein Schatten, der nicht bis in das
Wasser fiel, war düster und geheimnisvoll. Eine Nachtigall begann zu
schlagen. Und wenn alle schwiegen, so war es, als ob nicht ein Vogel
sänge, sondern irgendein vernunftbegabtes, in seinem Glücke
nachdenkliches Wesen.
»Wie schön,« sagte Ljalja, die Augen hebend und legte ihren Kopf auf die
runde Schulter Karssawinas, deren Wärme sie durchdrang.
Dann schwieg man wieder lange und lauschte. Das Schlagen der Nachtigall
erfüllte den Wald, hallte trillernd über den tiefsinnigen Strom und zog
über die Wiesen dahin, wo lauschig Gräser und Blumen in den
monddurchleuchteten Nebel starrten.
»Wovon singt sie?« fragte Ljalja wieder. Wie unbeabsichtigt fiel ihr Arm
mit der Handfläche nach unten auf die Kniee Rjäsanzews. Sie fühlte, wie
dieses harte, starke Knie unter ihrer zarten Hand erbebte, und sie wurde
froh und erschrak gleichzeitig über diese Bewegung.
»Von der Liebe natürlich!« erwiderte halb scherzhaft, halb im Ernst
Rjäsanzew; er bedeckte sachte Ljaljas Hand, die vertrauensvoll auf
seinem Knie lag, mit der seinen.
»In einer solchen Nacht möchte man nicht über Gutes, nicht über Böses
nachdenken,« sprach Lyda vor sich hin und gab damit nur ihren eigenen
Gedanken lauten Ausdruck. Sie dachte daran, ob sie gut oder schlecht
handle, das bange und verlockende Spiel mit Sarudin zu genießen. Als sie
auf sein Gesicht blickte, das im Mondenschein noch hübscher und
mannhafter erschien, fühlte sie plötzlich die gleiche bekannte, süße
Schwäche, die bange Willenlosigkeit ihr ganzes Wesen durchfluten und mit
sich fortreißen.
»Sondern über etwas ganz anderes,« setzte Iwanow ihre Gedanken fort.
Ssanin lächelte zu diesen Worten, wendete aber seine Augen nicht von der
Brust und dem weißen, im Mondenschein schimmernden Halse Karssawinas,
die ihm gegenübersaß. Auf den ovalen Ausschnitt ihres Kleides fiel
plötzlich ein dunkler Schatten von einer der vorspringenden Uferstellen
her; sobald jedoch das Boot, immer den glänzenden Silberstreifen hinter
sich, wieder über beleuchtete Wellen glitt, kam es Ssanin vor, als ob
dieser Ausschnitt heller, weiter und freier geworden wäre.
Karssawina warf ihren breiten Strohhut beiseite, und während sie ihre
Brust noch höher hob, begann sie zu singen; ihre Stimme war hübsch und
klar, wenn auch nicht groß.
Es war ein kleinrussisches Volkslied, so weich und traurig, wie all
diese Lieder.
»Aeußerst gefühlvoll,« murmelte Iwanow gähnend.
»Es ist schön,« sagte Ssanin.
Als Karssawina endete, klatschten alle Beifall; es schallte scharf in
den dunklen Wald hinein und den Fluß hinab.
»Singe noch Sinotschka!« bat Ljalja »oder, besser, trage deine eigenen
Gedichte vor.«
»Sind Sie etwa auch Dichterin? ... Welche Menge von Talenten kann doch
der liebe Gott einem einzigen Menschen zukommen lassen, wenn er es gut
mit ihm meint!«
»Ist das denn schlimm? ...« Aus Karssawinas Frage klang ein verlegenes
Scherzen.
»Nein im Gegenteil, es ist sehr gut,« sagte Ssanin mit ehrlicher
Bewunderung.
»Wenn, sagen wir, das betreffende Mädchen nebenbei jung und schön ist,
so kann es nichts schaden,« stimmte ihm Iwanow bei.
»Trage doch vor, Sinotschka,« bat Ljalja ganz zärtlich und voll Liebe.
Karssawina blickte verlegen lächelnd über das Wasser und begann, ohne
sich zu zieren, mit derselben lauten und klaren Stimme.
Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissen
Wie mich mein Herz dir entgegentreibt;
Will meine träumenden Augen verschließen,
Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.
Niemand auf Erden soll es erraten,
Nur Tage der Trauer haben's gekannt,
Nur schweigende Nächte durften es ahnen,
Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.
Und nur die zitternden, blinkenden Netze
Der Zweige, die stillen Märchen gelauscht.
Wissen's und werden's doch nimmer verraten,
Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.
Alle gerieten wieder in Entzücken und klatschten voller Begeisterung
Beifall; nicht, weil sie dieses Gedicht so gut fanden, sondern weil sie
sich alle selbst gut und frei fühlten und nach Liebe, Glück und
Sehnsucht verlangten.
Man schwieg, man sah über das Wasser, lächelte vor sich hin.
Plötzlich rief Iwanow so laut und in so tiefem Baß, daß alle erschreckt
zusammenfuhren:
»Nacht, ... Tag ... und Sinaida Pawlownas Augen! ... Seid großmütig und
teilt mir mit, ob ich nicht dieser Glücksvogel bin.«
»Das kannst du auch von mir zu hören bekommen,« erwiderte Ssanin. »Du
gewiß nicht.«
»Oh, weh mir,« heulte Iwanow.
»Sind meine Verse schlecht?« fragte Karssawina Jurii.
Jurii fand eigentlich, daß sie nicht sehr originell und hundert anderen
ähnlich seien. Aber Karssawina war so schön und sah ihn mit ihren
schwarzen, schüchternen Augen so reizend an, daß er ein ernstes Gesicht
machte und ihr antwortete:
»Mir schienen sie klangvoll und schön.«
Karssawina lächelte ihm zu, selbst verwundert, daß ihr sein Lob so
angenehm war.
»Du kennst meine Sina noch nicht,« rief Ljalja voll Entzücken ihrem
Bruder zu. »Sie ist selbst so klangvoll und schön.«
»Schaut mal an!« meinte Iwanow erstaunt.
»Ihre Stimme ist klangvoll und schön, sie selbst ist eine Schönheit,
ihre Verse sind klangvoll und schön, und selbst ihr Name ist klangvoll
und schön.« Ljalja umarmte sie und drückte ihren Körper an den
Karssawinas.
»Uebrigens, auch ich habe nichts dagegen einzuwenden,« erklärte Iwanow.
Karssawina errötete und lächelte doch zufrieden vor sich hin.
»Es ist Zeit, nach Hause zu kommen,« sagte Lyda plötzlich schroff; es
berührte sie unangenehm, daß alle Karssawina lobten.